Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 24
Ja, notieren Sie’s nur! ich stell’s gerne auch noch unter Eid! O, mit welchem Brustkorb voll Feiertagsgläubigkeit kam ich heut auf dies Fest, dies Volksfest, her in die Stadt! Wie hatt ich mein einsames altes Waldnest satt! wie sah ich die Welt hier von neuen Lichtern leuchten, die mir alles Leben weiter und größer zu entfalten deuchten!
(halb zum Rotbart und Eckart hingewendet:)
wie war ich willens -- die Herren da sind mir Zeugen -- jedem überlegnen Geist mich mit Kopf und Kragen zu beugen! wie glaubt ich, daß hier, wo Männer zum Wahlkampf rüsten, die rechten, aufrechten Vorbilder ragen müßten, einen Kerl wie mich zu vornehmer Art anzuleiten! Und was fand ich? (_Zornschluchzend_:) Lauter Gemeinheiten!
+Eckart+
(_dumpf_): Gemeinheiten.
+Eulenspiegel+:
Na heul nicht, Michel!
+Der Rotbart+:
hast höhere Obrigkeiten!
+Der Landrat+:
Was?! Schwerebrett ja, was unterstehn Sie sich! Ich verbitt mir, meine Herrn da -- wer +sind+ Sie eigentlich?! wie +heißen+ Sie?! (_Inzwischen hat sich im Hintergrund ein Haufen maskierter Leute versammelt, darunter das Bürgermeisterpaar Arm in Arm, und ein lärmender Wirrwarr drängt gegen den Rücken des Landrats._)
+Drei Bengelstimmen+
(plärren aus dem Gedränge):
(_weinerlich_) Fritze! (_dreist_) Peter Paul! (_ruppig_) Ludewich! --
+Der Landrat+:
Himmelkreizrudiment, Herr Kaplan, da soll man nicht fluchen?!
(+Drei Kobolde+ kommen plötzlich zum Vorschein, der erste ohne Mütze und mit flennender Miene.)
+Michel+ (_für sich_):
Träum ich?
+Der Landrat+:
Verflixte Bengels, was habt ihr hier noch zu suchen! Ehrwürden hat euch doch extra vorhin zu Bett gejagt!
+Der Pastor+:
Ich auch, Herr Landrat!
+Erster Kobold+
(_weinerlich_): Ich will meine Mütze!
+Der Landrat+:
Waas?
+Zweiter und dritter Kobold+:
Mütze!
+Erster+:
Ja --! Mutter hat gesagt: Fritze, hat sie gesagt --
+Zweiter und dritter+:
Dusselfritze!
+Erster+
(+weinerlich+): Dusselfritze --
+Zweiter+:
erst gehst du und holst deine Zippelmütze!
+Erster+:
Zippelmütze --
+Dritter+:
Da liegt sie!
+Der Landrat+
(_verlegen sich wegdrehend_): Ä -- bitte, Herr Bürgermeister!
(Er nimmt ihn beiseite, gestikuliert mit ihm.)
+Erster Kobold+
(hat die Mütze vom Boden genommen):
Kaputt -- (_und läßt sie wieder fallen_) --
+Michel+:
Na heul nicht, Fritze. Kuckt, kleine Geister, was +hier+ liegt!
+Die Kobolde+:
Geld! richt’ges Geld!
+Michel+:
und’n ganzer Haufen! Da grappscht! da könnt ihr zehn neue für kaufen.
(Während sie aufsammeln)
Und sagt eurer Mutter: der deutsche Michel läßt grüßen, und die alte Schlafmütz, die hat er heut Nacht zerrissen. So; nu geht zu Bette!
+Erster Kobold+:
Dank schön.
+Zweiter+:
Hurrra!
+Dritter+:
der deutsche Michel soll leben!
+Erster und zweiter+:
leben! leben!
+Eulenspiegel+
(während die Kobolde verschwinden):
So, Herr Vetter; nun könnten wir uns auch wohl ins Nest begeben!
(Die Tanzmusik macht wieder Pause.)
+Michel+:
Wir? -- Ich hab meine Rechnung hier noch nicht klapp!
+Der Landrat+:
Ist geschenkt! Er kann jetzt abschwirren. Ab! Man kennt ihn!
+Michel+:
Man soll ihn noch mehr kennen lernen!
+Der Pastor+:
Ein Diener des Friedens rät Ihnen, sich zu entfernen, Herr Michael. Wahrlich, Sie mißbrauchen
+Der Landrat+:
Schon gut, Herr Pastor; den muß man anders anhauchen. Marsch nach Hause, Bursche! (_Michel zuckt auf._) Und sollt er sich weiter erfrechen, dann -- (_er gibt dem Bürgermeister ein Zeichen_) --
+Der Bürgermeister+:
Sofort, Herr Landrat! (_geht eilends ab._)
+Michel+
(den Hut lüftend):
Herr Pastor, ich will den Herrn Bergrat sprechen; wo +ist+ er?
+Der Landrat+:
Er hat hier garnichts zu wollen!
+Michel+:
Wo +ist+ er?!
+Der Landrat+
(zurückweichend, etwas torkelnd):
Kreuzschwerebrettnochmal, er soll sich nach Hause trollen! verstanden?!
+Der Rotbart+:
Michel Michael, halt deine Hand im Zaum!
+Eckart+:
Bleib deiner mächtig, Mann; alles Andre ist Traum.
+Michel+:
Wo ist der Bergrat?! Er wird mir Rede stehn; er versteht mit uns Volk menschlich umzugehn.
(Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
+Der Landrat+:
Meine Herren und Damen! ich rufe Sie sämtlich zu Zeugen: ich habe -ä- Alles getan, um Exzessen vorzubeugen. Hab ich, meine Herren?
+Chor der Herren+:
Jawohl, Herr Landrat! Alles!
+Der Kaplan+:
fast übergebührlich!
+Der Landrat+:
Meine Damen?
+Chor der Damen+:
Jawohl, Herr Landrat!
+Die Bürgermeisterin+:
schon beinah unnatürlich!
+Der Landrat+:
Demnach -ä- warn’ich den Delinquenten zum letzten Mal: derselbe hüte sich hierorts, in diesem -ä- städtischen Festlokal, vor Widerstand gegen die Staatsgewalt!
+Michel+:
Wie? -- Ich seh hier nur Leute in allerhand Maskengestalt.
+Der Landrat+:
Ruhe!!!
+Der Kaplan+:
Wenn Sie wünschen, Herr Landrat, bin ich im Amtskleid erbötig
+Michel+:
Ja: Euresgleichen hat keine Maske erst nötig!
+Eine Dame+:
Hihihi --
+Einige Herren+:
hähähä -- hahahah --
+Der Kaplan+:
Un-er-hört!!
+Der Pastor+:
Es scheint, Herr Collega, der Ärmste ist geistig gestört.
+Der Landrat+:
Ja! Sag er mal, Wertster: ihm brennt’s wohl im Kopp, das Stroh?!
+Michel+:
Darauf, Allerwertster, darauf antwort ich so -- --
(er kehrt ihm den Rücken und schlägt sich aufs Hinterteil; die Tanzmusik bricht quietschend ab, und ein langer starker Baßton erfolgt) -- --
+Die Herren+:
Hă!!
+Die Damen+:
Ohh -- -- (_man fährt mit den Taschentüchern zur Nase und wendet sich ruckhaft von Michel weg._)
+Der Landrat+:
Aber das schreit ja zum Himmel mit dem Rüpel da! Ist denn kein Gummiknüppel da?! Herr Bürgermeister!!!
+Der Bürgermeister+
(_vom Hintergrund her_): Sofort, Herr Landrat!
+Der Landrat+:
Ja bitte, fix!! Platz da, meine Damen!
+Der Bürgermeister+:
Vorwärts, Leute! da steht der Taugenix.
(+Drei Polizisten+ marschieren auf.)
+Eulenspiegel+
(mit der Pritsche klappend):
Halt! Vorsicht! hier riecht’s nach Dynamit!
+Der Landrat+:
Ruhe!!! Vorwärts, Kerls! Losungswort: Moabit! Los!
+Der Bürgermeister+:
Los, Leute!
+Michel+
(mit beiden Händen seinen Stock aufstemmend):
Halt!! Noch steh ich Gewehr bei Fuß; aber wer den Michel anrührt, den haut er zu Mus!
+Der Landrat+:
Also Achtung! Plempen raus! Hoch das Bein! Immer druff!
+Die Polizisten+
(blank ziehend und vorrückend):
Immer druff! immer druff! immer druff --
+Michel+:
druff! knuff!!
(rennt sie mit quergenommenem Stock übern Haufen.)
+Die Damen+:
Huch -- (_flüchten samt den Herren nach hinten; zugleich aber kommen +drei andre Polizisten+ von rechts aus dem Laubengang gestürzt, fallen Michel in den Rücken und nehmen ihn fest_) --
+Die Polizisten+:
Du Luder! du Mistvieh! du Aas! Lumpenhund! Uff, Kanalje! Uff jetzt! Na warte: wir drehn dir die Knochen schon rund!
(Sie zerren Michel vom Boden und drücken ihn in die Kniee; zwei Mann halten seine Füße gepackt, je zwei seinen rechten und linken Arm.)
+Der Landrat+
(wieder nähertretend):
Stillgestanden! -- So, Bursche: jetzt wird er wohl kirre sein. Legt ihm Handschellen an!
+Michel+
(_aufbrüllend_): Nein!!! Nein, schrei ich! Nein! Beim ewigen Gott: lieber hackt mir die Arme vom Rumpf!
+Der Landrat+:
Ruhe!!!
+Michel+:
Ich will Alles, was ich habe, mein Haus, Stiel und Stumpf, der Staatskasse schenken!
+Der Landrat+:
Schluß jetzt! (_Zu den Polizisten_) Tut eure Pflicht!
+Der Rotbart+:
+Halt+! Das wird nicht geschehen! +dem+ Mann da +nicht+!
+Eckart+:
Trage Jeder, der richtet, Scheu vor höherm Gericht!
+Der Landrat+:
Waas! -- Ja zum Teufel, da soll doch -- das ist ja wahrhaftigen Gott das reine Anarchistenkomplott! Herr Bürgermeister!!
+Der Bürgermeister+:
Herr Landrat? --
+Eulenspiegel+
(während die Beiden erregt zusammen tuscheln und der knieende Michel stumm mit den Polizisten ringt, zum Rotbart):
Gnädiger Herr, ists erlaubt, die Narrheit loszulassen gegen ein närrisches Haupt?
+Der Rotbart+:
Tu, Schalk, was dein Witz und -- dein Herz dir erlaubt!
+Eulenspiegel+:
Dank, Herr -- (_er verneigt sich und eilt nach links davon_) --
+Der Bürgermeister+
(vor Michel und seine Häscher tretend):
Halt, Leute! -- Arrestant Michel Michael, wir wollen Rücksicht nehmen auf Ihren submissen Gnaden-Apell und Sie einfach abführen lassen, ohne Verwendung von Handschellen, unter der Bedingung: Sie nennen Ihre Spießgesellen.
+Michel+:
Wie --?
+Der Bürgermeister+
(auf den Rotbart und Eckart hinüberweisend):
Wer sind diese Herren, mit denen Sie sich nicht scheuten, unsre vaterländische Feststimmung unziemlich auszubeuten?
+Michel+
(immer noch knieend, stier vor sich hin):
O Deutschland -- --
+Der Landrat+:
Na +wirds+ bald?!
+Stimme des roten Karls+:
man stopp!!!
+Immer mehr Stimmen von draußen her+:
man stopp! man stopp! man stopp!
(Zugleich wird wieder das dumpfe Geräusch der stampfenden Maschine hörbar.)
+Der Landrat+
(sich die Ohren zuhaltend):
Himmelkreizsackerment, tanzt denn heute der Deibel Galopp?!
(Von links erscheinen +Eulenspiegel+, der +rote Karl+ in seiner Militär-Uniform, jetzt aber mit Schlapphut und ohne Gesichtsmaske, und die maskierten +Bergknappen+; die meisten etwas angezecht, alle mit leeren Sektflaschen, die sie bedrohlich wie Keulen schwingen.)
+Der rote Karl+
(während Eulenspiegel mit der Pritsche den Takt dazu klopft):
Stopp! Hie Knappschaft!
+Die Bergknappen+:
Knappschaft!
+Der rote Karl+:
Glückauf!
+Die Bergknappen+:
Glückauf!
+Der rote Karl+:
Jeder Knappe im Schacht nehm sich vor falschen Wettern in Acht! Licht aus!!! (_Er haut seine beiden Flaschen aneinander zu Scherben; sofort erlöschen die elektrischen Ampeln. In der Dunkelheit geben jetzt nur die Laternchen an den Tschackos der Bergknappen spärliches Licht. Man sieht, wie sich Michel von seinen Häschern losreißt, seinen Stock ergreift und um sich schlägt. Dazu Gerassel von Säbeln und zerschmissenen Flaschen, Geschrei der flüchtenden Damen und Herren, und Eulenspiegels Pritschengeknalle._)
+Die Bergknappen+
(durch den Tumult hin und her trottend):
+Aus+ das Licht! +Aus+ das Licht! Irrwischfunken zünden nicht!
(Michel stimmt ein):
Sumpfgesindel! Unkenbrut! fang mal Feuer, faules Blut!
+Der Rotbart+:
Aber Michel! Kerl! du verbläust ja mein Schwert!
+Michel+:
Immer druff! Meines Vaters Stock ist zehn Schwerter wert!!!
+Die Bergknappen+:
Wert oder nicht, wert oder nicht, schlagt in Stücken, was zerbricht!
+Michel+:
Sind zerbrochen alle Klingen, kann man noch den Knüppel schwingen! Sieg!!!
(Man sieht im Hintergrund durch den Saal die letzten fliehenden Amtspersonen mit flüchtig aufflammenden Zündhölzchen rennen.)
+Die Bergknappen+:
Sieg! Hurra, Sieg!!!
+Der rote Karl+:
Glückauf, Genossen!
+Die Bergknappen+:
Glückauf!!!
+Eulenspiegel+
(mit Schellengebimmel):
Es lebe der ganze, allbeglückende Volksfestverlauf! -- Nun, Held Michel, wie steht’s? vollständig heil und gesund? Laßt mal sehn! (_Die Bergknappen nehmen die Tschackos ab und beleuchten ihn mit den Grubenlichtern._)
+Michel+:
Mir fehlt blos ein guter Trunk zur Stund.
+Eulenspiegel+:
Ih! -- Na, dann mal her den Rest von der Kesselbefeuchtung!
+Michel+:
Nein, Wasser!
+Eulenspiegel+:
Ah, Wasser!
+Die Bergknappen+:
Hahahah! Pros’t!
+Eulenspiegel+
(nochmals bimmelnd und nach draußen gewendet):
Heeda! Beleuchtung! wo gibts hier Wasser?! Licht an!!! (_Die elektrischen Ampeln flammen zum Teil wieder auf; man sieht am Boden zerbrochene Flaschen, zertrampelte Zylinderhüte und zerrissene Maskenstücke liegen._)
+Michel+:
Aber erst sag ich Dank! Roter Karl, ich werd’s dir mein Lebenlang nicht vergessen! (_er schüttelt ihm die Hand._)
+Der rote Karl+:
Genossen, seht ihr?! was hab ich gesagt! jetzt ist er Unser! (_klopft ihm gnädig die Schulter._)
+Die Bergknappen+:
Hurrra!
+Michel+
(_zurücktretend_): Wie??
+Der rote Karl+:
Na, man unverzagt! Hurra schrein wir blos noch so aus alter Gewöhnung.
+Michel+:
So --: Das also ist eure Menschenbrüderversöhnung:
(draußen klappt plötzlich die eiserne Tür zu, und das Geräusch der Maschine verstummt)
einen Mann aus den Klauen der Überzahl glücklich rauszukloppen, um ihn dann in +euern+ Mehrheitsrachen zu stoppen --: die Sorte Brüderlichkeit, die ist mir zu gleich und frei!
(+Ein Maschinenheizer+, unmaskiert, bringt ein Bierglas voll Wasser; Michel schiebt ihn unsanft beiseite.)
Weg da! Bleibt mir vom Leibe mit eurer Nothelferei! die könnt ich besser bei der Bergratsgesellschaft finden.
+Die Bergknappen+:
Hoh! Frechheit! Haut ihn!
+Michel+:
Ja, haut ihn, den Plumpsackblinden! Ihr habt viel gelernt von denen, die euch schinden, aber eins, darin sind sie euch doch noch voran: sie sehn blanke Pfennige nicht für Goldstücke an, sie wissen Bescheid über ihre eigne erbärmliche Kleinheit --
(zu Boden starrend, halb für sich:)
O Menschheit, dein Erbteil heißt Gemeinheit! --
+Die Bergknappen+
(zumteil vom Leder ziehend):
Was?! Lyncht ihn! spießt ihn! Du Scheißkerl! Schuft! Lausejunge!
+Der Rotbart+
(sein Schwert aus der Scheide reißend):
Zurück!!!
+Eckart+
(einen großen Revolver aus der Kutte langend):
Sonst ertönt hier eine noch lautere Zunge!
+Eulenspiegel+:
Und, meine Herren, Sektproppen knallen doch angenehmer. Auch läßt sich der Rest der Ladung viel sicherer und bequemer +ohne+ Bratspießgefuchtel fürs Allgemeinwohl verwenden, zumal da sich Spieße leicht umdrehn unter Geisterhänden.
+Einige Bergknappen+:
Hahahah!
+Eulenspiegel+:
Ja, die Welt ist seit Alters voll scharfer Plempen; und wie bald, wie bald kann das Häuflein Gemeinheitskämpen, das vor Unserm Gemeinsinn ausriß mit Hasenbeinen, verstärkt als Werwolfshaufen wieder erscheinen! Also, meine Herren, verzeihn Sie: ich möchte meinen --
+Die Bergknappen+:
Hm -- ja -- verdammt ja -- sehr wahr! -- Weg!! Kommt, Kinder! Weg! Nach Hause!!
+Der rote Karl+:
Still, Genossen!
+Die Bergknappen+:
Hoh! ohoh!
+Der rote Karl+:
Aber Schwerenotdonnerblech, so hört doch!
+Die Bergknappen+
(ihre Degen einsteckend und torkelbeinig nach links abziehend):
Blech! marsch! halt die Schnauze! sonst gibts’n Tritt! komm unsern Sekt aussaufen! marsch! nach Hause! komm mit!
+Der rote Karl+:
Dann sauft, Viecher -- _(lauter)_ Michel, wir sind noch nicht quitt! -- --
(Er schreitet langsam den Andern nach.)
+Eulenspiegel+
(da Michel mit seinem Stock am Boden herumbohrt):
Nun, Gevatter Helde? du schaust ja so tiefsinnig nieder. Es scheint, deine Zippelmütze bezaubert dich wieder.
(Indem er sie auflangt:)
Sie ist zwar ein bißchen stark ramponiert; aber vielleicht hast du jemand, der sie dir repariert? -- Bitte -- (_er überreicht sie ihm_) --
+Michel+
(in sich gekehrt):
Ja --: zur Erinnrung an diese Geisternacht -- und zum Zeichen: der Michel ist aufgewacht! --
+Eulenspiegel+:
Ist er? --
+Der Rotbart und Eckart+
(während der Vorhang sich schließt):
aufgewacht -- --
*
+Eulenspiegel als Zwischenredner+
(von links kommend, klappt mit der Pritsche):
Hochgesinnte Gönner! (_bimmelt mit der Schelle_) sinnige Gönnerinnen! der Akt der Rache kann jetzt beginnen. Sie suchen wahrscheinlich bereits mit dem Opernglase nach der wohlverdienten, gespenstisch langen Nase, die ich unserm Dichter untertänigst in Aussicht stellte. Jedoch ich frage Sie: +wäre+ er dann der Geprellte? Nein, diesen Kopfverdreher müssen wir noch verdrehter anfassen. Er hat sich ohnehin zu Anfang gewiß nicht träumen lassen, hier als Nachtmützenhüter für Michels Haushalt zu enden; ich bitte ihm also Ihren wärmsten staatsbürgerlichen Beifall zu spenden, das wird seinen Weltbürger-Größenwahn gründlich vernichten. Er wollte drum -- im Vertrauen gesagt -- garnicht weiterdichten, aber da kennt er die Traumweltgesetzgebung schlecht: unser Herr und Meister, jetzt ist er unser Knecht! Soll uns etwa, ihm zu Gefallen, der Weltgeist spurlos verschlingen und die deutsche Geheimpolizei immer mehr in Mißkredit bringen? Noch ahnt ja keine Seele, was wir in Wirklichkeit sind; an Geistererscheinungen glaubt doch kaum noch ein Kind. Vor allem sind wir -- auf den Ausgang der Handlung gespannt; denn es ist doch für den Fortbestand der christlich-germanischen Menschheit die unumgänglichste Pflicht, daß der Michel seine Lise krigt.
(Hinterm Vorhang rhythmisches Händegeklatsch.)
Da! man klatscht schon! -- Heiliger Pritschenschall, das klappt ja, als wär bereits Hochzeitsball.
+Lise Lied+
(singt hinterm Vorhang, und Eulenspiegel spricht horchend Zeile auf Zeile nach):
Tapp tapp, wer kommt da querfeldein? Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein, Trab Trab! Die Jungfer Tauduft putzt sich hier; sie schlägt den Schleier auf vor dir, klapp klapp!
+Eulenspiegel+
(nachdem er die letzte Zeile wiederholt hat):
Sie schlägt vielleicht noch mehr auf, klapp; da geh ich diskreterweise ab.
(Er verschwindet nach links, den Vorhang mit wegziehend.)
Fünfter Aufzug
(+Bild+: wie beim ersten Aufzug. Am Gartentisch sitzt +Lise+ mit dem noch immer maskierten +Bergrat+; Beide klatschen mit den Händen den Takt des Liedes. Sie hat den Schleier zurückgeschlagen, und ihr Wünschelstab steht an die Haustür gelehnt. Es ist noch erstes Morgengrauen; später wird der Himmel hinter den Bäumen heller und färbt sich schließlich mit goldner Röte.)
+Lise+
(singt weiter):
Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz; nur hol erst deinen goldnen Kranz, Trab Trab! Wer zu ihr will, muß früh aufstehn; wer’s tut, dem patscht sie auf die Zehn, schwapp!
+Der Bergrat+
(ihre Hände fassend):
Schwapp, gefangen! Jetzt fordr’ich Lösegeld.
+Lise+:
Das kann doch keiner zahlen, dem man die Hand festhält?
+Der Bergrat+
(sie freigebend):
Ach, Fräulein Lise: wirklich: Sie machen mich rein zum Kind. Sie tun ja viel stachliger, als Sie sind.
+Lise+:
So? Wie bin ich denn?
+Der Bergrat+:
Sie sind so zum küssen nett, so wie Dornröschen in ihrem moosgrünen Bett, als endlich der Ritter kam und sie nannten sich Du --
+Lise+:
Halt, Herr Ritter: so spornstreichs gehts nur im Märchen zu.
+Der Bergrat+:
Aber ich bitte doch schon die ganze Nacht so heiß wie ein Glühwurm, Schatz!
+Lise+:
Herr Glühwurm, erst für den Schatz den Preis!
+Der Bergrat+:
Aber Kind, du liegst ja wie’n Füchslein danach auf der Lauer.
+Lise+:
Ja, Herr Fuchs; sonst bleiben die Trauben sauer.
+Der Bergrat+:
Liebes Fräulein Lise: hier, bitte, sehn Sie mein ehrlich Gesicht!
(Er will sich die Maske abnehmen.)
+Lise+
(ihn nasenstübernd):
Nein, lieber nicht. Ich finde die meisten Herren maskiert viel netter.
+Der Bergrat+:
Alle Wetter! -- Ja aber, du Satansmädel: was spukt dir im Schädel! solch Grundstück ist doch kein Puppenlappen!
+Lise+:
Ja aber, Herr Satan, ich bin doch auch ein recht schmucker Happen.
+Der Bergrat+:
Und blos, weil der -- Vormund das Haus behalten soll?
+Lise+:
Was dachten +Sie+ denn?
+Der Bergrat+:
Mädel, mach mich nicht toll! Sag, wo hast du den Schlüssel?!
+Lise+:
Nein wahrhaftig, den haben die Raben; ich muß ihn im Stadtpark verloren haben.
+Der Bergrat+:
Liebes goldnes Mädel, ich hüll dich in Sammt und Seide!
+Lise+:
Lieber toller Herr Bergrat: bitte, drei Schritt vom Kleide! Sonst zieh ich gleich wieder den schwarzen Schleier vor und stopf mir moosgrüne Watte ins Ohr.
+Der Bergrat+
(das Vertragspapier aus der Brusttasche nehmend und entfaltend):
Nun -- dann hier, Fräulein Lise. Der Fuchs ist zwar manchmal ein Dieb, aber immer ein Ritter.
+Lise+:
O, +das+ -- nein, ist +das+ aber lieb! Nein wirklich: das ist einfach lieb von Ihnen!
+Der Bergrat+:
Und die Trauben?
+Lise+:
Oh -- die werden vielleicht noch Rosinen. Hier schenk ich Ihnen meinen aller-aller-unsauersten Kuß.
(Sie küßt ihm die Hand und springt rasch weg; steckt das Vertragspapier dann ins Mieder.)
+Der Bergrat+:
Das war aber ein sehr, sehr vormundhafter Genuß.
(Auf ihr Mieder deutend):
Darf ich nicht wenigstens beim Verschluß der Schatzkammer helfen?
+Lise+:
Nein, das dürfen vorläufig nur im Mondschein die Elfen.
+Der Bergrat+:
Ach, liebstes Fräulein Lise, sein Sie doch gut zu mir!
+Lise+:
Ach, liebstes Herrlein Bergrat --
+Der Bergrat+:
Racker, ich sage dir: mach mich nicht wild, ich hau dich!
+Lise+:
Erst kriegen! erst kriegen!
+Der Bergrat+
(ihr nachsetzend):
Na wart du! ich werd dir die Hexenbeinchen schon biegen!
(Zugleich erscheint von links +Michel Michael+; hinter ihm +Eulenspiegel+, der +Rotbart+ und +Eckart+. Lise sieht es und läßt sich vom Bergrat fangen.)
+Michel+
(kraß auflachend):
Hahahah, ich -- heut lern ich noch blocksberghoch fliegen -- -- (_Dumpf_) O Lise -- (_Zum Bergrat, wild:_) Weg jetzt!!! Marsch aus dem Garten, Sie --
+Der Bergrat+
(ihm ruhig nähertretend):
Sie --?
+Michel+:
Scheren Sie sich! Hier bin +Ich+ Herr!!
+Der Bergrat+:
Wie --?
+Michel+
(zusammenzuckend, sich abwendend):
Ja so! -- Verflucht ja --
+Der Bergrat+:
Ja -- jetzt bin +Ich+ es --
+Lise+
(_spöttisch, halblaut_): So --?
+Der Bergrat+:
Ach so; verdammt ja -- (_wendet sich gleichfalls ab_) --
+Michel+
(_reckt sich wieder_): Ich sag Ihnen, Mensch, sein Sie froh, daß mein Stock schon Arbeit gehabt hat heut Nacht! Aber nehmen Sie trotzdem, rat’ich, Ihr Corpus juris in Acht: bis zum Räumungstermin ist das Haus noch Mein! Also Marsch jetzt!!
+Lise+:
Aber Michel!
+Michel+:
Schweig jetzt! Pack dich hinein! Wo ist der Schlüssel?!
+Lise+:
Futsch.
+Michel+:
Quatsch nicht!!
+Lise+:
Verloren.
+Michel+:
Lüg nicht noch obendrein!!
+Lise+:
Wie werd ich denn das dem Herrn Vormund zu bieten wagen?
+Michel+
(an der Türklinke rüttelnd):
Himmelkreuz -- (_will Lisens Stab zerschmeißen_) --
+Lise+:
Nicht, Michel! nicht meinen Glücksstab zerschlagen! o bitte, nicht wüst sein -- (_entwindet ihm den Stab_) --
+Der Bergrat+
(_den Hut lüftend_): Fräulein Lise, ich will jetzt gehn; aber ich hoffe
+Michel+:
auf Nimmerwiedersehn!!!
+Der Bergrat+:
Das dürfte wohl nicht von +Ihnen+ abhängen, denke ich.
+Lise+
(halblaut):
Wer weiß, Herr Traubenräuber --
+Der Bergrat+:
Ah! -- Hüten Sie sich! Der Ritter Fuchs könnte leicht seine Zähne demaskieren.
+Eulenspiegel+
(kitzelt ihn hinterrücks mit dem Gugelzipfel am Ohr):
Dürft ich bitten, Herr Ritter, das mal dort drüben zu probieren?!
(Er weist höflichst zum Rotbart und Eckart hinüber, die sich nach rechts begeben haben.)
Inzwischen, schönste Glücksfee, gratulier ich zum Luftschloßbefund; vielleicht, Herr Vetter, paßt mein Geheimschlüsselbund.
(Sie machen vergebliche Versuche, die Tür aufzuschließen; Lise schneidet dem wütenden Michel Gesichter dabei.)
+Der Bergrat+
(hat seinen Spazierstock vom Gartentisch geholt, tritt nun sehr förmlich vor die beiden Vermummten):
Die Herren wünschen? Und mit wem hab ich die Ehre?
+Der Rotbart+
(gedämpft, aber wuchtig):
Wir wünschen, daß Niemand des Michel Michaels Hausstand versehre.
+Der Bergrat+:
Aber ich muß doch sehr bitten --
+Eckart+:
Wir wünschen zum zweiten, daß Niemand uns nötige, unverhüllt einzuschreiten. Hier bitte -- zur steten Erinnerung --
(er überreicht ihm zwei Visitenkarten und hebt einen Augenblick die Kapuze) --
+Der Bergrat+
(jetzt gleichfalls die Stimme dämpfend und vollkommen seine Haltung ändernd):
O bitte tausendmal um Entschuldigung! --
(Mit tiefer Verbeugung, erst vorm Rotbart, dann etwas knapper auch vor Eckart):