Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Part 9

Chapter 93,331 wordsPublic domain

Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers laß einen flügelstolzen Greifen liegen, mager, die Geiernase möglichst krumm, den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt. Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen, dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet. Ich sehe seinen meerblau stillen Blick, die dunkeln Amethysten der Pupillen, in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne; er träumt ein Lied.

Über die finstern Furchen der Nordsee, über die fliehenden Schäume her, sieht er ihn kommen, seinen Ahnherrn Ahasver: er sucht den Messias. Der Wind jagt seinen Bart, morgendlich funkelt ein Strand; seit Jahrtausenden so, der arme Alte, sucht er den Tod. Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht: fern am Strand steht Einer, der reckt sich, jünglingskeck, und blickt und lacht, lacht in die Sonne: der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht. Und Ahasver schreit auf, daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt über das leuchtend spritzende Wasser, und ans Land stürzt er und bricht zusammen, und Jahrtausende schluchzen dem erstaunten Michel ins dumme Herz: Mein Heiland Du, mein heimlich erstandener Herr Israels! Hinten aber auf den Dünen sitzt mit verwunderten Mienen, den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend, das versammelte deutsche Publikum, Christen-und-Judenpöbel, und jemand sagt: Ja, Herr Geheimrat von Schultze, davon ahnten wir nichts! --

So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters. Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft, laß auch des alten Inders freie Inbrunst, laß des Germanen freie Leidenschaft als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein, siech durch die lange Knechtschaft Israels. Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl stell auf die rechte Seite einen Greis, ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig, der einem Enkel eine Krone aufsetzt und seine marmorn blühende Nacktheit segnet; nimm Meine Krone als Modell!

Links aber hinter seinen Krankenstuhl, das Schwein des Vordergrundes überragend, setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau, im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich, so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt; die soll nachsichtig einem Affen wehren, der grinsend, mit unzüchtiger Geberde, dem Dichter in den Rücken glotzt.

Mach mir den Affen ja schön wahr und schön, wie’s dieses großen Künstlers würdig ist! dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise. Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue, wie sie der große Künstler selber hatte, doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt, daß ich den kranken Dichter stammeln höre:

O Venus, alte Frau Sünderin, verneige dich der Reinen! o könnt ich noch mit Kindersinn zu ihren Füßen weinen! --

So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben. +So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß das Einzelne; das Ganze aber so, daß uns der Schauder ängstigt und beglückt vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.+ Dann um das alles, wie um einen Friedhof, zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk von hohen Lilien, deren Blütenköpfe ein Dornenkranzgewinde eint.

Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund! schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“; sonst schilt mich noch das deutsche Publikum. Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch, der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale; wenn der Dezemberreif die Linden schmückt, möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren. Leb wohl, mein Künstler! --

Landstreichers Lobgesang

Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein; sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein! Sie klagt in einem fort, still oder schrill, daß keine Seele sein kann, was sie will; das ist gemein.

Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben! ich will mich am Geruch des Frühlings laben! Die Knospen platzen all vor Trunkenheit; ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid. Das tat mir leid.

Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing: erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling! Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein: sing, freie Seele, sing! was kannst du sein? Herrin des Frühlings!

Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen; der Tau beträufelt dich mit Diademen. Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten; das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten, sie welken bald.

Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen: du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen! Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein! sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein? Magd des Sommers!

Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken, siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken, stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen, damit die Spatzen was zu fressen kriegen; freut dich das nicht?

Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen; fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen? Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein! sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein! sei Knecht des Herbstes!

Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben; kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben. Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder; Wein ist für Kenner, und die besten Fuder schluckt die Nachwelt.

Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern. Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein! sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein! Herrgott des Winters!

Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte: da spannst und spornst du die erstarrten Säfte, bis dir die eisige Haut vom Körper birst, worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst, du freie Seele!

So zog ich durch die Stadt und sang euch an, bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann. Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht, doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht; euch rief die Pflicht.

Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging. O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling! Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein, erhabner Untertan der Welt allein; sing, Seele, sing! --

Hohes Lied

Fern dem Menschenschmerz, zwischen Eis und Stein: reines Herz, nun lausche, du bist nicht allein! Horch, die Gletscher-Adern rauschen, Quellen singen -- und ein Geist stimmt ein:

Meine Kinder werden einst auf dem Regenbogen spielen. Folgt dem Vater denn, ihr vielen, bis ihr oben über den schwülen Schluchten der Berge, durch die er muß, schimmern dürft!

In die Niederungen führ ich euch gezwungen, der ich mit dem Erdreich ringen muß. Seht, da giebt es Herzen, die das Reinste schwärzen; Gift und Geifer tropft in meinen Fluß.

Aber weiter, weiter, Kinder, auf vom Grund! Seht, mein Herzschlag läutert jeden Tropfen -- und alle, alle werden einst oben auf dem Regenbogen spielen!

Ruf an die Kühnsten

Du junger Bergsteiger, der in den Sturm deine Arme streckst, dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen, Wolken und Sterne herabfegen möchtest und sie mit Schweiß und Blut, Deinem Schweiß und Blut, in eine neue Welt umkneten, wie auch ich einst, auch ich: lern Kraft sammeln!

Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt, seh dich auf halber Höhe keuchen, höre den Seegang aus drangvoller Weite unablässig heranrollen und rufe dir zu: Keine menschliche Maßlosigkeit faßt den unermeßlichen Weltplan.

Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante, nur geklammert an meinen Eispickstock, ohne Führerseil, über Wolkenmeeren, über den Berghäuptern allen rings, selbst den Morgenstern mir zu Füßen, selbst die Sonne, und -- mußte dennoch mein Haupt senken, mußte hinab wieder steigen unter die Sonne, unter die Wolken, zwischen die Schatten der kleinsten Klippen.

Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch, nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes. Nicht ein Sternchen vermagst du aus seiner Achse zu reißen, nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen. Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe, wo du Werkleute hinzuführen vermagst; kannst ein Schiff steuern in jede Weite, ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt, soweit du dich samt deinem Werkzeug in den windigen Bann der Erdschwere fügst. Das kann Menschengewalt, du junger Steiger, du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle: Tatkräfte sammeln!

Vogel Greif

Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin? „Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin; höher als höchste Alpenspitzen soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“ Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif; heut soll er den Sieg mir greifen.“

Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit! Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt. Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen zitterte wie ein gefangnes Mäuschen, als sie sich lachend den Wetterpelz um die schlanken Hüften legte.

„Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß! leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus; ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen kostet uns beiden Kopf und Kragen.“ Und während der Vogel Greif knatternd stieg, kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.

Viertausend Meter stieg er und mehr, eisig kreiste das Weltblau um sie her; aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen stiegen sie lachend, lachend, und flogen, bis die Erde ein fernes Fabelland war, Vogel Greif -- da stockte das Flugwerk.

Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang, schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang. Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen glitten sie keuchend, keuchend, und flogen, bis die Erde schon fast wieder Erde war: Vogel, greif! Da knackte das Steuer.

Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß kobolzten sie aus dem Wrack hinaus, hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise mit fliegenden Haaren zur letzten Reise; du kühner! du kühne! klangs geisterleise auf ins eisige Weltblau.

Und als man sie fand, er atmete noch, im Todesfiebertraum sah er hoch, hoch über die Wolken und hauchte: siegen -- morgen werden wir höher fliegen -- morgen -- höher -- --

Die Musik des Mont Blanc

(Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur Erinnerung)

Leitwort

Ob wir reden, ob wir schweigen, aus den Tiefen klingt ein Raunen: Laßt uns auf die Höhen steigen und in alle Welten staunen!

Erster Satz

Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst, untergetaucht ist alles unreine Stückwerk, in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte dir und deinen Gefährten zur Richtung, von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen auf die eingemauerte Menschheit hinab, das verkrochene Arbeitsgewürm, das sich müde plagte für eure Lustfahrt: wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne, weht ein Ton immer höheren Raumes dich an, und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen, ahnst du die Musik des Mont Blanc.

Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag, auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug, schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub, findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen, wirfst dich matte Raupe ins Gras, schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke, bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt, bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt, bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite auf dich herabträumst -- Da, o Erweckung: traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft? schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor? da verwünschst du deine Versunkenheit, sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc.

Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen! Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben! Steig hinan, wo in eines Tages Spanne Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen, wo du vor herzhinreißender Mühsal am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst! Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt, durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen, ob im Finstern um eure zusammengeschanzten froststarren Körperklumpen der Sturm heult, horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu: nun beginnt die Musik des Mont Blanc.

Zweiter Satz

Auf dem Nacken des Riesen schreitest du; seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel. Mit den vergletscherten Armen umschlingt er die unzähligen schweren steilzackigen Kronen, die er aufs Haupt sich stülpen wollte. Höher konnt er sie nicht mehr heben; nun hält er sie starr umklammert und lauscht durch die wetterwilden Jahrtausende hin, lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke, wie sie posaunend und harfend und pfeifend und manchmal singend seine geliebten Kronen ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht, bis in dein Herz, der gebannte Riese. Aber das Staunen ist nur Vorspiel.

Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann. Sieh, unsre Spuren verwehen schon. Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund, wo wir uns Stufen hackten im Nebel ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt. Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir? Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten Menschen ein Sternwartchen herzurichten. Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund; kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch. Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du, daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit auch das Grausen nur Vorspiel ist.

An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese? O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick, hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin, bäumt sich ein Regenbogenpaar. Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder, die unten beben, indeß hier oben unser entzückter Herzruf schallt, schallt, verhallt -- ohne Echo -- still, Freunde: auch das Entzücken ist Vorspiel nur.

Dritter Satz

Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz. Schmiegsam wie du wird der harte Schnee; es glüht ein Feuer im kalten Wind, dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne. Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht, dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt, ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz: ins Reine, ins Reine -- du vernimmst die Melodie des Mont Blanc.

Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da; ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt. Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen: Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits, wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du. Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe, ins Klare, ins Klare -- du begreifst die Harmonie des Mont Blanc.

Du richtest dich auf; wir richten uns auf. Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen. Es schweigt der leichenstarre Firn. Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns von Abhang zu Abhang im Abendglanz heimsausen lassen, dann mögen die Berge einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir: wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen, ins Freie, ins Freie -- dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc.

Vierter Satz

Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben? stürzen Murmeltiere vom Himmel ab? Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf, in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten, hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten, mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links purzeln die Tode an uns vorbei und liegen unten. Und ein Stück Kohle, wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz, trollt hinterdrein und trällert und summt: das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel.

Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder? dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir. Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach, mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern, mit vielen Leuten am Seil: wer ist es? was will der fremde vermummte Führer, wo Jeder Führer ist und Geführter, was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung den Rand -- damals scholl mirs wie Abgrundgelächter durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung: Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel.

Es werden noch viele Brücken zerkrachen; er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs, das Riesenkronen-Bröckelwerk. Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen zu smaragdenen Labyrinthen gefroren, die nächste Laue zerschellt sie wieder, hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum! Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack, du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm, ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen nur Waghälse eure glatten Hüften, einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett, der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt, und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke, wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel.

Fünfter Satz

Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen, Milliarden Tropfen, die sich lautlos unter der aufgepreßten Last zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal aus stahlblau dämmerndem Gletschertor durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück, immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel, wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben, und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören, so entrückt dich die Musik des Mont Blanc.

Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras. Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell. Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal. Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden geisterhaft läuten; und andern Tags bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche zum See gesammelt, der Schiffe trägt, klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt, hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht, hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld das Schweigen der Jahrtausende geistern, so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc.

Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk. Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke, wo du tausendmal wie Tausende gingst, blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn, da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit, spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz, nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s und kommt von der Höhe und will ins Weite und fühlt, wie Welle in Welle tief sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig voll Ahnung, voll Sehnsucht -- Das bleibt! das bleibt! das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer, in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer, von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie -- so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc.

Gebet im Flugschiff

Schöpfer Geist, unbegreiflicher, der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen, grausig gütiger du, denn jedes lebt vom Tod vieler andern, Götter wie Menschen, Tiere, Pflanzen, Kristalle, Gase, Ätherdämonen, kann jedes übergehn in jedes, ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne, bauen einander, zerstören einander, begehren auf wider sich und dich, lassen sich Krallen wachsen vor Gier, Flügel, und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen, ächzen aus ihren Nöten zu dir um das letzte Quentchen Vollendung: Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht, wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen mitdurchhaucht von all deinen Farben, ohne Bitte, nur voller Dank deines beseelenden Odems teilhaftig, deiner Inbrunst, die sich staunend in Menschenmund nennt: Phantasie! --

Zweite Folge

*

Jesus und Psyche

Phantasie bei Klinger

Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal, ist ganz voll Licht. Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er. Du fühlst, er braucht so großen Raum: +Klinger+.

Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt, daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt, so stand ich. Allein. Doch neben mir saß Zeus, ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt +Beethoven+ gleich; und in den Abgrund der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick herab vom Thron der Sünde und Erlösung, daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt, erwartungsvoll.

Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch im Abendschein der +alte+ Göttergarten. Der Gipfel des Olympos flammt von Farben; buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber die Pinien und die Lorbeern und die Palmen drängen sich immergrün wie einst zu Tal, am Strand des blauen Meeres glühn und duften des Südens große wilde Blumenbüsche, die Götter alle sind versammelt, und -- unter sie tritt +Jesus+.

Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er, der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam, als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte, im gelben Seidenkleid, das goldgestickt wie eines priesterlichen Königs Kleid schien und Spuren wie von Blut zeigt -- warum kommt er nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?! Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.

Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt stockt: Jesus sieht die Götter an.

Weh uns! Der wilde Amor weicht empört, entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche, weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen, weh, kniet vor ihm -- Psyche, der Götterliebling, vor Ihm! -- umklammert ihm die Rechte, küßt sie, küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein, mein Herr und Heiland!

Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten aus einer Uferpalme. Hermes hat sich abgewandt und neigt den weißen Stab. Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras, daß jene Frauen fraulich-tief erröten, indessen abseits die Olympierinnen kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da: Juno in hoher Selbstzufriedenheit, Athene, selbstbewußt in sich versunken, und Venus, in sich selbst verliebt, Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit, schamlos und lieblos, herrlich.