Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 19

Chapter 193,295 wordsPublic domain

Ich bin nicht blos erschienen, Herr Geheimrat von Wach, um Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu der soeben vernommenen hohen Auszeichnung darzubringen; ich stehe hier zugleich in Vertretung der behördlichen Körperschaften unserer Haupt- und Residenzstadt, die auf mein sachliches Betreiben, trotz der persönlichen Widerstände gewisser starrköpfiger Mitbürger, den weitherzigen Beschluß gefaßt haben, zur dauernden Erinnerung an die gemeinnützige Betätigung Ihrer unentwegten Menschenliebe ein bedeutsames Merkmal zu errichten, sowohl um Ihnen selbst im Gedächtnis künftiger Zeiten und Geschlechter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als auch um andere Menschenfreunde zu gleicher Betätigung anzuleiten. In diesem überpersönlichen Sinne, hochzuverehrender Herr Geheimrat, soll Ihr in Öl gemaltes Porträt, und zwar von der Hand des bewährten Direktors unserer Kunstakademie, in unserem Rathause aufgehängt werden; und in Rücksicht auf Ihre so werte Gesundheit, deren baldige Wiederherstellung jeder Wohlgesinnte wünschen muß, bitte ich Sie, ihm mitzuteilen, zu welchen Stunden Sie ihm in der Festwoche die leider aus künstlerischen Gründen unumgänglich erforderlichen Modellsitzungen gewähren wollen.

+Christian von Wach+

Sie dürfen überzeugt sein, Herr Oberbürgermeister, daß ich Ihren „weitherzigen Beschluß“ im vollen Umfang zu schätzen weiß, sowohl die überpersönliche Gerechtigkeit wie die persönlichen Widerstände. Ich meinesteils würde zwar am liebsten ebenso starrköpfigen Widerstand leisten; aber da ich nicht mehr kräftig genug zu dieser (_absichtlich_) Betäterätätigung bin, so bitte ich dem Herrn Akademiedirektor mit einem verbindlichen Gruß zu bestellen, daß er seine Staffelei wohl bald vor meiner L-Leiche wird aufschlagen können.

+Bürgermeister+

Ich hoffe, verehrter Herr Geheimrat, Sie werden damit nicht sagen wollen

+Christian von Wach+

(erregt)

Ich will damit sagen, verehrter Herr Ober-b-bürgermeister, daß ich nach meinem Tod nicht verhindern kann, der M-Menschheit in Öl serviert zu werden; zu meinen L-Lebzeiten bin ich lalala-leider -- (_sich zusammennehmend_) für +diese+ „sachliche“ Behandlung meiner nebensächlichen Person nicht ganz menschenfreundlich genug.

+Bürgermeister+

(sich in die Brust werfend)

Ich hätte es kaum für möglich gehalten, daß eine so wohlerwogene Ehrung auf solche Verkennung stoßen würde. Zu meinem tiefsten Bedauern bleibt mir nur übrig, dies der Bürgerschaft zur Kenntnis zu bringen; und wenn ich mich jetzt hier verabschieden muß, so geschieht es mit dem Bewußtsein, mit dem erhebenden Bewußtsein, daß ich des Beifalls der weitesten Kreise in diesem Falle gewiß sein darf. Ich empfehle mich Euer Excellenz -- (_der Minister steht auf_) oder falls Sie mich zu begleiten gedenken

+Christian von Wach+

Darf ich wohl bitten, Excellenz, noch einen Augenblick zu verweilen?

+Minister+

Gern, Herr Geheimrat. Verzeihung, Herr Oberbürgermeister.

+Bürgermeister+

So empfehle ich mich denn wiegesagt -- (_man verbeugt sich gemessen -- er geht gewichtig ab_) -- --

+Minister+

(indem er sich wieder setzt)

Ich bin zu jeder Vermittlung bereit.

+Christian von Wach+

Es tut keine mehr not, (_lächelnd_) ich bin erledigt. (_Ernsthaft_) Ich wollte nur fragen, Excellenz: würden Sie wohl einem Sterbenden eine unumwundene Antwort geben?

+Minister+

Soweit das menschenmöglich ist --

+Christian von Wach+

Warum häuft man Ehren auf eine Person, die man doch für schändlich hält? Warum p-peinigt man mich mit Gnadenmienen, hinter denen der Abscheu grinst?

+Minister+

Die Ehre gilt niemals der Person, stets nur der Sache, der man dient. (_Lächelnd_) Das entschuldigt auch die Person, die uns soeben verlassen hat.

+Christian von Wach+

Also wir sind alle dazu verdammt, einander Böses zu tun im Kampf um das Gute?!

+Minister+

Wenn’s die Sache verlangt -- jeder Sieg kostet Opfer --

+Christian von Wach+

Wo bleibt dann die Grenze zwischen Tat und Untat, Heldentum und Verbrechertum? Was berechtigt uns, Andre zu opfern?

+Minister+

(diskret ihm huldigend)

Wohl was uns verpflichtet, uns selbst zu opfern. (_Aufstehend_) Wem es die innere Stimme sagt, der fragt wohl nicht nach dem Urteil der Welt.

+Christian von Wach+

Ich danke Euer Excellenz.

+Minister+

(ihm die Hand hinstreckend)

Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!

+Christian von Wach+

Ihnen noch viele, Excellenz! -- -- (_Minister ab, an der Tür sich nochmals verneigend; Christian erwidert den Gruß, schließt dann die Augen und raunt vor sich hin_) Wem es die innere Stimme sagt --? -- (_Es klopft, und Justus Wach tritt ein_) -- -- Nun, Justus, mein Spiegel, bist du schön blank heut?

+Justus+

(sich rechts des Tisches setzend)

Macht es dir wirklich noch immer Vergnügen, mir das unbedachte Wort nachzutragen, das ich damals in der Erregtheit hinwarf?

+Christian+

Wie sollte es nicht? Du bist doch noch immer bestrebt, mir mein wahres Gesicht zu zeigen. Das macht mir wirklich ein ungemeines Vergnügen; das einzige, das mir die Welt noch bietet. Ich bin dir auch wirklich dankbar dafür.

+Justus+

Also dazu hast du mich in dein Haus gelockt: dem Herrn Geheimrat als Hofnarr zu dienen. Und ich war einfältig genug, mir von der guten Anne aufschwatzen zu lassen, es sei dir ernstlich um eine Versöhnung zu tun.

+Christian+

Außerordentlich rührend bei deinem Beruf, dies Selbstbekenntnis deiner Einfalt. Seit wann bist du denn so versöhnlich gestimmt?

+Justus+

Du weißt sehr gut, daß es mich reut, deinen Schlaganfall veranlaßt zu haben; wenn es auch ohne Absicht geschah.

+Christian+

Ja, das hast du mir schon mehrmals gesagt. Aber nicht wahr: mein Tagebuch, das hast du noch immer nicht aufgespürt --

+Justus+

Hältst du es denn in der Tat für möglich, ich hätte bei einiger Überlegung nur eine Minute lang geglaubt, daß ein solches Geständnis vorhanden sei? Wenn du es je geschrieben hättest, wär es doch längst von dir vernichtet.

+Christian+

(wie zufällig die Hand auf seine Papiere legend)

Und wenn es nun doch noch irgendwo läge?

+Justus+

Ich lasse mich nicht mehr zum Narren halten!

+Christian+

Wenn es mir nun eine Wollust wäre, mit der Entdeckungsgefahr zu spielen? Wenn mich immerfort die L-Lust stachelte, die unersättlich marternde Lust, mein Geheimnis der Welt ins Gesicht zu schreien? und dabei die W-Wonne der Selbstbeherrschung, der Welt nicht den Gefallen zu tun! mich nicht knechten zu lassen von dieser B-Beichtsucht! diesem schamlosen Mitteilungstrieb, der uns alle zu armen Sündern macht! -- Hast du dir das noch nie überlegt? --

+Justus+

Wenn du mich etwa nötigen willst, Weihnachten anderswo zu feiern, dann bitte sage es mir doch offen! Die Anspielungen auf meinen Beruf werden mir nachgerade lästig.

+Christian+

Du kannst dir also garnicht denken, daß ein M-Mörder ein ehrlicher Mensch sein kann?

+Justus+

Ich denke mir, daß du durch deinen Reichtum, weil du keine andre Beschäftigung hattest, zum Grillenfänger geworden bist. Nun tüftelst du dir aus allerlei Zufällen ein neunmalkluges Verbrechen zusammen, blos um dir nicht einzugestehen, daß dir glücklicherweise der Mut dazu fehlte.

+Christian+

Deine Menschenkenntnis ist fast so gründlich wie deine gute Meinung von mir. In der Tat, Vetter: es ist tief beschämend, so als elender Mitmensch dazusitzen, wo man Teufel und Engel zugleich sein wollte.

+Justus+

Nun, die Märtyrer-Rolle hat auch ihre Glorie. Sonst hättest du wohl die Selbstquälerei nicht so lange ausgehalten.

+Christian+

Und wenn ich nun all die Jahre lang gegen die Versuchung angekämpft hätte, diese Qual mit eigner Hand abzu-b-brechen? (_Krampfhaft die Hand aufs Herz drückend_) Wenn’s mir nun zu erbärmlich gewesen wäre, so vor mir selbst in die B-Binsen zu gehn? Wenn ich lieber die Buße ertragen hätte, vor jedem unbe-bedachten Wörtchen zu beben, als diese B-Babbala -- (_sich bezwingend, da Justus ihm Hilfe leisten will_) laß -- ich danke -- -- ich wollte sagen: Blamage des Selbstmords.

+Justus+

Ich muß es wohl aufgeben, Christian, dein Gewissen zu beruhigen.

+Christian+

(lächelnd)

Ja, wir haben +beide+ unsern Beruf verfehlt; du als Mitmensch, und ich als Unmensch.

+Justus+

Ich will dich wahrhaftig nicht aufregen, aber du zwingst mich ja dazu. Warum bringst du das Unrecht, das ich dir antat, trotz meiner Abbitte immer wieder zur Sprache?

+Christian+

Vielleicht weil es mein „Gewissen beruhigt“, deine Gerechtigkeit wanken zu sehen. Wenn du sicher wüßtest, ich hatte gemordet, würdest du dann wohl noch geneigt sein, mir die Hand zur Versöhnung zu bieten? --

+Justus+

Es gibt doch Morde, die sogar das Gericht verzeiht.

+Christian+

In der Tat; du bist sehr entgegenkommend. Und die M-Massenmorde fürs Vaterland, daß heißt für Thron und Altar und Kapital, oder für Freiheit, Gleichheit, L-Lüderlichkeit oder sonstige große Rosinen: die verherrlicht sogar die W-Weltgeschichte. Blos, das sind alles Morde aus Leidenschaft, aus Eifersucht, Rachsucht, Ehrgefühl, Pflichtgefühl; die freilich entschuldigt man edelmütig.

+Justus+

Nun, wenn auch nicht grade vor Gericht, aber unter vier Augen betrachtet, ist wohl auch deine Art Menschenliebe eine entschuldbare Leidenschaft.

+Christian+

(lächelnd)

Aber Justus, ich werde irre an dir! Sollte ich endlich dein Herz erweicht haben?

+Justus+

(schroff)

Wenn du mir keinen Glauben schenkst, beweisen läßt sich dergleichen nicht.

+Christian+

(die Hand auf seine Papiere legend)

Wer weiß; ich könnte mich doch vielleicht „unter vier Augen“ überzeugen, wie weit du mein Vertrauen ehrst.

+Justus+

So? Könntest du das?

+Christian+

Wenn ich wüßte, Justus, wie weit du dir selber trauen darfst? (_Da Justus Miene macht aufzufahren_) Bitte bleib sitzen, ich will dich nicht kränken. An deinen guten Willen glaube ich gern. Ich wollte dich sogar zum Christfest um einen kleinen L-Liebesdienst bitten.

+Justus+

Wenn es dir wirklich ernst darum ist --?

+Christian+

(nimmt aus seinen Papieren ein mit fünf roten Siegeln verschlossenes Heft)

Ich habe gestern mein Testament neu verfaßt; ich wollte dich bitten, hier das alte -- (_draußen elektrisches Klingelzeichen_) ah, der Sanitätsrat; nun, dann nachher. -- (_Das Heft wieder unter die Schriftstücke schiebend_) Ich bin sein besuchtester Patient, seitdem er mich nicht mehr retten kann. (_Anne läßt den Sanitätsrat eintreten_) -- Willkommen, mein werter L-Lebensretter!

+Sanitätsrat+

(während Anne an den Kamin geht und wieder Holz aufs Feuer legt)

Danke, danke, mein teuerster Todeskandidat. (_Zu Justus, der aufgestanden ist_) Aber bitte doch Platz zu behalten. (_Sich gleichfalls setzend, links des Tisches_) Und bitte mich nicht mißzuverstehen. Todeskandidaten sind wir ja alle; Sie können mich noch gut überleben! -- (_Christians linkes Handgelenk nehmend, sich nach Anne umdrehend_) Gelt, Schwester: der reine Methusalems-Puls! Sie messen den Blutdruck doch noch regelmäßig?

+Anne+

Gewiß, Herr Geheimrat; er ist etwas niedriger.

+Sanitätsrat+

(während Anne hinausgeht)

Natürlich! Blos Aufregung vermeiden! Bei Ihrer zähen Konstitution: wir werden schon wieder Lebensmut fassen! In der letzten Sitzung der Menschenfreunde hat man sogar darauf gewettet, Sie würden doch noch Mitglied werden.

+Christian+

Sehr gütig; aber einstweilen scheint mir, der ehrlichste Menschenfreund ist der T-Tod.

+Sanitätsrat+

Ja, der Mensch bleibt ewig ein Grillenfänger.

+Christian+

Haha-hörst du’s, Vetter? Jetzt muß ich’s wohl glauben.

+Justus+

(lachend)

Die Diagnose stellt dir Jeder!

+Sanitätsrat+

„Jeder Wohlgesinnte!“ sagt der Herr Bürgermeister. (_Zu Christian_) Aber was hat denn der Biedermann? Begegnete mir bei der neuen Klinik und machte ein Gesicht wie ein Truthahn, als ich Ihren Namen nannte.

+Christian+

Ist Ihnen vielleicht auch der Akademie-D-Direktor bei der neuen Klinik begegnet?

+Sanitätsrat+

Aber Verehrtester, ruhig Blut! Sie werden sich doch nicht einbilden, ich hätte den Kitsch mit ausgeheckt?

+Christian+

Nein; aber jeder P-Pinsel bildet sich ein, er dürfe mich mit Berühmtheit beschmaddern, weil ich das selber schon reichlich besorgt habe.

+Sanitätsrat+

Ja, der Mensch ist von Natur größenwahnsinnig. Aber wiegesagt: nur nichts tragisch nehmen! (_Zu Justus_) Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie werden das Ihre tun, uns die Grillen vertreiben zu helfen.

+Justus+

Ja selbstverständlich! nach Kräften! mein Möglichstes!

+Sanitätsrat+

(aufstehend)

Also dann: gesundes Fest allerseits! Und nicht wahr: wenn das Herzchen doch wieder muckt: sind ja nur drei Schritte zu mir hinüber.

+Christian+

(lächelnd, die Hand ins Leere schwenkend)

Mancher geht auch ohne Schritte hinüber --

+Sanitätsrat+

Ohoh! solche Witze darf +ich+ blos machen. (_Beiden Herren die Hand schüttelnd_) Na wiegesagt: gesegnete Mahlzeit -- (_geht händereibend eilends ab_) -- --

+Christian+

Es scheint, die M-Menschenfreunde wollen mich jetzt zum eingebildeten Kranken stempeln.

+Justus+

Das könnte dir doch nur angenehm sein.

+Christian+

Und wenn es mir nun -- entsetzlich wäre?

+Justus+

Über diese Annahme darf ich wohl lächeln.

+Christian+

Wenn ich dir aber nun eingestände, wie es mich manchmal ekelt und reut, daß ich mich nicht verurteilen ließ? wie es mich damals b-bohrend drängte, öffentlich für die Tat einzutreten, zu der mir, wie du jetzt gütigst meinst, g-glücklicherweise der Mut gefehlt hat?

+Justus+

Dann müßtest du mir schon erlauben, auch +diese+ Einbildung zu belächeln.

+Christian+

Auch wenn ich w-wirklich gemordet hätte?

+Justus+

Dann doch erst recht, bei deiner Gemütsart.

+Christian+

Bei meiner Feigheit, willst du wohl sagen.

+Justus+

Nein, in diesem Falle: bei deiner Verstocktheit.

+Christian+

Sehr schmeichelhaft, daß du die für so stark hältst. Aber die Reue kann ebenso stark sein, selbst im verstocktesten Missetäter. Dein bewunderter Bonaparte zum Beispiel: Haha-Hunderttausende hat er skrupellos auf seinen Schlachtfeldern umgebracht, aber der eine Duc d’Enghien, den er hi-hinterlistig hinrichten ließ, der wurmte ihn noch auf Sankt-Helena, trotz aller staatsklugen Entschuldigungsgründe. Die Vernunft mag noch so zielbewußt über das Gewissen hinwegschreiten, das Gemüt l-läßt sich nicht hintergehen.

+Justus+

Nun, du merkst wohl, ich sprach dir blos zu Munde. Da es dir Spaß macht, dich selbst zu narren, will ich kein Spielverderber sein.

+Christian+

Also du hältst mich nicht für verstockt?

+Justus+

Sonst hättest du doch wohl kaum die Absicht, grade mir einen Liebesdienst anzuvertrauen.

+Christian+

(lächelnd)

Sehr freundlich, daß du mich erinnerst. (_Das versiegelte Heft wieder vorholend_) Aber darf ich dich erst noch bitten, mir mit deiner m-möglichsten Offenheit eine Frage zu beantworten?

+Justus+

Und --?

+Christian+

Gesetzt, ich hä-hätte den Mut gehabt, den du mir ehrlicherweise absprichst, -- gesetzt, ich hätte t-trotzdem die Reue, die du mir anstandshalber nicht zutraust, -- (_schwer die Hand auf das Heft legend_) gesetzt, ich würde es dir +beweisen+ -- unter vier Augen, lieber Vetter -- nicht vor Zeugen, Herr Ki-Kriminalkommissar --: wärest du dann noch bereit zu dem Liebesdienst?

+Justus+

Wie kann ich das wissen -- ohne Beweis --

+Christian+

Ist mein Anblick dir nicht Beweis genug?! --

+Justus+

Ich muß wohl verstummen, wenn du so fragst.

+Christian+

Du meinst, ein Verbrecher verdient kein Vertrauen?

+Justus+

Wenn er bereut, vertraut ihm sogar der Richter.

+Christian+

Und wenn dich nun ein solcher Verbrecher, dem die Reue aus jeder Grimasse stiert, den sie t-tausendfältig härter gestraft hat, als irgend ein Richter strafen kann -- wenn dich der nun unter vier Augen bäte: (_wieder die Hand auf das Heft legend_) hier ist mein Geständnis, vernichte es! du hältst meine Seele in der Hand! du kannst sie aus der Verzweiflung retten! du siehst, es foltert mich stückweis zu T-Tode, daß ich ein einzig Mal unmenschlich war! du gibst mir den Glauben ans L-Leben zurück, ans Ewige Leben, an Gott und die Menschheit, +wenn du m-menschlicher handelst als ich+ --

+Justus+

(die Hand nach dem Heft ausstreckend)

Ich soll es also -- ins Feuer werfen --

+Christian+

(überläßt es ihm lächelnd)

Ja, Justus -- zum Christfest wiegesagt -- --

+Justus+

(steht auf, macht einige Schritte nach dem Kamin hin, wendet sich plötzlich ruckhaft um)

Und du denkst, so lasse ich mich begimpeln? Du bildest dir ein, ich durchschau nicht dein Lächeln? Du glaubst, du kannst mich (_nach dem Porträt weisend_) beschwatzen wie +die+ da und dann mich auslachen wie noch nie? Du Narr, der Andre zu narren meint! -- (_Den Umschlag von den Heftblättern reißend und ihn vor Christians Füße schleudernd_) Hier: +so+ behandle ich dein Geständnis! kraft meines Amtes, du Auswurf der Menschheit! -- (_Hastig die Blätter musternd_) Was? -- wa -- (_steht in sprachloser Verblüfftheit da_) --

+Christian+

Nun? Was sagt dir das leere Papier? --

+Justus+

(die Blätter zerfetzend und wegschmeißend)

Ah, du Jammergestalt, du schandschnäuzige! (_Mit geballten Fäusten auf Christian los_) Du bist ja die raffinierteste Viper, die je den Erdball begeifert hat! (_Vor Christians Blick zurückzuckend_) Wenn mir nicht graute, dich anzurühren, ich schlüg dir die Zähne aus dem Giftmaul! (_Die Fäuste in die Hüften stemmend_) Ist denn kein Funken Scham in dir, so mein heiligstes Pflichtgefühl zu verhöhnen?

+Christian+

(endlich gell loslachend)

Ha-ha-ha-hei -- dein hei -- hahahei -- (_plötzlich krampfhaft nach Luft ringend, lallend_) heili -- ha-heili -- ha-hilf -- hilf!

+Justus+

Dir --?

+Christian+

(röchelnd)

+Hilf+, Justus! ich dank dir’s! ich sterbe! ich fühl’s!

+Justus+

Dann stirb, Giftmischer!

+Christian+

(mit brechender Stimme, unsäglich lächelnd)

Hab Dank, du -- M-Mörder! (_er sinkt zusammen_) --

+Justus+

(sich an die Brust fassend)

Ich --? -- (_Hart, mit abwälzender Handbewegung_) Lächerlich! -- (_Er geht erhobenen Hauptes zur Tür; öffnet, ruft_) Anne! Schwester Anne! -- (_Sie kommt, er zeigt auf Christian_) Sehen Sie nach, ob noch zu helfen ist; ich möchte den Arzt nicht unnütz bemühen.

+Anne+

(auf die Papierfetzen deutend)

Was ist geschehen? War +das+ die Versöhnung?

+Justus+

Rasch! helfen Sie lieber! Mir scheint, er regt sich --

+Anne+

(rechts des Tisches sich über Christian beugend, während Justus sich links auf die Stuhllehne stützt)

Das Herz, das klopft noch -- --

+Christian+

(traumhaft)

Anne, bist +Du’s+ --?

+Anne+

Ja, Herr Christian, ich; -- nur still -- nur nit bang --

+Christian+

Sie sollen mich nicht so ansehn alle!

+Anne+

Nein, Herr Christian, niemand -- nur ich! -- (_Sich aufrichtend, mit unabweisbarer Frage_) Herr Justus --?

+Justus+

(von ihrem Blick bezwungen)

Ja, dann ist’s meine Pflicht, den Arzt zu rufen -- (_geht gesenkten Hauptes hinaus_) -- --

+Christian+

Sind wir allein, Anne?

+Anne+

Ganz allein -- (_sie legt ihren Arm um seine Schultern_) --

+Christian+

Ich seh noch immer die Augen alle -- -- nicht M-Menschenaugen --

+Anne+

Engelaugen -- --

+Christian+

Sie wollen alle, ich soll es s-sagen -- -- nur einmal sagen --

+Anne+

Dann ist’s gesühnt -- --

+Christian+

Ich -- hörst du, Anne?

+Anne+

+Gott+ will es hören -- --

+Christian+

Ich -- hilf doch, Anne!

+Anne+

Nur Gott kann helfen -- --

+Christian+

Ich -- ich -- haha-habe -- -- (_jäh sich aufbäumend, schreiend_) +Nein+, Gott -- (_sich ans Herz greifend, selig lächelnd_) ich nicht! -- (_er stürzt mit dem Gesicht auf den Tisch_) -- --

+Anne+

(faßt ihn bang bei der Schulter)

Herr Christian -- lieber Herr Christian -- -- (_neigt ihr Ohr an seine linke Seite, kniet dann ehrfürchtig neben ihm nieder, faltet die Hände zu stillem Gebet_) -- --

+Justus+

(öffnet horchend die Tür, läßt sie offen, tritt leise ein, nähert sich verhalten dem Tisch, wartet bis Anne sich erhebt; dann mit heiser drängender Stimme)

Hat er gebeichtet? was hat er gesagt? -- (_Da Anne zurückweicht, barsch auf sie los_) Was hat er gesagt? ich treib Sie zum Zeugeneid!

+Anne+

(noch einen Schritt zurücktretend, hoheitsvoll nach der Tür weisend)

Gehen Sie endlich, Sie armer Mensch! -- (_Justus, langsam sich an die Brust fassend, starrt auf den Toten_) --

(Vorhang)

Michel Michael

Komödie in Versen

Zweite Ausgabe

Personen:

+Michel Michael+, ein deutscher Bergarbeiter. +Lise Lied+, sein Mündel. +Die Frau Venus.+ +Tyll Eulenspiegel.+ +Der getreue Eckart.+ +Der Kaiser Rotbart.+ +Der rote Karl+, ein Sozialdemokrat. +Der schwarze Karl+, ein Ultramontaner. +Der Bergrat.+ +Der Landrat.+ +Der Bürgermeister.+ +Die Frau Bürgermeisterin.+ Ein Kaplan. Ein Pastor. Drei Maschinenheizer. Polizisten. Kobolde. Leute in Masken.

Zeit und Ort:

Eine Johannisnacht in einer mitteldeutschen Kreisstadt.

(Rechts und links immer vom Zuschauer aus.)

+Eulenspiegel als Vorredner+

(von rechts kommend, in roter Gugeltracht mit Pritsche):

Meine allergnädigsten Damen und sehr verehrlichen Herrn! Sie werden mirs wohl glauben: ich gefiele Ihnen gern. Aber mein Herr, der Dichter, hat mich leider ausersehn, Jedem eine Nase zu drehn. Wer weiß, vielleicht dreh ich ihm selber auch eine; indessen diese Nase hat -- lange Beine. Zunächst nämlich soll ich mich erfrechen, über den Gang der Handlung im Voraus mit Ihnen zu sprechen. Sie sehn’s schon an mir, und merken mit Gruseln: huh, hier gehts offenbar geheimnisvoll zu. Meine Maske hat weder Haut noch Haar, blos ein unverschämtes Allerweltsspiegellöcherpaar

(er weist auf seine Augen)

und einen Schlitz für diese meine Zunge

(er streckt sie heraus) --

und darunter, ganz im Dunkeln, hängt mein Herz und meine Lunge. Damit mach ich meistens nichts weiter als den Wind, in den meine Worte gesprochen sind. Denn mit Worten, da die Worte im Kopf entstehn, kann der Mensch zwar herrlich andern Menschen den Kopf verdrehn; aber da es in der Welt, die sich um uns dreht, dennoch nicht nach unserm Kopf zugeht, so verläuft der Gang der Handlung auf den 2 mal 5 Beinen der Hauptpersonen, ausschließlich der meinen. Ich bin also kein großschnäuziger Tugendschweinigel, sondern heiße Tyll -- mit Ypsilon bitte -- Eulenspiegel; das heißt, ich husche als närrischer Kauz durch die Welt, der sich und andre närrische Käuze mit seinem Doppelspiegel prellt --

(er weist wieder auf seine Augen).

Was für Nebenpersonen noch drin herumlaufen, das ist ein kaum zu zählender Haufen; denn zu den Nebenpersonen um jede Menschenseele herum gehört bekanntlich das ganze p. p. Publikum --

(er verbeugt sich).

Manche Person ist übrigens eigentlich keine; und zwei der Hauptpersonen sind im Grunde nur eine. Manche andre zählt mindestens fürn paar Schock; und die hauptpersönlichste natürlich steckt in Jedermanns Rock. Kurz, jegliche Seele tut alles, was sie kann; aha! es scheint, sie fangen schon an.

+Vierstimmiger Gesang mit Lautenspiel+

(hinterm Vorhang):

Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht, unter Tag.

+Eulenspiegel+

(horcht und spricht parodierend nach):

Sie tragen alle ein Licht durch die Nacht.

+Gesang+:

Wir träumen von unerschöpflicher Pracht, über Tag.

+Eulenspiegel+

(wie vorher):

Sie träumen von unerschöpflicher Pracht.

+Gesang+:

Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich; Glückauf!

+Eulenspiegel+:

Sie helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich.

+Gesang+:

Wir machen das Erdreich zum Himmelreich; Glückauf!

+Eulenspiegel+:

Sie machen das Erdreich zum Himmelreich. Da verkriech ich mich schleunigst, ich armer Schuft; sonst sprengen sie mich am End in die Luft.

(Er dreht eine Nase, wickelt sich in den Vorhang, und diesen mit wegziehend verschwindet er rechts).

Erster Aufzug