Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 5
Er warf sich rasch in die Kleider, nahm seine Reisetasche und eilte die nächste Treppe hinab; sämtliche Korridore waren erleuchtet, und in den Dielen knackte es wieder. Die Terrasse lag jetzt menschenleer; aber im Halbdunkel bei den Rikschas schob sich ein zappliges Getümmel, Gäste und Kulis durcheinander. Nur die Pilger knieten oder kauerten abseits, laut ihre Rosenkränze abbetend und nach dem Buddha hinüberstarrend, dessen lächelndes Antlitz wie trunken glühte. In dem Tempeldorf schien ein Brand ausgebrochen; eine riesige rauchige Flammengarbe stand hellrot über den Kirschblütenwipfeln, und dumpfe Gongtöne dröhnten her.
Unberührt von alldem saß bei dem vordersten Wagen, nur mit Hut und Hemdchen bekleidet, ein kleines amerikanisches Mädchen, das mehrmals die Hand auf die Erde legte, als ob es etwas fühlen wollte. „~Doesn’t move~“, rief es schließlich enttäuscht seiner aufgeregten Mutter zu, die sich mit einem Kuli zankte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der Eile seine Uhr oben hatte liegen lassen; zugleich aber schüttelte ihn ein Erdstoß, von dem die ganze Terrasse wankte, und durch die Hausmauer fuhr ein knirschender Riß.
Er stand noch prüfend und überlegend, ob er trotzdem zurücklaufen sollte, als zwischen mehreren flüchtenden Gästen der Konsul aus der Halle gerannt kam und ihn mit verstörtem Lachen begrüßte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der Eile auch noch garnicht an die Andern gedacht, sie auch nirgends gesehen hatte, und aufgebracht schrie er den Lachenden an: „Aber wo ist denn Ihre Frau?!“
„Ja! Wo?“ schrie dieser, noch sinnloser lachend. „Ich habe genug an ihr Zimmer geklopft, und da sie keine Antwort gab, meint’ich natürlich, sie sei schon unten.“
„Also zurück!“ schrie der Doktor nun, warf seine Reisetasche weg und stürmte zur Treppe, wieder hinauf. Die Vorstellung, daß dies entzückende Weib, das sich gestern Abend in rührender Müdigkeit kaum noch aufrecht zu halten vermochte, vielleicht von einem plumpen Stück Wand im Schlaf verstümmelt werden könnte, empörte ihn gegen den lauen Gatten und gab seinen Schritten wilde Flügel. Atemlos stand er vor ihrem verriegelten Zimmer, klopfte, horchte -- und klopfte stärker; eine tolle Freude durchzuckte ihn, daß sie den Konsul ausgesperrt hatte.
Jetzt kam auch der herangekeucht, und sie klopften Beide an der Tür, horchten, klopften und trommelten -- horchten nochmals: nichts rührte sich drinnen. Auf einmal ruckte, krachte es allenthalben, und sie hörten einen erstickten Angstruf. Der Doktor packte taumelnd den Türgriff, der Konsul desgleichen: das Schloß sprang auf. Es war also garnicht verriegelt gewesen; doch Bett und Zimmer waren -- leer.
Sie starrten einander verdutzt ins Gesicht, da kam eine neue Stoßwelle nach, und wieder ein unterdrückter Angstschrei. Kein Zweifel, das war +ihre+ Stimme; nur kam sie von jenseits des Korridors. In diesem Augenblick fühlte der Doktor, wie sich vor Schreck seine Haare sträubten: er sah die Gesichtshaut des Konsuls lakenweiß werden, während er selbst bis über die Schlafen wie ein Junge errötete: die Stimme kam aus dem Zimmer des Barons.
Der Konsul machte eine Grimasse, blickte plötzlich wie ein Rasender um sich und stürzte nach dessen Tür hinüber; es schien, er wollte sie einschlagen. Aber sie öffnete sich bereits, und er prallte mit offenem Munde zurück. Auf der Schwelle erschien der Baron, prangend in seinem vollen Schmuck, blos das rechte Bein fehlte in der Hose; hinter ihm stand die schöne Frau, in ihrem langen Nachtgewand, die Augen von reinstem Mitleid verklärt, und hielt mit zärtlichem Entsetzen zwischen den aufgelösten Flechten sein Holzbein an ihrem verhüllten Busen.
Kerzengrad auf den Krückstock gestützt, trat er in den Korridor, ohne mit einer Miene zu zucken. „Es wimmelt ja heute von edlen Taten!“ sagte er und begann zu lächeln; „die Gnädige wollte mich auch schon retten.“
So sprechend reichte er mit starren Pupillen, während sie in schwärmerischer Verschämtheit das Bein mit ihrem Haar zudeckte, dem endlich wieder lachenden Konsul seine juwelenblitzende Linke. Und der Doktor sah im Hintergrund durch das weitgeöffnete Zimmerfenster den feuertrunken lächelnden Buddha über der Blütenwolke thronen.
Die gelbe Katze
Burleske
Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte. Mit dieser Nutzanwendung pflegte mein Bruder Ernst mir seine Erlebnisse zu berichten. Jetzt ist er tot. Kurz vor seinem Ende schrieb er mir Folgendes.
Wenn die Frau, für die ich meine eigne verlassen wollte, mit mir von ihrem Manne sprach, kam sie mir immer häßlich vor. Ihre bräunliche Haut wurde dann gelblich, das wilde Haar schien schwarzer und tiefer in die Stirn gewachsen, der Pechglanz ihrer Augen wurde siechend und der Ausdruck des schwungvollen Mundes hilflos. Ich nannte das ihr Dienstmädchengesicht; aber es war mir unerklärlich.
Sie beherrschte den Mann; aber das konnte sie doch nicht mehr fesseln. Sein Körper war ihr unerträglich geworden, sein spöttischer Witz nicht minder. Seine Rachsucht fürchtete sie nicht, und seine Gutmütigkeit verachtete sie. Für Freiheit schwärmte sie wie eine russische Fürstin. Warum also blieb sie noch bei ihm? --
Freilich hatte sie ein Kind von ihm. Aber das faßte sie nicht gern an, trotzdem sie es sehr lieb zu haben glaubte. Mit meinem Töchterchen spielte sie lieber und sehnte sich nach einem Sohn von mir.
Auch auf sein Geld war sie nicht angewiesen; er hätte ihr das ihre nicht vorenthalten, er war ein Ehrenmann. Daß er mich im Duell erschießen könnte, befürchtete sie ebenso wenig; ich hätte ihm zu Ehren mein Leben nicht aufs Spiel gesetzt -- (hier log mein Bruder Ernst) -- und ihr zu Liebe brauchte ich’s nicht, mein Dasein war ihr werter als das Urteil der Leute.
„Ist es, weil du dich vor deinen Eltern schämst?“ fragte ich sie eines Tages, während wir auf einem Ausflug waren.
„Ja, vielleicht“ -- sie lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. Dann machte sie ihr Schlangengesicht, als wollte sie das Wort verschlucken; und gleich drauf lachte sie wie eine Bachantin.
Wir gingen durch mein Lieblingsdorf, ein Krondorf aus der Zeit des großen Friedrich. Es war an einem Karfreitag. Zu Ostern wollte sie in ihre Heimat reisen; der Frühling am Rhein war ihr das Paradies. Wenn sie davon sprach, erschien sie mir wie die leibhaftige Jungfrau Maria; ihre nachtbraunen Augen verklärten sich.
Die Kastanienknospen standen schon ganz dick und grün; manche machten schon die Finger auf. Die Ahornblüten glänzten goldgelb durch den blauen Abend. „Daraus mach ich mir ein Feeenszepter“, sagte sie, „wenn ich mit meinem Vater durch die Berge reite.“
Ich sah sie an -- „Es gibt auch böse Feeen, du“ -- und wollte sie küssen. Zwischen ihre schwarzen Brauen trat ein queres zuckendes Fältchen; wie immer, wenn sie sich mir überlegen fühlte. Die üppige Nase zuckte mit. Ich küßte nicht.
Plötzlich wurden ihre Pupillen lüstern groß. „Sieh, wie unheimlich!“ flüsterte sie und zeigte über die Straße. Alle ihre Sommersprossen, selbst auf den Lippen, schienen verschwunden. Der schwellende Mund wurde dunkler. Das war ihr Hexengesicht; das sechste, das ich an ihr unterschied.
Ich ging mit ihr hinüber. Auf einem künstlichen Hügel stand ein seltsames Häuschen hinter dem Zaun. Es war stets unbewohnt, ich kannte es schon. In der hellen Dämmerung sah es noch spukhafter aus.
Zwei riesige Platanen streckten ihre noch kahlen Äste wie Leichenknochen über das flache Dach. Die Wände waren fahl und fleckig. Links wiegte ein verkrümmter Lebensbaum sein finstres Laub. Mitten aus der Vorderwand schob sich ein rundes Spitztürmchen vor, das an chinesische Hüte erinnerte; die Tür war verschlossen. Um die kleinen Bogenfenster krochen Borten aus gotischem Schnörkelwerk; die Scheiben waren so schwarz wie die Pupillen meiner Begleiterin. Zwischen der rechten Ecke des Hauses und dem Stamm der einen Platane ging die gelbrote Sonne unter.
„Hier möcht ich manchmal wohnen“, sagte die schöne Frau. In diesem Augenblick kam langsam über den Hügelrücken, grade wie aus der Sonne heraus, eine große gelbrote Katze und setzte sich vor die verschlossene Tür.
Das Bild verstimmte mich, so tief voll Stimmung es war. Die schwarzbraunen Augen des Viehes erinnerten mich unbestimmt an eine Kindesmörderin aus einem Wachsfigurenkabinett. Die Sonne war verschwunden; das Fell sah nun noch gelber aus, fast seidig. Sie starrte blinzelnd herunter auf uns; mich fröstelte. Ich klatschte in die Hände; sie lief weg.
Die schöne Frau war zusammengefahren und sah mich etwas unwillig an. „Ich liebe Hauskatzen nicht“, sagte ich rauh. Sie nickte stumm und nahm hingebend meinen Arm. Wir wandten uns zur Heimkehr, aber der böse Eindruck verließ mich nicht. Je zärtlicher sie mit mir sprach, umso verstimmter wurde ich. Ich schob es auf den Karfreitag. Immerfort durch unser Geflüster hörte ich Jesu Trostwort an den gekreuzigten Mörder: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.
Fast verlegen küßte ich sie zum Abschied, und sagte lachend: „Auf Wiedersehen, Magdalena.“ Sie machte ihr Jungfraungesicht.
Die Nacht drauf träumte mir -- (mein Bruder Ernst hielt nämlich Träume ebenfalls für Erlebnisse) -- ich sähe aus dem Fenster und schräg mir gegenüber stünde das seltsame Häuschen. In den schwarzen Scheiben glomm das Sternlicht. Plötzlich wurden sie blendend hell. Das ganze Haus stand erleuchtet bis in den löchrigen Schornstein hinauf. Fenster und Türflügel klappten auf; und aus Allem, was offen war, Luken und Löchern, vom Dach herab und von den Wänden, sprangen unzählige schwarze Katzen und stoben lautlos in die vier Winde. Zuletzt kam langsam eine große rötlich-gelbe aus der Tür, starrte blinzelnd nach mir her, und verlor sich gleichfalls in die Finsternis. Dann schloß das Haus sich ebenso lautlos und war mit Einem Schlag wieder dunkel.
Der Morgen kam. Ich saß mit meiner Frau beim Kaffee; wir besprachen unsre Trennung. „Wenn du mit Bestimmtheit fühlst“, sagte sie mit ihrer treuen Stimme, „daß die Andre für dein Glück geschaffener ist als ich, darf ich dich nicht halten“ -- da ging die Flurglocke.
Das Dienstmädchen meldete, ein fremdes Fräulein wünsche mich zu sprechen; ich ging ins Nebenzimmer. Eine große junge Dame trat mir entgegen; ich erschrak. Sie war ganz in gelbrote Seide gekleidet, ihr schwarzes Haar bedeckte ein Strohhut mit einem Zweig von künstlichen Ahornblüten; sie hatte alle Züge der schönen Frau, nur nicht so sarazenisch, gleichsam zahmer. Ich stand sprachlos.
War sie’s doch vielleicht? Nein! Gestern war sie verreist. Und jeder Gesichtszug war mir doch fremd. Und eine Schwester hatte sie nicht.
Die Dame lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. „Sie kennen mich wohl nicht“, fragte sie leise; ich verneinte beklommen. „Ich bin die gelbe Katze“, sagte sie schnurrig; mich fröstelte. Dann fiel mir ein: vielleicht ein Vexierscherz der schönen Frau -- sie hatte Bekanntschaft in Bühnenkreisen. Die Dame blinzelte, und zwischen ihre Brauen trat ein queres Fältchen; „ich soll Sie abholen“, flüsterte sie.
Aus ihren Augen sah ein schlangenhafter Glanz, der mich bestrickte. Gleich? fragte ich. „Gleich!“ Wir gingen.
Wir gingen schweigsam die Treppen hinunter; vor der Tür stand ein Wagen. Wir fuhren durch zahllose Straßen, ebenso schweigsam; sie schien mich garnicht zu beachten. Die Straßen wurden enger, die Häuser immer höher, die Gegend mir unbekannt. Einmal nickte sie flüchtig; da sah ich eine schwarze Katze durch einen Torweg haschen. Einmal strich sie sich ihr wirres Haar mit ihrem gelben Handschuh glatt. Endlich hielt der Wagen; ich folgte ihr willenlos.
Wir gingen durch einen dumpfigen Hof, dann mehrere eiserne Stiegen empor, und durch viele halbdunkle Gänge. Ein wahres Labyrinth von Haus; die Luft roch modrig. Vor einer pechschwarzen Flurtür machte sie Halt und drückte auf etwas Unsichtbares. Die Tür sprang auf, ich stand geblendet. Eine stechende Lichtpracht schlug mir entgegen, wie von tausend Kronleuchtern her.
Als ich zu mir kam, stand ich in einem Saal, der unabsehbar schien; vor mir, hinter mir, nach allen Seiten Spiegelwände. Und mitten durch den Saal, der Länge nach, von allen Seiten widergespiegelt, stand eine endlose Reihe von lautlos sich drehenden schwarzgekleideten Damen und lautlos hopsenden mausegrauen Herren, wie nach dem Rhythmus einer übersinnlichen Tanzmusik.
Keine der Damen -- (hieraus entnahm ich, daß mein Bruder Ernst noch immer träumte) -- hatte blos Einen Herrn, die meisten zwei, manche auch drei; einige schienen ein Dutzend zu haben, falls mich die Spiegel nicht täuschten. Alle trugen sie, so lustbar sie sich drehten, einen sonderbar hilflosen Trübsinn zur Schau, fast wie Automaten; die mittelste hielt ein weinendes Kind im Arm.
Immer wenn sich eine der Damen dem einen ihrer Herren etwas tiefer hinbog, tat dieser einen besonders hohen Hops, sodaß die mausegrauen Frackschöße, die sonst bis auf den Boden schlappten, die Luft durchschwänzelten. Dann warfen ihm die andern Herren, zumal die dicken, wütende Blicke zu; aber die Dame lächelte kindlich, dann wurden selbst die dicksten wieder sanft.
Mir fing an schwindlig zu werden; ich sah mich um nach meiner gelben Führerin. Ein Schauder beschlich mich: alle ihre Sommersprossen waren verschwunden. Die Pupillen hexenhaft groß, stand sie wie die Fürstin dieses Tanzspiels da und schüttelte die bachantischen Locken. Ihr Haar war aufgegangen, der Strohhut lag am Boden. In der Rechten hatte sie den falschen Ahornblütenzweig und schwang ihn wie ein Szepter. Das Gesicht war dunkelbraun, die schwungvolle Nase schien verbogen. Sie nickte mir zu.
In diesem Augenblick sprang hinter ihr die Spiegeltür von neuem auf; und stumm herein, in mausegrauem Frack, die Schöße zwischen den Fingerspitzen, grad auf mich los, kam der Gatte der schönen Frau gehopst. Ich wollte schon laut herauslachen, da seh ich in der Spiegeltür, die langsam wieder zugeht, entsetzt mich selbst im mausegrauen Frack, und plötzlich fang ich auch mit zu hopsen an.
Ich ringe verzweifelt nach Stillstand. Ich werfe der schönen Frau die ernstesten Blicke zu. Vergebens. Je tiefer sie mir in die Augen blinzelt, umso höher hopse ich.
Ich suche dem Gatten näher zu kommen. Ich will ihn aufreizen, mich zu packen. Er sieht mich spöttisch an und hopst.
Ich will ihm beweisen -- ich hopse. Ich will ihm zeigen -- er hopst. Ich will ihn zu Boden schlagen -- wir hopsen.
Ich will der schönen Frau zu Füßen stürzen. Ich will sie beschwören, gnädig zu sein. Ich will und will, und kann es nicht --: ihre braune Haut wird häßlich gelb, ihr Haar scheint mähnenhaft gesträubt und tiefer in die Stirn gewachsen, ihr Blick wird stechend, der Ausdruck des üppigen Mundes hilflos: sie hat ihr Dienstmädchengesicht.
Ich schreie schmerzhaft auf -- und bin wach.
Neben mir am Bett stand meine Frau mit unserm Töchterchen und strich mir durchs Haar. „Vater“, sagte die Kleine bedächtig: „du hast so furchtbar komisch im Schlaf ausgesehn.“ Ich küßte beiden die Hände.
Seit diesem Morgen -- so schloß mein Bruder Ernst sein seltsames Schreiben -- ist mir die gelbe Katze nicht mehr gefährlich. Bald darauf starb er in einem Duell; er hatte der Dame Lebwohl sagen wollen, und die Wände hatten Ohren gehabt. Er starb durch die zitternde Hand des Herrn Gemahls; er, der vortreffliche Schütze. Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte.
Die Gottesnacht
Ein Erlebnis in Träumen
Erster Traum
Ich spürte, ich würde gleich einschlafen. Und ich wünschte es sehr nach den tristen Gedanken, die wegen der abends empfangenen Todesnachricht seit Stunden in mir rumorten. Ich sann noch über den Eigensinn nach, mit dem sich die junge Selbstmörderin die langsamste Todesart ausgesucht hatte; doch ich war schon erlöst von dem Sinn in den Worten, die durch mein müdes Gehirn schossen. Ich hörte beseligt den Drosselgesang, der aus dem Wort Erdrosselung klang, und wunderte mich über die Bilder, die sich aus jedem Satzglied entpuppten. Da stand sie auf einmal deutlich vor mir: die rätselhafte Gliederpuppe.
Wie war sie nur in mein Zimmer gekommen? Da stand sie zwischen Tür und Schrank mit ihrem wachsbleichen Gesicht wie eine Auferstandene. Die großen gläsernen goldbraunen Augen starrten mir so bekannt ins Herz, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Und ein Schmelz war darin, als ob sie lebten; als ob sie mich liebten; fast mütterlich. Aber natürlich, das schien nur so; ich mußte mich nur recht erinnern. Denn ja, meine Mutter hatte sie ja meinen Kindern zu Weihnachten geschenkt, diese lebensgroße Gliederpuppe; und das Lächeln um die schmalen Lippen blieb immerfort so unbeweglich, wie die Falten des steifen brokatenen Mantels um ihre sanftgeschwungenen Achseln. Ja, sie war tot; tot wie die schönen phantastischen Blumen dieses alten indischen Tempelmantels, der sie bis zu den Füßen hinab verhüllte. Zwischen solchen Blumen spielte ich einst und pflückte einen Strauß davon; für ihre bleichen gefalteten Finger. Damals hatte ich sie noch angebetet. Denn sie thronte auf einem vergoldetem mit Rubinen und Perlen geschmückten Altar und war die Göttin der Barmherzigkeit; das war wohl viele hundert Jahre her. Warum sah sie mir nun so starr ins Herz, als ob ich sie getötet hätte? Sie hatte sich doch selbst entleibt! Ich träumte wohl?
Nein, sie hielt ja noch immer die Finger gefaltet und stand groß zwischen Tür und Schrank. Wenn ich nun mit ihr betete, ob sie sich dann vielleicht rühren würde? Denn sie war doch früher beweglich gewesen; wenn ich an ihre Gelenke rührte, dann klirrten noch die zersprungenen Drähte, bis in den hohlen Brustkorb hinein. Ich seufzte auf, da klirrten sie wieder; und ihre Arme zuckten ein wenig. Ob sie mich niemals mehr anrühren würde? mich immer blos so unverwandt ansehn? Ich spürte ein Stechen in meiner Brust, als ob aus den Drähten elektrische Funken herzuckten. Ich hörte wieder das leise Klirren; oder klang noch immer der Drosselgesang? Ich wollte beschwörend die Hände ausstrecken, aber das Stechen in meiner Brust drang mir bis in die Fingerspitzen. Ich wollte wegblicken -- da blickt sie mir nach.
Ich träume ja nur! will ich mir einreden; aber sie blickt auf meine Hände. Auf den Rubinring an meiner Linken; der beginnt zu glühn wie ein Altarlämpchen. Auf den Trauring an meiner Rechten; der beginnt zu glänzen wie Tränenperlen. Und auf den Ring, den mein Vater mir schenkte, als ich noch keinem Weibe gehörte. Warum quälst du mich, Mutter? will ich stöhnen; aber ihr Blick verschließt mir den Mund. Ich will mich aufrichten; ich liege gebannt.
Ihre Augen beginnen zärtlich zu leuchten, und der Glanz der Ringe wird funkelnder. Ihre Augen funkeln begehrlich mit; der Glanz der Ringe erlischt auf einmal. Das sind nicht meiner Mutter Augen! meine Mutter blickt sanft, meine Mutter ist fromm! Das sind auch nicht mehr die goldklaren Augen, die ich einst angebetet habe, weil die Mutter meiner Kinder so blickt. Diese Augen sind schwarz, nein dunkelgrau, und kennen nicht Treue noch Gottesfurcht; es sind die Augen der Selbstmörderin. Warum hast du dich aber töten müssen? will ich sie fragen und höre entsetzt: du hast es doch gewollt, mein Geliebter! --
Ich will es leugnen und sehe ihr Lächeln. Vielleicht hat sie garnicht die Worte gesprochen. Oder vielleicht verstand ich den Sinn nicht; sie sprach von jeher so doppelsinnig. Doch sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ach ja: ich wollte sie ja erdrosseln. Ich höre wieder den Drosselgesang; aus dem Wald meiner Heimat kommt er her. Gleich wird mein Vater zwischen den Bäumen erscheinen. Nein, es ist ferner Flötenklang. Nein, eine Geige jubelt bang. So hat mein toter Freund einst gespielt, als wir noch kindisch durchs Haidekraut liefen und hinter den Birken die Waldfee suchten. Ach, ein König der Geiger wollte er werden, und kommt jetzt gramvoll dahergeschritten im Gefolge der Königin. Am Waldrand macht der Jagdzug Halt; und wir beugen alle das Knie vor ihr.
Warum blickt sie uns so prüfend an mit ihren silbergrauen Augen? Das ist mein Freund nicht, das bin ich selbst -- und die Königin Elisabeth winkt mir. Erhebe dich, Shakespear! flüstert sie; und ich fühle, wie wir uns aufrichten. Er trägt noch die schwarze Scholarentracht, worin er der Schule entlaufen ist, und einen verrückten alten Brokathut mit gelben Papageienflügeln. Denn ich weiß, wir müssen uns wahnsinnig stellen vor der treulosen Königin. Denn sie hat ihn begehrlich angeblickt, als ich gestern „Venus und Adonis“ beim Bankett der Jagdgäste deklamierte; er aber liebt ihre Kammerdame, die Augen wie eine Göttin hat, wie eine Waldfee, wie ein Reh. Das äugt in Todesangst durch die Büsche, und ich stehe und stiere es an wie ein Bluthund. O, wie gut wir uns wahnsinnig stellen können, wenn wir nichts als eine Göttin lieben und solchen verrückten Hut aufhaben! Und nun ahnt sie, wieso er Schauspieler wurde und den armen Hamlet gedichtet hat; und wir schwenken den Hut vor der treulosen Königin, und sie lächelt in Barmherzigkeit.
Sie lächelt immer barmherziger; es dringt uns stechend durch Brust und Gehirn. Ich will ihr den Hut vor die Füße werfen, und tue es, und stehe erstarrt: der Hut hat schwarze Drosselflügel und fliegt zurück auf meinen Kopf. Ihr Lächeln wird so grausam barmherzig, daß ich sie dafür umbringen möchte. Du hast es ja schon getan, mein Geliebter! raunt sie mir unbeweglich zu. Es ist nicht wahr! will ich aufstöhnen; doch sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ist das die englische Königin noch, oder blos die indische Gliederpuppe? Wenn sie noch lange da bei der Tür steht, wird sie mich wirklich wahnsinnig machen. Warum quält sie den armen Hamlet so? sie ist doch seine leibliche Mutter! Sie hat doch Augen wie eine Gottheit und blickt mir stechend in mein Gehirn. Ob Gott überhaupt nur ein grausames Weib ist? in steter Verpuppung?! die Allmutter! -- Aber sie hat ja zersprungene Drähte und läßt den Kopf so sonderbar hängen! -- Ich glaube nicht mehr an Gottheiten! knirscht mein erstarrter Mund ihr entgegen. Und mit ungeheurem Triumphgefühl weiß meine Seele: ich träume nur! --
Wenn nur die Drähte nicht immerfort klirrten! das ist doch wirklich verwunderlich. Sie klirren lauter, und immer lauter; so laut wie die kleine alte Orgel in der Kirche meiner Vaterstadt. Ich lese die goldene Jahreszahl 1693 auf dem schwarzlackierten Täfelchen zwischen den elf Apostelbildern. Denn der treulose Judas fehlt natürlich; das habe ich schon als Kind begriffen. „Salvator Mundi“ steht unter dem zwölften Bild, auf klarem, himmelblauem Grund; und neben der eisenbeschlagenen Tür thront lächelnd die Mutter mit dem Kinde. Ich höre die Orgel ihr Lob anstimmen und weine vor Weihnachtsseligkeit. Die silbernen Fransen der Altardecke schwimmen in meinen perlenden Tränen. Ich spiele mit diesen schönen Perlen, und lächelnd sieht mir die Mutter zu. Ich bin wieder Kind auf ihrem Schooß, und wundre mich nun garnicht mehr. Ich bin blos im stillen ein bißchen erstaunt: der Apostel Thomas hat drei Hände. Zwei kleinere, die sind wohlgepflegt; aber aus seinem braunroten Mantel langt eine dritte, große, aussätzige. Die umklammert ein Buch und ist mir entsetzlich. Ich darf mich aber kein bißchen rühren, sonst würde sie nach mir herlangen. Ich starre das Buch an: ob Bücher krank werden können --