Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 21
(den Stock nehmend):
So! -- Jetzt, ihr Herrn, sollt ihr sehn, ob der Michel versteht, durchs nächtliche Deutschland zu gehn und bis Tagesanbruch sein festlich Geschäft zu vollbringen und auch ohne euern Beistand
+Lise+:
einen Rausch zu erringen.
+Der Rotbart+:
Ei, gestrenges Fräulein, im Rausch wird die Herzenslust rege. Gute Nacht! Ich gönn euch ein rauschend Herz allerwege.
(Er verneigt sich und schreitet linkshin davon.)
+Eulenspiegel+
(ihm folgend):
Ich schenk euch alles Rauschgold droben im Blauen.
+Eckart+
(ebenso):
Ich wünsch euch, allen himmlischen Festrausch zu schauen.
+Lise+
(ihnen nachrufend):
Und ich euch ein höllisches Morgengrauen! -- Ach, Michel!
+Michel+:
Gute Nacht, du ewige Unruh du. Geh schön schlafen. Und schließ die Haustür hübsch zu. Wirst schon sehn, ich sorge für dich aufs väterlich beste; und übers Jahr kannst du auch mit auf solche Feste.
+Lise+:
Wirklich?
+Michel+:
Ja wirklich, du. Aber jetzt laß mich gehn; horch, man hört schon Musik herüberwehn --
(eine ferne leise Walzermusik tönt bis zum Schluß des Aktes fort) --
und die Herren da warten, es ist höchste Zeit. Also leg dich aufs Ohr und träum dir ein fein neu Kleid.
(Indem er den Andern nacheilt):
Und schick deine Mucken heim, du! da auf die Mondsichel, du dumme Lise -- (_er verschwindet_) --
+Lise+
(ihm mit beiden Händen einen Kuß nachwerfend):
Du dummer Michel! --
(Sie huscht ins Haus, löscht das Licht, kommt gleich darauf wieder, in einen langen schwarzen Schleier gehüllt, ein silbernes Diadem mit flimmerndem Stern auf dem Haar, einen langen silbernen Stab in der Hand, der oben wie eine Wünschelrute gespalten ist, und verschließt die vom Mond beglänzte Tür. Dann sich reckend:)
O ja, ich schließ zu. Und den Schlüssel, (_ihn hebend_) den sollst du erst finden,
(ihn ins Mieder steckend)
wenn dir die Sinne vor Unruh um mich schwinden, du Väterlicher! -- Ja: berausch dich nur gut, du Lieber! Ich fühl’s, was dir braust im Blut. Ich folg dir, ich halt dich im Heimatland -- O, er weiß noch, wie er sein Findelkind fand! wie’s ihn durchdrang, durchdrang, Herz, als er mich sah: wie ein Bergquell tief aus der Erde -- (_in Gesang ausbrechend_) ja --: so saß ich unter dem Felsenhang --
(linkshin davonschreitend, während der Vorhang sich schließt)
und sang -- und sang -- --
*
+Eulenspiegel als Zwischenredner+
(tritt aus dem Mittelspalt des Vorhangs, klingelt mit seinem Schellenzipfel):
Meine Herrschaften, das Fest ist in vollem Schwung; selbstverständlich mit polizeilicher Genehmigung. Die ganze Stadt schwebt auf dem Gipfel der Seligkeit; einschließlich der beiderseitigen Geistlichkeit. Jeder darf sich also, ohne irgend eine Pflicht zu entheiligen, an der allgemeinen Begeisterung voll-und-ganz beteiligen. Das soll nicht etwa heißen, ich buhle um Ihre Gunst; sondern blos mein Herr, der Dichter, betreibt diese schändliche Kunst. Er betreibt sie leider mit höchst wohlgeziemenden Mitteln
(das Gestampf einer Maschine wird hörbar)
und ist fest überzeugt, Sie finden nichts dran zu kritteln; wie Sie hören, sogar mit Dampfkraft und Elektrizität, weils ohne diese Errungenschaften heut nicht mehr geht. Dennoch muß ich sagen
(eine laut schnarrende Stimme hinterm Vorhang wird hörbar)
-- na aber! das wird denn doch zu kräftig; ich bitte um Ruhe dadrinne! Hee! Sie begeistern sich zu heftig! Heda, Ruhe! oder ich ruf die Regie! Ich bin ein Gespenst, ich kann nicht so schrein wie Sie,
(er schreit immer stärker)
Sie rattern ja lauter als die Dynamomaschine; bitte schließen Sie gefälligst Ihre Phrasenterrine! -- Sie! hören Sie nicht? jetzt habe Ich das Wort! -- Er hört nicht. Er rattert ruhig fort. Ich fürchte, über solchen voll-und-ganzen Begeisterungston verfügt nur eine wirkliche neuhochdeutsche Regierungsperson; jeder andre Geist krigte davon den Schlucken. Da muß ich braves altdeutsches Gespenst mich wohl ducken
(er tut es)
und ehrerbietigst das Mundwerk der hohen Behörde enthüllen, damit Sie auch lernen, so begeistert zu brüllen.
(Er schiebt geduckt den Vorhang linkshin auf und verkriecht sich im Vordergrund der Bühne.)
Zweiter Aufzug
(+Bild+: Eine Gartenwirtschaft mit elektrischen Ampeln, bunt voller Leute in Maskenkostümen, doch herrscht die schwarze Farbe vor. Im Hintergrund ein erleuchteter Tanzsaal. Rechts ein Laubengang mit Tischen und Stühlen, die grün und weiß gestrichen sind; auf dem vordersten Tisch ein weißes Tischtuch und ein Schild mit der Aufschrift „Reserviert!“ Links unter Bäumen ein langer Tisch, an dessen hinterem Ende der schnarrende +Landrat+ steht, mit aufgedrehten Schnauzbartspitzen, in schwarzer Halbmaske, Frack und Domino. An den Seiten dieses Tisches sitzen der +Bergrat+ und der +Bürgermeister+, ähnlich maskiert, nur mit anderen Bärten, der Bergrat mit dunkelm spanischen Spitzbart, der Bürgermeister mit grauem Tintenwischer-Schnurrbart; dann die +Frau Bürgermeisterin+ und andre Damen in farbigen Masken, ein +Kaplan+ und ein +Pastor+ unmaskiert, der +schwarze Karl+ in Bergknappentracht mit Hornbrille, ihm gegenüber +Michel Michael+ ohne Maske, an der linken Ecke vorn. Die Honoratioren tragen Zylinderhüte; nur der Kaplan hat flachen Seidenhut. Hinter Michel stehen wie Wachtposten der +Kaiser Rotbart+ und der +getreue Eckart+, immer mit geschlossnem Visier und Kapuze; und +Eulenspiegel+ hat sich zu seinen Füßen unter die Tischplatte gehockt. In der Mitte der Bühne ein Lindenbaum, hinter dessen Stamm +Lise Lied+ verborgen steht; davor eine grün und weiß gestrichene grade Bank ohne Lehne. Ringsherum maskiertes Volk; darunter auch Kinder.)
+Der Landrat+
(immer lauter schnarrend, um das Gestampf der Maschine zu übertönen):
Und demnach, da Sie merken -ä- bin zwar in Maske erschienen, aber -ä- unverkennbar: Ihr Landrat redet zu Ihnen -- demnach, sag’ich, will ich hier -ä- in Ihrer festlichen Mitte, wo uns Alle nach guter, echter, alter Sitte sozusagen die brüderlichsten -äh- Gefühle beseelen, will ich, sag’ich, Jedem väterlichst anempfehlen, trotz allen, wie Schiller sagt, feindlichen Gewalten unentwegt unsre heiligsten Güter -ä- hochzuhalten. Und diese -ä- Gefühle -- Gefühle, sag’ich -- sollen uns auch geleiten, wenn wir in diesen unverzeihlich vaterlandslosen Zeiten demnächst, meine Herrn, wie Sie wissen, zur Wahlurne schreiten. Also, meine Herrn -äh- und Damen, wolln wir uns jetzt von den Stühlen zum Zeichen von unsern -ä- unsern -äh-
+Eulenspiegel+
(über den Tischrand weg):
Hochgefühlen --
+Der Landrat+:
jawohl: von unsern vaterländischen Hochgefühlen -- wollen wir uns, sag’ich, jetzt mit unsern Gläsern erheben: unser allverehrter Reichstagskandidat, der Herr Bergrat, er soll leben! hoch!
+Chorgesang mit Musik+
(während der Landrat dem Bergrat die Hand schüttelt und Alle anstoßen):
Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!
(Dann noch immer das Geräusch der Maschine.)
+Der Landrat+:
Himmelkreizrudiment! da +muß+ ja’s Trommelfell reißen!
(Nach hinten schreiend:)
Die Kerls, die Heizer, sollen die Tür zuschmeißen! Heda!!! Tür zu, sag’ ich! Sofort den Kesselraum schließen! --
(Man hört eine eiserne Tür zuklappen; das stampfende Geräusch verstummt.)
Bande! Frechheit! Da soll man nu Volksfest genießen. Unerhört! verstand kaum mein eigen Wort. Tun’s selbstredend extra, diese Sozi, uns hier zum Tort. Mußte schrein, daß mir jetzt noch’s Trommelfell klirrt.
+Der Bergrat+:
Ach bitte, Herr Bürgermeister, Sie sorgen wohl gütigst beim Wirt, daß uns die Lichtmaschine, bitte, nicht wieder stört.
+Der Bürgermeister+:
Mit Vergnügen, Herr Bergrat.
+Der Landrat+:
Ja! bin wirklich empört!
+Der Bergrat+:
Er soll den Heizern ein Achtel Pilsner auflegen.
+Der Bürgermeister+:
Gern, Herr Bergrat.
(Er entfernt sich mit der Volksmenge nach dem Tanzsaal.)
+Der Landrat+:
Pros’t, Herr Corpsbruder! meinen volksfreundlichsten Segen!
(Er trinkt dem Bergrat zu.)
Diese Rasselbande! diese roten Radaugesellen!
+Michel+
(hat wieder Platz genommen, stampft seine Weinflasche auf den Tisch):
Mit Verlaub! Indessen: von wegen den Trommelfellen --
+Der Landrat+
(etwas schwerhörig):
Äh --?
+Eulenspiegel+
(unterm Tisch hervor):
Trommelfellen --
+Michel+:
so im Kesselraum schuften, ist +auch+ kein Volksvergnügen.
+Der Rotbart+:
Volksvergnügen.
+Eckart+:
Volksvergnügen.
+Der Bergrat+:
Bravo, Michel!
+Die Frau Bürgermeisterin+
(auffällig bunt kostümiert, lorgnettierend):
Entzückende Gruppe!
+Der Landrat+:
Gottvoll!
+Michel+:
Verfluchtige Lügen!!!
+Eulenspiegel+ (_Fistel_) und +Eckart+ (_Baß_):
Lügen! Lügen!
+Der Rotbart+
(Baryton):
Man soll nicht meinen, ihr Leute, man könne den Michel betrügen.
+Die Bürgermeisterin+
(während die Andern lachen):
Nein, wie reizend!
+Der Landrat+:
Köstlich!
+Die Bürgermeisterin+:
Wie echt gemacht! So natürlich! so romantisch! so richtig sagenfigürlich! nicht wahr, Herr Pastor?
+Der Pastor+
(in schwarzem Gehrock, zugeknöpft, wohlbeleibt):
In der Tat, Frau Bürgermeisterin; ein Maskenscherz mit tiefem evangelischen Sinn.
+Der Kaplan+
(in schwarzer Sutane, noch beleibter):
Man könnte, Herr Amtsbruder, eher wohl katholischen sagen.
+Der Bergrat+:
Also, meine Damen und Herrn, erlaub’ich mir vorzuschlagen, weil der biedre Zecher da Michel Michael heißt und offenbar erfüllt ist von wahrhaft volkstümlichem Geist: wir erteilen nachher dem deutschen Michel nebst Geisterbegleitung den Maskenpreis!
+Alle+:
Bravo!
+Eulenspiegel+
(aufstehend und klingelnd):
Und setzen’s in die Zeitung!
+Der Landrat+:
Selbstredend!
+Eulenspiegel+
(sich vor ihm verbeugend und weiterklingelnd):
Es lebe die hochwohlweisliche Volksfestleitung! --
(Im Saal fängt gedämpfte Tanzmusik an.)
+Michel+
(ist gleichfalls aufgestanden):
Herr Bergrat spaßen sehr gütig; ja; und ich danke auch sehr. Aber, wie Herr Bergrat wissen, kam ich eigentlich her, um mein Haus --
+Der Rotbart und Eckart+:
(während Lise Lied hinter dem Baum hervorschaut)
Haus -- Haus --
+Michel+:
(die Vertragspapiere aus der Brusttasche holend)
Hier -- ich bin so frei --
+Der Bergrat+:
Schon gut, lieber Michel; gewiß, kommt auch an die Reih. Jetzt muß ich erst tanzen gehn.
(Zur Bürgermeisterin:)
Gnädige Frau, darf ich bitten! --
(Verschiedene Paare, auch der Landrat mit einer Dame, ab nach dem Saal.)
+Michel+
(die Papiere einsteckend und sich wieder setzend):
Verdammte, verquere, katzenfreundliche Sitten!
(Er stürzt ein Glas Wein hinunter.)
+Eulenspiegel+:
Ja, Sitten!
+Der Rotbart und Eckart+:
Sitten! --
+Der schwarze Karl+
(hat bis dahin mit dem Kaplan getuschelt):
Gratuliere, Freund Gevatter; scheinst hier recht wohlgelitten.
+Michel+:
Halt’s Maul!!!
+Lise Lied+
(ganz hervortretend, dicht verschleiert, mit verstellter Stimme):
Michel Michael, laß dich zum ersten Mal warnen! schon beginnt der Stadtrausch deinen Geist zu umgarnen. Ich bin deine Glücksfee; bang von fern komm ich her, von den Sternen, durch die Nacht, übers gründunkle Meer, meinen Wünschelstab in bebender Hand, flüchtigen Fußes von Land zu Land, durch den Wald deiner Kindheit bin ich gegangen, in den Schooß der Berge trieb mich dein Glückverlangen, bis zum Hörselgrund tief, wo Frau Venus wacht und den feurigen Quell der Jugendträume entfacht -- Michel Michael, jetzt durch meinen Mund tut dir die ewige Göttin kund: du sollst deiner lieben Heimat nicht untreu werden, damit du kein Flüchtling wirst auf Erden. Lebe wohl!
+Der Rotbart+:
Halt, Flüchtling!
+Eulenspiegel+:
Halt, edle Fee! Nicht so schnell!
(Er läuft ihr nach; sie verschwinden im Hintergrund rechts.)
+Der Rotbart+:
Du scheinst wahrlich kein Flüchtling, Glücksvogel Michael!
+Michel+:
Ach was, Maskenschnack! Lachhaft! Lauter Alfanzerein! Hee, Bedienung!
(Ein altdeutsch gekleideter Kellner erscheint und bringt auf seinen Wink eine neue Flasche.)
+Der schwarze Karl+:
Wer mag’s wohl gewesen sein? Die Jungfer Lise?
+Michel+:
Schnack, sag’ich! Die liegt zu Hause im Bett! Verstanden?! -- Höchstens etwa, daß sie ’ne +Freundin+ hätt und läßt ihrem Vormund heimlich so’n kleinen Stupps aufschwenken; braucht drum Niemand nichts Schlechtes von ihr zu denken!
+Eckart+:
Michel Michael, hüt dich vor des Hörselbergs Ränken!
+Der schwarze Karl+:
Ja, ich meine auch --
+Michel+:
wie??
+Der schwarze Karl+:
das heißt, natürlich nur so im Allgemeinen; die bösesten Weibsbilder sind, die die besten scheinen. So zum Beispiel der Bergrat und die Frau Bürgermeistern. Da hilft kein Vertuschen mehr, kein Verkleistern; rein schon öffentlich tut sie’s ja mit ihm treiben.
+Michel+:
Meinethalben! Man soll mir mit Stadtklatsch vom Halse bleiben!
+Der Kaplan+:
Wohlgesprochen, mein Sohn. Jedoch, in dem städtischen Sündenschwarm braucht der Mensch eines Schutzpatrons starken Arm; du hast ihn schon lange nicht mehr im Beichtstuhl erprobt. Wirst hoffentlich trotzdem, wenn nun die Wahlschlacht tobt, wissen den rechten Schild hochzuhalten.
+Michel+
(aufstehend):
Zu Gnaden, Ehrwürden; ich lass den alten Gott walten. Obgleich ich, verzeihn Sie, in meinem einfältigen Sinn eigentlich mehr für die Protestanten bin.
+Der Pastor+
(gleichfalls aufstehend):
Ein männliches Wort, lieber Freund! Und ich darf wohl hoffen, Sie wissen, auch unser Arm steht der christlichen Einfalt offen.
+Michel+:
Viel Ehre, Herr Pfarrer. Indeß, um Sie nicht zu vexieren: ich bin überhaupt fürs Protestieren. Wenn ich wählen +müßt+ zwischen Pastor und Kaplan, wär ich doch wohl lieber dem -- Stärkeren untertan.
(Er verbeugt sich schwerfällig, dreht ihnen den Rücken und setzt sich ans andre Ende des Tisches; der +Rotbart+ und +Eckart+ folgen ihm, seine Flasche und sein Glas nachtragend.)
+Der Pastor+
(zum Kaplan, der ebenfalls aufgestanden ist):
Hm. Wer +ist+ nun der Stärkere von uns Beiden?
+Der Kaplan+
(die Hände über den Bauch faltend):
Ich schätze, Herr Collega, wir lassen’s vom Publiko entscheiden.
(Die Tanzmusik im Saal hört auf.)
+Eulenspiegel+
(zurückkommend):
Vetter Michel, ich habe den ganzen Stadtpark durch-und-durchgekuckt: deine Glücksfee scheint von der Hölle verschluckt.
+Michel+:
Glückauf!
+Der Rotbart+:
Wahr dich, Schalk! daß der Michel nicht Flammen spuckt! --
(Währenddem kommt Maskengewühl aus dem Saal. Voran der +Bergrat+ und der +Landrat+, hinter ihnen her der Kellner mit Sektkübel und Würfelbecher, zu dem reservierten Tisch hin im Vordergrund rechts.)
+Der Landrat+
(sich mit dem Taschentuch fächelnd):
Himmelkreiz! Doller Fez! Bewundre Sie. Ohne zu schmeicheln.
+Der Bergrat+:
Ja, man lernt allmählich die Volkstatze streicheln.
+Der Landrat+:
Na, ich danke!
+Michel+
(hat sich durch die Leute nach vorn gedrängt):
Herr Bergrat -- wenn Sie jetzt -- ich will nicht behelligen -- aber solche Unterschrift ist doch leicht zu bewerkstelligen -- da Sie doch geneigt --
+Der Bergrat+:
Aber bester Michael, Sie benehmen sich wirklich etwas auffällig schnell. Hat doch Zeit bis morgen.
+Michel+:
Morgen muß ich arbeiten gehn!
+Der Bergrat+
(den Würfelbecher nehmend):
Na, dann nachher! Jetzt bin ich beschäftigt, wie Sie sehn.
+Michel+:
Ich -- seh -- --
+Lise Lied+
(erscheint im Hintergrund):
Michel Michael, ich warn dich zum zweiten Mal -- horch: schon singen die Bergleut ein Spottlied im Saal --
+Sprechgesang+
(auch Kinderstimmen):
Der deutsche Michel, der hat sich verlaufen; Glückauf! Er will sein Haus an die Stadtleut verkaufen; Glückauf!
+Ein Zug maskierter Bergknappen+
(kommt weitersingend aus dem Saal, geführt vom +roten Karl+, der als Militär-Invalide maskiert ist, und begleitet von Kindern in blaugrauen Koboldtrachten mit Zippelmützen und weißen Bärten):
O Michel, die Stadt hat ein Herz von Stein, bald wirst du ein steinreiches Schindluder sein; Glückauf!
+Lise Lied+:
Drum, aus der Berge feurigem Herzensgrund, tut die Herrin der Zukunftsträume dir kund: Du sollst deine herzwarmen Augen heller aufmachen, dann wirst du zum goldensten Traum erwachen. Glückauf!
(Sie verschwindet.)
+Der rote Karl+
(seine Mütze abziehend):
Ein alter Kriegsveteran, der um ein Almosen bettelt --
+Michel+:
Ah, roter Karl! +Du+ hast das angezettelt?! Ich sag dir: hüt dich! ich kenn dich! scher dich um Deine Sachen! der Michel läßt sich von +niemand+ zum Popanz machen! Merk dirs! Sonst: hier: bei meines Vaters Stock --
(Die Maschine stampft plötzlich wieder los)
+Der Landrat+
(den Würfelbecher aufstampfend und sich die Ohren zuhaltend):
Kreizrudiment --
+Der rote Karl+:
man stopp --
+Dumpfe Stimmen im Hintergrund+:
man stopp! man stopp! man stopp!
+Eulenspiegel+:
Platz da, Michel!
+Der rote Karl+:
Platz! sonst gibts Flecke am Rock!
(+Drei Maschinenheizer+, rußgeschwärzt, kommen mit geschulterten Schaufeln im Marschtritt nach vorn; Eulenspiegel klappt mit der Pritsche den Takt dazu.)
+Der Oberheizer+:
Stopp! -- (_Zum Bergrat_:) Euer Hochwohlgeboren haben die Gnade gehabt und uns mit einer Erfrischung
+Der rote Karl+
(_soufflierend_): kleinen Erfrischung
+Der Oberheizer+:
kleinen Erfrischung gelabt. Euer Hochwohlgeboren, wir danken Ihnen sehr und melden
+Der rote Karl+
(_wie vorher_): gehorsamst
+Der Oberheizer+:
gehorsamst: das Achtel ist bald leer. Euer Hochwohlgeboren wissen, die Nacht ist noch lang, und wir halten
+Der rote Karl+:
ergebenst
+Der Oberheizer+:
ergebenst die Beleuchtung in Gang. Euer Hochwohlgeboren, wir möchten
+Der rote Karl+:
mit unter
+Der Oberheizer+:
mit untertänigstem Respekt
+Der rote Karl+:
mal probieren
+Alle drei Heizer+:
mal probieren, ob auch Sekt uns schmeckt!!!
+Der Landrat+
(vor sich hin):
Kreuzschwerebrett --
+Der Bergrat+
(aufstehend, räuspernd):
Leute! Hört mal --
+Eulenspiegel+
(steigt hinten auf einen Stuhl und klingelt):
Hört, hört!
+Der Bergrat+:
Ich bitte doch dringend, daß man den Geist des Festes nicht stört!
+Eulenspiegel+
(nochmals klingelnd):
Ich schließe mich dringend dem verehrten Herrn Vorredner an und verordne somit strengstens, so geisterhaft ich kann, auf Geheiß Seiner Allerhöchstgeistigen Majestät des weiland Kaisers Rotbart, weil er hier auf Gebet des annoch deutschen Michels auferstanden steht im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität, und weils ohne diese Errungenschaften nicht geht
+Eckart+
(mit Grabesstimme):
in euerm erleuchteten Jahrhundert --
+Der Rotbart+
(mit Donnerstimme):
über das er sich ungeheuer wundert --
+Eulenspiegel+:
so verordnet er hiermit den Anstiftern der Beleuchtung zur weiteren nächtlichen Kesselraumbefeuchtung aus seiner johannisfestlichen Kellerei unter Aufsicht der hochwohlwürdigen Geisterpolizei einen Korb Henkell-trocken --
+Die Heizer und Bergknappen+:
Ha! Hurra! Bravo! Hei!
+Eulenspiegel+:
Wir werden unverzüglich die nötigen Amtsbefehle geben.
(Er springt vom Stuhl und läuft nach dem Saal.)
+Die Heizer und Bergknappen+
(während Michel sich auf den leeren Stuhl setzt):
Hurra! hoch! der deutsche Michel soll leben! leben! leben! und Kaiser Rotbart daneben! --
+Der Landrat+
(während die Heizer und Knappen mit dem roten Karl nach links abmarschieren):
Schwerebrett, Herr Corpsbruder! war ja ’ne nette Bescherung. Na, pros’t! Immerhin sozusagen ’ne soziale Belehrung.
(Sie stoßen an und trinken Rest; zugleich klappt wieder die eiserne Tür, und das Geräusch der Maschine hört auf.)
Wird der Michelspaß nicht amende bedenklich?
+Der Bergrat+:
Unbesorgt. Der Mann ist absolut unverfänglich; hat sicher mit dem kleinen Putsch nichts zu tun. Etwas Dickkopf, aber sonst ein gemütliches Huhn; will mir blos partout sein bißchen Grundstück beibiegen. Ist auch preiswert; und wie die Chancen liegen, müßt ich ihn sowieso bald aus seiner Waldbude schassen. Wollt ihn blos noch ’ne Zeitlang zappeln lassen; Sie verstehn.
+Der Landrat+:
Vollkommen. Blos diese -ä- Geistergestalten, die uns da eben die noble -ä- Abfuhr aufknallten --
+Der Bergrat+:
Ja, sonderbarer Scherz.
+Der Landrat+:
Schon mehr Impertinenz.
+Der Bergrat+
(während die Tanzmusik wieder anfängt):
Vermutlich Herren von der linksseitigen Konkurrenz; scheint mir ratsam, hier niemand zur Entlarvung zu zwingen: --
(Sie stehen auf, um sich nach dem Saal zu begeben.)
+Eulenspiegel+
(vom Maschinenhaus zurückkommend):
Gnädiger Herr, ich habe zu hinterbringen:
(mit Trinkgeberde)
der kaiserliche Geist beginnt schon ins Volk zu dringen. Held Michel, halt dich zum Hurraschrein bereit!
+Michel+
(steht brüsk auf, ein wenig schwankend, und steuert zu dem Bergrat hin):
Um Verzeihung, Herr Rat -- in aller Bescheidenheit -- aber es könnt sonst sein, Herr Rat, das Geschäft wird mir leid; -- den Bittsteller machen, fällt mir von Hause aus schwer --
+Der Rotbart und Eckart+
(sind ihm nachgeschritten):
schwer -- schwer --
+Der Bergrat+:
So! Seh einer! -- Na! Dann geben Sie mal her. Pardon, Herr Corpsbruder.
+Der Landrat+:
Bitte. (_Ab zum Saal._)
+Michel+
(die Vertragspapiere überreichend):
Hier -- zu dienen, Herr Rat --
+Lise Lied+
(aus dem Laubengang tretend):
Michel Michael, hör mich! Zum dritten Mal naht
+Michel+:
Ruhe!!!
+Eulenspiegel+:
Holla, die Glücksfee! Halt, Göttin, halt!
(Er setzt ihr nach; sie verschwinden beide.)
+Michel+:
Verzeihung, Herr Bergrat; sie drängt sich mit Gewalt
+Der Bergrat+:
Wohl ein Schatz?
+Michel+:
Gott bewahre, Herr Bergrat; nein, keine Spur.
+Der Bergrat+
(sich wieder an den reservierten Tisch setzend):
Wär doch keine Schande, Mann; delikate Figur! -- Na, nehmen Sie Platz --
(die Papiere aufmachend und seinen Füllfederhalter herauslangend)
aber Eins, mein Lieber, schick ich voraus: Sie müssen nicht denken, Sie wären der Herr im Haus. Ihre Scholle ist uns auf alle Fälle verfallen.
+Michel+:
Wie??
+Der Bergrat+:
Nun: wenn wir den Luftschacht etwas mehr seitwärts verstallen und legen ’ne Schutthalde vor Ihre Tür, dann gibt kein Mensch mehr ’ne Schippe Kooks dafür.
+Michel+:
Ja, aber --
+Der Rotbart und Eckart+
(wieder hinter ihm Wache stehend):
aber! -- aber! --
+Der Bergrat+:
Da gibt’s nichts zu abern leider. Im Übrigen bin ich kein Halsabschneider. Kellner, noch’n Glas! -- Wollte blos meinen Standpunkt klarmachen -- --
(Den Vertrag durchsehend:)
Nein -- aber -- Bester -- das ist ja rein zum Lachen: ich nannte Ihnen fünfzehntausend als unsern äußersten Preis, und hier stehn achtzehn?!
+Michel+:
Ja, Herr Bergrat, weil --: ich weiß nicht, ob der Herr Bergrat weiß: mein Großahn war Grobschmied -- und -- und --
+Der Bergrat+
(_während der Kellner das Glas bringt_): Na? Und?
+Michel+:
Es geht eine alte Sage von Mund zu Mund --:
+Der Rotbart+:
Des Michel Michaels Haus steht auf eisernem Grund --
+Eckart+:
könnte mancheiner Silber und Gold draus schlagen -- --
+Michel+:
Ja! -- Das heißt, Herr Rat, ich wollte damit nur sagen --
(da der Bergrat ihm einschänkt)
sehr gütig, Herr Rat --
+Der Bergrat+:
Na, Michel: viel ist nicht zu profitieren. Aber -- na gut: Lufthalber wollen wir’s mal riskieren. Also (_ihm zutrinkend_) Glückauf!
+Michel+:
Glückauf! (_er leert sein Glas._)
+Der Bergrat+
(_unterschreibt_): So. Abgemacht. Hier: nun Sie! Nein, hier: auf dem andern Papier.
+Michel+