Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 4
Er saß und konnte nicht los aus diesem lastenden Bann. Immer wieder sank der über ihn, wie ein magnetischer Ring um die Stirn, und lähmte seine Hand. Seit Wochen nun schon: seitdem er wieder gesund war. Immer, wenn er malen wollte. Immer die eine, große, unerfüllte Lust: das Ziel der hundert frohen Mühen und Entwürfe: das Bild, das Bild: ihr Gesicht! -- was er auch Neues vornehmen mochte.
Er hörte sie im Nebenraum hantieren, durch den Teppich hindurch. So verhalten klang es, so fremd. Und die Brandflecken auf dem Teppich: wie sie ihn quälend erinnerten! -- Er fühlte seine starken Schultern zucken, ohne daß ers wehren konnte. Er sah müde und verächtlich in die Landschaft auf der Staffelei, und warf den Pinsel weg, und sah scheu nach der Wand drüben, nach dem Menschenbild da.
Da hing es und wartete, das letzte von den vielen; das sie noch gerettet hatte aus dem Brande, im letzten Augenblick, aus den fliegenden Flammen. Es war wie ein Alb: diese ungelöste Aufgabe, dies Gesicht.
O gewiß, es war ja fertig: +war+ ja ein Bild: ein Bild, wie nur Er es malen konnte: dies Weib da, mit der Narzisse in den streng gefalteten Händen. Sie duftete fast, die vorgebeugte, makellose, leuchtende Blüte, mit dem purpurgelben Krönchen auf dem weißen Stern; die berauschende Blüte vor den jungen, nackten, vollen Brüsten. Und darüber ihr stumm gewährender Mund. Und darüber die blauen drohenden Augen, groß und dunkel ins Weite gerichtet. Und darüber all ihre Haarglut, schwer und goldrot wie Kupfergold, schwarzgrün umschattet vom dichten Laubwerk des alten wilden Myrtenbaumes, mit den kleinen, schimmerweiß schwellenden Knospen. Ja, seine Freunde hatten gescholten, daß er’s der Welt nicht zeigen wollte; damals.
Aber das war es ja: auch jetzt nicht! Und nie, niemals, bis er das Eine gefunden, das noch drin fehlte, Ihm nur sichtbar: das nur Er vermißte in diesen Bildern: das letzte Rätsel ihres Gesichtes: Das, warum er sie liebte.
O, und nun wars unmöglich: war es zerstört, dies stille lebendige Rätsel: von den Flammen gefressen das Geheimnis ihrer Züge, von Narben zerrissen dieser stolze Hals, diese schmiegsamen Lippen -- und um seinetwillen! -- Und er hatte doch gewußt, mit seiner ganzen Kraft gewußt, daß es endlich ihm glücken würde, daß er’s ihr ablauschen würde und auf die Leinwand zwingen, dies lockende Wunder. Nicht aus den Augen; nicht aus den Mundwinkeln. Da saß es nicht; in keiner Einzelheit. Auch in der Stimmung nicht; das hatte er alles versucht und getroffen. Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck! und er war ihm so nahe gewesen: in seinem letzten Bilde, dem an der Wand da drüben, dem einzigen übrig gebliebenen. Und jetzt, jetzt --? er preßte die Finger ineinander; er hätte sie blutig drücken mögen.
Und all das, weil er sie liebte; grade weil. Und weil er so stark war. Ob es wohl Strafen gab? Strafen der Kraft? aus sich selbst? -- Hatte er +deshalb+ den Fuß gebrochen? --
Ob Liebe Sünde war? Nicht überhaupt, aber für Ihn: Sünde gegen die Kunst! Übermannung! -- Denn es war ja nicht gleich so gewesen; was ging ihn ihre Seele an. Aber allmählich -- o aber das wars ja: das Heilige, auch für den Künstler: Das, was ihm die Augen geöffnet hatte: das Allerheiligste der Form: die bannende Seele, die Gegenseitigkeit alles Lebendigen!
Und so wars denn geworden: das Modell zum Weibe, der Leib zum Wesen, und immer gegenseitiger dem Künstler ihre Schönheit, und immer gegenseitiger dem Menschen ihr Geschlecht. Nein, er wollte es nicht. Nur mit den Augen wollt er sie haben: +ihre+ Augen, die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen, ihr klares waldseestilles Gesicht -- Alles! -- Und doch: wie er sie dann erkannte, diese Gestalt, Blick für Blick, und Ahnung um Ahnung sicherer wurde, fester im Bilde, und alles sich ihr entgegenspannte in seinen Sinnen, und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs: es war ja Natur, Natur! war das Ohnmacht?
Jener Augenblick, nach jenem letzten Bilde, als er sie am Handgelenk heranriß, noch zitternd vor schaffendem Entzücken, und ihr den neuen Ausdruck zeigte, der sie fast enträtselte: diese verlangende Keuschheit -- und dann sie ansah, heiß und durstig, das Eine Letzte suchend, daß sie’s nicht aushielt länger und an ihm niederwankte, so warm und schwer, und er an ihr: o Versunkenheit! -- Und dann, dann: es war zu hart, zu widersinnig hart vom Schicksal: wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen, schreiend vor Lust und doppeltem Glücksgefühl, und mit ihr über den Schemel sprang: dieser tückische Knöchelbruch -- über den er damals noch lachen konnte -- in seiner schwelgenden Liebe -- damals.
Er lauschte. Was sie wohl dachte jetzt. An +ihn+ nur. Das fühlte er. Das war das Schwere; der magnetische Ring.
Wie still sie wieder saß. Daß er sie nur nicht merken möchte, da in der kleinen Kammer, hinter dem Teppich; nichts rührte sich; so wars nun Tag für Tag. Und Abends die Angst, die heimliche Angst, mit der sie sich im Dunkeln hielt, im Halblicht, oder ihr Gesicht verhüllte, daß er es nur nicht sehen möchte; daß er sie nur vergessen möchte, ihre tote Schönheit, das Bild ihrer Seele, diese quälende Unmöglichkeit. Ja, die Angst in der Luft, das wars; das machte ihn zunichte, diese Art Liebe.
Ja, und +war+ denn das noch Liebe? dieser lähmende Zwang! War nicht alles blos Erinnerung?!
Nicht einmal Nachts: nicht anrühren konnt er sie mehr, ohne daß es wieder vor ihm stand, das ganze furchtbar rote Schauspiel, und ihm heiß und kalt die Sinne benahm. Wie sie ihn geweckt, ihn herausgehoben hatte mit seinem kranken, dick verschienten Fuß aus dem qualmenden Bett, hinter ihr her schon die leckenden Flammen, durch die Tür und hinab die zwölf dunkeln Treppenstufen -- o, sie war stark, fast so stark wie er! -- und dann zurückgestürzt war und sich nicht halten ließ, wieder hinauf, um das Bild noch zu retten, das eine wenigstens, hinein in das glühende Viereck oben, mit den langen offenen Flechten, die im Feuerschein flossen wie rollende Wellen -- dies Flimmern! -- Und auf einmal der Schrei, dieser schrille zerreißende Schrei, und das polternde Bild, herunter zu ihm; und oben +sie+, groß, in entsetzlicher Pracht, mit den greifenden Armen, die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd, eine sprühende Glorie! züngelnde Flügel um den keuchenden Busen! und die grauenhaft flackernden Augen! -- Und Er, hilflos da unten sich krümmend! Und noch Einmal der Schrei, der heiße, tierische Schrei! und sein eigener Schrei: wie sie wieder sich dreht, eine brennende Garbe, noch Einmal hinein -- daß ihn die Sinne verlassen -- bis die Leute ihn wecken und sie neben ihm liegt, in den Teppich gewickelt, nach dem sie zurückgerannt in letzter gräßlicher Besonnenheit, um den lodernden Schmerz zu ersticken, das tapfere starke Geschöpf -- seine Retterin! --
Ob sich das wohl malen ließe: feurige Flügel? Nein, Narrheit; so wenig wie der Sonnenstrahl, der da auf der Palette blitzte. Ach, das Sonnenlicht! Wie ihr Haar drin schillerte früher, so glatt und wogend; ob es wohl wiederwachsen würde? -- Aber was nützte das! Ihr Gesicht, +das+ war das Unersetzliche! die Erinnerung, die ihn zu ihr zog -- nein: von ihr stieß.
Er stierte zu Boden. Wenn sie doch gestorben wäre; wirklich gestorben, nicht blos in ihm. Dann würde er zu ihr beten können, sein ganzes Leben lang; ruhig, traurig, wie als Kind zur Jungfrau Maria. Nein, Maria Magdalena wars immer gewesen; die hatte er immer im stillen gemeint, seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft, wenn er zur Strafe hinknien und beten mußte. Magdalena, die liebreiche Sünderin.
Ach, was sollte dies Grübeln. Sie lebte ja, lebte und liebte ihn; und war gesund, gesund wie Er. O, das schöne, blühende Wort! O, ihre quälende Häßlichkeit! ihre mahnende Nähe! die Lust und der Abscheu! Ohnmacht! --
Er sah wieder auf; nach dem Teppich, nach dem Narzissenbild. Wenn er’s verkaufen würde. Ob er dann vielleicht Ruhe hätte. Wozu auch diese Versessenheit, ohne Sinn und Verstand, auf das eine einzige bißchen Seele. Wozu denn überhaupt der ganze pedantische Tiefsinn. Warum wars ihm nicht genug an dem farbigen Witz, wie den Andern; an der Lichtflunkerei, über die er sonst spottete. Es war doch so einfach: was Neues probieren! -- Aber +sie+, sie blieb ja. Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte, die Erinnerung blieb, solange sie selbst blieb; und mit ihr der Zwang. Und +die+ Erinnerung ließ sich nicht malen.
Freiheit! -- Ja --: das war das Ungesunde: das war unsittlich: diese widernatürliche dumpfe Gemeinschaft! Knechtschaft! Leibeigenschaft!
Er starrte auf die Palette; ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus. Wenn er ihr Schminke gäbe? -- Ihn ekelte! -- Und die Form bliebe ja dennoch zerstört, die Seele im Gesicht. Und ihre Scham! ihr Stolz! Dann würde sie gehen! --
Aber das wollte er doch? -- Dann das Bild auf die Ausstellung; weg damit! Eine Reise; Gletschersonne! Ein, zwei Jahre würde es schon reichen, das Geld für das Bild und der Rest seiner Erbschaft; er würde blos arbeiten. Und er hatte ja genug gelernt an ihr! Er wollt es den Andern schon zeigen, warum er so lange im Stillen gesessen.
Und sie? -- Sie war ja klug genug, die Professorstochter. Sie könnte ja Unterricht geben, oder Buchhalterin werden; oder er würde ihr selber was schicken. Nein, schändlich: das würde sie nicht nehmen. Und --: und wenn nun die Leute sie nicht wollten? mit ihrem entstellten Gesicht?!
O, dies Gewissen! Warum hatte er dies Gewissen! -- Ja, für die Kunst, da war’s gut. Aber fürs Leben? fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! -- Nicht weil er sie verführt hatte; nein! eher sie ihn. Oder weil sie von den Ihren geächtet war? eine Verstoßene?! und um seinetwillen! -- Nein: das war ja aus ihr selbst so gekommen. Warum war sie denn wiedergekommen, noch eh er von Liebe was ahnte; und immer wieder, bis sie bleiben mußte. Das war ihr Verhängnis! Ja, ihr eignes Verhängnis: ihr Wille!
Weil sein Ernst sie lockte; was die Eltern auch sagen mochten. Weil sie +seinen+ reinen Willen fühlte. Aber: aber war er denn rein? -- Ja! bis er ihn verlor, in jenem Augenblick, den Willen zur Form. Nein, schon vorher: bis er die Seele sah. Aber das war ja die Form, die bannende Seele; was er gesucht hatte, was sie gespürt hatte, warum sie ihm vertraute, ihm, dem Künstler. Nein, auch dem Menschen! dem Menschen, der über sich stand, über Sich und Natur, über Seele und Leben, kraft seines formbeherrschenden Geistes! -- Und doch nicht! Wars doch dieselbe Natur, die selben Sinne, der selbe Geist: die Kraft des Künstlers, des Menschen.
Ja: da hing’s: jener Augenblick, jenes Bild: seine Kunst, sein Leben: sein Wille, ihr Wille: das war alles das Selbe, das folternde, drohende Selbe! Denn sein Leben, ja, das war er ihr schuldig: ihr, seiner Retterin! Sein Leben, seine Kunst, seine Seele; seinen ganzen Beruf und Zweck in der Welt.
Er fuhr zusammen: ein neuer Wolkenschatten schlich durch die Stille. Er preßte die Augen zu. Er wollt es schon garnicht mehr sehen, das fordernde drohende Bild; er haßte es schon. Er drückte die Fäuste in die Augen; daß sie flimmerten. Er sah es nur mächtiger, in sprühendem Glanz; und sah sie, sie, wie sie +jetzt+ war, mit dem starren gestaltlosen Mund, mit dem haarlosen Kopf, mit den Narben um Wangen und Kinn, dem blanken, striemenroten Hals. Er stöhnte laut auf, daß ihn graute: vor der hohlen, einsamen Stimme.
Da: das war doch nicht +seine+ Stimme? Zagend, suchend kam es durch den großen Raum: „riefest du?“ weich und schwer, wie der Teppich, den er schwanken hörte.
Er sah nicht auf. Er fühlte, wie sie fragend stand. Nur nicht jetzt ihr Gesicht! Er wollte sprechen. Da kam sie.
Er wollte den Kopf schütteln; aber ihre Hand auf seiner Schulter, ihr Warten! Es war nicht möglich, es zwang ihn hoch. Er mußte sie ansehn, ansehn: das graue Morgenkleid hinauf: ihren Hals! -- und -- -- Rot! und ein brausendes Schwarz! Seele! der Blick! ihr Gesicht! das war Übergewalt --: da stand sie, hoch, starr, erhebend: „Ich werde +gehen+“ -- und wollte sich wenden.
Und Er -- sah sie an -- an -- und seine Augen wurden immer weiter, daß sie nicht loskonnte -- immer sehender -- und seine Finger tasteten und griffen: es zu fassen, zu halten: das Unerkannte, Letzte, Eine: das heilige Wunder: Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß, warum er sie umklammerte -- weinend -- „Offenbarung“ stammelnd --: ihre große Sittlichkeit! die Schönheit ihrer Erschütterung!
Und nun: weich -- weich, schwer und leise -- sank auch sie herab an ihm: Knie an Knie, kinderfromm, anders wie damals. Und er küßte die gestaltlosen Lippen, und schlang die Hände um den haarlosen Kopf, und hielt sie von sich, schauend, schauend --: Nein, das lag nicht in den Augen, nicht in den Mundwinkeln, in keiner Einzelheit: Das würde ihn zur Andacht zwingen, und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge: diese herrliche Hoheit, diese selige, siegende Demut.
Und er mußte es sagen, lachend, das Überflüssige: „ich liebe dich.“
Und als sie sich erhoben von den Knieen, in ihrer Klarheit, und der breite Sonnenstrahl auf der Palette blitzte, nach der Wand hinüber, nach dem Myrtenbilde: da stieg es vor ihm auf, neu und mächtig: „Weißt du, wie ich dich malen werde? -- Sturm und Nacht -- Fackelbrand -- nur Auge und Bewegung --: Magdalena, beglückt den Gekreuzigten tragend!“
„Vom Kreuz wegtragend“ -- sprach ihre Seele.
Das hölzerne Bein
Humoreske
An einem sehr warmen Frühlingsabend saßen in einem japanischen Hotel vier europäische Gäste beisammen: ein Konsul mit seiner jungen Gattin, ein ihm vom Klub her befreundeter Baron, und ein zu Studienzwecken hergereister Doktor der Naturwissenschaften, der sich über diese Freundschaft allerlei stille Gedanken machte und daher laut über etwas Anderes sprach.
„Mein verehrter Herr Doktor,“ entgegnete nun der Baron und schlug mit seinem Stock an sein rechtes Bein, so daß es einen harten Klang von sich gab, „ich möchte Ihre Philosophie, mit der Sie uns soeben erbaut haben, nicht auf die Feuerprobe stellen. Den Lohn, den die edle Tat in sich selbst tragen soll, den trägt doch wohl höchstens der Täter in sich selbst. Und wenn er sich keines Spiegels bedient: woraus sieht er, daß seine Tat edel war? Vielleicht war sie eitel Narretei. Der Spiegel aber mag noch so heimlich hängen, er bedeutet immer das Auge der Welt.“
Der Angeredete blickte absichtsvoll unter den Sonnenschirm seiner Nachbarin und fragte angelegentlichst: „Sind Sie auch so unfrei, gnädige Frau? Brauchen Sie immer ein fremdes Auge, um selbst zu fühlen, wie schön Sie sind?“
Die junge Frau errötete langsam, während der Baron sein schwarzgerändertes Einglas unter seine sandelholzrote Braue klemmte und mit seinen onyxschwarzen Pupillen schamlos auf ihren Gatten starrte, der statt ihrer lachend erwiderte: „Aber Doktor, Sie sind ja der reine Buddhist. Es wird Zeit, daß Sie nach Europa zurückgehn. Wenn Sie erst glücklicher Ehemann sind, werden Sie anders über die Damen denken.“
Der junge Naturforscher sagte „Nie!“ mit einer beteuernden Handbewegung. Die schöne Frau ließ ein schüchternes „Bravo“ hören.
Der Baron klopfte wieder an sein Bein, hob die juwelengeschmückte Linke, tupfte an seinen schwarzgefärbten, amerikanisch gestutzten Schnurrbart, um ein Gähnen zu unterdrücken, betastete noch sein rotes Haupthaar und versetzte kameradschaftlich: „Lieber Konsul, wozu den Doktor bekehren. Lassen wir ihm seine Lebensweisheit; wir sind beide wenig älter als er. Vielleicht ist sein männliches Selbstgefühl die naturnotwendige Vorbedingung zur Verübung edler Taten; ebenso wie das weibliche zur Begehung einer glücklichen Ehe. Ganz im Ernst, meine Gnädigste!“ Er zeigte seine weißen Zähne, die zu blank und zu regelmäßig waren, als daß sie hätten echt sein können.
Die Dame äußerte unbefangen: „Sie sind ein schlimmer Schmeichler, mein Freund“ -- konnte aber doch nicht verhindern, daß ihr wieder eine Röte aufstieg. Ihr Gatte gab dem Baron sein Lächeln zurück: „Es kommt immer drauf an, wer den Spiegel hält!“ Und der junge Gelehrte sprach mit Selbstüberwindung: „Auch sind wir ja nicht hierhergekommen, um moralische Disputationen zu pflegen. Der Buddha dort drüben belächelt uns +alle+.“
Die vier so zusammen Plaudernden saßen auf der freien Terrasse des erst vor kurzem gebauten Hotels; es lag in der Nähe des Tempeldörfchens Mijama. Andere Gruppen von Reisenden saßen an den Nebentischen, unter den großen bunten Papierschirmen, die man noch immer aufgespannt hielt, obgleich die Sonne schon hinter den Bergen war. Vor der Terrasse standen in weitem Bogen die leeren Rikscha-Wägelchen, zwischen deren zwei Rädern die halbnackten Kulis lagen, als ob sie am Boden Kühlung suchten vor dem ungewöhnlich schwülen Aprilabend.
Man war von Kioto herkarriolt, um das Fest der Kirschblüte anzusehen, das am nächsten Tage hier stattfinden sollte, und zugleich den berühmten Daibutsu zu betrachten, eine riesige alte Buddha-Statue aus ehemals vergoldeter Bronce, die auf dem Tempelhügel des Dörfchens ragte. Über der Waldung von blühenden Kirschbaumhainen, die sich rings um den heiligen Ort hochbauschte, thronte der göttliche Koloß an dem bleigrauen Horizont wie aus einem schimmernden Wolkenkissen.
„Vorzüglich gelegenes Hotel“, bemerkte der Konsul mit Kennermiene; „wird sicher bald in Mode kommen.“
„Auch für Staffage ist schon gesorgt“, warf der Baron nachlässig hin und wies auf eine Schaar einheimische Pilger, die mit ihren großen Strohtellerhüten und schilfgeflochtenen Wettermänteln hinter den Rikschas kauerten; augenscheinlich durften sie dort übernachten.
Der Konsul lachte weltkundig, während der Doktor nicht umhin konnte, seine Nachbarin stirnrunzelnd anzuschauen. Er hatte den Ausflug vorgeschlagen, hoffte endlich diesem holden Geschöpf, das für den spaßhaft lauten Gatten offenbar viel zu zartfühlend war, im Freien etwas vertrauter zu werden, und nun ließ der Baron mit seiner Spitzfindigkeit keinen herzlichen Ton aufkommen.
Sie schob jetzt ihren Schirm beiseite, und er wollte ihr behilflich sein. Aber der Baron hatte schon einem Diener gewinkt, und der klappte hurtig das bunte Ding zusammen, ehe ein Andrer den Arm danach ausstrecken konnte. „Die Luft ist so drückend,“ erklärte sie, „wie unter einer Taucherglocke. Hoffentlich gibt es kein Gewitter morgen.“
„Gnädige lieben doch sonst den Aufruhr der Elemente“, sagte der Baron mit starren Pupillen. Sie schien etwas entgegnen zu wollen, blickte aber unsicher weg, errötete wieder und erhob sich. Der Doktor, ebenfalls aufstehend, suchte nach einem Beruhigungswort, brachte aber zu seiner Verwunderung nur heraus: „Vielleicht liegt ein Erdbeben in der Luft.“
Während der Konsul ihn lachend belehrte, daß Erdbeben in dieser Jahreszeit, was er natürlich selbst schon wußte, so selten seien wie glückliche Ehen, machte auch der Baron Anstalten, sich aus seinem Korbstuhl zu erheben. Das geschah, indem er zuerst sein rechtes Bein in einen rechten Winkel rückte, dann das linke dicht daneben setzte, den schwarzen Stock fest auf den Boden stemmte und mit einem Ruck sich emporschnellte; dabei zuckte flüchtig ein verbissener Schmerz durch sein schönes bleiches Gesicht, aber zugleich verzog er die knappen, himbeerrot geschminkten Lippen zu einem überlegenen Lächeln, das gleichsam Leidlosigkeit atmete.
Es war auffällig, wie er durch dies Lächeln dem großen Buddha ähnelte, der über der ganzen Landschaft thronte. Auch hatte der Doktor verlauten hören, die Mutter des sonderbaren Herrn sei ein vornehmes Hindufräulein gewesen, eine Radschah-Tochter oder dergleichen. Doch wurde ihm dadurch nicht eben klarer, was diesen Krüppel so anziehend machte, der seine notgedrungene Künstlichkeit noch künstlicher aufzustutzen beliebte. Man wußte nicht recht, ob nur sein eines Bein oder beide nachgemacht waren; er bewegte sie gleicherweise wie ein paar feine Ersatzstücke. Und da er die rechte Hand stets behandschuht trug, selbst beim Essen und Billardspielen, mußte wohl irgend etwas auch daran nicht natürlich beschaffen sein.
Es liefen allerlei Gerüchte um, woher er so verunstaltet wäre. Manche erzählten, er habe als Jüngling ein auf der Straße spielendes Kind vor einem durchgegangenen Pferd gerettet und sei dabei selbst überfahren worden; vielleicht deshalb vorhin sein leiser Spott über den Lohn der edlen Tat. Andere sprachen von einer Tigerjagd und einem wütend gewordenen Elefanten. Seine Freunde scherzten wie er selber über diese wilden Geschichten, und der Konsul hatte einmal, wenn auch nicht in seiner Gegenwart, die schnurrige Frage aufgeworfen, was für echte Glieder wohl an ihm blieben, wenn er abends ins Bett stiege.
Zur Zeit trug er wiegesagt tiefrotes Haar und einen kurzen schwarzen Schnurrbart; vor etwa einem halben Jahr, als der Doktor ihn kennen lernte, hatte er die Farben umgekehrt getragen. Man munkelte, daß er sich wie ein Perser den Schädel kahl rasieren ließe und zwölf verschiedene Perücken benutzte, vom harten Gelbrot bis zum weichsten Schwarzrot, für jeden Monat eine andre. Sicher echt war, außer seinen Juwelen, nur der steinige Glanz seiner schwarzen Augen, der jedes Mitleid weit von sich wies, und der metallische Klang seiner Stimme, der an die schwere Verhaltenheit des deutschen Waldhorns erinnerte.
„Der Buddha macht schon Nachttoilette“, sagte er plötzlich zu der Frau Konsul, nach dem Koloß am Horizont hindeutend. Der hockte auf seiner weißen Blütenwolke, wie mit einem golddurchwirkten dunklen Florhemd angetan, und sein verwittert lächelndes Antlitz schien von himmlischen Ahnungen umschimmert. „Wir wollen auch bald zur Ruhe gehn“, antwortete die schöne Frau, nur halb einen Seufzer unterdrückend, der den Doktor ebenso sehr entzückte, wie der Witz des Barons ihn verdroß.
Sie traten in die Hotelhalle und begaben sich an den Fahrstuhl, der sie ins erste Stockwerk befördern sollte. Der Baron mit der Dame nahm den Vortritt; vier hatten nicht Platz in dem schmalen Kasten. Als der Doktor neben dem Konsul nachfuhr, bemerkte dieser mit seinem üblichen Lachen: „Famoser Knabe, der Herr von Hinkebein! Gewöhnt meiner Frau die Romantik ab!“
Oben stand der Baron bereits im Begriff, sich von ihr zu verabschieden; in dem elektrischen Licht des Korridors sahen seine Augen noch verhärteter aus, und die ihren noch schmelzender. „Gute Nacht! Auf schönes Wiedersehn!“ sagte er mit der verhaltenen Stimme und zog ihre Hand an seine Lippen; sie nickte, wie schon halb im Traum.
Der Doktor wollte auch etwas Zartes sagen; aber der Baron kam ihm wieder dazwischen. „Gute Nacht, Doktor!“ intonierte er schärfer, ihm die behandschuhte Rechte hinstreckend; „und träumen Sie von edlen Taten!“ Der junge Gelehrte konnte nur spöttisch erwidern: „Leider bin ich kein Joseph, Baron!“ Und unter dem Lachen des Konsuls suchte er, etwas verstimmt, sein Zimmer auf.
Mitten in der Nacht erwachte er schreckhaft, trotzdem er sonst ein gesunder Schläfer war. Ihm hatte geträumt, die schöne Frau habe von fern um Hilfe gerufen, sodaß er aus dem Bett springen wollte; aber am Fußende stand der Baron und hielt ihn an beiden Beinen gepackt, um sie ihm aus dem Leibe zu ziehen.
Während er noch darüber nachsann und seine Glieder erleichtert dehnte, fühlte er unversehens ein Schwanken, als läge er in einer Kajüte. Er hielt es noch immer für Traumnachwirkung, aber da knackte und knarrte es in den Wänden, als wollte das Haus aus den Fugen gehen, und zugleich kam von der Terrasse her ein verworrenes Geschrei vieler Stimmen, sodaß er nun wirklich vom Bett aufsprang.
Also doch ein Erdbeben! dachte er mit einer gewissen Genugtuung, indem er die Beleuchtung andrehte. Er hatte noch keinem beigewohnt und war jetzt einigermaßen erstaunt, daß er von seinem Schreck nichts mehr spürte, auch nichts von der fiebrigen Unruhe, die nach den meisten Beschreibungen mit einem solchen Erlebnis verbunden sein sollte. Freilich wußte er, daß bei Neulingen die Angst am gelindesten auftreten sollte, und daß das Hotel bebensicher gebaut war; aber immerhin, er konnte zufrieden sein mit seinem wissenschaftlich gestählten Gemüt.