Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 7
Ich lag wirklich wie ein Gekreuzigter da, mit ausgebreiteten Armen im Dunkeln, die Handflächen über den Bettrand gestreckt, rechts und links in die schwarze Luft. Ich schob meine halb erstarrten Glieder langsam in eine andere Lage und machte die Augen wieder zu; die ruhige Finsternis tat mir wohl nach der tollen Seelenfeuersbrunst. Ich nahm mir vor: wenn ich wieder so träumte, sofort an meinen Körper zu denken.
Befreie dich, Seele, von Zeiten, von Räumen, erwache ins Weite, von wannen dein Träumen; von wannen, von wannen? -- Von Räumen, von Zeiten, die ewig bleiben, erwache, Seele, du kannst sie vertreiben, von dannen, von dannen, ins Weite all dein Träumen bannen! --
Vierter Traum
Aber ich muß doch zu ihrer Beerdigung gehen. Oder wenigstens ihre Gräber besuchen. Denn beerdigt sind sie wohl nun schon lange; ich war ja bei ihrer Feuerbestattung. Könnte ich nur die richtige Grabkammer finden! ich muß mich hier unten verlaufen haben. Wo mag das Urnengewölbe denn sein! hier sind ja nur lauter Schädelkammern. Und die Gänge dazwischen so schlecht beleuchtet, daß man jeden Sinn für Richtung verliert. Wenn ich zurück auf den oberen Friedhof komme, werde ich den Verwaltungsrat anregen, bessere Wegweiser einzurichten. Aber wie komme ich endlich hinauf! Ich erinnere mich, gelesen zu haben, es sollen schon Leute umgekommen sein in diesen verwirrenden Katakomben.
Woher nur das Licht in den Schädelkammern kommt? Es ist nicht elektrisch angelegt; es wird wohl eine Art Oberlicht sein. Darum flimmern wohl auch die Gänge dazwischen so unterirdisch dumpf und trüb. Ich werde jetzt nicht mehr nach rechts noch links blicken, sondern immer den Gang gradaus verfolgen, nach der sonderbar hellen Öffnung da vorn. Sie steht wie ein weißes Rechteck im Düstern; da muß eine Tür ins Freie sein. Sie scheint auch allmählich noch heller zu werden; beinahe blendet sie mich schon. Das Weiße kann aber kein Luftweiß sein; es steht wie aus Stein so unbewegt. Es grenzt sich so grell ab, ich muß meine Augen schließen. Ich gehe aber doch grad drauflos; ich spüre, wie ich hindurchschreite. Es atmet sich auf einmal viel leichter; es muß also doch eine Luftöffnung sein. Ich schlage die Augen auf und sehe: hoch über mir blaut der freie Himmel.
Ich seh es und seh es: hoch über mir -- und über vier hohen weißblanken Mauern, die senkrecht um mich emporsteigen. Soll ich denn wirklich nie wieder herausfinden aus diesem sinnlosen Labyrinth? Ich will aber nicht die Fassung verlieren. Ich weiß ja seit lange aus Erfahrung: ich muß nur an meinen Körper denken, dann kommt auch die Seele wieder zu Sinnen. Ich werde mir also den Raum erst betrachten, ob er nicht doch eine Auffahrt hat. Er hat vier glatte kristallblanke Wände, aus lauter quadratischen Feldern gebildet. In der Mitte jedes Feldes ein Goldstern, entzückend in den Kristall eingeschliffen; aber nirgends ein Halt, um hinaufzukommen. Es ist ein weiter leerer Saal; es scheint nichts als eine Art Luftschacht zu sein. Aber sieh, er hat ja noch eine Tür: grad gegenüber der andern Tür, durch die ich hereingekommen bin. Und da ist ja ein Handgriff an der Kante, in den eine Schnur aus den Gängen her mündet; das soll gewiß eine Richtschnur sein. Ich fasse die Schnur, um weiterzugehen, mit einem letzten Blick zurück.
Aber was +ist+ das? bin ich denn wirklich von Sinnen? Auch an der andern Tür drüben ist solch ein Handgriff, in den eine solche Richtschnur mündet. Die muß ich vorhin in den halbdunkeln Gängen beim Suchen übersehen haben. Aber die Türen sind völlig gleichgeformt, und ich habe mich in dem leeren Saal fortwährend um mich selbst gedreht; durch welche Tür bin ich nun gekommen? -- Ich betaste die Schnur und betaste mich selbst; es ist alles vollkommen körperlich. Ich kann also ruhig weitergehn; wenn ich vorsichtig suche, wird sich schon zeigen, ob es die richtige Richtung ist. Ich taste mich immer die Schnur entlang, von Zeit zu Zeit einen Handgriff streifend; ich komme wieder an lauter Schädelkammern. Hier sieht das Licht aber bleicher aus; und der Gang scheint allmählich tiefer zu sinken. Dies Licht kann nicht von oben her kommen; es scheint aus dem Erdinnern aufgefangen. Die Schädel gleißen alle so weißblank wie die Kristallquadrate des leeren Saales vorhin, und doch ist ringsherum tiefer Schatten. Und in all diesen Schädeln haben einst Welten gespukt -- mit Goldsternen drin und blauen Himmeln -- und vielleicht auch mit einem ewigen Gott; ich fühle eine irrsinnige Lust, in diesen Schädeln nach Gott zu suchen. Ich lasse aber die Schnur nicht los; ich will nicht wieder die Richtung verlieren.
Jetzt kommen auch Kammern mit Tierschädeln; sie schimmern ebenso erdinnerlich. Was regt sich da auf einmal im Schatten? Ist es denn möglich, mein alter Getreuer?! Komm her, mein Teckel, was suchst du denn! Was blickst du mich so innerlich an? Jawohl, ich habe dich umgebracht; aber was hast du auch immer geknurrt, wenn die tote Dame mich küssen wollte! Da hab ich dich doch vergiften müssen! -- Er blickt mich nur immer seelenvoll an, mit demselben Blick noch, den er mir zuwarf, als er im Todeskampf vor mir lag; ganz ohne Vorwurf, ganz treu ergeben. Aber was will er denn noch, er lebt doch noch! Er will mich wohl in die Kammern locken? Ich nehme die Richtschnur fester zur Hand und erinnere mich an meinen Körper; ich werde einfach weiterschreiten, der Hund ist gewiß nichts als ein Spuk.
Nein, er folgt mir; ich höre ihn hinter mir. Ich bleibe stehen; da steht er auch still. Ich drehe mich um; da legt er sich. Ich locke ihn nochmals; er rührt sich nicht. Er blickt mich nur immer inständig an mit seinen unendlich treuen Augen; und, kaum beginne ich wieder zu schreiten, folgt er mir wieder Schritt für Schritt. Ich höre seine leisen Zehen; ich spüre, wie sein Blick an mir hängt. Ganz ohne Rachsucht, ganz voller Liebe; als ob der liebe Gott mir folgt. Wie dieser Gottblick mich hinterrücks martert! Wenn er noch lange so anhänglich bleibt, bringe ich ihn zum zweiten Mal um! Aber ich darf doch die Richtschnur nicht loslassen; ich komme sonst schließlich selbst noch um, in diesem wahnwitzigen Labyrinth. Halt: schimmert da vorn nicht wieder ein Lichtloch? das ist wohl endlich die Urnenhalle. Jawohl, das Viereck wird immer heller; und die Schnur scheint grad draufhin zu leiten. Wenn ich nur rascher vorwärts käme; wie Grabeslast ist der Blick hinter mir! Ich zwinge meine Füße zu rennen. Ich keuche der leuchtenden Halle entgegen. Ich achte nicht den Schmerz meiner Augen. Ich taumle fast in dem blendenden Viereck; hindurch! und pralle entsetzt zurück: ich stehe abermals in dem Kristallsaal, den offenen Himmel über mir --: ich bin im Kreise herumgeirrt.
Und was stöhnt da, was rührt sich neben mir? Durch die Tür kommt der Teckel mir nachgeschlichen! Ich sehe jetzt deutlich, es ist nur ein Schatten; ein Schatten mit gottergebenen Augen. Ich stürze in rasendem Haß auf ihn los; ich werde den Spuk nun endlich zerreißen! Mit beiden Händen packe ich ihn, am Genick, am Kreuz, und zerre und zerre. Er windet sich unter meinem Griff; wie Kautschuk spannt er sich hin und her. Ich spüre verzweifelt, wie er mich lähmt: wie er nachgiebig meine Arme entmannt. Ich fühle bis innerst in Leib und Seele: wenn ich dies Gespenst nicht bewältigen kann, bin ich machtlos für Zeit und Ewigkeit. Ich spanne all meine Nervenkraft an; und wenn mir Gehirn und Adern zerbersten! Und ein Ruck, ein leises ersterbendes Winseln: o Wonne, ich habe den Schemen zerrissen! Mit einem letzten hingebenden Blick zerfließt er in die leere Luft.
Ich stehe und zittre am ganzen Körper, vor Glück und Ermattung und neuer Verzweiflung. Ich starre hinauf in den blauen Himmel: ist kein Entrinnen aus diesem kristallenen Grab? -- Ich betaste meine erschöpften Glieder -- warum muß ich nur immer an meinen Körper denken! -- Es ist doch garnicht mehr nötig jetzt; wer hat mir das eigentlich eingeredet? -- Wie schön könnt ich schlafen in diesem lautlosen Schacht. Ich bin so müde, ich höre mein Seelenspiel klingen. Es rauschen wohl Flügel oben im Blauen? Nein, ich glaube nicht; es ist nichts zu sehen. Doch: eine weiße Feder schwebt nieder. Wie eine Schneeflocke kommt sie gewirbelt. Noch eine, noch eine, Flaum auf Flaum; grad in die Mitte des Saals herab. Immer mehr, immer mehr, weiße Flaumfederflocken; der ganze Boden liegt schon bedeckt. Ich muß zurück an die Wandfläche treten; es ist schon ein Hügel, es wird ein Berg. O Seligkeit, das ist ja die Rettung: der Berg wächst immer höher hinauf! Schon steht er fast so hoch wie der Schachtrand, und immer dichter häuft sich das Flockengewimmel. Ich springe mit beiden Füßen hinein; ich versinke in dem bettweichen Schwall. Aber er ballt sich unter mir; ich stampfe und stampfe, und es glückt. Ich stampfe mich höher und höher hinan; es ist, als federn mich Bälle empor. Ich kann kaum sehen, so stiebt es um mich; und brennender Schweiß verschließt mir die Augen.
Da: ein frischer Lufthauch kühlt mir die Stirn: ich fühle entzückt, ich bin oben, oben! Meine Augen wagen wieder zu blinzeln, durch die feuchten, flaumverschleierten Wimpern. Kein Federchen stiebt mehr, der Himmel blaut; es ist eine überirdische Stille. Ich stehe auf steilem, schwankendem Gipfel; tief unter mir klafft der weiße Abgrund des labyrinthischen Schachtes herauf. O Seele, Seele, wie komm ich hinüber?! Sieh: rings um den Schacht, wie ein Garten Eden, liegt der blühende frühlingsgrüne Friedhof! -- Und die Seele erklingt: Ich seh es, o Geist! Ich seh es durch Tränen, o göttlicher Geist, durch regenbogenfarbene Tränen! Ja, dein Gipfel schwankt, und ein Wind kommt gebraust, und du Schwankender weinst und ich breite die Arme: wenn du jetzt, o Gottgeist, mich Seele erhörst, will ich deiner Kraft trauen ewiglich! --
Horch: braust nicht der Wind beflügelnd, o Seele? und der Gipfel löst sich und schwebt und wird Wolke! Sieh, mit beiden Armen umspanne ich sie und schwebe über den Abgrund dahin. O, wie weich sichs fliegt in dem leichten Flaum: ich fühle nicht Höhen, nicht Tiefen mehr. Ich fühle nur, wie mich die Windwolke schaukelt und mir süß alle Kräfte stachelt und kitzelt. Will sie mir etwa mein Leben wegschaukeln? Dann wisse, Seele: mein Körper lacht! Ich kann sie loslassen, wenn ich will; ich bin ja befiedert über und über! Ich kann mit dir fliegen, wohin ich will; ich brauche ja nur den Flaum wegzublasen! Ich blase und blase; was ist denn das? ich blase mir ja in die eigne Nase! Ich mache wohl selbst den Wind, der so kitzelt? Ich niese, ich lache -- lache -- erwache.
Ich lag noch immer im dunkeln Bett, und ich hielt mein Kopfkissen in den Armen. Ich fühlte, daß eine kleine Feder aus dem zerknüllten Kissen herausstak; sie berührte noch meine Nasenspitze. Ich entfernte die Feder und legte das Kissen glatt; ein Stündchen hoffte ich doch noch zu schlafen. Der Morgen schien zwar bereits zu grauen; aber ich war noch müde genug.
Wenn über unsern tiefsten Verzweiflungen, wo wir vor lauter geöffneten Not-Türen nicht aus noch ein zu finden wissen, stets eines Gottes Blick wachte -- Wenn unter unsern höchsten Entzückungen, wo wir verstummend vor Triumph mit zitterndem Fußtritt jede Gefahr zerstampft zu haben meinen, stets eines Gottes Ohr weilte -- Wenn zwischen unsern erhabensten Gleichgiltigkeiten, wo wir mit Adlerruhe alle Verfolgung Todes wie Lebens in leere Luft verflogen wähnen, stets eines Gottes herzliche Teilnahme schwebte -- ich glaube, er würde vor Lachen sterben ...
Fünfter Traum
Ja, meine Verfolger, ich lache euer! Denn ich kann fliegen, wenn ich will; ich kann aus eigener Willenskraft fliegen! Sie rasen hinter mir her wie gehetzt, eine Meute tobsüchtiger Jäger und Hunde. Aber hier, ich spanne nur meinen Mantel, dann bin ich ihrem Wahnsinn entrückt. Schon schwebe ich über den Eichenwipfeln und lache Halalî auf sie nieder. Ich höre sie brüllen: du Mörder, Mörder! und würden mich alle doch selbst gern morden. Nackt sind sie auf die Jagd ausgezogen, aber dennoch war ich schneller als sie. Wie sie rachekeuchend mir nachstarren, durch die kahlen Eichen die fahlen Gesichter, während ich höher und höher entschwinde! Halalî Hallelûja lache ich nieder und werfe ihnen Handgrüße zu: Ja, ihr seid auferstanden zum jüngsten Gericht, ich aber fliege ins ewige Leben! --
Wie sie kleiner und kleiner schrumpfen, die schreckbefallenen bleichen Leiber: wie Würmer wimmeln sie durcheinander zwischen dem welkbraunen Laubwerk unten, wie ausgegrabene Engerlinge. Ich lasse breit meinen Mantel fallen, um ihre klägliche Blöße zu decken. Schwer schwebt er hinab, denn ich schwebe hinan; mit schwimmenden Armen zerteil ich die Wolken. Was glänzt da her aus dem stahlblauen Äther? ist es ein unbekannter Stern? -- Halalî Hallelûja jauchzt mein erkennendes Herz: es ist eine weltbestrahlende Stirn! Sei mir gegrüßt, pfadkundiger Wildrer, du Jagdherr der Frevler, Shakespear, Erhabener! -- Er schlägt die entschlafenen Augen nicht auf; traumselig lächelt sein Geisthaupt nur und grüßt mich stumm und bestrahlt meine Bahn. Es grüßen noch manche entschlafene Geister mit sternengleich aufstrahlenden Stirnen und beleuchten meine erhabene Bahn. Es grüßen Rembrandt und Lionardo, und Dante und Goethe, Beethoven, Bach. Es grüßt auch mein Vater und meine Mutter; und fern strahlt ein dornenkranztragendes Haupt.
Wo hab ich dies rührende Haupt schon gesehen? dies schmerzverklärend verzeihende Antlitz? in meiner Kindheit war es wohl. Ich möchte vorüber an diesem Antlitz jetzt; aber dahinter ist alles schwarz. Ich möchte dennoch vorüberschweben; aber es zieht mich näher und näher. Es zieht mich mit seinem Dornenkranz an, der noch heller strahlt als die träumende Stirn. Er strahlt wie ein großes verzweigtes Nest; das Gezweig wächst immer größer ins Weite. Ich möchte dies wachsende Lichtnest umkreisen; aber es weitet sich kreisend um mich. Es wirbelt mich hoch wie einen Funken ins schwarze Unermeßliche. Ich blicke hinab, ich will’s überschauen: ich sehe ein unermeßliches Helles. Ich sehe ein grenzenlos schwebendes Lichtreich: ein tiefes, ringshin ruhendes Nest von unzähligen kreisenden Sternenreihen, endlos verzweigt durch den schwarzen Raum. Mich weht ein Grausen an, ich erkenne: ich bin in einer anderen Welt.
Das Grausen weht inniger, es beseligt; ich fühle, es will mich zur Ruhe wehen. Es weht mich hinab auf das träumende Haupt; wer bist du, wer bist du, entschlafener Geist, auf dessen Haupt mich ein Lichtreich wiegt? -- Ich lasse mich willig niederbewegen zu dem leuchtenden Scheitelpunkt in der Mitte; ich sinke mit heller Heimatswonne immer tiefer hinein in das weltweite Nest. Und was wie ein Punkt schien, ist eine Wölbung, eine milchweiß gestirnte unendliche Kuppel, auf deren Scheitelfläche der Nestkranz ruht. Ich staune hinab in den traumstillen Kuppelraum, hinab durch das schimmernde Scheitelgewölbe: das ist wohl Das, du erhabenes Haupt, was wir auf Erden die Milchstraße nannten? Ja, ich sehe sie kreisen in deinem Innern, die Sterne, die Sonnen und jene Erde, wie Blutzellkörperchen deiner Adern, du strahlendes, dornenkranztragendes Haupt! Wie sie zittern, die kleinen Seelchen alle, die sich Welten dünken in ihrem Dunstkreis: ich sehe sie deutlich erbeben im Nebel, vor Deiner weltbegrenzenden Stirn. Und sind meinem Blick doch alle so fern, so grenzenlos fern wie jener Erdball, dem ich durch Wolken entronnen bin in diese verklärte andere Welt. Die Augen fallen mir zu vor Bangen: wer bist du, wer bist du, verklärender Geist? --
Ein silberhell klingendes Lachen weckt mich; hab ich’s geträumt oder leben hier Menschen? Nein, eine Lichtgestalt weilt vor mir; ich schnelle auf, eine Geistin umschwebt mich. Hab ich sie schon auf Erden gekannt? Ihre Augen ermuntern mein Herz so vertraut, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Ihr Blick ist so innig silbergrau, nein lichtschwarz, nein tief von Herzen goldklar, ganz silber-und-gold-herzinnig klar; ist es die Göttin Barmherzigkeit? -- Sie lächelt, sie läßt den Kopf etwas hängen; o süße Schelmin Barmherzigkeit! Sie nickt mir nochmals von Herzen zu; ich lausche, ich höre ihr Seelenspiel klingen.
Die Erde schläft in Nebelschleierschein; doch kann ihr Atem nicht ihr Leid verdecken. Ihr träumt, sie würde wach viel freier sein; es ist wohl Zeit, daß wir sie wecken?!
Ich starre hinab, mir bangt aufs neue. Nein, steht mein Blick, laß die Erdseele ruhn! sie ist voll Rachsucht, sie will nur morden; laß uns den Geist dieses Lichtreiches wecken! -- Die Geistin lächelt; weshalb nur wieder? aber ihr Lächeln ermutigt mich. Laß uns ihn wecken! verlangt mein Blick; Ihn, dessen Haupt diese andre Welt trägt, doch unter dessen träumender Stirn jene Erde uns noch immer bannt! Laß seine Augensterne erst leuchten, das wird uns erheben aus diesem Bann! --
Sie lächelt und nickt, ist nickend verschwunden; ich greife verdutzt in leeren Glanz. Ich schwebe wieder allein in den Weiten; nur ihr silberhelles Gelächter klingt noch. Nein, auch ihr Blick ist zurückgeblieben; wie ein goldenes Sternchen schwebt er vor mir, inmitten des silberweiß kreisenden Nestes. Oder nein, es ist ja ein Doppelsternchen! Ja, ein goldklar flimmerndes Zwillingssternchen! ein kleines wirbelndes Sternseelenpärchen! zwei kleine glitzernde Seelensternzellchen, die in eins zusammenzusprießen streben. Ich greife danach, ich schrecke zurück: das eine spiegelt deutlich mein Bild. Ich seh mich hinauf in den Nestkranz greifen, in das kreisende Spiel des Sternengezweiges; -- und spielt nicht im andern das Bild der Geistin? -- Nein, schon sind beide zusammengesprossen; ich weiß nicht, spielt da +mein+ oder +ihr+ Bild? Es spielt mit den kreisenden Neststernbällen, mit unzähligen, reihenweis wirbelnden, unendlich zellkleinen Zweigsternbällchen; und in jedem Zellstern spielt wieder solch Bildchen. Ich will es fassen; ich greife ins Unfaßbare. Ich merke, es schwebt weit über mir, unermeßlich weit, und sprießt weiter im Schweben, immer weiter in wirbelnden Sternbilderspielen; es scheint nur so klein, weil’s so grenzenlos fern ist. Es wirbelt mich hoch, schon entwirbelt’s dem Nestkranz; und sprießt immer wirbelnder über mir fort, und ein silberhelles Gelächter umstürmt mich.
Ich muß mitlachen, ich blicke hinab; ganz zusammengeschnurrt in schwarzer Tiefe schwebt das weltweite Dornennest unter mir, nur wie ein flaches Korbflechtwerk noch, eine tellerförmige milchweiße Scheibe, auf der sich ein riesenhaft sprudelnder, goldklar von Sternzellen strudelnder, fort und fort wachsender Kreisel dreht. Er schleudert mich mit im sausenden Umschwung, immer höher den schwellenden Rand hinan; ich kann kaum noch das winzige Urzellbild ahnen, das in der Kreiselspitze da unten mit andern solchen Urbildern Ball spielt. Ich ahne nur, wie sich aus jedem Bildstrahl, den es hochsprudelt in den silbrigen Nebel, eine neue Schaar Goldstrahlenbilder entpuppt, aus jedem Weltsternchen eine Sternenwelt, immer riesenhafter emporgegliedert, ein unendlicher Springbrunn von Lichtpuppengliedern, und jedes Glied schon ein ganzes Wesen, ein ganzes Weltpuppengliederspiel, das andere spielende Weltgliederpuppen nach allen Seiten entspringen läßt. Ich möchte eins dieser Wesen betrachten; ich schwebe so nahe an seiner Seite, ich kann seinen Atemkreis brausen fühlen. Ich möchte erkennen, ob’s Mann ist, ob Weib; aber es dehnt seinen riesigen Lichtnebelkörper, den Sterne um Sterne wie Flugsaat durchwirbeln, so stürmisch ins Unermeßliche, daß ich wieder nichts weiter wahrnehmen kann als ein seelenvoll brausendes Gelächter. Und wieder muß ich voll Bangen mitlachen, denn in all meinem Bangen ahne ich jetzt: vielleicht ist dies unabsehbare Glanzspiel, dieser ganze erhabene Sternpuppenkreisel auch wieder nur ein kleines Glied, vielleicht nur die unterste Zehenspitze von einer noch größeren Spielgestalt, die wieder noch größere ausspielen kann -- o laß dich erkennen, erhabenstes Wesen! --
Ich starre hinauf zu dem äußersten Lichtsaum: könnt ich nur Einmal ein einziges Leuchten seiner Augensterne aufschimmern sehn! Ich mühe mich, jäher emporzukreisen, dem Bannkreis des Strudels noch näher zu steuern; mir ist, ich tu’s schon seit Ewigkeiten. Ich blicke zurück auf meine Flugbahn; das Sternennest unten ist garnicht mehr sichtbar, es scheint nur die allerunterste Spitze dieses schwebenden Weltenkreisels zu sein. Mir wird so hinschwindend seelenweit, ich kann kaum mehr meine Bewegungen fühlen. Ich kann in dem wachsenden Lichtseelennebel auch nichts mehr von meinem Körper sehen; ich bin wohl selbst eine Lichtwelt geworden. O könnt ich nur endlich das Augenlicht sehen, dem all diese seligen Weltspielpuppen aus ihren Kreisen entgegenlachen! -- Ich muß auf einmal auch selig lachen: ich sehe urplötzlich im Innern des Kreisels, rings unter mir, überallher aus den Nebeln, ganze Schwärme von Augenlichtern aufschimmern: alle die hohen entschlafenen Geister, die meine Bahn einst beleuchtet haben, sie erwachen aus ihren träumenden Tiefen und folgen mir höher mit lachenden Blicken. Es erwachen und lachen Rembrandt und Shakespear, Cervantes und Swift, Aristophanes, Nietzsche. Es lacht auch mein Vater, auch unsre Mütter, und jenes dornenumspielte Haupt. Ich will es begrüßen, mein Gruß erstarrt: aus seinem Blick lacht die Göttin Barmherzigkeit. Ich starre hinab von Blick zu Blick: in allen den schwärmenden Augensternen, selbst in Euern Gestirnen, Nietzsche, Rabelais, Shakespear, ihr wildesten Schwärmer, ihr Freunde der Frevler, spielt das Bild der Göttin Barmherzigkeit. Mir schwindelt; ich muß wieder aufwärts blicken! O erwache auch Du, erhabenstes Wesen, erwache aus deiner Gleichgiltigkeit! Erhebe mich endlich zu +Deinem+ Blick! Entreiß mich all diesen wachsamen Augen: sie mahnen noch immer an jene Erde, die doch seit Ewigkeiten dahin ist! Entpuppe dich endlich: wer bist du, Du --
Ich horche erschrocken: was lacht da „Du!“? Und ein Echo lacht stürmisch abermals „Du!“ Will das erhabenste Wesen mich höhnen? O, nur höher! mir bangt nicht mehr! nur zu! -- Ich steure noch jäher hinein in den Kreisel, ich lache stürmisch mit „Du, du, du!“ Ich lasse mich ganz in den Lachstrudel reißen: vielleicht kann selbst das erhabenste Wesen mich nur in seinem Innern erhören, da in der innersten Achse da! -- Ja, ich höre, nun lacht es „Da, da, da“ --: und siehe, das ganze Weltpuppenspiel beginnt zu nicken, wild, fern und nah. Und immer wilder, mir stockt das Herz: will es mich aus dem Gleichgewicht nicken? Nein, in ganz gleichwilden Weltkreisen nickt es, kreisunter kreisüber mir -- da, da, da -- mit sternklar barmherzigen Geisteraugen -- und lacht ganz gleichgiltig „Ha-ha-hah.“ Es will mich gewiß nur in Sicherheit lachen; ja, die Achse des Kreisels ist schon ganz nah. Ob sich’s da endlich entpuppen wird? Ja! All die Geister da lachen „Ja“ und nicken. Aber was +ist+ das? Ah --: die Achse! -- Sie dreht uns immer noch höher! aber mir stockt das Herz immer jäher: verliert sie nicht doch jetzt das Gleichgewicht? -- Nein, sie verdreht wohl ihr Seelenlicht? Hahahah, sie verdreht uns die Übersicht! Sie beginnt zu wackeln! o all ihr Geister: das erhabenste Wesen scheint kopfstehn zu wollen! --