Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 6

Chapter 63,813 wordsPublic domain

und atme plötzlich erleichtert auf: ich erkenne, es ist ja gar keine Hand: es ist nur eine Falte des Mantels, die über das Buch geschoben liegt. Ich möchte sie wegtun, ich darf aber nicht; sonst kommt der Küster und schlägt mir das Buch um die Ohren. Sie dröhnen mir schon; er schlägt immer dröhnender. Er schlägt mich wohl mit Glockenschlägen? Sie schallen mir donnernd ins Gehirn. Nein, Blitze schlagen wohl um mich ein; o Himmel, Hilfe, sie werden mich treffen! Ich will mich verstecken; o Mutter, wo bist du?! Ein blendender Strahl schließt mir die Augen; ich bin getroffen; der Strahl zerreißt mich. Ein unabsehbarer Farbenstrudel spritzt himmelansprühend aus meinem Kopf. Ich schreie vor Wonne: mein herrlich Gehirn! Und eine Stimme erwidert von oben: es ist bis über die Sterne gespritzt. Ich will ihm nach: o himmlisches Licht! Es scheint mir ins Auge; ich erwache.

Auf meinem Nachttisch brannte die Kerze noch, bei der ich, um meine Gedanken zu stillen, in Shakespears Sonetten geblättert hatte; und an der Wand zwischen Tür und Schrank blitzte der Rand des Spiegelglases über dem Bildnis meiner Mutter. Ich schlug das Buch zu und löschte die Kerze.

Ich möchte keiner Flamme bekennen, was für Blicke in uns Menschen brennen. Kein Spiegel wird uns je klar machen, welche Augen in unserm Schlaf erwachen. Zwischen dunkeln Wänden ahn’ich mit Beben, wieviel Geister hinter jedem Geist leben. Denen kann ich nichts vorscheinen; denen wird mich das Licht einst einen, wo wir Alle in Schweigen schweben, Alle im Reinen ...

Zweiter Traum

Wir gingen die Wurzeltreppe des Hügels hinab, zehn zwölf Mann; oben lag die Försterei in tiefem Schnee. Die klare Kälte machte alle stumm; der Schnee verschluckte das Geräusch der Schritte. Die Teckel hielten sich, vor Frost humpelnd, sorgsam hinter uns im festgetretenen Wege. In dem rauhen Reif der Birkenreiser fingerte die Morgensonne; die starren Nadelbärte der Kiefernschonung sträubten sich aus ihren weißen Pelzen. Es sollte ein Dachs gegraben werden. Ich weiß nicht, wieso dabei schon wieder: mir kam der liebe Gott in Sinn.

Die Hunde gaben plötzlich Laut; Rädergeklapper kam. Um die Ecke aus einem Schleifweg bog die alte Semmelfrau vom Dorf drüben her, auf ihrem Köterkarren hockend; ein schußscheuer Jagdhund zog ihn, der einem Nachbarförster aus der Art geschlagen war. Unsre Teckel, keifend, auf ihn los. Der Hochbeinige weiß nicht, was er dazu sagen soll; den Schwanz eingeklemmt, setzt er sich in Trab. Die Kleinen blaffen lustiger. Er begreift; und hussa, alle Schwänze hoch, stiebt die wilde Jagd, schneeumspritzt, bellend und belfernd den Weg hinunter, die falsche Richtung für die gute alte Frau, die schimpfend und jammernd auf dem stuckernden Wagen sitzt, mit beiden Armen ihre Semmelkiepe umklammernd. Wir, lachend, hinterdrein mit langen Sätzen; am Bahndamm unten holen wir sie endlich ein. Die Teckel drücken sich beschämt zu ihren Herren; wir lohnen die Alte ab. Und ich denke wieder an den lieben Gott.

Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den Augen weh zu tun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze aus Otterfell. „Der Nachbarförster“, sagt jemand scheu; Einer wird bleich wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein grauer Kinnbart perlt von Eis, die große Hakennase wirft einen Schatten über die Backenfurchen bis zum Ohr; suchend brennen seine stahlblauen Augen. „Komm her!“ ruft er heiser. Der Bleichgewordene gehorcht. Nun stehn sie mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. „Zieh den Handschuh ab!“ hör ich mit Grauen, fühlend, wie sich der Alte beherrscht. „Wo hast du den Ring?“ fragt er drohend. Keine Antwort. Der Alte zittert. Seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff. Ein Ruck: die Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; hohnlachend stößt er sie zurück. Mit unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet. „Vater!“ schreie ich auf, in die Kniee stürzend. Er geht.

Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in weiter Ferne. Sausend peitschen schwere spitze Büschel, Kiefernzacken, gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich. Stecheichenzweige rauschen um mich her; ich sehe, wie die roten Beeren lange Kurven durch mein graues Atemnetz reißen. Aber eine weiche Hand legt mir immer wieder, schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare. Die gepreßten Zähne lösen sich; ich glaube, ich werde ein Anderer. Der liegt zu ihren Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. „Lebst du denn noch?“ fragt er verwundert. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre hellbraunen Flechten. Neben ihr, auf meinem Schreibtisch, steht ein zartes venezianisches Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Ein Stecheichenblatt starrt aus dem Kelch, und eine wachsbleiche Hyazinthe. Die hat sie mir eben gebracht; die üppige Blüte berauscht mich.

„Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. „Ich kann nicht“, fleht er mühsam; und ich höre ihn mit beklommener Stimme die Geschichte des Ringes erzählen. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der Husarenwachtmeister, nach der Schlacht bei Torgau, für seine Tapferkeit und lange Treue, aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen; vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das eingepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldenen Reifen: „und immer der Älteste erbt ihn.“ Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist, als ob ich sie in einem Buche lese. „Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. Er kämpft mit sich. „Hast du Gewissensbisse?“ flüstert sie; „Du --?“

Was! Will sie mich verspotten? Ich presse drohend meine Zähne an die Knöchel ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie, hält mir die Hyazinthe an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; „du hast ihn ja schon“, entgegne ich und blicke auf ihre Finger nieder. „Den andern noch“, schmeichelt sie; „den Ring der +Andren+!“ Ihre grauen Augen werden immer bestrickender.

Ich fühle ein heftiges Zittern; am liebsten möcht ich sie wieder erwürgen. Dann könnte ich wieder der Andren treu sein, die meine Kinder geboren hat. Meine Blicke heften sich herzverwirrt auf den Rubin an meiner Linken; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde. „Gewissen ist der Spuk des toten Gottes“, spricht sie auf einmal meine Gedanken aus, mir ins Ohr. Ich weiß nicht, ob sie es höhnisch meint. Ich wills ihr erklären; sie erhebt sich. „Du bist zu gut,“ haucht sie gespenstisch -- „nur gute Menschen haben ein schlechtes Gewissen; -- ich hatte nie eins“ -- und streift mir den Ring ab. Ich will es ihr wehren; sie entschwebt. Ich will ihr nachstürzen, vergebens; meine Kniee winden sich gebannt am Boden. Ich suche das Wort, das mich frei macht.

Ich stammle Verse, lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer ferner in die Nacht. Ich sehe sie geisterbleich verschwinden; nur der Rubin glüht noch wie Blut im Mondlicht. Nein, wie ein Wundmal; der tote Freund! mit seiner Geige schwebt er herbei. Zu meinen Versen beginnt er zu spielen: ferne flehende Töne: von einer Seele, die ihm untreu ward. Die runde Wunde seiner Stirne tut sich auf; Blutstropfen perlen aus der kleinen Öffnung, bei jedem Bogenstrich, die bleiche Schläfe nieder, in den Schnee. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossenen Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das Wort, das Wort -- in unsrer Kindheit wußten wir’s.

Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken schlägt mich: das sind nicht seine Augen! das ist die „Andre“! -- Meine Blicke erlahmen, mein Mund versagt; meine Finger krümmen sich, ihr Gewand zu betasten -- hilf mir! das Wort! -- Sie weist auf meinen starren Körper: lange Ketten Verse, wie Spruchbänder, umschnüren meine gezerrte Kehle. Ich lese und lese, mir graut:

Schwere Ringe ... wirb ... ich werbe ... leere Schlinge ... deine Meinung -- dunkle Kammer ... uralt Erbe ... Irrtum ... Jammer ... wird Erscheinung --

Wer sprengt die Ketten?! Die Tür springt auf. Lichtschein wie Nadelstiche prallt mir entgegen. Auf der Schwelle steht meine Mutter; mit unsäglichem Kummer blickt sie mich an. Meine Arme mühn sich nach ihr; vergebens. „Sünde an der Mutter deiner Kinder?!“ ringt es sich von ihren Lippen. Mutter! will ich sie anflehn; sie wehrt mir. „Das ist Sünde an Gott!“ flüstert sie weiter. +Gott+! ringt sich’s von +meinen+ Lippen, laut, das Wort... ich bin wach.

Durch die dunkle Stube lag ein schmaler Streifen Mondlicht grell bis auf mein Bett; er zuckte. Ich sah zum Fenster; da war kein Spalt. Ich wandte den Blick ab; der Streifen glitt mit. Ich weiß nicht, was für ein Licht so zuckte.

Wenn dich zwischen Schlaf und Schlaf um Mitternacht dein rasend klopfendes Herz aus deinen Träumen jagt -- furchtsam stockt dein Atem -- und sich durch dein finstres Zimmer weiße Schatten vor dir flüchten: kennst du dieses Grauen? -- Wenn dann aus dem toten Raum mit starren Augen ein geliebtes Gesicht lautlos dir entgegenscheint und leben möchte: kennst du dieses Grauen? -- Mit eignen Händen willst du nach dir greifen und dich erwürgen für eine Schuld ...

Dritter Traum

Ich habe sie doch vielleicht umgebracht. Warum sollte es auch unmöglich sein? Ich habe doch einst sogar ein Kind umgebracht, ein kleines, hübsches, unschuldiges Kind. Und damals glaubte ich doch sogar noch an Gott, an die Hölle und ans Jüngste Gericht. Damals war ich ein schwedischer Kürassier, bei den sakrischen deutschen Protestanten, und wir brandschatzten ein katholisches Pfarrdorf. Ah, ich fühle wieder die himmlische Mordlust, wie sich die Bauernweiber wehrten, die wir ins Spinnhaus eingesperrt hatten. Und da spießte ich einfach der Ungeberdigsten das schreiende Kind aus den Armen weg und schmiß es im Bogen in den Dorfteich. Ich sehe noch deutlich die kleine Hand, die aus dem sumpfigen Wasser herausstak, als wir nachher von den Weibern kamen; ganz mit geronnenem Blut bedeckt, so stak sie zwischen den Binsen heraus, wie eine dicke rote Tulpe. Ich habe aber kein Grauen davor; es weiß ja keiner mehr, daß ich es tat. Ich darf mich nur nicht selber verraten, wenn sie mich doch vielleicht vor Gericht stellen.

Wenn ich mich blos erinnern könnte, welche von Beiden ich umgebracht habe. Doch nicht die Mutter meiner Kinder? Die hat mir ja immer alles verziehen. Aber die Andre hat sich ja selbst umgebracht; deren Hand kann doch nicht gegen mich zeugen. Jedenfalls muß ich zu der Beerdigung gehen; sonst könnten die Leute Verdacht auf mich werfen. Und ich muß ihr einen Strauß auf den Sarg legen, einen großen schweren Tulpenstrauß, damit sie die Hand nicht herausstecken kann. Aber weiße Tulpen müssen es sein; die roten riechen auf einmal so stark, es ist der reine Leichengeruch. Warum sieht mich der Blumenhändler so an? mit richtigen Totengräberaugen! -- Ich will auch weiße Tulpen nicht! die sehen noch leichenhafter aus! -- Er lacht; ich verlasse eilig den Laden.

Auf der Straße ist so bleiches Licht, wie ich noch niemals erlebt habe. Ich kann mich kaum schleppen in diesem Licht, so weltschwer hängt es um meinen Kopf. Es geht auch kein Mensch auf der bleichen Straße, und die Häuser sind wie aus Schatten gebaut. Wenn ich nicht wüßte, wo ich bin, könnte ich an ein Geisterland glauben. Aber es macht mich schwach, dieses Licht; es ist, als ob es mich auspressen möchte. Und ich will und will mich nicht schwach machen lassen; keine Seele der Welt darf in meine Seele. Dann muß ich mich aber bei Kräften halten, mein Körper ist schon wie ausgehöhlt. Ach ja, ich werde wohl Hunger haben; ich habe ja heute noch nichts gegessen.

Ich mache ein harmloses Gesicht und trete in einen Schlachterladen. Die Schlachtersfrau blickt mich fragend an -- ganz still und fragend -- was blickt sie nur! -- „Geben Sie mir dies kleine Stück Fleischwurst!“ sage ich langsam mit ruhiger Stimme, als ob ich gar keinen Hunger hätte. Sie blickt mich wieder wortlos an und legt das Stück Wurst auf ein weißes Papier, reicht es mir über den Ladentisch. Ich will es nehmen und kann mich nicht rühren: ich erkenne auf einmal, es ist keine Wurst: es ist eine kleine Kinderhand, ganz mit geronnenem Blut überzogen. Ich starre der Frau verstört in die Augen: es sind die Augen des Bauernweibes, dem ich vor Zeiten Gewalt antat. Ich fasse mich endlich und tappe hinaus; hinter mir her tönt ein dumpfes Lachen.

Ich tappe mich wie durch Nebel weiter und komme an eine Frühstückshalle. Da sitzen wohl hundert essende Menschen hinter der großen Fensterscheibe; da wird mich wohl keiner beobachten. Ich setze mich ganz in den Schatten hinten und bestelle irgend ein rasches Gericht. Es ist so laut in dem halbdunkeln Raum, daß ich kaum meine eignen Worte verstehe. Das Schenkmädchen bringt mir frischen Hummer und wünscht mir freundlich guten Appetit. Es freut mich auch wirklich, wie gut er riecht; aber was steht sie und wartet noch! Ich darf mir aber nichts anmerken lassen; vielleicht will sie blos ihr Geld bald haben. Ich bezahle; sie bleibt noch immer stehen. Es wird mir schwer, sie nicht anzuschreien; aber ich nicke ihr ruhig zu und greife rasch nach dem Hummerteller. Ich will mir sacht eine Schere abbrechen; aber was ist das, was ist das nur?! Ich fühle mich bis in die Lippen erbleichen: es ist eine kleine rote Hand, und ein Leichengeruch schlägt mir entgegen. Und alle Menschen blicken mich an, wohl hundert menschliche Augenpaare blicken mich unabwendbar an. Und alle sitzen so still wie Geister; kein Laut ist mehr in dem halbdunkeln Raum. Ich taste mich mühsam zur Tür und ins Freie; ein brausendes Lachen schallt mir nach.

Wo kann ich nur etwas zu essen bekommen! Wenn ich noch lange so schweigsam herumgehe, werde ich ohnmächtig vor Hunger. Es ist nicht, weil mein Geheimnis mich würgt; nur, es stachelt mich immer stärker, mir die herrlichsten Speisen auszumalen. Halt, ich werde mal wieder den Maler besuchen, der immer so köstliche Späße macht; der wird mich auf andre Gedanken bringen. Ich sehe, er malt an einem Fruchtstück; eine große goldgelbe Ananas steht auf der malachitgrünen Schüssel, ein paar rote Tomaten liegen daneben. „Darf ich mir eine Tomate nehmen?“ frage ich ihn ganz unbefangen; „Tomaten sind mein Leibgericht.“ Er malt schweigend weiter; was schweigt er nur? -- „Machen Sie doch nicht solche Späße!“ stammle ich plötzlich und sehe entsetzt: er malt eine rote Kinderhand. „Lachen Sie nicht!“ beherrsche ich mich; „Tomaten sind wirklich mein Leibgericht!“ -- Er lacht aber garnicht, er lächelt nur -- er blickt mir nur sonderbar in die Augen und sagt mit teilnahmvoller Stimme: „Sie haben sich wohl in der Tür geirrt, die Tür zum Gerichtssaal ist nebenan.“

Ich bin einen Augenblick wie im Traum; ich fühle nur wieder wie durch Nebel, daß der Maler sanft den Arm um mich legt und meine tappenden Schritte leitet und die Tür des Saales hinter mir schließt. Ich möchte aufwachen aus diesem Traum; ich glaube mich doch genau zu erinnern, daß ich in Wirklichkeit Niemand umgebracht habe, weder die Eine noch die Andre; aber ist das auch wirklich die Wirklichkeit? Ich bin ja schon öfters im Traum erwacht, und dann wars trotzdem nur wieder geträumt. Ich will mich lieber zusammennehmen, daß ich nichts von meinem Geheimnis verrate; mit keinem Wörtchen, mit keiner Miene. Ich sehe mir meine Richter an.

Ob ich vor einem Vehmgericht stehe? Regungslos sitzen sie mir gegenüber, elf schwarzvermummte stille Gestalten, mit Augenlöchern in den Kapuzen. Es funkeln aber nicht Augen darin; es schauen mich aus den schwarzen Masken nur lauter noch schwärzere Löcher an. Ob es vielleicht lauter Schatten sind, die in den hohlen Gewändern sitzen? Ob es vielleicht doch Geister gibt? Denn in der Mitte sitzt Einer ohne Maske, mit geschlossenen Augen wie ein Toter, mit silberweißem Haupthaar und Bart, und mit ewig gebieterischer Stirn; vor dieser Stirn hat mir oftmals gebangt. Ich weiß nicht, ists meines Vaters Stirn? Ich weiß nicht, ists eines Gottes Stirn? Wenn lauter Geister da vor mir sind, muß dann nicht auch ein Obergeist sein?! Könnte ich nur seine Augen sehn! Vielleicht sind es doch meines Vaters Augen; meines Vaters herrliche stahlblaue Augen, die mich oftmals so hart und zornig anstrahlten, und doch so glutweich im hellsten Zorn, und dann so spöttisch verzeihungswarm. Aber er sitzt da so starr und kalt jetzt, als werde er die geschlossenen Augen nie wieder zu seinem Sohn hin öffnen; es sei denn, ich öffne ihm mein Gewissen. Sie sitzen alle so starr und kalt, als wollten sie ewig darauf warten. Ich fühle, ich muß wohl endlich sprechen.

Meine Herren Richter! beginne ich unverzagt: ich habe wirklich ein reines Gewissen. Denn gesetzt auch, ich hätte sie umgebracht, so hatten doch beide sich selbst umgebracht. Denn die Eine, die wirklich sich selbst umgebracht hat, die hat sich auch selbst dazu gebracht. Denn da sie kein Gewissen gehabt hat, so hat sie mir mein Gewissen genommen und hat es dann nicht ertragen können. Denn die Andre, der mein Gewissen gehörte, und die mir drum immer alles verzieh -- denn sonst hätte ich mir’s nicht wegnehmen lassen --: die hat das nicht länger verzeihen können. Denn da ich kein Gewissen mehr hatte, und wenn sie deswegen -- was ich nicht weiß -- vor Gram zu Grunde gegangen ist, so ist auch sie im Grunde von selbst und an sich selbst zu Grunde gegangen. Denn wenn ich es auch gewollt haben sollte, so hat es, meine Herren Richter, doch im Grunde ein Anderer gewollt. Denn wenn ich jetzt hier vor Ihnen stehe -- und wenn, wie ich sehe, mein Vater jetzt Gott ist -- so bin ich im Grunde der Sohn meines Vaters, und mein Wille ist Gottes Wille gewesen. Wenn also ich, meine Herren Richter -- nein, nicht ich, wenn ich Gottes Sohn bin --: wenn also Gott, meine Herren Richter, Eine von Beiden umgebracht hat -- nein, die Andre -- nein, Beide -- nein, +alle+ Andern -- --

Ich stocke plötzlich und kann nur noch stottern; ich merke, ich habe mich verwirrt. Ich suche im Blick meiner Richter zu lesen und sehe nur lauter schwarze Löcher. Ich blicke hilflos den Einen an, der herrlich in ihrer Mitte sitzt, und erbange vor seiner klaren Stirn; mich befällt auf einmal dumpf ein Erinnern, als ob ich seit unvordenklichen Zeiten unzählige Seelen umgebracht habe. Und da endlich tut Gott mir die Augen auf: meines Vaters strahlende blaue Augen tut er aus ewiger Ruhe auf und fragt meine Seele: „bekennst du dich schuldig?“ -- Ich höre mein Herz in seiner Stimme und sehe mein Leben in seinen Augen. Ich weiß, ich brauche nur +Nein+ zu sagen, dann bin ich auf ewig freigesprochen. Ich fühle das Nein schon auf den Lippen; ich brauche nur den Mund aufzutun, dann bin ich von all der Mühsal erlöst. Und ich tue ihn auf und -- sage „ja“.

Ein Schrecken befällt mich wie ein Schlag. Ich fühle betäubt mein Bewußtsein schwinden; mir ist, ich stürze endlos hinab, durch dunkle, bodenlose Räume. Oder stürze ich endlos empor? Ich höre von oben her singende Stimmen; sind’s Menschenstimmen? sind’s Geisterstimmen? Sie singen mich wieder zur Besinnung -- von fern her singen zwei Frauenstimmen --: Von wannen, von wannen? -- von wannen dein Träumen! -- befreie dich, Seele -- von Zeiten, von Räumen! -- sie verklingen. Ich schlage mühsam die Augen auf; ich sehe mich durch ein Bogentor schreiten.

Es ist noch immer so weltschweres Licht, wie ich noch niemals erlebt habe; ein totengelbes Abendlicht. Nur vor mir her, da schreitet ein Mann in richterlichem schwarzem Talar, auf dessen Schritte ich horchen muß, dann wird das schwere Licht mir leichter. Sie tönen mir seltsam vertraut, diese Schritte; ich muß sie schon öfters vernommen haben und ihnen so Schritt für Schritt gefolgt sein, wie ich jetzt ihnen Schritt zu halten suche unter der dröhnenden Bogenhalle. Ist es mein Vater? mein Herz sagt nein. Und da höre ich hinter mir noch solche Schritte; nur ungewissere, haltlosere. Ich wende mich und stehe erstaunt; und auch der Mann vor mir wendet sich. Ich sehe, hinter mir geht der Jüngling, der ich vor Jahren gewesen bin; ich sehe, vor mir steht der Mann, der ich in Zukunft sein werde. Er winkt mir kurz, und es weht sein Talar, und wir schreiten im Gleichschritt zum Tor hinaus. Und es weht sein Talar, und mit lautlosem Schritt schreitet der Mann aus sich selbst heraus und entschwindet meinem gebannten Blick. Denn mein Blick hängt an einem väterlichen, ewig gebieterischen Greis, der an Stelle Jenes verblieben ist, und der mir weiterzufolgen winkt. So kommen wir an ein Hafenwasser.

Wohl unabsehbar dehnt sich das Wasser unter dem totengelben Himmel. Viele große Schiffe lagern darauf, mit hohen reichbewimpelten Masten; aber das Gelbe lastet so nachtschwer, daß keine Farben mehr dämmern können. Alles, die Schiffe, die Wimpel, das Wasser, scheint alles so schwarz aus Schatten geschaffen wie der Talar meines greisen Führers; nur sein weißes Haar schimmert silbern im Zwielicht. Was sind das für Schiffe? frage ich zweifelnd. „Wirkliche Schiffe“ -- entgegnet er tonlos und weist auf ein Dock am westlichen Himmel. Kein Laut von Arbeit kommt aus den Werften her; der ganze Hafen scheint ausgestorben. Die schwarzen Stützpfosten um die Hellingen ragen starr am Horizont entlang wie ein auferstandener kahler Hain von ursintflutlichen Riesenstauden. Nur aus dem westlichen Saum des Haines taucht klumpenhaft etwas Graues hoch und regt sich in der schweren Stille; es regt sich wie das felsengraue, urschwere Haupt eines Elefanten. Ists eines spukhaften Götzen Haupt? ists eines Gottes heiliger Scheitel? Mein Führer aber winkt mir zu schauen.

Und was wie ein Haupt war, beginnt zu erglänzen, und entsteigt dem schwarz aufstarrenden Hain, und ist ein großer glanzvoller Mond. Er glänzt nicht so fahl wie ein nächtlicher Mond, er glänzt nicht so grell wie die tägliche Sonne; er glänzt wie ein Tautropfen in der Frühe, und alle Farben klären sich auf. Und nun wendet mein Führer sein greises Antlitz blauäugig nach dem östlichen Himmel, und mit langsam gebieterischer Hand entwinkt er der verklärten Nacht einen zweiten solchen glanzvollen Mond. „Wisse, du sollst an Geistermacht glauben“ -- haucht er mir in mein schauerndes Herz und entschwebt dem einen der Monde zu. Bin ich erblindet von seinem Anhauch? ich sehe auf einmal nur lauter Licht. Ich fühle nur blindlings ein leuchtendes Schweben ins grenzenlose Blaue hinein. Ich ahne dunkel, ich selbst bin der Greis; er ist wohl dem andern Mond zugeschwebt? Ich schwebe mit ausgebreiteten Armen und raumentrückten Augen gleich ihm.

Das Leuchten wird immer feuriger; ich atme entzückt die zarte Glut. Ich höre von oben her singende Stimmen, zweistimmig aus unsichtbarer Ferne. Sind’s wieder die Seelen der Geistinnen beide? erwarten sie mich auf den strahlenden Monden? Sie singen mich weiter und weiter hinauf: Ins Weite, Seele -- von wannen dein Träumen! -- erwache ins Freie -- von Zeiten, von Räumen! -- sie nahen mir. Sie nahen wie schüchterne Lüfte so lind; sie küssen mir meine entbreiteten Hände. In meinen Handflächen ruhn ihre Lippen, mein Herzblut strömt ihren Küssen zu. Sie küssen immer herzinniger, und andere Geistinnen singen von oben. Wollen Sie mir mein Leben ausküssen? „befreie dich, Seele“, singen sie. Leben sie nur, wenn Ich sie belebe? „erwache, Seele“, verklingen sie. Ich raffe all meine Herzkraft zusammen; ein leeres Grausen stöhnt aus mir auf. Ich will mich den tötlichen Küssen entwinden; wie ein Gekreuzigter schwebe ich machtlos. Ich krümme mit letzter Gewalt meine Finger, und während ein herzzerreißender Klageschrei mir die glanzgebadeten Augen aufreißt, höre ich, daß es mein eigener Schrei ist, von dem ich unter Tränen erwacht bin.