Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Part 4

Chapter 43,124 wordsPublic domain

Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten, dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück; und zitternd, freudezitternd späht’ich hin. O Wahn! -- o wie sie kindisch um die Säulen tanzten und johlten, in den Händen Tand! Doch Andre kamen -- fiebernd späht’ich hin. Da schleppte unter beiden Armen Einer verstaubte Folianten. Einer kroch fast, so war er goldbepackt. Behutsam trug ein Greis ein Blumentöpfchen. Eine Schöne liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck. Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft: wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling, die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er, und oben auf den Stufen rangen Zwei zum Mord verknotet um ein nacktes Weib.

Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm. Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir, ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle. Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste: O Allmacht, rott es aus, dies Wurmgezücht! vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur, wer in der einen Sehnsucht sich verzehrt, die Alle glücklich macht! es lebe nur, wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen!

„Erlösen“ -- tönte die vermummte Stimme; „der zweite Wunsch!“ wie Drohung scholl es nach. Und plötzlich: vor mir, neben, über mir, herab die Stufen, schollernd, schlotternd kams herab den Abhang, dröhnend wie Geröll, hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber, verrenkt im Todeskampf, und drüber weg hinauf den Abhang, immer dröhnender, hinauf die Stufen und ins dunkle Tor der Unzählbaren brausendes Gewühl. Und immer dröhnender, hinein, heraus, herab die Stufen, schollernd, schlotternd quolls hinab, hinunter, Sterbende und Leichen, vor meinen Augen; und die Sonne sank und sank und sank, und immer neue Haufen Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir.

Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer, nur Einer spräche das geweihte Wort -- der Laut erstickte mir im offnen Mund: mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt, zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern, mit angstumklammertem Brautkranz die Geliebte, und da, da -- „Mutter!“ -- da stand meine Mutter und hörte nicht mein Schrein und stieg hinan und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich, für ihren Sohn blos bat sie Gott um Glück, und starb für ihr Gebet -- stier sah ichs an.

Stumpf glotzt ich in die Runde, sinnlos lächelnd; irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz. Wohin ich sah, verglaste Augenpaare; und all die Augenpaare sahn mich an. Und sahn mich an wie meine eignen Augen, aus allen Augen sah ich selbst mich an, verglast, sinnlos, zum Lächeln -- da: aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut. Und fühlte eine große Stille werden, ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen, wie schwere Dämmrung legten sich die Falten um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl traf mich die Frager „Und dein dritter Wunsch? dein letzter, eigenster?“ Aufrüttelnd fuhr ein eisiger Atem durch mein heißes Haar.

Und stammeln wollt ich. Doch die Worte kreisten in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren war wieder das Gedröhn. Und eine Angst vor meiner eignen armen Gier und Blindheit hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht lag ich und lag, nicht wagt’ich mehr zu wünschen, und endlich, röchelnd, bettelnd, stöhnt ich: Gnade! und schlug die Augen auf. Da dehnte sich, nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten; verflammend stand die Lampe, schwälte, losch, ich saß allein im kalten Licht der Sterne.

Dante guidante

Wer sich durch eine Hölle hat gesungen, den fragt, welch Paradies ihm endlich tagte! Doch wer an seinem Leben nie verzagte, hat um das höchste Leben nie gerungen.

Rückkehr

Ich seh in deine Augen wieder, in diesen Frieden tief und bang; da schweigen all die Aufruhrlieder, die schrill in mir mein Unhold sang.

Du darfst den trüben Wahnsinn wissen, der gräßlich lacht in mir und schreit, daß ich vom Mutterleib gerissen zu graunvoll freudelosem Streit,

daß mich Natur mit allen Trieben im Schooß der Wonne schon verdammt, daß die verflucht sind, die mich lieben, daß meine Glut nur Unheil flammt.

Du, Du, die Eine, hast ergründet mein innerst Sündenangesicht, hast mich entsühnt, zu Glut entzündet in mir der Reinheit schwaches Licht.

Von deinen heiligen Seelenblicken glänzt meiner Sinne dumpfe Flur; mir löst ein menschliches Entzücken die rohen Ketten der Natur.

In Tränen stirbt mein irres Bangen, ob ich berufen sei zum Glück; sieh mein verröchelndes Verlangen, die Klarheit gabst du mir zurück.

Verheißung

O weine nicht; die Wunden heilen bald, die dir mein Unmut schlug und dein Verzagen. Du wirst noch jubeln, daß dich mit Gewalt mein Mut aufstachelt aus den Alltagstagen.

Denn sieh, dir ist ein Dornenkranz geweiht, herrlich genug, das schwächste Herz zu stählen; dran strahlt als Himmelsblume jedes Leid, mit dem uns Sehnsucht und Verlangen quälen.

Schon hebt sich um mein Haupt das Morgenrot, das einst auch Deine Stirne wird bekränzen, wenn eine ferne Sage unsre Not, und wenn als Sterne deine Tränen glänzen.

An meine Königin

Bin ich ein König? -- Als ich Knabe war, da träumte mir von einem goldnen Throne, von einem Volk in heller Jubelschaar, von einem Purpurmantel, einer Krone.

Ich wurde Jüngling, und der irdne Glanz verblich im Geisterlicht des Ewig Schönen; da träumte mir von einem Strahlenkranz, mit dem ein andres Volk mich sollte krönen.

Jetzt träum ich nicht mehr Kronen, nicht mehr Kränze, kein Ziel der Sehnsucht, das der Stolz gebar; mich lockt kein Volk, kein Reich mehr, keine Grenze, nur meiner Kraft glühn muß ich immerdar.

Nur immer schweben, wie der Adler schweben, den es hinauf ins Unbegrenzte reißt; ich +kann+ nicht wie die Lerche mich bestreben, die flatternd ihre Ackerfurche preist.

Ich +weiß+ kein Ziel. Gestalten aus dem Vollen erheben sich, zerreißen die Umhüllung. Nun ihnen nach, die nichts als Dasein wollen! Mein Sehnen ging durch Dich mir in Erfüllung.

Du gabst mir solch ein Reich voll Glanz zu eigen, daß meine ganze Sprache mir zu wenig, all dieses Reichtums Herrlichkeit zu zeigen, und dankbar knie ich hin: -- ich +bin+ ein König.

Wahrspruch

Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind? Was zweifelst du? Verdienst du, gut zu sein? Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein. Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind; wer glücklich ist, verdients zu sein.

Lobgesang

Wie das Meer ist die Liebe: unerschöpflich, unergründlich, unermeßlich: Woge zu Woge stürzend gehoben, Woge in Woge wachsend verschlungen, sturm-und-wetter-geberdig nun, sonneselig nun, willig nun dem Mond die unaufhaltsame Fläche -- doch in der Tiefe stetes Walten ewiger Ruhe, ungestört, undurchdringbar dem irdischen Blick, starr verdämmernd in gläsernes Dunkel -- und in der Weite stetes Wirken ewiger Regung, ungestillt, unentwirrbar dem irdischen Blick, wild verschwimmend im Licht der Lüfte: Aufrausch der Unendlichkeit ist das Meer, ist die Liebe.

Blick ins Licht

Still von Baum zu Bäumen schaukeln meinen Kahn die Uferwellen; märchenblütenblau umgaukeln meine Fahrt die Schilflibellen, Schatten küssen den Boden der Flut.

Durch die dunkle Wölbung der Erlen -- welch ein funkelndes Verschwenden -- streut die Sonne mit goldenen Händen silberne Perlen in die smaragdenen Wirbel der Flut.

Durch die Flucht der Strahlen schweben bang nach oben meine Träume, wo die Bäume ihre krausen Häupter heben in des Himmels ruhige Flut.

Und in leichtem, lichtem Kreise weht ein Blatt zu meinen Füßen nieder; und des Friedens leise weiße Taube seh ich grüßen, fernher grüßen meiner Seele dunkle Flut.

Fernhin

Durch Traum und Morgen-Unruh und jetzt noch seh ich dich: die lange Nachtfahrt, im Duft des Blumenstraußes, den ich dir mitgab.

Jetzt nahst du dem Garten um dein Vaterhaus, drin deine Mutter dir einst Blumen gab.

Jetzt stehst du am Eingang still, im Sonnenduft, drin unser Kind vielleicht schon keimt.

Jetzt beugst du dich fernhin über den Strauß.

Erste Hoffnung

Mein Freund hat mir ein Bild gemalt: Maria weint vor Wonne und ist von lauter Sonne überstrahlt. Wer weiß die Melodie dazu?

Mein Freund hat mir ein Wort gesagt; das klang so fern beglückend, mir schlug das Herz so drückend, so verzagt. Wer weiß die Melodie dazu?

Mein Freund hat mir ein Lied gemacht; es ist ein Lied vom Leben, ich fühl es in mir beben Tag und Nacht. Wer weiß die Melodie dazu?

Am Storchsee

O Leben! o Liebe! wie geht sie verändert, die seligen Augen von Schatten umrändert, und lacht kaum. Und ist doch mein Mädel, mein sonniges, flottes; nun will ich sie malen als Mutter Gottes am Storchsee.

Die Hände über den Schooß gebreitet, die seligen Augen ins Land geweitet, und Frühling: so soll sie zwischen den Binsenspitzen am Ufer im Kahn unterm Weidenbusch sitzen und warten.

Nackt flimmern die Zweige, die Knospen platzen; links oben im Bilde schnäbeln zwei Spatzen, wie damals. Und hinter ihr wölbt sich der blankblaue See; da stecken vier fünf Enten die Stietze in die Höh, wie immer.

Zehn rudernde Beine in emsiger Runde; die Hälse, die suchen was unten im Grunde der Wellen -- der Wellen, die wimmelnd wie lauter Pfeilspitzen aus eitel Silber zum Himmel aufblitzen, rechts oben.

Denn links stand ein Ahorn, mit knallgelben Blüten. Nun, Mädel, mein braunes, mag Gott dich behüten am Storchsee! Wie werd’ich mich blos so als Vater betragen, Frau Störchin? und was wird das Publikum sagen, oh Mutter Gottes! --

Wiegenlied für meinen Jungen

Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe! Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe, bläkt ein großes, mäkt ein kleines, und das kleine, das ist meines! Bengel, Bengel, brülle nicht, du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen: morgen regnets Zuckerpillen, übermorgen blanke Dreier, nächste Woche goldne Eier, und der liebe Gott, der lacht, daß der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden, säst sie aus mit Sonntagshänden, und die Erde blüht von Farben, und die Menschen tun’s in Garben -- Herr, den Bengel kümmert nischt, was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen: heute Nacht, du kleiner Drachen, durch den roten Höllenbogen kommt ein Schmetterling geflogen, huscht dir auf die Nase, huh, deckt dir beide Augen zu --

deckt die Flügel sacht zusammen, daß du träumst von stillen Flammen, von zwei Flammen, die sich fanden, Hölle Himmel still verbanden -- -- So, nun schläft er; es gelang; Himmel Hölle, Gott sei Dank!

Lied der Mutter

Bienchen, Bienchen wiegt sich im Sonnenschein, spielt um mein Kindelein, summt dich in Schlummer ein, süßes Gesicht.

Spinnchen, Spinnchen flimmert im Sonnenschein, schlummre, mein Kindelein, spinnt dich in Träume ein, rühre dich nicht.

Tief-Edelinchen schlüpft aus dem Sonnenschein, träume, mein Kindelein, haucht dir ein Seelchen ein: Liebe zum Licht.

Indianischer Wiegengesang

Auf dem Flusse Jukon streift der Wind; und mein Hausherr jagt das Renntier auf den Bergen Boojukon. Xami, Xami: schlaf, mein Kind, schlaf, mein Kleiner, schlafe.

Der Herd ist kalt, das Brennholz all verbrannt; zerbrochen ist mein Beil, mit meinem Hausherrn wandert das andre durch den Wald. Ach, und die Wärme der Sonne schläft in der Höhle des Großen Bibers, wo sie auf den Frühling wartet. Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind; schlaf, mein Kleiner, schlafe.

Suche keine Fische, Alte, lange ist der Kasten leer; selbst der Rabe kommt nicht mehr, der sonst jeden Tag drauf hockte. Ach, seit wieviel Nächten bin ich schon allein! In die Berge ging mein Hausherr; könnt ich bei ihm sein! Xami, Xami, schlafe; nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind.

Wo ist Der in diesem Augenblick, den ich über alles liebe? Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange! Warum bleibt er so sehr lange, warum kehrt er nicht zurück?! Wenn er heut nicht kommt, werd’ ich doch noch gehen, in die Berge gehen, meinen lieben Herrn mir suchen gehen! Schlaf, mein Kleiner, schlafe; Xami, schlaf, mein Kind.

Hh --! da kommt der Rabe. Wie er krächzt! So hohl. Wie er lacht! So höhnisch. Warum lacht er wohl? Und sein Schnabel glänzt naß und rot von Blut, und sein böses Auge funkelt Haß und Wut. Warum lachst du, Rabe? Xami, schlaf, mein Kind.

„Mich freut noch, Frau, der frische Fraß, das saftige Fleisch, das prächtige Stück, das mir dein Herr zu schmecken gab. Schlafend lag er sanft im Gras, da kam der Rab, da nahm der Rab; ja, ganz sanft im Grase lag er!“ Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind; schlaf, mein Kleiner, schlafe.

„Ja, zwanzig Renntierzungen trug er auf seiner Schulter; blos Er hat keine Zunge mehr im Munde, den Namen seiner jungen Frau zu rufen. Raben, Krähen und Füchse zanken um seine Beute; ja, ganz sanft im Grase schläft er, sanfter als das Kind, Frau, das an deinem Herzen schläft!“ Xami! Xami! Ach --

„Raben, Krähen und Füchse zanken um einen Fetzen von dem Leichnam deines Herrn. Ja, ganz sanft im Grase liegt er, und sehr hart, sehr zähe war er doch im Leben; wohl viel härter, zäher als des Kindes Leben, Frau, das an deinem Herzen liegt!“ Xami! schläfst du? Xami?! Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind.

Ach -- -- o da! da kommt er, kommt mein Herr, mein geliebter! ganz mit Beute beladen, müde kommt er den Berg herab. Hui, nun hurtig, Alte, hole Holz zum Spalten, sieh, mein Müder lacht! Und der Rabe, der Lügner, was für Augen der macht! Xami, aufgewacht! auf, du kleiner Schläfer, komm, dein Vater lacht!

Sieh, er bringt uns Renntierfelle, bringt das schöne süße Markfett, bringt uns frisches Wildpret mit. Und für dich, mein Liebling, hat er gar geschnitzt ein Spielzeug aus den glatten Renntierknochen. Matt und abgehetzt lag er fern am Bergabhange gestern. Aber jetzt: sieh nur, wie der Rabe bange sich vor seinem Pfeil versteckt! Ja, wach auf, du Schläfer, komm und lache mit mir! Auf, mein kleiner Wildfang, jauchze, dein Vater ist hier!

Adlerschrei

Schwere Tage schwanden, seit ich zu dir stieß, all im Flug bestanden, von den Hügellanden her durch Stürme auf dies Bergverlies.

Mit erprobten Schwingen hocken wir im Nest, sehn die Wolken ringen, fast zum Herzzerspringen warm an unsre junge Brut gepreßt.

Und ich darf nicht fragen: ist dir das genug? darf nur Sehnsucht tragen nach den schweren Tagen: hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug!

Eröffnung

Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied. Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele, daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied, der Geist der alten und der neuen Ziele.

Der duldet nicht in seinem weiten Bann die allzu häuslich eingeengten Klänge; und manchmal wandelt eine Pein mich an, als ob ich fehl von unsern Freuden sänge.

Denn Meine Sprache ist für Alle da. Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen, was rein in Blicken zwischen uns geschah, ist eine Sprache, die nur wir verstehen.

Dritter Abschnitt

*

Weihspruch

Klage und juble, Dichter, wie du willst; das wirkt Seele ins All, du bist Gott. Aber beklage nicht! bejuble nicht! nichts! Du bist Gottes Werk; brüste dich nicht!

Nachruf an Nietzsche

Und es kam die Zeit, daß Zarathustra, auferstanden, aus seiner Höhle niederstieg vom Berge; und viel Volkes küßte seine Spuren. Der Jünger aber, der ihn liebte, stand von ferne, und der Meister kannte ihn nicht. Und der Jünger trat zu ihm und sprach: Meister, was soll ich tun, daß ich selig werde? Zarathustra aber wandte sich und schaute hinter sich, und seine Augen wurden fremd, und gab zur Antwort: folge mir nach! Da ward der Jünger sehend und verstand den Meister: folgte ihm +und verließ ihn+.

Als er aber seines Weges wanderte, ging er in sich und sprach also zu seiner Sehnsucht:

Wahrlich, Viele sind, deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras, und im Herzen beten sie zum Gotte Tamtam; allzu früh erschien er diesem Volk. Seinen Adler sahen sie fliegen, der da heißt der Wille zur Macht über die Kleinen; und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust, die Schlange Klugheit. Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind, die da heißt der Wille zur Macht über den Einen: den Gott Ich. Wiedergeburten feiern sie und Wiedertaufen aller Götzen, aber Keiner wußte noch sich selber zu befruchten und seinem Samen jubelnd sich zu opfern. Der Du Deinen Opferwillen lehrtest, fahr denn wohl! gern hätt ich dir dein letztes Wort vom Mund geküßt, du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes. +Aber wir leben+,

und mancher Art sind die Sonnenpfeile und Blumengifte des fruchtbaren Todes. Ach, daß dein Jünger dir zu spät erschien! --

Glockenklänge an Bismarck

Am Tage seiner Amtsenthebung 20. März 1890

Glocken, Glocken, wir Mund der Macht, oft wehklagten wir dem Donner, oft frohlockten wir dem Flammensturm; heut, Volk, frohlocken, heut, Bismarck, klagen wir dumpf Euch! aber immer, Glocken, dröhnt aus unserm Mund die Macht.

Immer hungrig, tief auf nach Opfern stöhnt der Mund der Macht. Doch auch immer öffnet weit zu hohen Jubellauten dann den Mund die dunkle Mutter; denn noch immer zeugt sich, zeugt sich Opfer dann unerschöpflich jung die Kraft der Macht.

Nur ein Hauch, kommt und rührt der Lockruf der erhabnen Mutter die Erkornen. Und empor, sturmgleich, ihrem Schooß zu, folgen sie gebannt und wachsen zu den Wolken, folgen sie und wankend bebt der Boden; und sie fallen.

+Einem+ Schooß entsprungen, +einem+ Muttergrunde, rollt der Strom und quoll der Glutblock, der erkaltend -- seht! -- den Stromlauf staut. Hingetürmt, schroff, stolz im Wege der empörten Flut, starr thront das Lavahaupt, lagert die gewaltige Sohle: seht! starrer immer, nur gewaltiger noch von der Wucht der Brandung eingebohrt dem Grund, der beide schuf. Aber aufgebäumt nun: wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom, seht, wuchtiger immer, und es wankt die Sohle, wankt das starre alte Haupt, das zur Macht die Kraft der Stromflut stauend hob.

Horcht! Dumpfhin krachen, hochauf rauschen jäh verworrne Jubelklagelaute. Horcht in Ehrfurcht: heut gefallen, weicht der Macht ein Opferzeuge.

Ruhe, ruhe, Bismarck, graue Klippe du! rolle, rolle, Volk, du aufgewühlte junge Stromflut! bald versprüht eurer keuchenden Umarmung dumpfe Wut, ausgerungner Opferkampf. Denn auch Er, der heute übers alte Haupt dir, du Gestürzter, hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist: ja, ein Schaum nur sprüht er, der die Stromflut, die empörte junge Stromflut krönt.

Doch wohin, wohin nun -- fragst du schwer -- stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut?

Lausche, du Erlauchter, der du selbst mit Kronen spieltest, selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest, der du mit umwölkter Stirne nun im abendstummen Park die dunkeln Lebensbäume siehst vom schwachesten Lufthauch schwanken: lausche nur den fernen Glocken, Sohn der dunkeln, immer jungen, nimmer satten Mutter Du: der Macht! --

Vor Sonnenaufgang

Propheten der Sonne, der Morgen graut! Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen und beklagt euch über die Nachtdünste? Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte, und ihre Flügel funkeln schon! Sie beschämen eure Menschengedanken, ihr Bettler um das ewige Licht; ich hasse eure Art Morgengrauen!

Freilich, in einsamen Nächten, wenn der Gedanke ein Scherflein gilt und die schwärmende Seele Millionen verschenkt, wenn ich mit traumheißen Augen über die Dächer Berlins hin die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe, wenn ich ein schmelzendes Erz bin im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst: ja, dann lieb’ich euch alle, möcht euch alle umarmen, helft ihr doch alle uns treiben, alle dem Licht entgegen drängen, dem immer lockenden Licht der Zukunft.

Aber die Zukunft beginnt schon: mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie, und ist da, wenn ihr sie bringt! Propheten der Sonne, was säumt ihr? --

Humane Epistel auf deutsche Art