Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 18
Ha-hörst du’s, Justus: ich soll mich gesund beichten! Vor Gericht, das genügte noch nicht! Also klopf mir mal gründlich aufs Gewissen!
+Sanitätsrat+
Spotten Sie nur, das ist gut gegen Blutstockung; der Herr Vetter wird’s Ihnen nicht verargen. Wir müssen uns hüten, Verehrter, vor Apoplexie! Und bei Neurosen, so rätselhaft wie die Ihre, kann Herzenserleichterung Wunder tun. War mir schon im Prozeß höchst intressant, daß Sie plötzlich nicht mehr zu stottern brauchten. Also nochmals: nur keine Mördergrube!
+Christian+
(Justus zutrinkend)
Haha-Heil dir also, du Wundertäter! -- Aber, mein lieber Geheimrat, was reizt Sie blos, daß Sie mich durchaus gesund machen wollen? Meine Krankheit ist doch viel intressanter.
+Sanitätsrat+
Na, erlauben Sie, Bester, bedenken Sie: ich bin doch immerhin Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Menschenfreunde! Jahresbeitrag fufzig M, ungerechnet die Liebesmähler! -- (_Er trinkt aus und steht eilfertig auf_) Also wohl bekomm’s, meine Herrn; mehr als guten Rat kann ich leider nicht geben -- (_verbeugt sich lächelnd, geht händereibend ab_) -- --
+Christian+
Nun, so nachdenklich, Herr Gewissensrat? Trink doch, du sollst mich doch animieren!
+Justus+
Auf den neuen Charakter denn, Herr Geheimrat -- (_blickt ihn forschend an und trinkt aus_) --
+Christian+
(ihm das Glas wieder füllend)
in der alten Mördergrube, nicht wahr? -- Du dachtest wohl wirklich im ersten Augenblick, ich wollte uns alle zusammen vergiften?
+Justus+
Offen gesagt, Vetter, ich würde dir dankbar sein, wenn du einen andern Ton zu mir anschlagen könntest. Ich bin vielleicht doch nicht „witzig“ genug, um über derlei Scherze zu lachen.
+Christian+
Und wenn’s nun keine Scherze wären? Wenn ich nun doch vielleicht gemordet hätte, noch viel planmäßiger, als du dachtest? Wenn (_nach dem Porträt weisend_) der Schlaganfall meines Opfers kein Zufall war, sondern von mir herbeigeführt, um auf alle Fälle sicher zu gehn? Bist du noch garnicht auf den Einfall gekommen, daß man Wutanfälle künstlich bewirken kann?
+Justus+
Es scheint, du gefällst dir in der Rolle des skrupellosen Übermenschen. Du solltest mit solchen Gedanken nicht spielen in deinem überreizten Zustand. Du kannst dich doch unmöglich wohl dabei fühlen.
+Christian+
Meinst du, die menschenfreundlichen Milliardäre, die in Amerika Kirchen und Schulen stiften und Krankenhäuser und Volksküchen, die zögen ihre Gefühle zu Rate, wenn sie mit ihren Börsenmanövern andere Menschen zu Grunde richten? Oder um ein Beispiel zu wählen, das deinem Opfersinn näher liegt: hat sich etwa der General Bonaparte, oder irgend ein andrer Schlachtenlenker, jemals mit Gewissensskrupeln über M-Massenmord abgegeben? Und doch bewundert ihn die christliche Menschheit; genau wie den großen Kaiser Karl, der zum höheren Ruhm seines Hahaha-Heilands ein ganzes Heer Heiden abschlachtete, oder den edlen Bürger Robespierre, der zu Ehren der Freiheit Tausende Mitbürger in den Kerker und aufs Schaffott spedierte. Ja, die menschliche Bestie ist sehr beflissen, heilige Zwecke zu erfinden, unter deren Nimbus sie sich austoben kann. (_Sein Glas hebend_) Trink, lieber Justus, und lerne l-lachen! --
+Justus+
(während Christian trinkt und sich hastig das Glas wieder füllt)
Du könntest dich auch auf Nero berufen, an dessen irrsinnigen Greueltaten sich der Pöbel im Kino noch heute entzückt. Trotzdem hält jeder anständige Mensch solchen großspurigen Bösewicht im Grunde für einen armen Teufel, der in die Besserungsanstalt gehörte.
+Christian+
(auflachend)
Hahahimmlisch! du bist ja ungemein witzig! Wahrhaftig, das Alleranständigste wäre, wir gingen +alle+ in die Besserungsanstalt; es ist für Hans Jedermann immer noch leichter, ein Engel in Menschengestalt zu werden als ein Teufel von Übermenschengröße. Aber du trinkst ja garnicht, du M-Menschheitsretter; zum Wohl, mein gütiger Beichtvater! (_Er trinkt mit sichtlicher Erregtheit._)
+Justus+
(nur kurz Bescheid tuend)
Zum Wohl -- wenn dich die Beichte nicht reut. Vielleicht ist es dir in Wahrheit lieber, dich nicht weiter auszusprechen.
+Christian+
Was weißt du von meiner Wahrheit, Mensch! (_Sich mäßigend, starr vor sich hin_) Was weiß ich schließlich selber davon.
+Justus+
Beruhige dich; ich will sie nicht wissen.
+Christian+
Wer kann denn die Wahrheit über sich sagen? Das Wahre ist immer nur, was man tut!
+Justus+
Ich will auch von deinen Taten nichts wissen. Ich bin durchaus nicht darauf versessen, mich in dein Vertrauen zu drängen.
+Christian+
(lächelnd)
Aber du bleibst mit Vergnügen sitzen, weil meine Worte dein M-Mißtrauen ködern. Vergiß nicht, es sind blos -- „Gedankenspiele“. (_Er trinkt wieder mit merklicher Hast._)
+Justus+
Ich bin geblieben, Christian, weil du mich etwas fragen wolltest. Wenn’s dir leid geworden ist, gehe ich gern.
+Christian+
Aber nein, das wirst du mir doch nicht antun, du reuevoller Blutsverwandter! Du mußt doch anstandshalber ein bißchen Mitleid haben mit meinem „überreizten Zustand“! Natürlich will ich dich etwas fragen, sehr viel sogar, du wirst dich wundern! Du mußt doch auch von Berufswegen einigen Anteil daran nehmen, wie der verfolgten Unschuld zumute ist! Nicht wahr, lieber Vetter, das mußt du doch?
+Justus+
Also --?
+Christian+
Du scheinst es ja garnicht erwarten zu können -- (_er will wieder trinken, beherrscht sich aber_). Also: gesetzt zum Beispiel den Fall, dir kämen jetzt, nachdem sich dein Urteil über meinen Charakter geändert hat -- von Grund aus geändert hat, wie du sagtest, -- da käme dir nun ein D-Dokument in die Hand, womit du dem ho-hohohohen Gerichtshof den vollen Beweis erbringen könntest, daß ich mich in der Tat vor Jahren als Unmensch (_absichtlich_) betäterätätigt habe: was würdest du da tun, lieber Justus?
+Justus+
Du wirst doch nicht im Ernst erwarten, daß ich auf solche wahnwitzige Frage eine vernünftige Antwort geben soll.
+Christian+
Du meinst, ich würde jetzt nicht mehr ins Zuchthaus, sondern ins Irrenhaus gehören? Sehr freundlich, aber das scheint mir falsch; ich halte meine Vernunft für recht klar. Doch gesetzt, ich war wirklich so irrsinnig, aus allgemeiner M-Menschenliebe einen einzelnen Menschen zu morden, dann ist doch Irrsinn noch kein triftiger Grund, einen M-Mörder freizusprechen. Das wäre wohl höchstens dann vernünftig, wenn +alle+ Irren Mörder wären. Du bist doch jedenfalls der Ansicht, mindestens doch von Amtswegen, daß man verbrecherische Gelüste aus der Menschheit ausrotten müsse, und daß sich das nur durchsetzen läßt, wenn man die Verbrecher bestraft. Warum also einen M-Mörder schonen, der zufällig auch noch irrsinnig ist; den müßte man doch erst recht bestrafen, damit sich nicht etwa andre Irre ein reizendes Beispiel an ihm nehmen. Ja, wär’s noch ein Mammama-Massenmörder, vor dem sich die vernünftige Menschheit mit Staunen und Grauen verkriechen könnte! Aber ein ganz gewöhnlicher Gelegenheitsmörder: wozu denn den unter die Glasglocke setzen? -- Ich glaube, du wirst mir zugeben müssen, daß meine überreizten Gedankenspiele ziemlich folgerichtig sind.
+Justus+
Unheimlich richtig -- wie ich gleichfalls schon sagte.
+Christian+
(lächelnd)
Ja, es ist schwer, sich verstehen zu lernen. (_Das Glas hebend_) Zum Wohl! so trink doch endlich aus!
+Justus+
(sein Glas mit der Hand bedeckend)
Nein, danke; keinen Tropfen mehr.
+Christian+
Du fürchtest wohl, du lernst mich zu gut verstehen? -- (_Das Glas hinsetzend, ohne getrunken zu haben_) Soll ich dich lieber nicht weiter fragen?
+Justus+
(lächelnd)
Ich fürchte, du wirst es nicht lassen können.
+Christian+
Sehr wahr! Du fängst wirklich an zu verstehen! -- Also gesetzt, du fändest irgend ein Schriftstück, das mein Verbrechen unwiderleglich bewiese -- zum Beispiel ein Tagebuch von mir, das ich damals geschrieben hätte -- in das ich alles verzeichnet hätte, was mich zu der Untat verführte -- in dem ich mir Rechenschaft ablegte, über meine Gedanken und Gefühle, vor der Tat und nach der Tat -- wie ich mit meinem Gewissen kämpfte, jahraus jahrein, von W-Woche zu Woche -- wie ich mich prüfte und mich quälte mit meiner scha-hauderhaft klaren Vernunft -- wie ich l-langsam die Feigheit überwand, die in unsern sittlichen Grundsätzen nistet -- wie ich in allen Gründen und Abgründen meiner Seele herumstocherte, um die Gewürme der Angst und Reue, des E-Ekels und Dünkels zu zerquetschen -- (_er hat sich krampfig ans Herz gegriffen_) --: würdest du jetzt noch w-willens sein, mich auf Grund eines solchen Bekenntnisses öffentlich zu brandmarken? --
+Justus+
Aber lieber Christian, nimm’s nicht übel, verzeih mir meine Offenheit: das sind ja leere Hirngespinnste. Solch Tagebuch ist doch nicht vorhanden, also kann ich es auch nicht finden, also auch zu der Frage nicht Stellung nehmen.
+Christian+
Du meinst, weil du’s nicht gefunden hast bei deiner amtlichen Haussuchung hier? (_Lächelnd_) Hast wohl gründlichst an den Wänden geklopft? zum Beispiel (_nach dem Porträt weisend_) hinter dem Erbstück da! -- Nun, vielleicht gibt es doch Verstecke, die selbst einem Detektivoffizier ein Buch mit sieben Siegeln sind.
+Justus+
(lachend)
Da kann ich dich gründlichst beruhigen! In der alten Bude, die wir von Kindheit an kennen, ist mir kein Blättchen verborgen geblieben, geschweige ein ganzes Tagebuch.
+Christian+
Nun, die Mühe hättest du sparen können. Es wäre doch +gar+ zu gewöhnlich gewesen, ein solches Beweisstück hier aufzubewahren, wo jeder Schnüffler es finden konnte; für einen so harmlosen Bösewicht wirst du mich jetzt wohl nicht mehr halten. Aber gesetzt, ich hätte es anderswo, an ganz sicherer Stelle, hinterlegt, unter unantastbarem Siegel -- zum Beispiel bei irgend einem Notar, oder in der Stahlkammer einer Bank, etwa als Anhang zu meinem T-Testament, das erst nach meinem seligen Tod gerichtlich geöffnet werden darf --: gesetzt, ich hätte meine Erben, zum Beispiel einen gewissen Justus, oder vielleicht auch die alte Anne, mit der Erlaubnis betrauen wollen, die Menschheit darüber aufzuklären, welch Scheusal dieser M-Menschenfreund war -- mit welcher kaltblütigen Hihihi-Hinterlist er ein gebrechliches Weib umgarnte, wie er ihre Krankheit mit langsamen Reizmitteln nährte, ihren zügellos gewordenen Jähzorn bis zur Selbstzerrüttung aufpäppelte -- wie er ihr schließlich seinen M-Mordplan enthüllte, daß sie vor ohn-m-m-mächtiger Wut
+Justus+
(brüsk aufstehend und sich reckend)
Genug! jetzt hab ich genug gehört! -- Ich bedauere meine Gutgläubigkeit, ich speie auf deinen frechen Hohn. Du denkst, du bist jetzt sicher vor mir; du wirst dich irren, du kennst mich noch nicht! Ich werde nicht ruhen, bis du entlarvt bist; keinen Schritt mehr sollst du im Leben tun, hinter dem du nicht meine Augen spürst! Bei Tag und Nacht, ich werde dir nah sein: dein Doppelgänger, dein Alb, dein Gespenst --
+Christian+
(hat sich gleichfalls erhoben, ihm fiebrig in die Augen starrend)
Du wirst mir „von Grund aus“ willkommen sein. Du wirst mir das höchste Vergnügen bereiten, nach dem ich im Leben getrachtet habe. Du wirst mir tagtäglich den vollen Genuß meiner M-Menschenwürde verschaffen! Du wirst mir der Hund sein, der bis zum Irrsinn nach meiner Gewissenspfeife tanzt! Du wirst
+Justus+
Ich werde dein Spiegel sein! Du bist ja der bodenloseste Teufel, der sich jemals vor sich selber versteckt hat! Ich werde dir endlich einmal zeigen
+Christian+
dein wahres Antlitz! nicht wahr? ha-ha-hah! -- Ist +das+ deine Reue, du „anständiger Mensch“?! +Kenn+ ich dich jetzt, du ehrlicher Vetter?! Ich kann dir noch mehr Verbrechen vorlügen, um dein M-Mitgefühl zu befriedigen! Ich sollte wohl gleich vor Rührung zerschmelzen ob deiner edlen „Gutgläubigkeit“? Hahahimmlisch, du entlarvter Engel, du Cherub der Gerechtigkeit! Hab ich dir „endlich einmal“ ins Herz geleuchtet? in die M-Mördergrube -- hha-ha-ha -- ah -- (_sein Gelächter schlägt um in einen Wehlaut, er greift in die Luft und bricht zusammen_) --
+Justus+
(beugt sich über den Tisch vor, mit beiden Fäusten aufgestemmt, betrachtet kalt den Ohnmächtigen)
-- Diesmal scheint’s echt; -- du traust dir zuviel zu, Bursche. -- (_Er geht langsam zur Tür, öffnet, ruft_) Schwester Anne! -- (_Er zieht seine Taschenuhr, überlegt_) --
+Anne+
Was ist? (_Erschreckend_) Um Gottes willen -- (_sie eilt an den Lehnstuhl, nimmt Christians Kopf in den Arm, lockert ihm Kragen und Halsbinde_)
+Justus+
(an der Tür bleibend)
Dem Herrn ist der Wein wohl zu stark gewesen; ich werde den Sanitätsrat holen. Und den Notar; wie heißt er doch gleich?
+Anne+
Welcher Notar? Ich weiß ihn nicht. Der Herr sagt mir nichts von seinen Geschäften.
+Justus+
Nun, dann nachher; auf bald, Schwester Anne. Wir müssen dem Herrn jetzt ein bißchen beistehn; wir wollen nachher darüber sprechen.
+Anne+
Gewiß, Herr Justus, das wollen wir.
+Justus+
Also auf bald!
+Anne+
Auf bald, Herr Justus. -- (_Nachdem Justus gegangen ist, leise_) Vater, hilf deinen schwachen Kindern -- --
(Vorhang)
Dritter Akt
+Christian Wach+
(sitzt im Lehnstuhl hinter dem Mitteltisch, den Unterkörper in schwarze Decken gehüllt. Vor ihm liegen Geschäftspapiere, in denen er blättert und Zahlen nachrechnet, in der linken Hand einen Bleistift haltend. Man sieht, sein rechter Arm ist gelähmt, hängt in einer schwarzen Binde. Seine Stimme klingt untergraben.)
-- -- Also noch knappe neun Millionen -- (_den Bleistift hinlegend_) es geht zu Ende, Christian Wach. -- (_Sich mühsam nach dem Porträt umwendend_) Deine Schatzgrube ist bald leer, alter Drachen! -- (_Hand aufs Herz legend, schwer vor sich hin_) Und die Mördergrube wird immer voller -- --
+Die alte Anne+
(tritt in die Tür, ein winziges, aber sorgsam geschmücktes Weihnachtsbäumchen auftragend)
So, Herr Christian, damit Sie doch merken, daß uns heute der Heiland geboren ist -- (_vor ihn hintretend_) der Erlöser, lieber Herr Christian! -- (_Das Bäumchen auf den Tisch stellend_) Gelt, ich darf es heut Abend uns anzünden; zu Heilig-Abend ist das keine Verschwendung.
+Christian+
Das hast du doch früher nicht getan. (_Lächelnd_) Du denkst wohl, jetzt bin ich hilflos genug, daß du mir neue Lichter aufstecken kannst?
+Anne+
Ja, ich hätt mir schon eher ein Herz fassen solln. Wir sind allesamt hilflos genug.
+Christian+
Besonders wenn wir’s uns einreden lassen. Ich halte mich lieber an das Sprichwort: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das ist auch für die Gottlosen brauchbar.
+Anne+
Es gibt noch ein ander Sprichwort, Herr Christian: Gott verläßt die Seinen nicht. Und mancher ist sein, der’s nicht wahr haben will.
+Christian+
Wenn ich nicht wüßte, wie gut du’s meinst, könnt ich glauben, du dankst deinem Gott im stillen, daß er mich damals nach meiner Freisprechung (_auf seinen rechten Arm deutend_) mit dem Schlaganfall begnadet hat.
+Anne+
Seine Wege sind nicht die unsern.
+Christian+
Schon recht, schon recht; ich kenn deine Standreden. (_Auf den Stuhl zu seiner Linken weisend_) Komm, setz dich lieber, ich muß dir was sagen. Aber stell erst das Bäumchen einstweilen beiseite, sonst vergeht mir bis Abend die Freude daran. (_Während Anne es auf den Bücherbord trägt_) Ich habe gestern mit dem Notar mein Testament ins Reine gebracht (_er berührt die Papiere, schüttelt sich unwillkürlich_) -- aber leg noch bitte etwas Holz aufs Feuer. Und wenn nachher der Minister kommt, legst du nochmals ein bißchen nach. Hat er nicht m-melden lassen, worum sich’s handelt?
+Anne+
(ein paar Scheite in den Kamin legend)
Es wird halt wegen der neuen Stiftung sein; die Grundsteinlegung der Radioklinik.
+Christian+
Nein, das hab ich mir schon verbeten, daß sie auf meinen Namen getauft wird. Also komm jetzt, wir wollen uns aussprechen.
+Anne+
(sich setzend, ihm in die Augen blickend)
Ja, wenn Sie das wollten, Herr Christian --
+Christian+
Willst du mich wieder aufregen, Anne? Das kannst du dem Justus überlassen! -- Er hat sich wohl jetzt mit dir verschworen, meine werte S-Seele zu retten? Seitdem er hier mit im Hause wohnt, wird er von Tag zu Tag christlicher.
+Anne+
Auch der Herr Justus meint’s gut auf seine Weise.
+Christian+
Gewiß, versteht sich; und ich lohn’s ihm auf meine. Das eben will ich mit dir besprechen.
+Anne+
Wenn Sie’s aber doch aufregt! grad immer das! Immer wieder diese unselige Erbschaft, diese Sorge um den morgigen Tag. Und grad zum Christfest; es hat doch Zeit.
+Christian+
Nein, Anne, mit meiner Zeit ist’s bald aus; kannst ruhig darüber reden mit mir. Meinst du, ich fürchte mich vor dem T-Tod? Was tut’s denn, ein bißchen früher zu sterben, als es ohne die Sorge vielleicht geschähe. Was heißt denn sterben? +keine+ Sorgen mehr haben! Kann man sich davor fürchten im Leben? Kann man das überhaupt begreifen? Ich kann meinen Tod mir nicht vorstellen.
+Anne+
Ja: sie +will+ nit sterben, die ewige Seel --
+Christian+
Kommst du schon wieder mit deiner Gottesfurcht? Versteh doch, ich habe andere Sorgen!
+Anne+
(seine Linke streichelnd)
Nicht Furcht, nicht Furcht: Gott will Vertrauen. Furchtbar ist blos die menschliche Selbstsucht.
+Christian+
(lächelnd)
Dann sei also selbstlos und hör mir zu. (_Ein Schriftstück aus den Papieren nehmend_) Hier ist mein Vermögen drin verzeichnet. Es sind, nach Abzug aller Unterhaltsgelder für die bestehenden Stiftungen, noch etwa neun Millionen Mark. Davon habe ich drei dem Justus vermacht; den Rest, wenn du nichts dagegen hast, Dir.
+Anne+
Aber --
+Christian+
Laß mich erst ausreden, bitte. Du kannst damit machen, was du willst; kannst den Plunder verschenken, an wen du willst, meinethalben an den verkommensten Strolch. Nur die eine Bedingung ist dir gestellt: keinen Pfennig mehr darfst du für irgend eine dieser öffentlichen A-Anstalten stiften, die unter der Maske des Samariterdienstes eine Gesellschaft von Pharisäern züchten. Denn daß du’s nur weißt, liebe alte Anne: ich will dich nicht in Versuchung führen, ob deine Barmherzigkeit +auch+ am Ende in die allgemeine Herzlosigkeit umschlägt, die sich M-Menschenfreundlichkeit nennt. Selbst das größte Gefühl wird klein, wenn es sich aufputzt mit großen Begriffen; ein bißchen Güte von Mensch zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit.
+Anne+
Das sagen Sie blos wieder, um sich zu quälen. Der gute Wille ist allzeit heilig.
+Christian+
Wenn du also einverstanden bist, dann liegt es auch in deiner Hand, das Vermächtnis an Justus größer zu machen. Ich möchte mit ihm nicht darüber sprechen, und ich bitte auch dich inständig, es nicht vor meinem T-Tode zu tun; er denkt sonst, ich wolle ihn bestechen, und das würde die Versöhnung erschweren, die ich noch von ihm zu erlangen hoffe. Also nicht wahr, du schweigst darüber!
+Anne+
Ja gewiß, Herr Christian, gern.
+Christian+
Du kannst dir ja immer überlegen, ob es vielleicht ein christliches Werk ist, ihm mehr als die drei Millionen zu geben, die er vor Jahren von mir verlangt hat; meinethalben das Doppelte.
+Anne+
Was ist da groß zu überlegen? Was braucht ein einzelner Mensch soviel Geld? Es lädt ihm blos Ängste auf die Seele. Sie, Herr Christian, hätten’s auch leichter gehabt, wär nit die große Erbschaft gewesen.
+Christian+
(lächelnd)
Du fühlst dich wohl nicht als „einzelner Mensch“?
+Anne+
(lachend)
O, ich leichte Person! bei mir bleibt’s nit lang! Hier in der Näh gibts ’ne ganze Straße, da konnt man in einer Nacht die Millionen los werden, damit das geschminkte Elend mal ein rechtschaffen Christfest feiern kann.
+Christian+
Du hast’s ja gut vor; gib nur Acht, daß dir die Lichter nicht den Baum verbrennen. Glaub mir: was der Mensch auch tun mag aus Mitleid, es ist nie genug und immer zuviel. Du wirst vielleicht noch zufrieden sein, daß du dem Justus die Sorge aufpacken kannst, wie man das Geld am besten los wird.
+Anne+
Davor ist mir nit bang, dafür sorgt unser Herrgott; ist eitel Dunst um jegliche Guttat, die seine Welt verbessern will. Einfach wohltun, soviel man kann, aus +Freud+ am Wohltun, mehr kann man nit. Was würd denn der stolze Herr Justus sagen, wollt ich vor ihn hintreten und ihm was schenken? Nein, das geht nit; dem kann ich das nicht antun.
+Christian+
(langsam nach ihrer Hand tastend)
Verzeih mir, Anne -- ich hab dich zu spät erkannt -- --
+Anne+
Und wenn’s noch Zeit wär, Herr Christian -- die andere Sorge auch los zu werden --?
+Christian+
(sich aufraffend, rauh)
Was soll das! Laß das! Ich sagte: zu spät!
+Anne+
(seine Linke mit beiden Händen ergreifend)
Ich hab geschwiegen so viele Jahr lang, ich werd schweigen darüber bis ans Grab: sprechen Sie aus, was Ihnen das Herz abdrückt!
+Christian+
Sei vernünftig, Anne, reg mich nicht auf! (_Lächelnd_) Du weißt, das verträgt der Geheimrat nicht.
+Anne+
Ich bitt Sie, Herr Christian, liebster Herr: spotten Sie nicht, ich fleh Sie an! (_Zu ihm hinknieend_) Ich hab noch nie vor einem Menschen gekniet -- ich beschwör Sie bei Ihrer Qual -- (_mit beiden Händen nach dem Porträt weisend_) bei den Augen, die Sie verfolgen --: nehmen Sie nicht das Geheimnis mit hinüber!
+Christian+
Steh auf! du beschämst mich! Ich d-dulde das nicht! Der Justus hat dich ganz wirr gemacht! Steh auf, sag ich dir, du machst mich zuschanden! Willst du mir +noch+ einen Schlaganfall einjagen?
+Anne+
Ich will Ihrer armen Seele beistehn! Die macht’s ja nur, daß der Körper büßt!
+Christian+
(wild seine Linke gen Himmel spreizend)
Ist denn selbst die Barmherzigkeit eine Furie?! -- (_Die Hand auf Annens Kopf senkend, sanft_) Was weißt du von meiner Buße, du Engel. Steh auf, du überhebst dich vor Demut. (_Die Hand an seine Stirn legend_) In dies Geheimfach dringt nur der Tod. (_Draußen elektrisches Klingelzeichen, während Anne sich erhebt_) -- Geh, öffne; (_matt ihre Hand ergreifend_) du hast mir wohlgetan --
+Anne+
(küßt seine Stirn, dann mit traumhaftem Ausdruck)
Denn uns ist heute der Heiland erschienen -- (_legt beglückt ihre Hände vor die Brust und geht so leise nickend hinaus_) -- --
+Christian+
(wendet sich langsam nach dem Porträt um)
Verfolgst du mich wirklich noch?! -- (_Wendet sich langsam zurück, schließt die Augen; dann mit verklärtem Gesicht_) Bald nicht mehr -- -- (_Die Tür geht auf, Anne läßt den Minister und den Oberbürgermeister eintreten_) --
+Der Minister+
(mit einer Verbeugung, der sich der Bürgermeister anschließt, während Anne Holz in den Kamin legt)
Guten Tag, Herr Geheimer Rat; es tut mir leid, Sie stören zu müssen.
+Christian Wach+
Nicht im geringsten, Euer Excellenz. Wollen Sie nur entschuldigen, daß mein Zustand mir nicht erlaubt, den Herren geziemend entgegenzukommen. Darf ich bitten, Platz zu nehmen.
+Minister+
(während Anne hinausgeht)
Die Ehrerbietung erfordert zunächst, meinen Auftrag stehend zu erstatten. Auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit, unsers gnädigsten Landesherrn, habe ich Ihnen, Herr Geheimer Rat, die persönliche Eröffnung zu machen: So sehr die Gesinnung zu würdigen ist, aus der Sie Ihre Namensverknüpfung mit dem von Ihnen gestifteten radioklinischen Institut ablehnen, kann doch des guten Beispiels wegen ein solches Geschenk nicht angenommen werden, ohne es durch ein rühmliches Zeichen der allgemeinen Erkenntlichkeit zu erwidern. Seine Königliche Hoheit haben daher geruht, in der Annahme, daß es Ihnen eine Weihnachtsfreude bereiten wird, Sie in den Adelsstand zu erheben; die Urkunde folgt heute Nachmittag. (_Sich auf den Stuhl links des Tisches setzend, mit lächelnder Unamtlichkeit_) Ich erlaube mir, Herr von Wach, Ihnen ohne Phrase zu sagen, daß ich Ihren Dank richtig ausrichten werde.
+Christian von Wach+
Es liegt meinem Selbstgefühl fern, Excellenz, mich gegen ein gütiges Wort zu wehren -- (_sie reichen einander unwillkürlich die Hand_).
+Der Bürgermeister+
(ist stehen geblieben, räuspert sich)