Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 23

Chapter 233,209 wordsPublic domain

Auf, Klopfgeister! öffnet den Wetterschacht, durch den der Qualm ihrer Süchte zur Läuterung niederquillt! Jetzt, ihr Herrn, beseht, beseht euch das Ebenbild eurer knechtischen Notdurft und krampfhaften Mühseligkeit, eurer zielbewußten Wohlfahrtsbeflissenheit, eurer mammonstollen Stoffwechselpracherei, eurer jammervollen Naturgesetzschacherei, des zivilisierten Barbaren würdigste Konkubine: da steht eure Göttin: die Maschine! --

(Die Kobolde haben währenddem das kristallene Flechtwerk der linken Grotte geöffnet, und schwarzgrauer Dampf ist herausgequollen. Nun wird ein feuriges Ofenloch sichtbar, neben dem der +rote Karl+ in seiner militärischen Maske zwischen maskierten +Bergleuten+ und rußschwarzen +Heizern+ hockt, und darüber eine Schwungradmaschine; zugleich hört man wieder das dumpfe Kolbengestampf, aber weniger laut als früher.)

+Die Landräte+

(sich die Ohren zuhaltend):

Himmelkreizru --

+Der rote Karl+

(_tritt drohend vor_): man stopp!

+Chor der Heizer und Bergleute+

(_dumpf_): man stopp, man stopp, man stopp!

+Der rote Karl+:

Jetzt kommt die Vergeltung! los, Genossen! hopp hopp! Rache!

+Die Heizer und Bergleute+

(Schaufeln und Spitzhacken schwingend, bilden mit hoppsenden Tanzschritten einen Halbkreis um die Amtspersonen, die sich mit flehenden Geberden knierutschend um Michel zusammendrängen):

Wir sind nicht mehr Menschen; wir dienen, wir dienen, lebend’ge Maschinen, den toten Maschinen. Jetzt wolln wir mal herrschen, mit Gewalt, mit Gewalt, wir armen Teufel in Menschengestalt. Rache!

+Die Kaplane und Landräte+:

Wir flehn ehrerbietigst um Gnade, um Gnade.

+Die Pastoren und Bürgermeister+:

Es wäre doch schade, jammerschade, jammerschade

+Die Kaplane und Landräte+:

um unsre christlich-germanische Staatskultur, Staatskultur.

+Die Pastoren und Bürgermeister+:

O Michel, o Michel, besinne dich nur! --

+Eulenspiegel+

(klopft laut mit dem Finger an die Rückseite von Michels Bank):

Michel, hörst du??

+Michel+:

Ich höre.

+Der Rotbart+:

So verschließ dir einstweilen die Ohren!

+Eckart+:

Und verwechsle nicht Uns mit diesen vom Zeitgeist besessenen Toren!

+Frau Venus+:

Nein, hör sie nur betteln, die dich mit städtischer Hoffahrt benebeln, um hinterrücks deinen bäurischen Waghals zu knebeln; seht, ihr Kriecher, jetzt schlägt sie über die Schnur, die tückische Glut eurer Unnatur!

(Eine grelle Flamme pufft aus dem Ofenloch; die Amtspersonen fahren entsetzt in die Höhe und taumeln geblendet durcheinander.)

Sie macht alles so hell, sie macht alles so schnell, daß eure lichtscheuen Sinne sich dran verbrennen, bis ihr nichts mehr könnt als blindwütig hasten und rennen: nun, ich will euch erlösen, ihr armen Irrlichtschürer. Los, ihr Hetzteufel alle, packt eure Verführer!

+Die Heizer und Bergleute+

(hinter den flüchtenden Amtspersonen her):

Hetz hetz, ins Feuer!

+Die Kaplane und Landräte+:

Erbarmen, Erbarmen!

+Die Heizer und Bergleute+:

Ihr Fettungeheuer!

+Die Pastoren und Bürgermeister+:

Wir Armen, wir Armen!

+Die Heizer und Bergleute+

(nehmen einen Landrat und einen Kaplan am Kragen, während die übrigen in den Pfeilergängen verschwinden):

Ihr Schweinepriester, ihr Rindviehmagnaten, jetzt singt Halleluja, jetzt werdt ihr gebraten! marsch!

+Der Kaplan+:

O Sankt Michael, hilf uns!

+Der Landrat+:

Inhibieren Sie diesen Radau!

+Der Kaplan+:

O Sankt Eckart, bitt für uns bei der gnädigen Frau!

+Eckart+:

Fahr zur Hölle, Memme!

+Der rote Karl+:

Höllaluja! marsch, marsch!

+Die Heizer+:

Ins Feuer!

+Der Kaplan+

(_wird ins Ofenloch geschoben_): Au! au!! --

+Der Landrat+:

Sackerment -- (_plötzlich sich losreißend_) Herr Corpsbruder!!!

+Der Bergrat+

(kommt sofort durch das Flechtwerk der rechten Grotte gehopst, maskiert wie früher):

-- wünschen? --

+Der Landrat+

(_während er wieder gepackt wird_): Na +Hilfe+, kreuzsackerment!

+Der Bergrat+

(nach der linken Grotte hinübergaloppierend):

Bedaure! bin beschäftigt! im Dienst der Herrin! es brennt!

+Die Bürgermeisterin+

(kommt plötzlich aus der rechten Grotte ihm nachgaloppiert):

Ach bitte, bitte, bitte! Na warte, ich werd dich schon kriegen!

+Der rote Karl+:

Jawollja! marsch marsch! immer ran, verehrliche Fliegen!

+Die Heizer+

(den Bergrat gleichfalls ins Feuer schiebend und die Bürgermeisterin hinterdrein):

Immer rin, immer rin, immer rin ins Vergniegen! --

+Der rote Karl+

(zum Landrat):

Marsch marsch! immer schneidig!

+Der Landrat+:

Na, wenn’s sein muß, dann los! Platz da -- (_er stürzt sich selbst in das Ofenloch_) --

+Der rote Karl+:

Allerhand Achtung!

+Die Heizer und Bergleute+:

So’n Schubbiak! so’n Gernegroß!

+Der rote Karl+:

Still, Genossen!

+Die Bergleute+:

Ohoh!

+Der rote Karl+:

Ich sag euch: der Kerl hatte Schneid für drei!

+Die drei Heizer+:

Hoh!!!

+Eulenspiegel+

(ihm mit der Pritsche auf die Schulter klopfend):

Nimm dir’n Beispiel dran, Roter! jetzt kommst Du an die Reih!

+Der rote Karl+:

Wa --?

+Eulenspiegel+:

Zu dienen, Herr Volksbefreier! jetzt +ist+ man so frei.

+Der rote Karl+:

Zu Hilfe, Genossen!

+Die Heizer und Bergleute+:

Hoh! ohoh!

+Eulenspiegel+:

+Die+ Zeit ist vorbei!

+Der Oberheizer+:

Vorbei, du Schreihals! jetzt wird nicht mehr schwadroniert.

+Der rote Karl+:

Aber Kameraden!

+Ein Bergmann+:

Jawollja! hast uns lange genug kommandiert! Marsch ins Feuer!

+Die ganze Bande+:

Marsch marsch, du Freiheitsverräter! du Rädelsführer! du Erzschuft! du Hauptattentäter!

+Der rote Karl+:

Zu Hilfe, Michel!

+Eulenspiegel+:

Der läßt sich erst recht nicht drillen.

+Der Rotbart+

(mit besonders wuchtigem Tonfall):

Hier ist Jeder nur Bruchstück von Seinem Willen.

+Frau Venus+:

Und sein Wille ist, ihr Schächer: ich soll euch ein bißchen läutern! euch Alle!

+Eulenspiegel+:

Nachher könnt ihr säuberlich weitermeutern --

+Eckart+:

und einer den andern mit reinem Gewissen regieren --

+Eulenspiegel+:

und euch gegenseitig immer reiner kuli-kultivieren. Was meinst +Du+, Michel?

+Michel+

(die Hand nach dem Feuerloch hebend):

Marsch, marsch!

+Frau Venus+:

Hinein, ihr Teufel, hinweg! Klopfgeister, schließt den Sündenversteck! Erde, enthölle dein Himmelsblut! Feuerfluß werde kristallene Flut, beschwinge die Zeiten, durchdringe die Räume, bringe Klarheit ins Reich der Träume!

(Der rote Karl wird inzwischen samt seinen Genossen von den Kobolden an das Ofenloch gedrängt, und das Flechtwerk der Grotte schließt sich hinter ihnen, auch die Kobolde mitverbergend; zugleich verstummt das Geräusch der Maschine.)

Sag, Kyffhäuserherr, ist nun zur Genüge gestritten?

+Der Rotbart+:

Frag den Michel, edle Feindin! du kennst die Geistersitten.

+Frau Venus+:

Ja, du Herrlicher du, werd’s endlich inne: ich bin nur den Armsünderseelen die Teufelinne. Aus dem Samen, den ich Verschwenderin streue, keimt alles Künftige, alles Junge und Neue, jeder Traum von Schönheit und Kühnheit, von Freude und Ruhm, jeder Glaube an wahrhaftes Heiligtum. Wahrlich, Eckart, unser Wettstreit bleibt ewig gleich; denn dein wie mein ist das Erd- wie das Himmelreich. Also, Eulenspiegel, schür sie nur immer fort, die Hölle der Freiheit zwischen hier und dort! und sorge dafür, daß deine Schelle selbst in die verschlafensten Ohren gelle!

+Eulenspiegel+:

Zu Befehl, gnädige Frau!

(Er hockt sich ans Fußende von Michels Bank.)

+Frau Venus+:

Ich nehm dich beim Wort auf der Stelle. Sprich, Michel: glaubst du an unsre Schutz- und Trutz-Einigkeit? und willst du ihr treu sein, treu sein in Lust und Leid?

+Michel+:

Lust -- und -- Leid!

+Frau Venus+:

Und willst du mir, was dein Mund so im Traum verspricht, auch beschwören von Augen- zu Augenlicht?

+Michel+:

Augenlicht!

+Frau Venus+:

O, erkenne mich erst, du! -- Weißt du nicht mehr: Fremd aus fernem Süden wohl kam ich einst her, so fremd, daß ein Schreck dein nordisches Blut durchlief, wie ein Bergquell wohl aus der Erde tief, eines Abends im Wald, war kaum sechs Jahr, einen Kranz wilde Efeuranken im Haar --

(sie lüftet lächelnd ihren Schleier)

und mit Augen, wie der Kuckuk fürwahr --

+Michel+

(jäh emporgreifend):

Lise!! --

+Frau Venus+:

Ja, so saß ich unter dem Felsenhang und sang --

+Michel+:

und sang -- --

+Frau Venus+

(nickt und verhüllt sich wieder):

Und nun siehst du mich hier, wie du wünschtest, in seidnen Kleidern sitzen, mit Glaßeehandschuhen und Diamanten und ausländischen Spitzen; und gilt dir doch alldas in Wahrheit nicht einen Niet gegen ein einziges kleines heimatliches Lied von Herzensgrund aus meinem Mund --

+Michel+:

deinem Mund --

+Frau Venus+

(sich erhebend):

Hört’s, Geister, hört’s! schlingt den Zauberreigen!

(Die Kobolde eilen von rechts wie links durch das Flechtwerk aus den Grotten herbei; eine leise Walzermusik beginnt von fern.)

Raunt mein Gebet ihm ein in sein innigstes Eigen: in Fleisch und Blut, in Mark und Mut: Körperrausch werde Seelenglut!

(Sie senkt ihr Szepter wieder auf Michels Brust, während der Rotbart mit dem Schwert und Eckart mit dem Kreuzstab sein Haupt berühren; zugleich beginnen die Kobolde ringelreih um die Bank zu schreiten, während Eulenspiegel am Fußende kauern bleibt.)

+Frau Venus+:

Michel Michael! Mehr kann kein menschlicher Geist erwerben

+Die Kobolde+

(_gedämpft_): Geist erwerben

+Frau Venus+:

als ein Haus, das er heiligt für seine Erben!

+Die Kobolde+

(_wie vorher_): seine Erben!

+Frau Venus+:

als einen Hof, wo er spielt mit Weib und Kind!

+Die Kobolde+:

Weib und Kind!

+Eckart+:

als einen Herd, an dem er Frieden findt!

+Die Kobolde+:

Frieden findt!

+Der Rotbart+:

eine Schwelle zum Himmel, wenn er den Kampf bestand für seine Muttererde, sein Vaterland!

+Die Kobolde+

(allmählich lauter):

seine Muttererde, sein Vaterland.

+Eulenspiegel+

(alle zehn Finger hochspreizend):

Dieser Traum der Menschheit, Michel, hat vielerlei Enden!

+Die Kobolde+:

vielerlei Enden!

+Frau Venus+:

laß dich nicht von Träumen, die eitel sind, blenden!

+Die Kobolde+

(_plötzlich niederknieend, Hände vors Gesicht_): blenden!

(Die ferne Tanzmusik hört auf.)

+Eckart+:

Bei dem Gott, dem der Geist deiner Väter entsprang --

+Der Rotbart+:

bei deines Namens hellem Erzengelklang --

+Eulenspiegel+

(den Schellenzipfel gen Himmel hebend, doch noch nicht klingelnd):

bei der dunkeln Macht, über die ich weine und lache --

+Frau Venus+:

erwache, Michael --

+Die Kobolde und Eulenspiegel+

(_aufspringend, Zippelmützen und Schellenzipfel schwenkend, während der Vorhang sich schließt_): erwache! -- --

*

+Eulenspiegel als Zwischenredner+

(aus dem Mittelspalt des Vorhangs tretend, mit verlegenem Achselzucken):

Er schläft immer noch. Was tun? -- (_Aufhorchend_) Jetzt schnarcht er sogar. Das ist höchst bedenklich; denn wir laufen alle miteinander Gefahr, noch geisterhafter von ihm geträumt zu werden, und das könnte doch vielleicht unsern leiblichen Zustand gefährden. Ich würde ihn wecken; aber wer weiß, was passiert, wenn er unversehens seine Zippelmütze verliert und ernstlich nachdenkt über dies nächtliche Abenteuer. Auch unserm Herrn Dichter übrigens scheint das durchaus nicht geheuer; ich glaube, er fragt sich lieber schon garnicht mehr, wer jetzt wirklich Herr ist, wir oder er.

(Hinterm Vorhang beginnt leise Tanzmusik.)

Aha! da läßt er gleich wieder den Fidelbogen schwingen; vermutlich, um den Gang der Handlung besser in Trab zu bringen. Seit wir dem Michel klarmachen mußten, was er im Grunde will, steht dem Herrn sein Wille ebenso gründlich still vor den unberechenbaren Folgen dieser Geisterstunde. Ich hör ihn bereits mit sperrangelweitem Munde um unsern Beistand gegen seinen schnarchenden Helden flehn; ja, so dreht sich der Weltlauf im Handumdrehn. Wenn nun der Michel träumen will bis zum Jüngsten Tage, was wird dann aus der ganzen tatsächlichen Lage? Sein Haus fällt der Grubengesellschaft in die Hände, und seine Glücksfee nimmt womöglich als alte Jungfer ein Ende; ich muß doch mal nachsehn, was sich da machen läßt.

(Er steckt einen Augenblick den Kopf in den Vorhangspalt.)

Halt! er schnarcht nicht mehr. Er liegt bombenfest; nicht einmal seine Krone ist verschoben, und man hat ihn inzwischen sogar auf den Thron gehoben. Da heißt’s doppelt Vorsicht. Ich warne nochmals Jeden vor Schaden; denn Sie wissen, er ist reichlich mit allerlei Sprengstoff geladen, und wie leicht kann der plötzlich ganz von selber loskrachen! Also werd ich ihm mal Platz für den Explosionsfall machen.

(Er schiebt den Vorhang nach rechts beiseite.)

Vierter Aufzug

(+Bild+: wie beim zweiten Aufzug. Doch ist jetzt die Bank mit dem +angebundenen+ Michel quer auf zwei zusammengerückte Tische gesetzt, die rechts unter dem Laubengang stehn; und überhaupt sieht alles ziemlich verrattert aus. Hinter Michel, auf Stühlen zu ebner Erde, sitzen der +Rotbart+ und +Eckart+, ebenfalls schlafend; und an dem langen Tisch links schläft der +schwarze Karl+, mit einer leeren Flasche im Arm. Vorn, unten vor Michel, sitzt und wacht +Lise Lied+, noch immer als verschleierte Glücksfee; neben ihr steht der maskierte +Bergrat+, mit zwei Sektgläsern in der Hand. Die leise Musik im Saal dauert fort; man sieht, es wird eine Cotillontour getanzt, und ab und zu huscht ein Pärchen heraus in die Büsche.)

+Eulenspiegel+

(prallt mit dem Vorhang an den Bergrat, sodaß dieser die Sektgläser fallen läßt):

Oh Pardon, Herr Rat!

+Der Bergrat+:

O zum Teufel, Sie Tr --

+Eulenspiegel+:

Tr --?

+Der Bergrat+:

Sie -- Traumspuk mein’ ich!

+Eulenspiegel+:

Ah, danke höflichst, Sie Rr -- Sie Raumspuk mein’ich -- und werde sofort das Glas neu erscheinen lassen; unterdeß dürften Scherben nicht schlecht zu dem Fräulein Glücksfee passen.

+Der Bergrat+:

Also +zwei+ Gläser, bitte.

+Lise Lied+:

Nein, danke! Nichts mehr! nicht einen Tropfen!

(Halblaut zum Bergrat, etwas kokett):

Ach, ich fühle mein Herz schon rasch genug klopfen.

+Eulenspiegel+:

Also +eins+, Herr Glücksrat?

+Der Bergrat+:

Nein, danke gleichfalls! danke!

+Eulenspiegel+:

Also keins. Glückauf, Spuk! (_Ab nach dem Saal._)

+Der Bergrat+

(_Lisens Schleier fassend_): O diese schwarze Schranke, wann wird sie endlich von dem klopfenden Herzchen weichen?! O wüßt ich den Preis, spröde Fee, für dies Glück ohnegleichen!

+Lise+:

Nicht so stürmisch, Herr Ritter; Ihr werdet sogleich erschrecken. Ihr habt den Preis nämlich in der Tasche stecken. Ja ja! Und er ist nur ein Blatt Papier.

+Der Bergrat+

(seine Brieftasche herauslangend):

Aber Herz, natürlich! Wie hoch soll der Check sein? Hier!

+Lise+:

Check? was ist das? -- Ach so! Hahahah! Nein, danke recht sehr; ich meinte -- (_zupft an dem Vertragspapier; -- plötzlich schreckhaft_) ogott! er hat sich gerührt!

+Der Bergrat+

(_den Vertrag rasch wieder einsteckend_): Was! Wer!

+Lise+:

Na, Er! Wenn er aufwacht! Ach bitte, Herr Bergrat: schnell: bringen Sie mich heim!

+Der Bergrat+:

Ja natürlich, Schatz! In welches Hotel?

+Lise+:

Hotel? Nein, nach Hause!

+Der Bergrat+:

Hause?

+Lise+:

Ja bitte! geschwind!

+Der Bergrat+:

Hm -- wer bist du denn?

+Lise+:

Ach, Herr Rat -- blos dem Michel sein Pflegekind.

(Die Tanzmusik setzt ab.)

+Der Bergrat+:

Ach so --! Hahahah! -- Süßer Racker!

+Lise+:

Er darf mich hier nicht finden! Will ihn blos noch rasch von der Bank losbinden.

(Sie tut es.)

+Eulenspiegel+

(erscheint im Hintergrund mit der noch immer maskierten Bürgermeisterin):

Bitte +dort+, schöne Frau; Sie sehn, man will schon verschwinden.

+Der Bergrat+

(Lisens Arm nehmend):

Also los!

+Die Bürgermeisterin+

(nach vorn eilend, während Eulenspiegel zurück in den Saal geht):

~Ah, monsieur~, Sie treiben’s ja rein schon zum Skandal!

+Der Bergrat+:

~Oui, madame!~ drum verlass ich auch das Lokal. Ihr Diener!

+Lise+:

Empfehl mich, Madam!

+Die Bürgermeisterin+

(während die Beiden nach rechts verschwinden):

Sie Dirne! Sie freches Stück! O, meine Nerven! -- O Theodor, komm zurück!!! --

(Sie ist dabei auf den Stuhl gesunken, auf dem vorher Lise gesessen hat. Die Tanzmusik setzt wieder ein.)

+Eulenspiegel+

(erscheint mit dem etwas schwankenden Bürgermeister):

Bitte +dort+, Herr Bürgermeister -- (_entfernt sich wieder_) --

+Der Bürgermeister+

(gleichfalls noch immer maskiert, mit einigen Cotillon-Orden am Domino):

Aber Wally, was sollen die Leute denken! so mitten aus dem Cotillon abzuschwenken! ich bitt dich!

+Die Bürgermeisterin+

(_schluchzend_): Ach, Männe!

+Der Bürgermeister+:

Ach, laß das Getu!

+Die Bürgermeisterin+:

Was?! -- (_Kreischend_:) Pfui, du Flaps! du elender Fatzke du! Geh!!!

+Der Bürgermeister+:

Aber Frauchen!

+Die Bürgermeisterin+:

Geh, sag ich! oder ich schrei!!!

+Der Bürgermeister+:

Um Gottes willen -- (_er schlägt sich nach rechts in die Büsche_) --

+Die Bürgermeisterin+

(_schluchzend_): So’n Stiesel! Und riecht noch nach Bier dabei! --

+Eulenspiegel+

(erscheint im Hintergrund mit dem Kaplan):

Bitte +dort+, Ehrwürden -- (_dann wieder ab in den Saal_) --

+Der Kaplan+

(auch schon ein bißchen schwankend, zur Bürgermeisterin):

Ei, teuerstes Beichtkind, ei: so vereinsamt inmitten der Fröhlichkeit?

(Er nimmt einen Stuhl und setzt sich dicht neben sie.)

+Die Bürgermeisterin+:

Ach, Ehrwürden, es gibt soviel Herzeleid!

+Der Kaplan+

(ihre Hand nehmend):

Ei, ei --

+Die Bürgermeisterin+:

O fühlen Sie, wie ich zittre und bebe --

(sie drückt seine Hand an ihren Busen, während Michel oben hinter ihnen erwacht und unbemerkt sich allmählich auf seiner Bank zurechtsetzt)

Ach --

+Der Kaplan+:

Ach --

+Die Bürgermeisterin+:

O hätt ich etwas, wofür ich lebe! mir ist manchmal so schwach, so unbeschreiblich schwach!

+Der Kaplan+:

Ja, ich fühl es --

+Die Bürgermeisterin+:

Ach, wie das wohltut -- ach -- wie das wonnig klang, als Sie sagten: Ei, ei --

+Der Kaplan+

(weiterfühlend):

Ei, ei --

+Die Bürgermeisterin+:

Ach, mir wird auf einmal so anders, so frei! wie das himmlisch ist, so getröstet zu werden!

+Der Kaplan+:

Ja, da fühlt man das Paradies auf Erden --

+Die Bürgermeisterin+:

Ach -- wenn ich auch etwas abgehärmt scheine --

+Der Kaplan+:

O -- das sind ja gottgesegnete Beine --

+Eulenspiegel+

(erscheint im Hintergrund mit dem Pastor):

Bitte +dort+, Herr Pastor --

+Michel+

(breit von oben herab zu dem Pärchen):

+Ihr Schweine+ --

+Die Bürgermeisterin+:

Huch -- (_läuft nach rechts davon_) --

+Der Kaplan+

(ruhig aufstehend):

Was! Er Säufer erfrecht sich, hier fromme Gespräche zu stören?

+Michel+

(über die Stühle vom Tisch niedersteigend):

Platz da, Pfaff!

+Der Rotbart und Eckart+

(von Eulenspiegel wachgemacht, treten aus dem Laubengang):

Platz! Platz!

+Der Kaplan+

(_vor Michel zurückprallend_): Ah! Er soll von mir hören! Wart, Bursch! (_Ab in den Saal mit dem Pastor zusammen, der im Hintergrund gewartet hat._)

+Eulenspiegel+:

Nun, hehrer Helde? zurück aus dem Geisterland? wie steht’s?

+Michel+

(ganz mit +sich+ beschäftigt, schlägt nach der Troddel der Zippelmütze):

Verdammtes Gebammel! (_und reißt sie sich vom Kopf._)

+Eulenspiegel+:

O aber! Solch Ehrenpfand, das schlägt man doch nicht!

+Michel+

(_die Mütze anstarrend_): Was ist das? was soll das? -- Hee: wer tat das, Schwarzer?!

+Der schwarze Karl+

(_von Michel gerüttelt_): Hilfe! mein Portepee! Josef-Maria -- (_ist aufstehend über seinen Degen gestolpert, fällt unter den Tisch und schläft weiter_) --

+Michel+:

Viehklumpen! -- Und Ich?? -- O Vieh, Vieh, Vieh!!!

(Die Mütze zerfetzend und zu Boden schleudernd:)

Schandlappen verfluchter! da lieg, du Infamie! O, ich Narr! ich Stadtnarr!!! (_Er faßt seinen Kopf mit beiden Händen; die Tanzmusik setzt wieder ab_) Halt, Michel, halt! besinn dich, Mensch! -- (_Er blickt scheu nach dem Rotbart und Eckart hinüber, tastet an seiner Brust herum, holt das Vertragspapier aus der Tasche, entfaltet es, starrt es kopfschüttelnd an._)

+Eulenspiegel+

(nimmt unterdessen Eckart beiseite):

Excellenz --

(und da dieser ihm rasch den Mund zuhält)

ah, Pardon -- aber gehn wir nicht bald? wir könnten leicht den rechten Moment verpassen.

+Der Rotbart+

(ist zu ihnen getreten):

Nein, wir dürfen den Mann +nicht+ in seinem Zorn verlassen.

+Eulenspiegel+:

Wie’s beliebt, gnädiger Herr -- --

+Michel+:

Wo +ist+ er? Er soll mir heraus!

+Der Rotbart+:

+Wer+, Michel, wer?!

+Michel+:

Dem ich hier mein Haus vorhin verschrieb ohne Sinn und Verstand!

(Er zerknautscht das Papier, will es wegwerfen, hält plötzlich inne und steckt’s in die Brusttasche.)

+Eulenspiegel+:

+Der+, Herr Vetter, ist leider inzwischen kurzerhand mit deiner Glücksfee durchgebrannt.

(Die Tanzmusik setzt wieder ein.)

+Michel+

(nimmt seinen Hut und Stock von dem Tisch unter der Bank):

Ihr Herren! Ich bin nur ein Mann in geringem Kleid und mit Ehrfurcht im Leibe; aber was ihr auch seid, ich schätz mich zu wert, euern Schabernack einzustecken! Ich bin kein Hanswurst für naseweise Gecken, und im Wirtshaus ist jedermann nichts als Zechkumpan!

(Auf die zerrissene Mütze deutend:)

Wer hat mir den Schimpf da angetan?!

+Eulenspiegel+:

Da mußt du +den+ dort fragen, Freund Grobian.

(Er zeigt nach hinten, wo eben der maskierte +Landrat+ erscheint, ganz mit Cotillon-Orden bepflastert, begleitet vom Kaplan und vom Pastor, alle drei den Hut auf dem Kopf und nicht mehr vollkommen fest auf den Beinen.)

+Michel+

(sich gleichfalls den Hut aufstülpend):

Ahh, Herr!

+Der Landrat+

(sich mit dem Taschentuch fächelnd):

Ä --: Ah --? was Ah?!

+Michel+:

Ich fordre Aufklärung, Herr!

+Der Landrat+:

Pahahäh! Ist ja gottvoll! -- Na also, Sie Aufklärererr: erst mal Hut ab, wenn Sie hier um was bitten!

+Michel+:

Mit Verlaub: mein Hut kehrt sich ganz nach Anderleuts Sitten!

+Eulenspiegel+

(_mit Fistelton_): ja Sitten!

+Der Rotbart und Eckart+

(_tief und schwer_): Sitten!

+Der Landrat+:

Himmelkreiz, Ruhe! -- Das ist ja -äh- unerhört!

+Der Kaplan und der Pastor+:

Unerhört! Unerhört!

+Der Landrat+:

Er besoffner Flegel, merk er sich: Wenn er das Fest weiterstört

+Michel+

(den Hut kurz lüftend):

Um Verzeihung, Herr Landrat: Wer +ist+ hier besoffen? Ich für +mein+ Teil hab meinen Rausch ausgeschloffen.

+Der Landrat+

(immer heftiger fächelnd):

Ruhe!!!

+Michel+

(_wie vorher_): Sehr gern, Herr Landrat. Nur bitt ich noch diese Nacht um Antwort: Wer hat mich besoffen +gemacht+?! Und im Übrigen bitte: hier leg ich hin, was ich etwa irgendwem dafür schuldig bin!

(Er langt eine Handvoll Geld aus der Hosentasche und wirft sie dem Landrat vor die Füße.)

+Der Landrat+

(etwas zurückweichend):

Aber das ist ja ein ganz -ä- ganz unglaubliches Vieh!

+Der Kaplan+:

Ja, ein Vieh!

+Michel+:

Ahh!!! (_hebt in heller Wut seinen Stock._)

+Der Rotbart und Eckart+:

Halt, Michel! Halt!

+Michel+

(_bezwingt sich_): Ja, wahrhaftig: für die, die Biester da, ist mein Stock zu gut. Aber eh ich ihn heimtrag, ihr Kröten-und-Unkenbrut, soll euch doch mal erst, und müßt ich den Hals drum wagen, eine Menschenstimme ans Trommelfell schlagen!

(Der Landrat holt Notizbuch und Bleistift heraus.)