Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 25

Chapter 251,800 wordsPublic domain

Hätten Hoheit ahnen lassen, oder Excellenz, dies bescheidne Volksfest werde Sie aus der Residenz an unsern aufblühenden Industrieplatz locken --

+Der Rotbart+:

Nein, wir wünschen wiegesagt +keine+ großen Glocken.

+Der Bergrat+:

Zu Befehl, Hoheit.

+Eckart+:

Und wünschen, daß aus dem Wetterschacht dieser spaßhaften Nacht keinerlei ernsthafte Schläge übertag entstehn; Sie lassen, Herr Bergrat, mir darüber Bericht zugehn!

+Der Bergrat+:

Zu dienen, Excellenz.

+Eckart+:

Dann auf glückhaftes Wiedersehn -- --

(Er gibt dem Bergrat gemessen die Hand; dieser verneigt sich zweimal zum Abschied, zieht dann auch vor der Haustürgruppe den Hut, wofür Lise ihm eine Kußhand zuwirft, und verschwindet mit saurem Lächeln nach links.)

+Eulenspiegel+

(seinen Schlüsselbund einsteckend):

Ja, Gevatter, es scheint, du mußt bis zum Räumungstermin in dein Luftschloß entweder durch den Rauchfang ziehn, oder du nimmst hier den Garten als Himmelbett.

+Lise+:

Oder

+Michel+:

Still, du Maulaff!

+Lise+:

Gern, Herr Vormund; mein Maul ist nämlich sehr nett.

(Sie geht und setzt sich an den Gartentisch, während Michel dem Bergrat nachstarrt.)

+Der Rotbart+

(hat sich mit Eckart wieder dem Haus genähert):

Oder, Michel, stimmt dich die +Stadt+ da so tief beschaulich?

+Eulenspiegel+:

Sie deucht dir heute wohl ziemlich morgengraulich?

+Eckart+

(über den Garten zum Himmel hinweisend, eindringlich):

Schau lieber dorthin, wo sich aus höhern Gründen reinere Lichter aufs neue entzünden!

+Michel+:

Ja, ihr Herren! Und Nein! Euch will ichs gerne verkünden. Ihr habt mir beigestanden in dieser Sommerwendnacht, und die hat mein Grünjungengetreide reifer gemacht. Ja, ich +sehe+ ein neues Frührot entbrennen; aber drum, grad drum will ich +nicht+ mehr ins Blaue rennen.

(Sein zerknautschtes Vertragspapier einen Augenblick herauslangend):

Ich will mich mit meiner papiernen Habe aufmachen und nicht ruhn, bis auch Andre aus ihrem Papiertraum erwachen. Ich werde uns erdwüchsig Volk zusammenraffen, wir werden uns jeder Haus und Hof wieder schaffen, Erde, auf der wir mit Lust arbeiten und unsern Kindern ein greifbar Stück Vaterland bereiten; bis in die Städte hinein wird Garten an Garten einst prangen, wird aller Schöpfergeist edleren Boden empfangen, Frucht gegen Frucht tauschen, Saat gegen Saat, Tat für Tat. Und will er +dazu+ sein Handlangervolk befrein, dann soll auch der rote Karl mir willkommen sein: jeder, der ankommt mit einer lichtfrohen Kraft, bis wir das ganze Erdreich erleuchten, wir Neubauernschaft!

+Eulenspiegel+:

die den alten Dunst aus der Pfeife pafft!

+Michel+:

Wie??

+Eulenspiegel+:

O Vetter! dein Luftschloß wird immer -- hm -- allgemeiner. Du redst ja wie’n Buch von Hertzka oder Oppenheimer.

+Lise+

(vom Gartentisch her):

Ja -- solch Mundwerk wie der Herr Vormund hat Keiner.

+Der Rotbart+:

Michel Michael! willst du plötzlich auf Andre bauen?

+Eckart+:

Wo blieb heut um Mitternacht dein Menschenvertrauen? Es war so zerfetzt wie dein Mützenflaus.

+Michel+:

O, ihr Herren, ihr kennt mich noch lange nicht aus! Hab ich nicht Euch, ihr Unbekannten, vertraut? Ich sag euch: Hundert Menschheiten stecken in jeder Haut! -- Seht dort: noch deutet der Himmel erst schüchtern mit Funken an, daß da eine Sonne auflodern will und kann! Horcht hier: noch rührt sich kein Vogelruf im Wald: in einer Stunde schmettert alles und schallt! So wird, wenn +Einer+ erst wagt, Haupt und Herz zu erheben, dieser Eine viel Andre mitbeleben, bis Alle aufglühn zu immer hellerem Geist, wie’s im Liede heißt: Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht --

+Lise+

(singt halblaut, in derselben Melodie wie zu Anfang des Spiels):

jüngstes Gericht -- unter Tag.

+Michel+:

Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht --

+Lise+

(etwas lauter):

wird Wärme, wird Licht -- über Tag.

+Michel+:

Weiter!!!

+Lise+

(mit immer vollerer Stimme):

Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut; Glückauf! Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht; Glückauf! --

+Michel+:

+Ja+, Herren! --

+Eulenspiegel+:

Ja, laß dir nur gründlich die Ohren vollsingen! Das wird dich auf immer gottvollere Sprünge bringen;

(durch die hohle Hand)

man opfert fürn Nachthäubchen schließlich den rosigsten Morgen.

+Michel+:

Dafür, Herr Haubenmatz, laß mich nur selber sorgen! Ich weiß jetzt mein Tag- und Nacht-Gebet, das keine Lichtmaschine mir mehr verdreht. So wird’s auch manch ander Manns- und Weibs-Herze wissen, das heut emporbegehrt aus den Zwielicht-Dämmernissen.

(Nach der Stadt weisend):

Und wenn da unten die Herrschaften etwa dagegenfackeln, dann solln schließlich +ihnen+ die Zippelmützen wackeln!

+Eulenspiegel+:

Dann wirds wohl Zeit, edler Helde, dir endlich Lebwohl zu sagen; sonst gehts womöglich erst mal Uns an den Kragen.

+Lise+:

O, der Herr Vormund kann sich manchmal auch artig betragen.

+Michel+

(nach einer Drohgeberde zu ihr hinüber):

Freilich wüßt ich gerne: wem bin ich zu Dank verpflichtet? Ihr Herren habt mich aus schwerer Schmach aufgerichtet.

+Der Rotbart+:

Dann mag deine Glücksfee dich weiter so dankbereit halten.

+Eckart+:

Schutzgeister +müssen+ geheimnisvoll walten.

(Von rechts her ein Schnurr-und-Knattergeräusch.)

+Eulenspiegel+:

Auch lockt uns plötzlich ein Zaubermaschinenduft: unser Kraftwagen verdirbt deine Morgenluft. Also, hehre Fee, bitte segne den Schicksalslauf!

+Lise+:

Glückauf, ihr Geister!

+Die Drei+

(sind inzwischen nach rechts geschritten):

Glückauf! Glückauf! Glückauf!

(Sie verschwinden nacheinander im Wald.)

+Stimme Eulenspiegels+:

Ich wünsch dir, Michel, noch manche erbauliche Luftschloßbestrebung!

+Stimme Eckarts+:

Nur zerstör nicht den Himmel mit deiner Erdreichbelebung!

+Stimme des Rotbarts+:

Denn, Michel: das Erbgut der Menschheit heißt Erhebung! -- --

(Nochmals das Kraftwagen-Geräusch.)

+Michel+

(ist an der Gartenpforte stehen geblieben, nähert sich nun dem Gartentisch):

Na, du Grasaff?

+Lise+:

Na, Herr Vormund?

+Michel+:

Dir fällt wohl’s Stehn heute schwer?

+Lise+:

Nein, Herr Vormund -- (_erhebt sich_) --

+Michel+:

So -- (_Aufstampfend_) Schockwetter, laß das Gesperr, du dumme Lise! -- Was hast du dir denn gedacht mit deinem Gejachter, so in der Nacht?!

+Lise+:

Ich hab mir gedacht, so in der Nacht, ob der dumme Michel wohl endlich einmal aufwacht und alldas still mit nach Hause bringt, wovon die dumme Lise Lied immer singt. Und weil er so lange ist wer-weiß-wo geblieben, hab ich mir eben derweil ein bißchen die Zeit vertrieben.

+Michel+:

Mit solchem unstatthaften Patron!

+Lise+:

Ist doch eine ganz stattliche Mannsperson.

+Michel+:

Der -- getaufte Jud!

+Lise+:

Ist doch ein sehr altmächtig, erdstark, auserwählt Blut.

(Mit bebender Frage:)

Weißt du nicht mehr: ich kam ja auch wohl aus fernem Süden einst her --

+Michel+

(indem sein Stock ihm entfällt):

Lise!!!

+Lise+:

Michel -- -- (_unsägliche Umarmung_) -- --

+Michel+

(_stammelnd_): O, du all mein einziges, ewiges Herzbegehr -- O, wie lange hast du mich nach dir suchen lassen --

+Lise+:

O, wie lange konnt ichs selber nicht fassen --

+Michel+:

Und nun stehn wir, wie’s einst am Anfang war: im Garten Eden, das erste Menschenpaar. Du meine Welt, du liebe Unruh du!

+Lise+:

Du meine Heimat -- meine Ruh -- --

+Michel+:

Ach, Lise, ich hab so wundervoll heute von dir geträumt!

+Lise+

(sich halb aus seinen Armen lösend):

Und hast beinahe dabei dein wirkliches Wunder versäumt.

(Sie schreiten allmählich aus dem Garten vors Haus.)

Aber vielleicht ist’s wahr, das Sprichwort --

+Michel+:

ach, sei kein Schaf --

+Lise+

(küßt ihn):

ja: den Schafen gibt’s der Himmel im Schlaf. Weißt du, wo jetzt die Schwelle zu unserm Luftschloß steckt?

+Michel+:

Na sag’s mal!

+Lise+

(_auf ihre Brust tippend_): Hier!

+Michel+:

Ja, Herze! das hab ich eben entdeckt.

+Lise+:

Nein, wirklich!

+Michel+:

Wirklich?

+Lise+

(am mittelsten Miederknopf drehend):

Ja, hier!

+Michel+:

Da? -- (_scheu_) in deinem Mieder?

+Lise+:

Ja --! Vielleicht findst du da -- auch den Schlüssel wieder. Such mal!

+Michel+:

Ach, Lise --

+Lise+:

Sieh mal, das macht man so --:

(sie nimmt seine Finger und öffnet damit zwei Knöpfe) --

Siehst du, da +ist+ er -- ganz warm --

(sie drückt ihm den Schlüssel in die Hand)

+Michel+

(_an ihr niedersinkend_): O Lise! -- Oh! --

+Lise+:

Na, darum fällt man doch nicht gleich um in der Welt?!

(Auf das Vertragspapier deuten, das zu Boden geflogen ist:)

Sieh: das Beste hast du noch garnicht gesehn, du Held! Komm, steh auf! (_Sie bückt sich und gibt ihm das aufgeschlagene Papier._)

+Michel+

(_sich erhebend_): Was?! Wie?! Ja, wie hast denn +Du+ das erfuchst?!

+Lise+:

Ja, das hat der Grasaff dem Traubenfuchs abgeluchst.

+Michel+:

Du, Du --!

+Lise+

(_fast streng_): Nein, Michel; gut sein! (_küßt ihn_) --

+Michel+:

Du unbezahlbarer Racker!

+Lise+:

Nicht wahr: mein „Maul“ versteht sich aufs Gold-im-Munde-Gegacker?!

+Michel+:

Dann wolln wir aber das Teufelspapier gleich in tausend Stücke zerreißen und die Fetzen allen guten Geistern zuschmeißen!

(Er tut es; sie klatscht in die Hände dazu.)

Und meins hier auch! (_Er holt sein zerknautschtes Papier aus der Tasche und reißt die Zippelmütze dabei mir heraus._)

+Lise+

(nimmt sie vom Boden auf, während Michel das Papier zerreißt):

Nanu, du: was ist denn daas?

+Michel+:

O -- das ist blos so’n kleiner Traumgeisterspaß --

+Lise+:

Na, dann schließ mal auf, du; ich werd sie dir flicken!

+Michel+

(den Schlüssel ans Türschloß setzend):

In Unserm Haus, Du --

+Lise+:

Du --! nicht wieder gleich in die Kniee knicken!

+Michel+

(die Tür breit aufsperrend):

Aber den Trauerschleier erst ab!

(Er tritt von der Schwelle zurück zu ihr, nimmt ihr hastig Diadem und Schleier vom Haar, will beides auf die Erde werfen)

Der soll heute Morgen für immer ins Grab!

+Lise+:

Aber der Stern, der muß in mein Kämmerlein!

(Sie wirft lachend das Diadem in den Hausflur.)

Und mein Glücksstab, Michel, hinterdrein!

(Sie schleudert den Stab, den sie bis jetzt immer festhielt, in hohem Bogen durch die Tür; man hört ihn auf der Treppe poltern.)

So! -- (_Sie hebt winkend die Zippelmütze --: läßt plötzlich schreckhaft den Arm wieder sinken, da Michel wie entgeistert zurückweicht, die eine Hand aufs Herz pressend, die andre vor die Stirn schlagend._) Aber +was+ denn, Michel?! Was träumt dir?!

+Michel+:

Nein -- Nein! -- Sehr wirklich! -- Dieses Haus ist +nicht+ mein! Du sollst mich nicht zu Unehr mit deinem Gewinke verführen; lieber will ich nie wieder ein Glied von dir berühren! Ich habe mein Wort, du, meinen Handschlag dem Mann da verpfändet; das wird nicht durch Weiberfingerspiel umgewendet!

(Auf die Papierfetzen weisend):

Da, die Schrift da, die kann der Wind verwehn; hier das Wort in mir, das bleibt ewig stehn! Und will mich der Bergrat noch heute aufs Straßenpflaster jagen, ich werde gehn, und müßt ich den ganzen Kram drin zerschlagen! Das ist einfach meine verfluchte Pflicht, schlicht und richt; ich hab sie mir selber zuzuschreiben.

+Lise+:

Aber

+Michel+:

Nichts „aber“! Willst du ’nen Hundsfott beweiben?? Und gesetzt selbst, wir wollten’s so hündisch treiben: ich sag dir: macht sich der Mensch mal gemein, die Welt wird noch x-mal gemeiner dann sein. Heute Nacht der Bergrat gab mirs sehr dürr zu kauen: die Grubengesellschaft hat Alles hier sowieso in den Klauen.

+Lise+

(für sich):

O Fuchs --

+Michel+

(sich reckend):

Also bleibts dabei: Neu Land wird beschafft, wo keine Maulwurfshand uns die Wurzeln wegrafft! wo wir Kraft haben dürfen wie unsre Erdschollen und Luft und Licht schöpfen, soviel wir wollen! Und gibt die Heimat kein solches Land mehr her,

(wild und weh:)

dann, Lise, dann tragen wir Deutschland übers Meer! Verstanden?!

+Lise+:

Dann, Michel, dann will ich nur beten, daß unsre Schutzgeister gnädigst dazwischentreten, du lieber, einziger, grenzenloser Mann! Denn wenn sie’s nichttun: (_beklommen_) wo soll denn dann unsre -- Hochzeitsfeier sein? und wann?

+Michel+:

Wann? -- Wann?? --

(nimmt sie stürmisch auf beide Arme hoch)

+Lise+:

Nein, Michel, nicht!!!

+Michel+:

Nein?? --

(macht grimmig Miene, sie niederzusetzen)

+Lise+

(_ihn bang umhalsend_): Ja, Michel, schnell -- --

(Er trägt sie über den schwarzen Schleier hinweg ins Haus; auf seinem Rücken baumelt in ihrer Hand die zerrissene Zippelmütze.)

+Eulenspiegel+

(taucht aus dem Souffleurkasten auf, seinen Schellenzipfel schwingend):

+Es lebe dein Stammhalter, Michel Michael!!!+

(+Vorhang+)

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* Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig *