Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)

Part 17

Chapter 173,449 wordsPublic domain

Ja, sollt ich denn schwelgen, während Sie fasten mußten? (_Behutsam über sein Haar streichend_) Sie müssen Ihr Herz erleichtern, Herr Christian.

+Christian+

(schiebt sie sanft weg, steht auf)

Nein, mach mich nicht weich; es war nur ein Augenblick. Nichts wird an meinem Leben geändert! Wenn du dir etwa einbildest, die Haft habe mich mürbe gemacht --

+Anne+

O hätt sie nur! -- Nein, ich bild mir nix ein.

+Christian+

Sie hat mich im Gegenteil ruhig gemacht -- (_er wendet sich ab, geht nach dem Fenster_) innerst ruhig; das mußt du doch merken (_läßt sich in den Korbstuhl nieder_) --

+Anne+

(ihm folgend)

Das würd’ mich ja freuen, innerst freuen --

+Christian+

Warum hast du denn so geweint im Gerichtssaal, als ich das Geständnis ablegte, ich wollte (_an das Porträt weisend_) die da wirklich vergiften, wenn mich das Schicksal -- du weißt, der Schlaganfall, der sie in ihrer Erregtheit hinraffte -- nicht gnädig davor bewahrt hätte?

+Anne+

Ja, wie sollt ich denn da nit weinen, als Sie das so gewaltig aussagten, mit solchem Entsetzen vor sich selber! Sogar von den Herren Geschwornen und Richtern schneuzten sich welche vor großer Rührung. Und ich hab doch alles einst miterlebt; ich kenn doch Ihr Herz, Herr Christian!

+Christian+

(abermals aufstehend)

Nun, der Sanitätsrat war garnicht gerührt; der hat einfach den Schlaganfall bezeugt.

+Anne+

(ihm wieder durchs Zimmer folgend)

Ja freilich, natürlich; das tat ich ja auch!

+Christian+

Und konntest vor Schluchzen nicht weiter reden. (_Plötzlich sich umdrehend, Auge in Auge_) Du glaubst wohl nicht, daß es ein Schlaganfall war?

+Anne+

(zurückweichend)

O -- wie fragen Sie frevelhaft! -- Was ich beschworen hab, glaube ich auch. Und was ich außerdem glaube, o möchten Sie’s fühlen --: wir sind allesamt Werkzeuge Gottes -- der eine so, der andre so --

+Christian+

(ist an den Kamin getreten)

Mich friert, Anne; im Gefängnis war’s wärmer. Von morgen an bitte mußt du heizen.

+Anne+

Aber ich kann doch natürlich gleich!

+Christian+

Nein, ich sagte: von morgen an. (_Sich wieder an den Mitteltisch setzend_) Ich bekomme Besuch heut, für den ich Kälte brauche.

+Anne+

Aber gelt, doch ein Gläschen Tokayer! Wirklich, Herr Christian, es wird Ihnen gut tun.

+Christian+

Ich bitte dich ernstlich, mach mich nicht wild! W-Wein macht schwatzhaft, ich hasse das! -- Aber damit du deinen Willen krigst: Vetter Justus hat mich gestern nach der Freisprechung fragen lassen, ob er heute Vormittag herkommen dürfe -- dann kannst du deine Flasche kredenzen.

+Anne+

O welche Fügung -- sehn Sie, auch dem hat Ihre Prüfungsstunde das Herz gerührt! -- O, und ich hab’s ja noch garnit bestellt: der Herr Regierungspräsident, der hat sich auch vorhin anmelden lassen. Sehn Sie, wie alle Menschen sich beugen, wenn sie den Finger Gottes spüren!

+Christian+

Du beurteilst die Menschen nach Dir, gute Anne. Sie kriechen zu Kreuz vor meinem +Geld+; und sind gerührt davon, wie’s mich +drückt+.

+Anne+

Nein, nein, das sagt nur Ihr Groll auf Herrn Justus. Man hat Sie doch einstimmig freigesprochen.

+Christian+

Ja, weil man keine Beweise hatte. Weil man auf Staatsunkosten mal gnädig sein konnte. Weil man dem berühmten Menschenfreund zeigen wollte: wir kennen zwar jetzt deine giftige Seele, aber wir sind keine Unmenschen deinesgleichen, wir zahlen dir deine Wohltaten heim. Ein Geächteter bin ich ihnen! Meinst du, ich habe das nicht gemerkt?

+Anne+

O, wenn Sie nicht alles so schwarz ansehn möchten! Die Menschen sind lieber gut als schlecht; will jeder nur abwälzen, was ihn drückt.

+Christian+

Mein +Geld+ drückt mich; begreifst du das nicht? -- Übrigens: vorgestern ist da eine Witwe wegen Diebstahls verurteilt worden, die kleine Kinder zu Hause hat. Du wirst dir ihre Adresse verschaffen, und wenn sie aus dem Gefängnis kommt, richtest du ihr einen Laden ein; irgend ein Geschäft, das ihr paßt. Inzwischen nimm dich der Kinder an, daß man sie nicht ins Armenhaus sperrt.

+Anne+

Gern, Herr Christian! O, wie gut Sie

+Christian+

Schwatz nicht, Anne; die Frau scheint mir tüchtig! Sie hat den Diebstahl ziemlich fein eingefädelt, erzählte mir mein Rechtsanwalt. Es macht mir Spaß, ihr Vertrauen zu schenken.

+Anne+

(sich zu ihm neigend)

Warum verhehlen Sie Ihr Herz? Warum schenken Sie nicht auch mir Vertrauen?

+Christian+

(abermals aufstehend)

Ich kann mich noch garnicht wieder hier eingewöhnen; bitte, hilf mir den Lehnstuhl herüber setzen. -- (_Während sie den Stuhl an den Mitteltisch tragen_) Es scheint, du bist jetzt stärker als ich. -- (_Platz anweisend_) Nein hierhin, den Rücken gegen die Wand; ich mag das Bild heut nicht immerfort sehn.

+Anne+

(den überschüssigen Holzstuhl ans Fenster stellend)

Ja, das hätt längst schon hinaus gemußt. Darf ich’s nicht endlich weghängen jetzt?

+Christian+

Was soll das wieder! l-laß dies Gepurre! Ich weiß besser, was ich ihr schuldig bin. (_Sich setzend_) Wenn sie auch unleidlich war, das ist vorbei. Daß du’s ihr immer noch nachträgst, ich versteh nicht, wie sich das mit deinem Christentum reimt; du hast sie doch früher bemitleidet.

+Anne+

Die Toten haben das nicht mehr nötig; mir ist nur um die Lebendigen bang.

+Christian+

Du sollst mich nicht so ansehn, Anne! -- Wahrhaftig, manchmal machst du Augen, grad wie die Tante in ihrer Sterbestunde; so merkwürdig in die Ferne fragend. -- (_Wiederum aufstehend_) Ich will mich doch lieber dorthin setzen; sonst denkst du wohl wirklich, ich fürcht mich vor ihr. (_Er schiebt den Lehnstuhl rechts neben den Tisch, Anne stellt einen andern Stuhl nach hinten._) Nicht wahr, das hast du doch eben gedacht?

+Anne+

Ich glaub an keine Gespenstermärchen. Es hat sich jeder genug vor sich selber zu fürchten --

+Christian+

(sich setzend)

Ja, du hast Recht: Gespenstermärchen -- --

+Anne+

Nun fangen Sie wieder zu grübeln an. Ach, wenn Sie doch dahinter kämen, daß +alle+ Selbstbespiegelung eitel ist, nit blos im Spiegel an der Wand.

+Christian+

Laß, Anne; das verstehst du nicht. Ich muß mich erst wieder zurecht finden hier.

+Anne+

Ich fühl doch aber, wie Ihnen das schwer fällt; und möcht die Last doch tragen helfen.

+Christian+

Nein, geh jetzt; ich muß das allein überlegen. Ich habe schon selbst daran gedacht, du warst vielleicht die rechte Person, mir den Rest des Vermögens ver-p-pulvern zu helfen; ich werde das nächstens mit dir besprechen.

+Anne+

O, nicht das Geld, Herr Christian; fassen Sie doch Vertrauen zu mir! Erleichtern Sie Ihre bedrückte Seele! Wie eine Mutter bitt ich zu Gott darum; das wird Sie auch wieder gesund machen.

+Christian+

(aufstampfend)

Ich sag dir, l-laß das -- geh -- bring mich nicht auf! -- (_Ruhiger_) Stell die Flasche für den Justus bereit; aber bring sie erst, wenn ich’s dir sage! -- (_Während Anne langsam zur Tür geht_) Und ich dank dir für deinen Asternstrauß; ich dank dir für alles, alles -- hörst du? (_Da Anne an der Türschwelle zögert_) Nun, laß gut sein, geh jetzt; was stehst du noch --

+Anne+

(mit feierlichem Ausdruck, gedämpft)

Und nähmest du Flügel der Morgenröte und flüchtetest übers äußerste Meer, so würde dich meine Hand doch erreichen, spricht der Herr, dein +Erbarmer+ -- (_sie geht hinaus_) -- --

+Christian+

(sich erhebend, mit abwehrender Handbewegung)

Gespenstermärchen -- -- (_Er nimmt den Strauß und stellt ihn unter das Bild._) Ihr zwingt mich nicht -- ihr kennt mich nicht -- niemand! -- (_Draußen elektrisches Klingelzeichen; er gibt sich Haltung, tritt neben den Lehnstuhl. Dann geht die Tür auf, und es erscheinen: der Regierungspräsident und der Oberbürgermeister_) -- --

+Präsident+

(nach gegenseitiger leichter Verbeugung)

Verzeihung, wenn ich stören sollte, und bitte doch Platz zu behalten, Herr Rat; Sie werden sich leider noch etwas erschöpft fühlen.

+Christian Wach+

Nicht sonderlich, Herr Regierungspräsident; ich müßte lügen, wenn ich Ja sagen wollte. In unsern Gefängnissen lebt sich’s bequemer, als es mancher bei sich zu Hause hat.

+Präsident+

(lächelnd)

Ich möchte es lieber doch nicht versuchen. Aber um zur Sache zu kommen: ich stehe vor Ihnen auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit unsers gnädigsten Herrn, zugleich im Auftrag des Ministeriums, um Ihnen unverzüglich Ihre Ernennung zum +Geheimen+ Kommerzienrat anzuzeigen. Die Regierung will damit ausdrücken und vor der Öffentlichkeit bekunden: erstens ihre Teilnahme an dem glücklichen Ausgang eines Prozesses, der soviel peinliches Aufsehn erregt hat, zweitens ihr unverkürztes Vertrauen in den gemeinnützigen Charakter eines Mannes, der für die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit seinen persönlichen Ruf gewagt hat. Nach der erschütternden Seelenbeichte, die Sie vor dem Gerichtshof abgelegt haben, soll Ihnen diese Anerkennung eine dauernde Aufrichtung geben (_er verbeugt sich mit Gemessenheit_) --

+Christian Wach+

(lächelnd)

Sie soll mir wohl auch, Herr Präsident, eine dauernde Richtung geben. Ich danke Ihnen ehrerbietigst und bitte diesen (_sich verneigend_) untertänigen Dank auch höheren Ortes zu vermelden, erstens für die Teilnahme, zweitens für das -- „unverkürzte Vertrauen“. Ich werde mich, soweit es noch in meinen kurzen Kräften steht, dieses Vertrauens würdig zu machen versuchen.

+Bürgermeister+

Davon ist jedermann überzeugt, Herr Geheimrat. Ich habe mich nicht blos mit eingefunden, um Ihnen zu der neuen Würde meinen Glückwunsch darzubringen (_er verbeugt sich gleichfalls gemessen_) -- ich komme zuvörderst in Vertretung des Ausschusses der Bürgerschaft, sodann noch besonders als erster Vorsitzender der Gesellschaft der Menschenfreunde, um Ihnen das allgemeine Bedauern über diese Anklage auszusprechen, die zwar amtlich genügend begründet war, aber deren augenscheinliche Unhaltbarkeit schließlich sogar der Herr Staatsanwalt zugab. Sie dürfen davon durchdrungen sein, daß niemand in den maßgebenden Kreisen bei Ihrer stets betätigten Menschenliebe einen anderen Ausgang erwartet hatte, und daß die Untersuchung der Leichenreste Ihrer verewigten Frau Tante lediglich als Formalität, wie sie die Rechtspflege unvermeidlich erfordert, vorgenommen werden mußte. Es stand wohl jedem von vornherein fest, wenigstens jedem Wohlgesinnten, daß das Gift nicht mehr entdeckt werden konnte -- das heißt, ich wollte natürlich sagen: überhaupt nicht entdeckt werden konnte

+Präsident+

(sehr rasch)

Überhaupt natürlich --

+Christian Wach+

(sehr langsam)

Überhaupt -- -- Ich danke verbindlichst, Herr Oberbürgermeister. Darf ich nicht bitten, Platz zu nehmen?

+Präsident+

Es tut mir außerordentlich leid, aber meine Zeit ist heute gemessen. (_Sich verbeugend_) Ich empfehle mich, Herr Geheimer Rat.

+Christian Wach+

(ebenso)

Ich empfehle mich, Herr Präsident.

+Präsident+

Begleiten Sie mich, Herr Oberbürgermeister?

+Bürgermeister+

Ich habe noch eine Kleinigkeit mit dem Herrn Geheimrat zu erörtern.

+Präsident+

Also auf Wiedersehn, meine Herrn -- (_er verbeugt sich nochmals, geht ab_) -- --

+Bürgermeister+

Ich möchte mich nur in aller Kürze -- doch ich bitte zunächst um Entschuldigung: Sie werden sich hoffentlich nicht verletzt gefühlt haben, weil ich vorhin ein wenig im Ausdruck fehlgriff --

+Christian Wach+

(lächelnd)

O, wie dürfte ich mich verletzt fühlen -- nach allem, was geschehen ist -- da Sie es doch so aufrichtig meinten --

+Bürgermeister+

Ja, dessen dürfen Sie sich versichert halten; aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat! Und deshalb -- (_da Christian Wach auf die Stühle weist_) nein danke, ich will mich wiegesagt nur in aller Kürze erkundigen --: Wenn es Ihnen etwa erwünscht sein sollte, daß Ihr mißliebiger Verwandter, der zwar in amtlicher Eigenschaft, aber offensichtlich nur aus Feindseligkeit gegen Sie vorgegangen ist, aus seinem Amte entfernt werde, dann will ich Ihnen diese Genugtuung gern bei dem Herrn Polizeidirektor erwirken.

+Christian Wach+

Sehr freundlich, Herr Oberbürgermeister. Aber ich bitte Sie „sich versichert zu halten“: mein Vetter handelte nur aus dem Pflichtgefühl, das eine Eigentümlichkeit unsrer (_lächelnd_) etwas starrköpfigen Familie ist.

+Bürgermeister+

Nun, ich meinte blos: wenn sein Aufenthalt hier, in unserer traulichen Residenzstadt, Ihnen jetzt vielleicht unliebsam aufstoßen sollte: eine zeitweilige Strafversetzung würde ihm ohnehin wohl gebühren für seinen fruchtlosen Übereifer.

+Christian Wach+

(lächelnd)

Also hätte er doch vielleicht fruchten können? -- Nein, im Ernst, ich bitte sogar inständig, meinem Vetter jegliche Gunst zuzuwenden, die seine Vorgesetzten ihm zollen würden, wenn er nicht zufällig +mich+ beamtseifert hätte. Es wäre mir wirklich sehr unliebsam, wenn man ihn grade mir zuliebe für eine Verdächtigung strafen wollte, die sein Beruf ihm aufnötigte, und die anfangs -- nicht wahr, ich irre wohl nicht -- auch andern eifrigen Amtspersonen und Menschenfreunden begründet erschien. Er ist gestraft genug durch den Mißerfolg; nicht zu reden von dem Erbschaftsverlust, den er einst durch mich erlitten hat, wenn auch nur wegen seines eigenen Starrsinns.

+Bürgermeister+

Ich bewundre die Selbstlosigkeit, Herr Geheimrat, mit der Sie nach dieser herben Erprobung Ihrer mitmenschlichen Gefühle die Angelegenheit ins Auge fassen. Und ich darf mich also der Hoffnung hingeben, Sie werden auch unserm Gemeinwesen gegenüber Ihre rühmlichst bekannte Gesinnung nach wie vor betätigen?

+Christian Wach+

In der Tat, ich werde nach Kräften versuchen, mich auch fernerhin zu betä-hähähätigen -- (_sich an die Kehle fassend_) Verzeihung, mein Nervenübel meldet sich wieder. -- Aber wollen wir uns nicht doch lieber setzen? Vielleicht ein Gläschen Wein gefällig? Denn Sie lieben doch die geselligen Freuden.

+Bürgermeister+

O danke, danke, bedaure aufrichtig; muß mich heute leider besonders beeilen. Aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat! -- Also wiegesagt, um mich kurz zu fassen: ich wünsche allseitige Wiederherstellung unseres guten Einvernehmens und Ihrer so wertvollen Gesundheit. (_Er verbeugt sich würdevollst._)

+Christian Wach+

Ich werde wiegesagt bestrebt sein -- (_er verbeugt sich etwas weniger und läßt den Bürgermeister hinausgehn, ohne ihm das Geleit zu geben; sinkt dann in den Lehnstuhl und nickt vor sich hin_) -- -- „Aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat“ -- -- (_es klopft, die alte Anne erscheint_) --

+Anne+

Kann der Herr Justus jetzt eintreten?

+Christian+

Natürlich. Weshalb fragst du erst?

+Anne+

Soll ich den Wein gleich mitbringen?

+Christian+

Du sollst tun bitte, was ich dir sagte. Ich werde schon rufen, wenn’s an der Zeit ist. (_Anne geht -- Justus erscheint; tritt zögernd näher, bleibt halbwegs stehen_) -- -- Nun? diesmal ohne Aktenmappe? -- Sehr liebenswürdig; bitte setz dich. (_Während Justus an den Tisch tritt_) Willst dich wohl teilnehmend erkundigen, wie mir der Spaß bekommen ist?

+Justus+

Ich muß deinen Spott leider hinnehmen, Vetter; oder vielmehr, ich nehme ihn gern hin. Ich habe das ehrliche Bedürfnis, dich um Verzeihung zu bitten für die Kränkung, die ich dir leider antat in meinem blinden Haß. Die alte Anne hatte ganz Recht: schließlich sind wir doch Blutsverwandte.

+Christian+

Ich habe schon soviel Ehrlichkeit heut genossen, daß ich dir auch die deine verzeihe. Also nochmals: nimm endlich Platz.

+Justus+

(setzt sich links des Tisches)

Ich begreife deine mißtrauische Laune. Aber sie kann mich nicht hindern, dir zu bekennen, daß sich meine Meinung über deinen Charakter von innerstem Grund aus geändert hat. Du hast mich entwaffnet -- ganz und gar -- bis unter die nackte Haut sozusagen -- sodaß ich mich vor mir selber schämte --

+Christian+

Armer Vetter, wie stockend du redest; du hast dich wieder mal gut präpariert. Beruhige dich: ich werde dir’s nicht vergessen, wenn ich nächstens mein Testament neu verfasse. Oder brauchst du gleich einen Vorschuß drauf?

+Justus+

Ich muß mir’s gefallen lassen, wenn du mich demütigst; aber du brauchst es nicht noch mehr zu tun, als ich es wahrlich selbst schon tat. Es ist mir nicht leicht geworden, Christian, mich dermaßen zu überwinden, daß ich einem Menschen Abbitte leiste, den ich glaubte verachten zu dürfen. Ich hab’s mir natürlich überlegt, und weiß alles, was du mir einwenden kannst; aber mir deucht, auch du könntest wissen, nach meinem ganzen Verhalten bei dieser Erbschaftsgeschichte, daß ich es nicht aus Berechnung tue.

+Christian+

Nein, du bist ja Justus, auf deutsch der Gerechte. Nun, es freut mich ehrlich, wenn du erkannt hast, daß die Rachsucht ein schlechtes Geschäft ist; man verrechnet sich leicht, wenn man gar zu eifrig ist.

+Justus+

Ich gebe zu, ich wollte mich rächen. Aber ich glaube, ein Mensch wie du wird es menschlich verstehen können, daß ich mich einigermaßen gereizt dazu fühlte. Und jedenfalls: ich bereue es jetzt.

+Christian+

Ja, das Lebensgeschäft macht uns alle mürbe, selbst den schneidigsten Rechenmeister.

+Justus+

Du legst mir wirklich falsche Beweggründe unter.

+Christian+

O, jeder rechnet auf seine Weise, auch wer die Erbschleicher glaubt „verachten zu dürfen“. Du stößt wohl jetzt auf allerlei Schwierigkeiten in deiner amtlichen Regeldetri?

+Justus+

Es schmerzt mich um Deinetwillen, Christian, daß du dich boshafter stellst, als du bist. Oder fühlst du mir’s in der Tat nicht an, daß auch ich aus reiner Wahrheitsliebe meine menschliche Schwachheit bekenne? Ich +kann+ dich nicht für so fühllos halten; jetzt nicht mehr, du hast mich überwältigt. Dein letztes Bekenntnis vor Gericht hat mich ergriffen wie noch nichts im Leben.

+Christian+

Aber dann gönne mir doch den reinen Triumph, den meine Selbstbeherrschungskunst -- „man könnte auch sagen: Verstellungskunst“ -- über deine Schwachheit errungen hat. Nicht wahr, auf diesen ehrlichen Kunstgriff war deine Menschenkenntnis nicht vorbereitet? Ja ja, lieber Vetter, sie ist nicht so einfach, die Algebra der Verbrecherseele.

+Justus+

Du wirst mich nicht irre machen mit deinen Scherzen. Ich werde nicht aufstehn von diesem Stuhl, bis du mir die Hand zur Verzeihung reichst, meinethalben auf Nimmerwiedersehn. Ich traue dir nicht die kleinliche Rachsucht zu, daß du die einzige Genugtuung ablehnen wirst, die ich dir in meiner erbärmlichen Lage, der Besiegte dem Sieger, noch bieten kann.

+Christian+

O, du kannst noch allerlei von mir lernen, sogar im Satisfaktions-Comment. Ich gebe dir zum Beispiel den guten Rat, deine Rache nicht auf die lange Bank zu schieben; es ist dir schon einmal schlecht bekommen. Hättest du im Sommer nicht vier Wochen gewartet, um mir die scherzhafte Überraschung zu meinem Geburtstag zu bereiten: wer weiß, ob du jetzt der Besiegte wärest. Einem simpeln Kommerzienrat hätte man eher die Maske des Menschenfreunds abgerissen, als einem Ehrenbürger und Kronordensritter; die Behörden konnten es doch nicht wünschen, durch meine Verurteilung mit-ba-blamiert zu werden. Also lieber Justus, ich rate dir nochmals, deine geheimpolizeilichen Gerechtigkeitspläne nicht aus gar zu langer Hand weiter zu spinnen; du verwickelst dich sonst im eigenen Netz.

+Justus+

(aufstehend)

Wenn du mich durchaus wegjagen willst: nun gut, du kannst es, dann sind wir quitt! Dann bist du +nicht+ der hochherzige Dulder, vor dem ich mich endlich beugen wollte! Dann bist du wirklich vom Fluch des Reichtums so bis ins Mark zuschanden gequält, daß du überall nur noch Schmarotzer witterst!

+Christian+

Dann bin ich der ehrlose Knecht meines Geldes, der nicht geduldig zum Pranger geschleift sein wollte! (_Gleichfalls aufstehend_) Dann bin ich der verworfene Heuchler, der nicht die gnädige Hand drücken will, die ihn dem Schandmaul des Pöbels p-preisgab! Dann bin ich der Schurke, der argwöhnische, der aus all die w-wohlfeilen Worte höhnt, womit wir unsre Untat beschönigen! Dann -- ah: (_taumelnd_) hahahalt mich, Justus: das Herz!

+Justus+

(ihm beispringend)

Verdammt ja, was ist --?

+Christian+

Laß -- es geht schon vorüber. -- (_Sich setzend_) Es war nur ein kleines Erinnerungszeichen -- (_lächelnd_) an meine Selbstbeherrschung, weißt du. Laß dich’s nicht kümmern, setz dich wieder. -- (_Da Justus zögert_) Was äffst du uns beide mit Großmutsgrimassen. Du mußt doch merken, wie gern ich mich aussprechen möchte; du bist doch sonst ein witziger Mensch. Also setz dich; hier hast du meine Hand.

+Justus+

Ich dank dir -- (_gibt ihm die Rechte_)

+Christian+

(ihn fixierend)

Ich +trau+ dir! -- Nun? Was zuckst du zurück? --

+Justus+

Du bist mir unheimlich, Christian --

+Christian+

Hahaherrlich! Siehst du, wie ich mich freue! das war doch endlich ein ehrliches Wort! -- Aber im Ernst: hast du wirklich nicht gemerkt, wie ich brenne auf eine Aussprache, eine wirklich vertrauliche Aussprache, nach meiner unfreiwilligen Einsamkeit? Mit der alten Anne, so redlich sie ist, kann man doch blos das Einfachste reden; und andre Freunde hab ich ja nicht. -- (_Es klopft, und Anne tritt mit dem Sanitätsrat ein_) -- Ah, lieber Geheimrat, alter Freund, nett daß Sie auch auf den Busch klopfen kommen; ich fühle mich recht behaglich heute (_er weist auf die Stühle neben sich_).

+Sanitätsrat+

(hinter dem Tisch Platz nehmend)

Kann mir’s denken, verehrtester Herr Kollege von der finanziellen Fakultät; traf eben den Bürgermeister, gratuliere -- (_sich verneigend_) zu der neuen Würde und Würdigung. Ist ja ein wahrer Triumph der Gerechtigkeit; schade, daß Sie keine Zeitungen lesen. Die ganze Presse singt Ihnen Hosianna; selbst die Sozi blasen ins Jubelhorn. (_Zu Justus, der stehen geblieben ist_) Ich genier Sie doch nicht, Herr (_gedehnt_) Polizeikommissar --?

+Justus+

Keineswegs, Herr Geheimer Sanitätsrat; ich wollte mich ohnehin empfehlen. Ich kam nur her, um meinem Vetter die gebührende Abbitte zu leisten.

+Christian+

Nein, Justus, das darfst du mir jetzt nicht antun; ich muß dich tatsächlich noch etwas fragen.

+Sanitätsrat+

Dann nichts für ungut, Herr Leutnant, Sie kennen mich ja; (_ihm mit komischer Würde die Hand hinstreckend_) es irrt der Mensch, solang es geht --

+Christian+

Also bitte, im Ernst: Versöhnungsfeier -- (_Justus gibt lässig dem Sanitätsrat die Hand und setzt sich wieder links des Tisches_). Bitte, Anne, du weißt ja (_sie nickt, geht hinaus_) -- ich danke dir, Justus.

+Sanitätsrat+

Aber Sie haben’s zu kalt hier im Zimmer; für Ihren Körper ist Kälte jetzt Gift! (_Christian zuckt ein wenig zusammen._) Ah Pardon, das verflixte Prozeßwort; man wird es garnicht mehr los aus den Ohren, alle Zeitungen wimmeln von Vergiftungs-Wortspielen. Für einen Medizinmann recht amüsant; ich darf doch ruhig davon reden?

+Christian+

O bitte -- (_lächelnd_) seh ich denn unruhig aus?

+Sanitätsrat+

Na, Verehrter, nur keine Fisimatenten; Ihre Ruhe ist mir nicht ganz geheuer. (_Inzwischen ist Anne zurückgekommen, setzt eine Platte mit Gläsern und Weinflasche auf den Tisch._)

+Christian+

Nun, dann wollen wir heizen, meine Herrn. Bitte, Anne, schänk ein

+Sanitätsrat und Justus+

Nein danke -- danke -- (_strecken gleichzeitig rasch die Hand zur Abwehr_) --

+Christian+

So enthaltsam auf einmal? Nun, Anne, dann mir nur. (_Lächelnd_) Es ist wirklich kein Gift drin, meine Herrn.

+Sanitätsrat+

Aber Bester, empfindlich --? Na, Schwester Anne, dann sein Sie mal auch zu mir barmherzig (_er läßt sich gleichfalls einschänken_) --

+Christian+

Justus --?

+Justus+

Ich bin’s zwar nicht mehr gewohnt vormittags. Aber --

+Anne+

(nachdem sie auch ihm eingeschänkt)

Ist gern geschehen, Herr Justus.

+Sanitätsrat+

(während Anne hinausgeht)

Also dann, mein teuerster Herr Patient: wie gesagt, es lebe die Herzensbewegung! -- (_Sie stoßen gemessen an und trinken_) -- Denn wie gesagt: Ihre Ruhe gefällt mir nicht, kommt mir nach all dem Traraa etwas unheimlich vor. Hatte eigentlich von der vertrackten Affäre eine Art Nervenbelebung für Sie erwartet. Drückt Sie vielleicht ein geheimer Schmerz? Das heißt, verstehen Sie recht, ich meine: irgend ein Groll, ein verbissener Kummer? Nur nichts in sich fressen, Verehrter! Trinken Sie öfters ein Gläschen Champagner und sprechen Sie sich mit jemand aus, wenn die Geschichte Sie immer noch wurmt.

+Christian+