Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 9

Chapter 93,189 wordsPublic domain

Kulturpolitik irgend welcher Art wird ja allenthalben genug getrieben, in Deutschland eher zu viel als zu wenig. Potentaten, Finanzbarone, Minister, Parlamente, Parteien und Kongresse, Demagogen beiderlei Geschlechts, Universitätsprofessoren und Volksschullehrer, Literatenkliquen und Zeitungsredaktionen, alle schwingen das Wort „Kultur“ im Munde und greifen sogar in die Tasche dafür, teils in die eigene, teils in fremde, und natürlich immer für „wahre“ Kultur. Aber mit welcher Sorte wahrer Kultur man das +ganze Volk+ zu beglücken gedenkt, davon ist wohlweislich nie die Rede; sie könnte doch gar zu leicht unwahr tönen. Trotzdem ist einzig dies der Rede wert. Nationale Kultur bleibt ja leere Phrase, wenn sie nicht ein humanes Programm bedeutet: bestimmte Veredlungswerte der Menschheit, die das Volk selbstbewußt in sich ausbilden soll. Allgemeine Bildung ist nur ein Ziel für hochbegabte Persönlichkeiten; im Durchschnitt des Volkes läuft sie leider auf allgemeine +Ver+bildung hinaus. Gar eine schöngeistige Bildungspflege ist fürs gesamte Volk ein Unding, war stets nur gewissen bevorrechteten Gesellschaftsklassen wirklich erreichbar, deren leibliche Wirtschaftsbedürfnisse von anderen Klassen besorgt wurden. Alle organische Kulturpolitik muß zunächst natürlich darauf bedacht sein, besonders leistungsfähige Berufsstände zu begünstigen, an die sich die übrigen angliedern können, je nach den hauptsächlichen Volksanlagen und den zeitlichen wie örtlichen Entwickelungsbedingungen. Selbst in den kleinsten Gemeinwesen hat die Kultur nie von Anfang an harmonische Tendenz gehabt, war überall um spezifische Interessengruppen konsolidiert: agrarische oder kommerzielle, militärische oder juridische, religiöse oder philosophische, erotische oder soziologische, je nachdem die Oberschicht mehr sensuell oder mehr intellektuell begabt war, mehr energisch oder mehr spekulativ. Für all das lassen sich reinliche Beispiele bei räumlich beschränkten Kulturen finden, von dem spartanischen Kriegerstaat bis hin zum Friedensreich der Inka, von den indischen Weisheitsfürstentümern bis zu den Minnehöfen der Provence.

Heute aber, in unseren großen Staaten mit ihren vielerlei Machthabergruppen, wo herrscht da wahre Einmütigkeit über solche Meistbegünstigung? Wie kann eine Harmonie der Interessen entstehen, wenn fast jeder Stand nur +die+ Politik verfolgt, sich möglichst „notleidend“ zu stellen! In Deutschland wird man sich höchstens vielleicht auf das Zugeständnis einigen: wir scheinen eine +industrielle+ Kultur ziemlich hohen Ranges zu schaffen. Aber die Folgerung lautet dann meistens: folglich braucht sie nicht mehr begünstigt zu werden. Und gewisse Idealisten zetern sofort: das ist ja „blos materielle“ Kultur, ist also „überhaupt keine“, ist „nichts als“ Zivilisation! Nun, ich bin selber ein Idealist, allerdings keiner mit fixen Ideen, und eine Grenze zwischen jenen beiden Begriffen läßt sich meines Erachtens durchaus nicht fixieren. Eine Industrie von materiellem Höchstwert ist notwendigerweise zugleich ideell, oder zum mindesten intellektuell, nämlich angewandte Naturwissenschaft; da ist also schon ein Punkt aufgedeckt, wo Zivilisation in Kultur übergeht. Die Industrie ist ferner genötigt, sich wegen ihrer technischen Qualitäten ästhetische Werte anzuzüchten; und die teilen sich dann natürlich dem Volk mit, das ihre Produkte herstellen, vertreiben und verbrauchen hilft. Und daß durch ein gründliches Industrie-System auch allerlei sonstige Disziplin, ökonomische, juristische, hygienische, moralische, in der Volksmasse ausgebildet wird, ist ohne weiteres selbstverständlich; Bernard Shaw hat darüber im letzten Akt seiner Komödie „Major Barbara“ sehr räsonnabel phantasiert.

Bleibt somit lediglich auszuprobieren, ob in der Tat unsre Industrie -- in Arbeitgebern wie Arbeitnehmern -- schon so starke Kulturpotenzen umspannt, daß sie die übrigen Machthabergruppen von ihrem Vorzugsrecht überzeugt, z. B. die Herren Agrarier und den nicht minder herrlichen Klerus. Sobald die geistig bedeutendsten Machtgruppen eine dauernde Hebung ihrer Wohlfahrt, sei es direkt oder indirekt, von einer materiellen Tendenz erwarten, schlägt diese bereits ins Ideelle um, in eine sozialpolitische Sympathie aller Stände, die sich bis zu religiöser Ekstase und poetischem Enthusiasmus steigern kann; siehe die Zeit der Kreuzzüge, die aus agrarischen Interessen emporkam. Dergleichen geht meist viel rascher vor sich, als die fixen Idealisten glauben; aber ehe es wieder möglich wird, müssen freilich erst die führenden Geister der einzelnen Berufskreise mehr Fühlung miteinander erlangen, als zur Zeit bei uns vorhanden ist, mehr Achtsamkeit und mehr Verständnis für die gegenseitigen Ergänzungswerte. Inzwischen hat jedermann im Volk, erst recht aber jeder leitende Mann, das Eine zu tun, das immer nottut: seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Bildung predigen kann der nichtsnutzigste Nörgler; gute Lehren sind gut, gute Vorbilder besser. +Im eignen Beruf etwas Tüchtiges leisten und fremde Tüchtigkeit anerkennen+, das ist schließlich die beste Kulturpolitik. Kurz: möglichst wenig davon reden im Allgemeinen, möglichst viel im Besonderen dazu tun! In diesem Sinne könnte die Großmacht „Presse“ aufs besonderste vorbildlich wirken; notabene wenn sie endlich wollte.

Statt dessen wird geschwatzt und geschwatzt, und das hält man womöglich noch für ein Zeichen allgemeinen geistigen Fortschritts. Wenn jemand alldas lesen müßte, was bei uns über Bildung und Bildungszwecke, Kultur und Kulturprobleme geschrieben wird: ob er dann nicht reif fürs Irrenhaus würde? Wir sind besessen vom Fortbildungsdrehwurm, deshalb besitzen wir keine ruhige Bildung. Ich habe einmal einen Jungen gekannt, der so viel übers Leimrutenstellen nachdachte, daß er nie dazu kam, einen Vogel zu fangen. Und ich kenne viele erwachsene Leute, nicht etwa blos Privatdozenten, die lange Vorträge über Schönheit und Freiheit halten und weder verstehen eine Blume zu pflücken noch sie in ein Knopfloch zu stecken. Wenn so ein Schöngeist dann plötzlich errötet über seine Ungeschicktheit, dann ist vielleicht noch Hoffnung vorhanden, daß er endlich aufhört, für Bildung zu schwärmen, und wirklich anfängt, sich zu bilden. Darum war es ein Zeichen heilsamer Reue, daß unlängst unter den vielen Rundfragen, mit denen jeder irgendworin Gebildete von unsern Zeitungen und Zeitschriften aus vorzüglicher Hochachtung überschwemmt wird, plötzlich auch die Frage auftauchte, ob wir nicht heute „an einer Überwertung der Bildungsfragen kranken“. Ich weiß freilich nicht, ob der Verfasser dieser Überbildungsfrage über ihren Stil errötet ist; über ihre Motive aber sollten wir allesamt erröten.

Was ist Bildung? Nur die Unbildung fragt so. Der Gebildete redet nicht darüber, er hat allemal Besseres zu tun; gebildet ist, wer vorbildlich wirkt durch irgendeine Tüchtigkeit. Unsre Zeit ist nicht so untüchtig, an „Überwertung“ der Bildungsfragen zu „kranken“; ich glaube sogar, daß jeder wertvolle Mensch über solche Doktorfragen die Achseln zuckt. Aber worunter wir allerdings leiden, und grade die Tüchtigsten am meisten, das ist die Überschätzung der Bildungs+mittel+, der praktischen wie der ideellen; das Werkzeug steht höher im Wert als das Werk! -- Wir bauen großartige Fabriken, die kleinliche Fabrikate erzeugen. Wir erfinden hochfliegende Verkehrsmaschinen, die den Verkehr immer flacher, weil flüchtiger machen. Wir konstruieren geistreiche Schwebebrücken, Bahnhofshallen und Kabelanlagen, die keiner andern Güterbeförderung als nur der leiblichen Wohlfahrt dienen. Wir überspinnen unsre Städte und Dörfer mit baumwuchsverstümmelnden Drahtnetzen, die unser Alltagsgeschwätz so bequem verbreiten, daß es selbst dem Geduldigsten unbequem wird. Wir pflegen ästhetische Techniken und intellektuelle Methoden, deren absonderliche Feinsinnigkeit die Wirkung der Künste wie Wissenschaften auf unsre ganze Gesinnung vereitelt. Wir organisieren einen Religionsunterricht, der so überaus vernünftig ist, daß die ehrwürdigen Worte des Glaubens zum Gespött der Kinder werden. Wir entwickeln tiefdurchdachte Erziehungssysteme, die prinzipiell auf Zöglinge von oberflächlichster Durchschnittlichkeit des Denkens und Fühlens angelegt sind. Wir betreiben eine Politik, die vor lauter Interessendiplomatie das solidarste Intresse der Nation, das soziale Vertrauen, in den Wind schlägt. Wir gründen sehr sittliche Einrichtungen zum Schutz der menschlichen Arbeitskräfte, und das Vollkommenste, was mit all dem Aufwand für Volk und Menschheit geschaffen wird, sind Instrumente der Zerstörung: Kanonen, Kriegsschiffe und dergleichen.

Wie dieser Wahnwitz kuriert werden kann? Weder durch Lehranstalten noch durch Kasernen noch durch die sogenannte Schule des Lebens, durch kein Hilfsmittel von außen her. Autosuggestionstherapie nennt es heute die innere Medizin; auf gut Deutsch heißt es immer noch Selbstzucht, soll den Geist vom Narrsinn der Selbstsucht befreien und kann von den werten Lehrmeistern, Eltern und andern Vorgesetzten nur durchs eigne Beispiel erläutert werden. Das Wort „Bildungszweck“ ist dabei überflüssig, denn hier deckt sich das Mittel mit dem Zweck. Aber freilich: man lernt dies Mittel erst anwenden, wenn der Geist schon -- von selbst zu genesen beginnt.

Kunst und Persönlichkeit

Perspektiven ins Unpersönliche

Wir leben seit der Betriebsamkeit der Lokomotive und des elektrischen Drahtes in einer Wiedergeburt der Künste, die der humanen Tendenz nach tiefer zu wirken und weiter um sich zu greifen bemüht ist, als irgend eine der früheren Renaissancen; nicht blos bemüht, auch berufen. Die moderne Kultur ist international geworden, und als gebildete Menschheit sieht man nicht mehr eine kleine Klasse von Bevorrechteten an, wie einst in Indien und Attika oder in den Adelsländchen und Patrizierrepubliken der Reformationszeit, sondern insgesamt all die Nationen, in denen die Leibeigenschaft für unrecht gilt. Aus einem so viel weitern Intressenkreis nimmt der Künstler unsrer Zeit seinen Rohstoff und hat für die Verarbeitung den soviel weiteren Kreis von Intressenten. Tiefer als jemals fühlt sich das moderne Individuum im Gegensatz zur breiten Masse, die immer mächtiger wird, die freier als jemals konkurrierende Individuen aus sich emporwerfen kann. Um soviel tiefer, mächtiger und freier muß jede Persönlichkeit, die sich zur Geltung bringen will, auch ihre wesentlichen Eigentümlichkeiten zum Ausdruck bringen. Sie muß, sie kann nicht anders; das ist das Schöpferische, das Gesunde, Urnatürliche, auch wenn es sich an einer Szene aus dem Krankenhaus oder an den verdrehten Gesten einer Salonpuppe ausläßt.

Und denselben Eigenwillen bekundet, oft bis zum verrannten Eigensinn, einstweilen auch noch unser Kunsturteil, d. h. die Einsicht in die Ursachen der jeweils empfundenen Wirkung. Denn zu diesen Ursachen gehört zunächst der persönliche Geschmack des Genießenden, der sich aus allerlei Temperamentsqualitäten zusammensetzt, die mit dem Gefühl für den bleibenden Kunstwert nichts oder wenig zu tun haben. Insofern freilich wird +kein+ Kunsturteil seinen laienhaft subjektiven Charakter verleugnen können; selbst der Künstler dem Kunstgenossen gegenüber wird immer darin befangen bleiben. Aber aus dieser natürlichen Befangenheit grade entspringt das Gefühl der Unbefangenheit. Wer sich ganz dagegen sperren wollte, würde überhaupt nicht zum Genuß gelangen; und das hieße dem Künstler, solange er lebt, der Dienste schlechtesten erweisen. Eben das instinktive Geschmacksurteil, sobald es nur offen als solches bekannt wird, ist dem Künstler mindestens ebenso wertvoll wie das sogenannte rein kritische, das in Wahrheit niemals rein sein +kann+. Denn es wird ihn am klarsten über die Wirkung seiner persönlichsten Ausdrucksmittel auf fremde Naturen unterrichten, sei es durch Zustimmung, sei es durch Widerspruch; wird also seine Eigenart schärfen und seine Schaffenslust kräftigen. Reine Objektivität des Urteils ist ja nichts als Bewußtsein der letzten Grenzen zwischen den Eindrücken von Außen her und ihrer Verarbeitung von Uns aus, also ein idealer Begriff wie Schönheit, Wahrheit, Vollkommenheit, ebenso relativ und variabel. Denn wirklich erkennen und begründen lassen sich diese Grenzen erst, wenn und nachdem wir den fraglichen Eindruck subjektiv empfunden haben.

Es gibt nun freilich merkwürdige Leute, die zu keiner Zeit zufrieden sind, und heutzutage besonders viele, denn seit Lasalle ist Unzufriedenheit bekanntlich eine Tugend. Seit Nietzsche aber darf man zum Glück gegen die bekannten Tugenden mißtrauisch sein; und wenn sich der weise Zarathustra nicht gar so tief in seine Höhle verkrochen hätte, würde ihn wohl allmählich nicht blos das „erbärmliche Behagen“, sondern mehr noch das viel erbärmlichere Unbehagen gewisser Idealisten geekelt haben. In der Tat: merkwürdige Leute das! Da gibt es welche, die jammern über Gott und die Welt; und wenn nun Einer sich untersteht, ihren Jammer schön in Verse zu bringen, dann fallen sie eilends über ihn her und schimpfen ihn einen Entarteten. Da gibt es Andre, die haben fortwährend eine laute Sehnsucht nach der inneren Ruhe; wenn aber einmal Einer auftritt, der sich diese Ruhe errungen hat, dann finden sie ihn fad und müd und werfen ihm noch Steine in seinen stillen Hafen. Wieder Andre regen sich drüber auf, daß die Eigentümlichen gar so unverständlich seien; gibt dann ein solcher Sonderling auch mal was Gemeinverständliches von sich, schelten sie ihn einen geistigen Schwindler. Und nochmals Andre lassen sich den Unverstand der Menge verdrießen, weil sie neugierig mit den Wenigen laufen, die den Vielen nicht gleich offne Briefe sind; läuft aber Einem dieser Wenigen dann auch sein Volk bei Zeiten zu, so ist er natürlich ein Überläufer. Und so weiter: was so alles zum Vorschein kommt, wenn sich die Leute, die das liebe „man“ ausmachen, mit einem Manne abzufinden haben.

Indessen diese merkwürdigen Leute haben trotzalledem nie ganz Unrecht: mit der bloßen Selbstherrlichkeit kann kein Mensch etwas Großes fordern, nicht einmal ein Staat oder Volk. Jede Wiedergeburt der Künste beginnt mit krampfhaften Wachstumsregungen, deren Eigenleben die neue wie alte Kultur von Natur aus gefährden würde, wenn nicht irgend ein gemeinschaftliches Lebensbedürfnis sie zugleich doch bändigte. Auch die Renaissance vor 500 Jahren hat ihre Kulturmacht und Stilvollendung nur durch den weitverzweigten Zusammenhang der lokalen Schulen und Meister erlangt, der erst zerfiel, als sie reif genug war für den universelleren Barockstil und für so umfassende Einzelgeister wie Michelangelo, Shakespear, Bach; und Hellas ist gleichfalls erst durch den Verkehr mit Asien und Ägypten gewachsen. Dies Bedürfnis schöpferischer Kräfte, einander möglichst zu durchdringen, ist auch jetzt wieder mächtig in der Kunst, eben weil wieder selbstbewußt genug geschaffen wird, daß die Eigenart des Einzelnen nichts mehr daraus zu befürchten braucht. Kunst wie Dichtung dürfen wieder dran denken, sich dem Volk in ihrem allgemein menschlichen Lebenswert bemerkbar zu machen, nicht nur den eigenwillig persönlichen und nationalen Geschmackswerten nach. Denn es gibt eine Art der Kunstwirkung, die über jegliche Grenze selbstsüchtigen Schaffens und also auch Genießens hinausgeht, die überhaupt erst die höchste Kunstwirkung ist, und deren Mächtigkeit bei dem einzelnen Kunstwerk den Grad der bleibenden Schätzung bestimmt: das ist das befreiende Gefühl der Selbstvergessenheit, dasselbe Gefühl, das auch den Künstler im schöpferisch entrückten Augenblick packt, also die Wirkung grade der +Un+persönlichkeit.

Dies scheint nun fast im Widerspruch zu aller so erbittert verteidigten Eigentümlichkeit des Künstlers zu stehen und jede Schätzung persönlichen Willens in Form wie Stoffwahl auszuschließen. Aber wie allenthalben im Leben bedingen auch hier die Gegensätze gegenseitig ihr Dasein. Ein Kunstwerk, das sich nicht vor andern durch irgendwelche Besonderheit auszeichnet, kann uns auch selbstverständlich nicht zu besonderer Beachtung reizen. Aber was uns diesem Anreiz erst nachzugeben drängt und zwingt, das eben ist jenes Unpersönlichkeitsbedürfnis, das uns hinter der fremden Besonderheit etwas uns Allen Teilhaftiges vermuten läßt, jenes unwillkürliche Allgemeingefühl, das uns mit jeder Kreatur, mit jedem Tier und Baum und Stein verbindet, das uns an jedem irdischen wie überirdischen Gegenstand nach immer neuen Eigenschaften, d. h. Beziehungen zu uns selbst, suchen läßt, das eigentlich Schöpferische, Unerschöpfliche, ob wir’s nun Leben oder Natur, Gott oder Weltgeist, Allseele oder Seele der Menschheit, Ur-Ich oder sonstwie nennen mögen --: wir wenden uns enttäuscht ab von dem Kunstwerk, sobald wir jene Vermutung des Allgemeinen hinter dem Besonderen nicht darin bestätigt finden. Und auch im Künstler selbst ist es so: erst dieses Allgemeine, Unfaßbare, Grenzenlose, wie es sich im Prisma seines persönlich beschränkten Bewußtseins bricht, sei es durch sinnliche oder durch geistige oder durch Gemüts-Wahrnehmung -- gleichsam die drei Flächen dieses Prismas --: erst Das erzeugt den persönlichen Stil mit all seinen Zu- und Unzulänglichkeiten, und einzig deswegen fühlt sich der Künstler niemals vollkommen selbstbefriedigt durch irgend eins seiner fertigen Werke.

Demgemäß ist es auch ganz verkehrt, wenn eine supermoderne Ästhetik sich dagegen auflehnen will, nach allgemeinen Maßstäben für künstlerischen Wert und Unwert zu suchen. Die kritische Methode, wie Lessing und Schiller sie für Deutschland begründet haben, nämlich die klar begrenzte Feststellung gewisser höchster Wertbegriffe auf Grund stets wiederkehrender Gefühlserfahrungen bei allen stärksten Kunstgenüssen, ist etwas, dessen sich die Menschheit niemals wird entschlagen können. Wenn eine neuere Ästhetik dies zu ersetzen, nicht etwa blos zu ergänzen hofft, dadurch daß sie das Kunstwerk rein beschreibend als eigen reizvolle Erscheinung, womöglich gar als pathologische, bis ins Feinste zergliedern will, so ist sie schlechterdings in einer fortwährenden Selbsttäuschung befangen. Denn damit legt sie nicht das Geringste über die Kunstwirkung als solche dar, setzt vielmehr jene normative Methode im stillen immerfort voraus, indem sie eben nachprüferisch nur solche Werke untersucht, die nach Maßgabe irgendwelcher Allgemeingefühle schon als irgendwie wertvoll anerkannt sind. Daß solche allgemeinen Maßstäbe immer auf allerlei Querstriche von anderem Standpunkt aus stoßen werden, liegt nicht an einem Fehler der Methode, sondern ist im Wesen der Kunstwirkung einerseits, des menschlichen Verstandes anderseits begründet; denn jenes letzte unpersönliche Grundgefühl, auf dem der Kunstgenuß beruht, reicht eben immer weit hinaus über die Grenzen klarer Wahrnehmung, und von dieser ist ja unser Verstand obendrein nur ein Bestandteil. Daher ist der Künstler auch stets der Meinung, daß sein Werk am wirksamsten durch sich selbst spricht. Nicht blos am unwiderleglichsten, sondern sogar am gründlichsten; denn schließlich sind ja in dem Gefühl, das durch die Einwirkung des Kunstwerks -- ob für oder wider -- in uns erregt wird, alle Gedanken schon mit enthalten, die man sich +über+ die Wirkung machen kann. So ist es nun einmal von Natur: das Gefühl erstreckt sich ins Grenzenlose, der Verstand ist stets auf Standpunkte beschränkt.

Um jenes entrückenden Grundgefühls so gründlich wie möglich teilhaftig zu werden, muß man sich also immer wieder an die Kunstform selbst halten, nicht etwa an die Erinnerung blos; und wer es unter dem Bann seiner Eigenart hinter der fremden Art des Künstlers nicht von selbst zu erlangen vermag, dem wird es kein Verstand der Kunstverständigen jemals zu Gemüte führen. Denn alle Kunstwirkung läuft schließlich auf das Wunder der +Liebe+ hinaus, das sich begrifflich nur umschreiben läßt als Ausgleichung des Widerspruches zwischen Ichgefühl und Allgefühl, Selbstbewußtsein und Selbstvergessenheit. Ja, man kann gradezu sagen: je mächtiger ein Kunstwerk in uns dieses allumfassende Gefühl erregt, umso ausdrücklicher darf und muß sich -- schon um des technischen Gleichgewichts willen -- auch die persönliche Art des Künstlers zeigen, während sich ohne jenes Unpersönliche die menschliche Selbstentblößung der Schaffenden, diese völlig grundlose Offenherzigkeit in seelischen oder leiblichen Dingen, die jedem ursprünglichen Kunstwerk eignet, nur als die mehr oder weniger unverschämte Aufdringlichkeit von Marktschreiern auswiese.

Es hat schon manchen Sittenprediger, auch manchen Schöngeist kopfscheu gemacht, daß oft grade Kunstwerke, die am stärksten auf Umfassung der Lebensgewalten, auf Beherrschung der Naturkräfte ausgehn, obenhin fast den Eindruck machen, als handle sichs um Verherrlichung brutaler persönlicher Instinkte. Das wäre freilich das Gegenteil von einer Kunst der Naturbeherrschung. Aber man wird nicht leugnen können: wo geherrscht werden soll, muß etwas da sein, das der Beherrschung wert und bedürftig ist. Der lenkende Geist ohne starke Triebe, wäre ein Reiter ohne Pferd; wie hinwider selbst das edelste Vollblut nichtsnutzig wird und niederträchtig, wenn nicht ein ebenbürtiger Herr es mit Geschick zu bändigen weiß. Als oberste Aufgabe der Menschheit wird auch dem Künstler ewig vorschweben: die Erringung jenes geistigen Allgemeingefühls, das den vom Schicksal getriebenen Einzelmenschen über sein Schicksal erhaben macht, über inneres wie äußeres Schicksal. Jede Überschätzung der Persönlichkeit ist also gleichbedeutend mit Unterschätzung ihrer höchsten Schaffenskraft, wie auch des Kunstschaffens überhaupt.

Und demzufolge: je stärker sich in einer Zeit dies Unpersönlichkeitsbedürfnis regt, ob nun als soziale oder erotische oder sonstwie altruistische Hingebung, umso mehr wächst auch die Lust der Schaffenden, sich über die technischen Spezialitäten, die wiegesagt immer blos der Ausdruck des beschränkten Selbstbewußtseins sind, hinauszuheben zu überschauenden Zeit- und Welt- und Lebens-Sinnbildern, nicht mehr nur der sinnlichen Anschauung zu dienen durch eigentümlich stimmungsvolle „Naturausschnitte“ und „Seelenzustände“, die selbst den Eingeweihten anmuten wie Tempelwände voll Hieroglyphen, sondern wieder einmal Pyramiden zu bauen, von denen aus Jeder, der notabene die Mühe des Ersteigens nicht scheut, beseligt in den freien Himmel und über weites Land schauen kann. Ich will mit dieser bildlichen Floskel nicht etwa einer bodenlosen Himmelstürmerei das Wort reden, die sich auf Erden nicht zurecht zu finden weiß. Im Gegenteil: es ist ein Zeichen der Unreife, wenn man noch glaubt, den Himmel erst erobern zu müssen. Wir sind ja jeden Augenblick -- ich meine das ganz wirklich und wahr -- mitten in allen Himmeln drin; die Erde ist im Unendlichen genau so hoch oder tief zuhause, wie etwa die Sonne oder ein anderer Stern.