Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 15
D. D. D. Ja, die hättens Ihnen erst recht gesteckt; den Phidias wenigstens haben sie wegen Gottlosigkeit aus Athen weggegrault, und der Äschylos wurde so kujoniert, daß er ebenfalls ausgewandert ist. Die deutschen Schulmeister sind zwar der gütigen Meinung, daß jeder Spießbürger von Athen ein Zeitgenosse des Perikles war und begeistert in die Tragödie ging; er ging aber hin, weil’s Staatspflicht war, weil ihm das Eintrittsgeld ausgezahlt wurde, weil er den berühmten Obolus krigte, durch den ein paar raffinierte Patrizier die primitive Kirmeßbühne zur sozialpolitischen Anstalt entwickelten. Begeistert war man vielleicht für den Chortanz, für die bachantische Satyrposse, für die religiösen Prozessionen, und was sonst noch an festlichem Schaugepränge mit dem Drama seit Alters zusammenhing. Begeistert war man für alle Gymnastik, wie mans heute für Zirkus und Variété ist, oder in Spanien fürs Stiergefecht. Das Volk begeistert sich immer blos für ~panis et circenses~ von selbst; das war im antiken Athen und Rom ganz wie im modernen Paris und Madrid. Die Plebs will sich einfach delektieren; zwar möglichst variabel, doch immer simpel. Das Erhabene, wenn es nicht altersgrau war, beschmiß der athenische Bildungspöbel mit genau solchem kritischen Schnodderwitz, wie heute der berlinische; Beweis die Aristophanische Posse, die diesen Witz mit genialer Selbstironie in die poetische Sphäre erhob. Die Kunst des geläuterten Menschengeistes, die sich aus instinktiven Konflikten zu ästhetischen Harmonieen hinaufringt, liegt ursprünglich stets nur im Bedürfnis komplizierter Persönlichkeiten, schon dem Wesen der Motive nach; sie wird überall erst durch die Liebhaber dem Volksgeschmack allmählich vermittelt, und mit gründlichem Erfolg nur dann, wenn die Vermittler zur herrschenden Klasse gehören oder sonstwie in Amt und Würden sitzen, z. B. auf dem Schulmeisterthron. An Ihrer Judith hat sichs ja deutlich gezeigt; wer sieht denn da heute das geistige Pathos hinter der sinnlichen Attitüde? Selbst der gebildete Durchschnittskenner hat einstweilen noch keine leise Ahnung von dem allgemein menschlichen Wert dieser Geste; er besieht sich den naturalistischen Akt.
D. J. M. Ist mir ja ungemein schmeichelhaft alles; aber eigentlich muß ich ehrlich bekennen, ich hatte selber noch keine Ahnung davon. Ich denke beim Malen an nichts Allgemeines, ich will immer was ganz Besonderes machen. Sie sehn doch, ich zeichne hier Ihre Visage, und Sie reden das Blaue vom Himmel herunter. Kommt mir ja alles sehr gottvoll vor, und mein sogenannter Menschengeist denkt sich ja auch allerlei dabei; aber bilden Sie sich nun faktisch ein, davon soll was auf Ihr Porträt abfärben? Ich sage Ihnen, +die+ Sorte Geist hat mir noch keinen Bleistiftstrich machen helfen!
D. D. D. Sie scheinen das sehr genau zu wissen. Aber Ihre Kohlenskizze da würde doch vielleicht etwas anders ausfallen, wenn ich hier stumm wie ein Fakir säße oder tragische Verse deklamierte.
D. J. M. Alles was recht ist: Sie döppen mich wirklich gut.
D. D. D. Man weiß nämlich nachträglich nie so genau, was man bei jedem Bleistiftstrich denkt. Ich habe Sie übrigens im Verdacht, Sie legen’s drauf an, sich döppen zu lassen; dann wäre also +Ich+ der Gedöppte.
D. J. M. Ja, eigentlich gehts ja auf keine Kuhhaut, was einem beim Malen so durch den Grips geht. Ich hab’s auch wahrhaftig schon immer gesagt: ich pfeiff aufs Geschäft, ich bin Idealist!
D. D. D. Das ist wohl schließlich jeder Künstler, und sogar jeder echte Kunsthandwerker, auch wenn er nicht so laut pfeifen kann. Und das allein schon beweist zur Genüge, wie wenig im Grunde das Talent mit einer bestimmten Rasse zu tun hat. Der Rasseninstinkt, wenn er ehrlich ist, hat ja nicht das mindeste Interesse an irgend einem Ideal, das über die Reinrassigkeit hinausgeht; das ist ihm ja gradezu gefährlich. Selbst schon das nationale Ideal, das sich vielleicht noch am ehesten auf primitive Instinkte stützt, muß seinem politischen Wesen nach von Hause aus darauf bedacht sein, sich mit +mehreren+ Rassen abzufinden; denn es gibt kein einziges Staatsgebilde, dessen Volkskörper nicht aus wenigstens zwei verschiedenen Stammvölkern aufgebaut ist, aus Eroberern und Unterworfenen. Und nun gar die humaneren Ideale; die entstehen doch eben aus der Sehnsucht, uns über die rohen Zwangsgewalten der Naturinstinkte hinwegzusetzen, und diese Sehnsucht stak schon im simpelsten Schnörkel, mit dem der Urmensch an seinem Beilgriff oder am Rand seines Trinkgefäßes den Zweck der Notdurft verkleidete. Wenn man also unsern höchsten Kulturprodukten wirklich noch Rassenelemente als Formkräfte unterlegen wollte, dann könnten es immer nur Mischungsverhältnisse sein, die grade den harmonischen Stil in die originale Manier hineinbrächten. Denn nur aus vielfachen Blutmischungen ließe sich allenfalls die Zeugung jener komplizierten Temperamente erklären, die überhaupt das Bedürfnis empfinden, die Dissonanzen, Kontraste und Konflikte ihres persönlichen Seelenlebens um der Menschheit willen zu harmonisieren. Das gilt sogar von dem populärsten, dem ökonomischen Idealismus, den man heute speziell den sozialen nennt; auch dessen Formen und Reformen sind ursprünglich immer nur Hirngespinnste von einigen wenigen Menschenfreunden, die das Volk bekanntlich zu kreuzigen pflegt, bevor es sie vergöttern lernt. Und wer hat denn die nationale Idee, die von Bismarcks Gnaden realisiert und dann von seinen Kreaturen zur patriotischen Phrase verpöbelt wurde, dem deutschen Michel eingetrichtert? Etliche edle Brauseköpfe des europäischen Völkerfrühlings, ein paar Poeten, Philosophen und Legislatoren, durch den Tyrannen Bonaparte zu glühender Freiheitsliebe erregt, die von den hohen Obrigkeiten so rasch wie möglich abgekühlt wurde, während der sogenannte Volksgeist von selber kalte Füße krigte! Lesen Sie nur nach, wie die Kleist und Arndt, die Fichte und Schleiermacher, die Jahn und Görres ihre Hoffnungen auf Deutschland zu Grabe trugen, wie die Scharnhorst und Gneisenau Undank ernteten, wie selbst der Freiherr vom Stein und Blücher um den Sinn ihrer Taten betrogen wurden! Oder wenn Sie noch mehr Beweise wünschen --
D. J. M. Nein, Gott soll schützen, ich schwitze schon! -- Und überhaupt: ich bin nämlich fertig. Die Skizze ist wirklich gut geworden. Wenn Sie erlauben, möcht ich jetzt einpacken.
D. D. D. Na, darf man sie denn nicht erst mal sehen?
D. J. M. Ja, wenn sie fertig ist, wissen Sie! Ich wollte blos sagen: für heut bin ich fertig. Wenn Sie wieder mal herkommen, mach ich sie weiter. Sie ist wirklich nicht schlecht; Sie können mirs glauben! -- Na, wenns sein muß: bitte, treten Sie näher! --
D. D. D..... Da scheint unsre Disputation aber doch etwas heftig abgefärbt zu haben. Ich sehe ja aus wie’n Federvieh, das Ihr Teckel zwischen den Zähnen gehabt hat. Aber ich sag’s ja: schließlich bin +Ich+ der Gedöppte.
D. J. M. Ja, nicht wahr? da merkt selbst ’n Kaffer die Rassenmischung! -- Man kann’s auch von weiter weg besehn. „Is ’ne Nummer“, wie sie im Zirkus sagen; der reine „Kraftmélange-Akt“!
D. D. D. Mir deucht aber: mehr Mélange als Kraft. Sie wollen’s wohl in den Papierkorb packen?
D. J. M. Was? Wieso denn? Sie sind wohl nicht von hier, mein Herr?! Das verkauf ich an irgend ein Museum! Sie sollen mal sehn, Sie deutscher Dichter: wenn Sie erst in der Nationalgalerie hängen!
D. D. D. Nein, im Ernst: die Skizze scheint mir wirklich mißglückt. Sie haben zuviel an mein Geschwätz gedacht.
D. J. M. Ach ja richtig, Sie sind ja nicht fürs Nationale. Und nun denken Sie einfach, ich mache Spaß, weil Sie meinen, ich sei ein Franzosenschüler!
D. D. D. So einfach pflege ich nicht zu denken.
D. J. M. Na, oder ein allgemein menschlicher Jude! Ich habe doch ziemlich deutlich gehört, daß Sie aufs Nationale pfeifen.
D. D. D. Da haben Sie ziemlich vorbeigehört.
D. J. M. Nanu? Sie haben doch deutlich gesagt --
D. D. D. daß die Nation keine Kunst erzeugt. Damit ist doch aber durchaus nicht geleugnet, daß die Kunst nationalen Charakter annehmen kann. Selbst der weiseste Künstler bleibt der Narr seines Mitgefühls.
D. J. M. +Die+ Logik ist mir etwas zu kringlig.
D. D. D. Nun, es ist doch dieselbe Leidenschaft, dieselbe schöpferische Begierde, derselbe göttliche Sinn oder Wahnsinn, woher die Menschennatur kulturelle Ideen und die Volksmasse nationale Tendenzen empfängt, überhaupt alle irgendwie universalen Illusionen und Phantasmen. Es ist immer wieder die ewig gleiche, Ungleiches einende Einbildungskraft, die auch im Kunstwerk dem Einzelwesen harmonischen Allgemeinwert verleiht; nur die Intressensphären liegen verschieden. Warum sollten sich die aber nicht berühren können und unter Umständen miteinander verbinden? Vielleicht ist sogar zu gewissen Zeiten die eine der andern Nothelferin. Wenigstens zeigt die Geschichte der Menschheit, daß immer, wenn in den rührigsten Völkern neue humane Ideale entstehen, daß dann zugleich auch die nationalen am ungestümsten aufbegehren; womit ich natürlich nicht sagen will, daß das nun ewig so bleiben muß.
D. J. M. Und da denken Sie also, die beiden Aale verwickeln sich so mit den Schwänzen zusammen, daß der Mensch die göttliche Sehnsucht krigt, einen einzigen Aal draus zu phantasieren?
D. D. D. Nein, so verwickelt denken wahrscheinlich blos Bandwürmer.
D. J. M. Na, wovon krigt man denn aber den dollen Gieper auf so’was allgemein Göttliches? Irgendwovon muß der doch kommen!
D. D. D. Ja, da müßten Sie mir schon wirklich erlauben „das Blaue vom Himmel herunter zu reden“. Von der Rasse kann doch wohl lediglich der Gieper auf allgemein Tierisches kommen; und von irgend sonstwelchen Formationen der irdischen Materie, ob’s nun klimatische Ortsumstände oder soziale Zeitumstände sind, werden Sie diese ewige Sehnsucht nach harmonischer Umformung der Natur erst recht nicht hinreichend ableiten können. Wenn sich die überhaupt noch logisch ergründen und mechanisch begreifen läßt, dann müssen wir schon den mystischen Äther der Herren Physiker psychisch ausdeuten: unsre Abstammung von der Sonnenmaterie, die rhythmodynamische Struktur der kosmischen Centralsysteme, die sogenannte Harmonie der Sphären, den Einfluß der schwingenden Sternenwelten auf unser eigenes kleines Gestirn, all die bewegten siderischen und planetarischen Konstellationen, die bis in den Erdball hinein vibrieren und sich als wechselnde Innervationspotenzen, als beseelende und begeisternde Kräfte, den Erdbewohnern einverleiben. Oder halten Sie’s etwa für Aberglauben, daß immer, wenn sich die Menschenwelt zu erhabenen Kraftanstrengungen aufrafft, zu Völkerwanderungen, Staatsumwälzungen, Befreiungskriegen, Entdeckungsfahrten, Glaubenskämpfen und andern Kulturekstasen, daß dann immer zugleich auch in der Naturwelt gewaltige Katastrophen ausbrechen, Erdbeben, Springfluten, Wirbelstürme, Heuschreckenschwärme, mikrobische Epidemieen, vulkanische Eruptionen und dergleichen, begleitet von seltsamen Himmelserscheinungen, ungewöhnlichen Meteoren, Kometen, Nordlichtern, Sonnenfinsternissen?!
D. J. M. Da’s faktisch so ist, wird’s wohl so sein. Es rumort ja auch jetzt wieder allenthalben.
D. D. D. Und also wird sich wohl auch kein Künstler, selbst wenn er’s mit stärkstem Eigensinn wollte, den jeweils zeitbewegenden Kräften, die sich als Ideale äußern, entziehen oder verschließen können. Und wenn in unserer ebenso stark nationalen wie internationalen Epoche ein schöpferischer Geist auf dem norddeutschen Weltteil mit seiner reichsdeutschen Staatsbürgerhand allgemein-menschliche Werte malt, und zwar aus rein malerischer Lust zur Sache: dann ist er nicht blos ein wertvoller Maler, sondern zugleich, auch wenn er ein Jude ist und in Paris auf die Schule ging, einer der reinsten deutschen Künstler, die sich je in der Nationalgalerie aufhängen ließen.
+Der Jüdische Maler+: Na sehn Sie, das freut mich! Und offen gesagt: das hab ich von Ihnen blos hören wollen!
+Der Deutsche Dichter+: Oh meine Ahnung! Ich Michel! Sie Schurke! -- Das soll wohl heißen, der Mohr kann gehen?!
+Der Maler+: Blos, er muß versprechen wiederzukommen! Und das nächste Mal, da mal’ich ihn +besser+.
+Der Dichter+: Und ich singe ein Loblied aufs Rassige...
Die Menschenfreunde
Drama in drei Akten
Zweite Ausgabe
Copyright 1917 +S. Fischer+, Verlag.
Personen:
+Christian Wach+, ein Multimillionär. +Justus Wach+, sein Vetter, Kriminalkommissar. +Die alte Anne+, Wirtschafterin bei Christian. +Ein Geheimer Sanitätsrat.+ +Ein Oberbürgermeister.+ +Ein Oberregierungsrat.+ +Ein Regierungspräsident.+ +Ein Minister.+
+Alle+ männlichen Personen treten in schwarzem Gehrock auf, die Wirtschafterin in schwarz-und-weißer Schwesterntracht. Der Dialog hat +langsames Tempo+.
Zeit:
Sommer, Herbst, Winter 1913, alle drei Akte vormittags.
Ort:
Empfangszimmer bei Christian Wach.
Sehr einfach ausgestattet, fast dürftig, mit altmodischen Möbeln. Nirgends Spiegel noch Bilder; nur in der Mitte der Hintergrundswand, über einem halbhohen Bücherbord, hängt das Porträt einer älteren Dame mit hageren Zügen und auffälligen Augen, lebensgroße verblaßte Photographie. Links im Hintergrund Eingangstür, vorn ein schlichter Kamin mit Standuhr. In der Seitenwand rechts ein Fenster mit verschossenen Vorhängen; daneben ein Lehnstuhl aus dunklem Korbgeflecht und ein kleiner Lesetisch. In der Mitte des Zimmers ein größerer runder Tisch mit drei Stühlen aus dunklem Holz. Rechts und links immer vom Zuschauer aus.
Erster Akt
+Christian Wach+
(sitzt lesend am Fenster, von der Vormittagssonne beglänzt)
-- -- Also auch der Galneggy hat seine Milliarde mit Menschenschinderei erworben -- eh er Millionen verschenken konnte -- (_nickt vor sich hin und klappt das Buch zu_) -- schauerlich! -- --
+Die alte Anne+
(tritt ins Zimmer, einen hellroten Rosenstrauß in der einen Hand, in der andern eine weiße Serviette und schlichte blaue Glasvase)
So, Herr Christian, wenn Sie auch schelten, ich gratuliere zum fünfzigsten Geburtstag. Kostet nur dreißig Penning bitte; der ganze Markt war voll Bauernrosen, ich konnt der Sommerfreude nit widerstehn, und dem erquickenden Geruch. (_Sie legt die Serviette auf den Tisch, setzt die Vase mit dem Strauß darauf._) Nun machen Sie mal ein helles Gesicht, wie sich’s gehört zu den schönen Blumen und dem Geburtstagssonnenschein!
+Christian+
(ist aufgestanden und hat das Buch in den Wandbord gestellt)
Ich danke dir, Anne, du meinst es gut; aber du weißt, mich peinigt solche Verschwendung. Für die dreißig Pfennige hättest du besser einem Bettelkind etwas zu essen gekauft.
+Anne+
Ja, das hätt sich wohl mehr gefreut als Sie. Ach, Herr Christian, geb Ihnen Gott ein bißchen Kindersinn zurück! Dann würden Sie bald auch wieder gesund werden.
+Christian+
(unruhig hin und her, Kopf gesenkt, Hände auf dem Rücken, in der Erregtheit zuweilen stotternd, aber stets mit Zurückhaltung)
Lala-laß das Gerede, ich bin nicht krank; ich spüre blos, daß ich alt werde.
+Anne+
Weil Sie nicht auf mich hören, Sie junger Mann. Mich drücken meine Jahre nicht; und könnt doch fast Ihre Mutter sein, mit meinen beinah sechsundsechzig. Nehmen Sie sich ein Kind ins Haus, wenn Sie durchaus keine Frau nehmen wollen!
+Christian+
Bist doch auch ledig geblieben, alte Anne.
+Anne+
Ich -- was wissen denn Sie davon? Blos daß mich leider keiner heiraten wollt, mit meinem Huckepack auf’m Rücken; da hab ich halt Kinder und Kranke gepflegt.
+Christian+
Dein Rücken ist nicht viel krummer als meiner. Was siehst du mich wieder so auffällig an?!
+Anne+
Ja, nehm Ihnen Gott Ihren Huckepack von der +Seele+ --
+Christian+
(heftig)
Lala-laß mich in Ruhe mit deinem Gott! (_sich bezwingend_) sein Reich ist nicht von dieser Welt. -- (_Nach dem Porträt hinüberdeutend_) Geh, stell den Strauß da auf den Sims.
+Anne+
Was! meine Rosen da unter das Bild?
+Christian+
Geh, tu mir die Liebe, ich bitte dich.
+Anne+
Neun Jahre liegt sie nun unter der Erde, und immer noch spukt sie Ihnen im Hirn, als hätten Sie Angst vor ihrem geizigen Blick. Das ist ja Narrheit, Herr Christian!
+Christian+
Nein, das ist Dankbarkeit, Anne, versteh doch! Du weißt, ich habe seit Tante Brigittens T-Tod über das menschliche Elend nachdenken lernen; und wenn ich nun die v-vielen Millionen, die sie mir hinterlassen hat, nicht grade in ihrem sparsamen Sinne verwende.
+Anne+
Gott sei Dank --
+Christian+
dann muß ich ihr doch tatsächlich im stillen gewissermaßen Abbitte leisten; sozusagen als ihr Scha-Schuldiger, wie’s im Vahaha-haterunser heißt.
+Anne+
Spotten Sie nicht, Herr Christian! Und meinen Rosenstrauß stell ich +nicht+ da hinüber. Hab ihn auch garnit blos Ihnen zulieb gekauft. Wenn nachher die Herrn gratulieren kommen
+Christian+
Was soll das heißen! ich hab dir ausdrücklich gesagt, daß du niemand vorlassen sollst!
+Anne+
Doch nur die Herren von der Regierung; die kann man doch nit vor den Kopf stoßen. Und dann muß es hier doch ein bißchen freundlich aussehn. Auch ein Fläschchen Tokayer hab ich noch mitgebracht; man muß doch ein Gläschen Wein anbieten.
+Christian+
(mit dem Fuß aufstampfend)
Du wirst mich w-wirklich noch krank machen, Anne! Du trägst die Faffa-Falasche zum Krämer zurück! (_Da Anne Miene zum Widerspruch macht_) Du trägst sie zurück! ich will’s, sag ich dir!
+Anne+
Wenn ich Sie damit beruhigen kann --?
+Christian+
(wieder durchs Zimmer wandernd)
Wenn ich mir selber keinen W-Wein spendiere, bin ich dem Bürgermeister auch keinen schuldig! -- Kannst die Flasche aber für +Dich+ dabehalten. Hast wenig genug vom Leben bei mir.
+Anne+
Ihr gutes Herz in Ehren, Herr Christian; ich hab noch nichts entbehrt bei Ihnen. Aber trotz all Ihrer Wohltätigkeit: manchmal scheint’s fast, die selige Tante hat Ihnen auch was von ihrem Geiz vererbt.
+Christian+
Scheint’s fast? Ha-hat sie? Was scheint dir denn sonst noch?
+Anne+
Wenn ich denk, wie Sie früher mitteilsam waren! Der Herr Sanitätsrat ist auch der Meinung: wenn Sie ab und zu ein Gläschen sich gönnen wollten, das würd Sie wieder umgänglich machen. (_Auf die Bibliothek weisend_) Ihre Bücher machen Sie blos immer menschenscheuer; Sie sprechen ja manchmal Tagelang kein überflüssiges Wörtchen mehr.
+Christian+
Also meine einzige Freude gönnst du mir nicht; die l-letzte, die ich mir noch erlaube!
+Anne+
Aber nein, wie Sie reden -- ich mein doch blos: Sie holen sich +keine+ Freude draus. Über Büchern läßt man den Kopf hängen; man holt sich blos seine eignen Grillen draus.
+Christian+
(wieder aufstampfend)
Schweig! -- Schweig, sag’ ich dir, ich hab genug! -- Ich hab mir das l-l-längst schon selber gesagt; ich werde morgen die Bücher verkaufen.
+Anne+
Aber liebster bester Herr Christian!
+Christian+
Ich +werd’s+, sag ich dir!
+Anne+
Jaja doch, gewiß doch. Aber bitte, lieber Herr Christian, quälen Sie nicht mich dumme Person; nehmen Sie mir zuliebe Ruh an! Kommen Sie, setzen Sie sich in den Lehnstuhl; rennen Sie nicht so herum immerfort. Glauben Sie mir, ich kenn Ihre Nerven; wozu war ich denn Krankenschwester.
+Christian+
Du sollst mich nicht so a-ansehn, Anne!
+Anne+
Kommen Sie, sein Sie nit so verbiestert -- der Herr Sanitätsrat hält’s auch nit für gut -- (_nötigt ihn währenddem in den Korbstuhl_). So, jetzt hole ich Ihnen ein Buch -- (_draußen elektrisches Klingelzeichen_). O schad, da sind die Herren wohl schon -- nehmen Sie Ruh an, Herr Christian -- (_ab nach links_) --
+Christian+
(allein)
-- -- Schauerliche Komödie -- --
+Anne+
(läßt zwei Herren eintreten)
Bitte, Herr Oberbürgermeister -- bitte, Herr Oberregierungsrat -- (_dann wieder ab._)
+Christian Wach+
(hat sich erhoben, weist auf die Stühle am Mitteltisch)
Willkommen, meine Herren, nehmen Sie Platz; was verschafft mir die ungewöhnliche Ehre?
+Bürgermeister+
(stehen bleibend)
Die Ehre liegt ganz auf unserer Seite, verehrter Herr Kommerzienrat.
+Regierungsrat+
(ebenso)
Heute tatsächlich auf unsrer Seite; tatsächlich, Herr Kommerzienrat.
+Bürgermeister+
Ich habe den angenehmen Auftrag, Ihnen im Namen der Bürgerschaft und der übergeordneten Ratspersonen die ergebensten aufrichtigsten Glückwünsche zu Ihrem fünfzigsten Jahrestag auszusprechen. In der festen Hoffnung, daß es Ihnen, hochzuverehrender Herr Kommerzienrat, noch Jahrzehnte lang beschieden sein werde, Ihre gemeinnützige Gesinnung mit unverminderter Kraft zu betätigen, und um die Dankbarkeit öffentlich kundzutun, mit der wir zu dem selbstlosen Menschenfreund aufblicken (_Christian Wach zuckt merklich zusammen, stützt sich auf die Stuhllehne rechts des Tisches_) -- zu dem Stifter sovieler Wohlfahrts- und Bildungs-Anstalten --: haben wir einstimmig beschlossen, Sie am heutigen Tage zum Ehrenbürger unserer Haupt- und Residenzstadt zu ernennen. In Rücksicht aber auf Ihre bekannte Abneigung gegen persönliche Celebrationen, glaubten wir Abstand nehmen zu sollen von den üblichen Förmlichkeiten, und ich erlaube mir deshalb, die Ernennungsurkunde hiermit in denkbar einfachster Form zu Ihren Händen gelangen zu lassen. (_Er überreicht ihm eine Rolle und schüttelt ihm gewichtig die Rechte._)
+Regierungsrat+
Im Namen nicht nur der Regierungsorgane, sondern auch Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs, darf ich Sie, Herr Kommerzienrat, als Erster zu dieser Ernennung beglückwünschen. Seine Königliche Hoheit haben zugleich geruht, Ihnen in Anerkennung Ihrer Verdienste um das allgemeine Wohl den Kronenorden der obersten Klasse mit der Kette zu verleihen. Sie wissen, wieviel Aufmerksamkeit unser gnädiger Herr den sozialen Bestrebungen widmet, und daß es mehr als eine Förmlichkeit ist, wenn jemand in unserem Staatswesen einen solchen Ansporn zu weiterer Betätigung seiner Menschenfreundlichkeit empfängt. (_Er überreicht ihm ein Kästchen und verneigt sich._)
+Christian Wach+
Meine Herren, ich danke untertänigst. Ich fühle mich in Wahrheit beschämt und b-bitte es als einen Beweis meiner Ergriffenheit anzusehen, wenn ich diese hu-hu-huldvollen Ehrenzeichen vor dem Bilde derjenigen Person niederlege, auf deren wirtschaftliche Tüchtigkeit ich meine sogenannten Verdienste zurückführen muß -- (_er legt beides auf den Bücherbord unter das Porträt_). M-M-Menschenfreunde sind wir wohl alle nur, soweit es unsre Selbstsucht zuläßt; und was bedeutet ein bißchen Wohltäterei in der ungeheuren W-Wüste des menschlichen Elends! Sie hat höchstens den Wert eines Grashälmchens, an das sich die Hoffnung klammern kann, daß +mehr+ Haha-Halme nachwachsen werden.
+Regierungsrat+
Also ein vorbildlicher Wert, der immer weiter und höher zunehmen kann, und somit der höchsten Beachtung aller Strebsamen würdig.
+Christian Wach+
(sich wieder auf die Stuhllehne stützend)
Ich verstehe, Herr Oberregierungsrat -- und das wird mir ein Ansporn, wie Sie gütigst sagten, zu weiterer Betä-tä-tätigung sein; obgleich die unverminderte Kraft, von der Sie, Herr Oberbürgermeister, mit Ihrer bekannten Freundlichkeit sprachen, leider an die selbstsüchtigen Schranken meiner angegriffenen N-N-Nerven gebunden ist. Bitte, wollen wir uns nicht setzen?
+Bürgermeister+
In Rücksicht auf Ihre werte Gesundheit möchte ich meinerseits vorziehen, mich jetzt ergebenst zu empfehlen; nicht ohne dem herzlichen Wunsche Ausdruck zu geben, daß es Ihnen bald wieder vergönnt sein möge, an den geselligen Freuden Ihrer Mitbürger einigermaßen teilzunehmen. Ich habe im Anschluß an die Sitzung, in der wir Ihre Ehrung beschlossen, die Gelegenheit wahrgenommen, einen neuen Verein zu gründen, der alle wohlgesinnten Elemente unserer strebsamen Landeshauptstadt allmählich konsolidieren soll: die Gesellschaft der Menschenfreunde! Ich gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie, verehrter Herr Ehrenbürger, demnächst als Mitglied begrüßen zu dürfen.
+Christian Wach+
Außerordentlich schmeichelhaft. Aber verzeihen Herr Oberbürgermeister: meine N-Nerven erlauben mir wirklich nicht, an solchen m-menschenfreundlichen Sitzungen mit der nötigen Ausdauer teilzunehmen.
+Bürgermeister+