Gesammelte Werke in drei Bänden (3/3)
Part 11
+Das+ ist der ideale Punkt, dem jeder Künstler in seinen Gebilden zustrebt, und zu dem er schließlich auch die hinbildet, die er bezaubert durch dies Streben, durch diese liebreiche Anziehungskraft. Das ist es auch, was Goethe meinte, als er seinen Prometheus sagen ließ: „Hier sitz ich, forme +Menschen+! ein Geschlecht, das +mir gleich+ sei!“ Und nach diesem weltumformenden Lebenszweck, ob er nun göttlich oder übermenschlich oder allgemein-menschlich genannt wird, mögen alle die unter meinen Hörern, denen der sogenannte rein künstlerische Genuß keine genügende Belohnung für die Anstrengung des Zuhörens ist, auch in meinen Dichtungen fahnden.
Der Olympier Goethe
Ein Protest
Eine öffentliche Gesellschaft von allerlei strebsamen Bürgersleuten hatte mich einmal eingeladen, Gedichte von Goethe zu deklamieren. Seit langer Zeit zum ersten Mal wieder las ich nun seine lyrischen Werke von A bis Z und der Reihe nach durch, um die heute noch lebensvollsten, menschlich wirksamsten Gedichte für den Vortrag auszuwählen, also absehend von artistischer und literarhistorischer Feinschmeckerei, und da erlebte ich eine Überraschung. Ich fand einen wesentlich anderen Goethe, als ich ihn in der Vorstellung trug, und als er wahrscheinlich vielen Deutschen von der Schulbank her vorschweben wird.
Das Bild des weisen Herrn Geheimrats, des harmonischen Olympiers, das der pädagogische Biedersinn unsrer meisten Literaturprofessoren von ihm hergerichtet hat, versank vor mir in einem chaotischen Nebelbrodem von Schmerzen, Leidenschaften und Zweifeln, aus denen nicht ein olympischer, sondern -- um im antiken Gleichnis zu bleiben -- ein titanischer Genius einen Kosmos herauszuläutern sucht; oder im Geist unserer Zeit geredet, nicht der Wille eines Ober-Regierungsrates, sondern etwa eines Mienen-Ingenieurs, der sich hinabarbeitet in die Wetterschächte grauenvoller Naturgewalten, hinab zu den unterirdischen „Müttern“, um ihre Kräfte heraufzufördern an das verklärende Tageslicht des väterlichen Heimatbodens, zu den „Gefilden hoher Ahnen.“ Also eine fortwährende Klärungsarbeit der Seele, keine jemals vollkommen erreichte oder gar von Hause aus mitgebrachte sogenannte Abgeklärtheit.
Was jene oberflächliche Meinung über den Vielumfassenden aufkommen ließ, das war sein allzeit schlagfertiger Verstand, der auch das Alltäglichste in Beziehung zur allgemeinen Wohlfahrt zu setzen wußte, seine gesellige Vernunft, die im Leben die Maske des Gleichmuts vor die einsam grübelnde Seele nahm und in der Kunst das ernste Spiel mit heiteren Tändeleien mischte. Das aber hat nicht den großen Dichter gemacht, der alles Menschliche in uns aufschürt und in ein Göttliches umzuschmelzen strebt; ja, es ist fraglich, ob man nicht einst über den artigen und verständigen Goethe, der für jede Gelegenheit ein gescheites Sprüchlein oder zierliches Reimlein in Bereitschaft hatte, ziemlich achselzuckend urteilen wird, sobald wir nämlich endlich einmal der neunmalklugen Redseligkeit unsrer Dreiviertelsbildung entwachsen sind.
Er verstand freilich auch das kleine Veilchen mit allen Würzelchen zu erfassen, und manchmal tut er gar wie der Schmetterling, der unbekümmert von Blume zu Blume gaukelt; aber wo sich sein ganzes Inneres auftut, da quillt die bodenlose Verzweiflung hoch, die mit dem Leben +nicht+ fertig werden kann. Da entstehen die schwankenden Gestalten alle, durch die er sich die dämonische Qual der „zwei Seelen ach in der Brust“ immer wieder vom Herzen zu schaffen sucht, die Werther, Clavigo, Weislingen, Egmont, Tasso, Orest, Wilhelm Meister und Eduard; da entsteht Faust mit seinem Schatten Mephisto, und da auch entstehen als die unmittelbarsten Zeugnisse dieser furchtbaren Zwiespältigkeit seine ergreifendsten Gedichte. Denn, wie er selber es ausgesprochen hat:
Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz: alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz! --
Erst wenn man sich das zu Gemüte führt, erst dann lernt man auch die gewaltige Kunst in diesen Gedichten ganz würdigen, die bindende Kraft, die den wirbelnden Stoff einer so widerspruchsvollen Gefühlswelt so knapp zusammenzuordnen vermochte. Es ist manchmal, als müßte all diese Wortschönheit sich selbst von innen heraus zersprengen, wenn man nur erst die erschütternde Fülle ihres geheimsten Sinnes begriffen hat, so z. B. den grausigen Todesschauder in Mignons scheinbar seliger Sehnsucht nach dem „Land, wo die Zitronen blühn“ (letzte Strophe) -- oder den wilden Galgenhumor in dem lehrhaft tuenden Trinklied „~Vanitatum Vanitas~“; wer ein solches Gedicht noch mit fast 60 Jahren schreibt, der ist weit entfernt vom olympischen Ruhekissen.
Kurz gesagt: es heißt Goethe +verkleinern+, wenn man ihn als Olympier anspricht. Soweit er wirklich olympische Anlagen hatte, war er weder ein Zeus noch ein Apoll; dazu mangelte ihm vor allem andern die unerschütterliche Hartherzigkeit dieser antiken Ideale. Nicht einmal ein Dionysos war er in seinen unbekümmerten Stimmungsstunden, sondern höchstens ein Ganymed oder Hermes, ein Spender der Anmut und Lebensklugheit, und mehr im römischen als im griechischen Sinne, wie er selbst einmal zu Herrn Eckermann sagte.
Aber wodurch er uns groß erscheint, so groß, daß wir ihn mehr bewundern oder doch sicherlich mehr lieben als seine vielfachen Vorbilder, das sind nicht diese Eigenschaften. Das ist sein ruhelos ringendes Doppelwesen, kraft dessen er selber ein Vorbild wurde, ein Vorbild für jede Übergangszeit, d. h. für jede ursprüngliche, neue Werte entdeckende Zeit: seine unerschöpfliche „Werdelust“, die sich mit prometheischer Inbrunst und paracelsischer Phantasie in alle leidvollen Anfangsgründe einer neu aufstrebenden Menschheit versenkte, weil sie herstammte aus dem Überdruß einer vollkommen vollendeten, abgetanen Freudenzeit.
Das altersmüde Rokoko hatte mit letzter mildester Grazie seine Jugendtage umspielt; und nun sucht er sein ganzes Leben lang einen Abglanz dieser verrauschten Schönheit über den brodelnden Aufbegehr der jungen Zukunft auszubreiten. Sie war ihm kein spielerischer Selbstzweck mehr, diese Klangschönheit seiner stärksten Gedichte; sie war eine zuchtvolle Notwendigkeit, um der verwirrend neuen Gefühlsgewalten überhaupt Herr werden zu können.
Und das auch wars, was ihn zur Antike zog, obwohl es ihm damals schon und mehr noch heute von manchem ehrlichen Deutschtümler nicht ohne Grund verdacht ward und wird. Auch die Griechen hatten die Schönheit +nötig+; ihre ganze höchste Kunst und Dichtung, bis zu den alten Mythen zurück, ist fort und fort auf das Eine bedacht, die dämonischen Kräfte zu bändigen, die im Blut dieses seltsamen Volkes spukten, die lapithischen und kentaurischen, mänadischen und hekatischen Triebe, die von Natur aus in ihnen staken und mit barbarischer Brutalität die mühsam errungene Kultur immer wieder gefährdeten.
Keiner aber der vielen Gräkomanen, die seit Winckelmann Deutschland überschwemmten, hat mit so schmerzlicher Klarheit wie Goethe erkannt, daß jede Heraufführung neuer Kultur, weil sie alte Kultur untergraben muß, zugleich auch wieder und immer wieder barbarische Instinkte mit aufrührt, und daß grade der deutsche Volkscharakter zu dieser rohen Kehrseite der menschlichen Entwicklungskraft neigt.
Es ist sein höchster und reinster Ruhm, daß er unablässig gegen diese Gefahr, die auch in seinem Charakter lauerte, seinen besten Kunstwillen aufgeboten hat, nicht wie ein ausgelernter Altmeister blos, dem die mancherlei Spiegelfechtereien der poetischen Technik glatt von der Hand gehen, sondern als ein steter Lehrling des Lebens, in oft sehr verzweifelter, manchmal vergeblicher, immer aber „strebend bemühter“ und eben dadurch „erlösender“, für uns alle vorbildlicher Notwehr.
Und deshalb wollen wir ihn nicht länger auf den hinfälligen Götzenthron verstorbener sorgloser Götter setzen, sondern uns der Grabschrift erinnern, die er selbst sich geschrieben hat:
Denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein.
Grabrede auf Liliencron
22. Juli 1909
Liebe Freunde und ihr Mitfühlenden alle! Wir müssen nun Abschied nehmen von diesem Toten, dessen Leben uns unsäglich beglückt hat. Es würde nicht in seinem Geist sein, hier viele Worte darüber zu machen, was wir an ihm verloren haben. Es würde erst recht nicht in seinem Geist sein, hier unsern Schmerz in die Welt zu rufen und einander das Herz noch schwerer zu machen. Wenn er jetzt unter uns treten könnte, er würde sagen: „Kopf hoch, Leute!“ Er würde es sagen, laut oder leise, mit seinem hellen trotzigen Lachen oder mit stillem gütigen Lächeln. Wir Wenigen, die ihm die Nächsten waren, und die wir es anfangs kaum fassen konnten, als er so jäh uns entrissen wurde, Er, dessen Jugendkraft unverwüstlich schien, plötzlich vernichtet durch einen Hauch, durch nichts als einen tückischen Windhauch -- nein, wir können es immer noch nicht fassen. Aber nicht wir Nächsten allein stehen hier um die Grube versammelt, in die seine sichtbare Gestalt jetzt versenkt wird; wir stehen hier mitten in einer Gemeinde, die weit über diesen Friedhof hinausreicht, grenzenlos weit ins Leben hinaus, vereint durch sein unsichtbares Bild, das uns der Tod nicht entreißen kann. An solchem Grab wollen wir nicht trauern, wir wollen unsre Herzen erheben! Wenn wir weinen müssen, ist es nicht blos aus Schmerz; es ist aus überströmender Dankbarkeit, daß wir so Unendliches mitfühlen können. Des Dichters unvergängliches Werk, des Menschen unvergeßliches Wesen: ich weiß nicht, wodurch er uns mehr erhebt. Er war einer von den herrlich Gefügten, deren Leben und Dichten gleich kühn emporsteigt aus ihrer unverbrüchlichen Seele, so vollkommen gleich in freier Schwebe wie der herrliche doppelte Regenbogen, der sich gestern, nachdem wir in seinem Hause den Sarg über ihm geschlossen hatten, über den ganzen Himmel Hamburgs spannte, eine überirdische Ehrenpforte. Der Freiherr von Poggfred, so steht er vor uns, hoch über allem Standes- und Sittenzwang, aber treu jeder selbstgewählten Pflicht bis tiefst hinab ins Selbstlose, in das wir Alle verkettet sind. Helm und Degen liegen auf seinem Sarg; so hat ers verdient, der alte Soldat, der mit Leib wie Seele für uns gekämpft hat, für uns Deutsche und für uns Menschen. Helm und Degen wird er nun immer tragen, und einen unverwelklichen Blumenkranz, wenn er im Geist vor uns aufersteht, nicht mehr nun der alte Soldat, sondern der immer junge Held, der uns entzückt von Kampfplatz zu Kampfplatz führt wie zu einem hinreißenden Tanz. Denn so ist er in Wahrheit durchs Dasein getanzt, noch bis zu seiner letzten Reise, die er mit Weib und Kind unternahm, um den liebsten Menschen, die er hatte, seine geliebten Schlachtfelder zu zeigen. Dort hat ihn der feindliche Lufthauch getroffen, der die tödliche Entzündung entfachte; und dann ist er dem Wink des Todes gefolgt, wie er den Winken des Lebens zu folgen pflegte, rasch dahin, ohne langes Gefackel. Ganz geschlossen ist das Spiel seines Lebens, wunderbar ganz in sich geschlossen, trotz aller Kreuz-und-Querzügigkeit; vollkommen vollendet auch noch sein letztes Gedichtbuch, auf das er den Titel „Gute Nacht“ gesetzt hat, als ob er den Schlaf schon nahen fühlte, auf den er gefaßt war wie Wenige, ohne Furcht vor der ewigen Nacht, ohne Hoffnung auf einen jüngsten Tag, sondern mit reiner ruhiger Ehrfurcht vor der unerfaßlich unerschöpflichen Macht, die uns leben und sterben läßt. Nein, er war nicht blos der kindhafte Spielmann, nicht der harmlose Junker Übermut, der liebenswürdig leichtsinnige, für den ihn Viele gehalten haben, die sich nur an der bunten Oberfläche seiner reichen Einbildungskraft vergnügten, oder die sich ärgerten an der allzeit offenen, zum Geben wie Nehmen offenen Hand des armen Schuldenmachers der Wirklichkeit. Er war auch der Mann der schweren Stunden, der einsamen Fragen und Gedanken, der auf Jesus mit den Worten wies: „Nach Innen sah ich seine Schmerzen weinen.“ Er hat nur deshalb das menschliche Leben in ein launisches Spiel der Natur umgedichtet, weil er den furchtbaren Ernst unsres Lebens aus innerster Erfahrung begriff, weil er sich frei davon machen wollte, frei von der grausigen Notwendigkeit und notwendigen Grausamkeit, vor der sein empfindliches Gewissen immerfort in Entsetzen geriet. Er hat sich ja nicht als Jüngling zum Dichter geschult, sondern als Mann erst, der vom Schicksal geprüft war, der auf Schlachtfeldern und in fremden Ländern die Menschen hatte ringen sehen. Das ist das Wunder an seinem gereiften Geist, daß beides innigst in ihm vereint blieb: der trotzige Jüngling, der unbedenkliche, und der gütige Mann, der nachdenkliche. Daher sein starkes, herzbefreiendes Lachen, das niemals zerrissen geklungen hat, und zu dem sein feines huschendes Lächeln wie ein gedämpftes Echo stimmte. Daher das herzgewinnende Plaudern des mitteilsamen Menschenfreundes, aber zugleich auch der lauschend verschleierte Blick des tief verschwiegenen Menschenkenners. Daher der edelmütige Zauber seiner ganzen Haltung und Zurückhaltung, diese seltsame Liebenswürdigkeit, der niemand sich entziehen konnte, diese unwillkürliche Umgänglichkeit, selbst wo er haßte oder verachtete, diese wohlbedachte Leutseligkeit, der nur seine nächsten Freunde anmerkten, wieviel zarte und harte Menschenscheu sich darunter in einsamer Tiefe verbarg. Und daher auch die Zauberkraft des Dichters, durch die er selbst seine trübsten und leidvollsten Einsamkeiten in helle Lust für uns Alle verwandelt hat, dieser große Unverkümmerte, der uns nun mit seiner verklärten Stirn auch über den Abschiedsschmerz noch hinweghilft, auf seinem Regenbogen dahintanzend über dem irdischen Getümmel. Habe Dank, du wundervolle Seele! Ich höre deine eigenen Worte: „Der Himmel lächelt seinem Sonntagskinde.“ Ruhe nun aus vom Menschenelend, du tapferes, mildes, adliges Herz! --
Naivität und Genie
Spiritistischer Dialog
„Das ist naiv“... Wenn wir das hören, wissen wir nicht ohne weiteres, soll das ein Lob, ein Tadel oder einfach eine Aussage sein. Besonders Künstlern passiert das oft; da ist irgend etwas in ihren Werken, das hält der eine Betrachter für „recht naiv“, der andre für „vollkommen naiv“, wieder ein andrer für „gar zu naiv“, und ein abermals andrer für „nicht naiv genug“. Wenn man dann jeden von ihnen fragt, was er mit diesem beliebten Fremdwort eigentlich habe sagen wollen, erhält man regelmäßig eine Belehrung über das unbewußte Gemüt. Und wenn man hierauf zaghaft bemerkt, daß nach menschlichem Wissen noch kein Gemüt in bewußtlosem Zustand ein Kunstwerk verfertigt habe, auch daß sich über das Unbewußte füglich doch wohl nichts wissen lasse, dann wird man mit neuen Fremdwörtern heimgeschickt. Vornehmlich die Wörter „Instinkt“ und „Genie“ spielen da eine kräftige Rolle; und wenn der Deutsche mit wuchtigster Schlagkraft auf die Tiefe seines Gemüts pochen will, dann spricht er das Wort „Naturgenie“ aus. Bleibt dem Instinkt des erschütterten, teils ganz naiven, teils mehr als naiven, teils nicht ganz naiven Fragestellers anheimgestellt, ob er sich für ein schlechtweg natürliches oder ein etwas übernatürliches oder ein ziemlich unnatürliches Naturgenie ästimieren soll. Denn sein bißchen Talent steht ja außer Zweifel; nur scheint es ein wenig zu kultiviert, sonst würden jene wohlmeinenden Leute doch wohl nicht um seine Natürlichkeit hadern.
Merkwürdigerweise kann aber kein Künstler umhin, sein Talent nach Kräften zu kultivieren; und manches Genie, das mancher Kunstfreund für nicht ganz stark genug erklärt, weil es leider nicht naiv genug sei, ist manchem ebenso klugen Gönner blos leider nicht kultiviert genug. Also kam ich eines Tages auf die Vermutung, daß jenes rätselhafte Fremdwort wohl etwas Andres besagen müsse als den sogenannten genialen Instinkt, diesen angeblich unbewußten Naturtrieb, der doch so sonderbar selbstbewußt auftritt, so eigensinnig in sich befangen; und ich suchte mir auf gut Deutsch zu sagen, was denn „naiv“ klipp und klar bedeute.
Da fiel mir zunächst ein: unbefangen. Dann: unwillkürlich, triebhaft, ursprünglich, urwüchsig, freimütig, unverstellt, ungezwungen. Dann ungekünstelt, ungelehrt, unberechnet, unverdorben, unschuldig, treuherzig, harmlos, bieder, gesund, frisch, lauter, wahrhaftig, schlicht, gemeinverständlich, einfach, einfältig; aber da kam ich schon in die Brüche. Einfältig: das konnte ganz nach Belieben „tumb“ im guten altdeutschen Sinne oder „dumm“ im neudeutschen schlechten bedeuten, konnte kindisch sowohl wie kindlich heißen, unvernünftig wie unvernünftelt. Und freimütig, unverstellt, wahrhaftig: kann das nicht unverschämt und frech, ungeschlacht, grob und plump erscheinen? Unwillkürlich: ist das nicht unter Umständen richtiger unfreiwillig zu nennen, in einem recht lächerlichen Sinne? Unberechnet richtiger unüberlegt, unbesonnen, unbedacht, unverständig? Hat nicht jegliches Tun etwas Triebhaftes, auch die durchtriebenste Künstelei?! Wird nicht gemeinverständlich und schlicht genannt, was oft schlechterdings nur gemeinplätzig ist! Kann das Ungekünstelte nicht das Kunstlose sein, und das Kunstlose das Unkünstlerische! Und der Unverbildete: ist er nicht meistens -- oder der Biedermann wohl stets -- auch ungebildet, ungesittet, ungeschickt, unfein, täppisch, verlegen, also durchaus nicht ungezwungen, sondern eher verbohrt, beschränkt, befangen! etwa was die Franzosen ~bête~ titulieren.
Das alles also, sagte ich mir, kann hinter dem Naiven stecken. Ich war ausgegangen von unbefangen und war bei befangen angelangt; das grenzte doch arg ans bewußte Unbewußte. Ich war naiv genug gewesen, meinen gesunden Menschenverstand zu befragen, und war anscheinend auch noch naiv genug, mich nun von ihm genarrt zu fühlen; ich kam mir ein bißchen als deutscher Michel vor. Natürlich begann mein Instinkt nun erst recht nach der Erkenntnis zu begehren, bis zu welchem Grad ein Genie sich erlauben darf, naiv zu sein oder aber zu bleiben; denn es könnte ihm ja der Kulturberuf obliegen, oder vielleicht sogar der Naturberuf, sich selber gewisse Naivitäten um des menschlichen Selbstbewußtseins willen vernünftigerweise abzugewöhnen. Und da ich mich trotzdem, wie gesagt, von meiner bewußten Vernunft genasführt fühlte, so mußte ich wohl oder übel nun doch versuchen, das Unbewußte zu Rate zu ziehen.
Also beschloß ich, auf spiritistischem Wege ein von der kultivierten Menschheit offiziell als naiv anerkanntes Genie aus der Geisterwelt herbei zu zitieren, sei es nun aus der Unterwelt oder aus einer Überwelt. Am liebsten hätte ich selbstverständlich den Vater Homer heraufbeschworen; aber der war schon so lange tot, daß womöglich auch sein Geist nicht mehr lebte oder sich schon in irgendeine unerreichbare Welt verflüchtigt hatte. Wer blieb da übrig als der Altmeister Goethe, der von sämtlichen deutschen Professoren als das Non-plus-ultra moderner Naivität wie klassischer Kultur deklariert war, überhaupt als ein Muster an Harmonie; bei Shakespear war die schon zweifelhaft. Also ließ ich mir den Geist Goethe kommen.
Es ist das bei weitem nicht so schwierig, wie man gemeinhin zu meinen geneigt ist. Man braucht nur ein gewisses Wissen von einem solchen Geist zu besitzen, wenigstens dem Namen nach, dann ist man bereits besessen von ihm; man braucht dann dies Wissen nur zu vergessen, d. h. das Bewußtsein dieses Wissens, sodaß nur das Unterbewußtsein noch weiß, von welchem geistigen Überbewußtsein man selbstvergessen besessen ist, und dann läßt man sozusagen im Schlaf diesen überbewußten Geist aus sich reden, der dadurch natürlich vollkommen erwacht. Die Wissenschaft nennt das Somnambulismus oder autosuggestive Hypnose und läßt es gewöhnlich durch ein Medium hysterischen Charakters besorgen. Das ist aber erstens sehr umständlich, denn man muß dem Medium immer erst die zweckentsprechende Suggestion zur Autosuggestion beibringen; zweitens auch sehr unzuverlässig, denn das Medium -- naiv wie es ist -- verwechselt leicht sein hysterisches Unterbewußtsein mit dem genialen Überbewußtsein und schwindelt dann dummes Zeug zusammen; drittens auch noch recht kostspielig, von wegen der Nervenheilanstalten. Man kommt bequemer, besser und billiger weg, wenn man sich selber auf einige Zeit seines Selbstbewußtseins im Geiste entäußert; nötigenfalls durch etwas Weingeist. Man darf dabei nur nicht unterlassen, die Autosuggestion darauf einzurichten, daß man sich an die Äußerungen seiner geistvollen Selbstentäußerung nachträglich noch zu erinnern vermag.
Das tat ich denn auch und merkte alsbald, wie sich Goethens Geist auf mich niederließ. Oder vielmehr: zu mir herabließ. Denn er schwebte vor mir in einem solennen, bis an die Kravatte zugeknöpften, goldgestickten Ministerfrack, mit einem großen Stern auf der Brust, und ließ ein höchst unwirsches Räuspern vernehmen. Ich, tief benommen, räuspre mich gleichfalls. Darauf +Er+, mit gänzlich lautloser Stimme: Ich bin zur Stelle, was wünschen Sie?
+Ich+, mit ganz ebenso lautloser Stimme: Euer Excellenz wollen gütigst verzeihen, daß ich mir so im Geist unterstehe, Ihre erhabene Ruhe zu stören. Aber es handelt sich um die Entscheidung einer ungemein bedeutenden Frage, nämlich ob die geniale Natur eine im Sinne Euer Excellenz wie der übrigen Wirklichen Geheimen Räte der ewig bildungsbeflissenen Menschheit harmonische Kultur zu erlangen vermag, sobald sie nur ihren produktiven Instinkt, speziell das poetische Talent, völlig naiv gewähren läßt.
+Er+, merklich seinen Unmut bezähmend: Da müssen Sie unsern höchst schätzbaren Freund, den Herrn Hofrat Professor v. Schiller befragen.
+Ich+: Euer Excellenz wollen gütigst glauben, daß ich des Herrn v. Schiller unsterbliche Werke, insbesondere seinen berühmten Traktat über naive und sentimentalische Dichtung, mit meinen bewußten Geisteskräften fast ebenso sorgfältig durchstudiert habe wie Euer Excellenz eigene Schriften. Allein ich hoffe mir unbewußt eine klarere Aufklärung zu erwirken, als ich aus diesen Erzeugnissen eines weiland vernünftigen Seelenlebens zeitweilig zu gewinnen vermochte. Denn es werden in gegenwärtiger Zeit, was Euer Excellenz verewigtem Geist vermutlich nicht bewußt sein wird, die Begriffe „naiv“ und „sentimental“ nicht mehr so gegensätzlich empfunden, wie Herr Professor Schiller sie nahm. Vielmehr erscheint den Geistern von heute diese heftige Gegeneinanderstellung als triebhafter Ausdruck einer Zeit, die ungleich gefühlvoller war als die jetzige und deshalb auf eine heilsame Selbstzucht wider ihre Empfindsamkeit überaus scharf bedacht sein mußte. Jetzt ist als Gegensatz zum Naiven eher das Raffinierte verrufen, das Problematische, Mystische, Kapriziöse, Preziöse, Bizarre, Ironische; und wo der Herr Hofrat v. Schiller beinahe geneigt war, das Graziöse für das Naive zu nehmen, wird heute von manchem höchst trefflichen Volkserzieher das Brutale an dessen Statt geschätzt.
+Er+, etwas weniger an sich haltend: Es scheint, die Begriffsverwirrung in Deutschland ist bis zur trübesten Gärung gediehen.