Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 5
Lieber Freund! ich sitze verstimmt bei Schillern und Goethen, plötzlich reicht mir die Magd deine Bescherung aus Rom. Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden hatt ich verlassen und saß zwischen dem Küchengerät, wo’s drin dampfte und schmorte, der Xenien salziges Frühstück wider den schlechten Geschmack ihrer gepriesenen Zeit. Da empfahl ich mich gern, und Goethe lächelte nickend, denn er witterte wohl etwas Italisches gleich. Und nun steh ich entzückt und atme den Duft der Orangen, will mit süßestem Reim, klingendstem Dank dich erfreun, aber da sitzt mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern zäh in Nase und Mund, klassisch dampft mein Gehirn. Ja, sie haben so manchen auf ihrem olympschen Gewissen, seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr. Oder liegt es dem Deutschen im Blut, mit trotzigem Willen immer auf Staffeln zu stehn, die er der Fremde geraubt? Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach Römischer Elle, gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her! Will er den Bau der Natur, Dasein und Werden ergründen, nimmt er den Grundriß vor, den ihm der Britte entwarf; oder er möchte sich selber erbaun, dann strebt er zum Himmel gar auf der Leiter hinauf, die ihm der Jude gebaut. Doch nun heb’ich den Blick: da versinkt der Bestrebungen Fülle, und es entschwebt dem Gewirr stark ein vereinender Geist. Zwar der Tragwind, ja, der kam aus fremden Bezirken; aber die Flugkraft, Freund, +die+ doch ist eigen, ist deutsch. Ruhig jetzt, fast träg, so schwebt er im Völkerzenithe, zu noch höherem Flug sammelt er heimliche Kraft: schon verspürt er die Höhn, wo Volk und Völker verschwinden, wo ihn, das ewige Haupt hebend, die Menschheit begrüßt. Nein, kein Gallier wars, kein Römer, kein Britte, kein Jude: Mensch war Jeder, mein Volk, der dich zum Aufstieg erzog. Und, mein römischer Freund, so stieg auch ich auf des Griechen klappriges Schaukelpferd, hopp! reit es auf eigene Faust. Lächeln wirst du vielleicht: dazu die erhabenen Worte, daß sich das winzige Ich etwas gehobener fühlt? Aber so gehts wohl stets: nimm irgend etwas, es deutet immer vom Ganzen auf Uns, immer aufs Ganze zurück. Hier dein Dutzend Orangen: ich lasse die rundeste rollen, und sie werden im Nu Bild des Planetensystems. Stets enteignet der Mensch sich selbst, je eigner sein Wille; was sein innerster Trieb, äußert sich lehrhaft als Zweck. Drum quält Mancher sich ab mit Einer Erlösung für Alle, +wo doch Jedem das All tausend Erlösungen gönnt; was den Menschen entzückt, entsetzt, empört, das erlöst ihn, weil’s ihn außer sich bringt, weil’s ihn mit Leben erfüllt+. Und so lernte mein Geist die Zweifel der Zwecksucht belächeln, ob man lebt für sich selbst oder dem Ganzen zur Pflicht. Denn kein Zweck gibt Kraft, allein der Antrieb begeistert; Arbeit, unterste Pflicht, macht er zum obersten Recht. Unabweisbar treibt Natur jed Wesen zum Wirken, aber im Menschen der Trieb kennt sich als Wille und Wahl. Und beim Jupiter, Freund: nie wieder wähl ich des Griechen klappriges Schaukelpferd, brrr! hopp, aus poetischem Trieb. Nur als Mensch, mein Freund, laß diesen Brief dir gefallen, und mein Abschiedswort gelte der Menschheit in uns: Treibe Jeder den Andern auf immer eignere Wahlstatt, mag er erliegen im Kampf, mag er als Sieger bestehn! Dann, wie immer du wählst, dann lebst du dem Ganzen zu Liebe, lebst dir selber zur Lust -- Alles in Allem: leb wohl!
Kampfspruch
Siege oder Niederlagen: immer gilt es, neu zu wagen.
Werkspruch
Mensch, was dir leicht fällt, das nimm schwer! Natur gibt viel; entnimm ihr mehr!
Sprüche vom Glück
I
Schaffenslust, das ist die Quelle, die den eignen Grund zerspellt; einen Trunk von dieser Welle, und du schmeckst das Glück der Welt.
II
Weltwille wirkte dich, du wirkst auf ihn zurück; tust du das williglich, so wird dein Werk dein Glück.
III
Glück ist Gabe; rechte nicht um fremde Habe, Richter mit dem Bettelstabe!
Menschenrecht
Dein Recht ist deine Kraft -- drum bläh dich nicht, du stehst mit deinem Recht vorm Weltgericht. „Was? Weltgericht? ein längst entkräftet Wort!“ Doch setzt die Welt das Richten kräftig fort. „Und wenn mein Recht mit Macht dagegenrennt?“ Kein Recht wird Macht, das seine Pflicht verkennt. „Und was ist meine Pflicht, o Weltgewalt?“ Da siehe Du zu -- lacht das Scheusal kalt.
Machtsprüche
I
Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven; Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven.
II
Wohin du blickst, ist Krieg auf Erden. Wohin du blickst, kann Friede werden.
III
Laßt uns gern einander lauschen, innerst grenzenlos gesellt, Sinn und Seele liebreich tauschen, so wird kleine große Welt.
Das Spiel der Welt
Philosophisches Scherzo
1) Dialog
Die Seele sprach zur Welt: Du machst dich viel zu wichtig. Dein Spiel ist ohne mich im Grunde null und nichtig.
Zur Seele sprach die Welt: Das ist im Grunde richtig. Das Spiel machst du, nicht ich; drum ist es gründlich nichtig.
2) Moral
Die Seele macht sich gern mit ihrer Welt zu wichtig; Weltseele muß man sein, dann macht man Alles richtig.
3) Kritik
Das ist ein schlechter Spaß; du hältst die Welt zum Narren und rätst ihr obendrein zu deinem eignen Sparren.
4) Antikritik
Das ist kein schlechter Spaß, ich hab gar gut erfahren: wo Weisheit ratlos steht, ist Narrheit flugs im Klaren.
5) Supermoral
Die Seele mahnt sich stets: sei endlich ganz und tüchtig! So bleibt sie ewig halb weltsüchtig, halb weltflüchtig.
In Summa
Bin Mensch, All, Nichts, nach Wahl des Lichts.
Lohngesetz
Jeder will möglichst viel vom Leben und möglichst wenig dafür geben. Als bloßer Anblick scheint’s abscheulich, doch handle, Mensch, dann weicht der Schein; du wirst dir wert, das ist erfreulich, nun muß das Ganze wertvoll sein. Vergieb dir nichts, tu nichts vergebens, das ist das Lohngesetz des Lebens.
Ungleiche Schätzung
Schlauheit erwägt das Schlechte, Klugheit das Rechte, Weisheit die Mächte.
Schlauheit fristet sich hin, Klugheit bringt Gewinn, Weisheit schenkt dem Leben Sinn.
Reinertrag
Was wir sammeln, was wir speichern, mag’s die Erben noch bereichern, einst vergeht’s. Nur der Schatz der Seelenspenden wächst, je mehr wir ihn verschwenden, jetzt und stets.
Ewiges Ziel
Zum verschloßnen Schrein eilt dein Lebenslauf; schließt er Liebe ein, schließt ihn Liebe auf.
Zwecksprüche
I
Lebe mit Zweck, wirf dich nicht weg, gib dich den Andern hin mit eignem Sinn!
II
Wem Zweckbesinnung fehlt, den knechten seine Triebe; es sei denn, ihn beseelt die Herrscherin, die Liebe.
III
Mit Lust und Liebe sein Werk anpacken, macht frei von allem Zweckzwickzwacken.
Allerlei Menschliches
I
Verdammte Liebe! schimpft Hans Aff, dem seine Liebschaft schlecht bekam. Verfluchte Lust! stöhnt Christian Pfaff, der sich in Wollust übernahm. Herr, schenke diesen beiden Armen mit Lust und Liebe dein Erbarmen!
II
Ein Spaß für Götter: Affen als Menschheitsretter.
III
X schreit: der Mensch ward ungesund! U will den Übermenschen züchten. V wills mit Unzucht, W mit Züchten. Z schreit: ihr bringt ihn auf den Hund! Sie greifen schließlich noch zum Messer, die -- idealen Menschenfresser.
Quintessenz
Was ist ein Ideal? Dem Weisen eine Not, dem Helden eine Qual, den Schwätzern Himmelsbrot.
Heldentümliches
I
Die misera Plebs begreift es nie: wer für sie kämpft, ist wider sie.
II
Ihr meint, ihr hättet euch ermannt, weil ihr euch hart wie Brutus stellt? Jesus kam mit weichster Hand und brachte Schwerter in die Welt.
III
„Er hat als Gott sich aufgespielt!“ Das sei mit Freuden ihm verziehn. Doch daß er +euch+ für Götter hielt, dafür, ihr Menschen, kreuzigt ihn!
Humaner Konflikt
„Du bester Mensch, den’s giebt, willst von der Menschheit lassen?“ Ach, wer die Menschheit liebt, der lernt die Menschen hassen.
Mann und Weib
I
Du haß-und-liebestarker Mann, der auch sich selber hassen kann: steht nicht ein freudig Weib dir bei, martert dein Zwiespalt dich entzwei.
II
Daß der Mann am Weib sich freut, daß die Freude Samen streut, das ists, was die Welt erneut.
III
Ihr eifert gegen Frauenrechte? ihr feigsten aller Weiberknechte! Komm nur, du neue Eva du: der alte Adam weiß, wozu.
Sprüche der Liebe
I
Wo im wirren Weltgebrause zwei versprengte Funken sprühn, die aus reiner Lust sich mühn, klar einander zu durchglühn: Liebe, da bist Du zuhause.
II
Glut klärt, Glut verzehrt; hüte jeder seinen Herd!
III
Schwur der Liebe: ob gegeben, ob empfangen -- welch Verschulden! Schwellend wühlt sich Leben in Leben: was wird wachsen? -- Herz, lern dulden!
Spruch in die Ehe
Ehret einander, wehret einander!
Sprüche der Treue
I
Wie läßt sich Alt und Neu, o Liebeslust, vereinen? Bleib dir nur selbst getreu, so bleibst du’s all den Deinen.
II
Treue mit Reue ist Feiglings Untreue.
III
Der Drache Leidenschaft speit Mut um sich wie Feuer; stählt dich nicht Liebeskraft, frißt dich das Ungeheuer.
Einziger Grund
Es ist zum Lachen wie zum Weinen, wir mögen lieben oder hassen, es wurzelt Alles in dem Einen: das Herz +will+ sich erschüttern lassen.
Die ewige Sehnsucht
Wir werden’s immer spüren und niemals weiterbringen: die Seele will sich rühren und dabei Ruh erringen.
Sprüche der Zeit
I
Ich weiß ein Wort, das setzt mich über Alles fort, über Raum und Zeit und Traurigkeit: Ich und die Zukunft!
II
Daß du über der Zukunft nur nicht ihr stetes Dasein vergißt! Es gibt eine Gegenwart, die ewig ist.
III
Lern in der Zeit dein Urbild finden, Kunst geht dem Leben Hand in Hand, es gilt den Stoff zu überwinden, Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand.
Sprüche zur Kunst
I
Was in unser Leben fiel, schwer wird leichter, fremd wird eigen, rüstig will es wieder steigen, will zurück zum Lebensreigen, und so wird’s ein freudig Spiel.
II
Das Leben läßt sich stets nur stückweis fassen, Kunst will ein Ganzes ahnen lassen.
III
Nur ein bißchen Traum, und im dürrsten Blatt lebt dir der Baum, der’s geboren hat.
Inhalt der Kunst
I
Suchst du im Bild nach allen Zügen des Lebens, wird dir keins genügen. Das eben ist es: weil’s nicht Leben, kann dein Gefühl ihm Leben geben.
II
Gefühl treibt eins das andre fort; o gieb uns, Geist, das Fassungswort!
III
Nimm, vernimm, und frag nicht viel, tiefster Ernst wird höchstes Spiel; sieh nur, mit dem Schmerz der Zeit spielt die ewige Seligkeit.
Maßstäbe
Das Unermessne ist der Kunst so eingemessen, daß du vermessen bist, willst du’s allein ermessen.
Gesichtspunkte
Manches Auge schwelgt im Grauen, manches wühlt sich bis zur Qual in ein Farbenbachanal, aber jedes will einmal hochgemut ins Blaue schauen.
Kunstgenuß
Schönheit wird wie Glück empfangen: Freude krönt dein bang Genießen, und die Freude ein Verlangen, sich als Liebe zu erschließen. Denn der Schöpfung schöne Hülle hält ihr Wesen wohlverwahrt, ist von Reiz so spröd wie zart und erschließt des Glückes Fülle +Dem nur, dessen eigne Art die Art des Schöpfers offenbart+.
Einem und jedem Schöpfer
Du hast uns mehr als Leben, du hast uns aus dem Geist, der das Leben speist, eine Welt gegeben.
Den Empfänglichen
Ein Wörtlein Dank -- o schönster Schall: des Schöpferwortes Widerhall. Uns allen ahnt kein höher Glück: nun tönt die Welt zu Gott zurück.
Den Querköpfen
I
Komm und laß dich ganz gewinnen: sieh, der Schöpferbecher kreist, voller Lebensglanz den Sinnen, Voller Liebeslicht dem Geist.
II
Ich +bin+ dumm! sprach Hans Dummerjan und kuckte frech den Herrgott an. Da lachte Der und sprach: Ja, sehr!
III
Sie möchten Kunst genießen, ach, und kauen Schönheitsregeln nach. Es ist das alte Leid, daß Gott erbarm: stark ist der Hunger, schwach ist der Darm.
Den Auslegern
Man soll alles nehmen, wie es ist; das Licht legt wirklich Gold auf den Mist. Nimmt man es aber durch die Blume, dann natürlich bis in die Wurzelkrume! Da sitzt ein Kobold, der sich ins Fäustchen lacht und aus übeln Düften Wohlgeruch macht.
Dichtersprache
I
Dichter kann man nicht ergründen; seid nur, Freunde, recht erhoben! Jede Flamme schlägt nach oben, jeder Geist wird weiterzünden. Durch den Rauch der Worte steigen alle auf ins blaue Schweigen.
II
Ist nur feuerecht dein Wort, flammt’s durch fernste Nächte fort. Sprachgrenzen hindern nicht den Geist, der übers Volk zur Menschheit reist.
III
Was sind Worte, was sind Töne, all dein Jubeln, all dein Klagen, all dies meereswogenschöne unstillbare laute Fragen -- rauscht es nicht im Grunde leise, Seele, immer nur die Weise: still, o still, wer kann es sagen!
Dichterschicksal
Eine heilige Dichtung vernahm ich: war einst ein Diener, der opferte willig sein Gut, sein Blut, sich selbst, seinen Sohn der herrischen Zucht eines Heldengeschlechtes, wie der Urwaldbaum sich samt all seinen Früchten dem Boden hingibt, dem er entsproß. Ach, aber wo lebt das Volk, das dich hört, von Ahnengeistern begeisterter Dichter? Und dennoch atmet die Klage Jubel: von jeher säte der Dichtergeist seine Früchte aus in scheintotes Land, des Daseins opferwilliger Diener, künftigen Lebens erhabener Ahnherr, volkstreuer Held wie der Urwaldbaum.
Der geduldige Dichter
I
Der Dichter steht am Herd und schürt und wartet, daß sein Volk sich rührt. Das Holz liegt da, der Funken auch; wann springt die Flamme aus dem Rauch?
II
Das Publikum hat gezischt und geklatscht, die Kritiker haben gequietscht und gequatscht. Der Dichter lächelt: Das verschallt, rings rauscht mein immergrüner Wald.
III
Was soll mir euer Lorbeer, Freunde; an jedem Blatt zupfen hundert Feinde. Bringt Blumen, edle Früchte, Wein: die Kunst will sich des Lebens freun. Den Lorbeer legt mir aufs Totenkissen; da wird er nicht mehr heruntergerissen.
Guter Rat
Nur kein törichtes Ereifern, wenn die Wichte dich begeifern. Diese Kautschukmännlein fliegen mannshoch, wenn sie Hiebe kriegen; laß sie lügen, laß sie liegen.
Den Kennern
Selbst der rarste Diamant, dem Verächter ist er Tand. Ach, wie arm wär jede Spende, wenn sie keine Gnade fände!
Den Herren Kritikern
Der Kritiker hat immer Recht, unfehlbar wie der Kletterspecht: die Eiche trotzt dem stärksten Sturm, der Specht entdeckt in ihr den Wurm.
Kumpaney
Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze setzten sich an meinen Tisch. Sprach der Floh: Brüderchen, tanze! hoppla! frisch!
Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen so wie Sie, Herr Floh! Sprach das Fräulein von den Wanzen: Klettern Sie mal Stroh!
Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern so wie Sie! Sprach der Lauserich: Entblättern Sie mal Schinn, hihi!
Sprach ich: Ihre Kunst! wer könnte die wohl ebenso! sprach ich. Und die dreu Talönte waren seelensfroh.
Laufbahn
Als ich jung war, hab ich verwogen alle Zäune im Feld überflogen. Nun ich älter bin, will ich verwegen selber neue Felder einhegen. Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen auch auf die herübergesprungen, beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen! Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen, soll euch Kracken der Teufel holen!
Der Hahnenkampf
Parabel
Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis. Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis: seit Adam hat niemand sie mehr gesehn, also wird er wohl ewig in Blüte stehn. Unter dieser Blüte nistet ein Geist, in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt, ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten, um den sich noch heut alle Federviecher streiten. Er ist zwar tot; doch wie ihr hört, kräht er noch immer ungestört -- ucke-ru-uh! -- Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist, ein lebendiger, der Gigigenius heißt und sich vor keinem toten grault, der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault -- ücke-rü-üh! -- Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht; man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht. Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht; wohl dem, der nicht dazwischen gerät! Sie balgen sich, daß keiner weiß, wo ist der Kopf, wo ist der Steiß; und über ihrer Kraftverschwendnis hängt still die Blüte der Erkenntnis. Zuletzt ist jeder arg verprügelt, aber alle krähn sie siegbeflügelt: ucke-rü-üh! ücke-ru-uh! -- Drauf gehts mit würdigem Gestapf an den gemeinsamen Futternapf, aus dem auch schon Gigenius schluckte, als Gigigenius noch nicht muckte. Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt, und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt. Moral: Erkenne, edler Christ, wie unermeßlich der Futternapf ist! Vielleicht hielt Adams Unverständnis ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis.
Die neue Würde
Parabel
Ein Künstler war deutscher Professor geworden, mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden; und weil er von Natur ein Bildhauer war, erschien nun vor ihm die ganze Schaar von großen, größten und allergrößten Tieren, die er gewohnt war zu modellieren, um ihm huldvollst zu gratulieren. Ein Pavian schnarrte: Herr Professor, ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor! Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten, Herr Professor, immer edler verrichten. Ein alter abgerackerter Gaul wieherte mit verzognem Maul: Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden immer wahrer in Holz zu schneiden. Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau -- ein Kater jaulte dazwischen: au, au -- Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen, man muß sie immer schöner aushauen. Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten, Herr Professor, um immer reinere Sitten. Ein paar Kameele flehten demütigst: Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wir empfehlen, des Lebens Malicen immer klarer in Bronce zu gießen. Ein Elefant blies in die Trompete: Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete die alte Weisheit der Brahmanen; lassen Sie immer Tieferes ahnen! I -- quiekte eins von zwei Karnickeln: wir wollen uns immer höher entwickeln! Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise, die schnauften in ihrer verfutterten Weise: Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten, lernen Sie immer zweckvoller kneten! Und -- mahnte ein Truthahn mit Gekoller: natürlich immer ordnungsvoller! Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier: selbstverständlich immer freier! Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur immer stolzere Positur! Ein spukhaft hopsendes Känguru walzte vorüber und pfiff dazu: Herr Professor, man will Sie blos vexieren, Sie müssen die Form immer feiner komplizieren. Ein kluger Storch hob sacht ein Bein und klapperte mit Bedacht: Nein, nein, bester Herr Professor, es gilt auf Erden nur immer einfältiger zu werden. So erteilten die Tiere, große und kleine, wilde und zahme im Vereine, dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat, als plötzlich aus dem Gratulantenstaat eine goldschmucke Paradiesvogelhenne aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne, Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln, du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln, und wirst deiner neuen Würde grollen und immer rauhbeiniger werden wollen. Und der Herr Professor knurrte was in den Bart und sah wahrhaftig aus wie behaart und streckte verbiestert alle Viere. Da erschien zuletzt in seinem Quartiere das wildeste und zahmste der Tiere: ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde ist freilich eine künstliche Bürde. Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie so natürlich wie das übrige Vieh; selbst die nackte Braut trägt an der Hand ein Ringelein als züchtiges Pfand. Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen will die alte Hexe Natur erschleichen, daß sich ihr irdisches Maskenfest nicht noch tierischer gehen läßt. Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln; und damit deine Anbeter nicht verlümmeln, lern dich als würdiges Vorbild geberden, denn der Mensch will -- immer noch menschlicher werden. Da hat der neue Herr Professor gelacht, hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht und sich sein göttliches Haupthaar geschoren. Seit der Zeit sind die Herren Professoren der deutschen Kunst-Akademien nicht mehr als Trampeltiere verschrien.
Die verunglückte Göttin
Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne
Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül. Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen von Silberfelsen, fern ins stille Meer des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen: Berlin lag brausend um mich her. Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend, die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder; zu flattern schien’s im lauen Wind.
Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind. Ich wußte nicht: saß ich im Traum? Es war, als ob der blanke Saum am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte, als ob von fern ein ehern Klirren rauschte. Ich starrte: wahrlich, um die Spitze der Säule klirrten goldne Blitze: die Göttin schüttelte den Siegesspeer. Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr, zur Erde nieder schossen Strahlenstufen, sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen:
„Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne, ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei! Ich will euch künden einen neuen Mai. Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot; genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären, vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot; mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren. Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde, die +Kunst+, die Seligkeit der Ewigkeiten; vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde, wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten. Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not, ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod; begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben, das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“
So stand sie preisend in der Sonne, winkte; hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte die wundersame Frucht. Und ihr entgegen aus allen Toren stürmten Glückverlangende, auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende, Millionen Augen dürsteten nach Segen. Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm, mit immer drängender gestrecktem Arm; vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand, umklammerte des Weibes Prachtgewand: „Gieb!“ fleht’ich ächzend -- „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten die Abertausende, die mit mir lechzten.
Doch hohl herab in unsre Nötigungen erscholl die Glockenstimme wie zersprungen: „Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier, im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“ Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke.