Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 16
Nun, wenn auch nicht im Augenblick, es wird uns jederzeit aufrichtig freuen, einen so würdigen Mitbürger in unserem Bunde willkommen zu heißen. Und deshalb bleibt es mein inniger Wunsch, der allseits mitempfunden wird, Ihre baldige Wiederherstellung im engeren Kreise feiern zu können. (_Er schüttelt ihm abermals die Hand._)
+Regierungsrat+
Ich schließe mich diesem Wunsche an, unbeschadet der hohen Achtung, die Ihre stoischen Lebensgrundsätze jedem eifrigen Staatsbürger abnötigen. (_Er verneigt sich._)
+Christian Wach+
(die Herren zur Tür geleitend)
Ich danke ebenso aufrichtig, meine Herren, und wiederhole die ehrer-b-bietige Bitte, auch bei den zuständigen Stellen meinen Dank auszurichten. Ich werde wiegesagt bestrebt sein, mich in der „allseits“ gewünschten Weise nach wie vor zu betä-hä-hä-hätigen. (_Er verneigt sich gleichfalls und schließt die Tür hinter ihnen, setzt sich dann matt an den Mitteltisch_) -- -- Grauenhaft -- -- (_Er nickt vor sich hin, blickt zu dem Porträt empor_) Du rächst dich gut -- -- (_Es klopft, er schrickt auf_) --
+Die alte Anne+
(behutsam näher tretend)
Es ist +noch+ jemand draußen, Herr Christian.
+Christian+
Was soll das! Untersteh dich nicht --
+Anne+
(verhalten)
Der Herr Justus! Er wollt sich nicht abweisen lassen.
+Christian+
Was! Vetter Justus? der Leu-te-tenant?
+Anne+
(wie vorher)
Ja. Das heißt: er ist doch jetzt Polizeikommissar -- (_sie drehn sich beide prall um, da die Tür aufgeht_) --
+Justus Wach+
(tritt gelassen ein, mit einer Aktenmappe unterm Arm)
Du mußt mir schon einmal erlauben --
+Christian Wach+
(während Anne beklommen hinausgeht und die noch offene Tür wieder schließt)
Du bist mir natürlich durchaus willkommen --
+Justus+
(lächelnd)
So? -- Ich erhebe nicht den Anspruch.
+Christian+
Nun, dann ist deine Aufrichtigkeit mir willkommen. Offne Arme kannst du wohl nicht erwarten, nachdem du damals unsern Verkehr, unser verwandtschaftliches Band, um Geldes willen zerschnitten hast.
+Justus+
Meinst du? -- Aber du erlaubst wohl, daß ich mich setze. (_Er nimmt Platz auf dem linken Stuhl, legt die Mappe auf den Tisch._)
+Christian+
Aber natürlich; b-bitte höflichst. (_Sich gleichfalls setzend_) Fühle mich heute auch etwas matt; ein außerordentlich warmer Tag.
+Justus+
Und obendrein deine Ehrenlast. Alle Zeitungen sind ja wieder des Lobes voll. Wird dir allmählich wohl doch etwas drückend?
+Christian+
Darf ich lieber fragen, w-was dich zu mir führt?
+Justus+
O, traust du mir also garnicht zu, daß ich blos die uneigennützige Absicht habe, dir auch mal wieder zu gratulieren, dem musterhaften Menschenfreund, der mich Schuldenmacher dazu gebracht hat, den schrecklichen bunten Rock auszuziehen und ein nützlicher Mitmensch in Schwarzgrau zu werden? -- (_Seine Hand auf die Mappe legend_) Wirklich, ich habe jetzt allen Grund, der rühmlichen Betätigung deiner Nächstenliebe dankbar zu sein.
+Christian+
Bitte, laß das; mir sind diese Phrasen peinlich.
+Justus+
Mein Lieber, ich kenne deine Art Ehrgeiz. Du hast schon als Schuljunge Äpfel gestohlen, obgleich du dir aus Äpfeln nichts machtest, blos um uns Freunde damit zu begönnern und dich an deiner Großmut zu weiden; vielleicht auch an deiner Kühnheit und Schlauheit, denn erwischen ließest du dich ja nie. Ich habe dich schon damals durchschaut.
+Christian+
So? -- Meinst du? (_Lächelnd_) Nun, vielleicht hast du Recht. Aber inzwischen wirst du wohl +auch+ ein A-A-Andrer geworden sein.
+Justus+
Ja, seit neun Jahren ungefähr; dank deiner Betätigung wiegesagt.
+Christian+
Und hast du dich wirklich nun ausgesöhnt mit deinem b-bürgerlichen Beruf?
+Justus+
(legt lächelnd wieder die Hand auf die Mappe)
Ja, seit einem Monat etwa vollkommen. Und einigermaßen auch früher schon. Was blieb mir schließlich denn andres übrig; Schulden konnt ich doch keine mehr machen, nachdem du die ganze Erbschaft mir weggefischt hattest, kurz bevor ich zum Hauptmann aufrücken sollte.
+Christian+
Nun, ich habe a-auch nicht das werden können, wonach ich als Jüngling Verlangen trug; Geld hatte ich ja von Hause aus noch weniger zu erwarten als du. (_Auf seine Bücher hinüberweisend_) Du weißt sehr gut, wie ich drauf brannte, die Sta-taatswissenschaften zu studieren, Sozialpolitik, Nationalökonomie, und es sogar ein paar Semester lang durchhielt; bis Tante Brigittens harter Kopf mich zwang, mir als B-Bankbeamter mein Brot zu verdienen.
+Justus+
Ja, du warst ihrer Begönnerung würdig. Ich hab ihr die Faust unters Kinn gehalten, als sie ihren Mann zu Tode gepeinigt hatte und ihn dann einscharren ließ wie einen Bettler, den reichsten Grubenbesitzer des Landes; du zogst es vor, ihr die Krallen zu streicheln.
+Christian+
Sie hat sich selbst noch viel mehr gepeinigt; du solltest nicht über Handlungen urteilen, für die dir jedes M-Mitgefühl mangelt. Und notabene: auf ihr Testament konntest du doch im Ernst wohl nicht rechnen, nach deiner Gleichgiltigkeit -- ge-l-linde gesagt -- bei ihrem lalala-langen Krankenlager.
+Justus+
Nein, zum Erbschleicher war ich mir allerdings zu schade. Seit wann stotterst du übrigens?
+Christian+
(ist vom Stuhl aufgefahren)
Ich ver-b-bitte mir deine Brutalitäten! -- (_Sich bezwingend_) Denkst du, es war mir ein Vergnügen, die Launen der alten ge-l-lähmten Person zu ertragen? ihre Heftigkeit, ihre Wutanfälle? dreizehn Jahre lang, Tag für Tag!
+Justus+
(lächelnd)
Nein, das denke ich keineswegs -- bei deiner Art Menschenfreundlichkeit.
+Christian+
(fängt wieder an durchs Zimmer zu wandern)
Und deine Schulden hätt ich dir gern bezahlt, wärst du damit zufrieden gewesen, statt mir Millionen abpressen zu wollen, für die ich b-bessere Anwendung wußte. Bin auch jetzt noch bereit dazu, falls du nicht blos gekommen bist, um mir aufs B-Butterbrot zu streichen, daß du dich selber seit einem Monat von deinen Gläubigern befreit hast; (_lächelnd_) das wolltest du doch wohl andeuten.
+Justus+
Nein. Aber ich danke für Gnadenbrocken von deinem Butterbrot, werter Vetter.
+Christian+
Ja, wozu reibst du dich dann an mir? Und worauf bist du eigentlich neidisch? -- Was ha-habe ich denn von all meinem Reichtum? Hat er mich etwa davor bewahrt, v-vorzeitig graue Haare zu kriegen? Ich lebe wie ein Mönch in der Wüste, und trotzdem ist mein M-Magen krank, meine Milz beklommen, mein H-Herzschlag verhaspelt, meine Nerven von Schlaflosigkeit zerrüttet --
+Justus+
Dein Gehirn von Gewissensbissen zerfressen --
+Christian+
Deinetwegen? -- (_Stehen bleibend_) Du dauerst mich --
+Justus+
(steht nun gleichfalls auf, tritt dicht an Christian heran)
Solltest du nie befürchtet haben, daß ein gewisser +Brief+ entdeckt werden könnte? --
+Christian+
(weicht unwillkürlich etwas zurück -- dann spottkalt)
Ah, Herr Polizeikommissar --
+Justus+
In der Tat -- das ist mein Beruf -- mit dem ich mich jetzt vollkommen ausgesöhnt habe -- seit einem Monat wiegesagt, als ich in einer auswärtigen Chemikalienfabrik -- (_er unterbricht sich, greift nach der Mappe_) -- aber wollen wir uns nicht wieder setzen? an diesem „außerordentlich warmen Tag“? -- (_er nimmt Platz, während Christian stehen bleibt und sich fest auf eine Stuhllehne stützt, die er bei dem Wort „Chemikalienfabrik“ umklammert hat_) -- also als ich in einer Chemikalienfabrik einen ungetreuen Buchhalter festnehmen sollte und bei Durchsicht der Bureaupapiere zufällig einen Geschäftsbrief fand, worin ein gewisser Christian Wach, laut seiner aufgedruckten Adresse angeblich Apothekenbesitzer, eine Partie Medikamente bestellt hat, darunter auch einige heftige Gifte, etwa fünf Wochen vor dem Tode (_auf das Porträt weisend_) seiner teuren Erbtante Brigitte. (_Wieder die Hand auf die Mappe legend_) Hier hab ich das menschenfreundliche Schriftstück.
+Christian+
(lächelnd)
Sehr verbunden für dieses Geburtstagsvergnügen, auf das du dich also vier Wochen lang in aller Stille prä-pa-pariert hast.
+Justus+
Ja, zufällig ungefähr ebenso lange, wie du dich vor genau neun Jahren auf +Dein+ Geburtstagsvergnügen „präpapariert“ hast.
+Christian+
Ja, es gibt spaßhafte Zufälle -- (_es klopft_) --
+Die alte Anne+
(tritt ein und meldet)
Der Herr Geheime Sanitätsrat --
+Sanitätsrat+
(ihr ohne Umstände folgend)
Ja, Ihrem alten Hausfreund dürfen Sie nicht verwehren, Ihnen heute die Glückshand zu schütteln, verehrter Ehrenbürger und Ritter vom Kronenorden! -- (_Überrascht_) Aber was seh ich? ist’s möglich? Herr Justus! -- Pardon, Herr Leutnant, die alte Gewohnheit. Haben sich also zur Feier des Tages endlich ausgesöhnt mit dem reichen Herrn Vetter?
(Anne blickt forschend von einem zum andern.)
+Justus+
(ist aufgestanden, immer eine Hand auf der Mappe)
Schon möglich, Herr Geheimrat; zur Feier des Tages.
+Sanitätsrat+
(ihm die Rechte schüttelnd)
Na, das freut mich, freut mich; edel sei der Mensch! Haben schließlich doch wohl Respekt gekrigt (_mit Verneigung zu Christian hin_) vor der segensreichen Betätigung.
+Christian+
(aufstampfend)
Kommen Sie auch noch angequäkt mit dieser verfluchten (_absichtlich_) Be-täterä-tätigung? Das ist ja wirklich zum Krämpfekriegen! Wie kann ein Mensch mit etwas Geschmack dies Schandwort auf die Zunge nehmen! diesen A-Anschmierer-Ausdruck für alles Getue, das den Namen Tat nicht verdient!
+Sanitätsrat+
Aber mein lieber Kommerzienrat, was haben Sie denn, was erregen Sie sich? Denken Sie bitte an Ihre Nerven! Kommen Sie, setzen wir uns gemütlich, und geben Sie mir mal endlich die Hand! (_Es geschieht, und auch Justus setzt sich._) So -- ja aber, Sie zittern ja, als ständen Sie im Staatsexamen. Und was ist denn los mit Ihren Pupillen? Da muß ich doch gleich mal Reflexprobe machen. Schwester Anne, holen Sie mal einen Spiegel.
+Anne+
(hat inzwischen die Vase mit dem Rosenstrauß unter das Porträt gestellt)
Aber nein, Herr Geheimrat wissen doch: der Herr Kommerzienrat will keine Spiegel um sich.
+Sanitätsrat+
(sich an die Stirn tippend)
Ja so -- jawohl -- Moralpsychose; ~hypochondria stoica~ sozusagen. Na, werde mal morgen genauer vorsprechen, bringe dann meine Lupe mit; die wird Ihrem strengen Gewissen nicht wehtun, Sie geschworener Feind aller Eitelkeit! -- Was sagen Sie denn zu der neuen Gesellschaft, die der Bürgermeister zusammentrommelt? Mich hat er natürlich auch breit geschlagen; na, ein bißchen Menschenfreund ist ja Jeder.
+Christian+
Ich meinesteils bin nicht für Trommelreklame.
+Sanitätsrat+
Ja, Sie können sich’s leisten, drauf zu pfeifen. (_Aufstehend_) Dann also bis morgen, werter Freund; muß jetzt weiter zu meinen andern Patienten. Bitte Platz zu behalten, Herr Leutnant; wünsche allerseits Frieden auf Erden -- (_winkt heiter mit beiden Händen Abschied, und Anne begleitet ihn hinaus, während die Vettern sitzen bleiben, Justus links am Tisch, Christian rechts_) -- --
+Justus+
Du scheinst dein Gesicht nicht gern zu betrachten --
+Christian+
(die Arme verschränkend)
Ich habe in der Tat Bessers zu tun.
+Justus+
Du kannst ja niemand mehr grad in die Augen sehn.
+Christian+
Glaubst du, Herr Untersuchungsbeamter? (_Er fixiert ihn, bis Justus beiseite blickt_) -- -- Durchschaust du die Menschen immer so?
+Justus+
Ja, deine Selbstbeherrschungskunst -- man könnte auch sagen: Verstellungskunst -- war von jeher bewundernswert.
+Christian+
Und einer besseren Sache würdig.
+Justus+
Der Spott wird dir bald vergehn, teurer Vetter.
+Christian+
Es scheint, du legst enormen Wert auf dein pa-papierenes Dokument. Das hältst du wohl für einen Indicienbeweis?
+Justus+
Nein, das allein würde nur beinahe genügen. Aber (_auf seine Mappe tippend_) ich habe hier noch ein andres Papier; nämlich deinen Empfangsschein, Herr Apotheker, über die eingetroffene Giftsendung --
+Christian+
Du hast dich tatsächlich gut präpariert --
+Justus+
Es freut mich, daß du nicht länger heuchelst. Du darfst die Maske ungeniert lüften.
+Christian+
(immer sehr gemessen)
Du freust dich etwas vorschnell, mein Lieber. Du scheinst meine „Schlauheit“ trotz aller Anerkennung noch immer für recht kindlich zu halten. Vor neun Jahren, werter Herr M-Menschenkenner, war ich wohl doch nicht mehr Schulbub genug, mich dem Spiel des Zufalls so plump auszusetzen, wenn ich kein reines Gewissen hatte.
+Justus+
O, das Spiel des Zufalls ist allemal plump. Damals konntest du ja nicht ahnen, also auch noch nicht damit rechnen, daß dein Edelmut mich veranlassen würde, (_spitzig_) Detektivoffizier zu werden, geschweige (_an seine Mappe tippend_) daß dies für jeden andern Finder unscheinbare Wertpapier gerade mir in die Hand fallen könnte. Nur Das trieb dein feines Spiel in den Plumpsack der sogenannten Schicksalshand.
+Christian+
Nenn’s lieber gleich den Finger Gottes, dann kommst du dir noch wichtiger vor. Hähähä-hältst du mich im Ernst für so närrisch, daß ich mir solche Tat auf die Seele geladen hätte, blos um die Millionen unsrer alten Tante etwas früher unter die Leute zu streuen? Denn ihr Testament lag ja schon da für mich.
+Justus+
Blos: sie hätte es doch vielleicht ändern können. Und am Krankenbett warten, wer weiß wie lange, vielleicht nochmals „dreizehn Jahre lang“, ist in der Tat kein vergnügliches Geschäft, selbst für die edelsten Wohltäter nicht. Tante Brigitte war damals nur fünf Jahre älter, als du heute geworden bist, und hatte trotz ihrer Lähmung recht zähe Nerven.
+Christian+
Und deshalb soll ich so sinnlos gewesen sein, so sinnlos und so ruchlos zugleich, mir einen M-Mord aufs Gewissen zu wälzen? Und das, denkst du, wird dir irgendwer glauben?
+Justus+
O, das Gewissen beißt immer erst nachträglich; deine Frage klang ziemlich wund. Auch glauben die Schwurgerichte gern, daß ein Bankbeamter sich nicht ohne Zweck falsche Briefbogen drucken läßt und Apothekerwaaren bestellt.
+Christian+
Du hast dich wohl nie mit -- Selbstmordgedanken getragen?
+Justus+
(scharf)
+Vor+ meiner Enterbung +nicht+, lieber Vetter! -- Übrigens kannst du dir deine verblüffenden Fragen für die Gerichtsverhandlung aufsparen; für das Zeugenverhör zum Beispiel.
+Christian+
Du denkst dir also, ich habe es fertig gebracht, den Sanitätsrat sowohl wie die alte Anne über die Todesursache zu täuschen, meinem Opfer kaltblütig die Augen zuzudrücken, die L-Leiche hohnlächelnd einzusargen, und dann hier in dem Haus, wo sie aufgebahrt lag, mich triumphierend festzusetzen -- (_er steht auf, mit Erregtheit um sich weisend_) hier! sieh dich um! zwischen diesen öden Wänden, wo sie einst geatmet hat! hier seit neun Jahren es auszuhalten! immer von ihren Möbeln umgeben! immer ihr B-Bild vor meinem Blick! ihre Pflegerin mir zur Seite, eigens dabehalten zur steten Erinnrung! -- Das, meinst du, habe ich auf mich genommen, ich maskierter Schurke, um einer Erbschaft willen, von der ich mir keinen Genuß vergönne, keine Annehmlichkeit, nicht die kleinste Erholung, blos Nahrung für meinen Großmutsdünkel! -- Du traust mir wirklich merkwürdige Kunststücke zu. (_Er ist hinter seinen Stuhl getreten und stützt sich wieder auf die Lehne._)
+Justus+
Ja, die Verbrecher halten sich gern für Helden, die ihrer Tat überlegen sind, und liebäugeln mit dem Erinnerungswurm. Manche brüsten sich so lange im stillen, bis sie sich schließlich laut verraten; fromme Leute nennen das Gottes Stimme. (_Merkend, daß Christian nach dem Porträt starrt_) Du redest wohl +öfters+ mit dem Bild da? --
+Christian+
Du stellst starke Ansprüche an meine Geduld.
+Justus+
Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Immerhin scheinst du so geneigt zum Verhandeln, daß du darüber das Stottern verlernt hast.
+Christian+
(lächelnd)
Nun, vielleicht war auch das nur Maske; man lernt dabei seine Zunge hüten. -- Wie hoch taxierst du denn deine Entdeckung? --
+Justus+
(lächelt ebenso)
Möchtest du nicht etwas deutlicher fragen? --
+Christian+
Nun, mein gesamter Vermögensrest beträgt noch etwa zwanzig Millionen, nach Abzug der Reservedepots für meine letzten Stiftungen. Um mir die Plackerei vom Ha-Halse zu halten, die du als A-A-A-Amtsperson (_er stampft auf, dann wieder gemessen_) mit dem Plunder da anzetteln könntest, und um meine innerste Menschlichkeit nicht vor dem Pöbel entblößen zu müssen, biete ich dir den vierten Teil; das sind also rund zwei Millionen mehr, als du mir damals abverlangtest.
+Justus+
Deine Menschlichkeit ist seitdem -- beträchtlich großmütiger geworden; ich erkenne das an, obgleich ich’s erwartet habe. Aber du mußt mir schon erlauben, deine bekannte Opferwilligkeit
+Christian+
Gut, ich lege noch eine Million zu. Sechs Millionen -- das ist mein letztes Wort! --
+Justus+
Du hast mich mißverstanden, mein Teurer; du mußt nicht denken, ich sei deinesgleichen, weil ich jetzt im schwarzen Rock vor dir sitze. Du hast mich aus meiner Bahn gestoßen, du opferwilliger Ehrenbürger! Du erntest den Lohn deiner Heldentaten, wenn ich dir nun dazu verhelfe, in der Sträflingsjacke vor mir zu stehn! Jawohl, edler Vetter: Gerechtigkeit will ich! die Welt von deinesgleichen säubern! das ist +meine+ Art Menschenfreundlichkeit!
+Christian+
Deine Gerechtigkeit braucht sich nicht zu ereifern; ich begreife, daß du dich rächen willst.
+Justus+
Sehr scharfsinnig, dein Begriffsvermögen.
+Christian+
Willst du mich trotzdem noch ruhig anhören? Nur eine kleine Weile noch?
+Justus+
Bitte; ich habe warten gelernt. Außerdem zappelst du sehr ergötzlich im Netz.
+Christian+
Ich könnte sagen, mein Anerbieten sei nur eine Maske gewesen, um dein Pflichtgefühl auf die Probe zu stellen. Aber gesetzt, ich hätte w-wirklich die ungewöhnliche Tat vollbracht, deren du mich für fähig hältst: ich hätte eine bejahrte Person, die nichts mehr konnte als sich und andere quälen, mit ihrer Krankheit, mit ihrer Ha-Hartherzigkeit, mit ihrer hähähä-hämischen Habgier (_er ballt die Fäuste, dann wieder ruhig_) -- die hätte ich aus dem Wege geräumt nach jahrelangem Gewissenskampf -- hä-hätte dann wie ein Asket versucht, meine heimliche Gewalttat zu sühnen -- hätte sie hier in meiner Einsamkeit, in der Nacht meines Schweigens schwerer gebüßt, als sich’s ein Schuldloser träumen läßt, -- hätte immer weiter diese Erblast geschleppt, die ich nur für ein Hirngespinnst verwalte -- für eine M-Menschheit, die ich zu spät durchschaute, die nichts ist als ein marternder Schemen --: verlangst du +noch+ mehr Gerechtigkeit?
+Justus+
Du vergißt, ich bin nicht mehr Leutnant genug, um deiner heroischen Märtyrer-Pose einiges Verständnis zu widmen.
+Christian+
Aber vielleicht verstehst du, daß ich inzwischen manches anders ansehen lernte. Vielleicht war mein Abscheu gegen dein früheres Handwerk -- deinen Beruf, wenn du das lieber hörst -- nur Verbohrtheit eines B-Büchermenschen. Vielleicht ist mir die Erkenntnis gekommen, daß auch Nächstenliebe zur Hartherzigkeit führt, wenn sie die Allernächsten vergißt über ihrem fernen Ziel. Ich bin dein Schuldner, ich weiß es lange; deshalb empört mich deine Beschuldigung nicht. Und deshalb -- nur deshalb, Justus! hörst du? -- wiederhole ich mein Anerbieten.
+Justus+
Zu spät, Euer Gnaden; einen Monat zu spät.
+Christian+
Du irrst. Ich habe schon letzte Weihnacht -- denn dies (_auf sein Herz deutend_) W-Wrack wird nicht lange mehr Stand halten -- mein Testament beim Notar hinterlegt; darin stehst du mit dem Betrag verzeichnet, den du einst von mir gefordert hast. Ich biete dir jetzt das Doppelte, weil ich dir mehr verdarb, als ich ahnte.
+Justus+
(auf seine Mappe schlagend)
Zum Teufel, +alles+ verdarbst du mir! Willst du mich +jetzt+ noch mit Großmut beschwindeln? Dein Testament, wenn’s wahr ist, ist mir ein Wisch! Ein Verbrecher wie du hat sein Erbrecht verwirkt! Kein Pfennig von deinem Mammon gehört dir! Wo nimmst du die Stirn her, mich beschwatzen zu wollen; du verrätst dich ja selber mit jedem Wort!
+Christian+
(tritt ihm langsam näher)
Ah -- du hoffst auf den ganzen Rest meiner Erbschaft. Verrechne dich nicht; nimm Vernunft an, Justus! Vergiß nicht, ich sprach nur bedingungsweise! Es hat sich schon m-mancher die Hand verstaucht, der zu sehr auf die Gerechtigkeit pochte.
+Justus+
Ich poche nur auf die Mappe hier. (_Er nimmt sie unter den Arm und steht auf._)
+Christian+
Du kannst dir also garnicht die Möglichkeit denken, daß ich jene Giftsendung für mich selbst kommen ließ? daß ich mich wand vor Scham und Verzweiflung unter den frevelhaften Wünschen, die ich -- jawohl, ich bekenn es dir -- unablässig in mir w-wuchern fühlte am Krankenbett meiner Quälerin?
+Justus+
Eine Möglichkeit zieht die andere nach.
+Christian+
Und wenn nun die Zeugen für +mich+ aussagen? -- Willst du nicht wenigstens die Anne erst hören?
+Justus+
Der kannst du viel vorgemunkelt haben. Aber wenn dir’s Vergnügen macht, dich in ihrem Beisein verhaften zu lassen --
+Christian+
(nähert sich der Tür)
Ich tu’s um Deinetwillen, Justus --
+Justus+
Ich warne nur vor Fluchtversuch! Das Haus ist auf beiden Seiten umstellt --
+Christian+
(ruft zur Tür hinaus)
Anne -- (_tritt dann neben den Bücherbord, lehnt sich an und verschränkt die Arme_) --
+Anne+
(kommt, macht die Tür zu, beklommen)
Was ist, Herr Christian?
+Justus+
Der Herr Kommerzienrat will verreisen.
+Christian+
Ich bitte dich nochmals: nimm Vernunft an.
+Anne+
(beide Hände hebend)
Oh, Herr Justus, wie schauen Sie drein! -- (_Ihm näher tretend_) Ich beschwör Sie, was wollen Sie tun! -- (_Von ihm wegweichend_) Einen Blutsverwandten ins Elend stoßen?
+Justus+
Ah, Sie wissen, worum es sich handelt?!
+Anne+
(noch weiter wegtretend, bis vor den Tisch)
Ich? was soll ich wissen? ich seh nur Ihr Auge drohn. Ich kenn Sie ja beide von Jugend auf. Ich weiß nur, was ich als Kind gelernt hab: Mein ist die Rache, spricht der Herr!
+Justus+
Verzeihung, Schwester Anne, +der+ Herr ist mir +fremd+. Und dem grauen Sünder da wohl erst recht. Mein Herr ist der Staat! mit seinen Gesetzen!
+Anne+
Einen Leidenden wollen Sie quälen? Spüren Sie’s nicht, wie er bebt bis ins Herz?!
+Christian+
Laß gut sein, Anne; es ist genug. Zum letzten Mal, Vetter: ich biet dir die Hand.
+Justus+
Ich verbitte mir deine -- bestechenden Gesten!
+Christian+
(sich reckend)
Nun, dann Kampf! Hüt dich! Ich bin bereit.
+Justus+
Sehr gnädig. Im Namen des Gesetzes: ich verhafte dich, Christian Wach. (_Die Tür öffnend_) Wenn’s gefällig, du hast den Vortritt -- (_sie schreiten beide langsam hinaus_) -- --
+Anne+
(die Hände faltend, leise)
Herr, erbarme dich seiner Seele -- --
(Vorhang)
Zweiter Akt
+Christian Wach+
(an die Stuhllehne rechts des Tisches gestützt, zu dem Porträt hinaufstarrend)
-- -- Jawohl, du hast dich in mir verrechnet -- von jeher, du Vampyr -- du zwingst mich nicht. (_Sich die Hand auf den Kopf legend, schwer lächelnd_) Hier diesen Geheimschrank öffnet keiner; jetzt weiß ich’s endlich, kein Mensch bezwingt mich. (_Es klopft an die Tür, und Anne tritt ein, bringt einen bunten Asternstrauß_) -- -- Also soll’s wieder losgehn mit der Verschwendung, du unverbesserliche Person?
+Anne+
(die Vase mit dem Strauß auf den Tisch stellend)
Ja, das hab ich mir gestern Abend schon vorgenommen, als Sie heimkamen aus der -- der --
+Christian+
Untersuchungshaft meinst du; sag’s nur getrost.
+Anne+
Nein, solch häßlich Wort, das paßt heut nit; aus der Prüfungszeit wollt ich sagen.
+Christian+
Und siehst mich dabei schon wieder an, als müßt ich dem Himmel dafür auf den Knieen danken.
+Anne+
War’s nicht auch eine Segenszeit? Als Sie hinein mußten, blühten die Rosen; mögen die Herbstblumen noch mehr Segen bringen!
+Christian+
Du sollst mich nicht so ansehn, Anne. (_Sich an den Tisch setzend, wie erschöpft_) Aber lieb ist dein Strauß; und diesmal ohne Dornen.
+Anne+
Geb’s Gott, Herr Christian, geb’s Gott! Aber Sie schauen nit dornlos drein; Sie müssen jetzt wieder zu Kräften kommen. Gelt, ich darf Ihnen etwas Stärkendes bringen; ein Gläschen Wein! das macht Appetit!
+Christian+
Wein --? Kein Tropfen kommt mir ins Haus!
+Anne+
Nur ein Gläschen Tokayer; ich hab die Flasch noch.
+Christian+
So -- also für mich -- -- (_nimmt plötzlich ihre Hand_) o Anne, Anne (_und preßt seine Stirn hinein_) --
+Anne+