Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 2
„Na, Alterchen?“ ließ sich Mutter hören, Vaters Schneehaar glattstreichend -- „soll ich +hier+ decken oder unter der Linde?“
„Lieber hier, Mutting,“ kam er dem Alten zuvor; „hier sieht man die Abendsonne so schön.“ Die rote Scheibe stieß jetzt grade auf den Horizont der Landschaft; der Strahlenfächer war verschwunden.
Der Alte griff sich in den Bart. Sicherlich knurrte er im stillen wieder: „Sentimentaler Krempel!“ Das war ein Lieblingstrumpf von ihm.
„Die Lindenblüte riecht auch zu stark“, meinte mit rascher Abwehr die Mutter; „Abends manchmal ganz betäubend.“ Dann beugte sie sich zu der Kleinen nieder: „na, mein Lämmechen?“ strich ihr die Locken sanft aus der Stirn, sorglich nach dem Alten blickend, und ging wieder ins Haus. Lotte Goldsnut erhob sich.
„Hat ’ne zarte Nase, unser Muttel“, brummte der Alte und griff gemächlich an sein eigenes Vorgebirge, eine dicke Wolke von sich paffend; „krigt’s schon mit den Nerven.“
„Ovater“ -- kam auf einmal die Kleine hinter der Teckelhündin herangependelt -- „bist du der Weihnachtsmann?“
„Woll, mein Mäuschen!“ und er nickte belustigt. Tief nachdenklich sah sie ein Weilchen auf die eine Schüssel hin, durch deren dunkelgrüne Glaswand der weiße Inhalt schimmerte. Dann ging sie wieder an die Schwelle, wo die verblichenen Akazienblätter auf dem sandigen Boden lagen.
„Muß doch mal im Hofe nachsehn“ -- sagte der Alte und stand auf -- „ob die Juno etwa los ist; das Schindluder hat mir neulich einen von den jungen Hähnen abgewürgt.“ Er reckte sich. „Kann das Volk auch gleich in den Stall bringen.“ Er schritt ins Haus. Lotte Goldsnut wackelte ihm nach.
Die Sonnenkugel war jetzt nur noch mit dem oberen Drittel sichtbar, wie das rote nackte Augenschild eines riesigen Birkhahns. Nun wurde sie verdunkelt, fast verdeckt, von dem strotzenden Euter der grauen Leitkuh, die eben mit der Heerde drüben von der nahen Weide kam. Um die schweren Bäuche stieg der Staub der Landstraße auf. Der lahme Spittelhirt des Städtchens hinkte barfuß hinterdrein. Durch das hohlere Getön der Brückenbohlen klang die Kupferglocke am Hals der Vorderkuh. Zum Brüllen war die Heerde wohl zu satt. Die Mäuler kauten noch.
Nun war die Sonne blos noch ein fasriger Rand, wie ein glühender Wimpernbogen; das machten wohl die Binsen und das Röhricht in der Ferne. Man konnte fast mit den Augen verfolgen, wie sie Strich für Strich untertauchte. Er warf die ausgegangene Zigarre weg und stützte sich fester auf den Zaun. Jetzt verglomm der letzte Strich, grade oberhalb der einen Pappelsohle, wie hineingeschrumpft. Es wurde plötzlich etwas heller. Die fahle Dunstwand schien sich abzukühlen. Das dumpfe Rotgrau lockerte sich zart ins Grünliche. Durch die stummen Pappeln, von Haupt zu Haupt das Fließ entlang, wagte sich ein Lüftchen; noch beklommen. Jetzt: die trägen Blätter fingen an zu munkeln.
Er fuhr auf: eine verspätete Biene, von der Linde her, vorbei zu Korbe. Ob sein Vater die Feierstunde der Natur auch so ins Einzelne mitfühlte? Mit so sinnlicher Andacht? Nein. Das war wohl Neugehirn. Neue Sinnlichkeit. Auch neue Wissenschaft.
Aber doch: er hatte ihn einmal sagen hören: „Der Kiefernhochwald, aber Schnee muß liegen, das ist meine Kirche!“ Aber eben: Kirche: Unnatur! -- Da, da drüben die Pappelblätter, oben an der höchsten Spitze, wie sie schwärzlich im blassen Luftblau hingen, jeder Rand von einem zarten, zitternden Flimmerschein umwirkt: wars nicht tief feierlich zu wissen, daß sich da jetzt von unten her die letzten scheidenden Sonnenstrahlen durch den Atemduft des warmen Laubes in der Abendkühle goldhell brachen.
„Hater --“ fragte plötzlich die Kleine und schob sich bedächtig auf die Bank, ihr Schürzchen von sich haltend, das sie mit Akazienblättern vollgesammelt hatte -- „sind die Bäume müde, Vater?“ Ihre Augen blickten, weit und träumerisch geöffnet, über den Tisch weg nach den Pappeln. „Wie die Menßen ’tehn sie da.“
Er mußte nicken; wortlos. Wie die Menschen! O Kindermund.
Das mußte er der Mutter sagen; das war ein Wort aus +ihrem+ Geist. Die Kleine saß immer noch träumerisch; leise trat er in den Hausflur. Und auch den Narzissentraum ihr sagen! Ja, und dem Alten helfen seine Hähne einsperren; das nahm er immer sehr hoch auf.
Die Küche war offen. Die Mutter stand am Herd, eben einen Eierkuchen in der zischenden Pfanne wendend. Nein, das war nicht die rechte Stimmung; lieber morgen Vormittag im Garten. „Ah --“ sog er unwillkürlich den Geruch des brutzelnden Gebäckes ein.
„Mein großer Junge!“ lachte sie und griff ihm liebkosend durch den Kinnbart. „Hast wohl schönen Hunger von dem langen Spaziergang?“
„Wo die Juno blos stecken mag!“ wetterte der Alte, aus dem Hühnerhof in die Küche tretend; mit dem Helfen wars also auch nix. „Fängt auf ihre alten Tage zu jagen an; muß ihr mal ’ne Ladung Schrot aufsengen, Kantschu scheint nicht mehr zu ziehen.“ Er war ganz rot vor Ärger; wie seine Hähne. „Hast du sie nicht bemerkt Nachmittag?“
„Nein, Vater.“
„Konnt mirs denken“, ging das Sticheln los; „liegst ja immer gleich im Grase fest.“ Schwerenot, was ihn das wohl anging!
„Fertig, Kinderchen“ -- rief die Mutter und nahm das Gedeck zur Hand, ihm die Teller reichend.
Gottseidank! atmete er auf, wieder hinaus ins Freie tretend; der Alte hinterdrein mit den Eierkuchen. Aber was war das? das war ja ’ne nette Bescherung! Auf dem Gartentisch, mitten drauf, saß sein Töchterlein, eifrig bestrebt, die sandigen Akazienblätter in verschiedenen schönen Kringeln auf dem weißen Sahnenpelz der dicken Milch zurechtzulegen; eben wollte sie die zweite Satte in Angriff nehmen.
„I du Balg!“ Er besann sich; nur keinen Wutausbruch! Weswegen auch? eigentlich wars doch zum Lachen! Er nahm sich zusammen und sprach mit Nachdruck: „Das war aber unartig von dir!“
Sie sah ihn groß von der Seite an. „Das war darnicht una’tig von mir!“
„Kiek!“ machte der Alte in der Haustür, und der Kobold stach aus den stahlblauen Augen.
Wollte er ihn vielleicht gar foppen? Na warte! Er stellte die Teller hin. „Komm mal runter!“ sprach er und trat vor sein Kind.
„Nein!“ stemmte sie die Arme auf. I zum Donner, da sollte doch gleich --
„Kiek!“ kams abermals von der Haustür her; „Respekt scheint sie nicht viel zu haben.“
„Braucht sie auch nicht! Verlange ich nicht! Ich schlage meine Kinder nicht!“ Verdammt: wie war das aus ihm herausgeplatzt? Hätt er das Balg blos nicht mitgebracht!
„Nna“, knurrte der Alte mit Seelenruhe: „die Köter fressen ja dicke Milch auch ganz gern. Komm, Lotte“ -- pfiff er der Dachshündin, die sich eben durch den Zaun schlängelte. Was war der Jöhre blos aus einmal so hinterrücks in den Kopf gekrochen?!
„Komm mal her, mein Schäfchen,“ legte sich jetzt die Mutter ins Mittel und lächelte. Der Alte streichelte die Hündin, die bereits in der fetten Sahne schleckte. „Komm, mein Schäfchen; komm her zu mir.“
„Will aber nich!“ bockte sie erst recht, die Finger um den Tischrand klammernd. Jetzt riß ihm aber bald die Geduld!
„Na, Herzchen,“ lockte die Mutter wieder: „wirst doch nicht wieder wunderlich sein?“
Ah: am Nachmittag also +auch+ schon?! Was sollte der Alte denn von ihm denken!
„Vater haut nich“ -- stemmte sie sich noch fester.
Teufel, das war denn doch zu bunt! „Willst du jetzt gleich herunterkommen?!“
„Nein!“
„Detta?!“
„Nein!“
Wie sie festhielt! Warte, Kröte! Strampelst noch? Und mit den Beinen stoßen? -- „+Laß+, Mutter! +laß+ mich!“ schrie er wütend. Und wie das blanke Fleisch sich wand! Wie’s klatschte! Wie die Hand ihm brannte! Wie der Racker brüllte! Warte, Satan! --
„Na, na! so grob gleich?“ hörte er plötzlich den Alten; wie aus einem Nebel her.
„Kanalje!“ keuchte er -- „marsch!“ und besann sich. Ganz knallrot, ja, war das Fleisch gewesen; knallrot wie ein Hahnenkamm. Und -- Hahnrei des Bewußtseins! schoß ihm das Blut in die Schläfen; verdammt ja, wie eine Ohrfeige.
Hatte sie’s verdient? fragte etwas in ihm. Sie stand muckstill, mit den Tränen kämpfend. Was würde Recha sagen? Er schämte sich.
„Hab sie Nachmittag auch schon mal striegeln müssen,“ kams wieder von der Haustür her. Kreuzdonner -- „Na, entschuldige nur! Blos mit der Rute ein bißchen auf die Finger.“
So --: +deswegen+ also „Weihnachtsmann“?! und +darum+ war sie vorhin so sonderbar artig?! -- Er konnte nicht anders, er mußte lachen. Und auf einmal lachten sie alle zusammen.
Der Werwolf
Erzählung
An einem sehr nebligen Oktober-Abend sprach sich in dem entlegensten Vorort einer norddeutschen großen Handelsstadt die unheimliche Kunde herum, der Apotheker des Ortes sei auf der Eisenbahn während der Rückfahrt aus der Stadt von einem Raubmörder erschossen worden. Es war das ungefähr um dieselbe Zeit, als in einem Vorort der deutschen Reichshauptstadt Berlin ein aus dem Zuchthaus entlassener Schustergeselle die ganze zeitunglesende Menschheit zu unvergeßlichem Gelächter bewegte, indem er kraft einer abgetragenen preußischen Offiziersuniform nebst dazu passender Körperhaltung den versammelten Magistratspersonen die hirnberückende Vorstellung eingab -- oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, suggerierte -- er solle auf allerhöchsteignen Befehl Seiner Majestät des Kaisers den obrigkeitlichen Geldschrank ausräumen. Auch in jener norddeutschen Villenkolonie war über den musterhaften Gaunerstreich dieses sogenannten Hauptmanns von Köpenick, bei aller damals üblichen Ehrfurcht vor der Würde und Weisheit der Staatsvertreter, noch am Tage des Mordes reichlich gelacht worden; nun aber geriet die Einwohnerschaft, die größtenteils aus begüterten Kaufleuten und gutgestellten Beamten bestand, in eine zunehmende Ernsthaftigkeit. Fast alle mußten sie täglich zur Stadt fahren, um ihren Geschäften nachzugehen; jeder von ihnen sagte sich also, es hätte ihm nach erfüllter Berufspflicht, während er als gebildeter Bürger eines gesitteten Staatswesens auf dem besteuerten Bahnwagenpolster in den wohlverdienten Genuß einer Zeitung oder eines kleinen Schlummers versunken saß, genau desgleichen ergehen können wie dem bemitleidenswerten Apotheker, ja es könnte vielleicht sogar noch geschehen. Denn der Gemordete wurde begraben, ohne daß von dem Raubmörder auch nur die geringste Spur entdeckt war; und wochenlang setzten die städtischen Waffenhändler erstaunliche Mengen von Taschenrevolvern, Stockdegen, Schlagringen und andern Verteidigungswerkzeugen an die erregte Bevölkerung der sämtlichen umliegenden Ortschaften ab, während zugleich bei der Bahnverwaltung die verschiedensten dringlichen Sicherheitsvorschläge zum Umbau des ganzen Wagenparks einliefen, und bei der Polizeidirektion die mannigfachsten Verdachtsanzeigen, die immer weniger zur Ergreifung des Mörders und immer mehr zur Erregung der Bürgerschaft beitrugen.
Es ließ sich einstweilen nur ermitteln, daß auf der Böschung der Vorortbahn unweit der letzten Haltestelle ein alter Kavallerie-Revolver mit zwei abgeschossenen, zwei noch geladenen und zwei ungeladenen Patronenkammern die Mordtat sowohl wie die Flucht des Täters hinlänglich bezeichnete; auch fanden die Untersuchungsbeamten in nächster Nähe des Mordwerkzeuges die goldene Uhr und Kette des Apothekers, und in dem Bahnwagen hatte bei dem Gemordeten seine entleerte Banknotentasche blutbefleckt auf dem Polster gelegen. Augenscheinlich also war der Verbrecher nach der planvoll durchgeführten Beraubung während der Fahrt aus dem Wagen gesprungen, hatte die Tür wieder zugeschlagen, den Revolver im Sprunge fallen gelassen und dabei in der Hast auch die Uhr verloren; oder er hatte Uhr wie Revolver, um sich nicht später dadurch zu verraten, absichtlich sofort aus der Hand geworfen. Eine Fußspur war aus dem Graswuchs der Böschung nirgends zu erkennen gewesen, und in dem dichten Nebel konnte der Täter sehr leicht noch an demselben Abend nach dem Hafen der Handelsstadt auf offener Straße entkommen sein, hatte sich erst wohl unterwegs an irgend einem Feldteich gesäubert und war dann vermutlich mit falschen Papieren auf einem der vielen Auslandschiffe als Kohlenschipper oder dergleichen schon nächster Tage in See gegangen. Die meisten Umwohner wollten freilich aus allerlei Meldungen entnehmen, er streife noch heimlich im Lande herum; und da der massenhafte Vertrieb von Taschenwaffen jeder Art natürlich etliche freche Burschen zu neuen Gewalttaten anreizte, so schob sie der allgemeine Argwohn immer wieder auf den entschlüpften Raubmörder, obgleich diese ungeübten Gelegenheitsräuber stets bald der Polizei in die Hände fielen. Im übrigen blieben alle Nachforschungen, auch Zeitungsaufrufe und Säulenanschläge, ob irgendwer im deutschen Reich einen alten Kavallerie-Revolver kürzlich an irgendwen verkauft habe, trotz ausgesetzter Belohnung erfolglos; man mußte leider den Schluß ziehen, daß der Verbrecher die Waffe wohl schon in seiner militärischen Dienstzeit irgendwie beiseite gebracht und für seine spätere Laufbahn aufbewahrt hatte.
Was die Bevölkerung ganz besonders erregte, war der sehr viel Gesprächsstoff bietende Umstand, daß der erschossene Apotheker, trotzdem ihm der eine Schuß die Schläfe durchbohrt, der andre die Schädeldecke zerschlagen hatte, noch lebend, wenn auch bereits bewußtlos in dem Bahnwagen aufgefunden ward. Die ärztliche Leichenschau ergab, daß die Bewußtlosigkeit wahrscheinlich erst einige Minuten nach der Verwundung unter heftigen Schmerzen eingetreten war; und jedermann suchte sich nun zu vergegenwärtigen, was für Gedanken dem Unglückseligen in seinen letzten Augenblicken durch das zerfetzte Gehirn gestürmt sein mochten. Dies umso angelegentlicher, als der Entseelte bei Lebzeiten in der Ausübung seines Berufes fast jedem einzigen Ortsinsassen mehr oder minder nahe gekommen und auch als Persönlichkeit weit beliebt war: ein sanfter, schmiegsamer, schlanker Herr mit einem blonden Christuskopf und -- was bei seiner Aufgeklärtheit manchem verwunderlich erschien -- von förmlich gottgläubiger Frömmigkeit. So legten denn alle Nachdenklichen sich selbst und Andern die Frage vor, wie wohl das Gottvertrauen des Apothekers die letzte kurze Bewußtseinsfrist nach dieser gräßlichen Lebenserfahrung innerst bestanden haben möge, zumal da bekannt geworden war, daß die Witwe beim ersten Anblick des Toten nur die verzweifelten Worte herausgebracht hatte: „es gibt keinen Gott, es gibt keinen Gott!“ Auch daß sie den ziemlich hohen Betrag von 150000 Mark, auf den der knapp vierzigjährige Mann erst unlängst sein Leben versichert hatte, und welchen ihr die Versicherungsgesellschaft unverzüglich überwies, mit keinerlei Regung des Trostes entgegennahm, sondern vor Schluchzen kaum zu quittieren vermochte, gab der gemütvollen Bürgerschaft zu vielen teilnehmenden Reden Anlaß. Das menschliche Mitgefühl der Bevölkerung erstreckte sich so weit in die Runde, daß der Friedhofsgärtner nach der Beerdigung reichliche vierzehn Tage brauchte, um die Gräber und Beete wieder zurecht zu machen, die unter dem nicht zu hemmenden Andrang von Leidtragenden jeden Alters und Standes, einheimischen und auswärtigen, zertreten oder zerrauft worden waren. Und noch mehrere Wochen nach dem Ereignis konnte man in der ganzen Gegend keiner gebildeten Unterhaltung beiwohnen, die nicht schließlich zu der Erörterung führte, ob dem verewigten Apotheker, falls es ein Fortleben über das Grab hinaus gäbe, die Nichtentdeckung seines irdischen Mörders als ein völlig sachgemäßes Verfahren der himmlischen Gerechtigkeit einleuchten würde.
Da geschah es an einem schönen Nachmittag, daß ein Gemüsehändler des Ortes, der seine Mistbeete für den Winter herrichtete, durch eine Gartenhecke hindurch ein sonderbares Gespräch mit anhörte, das zwischen dem Eigentümer des Nachbarhäuschens und dessen einzigem Freunde stattfand. Dieser Nachbar war allen Leuten ein Rätsel. Als früherer Eisenbahnschaffner hatte er infolge einer Zugentgleisung eine leichte Kopfverletzung erlitten, von der ihm, wenn sein Gebaren nicht trog, eine dauernde Geistesstörung verblieben war, zwar keine richtig irrsinnige, aber die ihn nach Meinung der Ärzte doch dienstunfähig erscheinen ließ; und so hatte er vor Gericht erlangt, daß ihm die Bahnverwaltung den Abschied nebst angemessenem Sühnegeld und -- bis sein Geist vielleicht wieder dienstfähig würde -- auch Ruhegehalt bewilligen mußte. Nun tat er von Morgens bis Abends nichts weiter, als daß er vor seinem dürftigen Häuschen, für dessen Erwerbung das Sühnegeld draufgegangen war, in verbiesterter Weise hin und her schritt. Zu jeder Tages- und Jahreszeit, bei schlechter wie guter Witterung, marschierte er da in dem schmalen Raum zwischen Hauswand und Straßenhecke wie ein Wolf im Käfig auf und ab, mit verwildertem buschigem rotbraunem Bart, beide Fäuste in die Taschen vergraben, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und scheu die Vorübergehenden musternd, manchmal mit mißtrauisch zugekniffenen, manchmal mit feindselig aufgerissenen Augen; sodaß die Leute im Ort schließlich sagten, wenn er nicht wirklich geisteskrank sei, müsse er es bei dieser Art Übung allmählich bis zur Vollkommenheit lernen. Außer zu seinen Mahlzeiten und sonstigen häuslichen Geschäften, die seine Frau nicht für ihn verrichten konnte, wies sein öffentlicher Lebenswandel nur dann eine Unterbrechung auf, wenn in der Nachbarschaft irgend ein Todesfall vorkam oder auch blos zu erwarten stand. Dann verschwand er sofort aus dem Straßengärtchen, schloß sich Tagelang in seine Schlafkammer ein oder trollte während der Leichenzeit, wie ein von bösen Geistern Verfolgter, in den dichten Haidegehölzen herum, die an den Friedhof angrenzten. Deswegen hatte ein Lehrer der Ortsschule, der sich in seinen Mußestunden mit Abhandlungen über Gespenstersagen und Schauermärchen beschäftigte, einmal am Biertisch im Scherz geäußert, der rätselhafte rotbärtige Kerl werde sich noch als Werwolf entpuppen; und dieses hingeworfene Wort war als Spitzname an ihm hängen geblieben und dermaßen gang und gäbe geworden, daß kein Kind sich allein in die Haide wagte, aus Furcht, vielleicht von dem wilden Mann überfallen und abgewürgt zu werden.
Ob der Werwolf selbst merkte oder ahnte, was über ihn gemunkelt wurde, das wußte wohl nicht einmal seine Frau; denn zu Gesprächen neigte er nicht, sondern gab auf Anreden entweder garnichts oder höchstens ein unwirsches Knurren zurück. Nur ein kleiner krötiger buckliger Flickschneider, mit dem sich sonst niemand recht einlassen mochte, hatte sich an ihn angenistet und verstand ihm zuweilen ein paar Worte oder gar ein Schmunzeln abzugewinnen. Das passierte allerdings selten genug, und blos an besonders schönen Tagen; denn des Flickschneiders elenden Knochenbau flog beim leichtesten Lüftchen das Zipperlein an, und außerdem war er so schwach auf den Beinen, daß er dem unermüdlichen Werwolf kaum ein halbes Stündchen lang Schritt halten konnte. Geschah es aber, dann schien sich dieser voll tiefen Behagens daran zu weiden, wie das kleine klägliche Klümpchen Unglück mit seinem bartlosen Unkengesicht und seiner keuchenden Kläfferstimme da neben ihm hin und her hampelte, und wie die Leute das seltsame Freundespaar verstohlen von ferne besichtigten. An einem solchen schönen Nachmittag also -- es war ein ungewöhnlich milder November -- vernahm der erwähnte Gemüsehändler, hinter der Gartenhecke knieend, wie der Flickschneider plötzlich den Werwolf fragte, ob er nicht früher, vor seinem Eisenbahndienst, Sergeant oder so’was gewesen sei. Und als der mißtrauisch antwortete, er könne sich nicht mehr an alles erinnern, zog der Andre ein Zeitungsblatt aus dem Rock, das den berüchtigten Kavallerie-Revolver in größengetreuer Abbildung zeigte, und fragte mit pfiffiger Miene weiter, ob er sich hieran vielleicht erinnern könne; worauf der Werwolf erst wie entgeistert stillstand, dann in ein schreckliches Toben und Schluchzen ausbrach und den Krüppel wahrscheinlich entzweigemacht hätte, wäre nicht die Frau aus dem Hause dazwischengestürzt und auch der Gemüsehändler zu Hilfe geeilt. Natürlich meldete dieser den Vorgang ohne Aufschub der Polizei, und am andern Morgen wurde der Unhold von zwei Gendarmen zur Stadt befördert und ins Untersuchungsgefängnis gesteckt.
Beim Verhör erklärte zunächst der Flickschneider mit untertänigstem Selbstgefühl, daß er sich feierlich dagegen verwahren müsse, als Freund des Verhafteten zu gelten. Er sei ein unbescholtener Staatsbürger und habe sich mit dem verdächtigen Menschen lediglich deshalb abgegeben, um heimlich dabei herauszustudieren, ob derselbe in Wirklichkeit verrückt sei oder blos immerfort so tue. Die verfängliche Frage nach dem Revolver habe er eigentlich nur gestellt, weil einem solchen heimtückischen Müßiggänger doch alles zuzutrauen sei. Er wolle keineswegs die Behauptung aufstellen, daß der Werwolf den Apotheker umgebracht habe; es bleibe ja immerhin die Möglichkeit, daß derselbe den greulichen Wutanfall aus reinem Ärger über die Frage gekrigt oder auch blos geheuchelt habe. Aber er möchte doch nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der hohen Behörde auf den bedenklichen Umstand hinzulenken, daß der Verhaftete am Tage des Mordes schon seit dem Mittag verschwunden gewesen und erst wieder am Tage nach dem Begräbnis vor seiner Haustür erschienen sei. Wenn sich also derselbe nach alledem vor dem hohen Gerichtshof als schuldig erweisen sollte, so möchte er -- und bei diesen Worten blies sich des Flickschneiders Busenwölbung wie ein Truthahn vor dem ebenfalls verhörten Gemüsehändler auf -- ganz ergebenst befürworten, daß er allein den vollen Anspruch auf die für die Entdeckung des Mörders ausgesetzte Belohnung erheben dürfe. Der Beschuldigte saß währenddem mit gänzlich verstocktem Gesichtsausdruck da; nur als sein Verschwinden zur Rede kam, geriet er in merkliche Unruhe, und sein zusammengebissener Mund schien wieder mit inneren Tränen zu kämpfen. Doch bewirkte seine Vernehmung nichts weiter, als daß er hartnäckig leugnete oder zumeist blos den Kopf schüttelte, beständig die Augenbrauen runzelnd, wie wenn er die Sache nicht recht begriffe. Und da seine Frau nur in einem fort aussagte, sie könne sich hoch und teuer verschwören, daß sie nie einen solchen oder andern Revolver an ihrem Mann beobachtet habe, so mußte das lebhafte Rechtsbedürfnis der aufs stärkste gespannten Zeitungsleser einstweilen damit zufrieden sein, sich in neue entrüstete Leitartikel über die öffentliche Unsicherheit im allgemeinen, wie über den unheimlichen Werwolf und sein jahrelang freies Herumgerenne im besonderen zu vertiefen.
Indessen ergab der Fortgang der Nachforschungen, daß der Beschuldigte um die Zeit, als Revolver des vielgenannten Systems in der Armee geführt wurden, tatsächlich Sergeant gewesen war, und zwar bei der reitenden Artillerie; auch daß er sich wirklich zur Stunde des Mordes nicht in seiner Behausung befunden hatte. Vor allem aber gelang es dem Flickschneider, der inzwischen zusehends in der Achtung der teilnahmvollen Bürgerschaft stieg und von Tag zu Tag mehr Zuspruch gewann, durch eifrige Umfragen festzustellen, daß die Frau des Verhafteten schon seit Jahren bei sämtlichen Krämern und Händlern des Ortes, bei Schlachtern, Bäckern und Handwerksleuten, beträchtliche kleine Schulden gemacht und ihren Mann für sein lumpiges Ruhegehalt und seine schuftige Faullenzerei -- das waren ihre eigenen Worte -- einmal laut vor den Nachbarn ausgeschimpft hatte; und außerdem war sie am Tag vor dem Raubmord in der Familie des Apothekers beim Aufscheuern mitbeschäftigt gewesen, sodaß sie von dessen Bahnfahrt zur Stadt wohl irgend etwas vorausgehört und dem Werwolf hinterbracht haben konnte. Es zweifelte demnach niemand mehr, daß dieser sein kärgliches Gnadenbrot, sei es mit, sei es ohne Wissen der Frau, durch den blutigen Handstreich hatte aufbessern wollen und die geraubten Banknoten noch irgendwo verborgen hielt; geteilter Meinung war man einzig darüber, ob er den ruchlosen Entschluß aus echtem Irrsinn gefaßt haben mochte oder immer nur wieder in der Berechnung, daß sich bei standhaft geheuchelter Geistesstörung jede Schandtat ungestraft ausführen lasse.