Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 22

Chapter 223,131 wordsPublic domain

(nachdem er das Duplikat unterschrieben hat):

Uff. Heiß!

+Der Bergrat+

(hat das erste Schriftstück gefaltet und gibt es ihm zurück):

So; bitte. Nun? sind Sie nun zufrieden?

+Michel+

(während jeder sein Schriftstück sorgfältig einsteckt):

Hoh, Herr Bergrat, schon? Jetzt geht’s doch erst los, das Schmieden! das Glückschmieden mein’ ich. Hier die paar tausend Mark Geldeswert, die sind doch blos erst das erste Roheisen auf dem Herd; hoffe dereinst die Welt noch als Feinschmied untern Hammer zu kriegen.

+Der Rotbart+:

Michel Michael, laß nur das Feuer nicht verfliegen!

+Eckart+:

Ist schon manche Glut zu Asche zerstoben auf Erden.

+Der Bergrat+

(Michels Glas wieder füllend):

Ja, ich rate auch, lieber Michel: nicht übermütig werden!

+Michel+:

Oh, Herr Rat -- das sind blos so Volksfestgeberden.

(Sein Glas abermals leerend)

Auf Ihr Wohl, Herr Rat! -- Ich muß schon den ganzen Abend denken: wie wir hier so sitzen auf den schönen Stühlen und Bänken, Hoch und Niedrig zusammen bei den guten Getränken, und fühlt sich jeder so recht mitbeglückt im Gewühl -- das ist doch ein sehr erhebendes Gefühl! nicht wahr?

+Der Bergrat+

(aufstehend):

Hm. Ja. Sehr erhebend. Ja. Aber jetzt --

+Eulenspiegel+

(kommt mit +Lise Lied+ Arm in Arm angetanzt):

Hurra, Vetter Michel, hier kommt dein Glück angesetzt! Hat sich endlich von mir am Schlafittchen kriegen lassen.

(Die Tanzmusik hört auf.)

+Eckart+:

Schalk, Schalk! des Michels Glück, das kann nur er selber fassen.

+Michel+

(seine Brusttasche befühlend):

Ja, wahrhaftig! --

+Lise Lied+:

Michel --! --

+Michel+

(_unwillkürlich_): Lise --! -- (_Sich besinnend_) Ach nein; dumm Zeuch; was rührt dich, Michel?! -- (_Auffahrend_) Schockschwerenot, ihr: was kümmert’s +euch+? schert euch zum Teufel! (_setzt sich wieder und stiert ins Glas._)

+Eulenspiegel+:

Ha! Hörst du’s, Göttin? Verschmäht! Das fordert Rache! Rache! (_Den Würfelbecher nehmend_:) Soll ich mit diesem Gerät, kraft meiner spiritistischen Wupptizität, hehre Fee, ihn zerschmettern? -- Nein? -- Ach! das ist bitter.

+Der Bergrat+:

O: eine Fee, die findet wohl zartere Ritter. Aber eine Glücksfee, die sollte sich eigentlich entschleiern; darf ich’s wagen?

+Lise Lied+

(während die Tanzpaare aus dem Saal kommen):

Vielleicht, Herr Ritter -- doch müssen wir +ihn+ erst feiern, der da selig in seiner Selbstherrlichkeit thront und die Dienste der Geister mit eitel Nichtachtung lohnt. Versteht Ihr, Ritter?

+Der Bergrat+:

Stolze Fee, ich beuge in Demut das Knie (_er tut es_) und verstehe.

+Die Bürgermeisterin+

(_dazwischentretend_): Aber Bergrat, was treiben Sie! Man ist sehr erstaunt --

+Der Bergrat+

(_knieen bleibend_): Oh, gnädigste Frau, ich desgleichen! In der Johannisnacht

+Eulenspiegel+:

erlebt man Wunder und Zeichen!

+Der Rotbart und Eckart+:

Wunder und Zeichen!

+Der Bergrat+:

Eine holde Fee stieg die Himmelsleiter herab

+Die Bürgermeisterin+:

shocking!

+Der Bergrat+

(_sich erhebend_): und gebeut uns mit ihrem Zauberstab, damit wir die Geister der Vor- und Nachwelt versöhnen, den deutschen Michel zum Weltherrn von ihren Gnaden zu krönen.

+Die Bürgermeisterin+:

Empörend!

+Der Landrat+:

Gottvoll, Bergrat!

+Eulenspiegel+:

Hurra, Michel! Jetzt heißt es erscheinen! Kopf hoch, Brust raus!

+Der Rotbart+:

Stehst du auch fest auf den Beinen?

+Michel+

(aufstehend):

Hoh! Ich? (_er stolpert_.)

+Die Bürgermeisterin+:

Huch!

+Michel+

(_brüllend_): Bombenfest, sollt ich meinen!!!

(Er stellt sich breitbeinig vor die Bank in der Mitte, während der Rotbart und Eckart hinter sie treten.)

+Der Bergrat+:

Also -- vielwerte Gäste!

+Etliche Bengel in Koboldtracht+:

hurrra!

+Der Bergrat+:

und Zaungäste!

+Die Kobolde+:

hurrra!

+Eulenspiegel+:

und Geister, bitte!

+Der Bergrat+:

Bitte!

+Eulenspiegel+:

Danke.

+Der Bergrat+:

Hier steht er --

+Kobolde+:

steht er --

+Der Bergrat+:

in unsrer beglückten Mitte --

+Kobolde+:

Mitte --

+Eulenspiegel+:

leibhaftig --

+Kobolde+:

leibhaftig --

+Der Bergrat+:

unter dem Lindenbaum --

+Kobolde+:

Lindenbaum --

+Der Bergrat+:

unser teurer deutscher Michel --

+Kobolde+:

hurrra --

+Eulenspiegel+:

es ist kein Traum!

+Der Rotbart und Eckart+:

Kein Traum.

+Der Landrat+:

Himmelkreizrudiment zum Donner! Silenzium jetzt!!! Ruhe, Bengels! sonst werdt ihr rausgesetzt!

(Er nimmt einem der Kobolde seine Zippelmütze weg und treibt die Schreihälse nach hinten.)

Weiter, Bergrat!

+Der Bergrat+

(Lisens Arm nehmend):

Also -- bezaubert von dieser Himmelserscheinung

+Die Bürgermeisterin+:

unglaublich!

+Der Landrat+:

pßt --!

+Eulenspiegel+:

und nach der offenbar völlig einstimmigen Meinung

+Der Bergrat+:

aller Freunde und Freundinnen der höheren Sphären

+Lise Lied+:

wollen wir ihn jetzt zum Beherrscher der -- Lüfte erklären!

+Der Bergrat+:

zum Alleinherrscher sämtlicher Zukunftsflugmaschinen!

+Eulenspiegel+:

Glücksgondeln, Traumschiffe und sonstiger Zeppelinen!

+Der Bergrat+:

Möge er immer flügger, lenkbarer

+Eulenspiegel+:

und bombenfester werden!

+Lise Lied+:

und selig enden als Luftschloßbesitzer auf Erden! --

+Der Landrat+

(die Zippelmütze schwenkend):

Hurrra, deutscher Michel!

+Alle durcheinander+

(während Michel auf die Bank gehoben wird und ein Glas Wein in die Hand bekommt):

Hurra! Hurra!

+Michel+

(an den Baumstamm gelehnt):

Halt!!! Jetzt komm Ich an die Reih!

+Der Bergrat+:

Glückauf, Michel! (_trinkt ihm zu_.)

+Michel+:

Schön Dank, Herr Bergrat! (_trinkt_.) Ja! Schön Dank fürs Geschrei! Denn der Michel nämlich -- ja -- kann viel Spaß vertragen.

+Der Landrat+:

Bravo, Michel! (_trinkt ihm zu._)

+Michel+

(immer wieder Bescheid trinkend, worauf ihm unter Gelächter immer wieder das Glas gefüllt wird, bald mit weißem, bald mit rotem Wein):

Schön Dank, Herr Landrat! -- Ja! -- Aber -- wollt ich sagen: kann auch Ernst machen! kann -- kann sich lange ducken --

+Der Kaplan+:

Wohl ihm, Michel!

+Michel+:

Schön Dank, Ehrwürden (_trinkt_) -- Kann seine dummen Mucken -- ja -- vor euch Stadtleuten -- ja -- auch sein Heimweh verschlucken --

+Der Bürgermeister+:

Hoch, Michel!

+Michel+:

Schön Dank, Herr Bürgermeister (_trinkt_) -- Ja --: kann sich recken -- kann auf einmal -- ja: kann er -- seine Hand ausstrecken -- kann vielleicht dereinst noch -- hupp -- die ganze Welt in die Tasche stecken --

+Der Pastor+:

Heil, Michel!

+Michel+:

Schön Dank, Herr Pfarrer (_trinkt_) -- Jawohl --: Luft -- Erde -- hupp -- Meer -- den ganzen Himmel -- hupp -- (_er fällt von der Bank herunter_)

+Lise Lied+

(wirft sich aufschreiend über ihn):

Michel!!!

+Eulenspiegel+

(_sehr laut_): Kellner! den Eiskübel her! --

+Der Bergrat+

(während der Kellner Eiskübel und Tischtuch bringt):

Aber teuerste Göttin, er hat sich ja nichts zerbrochen!

+Der Landrat+

(während man Michel auf die Bank setzt und an den Baum lehnt):

Kein Bein! Der fällt einfach auf seine gesunden Knochen!

+Eulenspiegel+:

aus der Zippel- der Zappel- der Zeppeline!

+Der Bergrat+:

Da! er macht eine ganz majestätische Miene!

+Der Landrat+:

Na, dann kann man ja endlich sozusagen die Krönung vollziehn!

(Er setzt Micheln die Zippelmütze auf, sodaß die Troddel ihm über die Nase herabbaumelt.)

Hoch lebe unser Michel!

+Alle+:

(während man ihm das Tischtuch wie einen Mantel umhängt)

Hoch! Hoch! Hoch!

+Eckart+

(_ernst_): Der Himmel erhalte ihn!

+Der Rotbart+:

Er mache ihm jede Bank zum Throne --

+Die Kobolde+:

Throne --

+Eulenspiegel+:

jede deutsche Zippelmütze zur Siegeskrone --

+Kobolde+:

Siegeskrone --

+Eckart+:

jedes deutsche Stück Leinwand zum Hermelin --

+Kobolde+:

Hermelin --

+Der Rotbart+:

jeder deutsche Baum sei ein Baldachin --

+Kobolde+:

Baldachin --

+Eulenspiegel+

(während man Michel lang auf die Bank streckt und das Tischtuch über ihn breitet):

für den allerhöchsten, allerstärksten, allerlängsten, allergrößten

+Die Bürgermeisterin+

(hinter dem Bergrat her, der die halb lachende halb schluchzende Lise nach rechts beiseite führt):

Nein, Sie Wüstling, Sie sollen das arme Kind nicht trösten!

+Der Landrat+:

Pßßt!

+Eulenspiegel+:

und allerreichsten unter den Potentaten

+Michel+

(halb erwachend):

wie --?

+Eulenspiegel+:

still, Michel -- mit und ohne Staaten. Seht, hier ruht er --

+Der Rotbart+:

daheim im Weltgebrause; --

+Eulenspiegel+:

jetzt kann er selig --

+Michel+

(_wie vorher_): Lise --

+Eulenspiegel+:

ja, Michel --

+Michel+:

ich -- will -- nach Hause --

+Eulenspiegel+:

ja, Michel --

+Eckart+:

daheim im unendlichen Hafen --

+Eulenspiegel+:

zwischen Himmel und Erde und Hölle schlafen --

+Der Rotbart+:

jenseits von euern Zeiten und Räumen --

+Eulenspiegel+

(mit wild phantastischer Geste):

und träumen --

+Eckart+

(ruhig, während der Vorhang sich schließt):

träumen -- --

*

+Eulenspiegel als Zwischenredner+

(von links kommend, anfangs mit verhaltener Stimme):

Ssst --: er träumt! -- Eine Menschenseele im Traum ist ein schaurig Ding, ist ein Unding, ist verflochtner als ein Baum in alle Wurzelwirren und Wipfelwehen aus Staub und aus Licht, ist Feuer, Wasser, Luft, was sie will, und -- ists nicht: verschlafnes Tier, wacher Gott, urweltvoller Stern, hohler Ball, allmächtig bis zur Ohnmacht, spielt sich auf als All. Wahrlich: einen Menschen im Traum belauschen, das heißt mitspielen mit einem höllisch lebenslustigen Geist. Ich und wir andern längst verstorbenen Geistergestalten, wir würden uns gern solcher spukhaften Tätigkeit enthalten --

(allmählich lauter)

aber wir müssen uns, ach, noch immer zum Dienst der Menschheit hergeben; denn unser Herr, der Dichter, dieser Auchmensch, will davon leben. Dieser Teufel! Nicht genug, daß wir wirklich leibhaftig erschienen, er läßt uns sogar noch als Hirngespinste nun dienen; oh, wär ich ein Mensch, ich glaube, mir graute vor mir. Aber da ich ganz Geist bin, und jetzt ein Doppelgeist schier, so kann ich Sie nicht mit derlei Halbgottsgefühlen beglücken, sondern drehe ihnen -- den Gefühlen nämlich -- im Geiste den Rücken.

(Er dreht sich mit hoch erhobenen Armen um und teilt mit beiden Händen den Vorhang.)

Dritter Aufzug

(+Bild+: Große Höhle aus Bergkristall in weiß-und-grüner Flackerbeleuchtung. Rechts und links durcheinandergetürmte Pfeiler. In der Mitte des Hintergrundes, auf einer phantastischen Pyramide, thront +Frau Venus+, ebenso vermummt wie Lise Lied; nur trägt sie lange weiße Glaßeehandschuhe, und ihr grünes Kleid ist aus funkelnder Seide, ihr schwarzer Schleier mit Diamanten besetzt. Zu Füßen des Throns, in Gesteinspalten, hocken schlafende +Kobolde+, wieder blaugrau mit Zippelmützen und weißen Bärten. Zu beiden Seiten des Throns zerklüftete Grotten, mit Schnüren aus Bruchkristallen verhängt, hinter denen ein rotgelb glühender Glanz bald aufwärts bald abwärts quillt und strudelt, sodaß sie wie feuriges Netzgeflecht aussehn; hin und wieder zieht rötlicher Rauch durch die Höhle.)

+Eulenspiegel+

(sofort, noch während der Vorhang sich öffnet, ins Knie sinkend):

Verzeiht, Göttin Venus: ich weiß zwar, Ihr glaubt es kaum: aber wirklich, wir sind Beide jetzt nichts als Traum -- also entschuldigt den frechen Possenreißerstreich!

+Frau Venus+

(zögernd):

Wer dringt hier ein in mein heimlich Reich?

+Eulenspiegel+:

Nur ein armer Schalk namens Tyll, aber abgesandt

+(er erhebt sich)+

von Euerm mächtigsten Nachbarn im ganzen deutschen Land, von des Kaiser Rotbarts verewigter Majestät, der voll Unruh, Schönste, hinab in den Hörselberg späht, denn auch ihn treibt des Michels Traumblick her.

+Frau Venus+:

So vermelde des hohen Herrn Begehr, der so mächtig ist, daß ein stiller schlaftrunkner Mann seinen ewig wachen Willen verunruhen kann.

+Eulenspiegel+:

Oh, Frau Venus, Zaubrin, sehr gewaltig ist dein Bann, aber nimm in Gnaden die zarte Gewissensfrage hin: Traumschöpferin, warst du niemals von deinen Geschöpfen gebannt?

+Frau Venus+:

O Schalk! --

+Eulenspiegel+:

So erfahre: des Michels Seele ist unauslöschlich entbrannt von all und jeder Machtsehnsucht Himmels und der Erden, heute Nacht soll sein Hauptwunsch entschieden werden. Du hast eine Flamme in seinem Blut angefacht, die hat all sein junges Hirn in Rausch und Aufruhr gebracht; nun kennt er sich selbst kaum vor lauter hochfliegenden Brünsten. Drum, erlauchte Göttin, dank deinen Zauberkünsten, sind die andern unsterblichen Hauptpersonen, die seit Alters in seiner Geisterwelt wohnen, aus ihrer gottseligen Ruhe (_klappt mit der Pritsche_) jählings mitaufgeschreckt ---- und als der stärkste von seinen Schutzgeistern streckt der Kyffhäuserherr die gepanzerte Faust dir entgegen: Wenn du ebenso mächtig bist wie verwegen, mögest du ehrlichen Wettstreit mit ihm pflegen um des Michel Michaels wahres Seelenheil. Desgleichen mit mir für mein bescheiden Teil; du wirst es nicht weigern, erlauben wir uns zu hoffen.

+Frau Venus+:

Mein Reich steht allen Geistern, starken und schwachen, offen.

+Eulenspiegel+:

Ja, Gnädigste: offen wie ein Grab. Und dein zauberkräftiger Wünschelstab glänzt empor über deine dunkeln Schleierfalten wie ein Irrsternschweif nach zwei Seiten gespalten, indessen die Weltküglein an den beiden Spitzen gar nach jeglicher Windrichtung drehbar blitzen. Ich seh’s, Vielgewandte, trotz unsern verhüllten Mienen; denn auch ich verstehe, Herrin, zweeen Welten zu dienen.

+Frau Venus+:

So schwör ich bei diesem einen unlöslichen Ringe, kraft dessen mein Szepter die zwiegespaltene Schwinge der immer wieder sich verjüngenden Welt in der Schwebe hält: du nahst ungefährdet meinen vulkanischen Quellen.

+Eulenspiegel+:

Und meine Begleitung?

+Frau Venus+:

Ist gefeit wie du vor den feuerbrünstigen Wellen.

+Eulenspiegel+

(tritt dem Thron etwas näher und klappt mit der Pritsche):

Wohlan, edle Hexe! du siehst, wie stracks wir uns stellen.

(Zugleich sind der +Rotbart+ von links und +Eckart+ von rechts aus den Pfeilergängen getreten, Beide noch immer mit vermummten Gesichtern.)

+Frau Venus+

(auffahrend):

Ah, Schalk! du verkündetest mir der Wettkämpen zwei! jetzt seid ihr drei? -- (_Wieder ruhig sich setzend_:) Nun, Eckart: du warst von jeher ein Schleichwegverfechter.

+Eckart+:

Ich war von jeher, Frau Venus, dein treuster Torwächter. Ich tue nichts wider dich, als am Eingang des Hörselbergs warnen; wer der Warnung trotzt, den magst du getrost umgarnen.

+Eulenspiegel+:

Und selbst für Göttinnen bleibt’s doch ein Akt der Huldigung immer, wenn sich drei Mannsleute mühn um ein Frauenzimmer. Sieh da, du lächelst! dein ganzer Schleier lacht!

+Frau Venus+:

Vor Dir, Eulenspiegel, hat wohl mein Ernst keine Macht. Und auch den Rotbart wird schwerlich ein trauerndes Weibsbild rühren.

+Der Rotbart+:

Hoh, Huldin, wir hoffen noch innigst Eure Trauer zu spüren, wenn erst der Michel von uns Selbstbeherrschung annimmt. Inzwischen freilich sind wir herzlich wenig gestimmt, christliche Stufen zu Euerm heidnischen Thronsitz zu hobeln.

+Eulenspiegel+:

Also kurz und gut: ich schlage vor, sein Seelenheil auszuknobeln.

(Er holt den Würfelbecher aus der Tasche und schüttelt ihn.)

Bester Wurf: Alles Eins! --

(Er stülpt die Würfel auf einen Kristallblock.)

Hier --: dreimal der nackte Spatz!

+Frau Venus+:

In der Tat: ein unwiderleglicher Satz. Gib her!

+Eckart+:

Halt, Hexe! leg erst den Zauberstab nieder!

+Frau Venus+:

Das versprach ich +nie+ wem.

+Eckart+:

Dann, Schalk, nimm den Becher wieder! Rasch! nimm ihn! rasch! -- Die Unholdin wirft dir Pasch auf Pasch; so bliebe das Wettspiel in alle Ewigkeit gleich.

+Frau Venus+:

Ich hätt ihn heimzahlen können, den schnöden Gauklerstreich; aber, Tyll, des Michels Seele gilt mir zu viel für ein Würfelspiel! Ich sehe, Rotbart, zu meiner Freude: du nickst.

+Der Rotbart+:

Ich fühle, Feindin, wie ehrlich du um dich blickst.

+Frau Venus+:

So hört meinen rückhaltlosen Bescheid: der Michel Michael selber löse im Traum unsern Streit! Wenn du Herrscher in seinem dir zugeweihten Land, du Wächter an deinem ihm geheiligten Stand, du Landstreicher da aus vogelfreien Bezirken, wenn ihr vermögt seiner Sehnsucht ein habhaftes Ziel zu erwirken, das ihm wettmacht den einen einzigen unruhvollen Bann, den meine Inbrunst, die verwunschne, ihm antun kann: so sei er hinfort, in Zeit und Ewigkeit, von mir befreit! -- Seid ihrs zufrieden?

+Der Rotbart und Eulenspiegel+:

Zufrieden! Zufrieden!

+Eckart+:

Nur unter der Sicherheit, daß dein Szepter, solange der Streit dich drängt, sein träumendes Haupt nicht berührt noch umkreist noch sonstwie lenkt.

+Frau Venus+:

+Die+ Sicherheit geb ich.

+Eckart+:

Dann ruf ihn! die Wette +hängt+.

+Frau Venus+

(berührt die Kobolde mit dem Szepter):

Aufgewacht, Klopfgeister, aufgewacht! der Wunschquell sprudelt; öffnet den Schacht! Feuerfluß werde kristallene Flut! Erde, enthölle dein Himmelsblut! verschlinge das Trübe, beschwinge das Reine! Erscheine, Michael, erscheine! --

(Die Kobolde haben die Kristallschnurgeflechte der rechten Grotte inzwischen geöffnet und eine ferne langsame Tanzmusik ertönt. Aus rötlichem Qualm auftauchend erscheint ein Zug schwarzgekleideter Gestalten. Voran +fünf Kaplane+, im Gänsemarsch mit Polkaschritt. Dann je +fünf Landräte und Bürgermeister+, die den schlafenden +Michel Michael+ auf seiner Bank einhertragen; er hat noch immer die Zippelmütze auf dem Kopf und ist mit dem Tischtuch an die Bank festgebunden, mit dickem Knoten auf der Brust, doch so, daß seine Arme frei sind. Hinterdrein +fünf Pastoren+, wieder im Polkaschritt. Jeder Kaplan, Landrat, Bürgermeister, Pastor ist den vier übrigen zum Verwechseln ähnlich, in den gleichen Kostümen und Masken wie früher.)

+Chor der Landräte und Bürgermeister+:

Hier naht er, hier naht er, der Weltpotentater.

+Chor der Kaplane und Pastoren+:

Da liegt er im Wickel, das Hochmutskarnickel.

+Die Landräte und Bürgermeister+:

Du Großmaul! du Saufsack! du Raufbold! du Strolch!

+Die Kaplane und Pastoren+:

Jetzt kommt die Vergeltung, du Sündenmolch! Rache! --

(Der Zug macht ruckhaft in vier Kolonnen Halt und stellt die Bank in der Mitte der Höhle nieder, Michels Füße dem Venusthron zugekehrt; zugleich wird die Grotte wieder verhängt, sodaß die Tanzmusik verstummt, und die Kobolde eilen auf ihre Sitze zurück. Michel liegt immerfort regungslos.)

+Frau Venus+:

Erhebt ihn!

+Die Landräte+:

Äh --?

+Der Rotbart+:

Erhebt ihn!!!

+Eulenspiegel+:

Ja ja! hier pariert man aufs Wort! Immer artig, werte Herrn! hübsch kusch und apport!

(Halblaut:)

Held Michel, hier braucht dich blos das geheimste Lüstchen zu jucken, und wir sind allesamt deine tiefst leibeignen Haiducken.

(Die Amtspersonen haben inzwischen, unter schreckhaften Bücklingen, die Bank mit Michel hochgekippt, sodaß sein ganzer Körper verdeckt steht; so dem Venusthron zugewandt, an die aufgerichtete Bank gebunden, bleibt er stehen, bis sich der Vorhang schließt, und nur ab und zu wird Arm oder Hand von ihm sichtbar.)

+Der Rotbart+:

Hier schützt dich mein Schwert, es ist allzeit unbestechlich.

+Eckart+:

Hier stützt dich mein Kreuz, es ist unzerbrechlich.

+Eulenspiegel+:

Hier nützt dir meine Pritsche, sie ist unüberwindlich; und deine Schlafmütze, sie ist unergründlich.

+Michel+

(immer mit schlafbefangener Stimme):

Wo -- bin -- ich?

+Frau Venus+:

Im Reich deiner reinsten Kräfte. Hier siehst du im Glanz kristallklarer Säulenschäfte deine stärksten Schutzgeister tausendfältig sich spiegeln und dir ihre innerste Strahlenfülle entriegeln. Hier hast du für immer die Wahl zwischen ihnen und mir; hier bist du Alleinherr. (_Zu den Amtspersonen_:) Kniet nieder, ihr!

+Die Kaplane+

(gehorchend):

Herr, erbarme!

+Die Pastoren und Bürgermeister+

(ebenso):

dich unser!

+Die Landräte+

(aufmuckend):

Himmelkreizrudiment!

+Eulenspiegel+

(sie einzeln rasch mit der Pritsche duckend):

Nieder! nieder! nieder! nieder! nieder! Blitzelement!

+Der Rotbart+

(Michels Kopf mit dem Schwert berührend):

Ich, Michel, kröne dein Haupt mit dem herrlichsten Mut, dem zu dir selbst; bewahre ihn gut!

+Eckart+

(desgleichen mit dem Kreuzstab):

Ich, Michael, mit der heiligsten Macht, der über dich selbst; nimm sie wohl in Acht!

+Eulenspiegel+:

Ich verhalte mich selbstverständlich ergebenst stille, denn die Hauptsache bleibt: es geschehe dein Wille!

(Ihm ins Ohr:)

Wenn du willst, ist der ganze Weltrummel nichts als ’ne Flause.

+Michel+:

Ich -- will -- nach Hause!

+Der Rotbart+:

Hier +bist+ du’s!

+Eckart+:

Ewig!

+Frau Venus+:

Dies Haus kannst du nie verkaufen. Michel Michael, bald ist die Zeit abgelaufen, in der du den Raum der Geister heimlich erleuchtet siehst; wenn du willst, daß dein innerstes Heim sich erschließt, ich zeig dir’s!

+Michel+:

Wer -- bist -- du?

+Frau Venus+

(von feurigem Rauch verhüllt):

Ich weiß nicht mehr. Wohl aus tiefem Süden kam ich einst her, wohl aus höchstem Norden: aus allen Zonen, wo Urvater Schmerz und Allmutter Wonne wohnen. Wohl der einsamen Glut seines Geistes bin ich entsprossen, wohl vom willigen Feuer ihrer Seele durchflossen in des Erdgrunds kreisenden Leib getropft, aus dem nun mein Himmelsblut flammt und flackert und drängt und klopft, aufbegehrlich durch deine, auch deine irdischen Adern hin --

+Eckart+:

Hüt dich, hüt dich, Michael, vor der Teufelin!

+Die Kaplane+

(_sich bekreuzend_): Teufelin!

+Der Rotbart+:

Schweigt, ihr Winsler!

+Frau Venus+:

Hab Dank! Ja, Gebieter, ich bin nur die Stimme, die aus dir selber lacht, wenn dein Mutwille hochlodert aus dem Kyffhäuserschacht. Ich, Eckart, brauche des Michels Haupt nicht mit wirren Machtsprüchen ewigen Heils zu kirren, nicht wie du, Freund Tyll, mit gleißenden Freiheitsblicken sein Hirn bestricken: ich rühre nur leise an sein Herz --

(sie senkt ihren Stab auf Michels Brust)

seht, wie er aufzuckt! -- Sag, Michel: +Ist’s+ Schmerz?

+Michel+:

Schmerz --

+Frau Venus+:

Ist’s Wonne?

+Michel+:

Wonne --

+Frau Venus+:

Ist’s Heimweh nach dem Licht?

+Michel+:

Licht!

+Frau Venus+

(ihren Stab wieder hebend):

+Fühlst+ du nun des Blutes selige Unruhpflicht? Oder willst du leben -- sprich -- wie diese Machtstreber hier, ein Ruhestifter voll furchtsamer Gier?

+Michel+

(die Arme breitend):

O Göttin! --

+Die Pastoren+:

Gnade!

+Eulenspiegel+

(_mit der Pritsche klappend_): Ruhe!

+Die Bürgermeister+

(während sich die Kaplane bekreuzen):

Gnade, Göttin!

+Eulenspiegel+:

Ruhe!!!

+Die Landräte+:

Göttlichste Göttin!!

+Frau Venus+:

Ihr?? Ihr meint eine Andre! Ihr meint die teuflische Fratze, die jene Diener des Heils da (_auf die Kaplane weisend_) mit plump geiler Tatze an die Wand euch malten; drum sitz ich im Trauerschleier. Aber auch euch treibt heimlich -- wißt es! -- mein mißgunstfreier Hauch, eure Ängste auszurasen und euren unreinen Atem irgendwie von euch zu blasen; drum habt ihr den Erdball zum Höllenkessel gemacht.

(Die Kobolde mit dem Szepter streifend:)