Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 3

Chapter 33,667 wordsPublic domain

Zur großen Befriedigung sämtlicher Wohlgesinnten schien durch die nächste Gerichtsverhandlung, die eine öffentliche war, die letztbesagte Meinung bestätigt zu werden; denn als dem Verhafteten all jene Einzelheiten seiner verdächtigen Lebensführung der Reihe nach vorgehalten wurden, war deutlich zu sehn, wie der handfeste Mann aus seiner gewohnten Halsstarrigkeit allmählich gleichsam herausstrauchelte und schließlich einen hilflosen Blick auf den freundlich lächelnden Staatsanwalt warf. Und als dieser den Blick -- was in damaliger Zeit ganz erstaunlich an einem Staatsanwalt war -- ohne Strenge erwiderte, vielmehr den erschütterten Angeklagten mit herzgewinnender Stimme fragte, ob er nicht endlich sein Gewissen erleichtern und durch ein mutiges Geständnis vor Gott und den Menschen reinigen wolle, da übermannte den Werwolf ein solches Weinen, daß die meisten Damen im Zuschauerraum, sogar auch die Witwe des Apothekers, nicht anders konnten und laut mitweinten. Das alles aber machte ihn dermaßen wirr, daß er vor fassungslosem Stammeln kein klares Wort zu entgegnen wußte, sondern nur krampfhaft, während die Tränen ihm in den zitternden Bart niederrollten, bald Ja und bald Nein aus der Kehle würgte, bald mit zerknirschten Geberden nickte, bald widerspenstig den Kopf schüttelte. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen; und also mußte er, bis sein Gewissen zum vollen Geständnis gereift sein würde, oder bis andere sichere Anzeichen für seine Schuld zutage kämen, in die Untersuchungshaft zurückgeführt werden.

Während sich nun die Bevölkerung zwar im Grunde bereits beruhigt fühlte, aber sich umso gründlicher der immer noch schwebenden Sorge annahm, ob der Gerichtshof den Verbrecher füglich zum Tode verurteilen dürfe oder blos lebenslänglich ins Irrenhaus sperren, ward der sittlichen Spannung der Gemüter durch zwei fast unglaublich widerspruchsvolle, jedoch polizeilich verbürgte Zeitungsberichte ein wahrhaft erschreckliches Ziel gesetzt. Der erste Bericht verkündigte nämlich, daß sich der Werwolf frühmorgens nach jener Verhandlung an einem abgerissenen Hemdärmelstreifen in seiner Haftzelle erhängt und auf die Kalkwand der Zelle die Worte gekritzelt hatte: „Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr. Gerechter Himmel, es gibt einen Gott.“ Wohingegen der zweite Bericht besagte, daß der Staatsanwalt am selben Vormittag von dem Anwalt der Apothekerswitwe einen langen Eilbrief empfangen hatte, demzufolge der Werwolf nicht der Mörder, sondern ihr Gatte ein Selbstmörder war. Und zwar wußte die schwergeprüfte Dame dies schon seit dem ersten Anblick der Leiche, da ihr zugleich von den Untersuchungsbeamten der Kavallerie-Revolver gezeigt und von ihr als Eigentum des Toten, aus seinem -- wie man es damals nannte -- freiwilligen Militärjahr her, an einem Rostfleck erkannt worden war. Um indessen -- so legte ihr Anwalt dar -- den guten Ruf des Dahingegangenen, sowohl den moralischen wie besonders den christlichen, ihrer ehelichen Pflicht gemäß nach Kräften aufrecht zu erhalten, habe sie voller Selbstverleugnung so lange wie möglich zu schweigen versucht und deshalb auch die Versicherungssumme ohne Widerspruch hingenommen, zumal ihr Anrecht nach dem Vertragswortlaut als unanfechtbar gelten könne. Da aber nunmehr ein Unschuldiger für die blutige Tat scheine büßen zu sollen, und da inzwischen auch durch die Versicherungsgesellschaft bedauerlicherweise ermittelt worden, daß der Dahingegangene sein Vermögen in Börsenspekulationen verspielt und demnach vermutlich die Ermordung nur zu dem Zweck veranstaltet habe, seine Familie vor dem Bankrott zu retten, so glaube Klientin die traurige Wahrheit nicht länger unterdrücken zu dürfen. Dieselbe gebe der Hoffnung Raum, daß, möge ihr Gatte auch schwer gefehlt haben, das allgemein menschliche Mitgefühl doch seinen furchtbaren Opfertod als genügende Sühne anerkennen und nicht noch seine Namenserben denselben entgelten lassen werde. Welcher Hoffnung dann in der Tat sowohl der freundliche Staatsanwalt wie die gemütvolle Bürgerschaft aufs offenherzigste entsprach, besonders als man noch erfuhr, daß sich die wohlgesinnte Witwe mit der Versicherungsgesellschaft gütlich geeinigt und ein Drittel der empfangenen Summe in aller Stille zurückgezahlt hatte.

Für den erhängten Werwolf freilich war ihr Bekenntnis leider Gottes einige Poststunden zu spät gekommen. Aber zum Glück war vorauszusehen, daß sich die Witwen der beiden Selbstmörder, da die zweite die erste gerechterweise auf Entschädigung verklagen konnte, im stillen ebenfalls gütlich einigen mußten. Auch blieb ja immerhin unentschieden, ob sich der Werwolf nicht doch vielleicht, als er an jenem Tag seine Wohnung verließ, mit der sträflichen Absicht getragen hatte, den Andern meuchlings auszurauben; und jedenfalls ließ sich gewissermaßen eine Art höherer Gerechtigkeit in dem sonst peinlichen Umstand entdecken, daß dieser auf Staatskosten lebende Heuchler, dessen schlechtes Gewissen ihm nicht einmal den ruhigen Genuß seiner Rente erlaubte, sich kurzerhand selbst gerichtet hatte. Viel erschrecklicher war dem gebildeten Teil der überraschten Bevölkerung die ungeheure Verstellungskraft, die den sanften gottgläubigen Apotheker bis zur letzten Minute befähigt hatte, den Schein des Raubmordes herzustellen und Revolver nebst Uhr noch im Todeskampf aus dem Bahnwagenfenster herauszuschleudern. Doch am allerbedenklichsten war die Ungewißheit und bot jedem gründlichen Zeitungsleser noch auf lange Zeit reichlichen Gesprächsstoff, ob der Werwolf nun doch zuguterletzt, laut seiner rätselhaften Wandinschrift, in wirklichen Irrsinn verfallen sei und sich, dem freundlichen Staatsanwalt folgend, für den Mörder gehalten habe. Den Feinden der bürgerlichen Ordnung natürlich erschien das als ausgemachte Gewißheit; ja, ein ruchloser Schriftsteller jener Zeit nannte es gradezu einen Staatsfall und ein fast noch musterhafteres Beispiel von hirnberückender Eingebung -- oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, Suggestion -- als das des berühmten Hauptmanns von Köpenick.

Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht

Novelle aus dem Innern eines Misanthropen

Jan Goderath war sein Name; und er war stolz auf den Namen. Er hatte ihn wieder zu Ehren gebracht, als kein Mensch mehr dem alten Handelshaus traute. Und nun ging er hier durch die fremde Stadt, die ihn plötzlich an jene Leidenszeit mahnte, und konnte sich seinen Trübsinn nicht deuten; die ganze Stadt schien in Trauer versunken.

Freilich: ein Volksmann war gestorben: ein ehrlicher Mann, selbst seine Feinde mußten das zugeben. Und standhaft war er gestorben, nach qualvoller Kehlkopfkrankheit, vor der Zeit: ein Opfer seiner Beredsamkeit. Aber was ging denn +ihn+, den reichen Weltmann Jan Goderath, den unabhängigen Handelsherrn, der ausgediente Volksfreund an! und noch dazu ein Italiäner! Dies Volk war ihm doch eigentlich ein Greuel. Was hatte er mit einem Narren gemein, den seine Schmerzen begeistert hatten, wie andere Narren auch! Wie konnten ihn, den Menschenkenner aus Hamburg, die Trauermienen des Pöbels in dieser fremden Stadt ergreifen?

Und erst dies Genua selbst, ~la superba~, wie diese Söhnchen glorreicher Väter ihr Marmornest noch immer nannten: was war in die bankrotten Wichte auf einmal für ein Geist gefahren? Er besah sich die Vorübergehenden; das stechende Vormittagslicht behagte ihm plötzlich. War das dieselbe träge, schamlos geschwätzige Menge, die ihn noch gestern verdrossen hatte? Alle gingen sie schleichend wie sonst, fast noch schleichender, ohne ihr zweckloses Gliedergefuchtel, und Keiner kam ihm träge vor. Der enge Corso wimmelte wie immer dicht von Menschenköpfen, durch die sich nur selten ein Fuhrwerk schob; aber die Kutscher schrieen heut nicht, jede Stimme klang verhalten, wie durch die grauen Paläste gedämpft, und die Gesichter schienen sich den stolzen Mauern anzupassen, die düster in den blauen Himmel grenzten. Selbst wenn ein schönes Weib vorüberkam, lief ihr kein hündischer Blick aus lüstern schwarzen Augen nach; in allen diesen Augen glomm ein traumhafter Ernst -- was war das nur?!

Schon unten am Hafen war ihm aufgefallen, daß heut die Arbeit ohne Lärm und Flüche und Gelächter vor sich ging; sogar die Maultiertreiber in den Steinbrüchen schlugen weniger roh auf ihr bepacktes Viehzeug los. Doch das, nun ja, das waren Arbeitsleute; denen mochte der gestorbene Gleichheitsmensch wohl wirklich etwas bedeutet haben. Aber hier, im Innern der Stadt, was hatten diese flunkernden Kaufleute, diese Tagediebe und Weiberknechte, mit dem Mann des Volkes zu tun! Und was erst all die Fremden hier! Was gab dem dürren Franzosen dort, mit der Orangenblüte im Knopfloch, solchen feierlichen Ausdruck, daß die beiden Säulen des alten Portals, vor dem er zufällig wartete, wie sein natürlicher Rahmen wirkten, trotz seines modischen Reisehutes. Tat das der Tod?

Nein; dazu war dies Volk von Beichtkindern zu leichtherzig. Erst vorige Woche hatte er in Pisa einen hohen, weit beliebten Beamten zu Grabe bringen sehen: die ganze Stadt war auf den Beinen gewesen, sämtliche Glocken läuteten, acht Barfüßermönche trugen den Katafalk, all ihre Ordensbrüder schritten voraus und goldverbrämte violette Priester, dazwischen Jungfraun in weißen Kleidern und Kinder mit grünen Kränzen im Haar, alle mit großen brennenden Kerzen, Chorknaben sangen Litaneien, zwei Väter Jesu führten die gebrochene Witwe, die Frauen des Gefolges weinten laut -- und eine Stunde später war von dem ganzen Straßenschauspiel auch nicht ein Hauch mehr zu spüren gewesen. Und die Pisaner standen doch im Ruf der Gründlichkeit, er selber hatte sich bei ihnen wohlgefühlt, es mußte da wohl vor Jahrhunderten germanisches Erobererblut in die Bevölkerung gedrungen sein.

Und heut nun, hier in Genua, wo jedes wälsche Unkraut sich sonst brüstete, schon seit dem frühen Morgen diese Stille. Ihm war, als ginge er in einem Strom von Wallfahrern. Was hatte all die Menschen so seltsam in sich gekehrt? Der tote Volksmensch war doch nicht einmal mit Pomp bestattet worden. Kein Mönch noch Priester war dem schmucklosen Holzsarg vorausgezogen; sechs barhäuptige Arbeiter hatten ihn getragen, keine Träne war geflossen, und keine Glocke läutete. Oder wars etwa grade Das? War dieser ungewohnte stumme Eindruck den Schwätzern auf die Seelen gefallen? Dieser farblose Eindruck: der Zug der hundert schwarzgekleideten Männer, wie sie paarweis, alle mit bloßen Köpfen, die Hüte in der Faust, finster und wortlos hinter der Bahre hergeschritten waren, unter dem schwülblauen Himmel. Selbst einen Offizier der Kriegsmarine hatte er da die Mütze lüften sehn.

Und hatte nicht er selber, Jan Goderath, sich da sagen müssen, daß es doch Ahnen dieser Männer waren, die hier die schlichte Straße von Palästen, mit dieser strengen Wucht der Außenwände, dieser ruhigen Kühnheit innen, einst hatten bauen können! Er trat hinein in eines der machtvollen Treppenhäuser. Wenn jetzt durch diesen Säulenhof, in dem die starre Hitze brütete, ein Mann im Arbeitskittel käme, er würde den Hut vor ihm abnehmen. Was war ihm nur?! Ihn konnte doch der Eindruck von ein paar Dutzend Leidtragenden nicht aus dem Gleichgewicht bringen! +Die+ Zeit lag doch wohl hinter ihm; er war doch über die Dreißig hinaus. Gewiß: der Eindruck war schön gewesen, schön und ernst, vielleicht auch edel. Das brauchte ihn doch aber nicht in seiner Ruhe zu stören; er hatte sie sich schwer genug verdient. Was ging denn ihn das wälsche Elend an! dem war ja doch nicht zu steuern. Was ging ihn überhaupt das Leid der Menschen an? Als ob es ohne Leid Glück geben könnte. Das blieb doch in alle Ewigkeit so.

Er trat wieder auf die Straße. Und wieder fühlte er aus allen Augen das stille Flimmern auf sich wirken. Oder störte ihn etwa nur das Licht, das von dem heißen Marmorpflaster prallte? Er ging hinüber in den schmalen Schattenstreifen; es war, als ginge er durch ein Gespinnst, das all die dunkeln Köpfe verband. Und keiner sah doch traurig aus. Es schwebte nur wie eine Andacht zwischen ihnen; als horchten sie auf etwas Fernes, Klares. Das konnte doch der Tod nicht machen? Das konnte doch nicht Ehrfurcht sein? Was galt denn dort dem Fuchsgesicht, was dort den beiden Professoren der Gestorbene mit seinem unklaren Zukunftstraum! Was war das für ein Zwangsgefühl, das diese ganze Stadt erfüllte? und ihn mit! Er war doch schon ganz anderer Stimmungen Herr geworden, die ihn viel näher betroffen hatten: damals, als sich sein Bruder vergiftete -- der hatte auch so rührende Augen wie diese braunen Halunken hier. Ja, damals war ihm der Vater am Herzschlag gestorben, und Er allein hatte alles gerettet.

Er bog in den Platz vor dem Postgebäude; hier staute sich die Menschenmasse. Die Stimmung war noch seltsamer hier. Die grelle Hitze machte alle Mienen noch gespannter; bis unter die Arkaden des Gebäudes schien diese hohe Spannung zu schweben. Selbst der verkleidete Messerhändler, dem sonst sein kriechendes Lächeln so feil wie seine Dolche war, ging heut in seinem blaugestickten Dalmatinermantel wie ein verbannter Fürst umher. Man hörte kaum ein deutliches Wort. Jeder schien sich, wenn er sprach, auf etwas Anderes zu besinnen, etwas Vergessenes, Heimliches. Was war das nur? Hier all die Müßiggänger hatten doch den Toten nicht geliebt! Und Er, Jan Goderath senior: Liebe -- fast hätte er laut losgelacht -- mit +dem+ Gefühl war er doch gründlich fertig! das hatte sein Bruder ihm abgewöhnt. Er atmete schwer auf; was lag ihm an dem kehlkopfkranken Zukunftsapostel! was an dem ganzen Gemurmel hier! Wenn er die Augen etwas schlösse, würde die Stimmung vorüber sein. Nein, selbstverständlich: nur noch beklemmender kam sie dadurch zu Gefühl: ihm war, als stünde er in seiner Vaterstadt, verloren wie ein Blinder, inmitten einer großen Kirchgängerschaar. Er mochte das nicht länger ausstehn. Ein Glück, daß ihn der deutsche Maler erwartete! Das Brustbild sollte heut fertig werden; so beim Modellstehn würde er sein Gleichgewicht schon wiederfinden. Er nahm die Richtung in die obere Stadt.

Denn ja, das Gleichgewicht: das war das Höchste: die starke Vernunft. Die hatte ihn gemäßigt damals, in seinem Wutanfall, als er fast seinen Bruder erschlagen hätte, den toten Schuft, der ihn mit zum Betrüger machen wollte, der Lüderjan! Ja, er war stärker als seine Liebe; er hatte die Probe bestanden. Wie kam er nur darauf, heut sein Gefühl zu befragen? War etwa das Gefühl zu schwach gewesen, wenn die Vernunft so stark war damals? Das war doch dann kein Gleichgewicht! sonst wäre doch Eintracht in seiner Seele. Ein Jahr lang war er nun gereist und glaubte alles verwunden zu haben, und ein paar hundert flüsternde Menschen konnten ihn aus der Fassung bringen? eine Heerde, die sich selbst nicht begriff! Er fuhr sich heftig über die Stirn. Nun: dank der Kunst -- er mußte lächeln -- jetzt war er bald heraus aus dem Geräusch. Hier schlichen nur noch Vereinzelte; wie bloße Schatten sahen sie aus; es schien sie alle etwas nach unten zu rufen.

Er stieg die breite Treppenstraße zu dem oberen Corso hinauf. Er spürte die Apenninenluft schon, trotz der sengenden Sonne. Es war doch ein Wunderwerk von Stadt, schier ebenbürtig der reichen Natur. Welche ungeheure Arbeit sprach allein aus den Grundmauern, auf denen sie rings die Bergterrassen emporklomm, aus den Hunderten von steinernen Stufen hier, den Quadern der Umwallung dort im Zickzack um den Corso, aus all den Brücken über die Felsenspalten, und oben aus dem Zug der Festungsblockwerke, der altersgrau den kahlen Höhenkamm krönte: Das war Alles Menschenwerk! -- Ihm fiel die Inschrift ein, die er heut Morgen am Hafen unten gelesen hatte, an dem Palaste, den einst das genuesische Volk dem greisen Doria schenkte: „~ut, maximo labore jam fesso corde, otio digno quiesceret~.“ Er übersetzte sich das schlechte Latein: „damit er, nun sein Herz von der gewaltigen Arbeit ermüdet ist, in würdiger Muße ausruhen könne.“ Ein Schauer überlief ihn: hier rings auf all den Bergabhängen, die ihn im Halbkreis umarmten, ragte die Arbeit von Hunderttausenden.

Er wandte sich und sah hinunter auf die Stadt. Wie sich da Hohes und Niederes einte -- Paläste und Straßenfluchten, die flachen Dächer und die Türme, Gärten und riesige Wohnhäusermassen -- im wogenden Weißglanz des Mittags. Dort lag die Villa Negro, mit ihrem Park von Lorbeern und Myrten, Zypressen, Palmen, Zitronenbäumen, mit allen Blumen des Orients und jedem Laubholz des Nordens -- so lieblich hatte sie ihm nie gedeucht. Er glaubte das Geplätscher ihrer Springbrunnen, die kleinen Wasserstürze der Grotten zu vernehmen, und ihr zu Füßen das Gewirr der Gassenschluchten, in Zirkellinien um sie her, dies Spinnennetz, dem er soeben entronnen war. Wie sich das nun zusammenschloß, Altes und Neues, unter der glutblauen Himmelsglocke! Jeder dunkle Fleck, selbst die verwitterten Kirchenkuppeln, schien ihm verklärt, bis ins Gewimmel des Hafens hinab. Wie Alles zu ihm herzustreben schien, tief her, fern her: die Menschheit unten, Leuchtturm und Schiffe, das silberweiße blendende Meer -- er mußte die Augen schließen.

Ein heulender Pfiff riß sie ihm auf. Im Tal zur Linken kam ein Bahnzug aus dem Tunnel herausgedampft, der hier im Bogen unter der Stadt herumlief; er schätzte, daß er grad drüber stand. Wenn jetzt die Erde sich öffnete, würde er in den Schienenschacht stürzen, die Mauern des Corsos über ihn her. Auch +un+sichtbar die Arbeit von Tausenden! Vielleicht mit von den Männern, die heute den Toten getragen hatten. Wenn nun die Männer ihr Werk zerstören wollten? Was hinderte die Tausende? -- Ein paar Dutzend Fäßchen Dynamit, planvoll den Tunnel entlang verteilt, würden die Stadt in den Hafen schleudern, samt Festung, Zuchthaus, Irrenhaus. Er hörte die wankenden Felsen schon donnern, die See auftosen und Orkane heulen. Die Dächer der Paläste bäumten sich, Kirchtürme flogen durch die Luft, die Kuppeln platzten, und die Gärten tanzten. In brandgelben Kurven schossen Marmorstatuen ins kochende Meer, Gemäldegalerieen flammten auf, Schiffstrümmer, Bibliotheken. Durch den verfinsterten Himmel, durch Qualm und Feuer und Wolken von Schutt, scholl das Geschrei zerberstender Bürgerbäuche; und oben über dem Rachegericht, auf den umrauchten Höhen des Apennins, standen die Tausende, mit heißen Augen der Märtyrer denkend, die sich da mitgeopfert hatten -- standen zu neuer Zukunft bereit.

Er wischte sich den Schweiß von den Backen. Was war ihm nur! Sah er bei hellem Tag schon Gespenster, wie die Dorfschäfer hinter Hamburg? Was war das für ein Zwangsgefühl? Die Männer unten hatten doch nicht drohend ausgesehen; eher bittend; als ob sie etwas zu erringen suchten. Was hatte Er damit zu tun! er reckte sich. Ja, diese seltsam suchenden Augen; er nickte und schritt weiter, jetzt war er bald am Ziel. Merkwürdig: auch der Maler hatte manchmal diese Augen: halb bettelnd, halb fordernd, der arme Teufel. Nur daß sie grau waren, nordseegrau, wie seine eigenen Augen grau; und doch wie Hundeaugen. Ja: wie ein Schweißhund vor der Jagd: heißhungrig, scheu. Und diese schräge Verbrecherstirn! der filzbraune Spitzbart! die kurzen Beine! Der Mensch war ihm doch eigentlich widerlich. Der paßte unter dies wälsche Gesindel: halb Lazzarone, halb Genie.

Warum hatte er ihn blos ausgesucht? warum sich von ihm malen lassen? von diesem Schächer der Kunst! Wie er ihn immer anstarrte: als wollt er die Seele ihm aus dem Leibe pinseln -- und dann wars nichts als Stückwerk. Was hatte ihn hingeführt zu dem Menschen?! Etwa daß er aus Hamburg war? aus seiner Vaterstadt? -- Pah: Heimweh! lächerlich! Kinderkrankheit! -- Oder daß er mit seinem Bruder befreundet gewesen? Nun, das vielleicht; er wollte sich wohl absichtlich prüfen. Denn vor zwei Jahren hatten sie Drei da oben hinter Hamburg gestanden, auf den Elbhöhen draußen, bei Sonnenuntergang, die Aussicht über den Strom zu Füßen. Der strömte so breit, als wenn das Meer schon anfinge dort. Und der Maler hatte sich abgewandt, die rauchenden Dörfer jenseits anstarrend, die in der Abendglut zu brennen schienen; denn Er, er machte in Bruderliebe, Jan Goderath senior Nachfolger -- er hatte dem Schwächling noch einmal geglaubt, sie waren ja doch Ein Fleisch und Blut -- zwei Tage bevor er es kennen lernte, verachten lernte, dies Fleisch und Blut, die ganze menschliche Sippschaft. Was ging ihn jetzt der Mensch noch an! Der hatte wohl gar um alles gewußt, vielleicht die Wechsel gar fälschen helfen. Nun: morgen würde er weiterreisen, ob nun das Bild heut fertig wurde oder nicht.

So trat er in das Haus hinein. Hier war es kühl, die steinerne Stiege frisch gespült; jetzt würde er gleich Ruhe haben. Wenn +der+ Mensch ahnen könnte, wie ihn der Pöbel entzwei gemacht hatte. Ja: Gleichgewicht! die Eintracht zwischen Vernunft und Gefühl, wie zwischen zwei gleich starken Herrschern: wenn Das zu malen wäre, wenn es das gäbe, in einem einzigen Menschengesicht, in Einer Seele von Mann auf Erden: +der+ sollte sein Freund sein! -- Da stand der Spitzbart schon in der Türe; Bedientenseele! -- Und der also duzte ihn -- dem gab er die Hand -- -- sie gingen vor die Staffelei. Er trocknete sich die Stirn. „Hast du das Kinn nicht zu massig gezeichnet? Ich sehe ja aus wie Bonaparte vor Moskau.“ Der Spitzbart, grinsend: „Mit dem hast du auch manchmal Ähnlichkeit.“ Ach so! das sollte ihm wohl schmeicheln. „Ich habe mit Niemandem Ähnlichkeit; der korsische Dickbauch ist nicht mein Mann.“ Der Andre, kleinlaut: „Das Kinn ist gut. Laß nur die Augen erst fertig sein; es liegt tatsächlich nur an den Augen.“ -- „So? Nun, dann kann man wohl anfangen.“ -- „Ja.“

Er stieg auf das Trittbrett und lehnte sich an das Pfostengerüst. Der dürftige Raum war drückend warm. Vom Apennin her tönte ein Hornsignal. Sie sahen sich schweigend in die Augen; nur das Geräusch des Malens war noch hörbar. Wie ihn der Mensch wieder anstarrte jetzt! Wie er sich quälte für sein bißchen Brot! So quälten Hunderttausende sich! -- Hatte er etwa Mitleid mit ihm? der Reiche mit dem Armen? Er, Goderath Nachfolger -- lächerlich! -- Er hatte doch damals kein Mitleid gehabt, mit seinem eigenen Bruder nicht, als der um Geld nach Amerika bettelte. Nun gar mit diesem wildfremden Stümper? -- „Habt ihr euch eigentlich lieb gehabt?“ hörte er plötzlich wie fernher fragen. Was fiel dem Menschen da drüben denn ein! „Ich spei auf die Liebe!“ er schrie es fast. Warum denn nur? fragte etwas in ihm. -- „Entschuldige!“ hörte er. Schweigen.

Und wieder starrten die Augen ihn an. Und wieder starrten sie nordseegrau. Und in dem Grau war etwas Flackerndes. Was war das nur? Das war ja unheimlich. Das war ja viele Meilen fern; wie ein Gespinnst zwischen ihnen, ein flimmernder Strom, und jenseits brennende Dörfer. Und über den Strom her kamen Tausende, barhäuptig, paarweis, auf ihn zu: die trugen einen Toten. Und starrten ihn an mit Menschenaugen, heißhungrig, scheu, halb bettelnd, halb fordernd. Als wäre etwas in ihm, das sie suchten: etwas Vergessenes, Fernes, Klares. Und plötzlich strahlte es auf in ihm, und strömte über, hin zu ihnen: ein Licht, ein Meer, ein Nebelglanz. „Was +ist+ dir, Mensch?“ rief eine Stimme -- er wankte, taumelte, verlor das Gleichgewicht. Und heiße Tränen machten ihn blind, und blindlings wankte er in zwei Arme, und küßte den Bart, der ihm soeben noch widerlich erschienen war; küßte ihn weinend wie ein Kind, und lachte, und ermannte sich. O, das war mehr als Vernunft und Gefühl! Das war +doch+ Liebe, nicht Mitleid, nein! Das war die Liebe, leidlos ob Fleisch und Blut! die Eintracht und das Gleichgewicht! Das war die Alles beseelende Liebe.

Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich setzen. Er fühlte den kranken Volksmann sterben, der Zukunft zu Liebe, vor der Zeit; er fühlte die Sehnsucht der Tausende leben, wie Brüder zu werden, der Freiheit zu Liebe; er fühlte die Opfer der Arbeit alle, dem Leben Aller, Aller zu Liebe. Und Er? er hatte die Menschen verachtet; er, Goderath, der Menschenkenner! -- Er reichte dem Maler die Hände hin: „Ich hab mich versündigt an meinem Bruder“...

Das Gesicht

Eine halbe Stunde Seelenleben