Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Part 3

Chapter 33,506 wordsPublic domain

Das Rosenstöcklein sieht in Flor; o Gärtnerin, wie blüht’s empor! Sie hat ihr Pförtlein zugemacht. Tiefe Nacht.

Die schönste Rose in der Hand; ein Knösplein saß am Blütenrand. Es lugt sie an im Traum und lacht: Süße Nacht.

Es lugt nach ihren Lippen hin; wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin! Genieße doch die Blütenpracht! Gute Nacht!

Überraschung

Über die grauen Dächer weg, hoch hier oben, durch die langen roten Nelken, die vor meinem offnen Fenster leise zwischen mir und dem blauen Abendhimmel schwanken, will mein Herzschlag mit meiner Seele hinaus, hinauf.

Um die höchste goldene Kirchturmkugel, im letzten fernen Lichte, mit hellen Flügeln, zieht ein Taubenschwarm eilende Kreise über dem Hause meiner Geliebten.

Aus dem blassen Westen dringt der erste Stern und überflimmert scheu den lauten Dunst und trüben Lärm der großen Stadt hier unten, wie der erste blinkernde Traumgedanke aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen in der Seele des Müden taucht -- da klopft es.

Klopft und ist auch schon im Stübchen, sitzt mir auf dem Diwan gegenüber, sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem, nur das lose Ringelhaar, nur die Lippen und die rote Bluse auf dem jungen, warmen, raschen Busen; und ich sage auch nichts.

Ihre bangen Augensterne wagen in der stummen Dämmerung des Stübchens hoch hier oben einen süß beredten Evablick nach den langen roten Nelken hin: o, ihr Augen -- --

Und ich angle nach ihr mit den Beinen, diesen Perpendikeln meines Herzens: Kleine, merkst du, was die Uhr geschlagen hat? --

Herrliches Pärchen

Nein, wie sind wir herrlich beide! ich mit meinem Räubersinn, du in deinem Jägerkleide! Sonntag gehn wir auf die Haide, süße Lüneburgerin!

Zwanzigtausend Schafe schauen immer wieder nach dir hin. Huch! sie ließen gern sich krauen, und die Lerche juchzt im Blauen: süße Lüneburgerin!

Bis sich Nacht und Nebel ballen; ach, dann senken wir das Kinn. Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen; huh, dann wirst du überfallen, weil ich doch dein Räuber bin!

Brav im Grabe schläft der Hüne; hussa, falln wir auf ihn hin. Denn du bist ja meine kühne süße Lüneburgerüne, meine wilde Jägerin!

Empfang

Aber komm mir nicht im langen Kleid! komm gelaufen, daß die Funken stieben, beide Arme offen und bereit! Auf mein Schloß führt keine Galatreppe; über Berge gehts, reiß ab die Schleppe, nur mit kurzen Röcken kann man lieben!

Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß! Einsam ist die Nacht in meinem Walde, und am schönsten bist du blaß und bloß, nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne; trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne, und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.

Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt! rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde; o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt! Komm, ich trage dich, du wildes Wunder: wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder! und dein Brautbett ist die ganze Erde.

Nicht doch

Mädel, laß das Stricken, geh, tu den Strumpf bei Seite heute; das ist was für alte Leute, für die jungen blüht der Klee! Laß, mein Kind, komm, mein Schätzchen; siehst du nicht, der Abendwind schäkert mit den Weidenkätzchen! --

Mädel liebes, sieh doch nicht immer so bei Seite heute; das ist was für alte Leute, junge sehn sich ins Gesicht! Komm, mein Kind, sieh doch, Schätzchen: über uns der Abendwind schäkert mit den Weidenkätzchen! --

Siehst du, Mädel, wars nicht nett so an meiner Seite heute? Das ist was für junge Leute, alte gehn allein zu Bett. Was denn, Kind? weinen, Schätzchen? Nicht doch! sieh, der Abendwind schäkert mit den Weidenkätzchen! --

Das alte Lied

Die Rosenknospe gab sie mir, ein weh Lebwohl klang nach; ich wollte lächeln, als ich ihr dafür ein Lied versprach.

Ihr stand ein Tränchen im Gesicht, und lächeln wollte sie auch; doch lächelten wir beide nicht, das ist so Abschiedsbrauch.

Jetzt lächel ich in einem fort, und ihr ist nicht mehr weh; die Rosenknospe ist verdorrt, das Lied ist aus -- juchhee!

Die Heimkehr

Nach einem französischen Volkslied

Der Seemann kommt vom Krieg zurück, so sacht; verbrannt so sehr, verstaubt so sehr -- „Wo kommst du, armer Seemann, her? so sacht, so sacht?“

Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück, so sacht. Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn? Der Seemann muß bald weitergehn! so sacht, so sacht.

Der wackre Seemann sitzt und trinkt, so sacht. Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas; der Wirtin werden die Augen naß, so sacht, so sacht.

Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt! so sacht? Tut Euer weißer Wein Euch leid? Der Seemann ist zum Gehn bereit! so sacht, so sacht.

„Mein weißer Wein tut mir nicht leid, so sacht; mein toter Mann kam mir in Sinn, Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn, so sacht, so sacht.“

O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt, so sacht: zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr von Euerm Mann -- nun seh ich vier?! so sacht, so sacht?

„Man hat mir manchen Brief geschickt, so sacht, und zeigte seinen Tod mir an, da nahm ich einen andern Mann, so sacht, so sacht.“

Der wackre Seemann leert sein Glas, so sacht. Und ohne Dank, mit schwerem Blick, ging er zu seinem Schiff zurück, so sacht, so sacht.

Zuflucht

Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher, dicht umdunkelt rings von Weidenruten, breitet eine Pappel ihre schwanken Zweige nickend über Schilf und Fluten.

Seltsam heimlich ists an diesem Orte; schon als Knabe hab ich hier gesessen und mich ausgeweint im Schutz der hohen Binsen und mein junges Leid vergessen.

Wieder starr’ich in das schwarze Wasser, aber keine Träne will mir kommen; nur die schwanken Pappelzweige seh ich dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.

Sommerabend

Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur; fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert, im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur, ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.

Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton, der Hirte sammelt seine satte Herde; im stillen Walde steht die Dämmrung schon, ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde.

Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm, die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden; nur noch die Grillen geigen ihren Psalm. So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!

Morgenandacht

Sehnsucht hat mich früh geweckt; wo die alten Eichen rauschen, hier am Waldrand hingestreckt, will ich Dich, Natur, belauschen.

Jeder Halm steht wie erwacht; grüner scheint das Feld zu leben, wenn im kühlen Tau der Nacht warm die ersten Strahlen beben.

Wie die Fülle mich beengt! so viel Großes! so viel Kleines! wie es sich zusammendrängt in ein übermächtig Eines!

Wie der Wind im Hafer surrt, tief im Gras die Grillen klingen, hoch im Holz die Taube gurrt, wie die Blätter schauernd schwingen,

wie die Bienen taumelnd sammeln und die Käfer lautlos schlüpfen -- O Natur! was soll mein Stammeln, seh ich alldas +Dich+ verknüpfen:

wie es mir ins Innre dringt, all das Große, all das Kleine, wie’s mit mir zusammenklingt in das übermächtig Eine!

Im Regen

Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter; mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen. Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter; die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen.

Der Himmel brütet im verwaschnen Laube, als würde nie mehr Licht nach diesem Regen; nun kann er endlich, ungestört vom Staube, das Los der Erde gründlich überlegen.

Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere: kein Fünkchen Freude, keine Spur von Trauer. Und immer steter schwemmt sie mich ins Leere: kein Staub, kein Licht mehr -- grau -- und immer grauer.

Einkehr

Nach Verlaine

Das Glöckchen überm Dache da tönt heut so weise. Das Bäumchen überm Dache da bewegt sich leise.

Der Himmel überm Dache da steht klar und stille. Die Lerche überm Dache da singt: es gescheh dein Wille.

Mein Gott, wie liegt das Dasein da: wie Ruhebetten. Und da, die ferne Unruh da kommt aus Werkstätten.

O Du, o Mensch -- Du da, Du da mit deinen Klagen! was hast du angefangen, Mensch, mit deinen Jugendtagen?!

Lied Kaspar Hausers

Nach Verlaine

Ich kam so fromm, ein Waisenkind, das nichts als seine stillen Augen hat, zu den Leuten der großen Stadt; sie fanden mich zu blöd gesinnt.

Mit zwanzig Jahren ward ich klug und fand die Frauen schön und gut; sie nennen das die Liebesglut. Ich war den Fraun nicht schön genug.

Ohne Vaterland und Königshaus, und wohl auch kein sehr tapfrer Held, wollt ich den Tod im Ehrenfeld; der Hauptmann schickte mich nach Haus.

Kam ich zu früh, kam ich zu spät in diese Welt? was soll ich hier! Ach Gott, ihr lieben Leute ihr, sprecht für den Kasper ein Gebet!

Heimat

Und auch im alten Elternhause und noch am Abend keine Ruh? Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause der hohen Pappeln draußen zu.

Und höre sacht die Türe klinken, Mutter tritt mit der Lampe ein; und alle Sehnsüchte versinken, o Mutter, in dein Licht hinein.

Zweiter Abschnitt

*

Tief von fern

Aus des Abends weißen Wogen taucht ein Stern; tief von fern kommt der junge Mond gezogen.

Tief von fern, aus des Morgens grauen Wogen, langt der große blasse Bogen nach dem Stern.

Der Herr der Liebe

Nach Dante

An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde der Himmelsmächte dient in Erdentalen und willig dartut, was sie anbefahlen, ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde.

Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde, da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen, und vor mir stand der Herr der Liebesqualen, sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde.

Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen, hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen schlief meine Herrin, blaß, in rotem Leinen.

Er weckte sie, und ließ sie von dem kleinen und völlig glühenden Herzen schüchtern essen. Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.

Läuterung

Wie mit zauberischen Händen greifen Träume in mein Leben, will ein altes sich vollenden, will ein neues sich begeben.

Eine Flamme sah ich lodern hoch und rein aus goldner Schale, und die Flamme schien zu fodern: wirf dein Leid in diese Schale!

Und anbetend hingezwungen, fühlt ich Gluten mich umfangen; rauschend küßten ihre Zungen mir die Augen, Stirn und Wangen.

Und ich fühlte hell vergehen all mein Leid mit einem Male, rauschend mich als Flamme wehen selber in der goldnen Schale.

Wie mit zauberischen Händen greifen Träume in mein Leben. Will ein altes sich vollenden? will ein neues sich begeben?

Pfingstlied

Die Akazien blühen jetzt wie gebenedeiete Jungfraun. Wieder hebt sich mein Gesicht ihrem reinen Geruche zu, ins Morgenlicht.

Und auch Dich dort oben, weiße Taube du, die wie gestern zwischen ihren grauen Schwestern glänzt und kreist: Alles erfüllt mein heiliger Geist.

Jetzt und immer

Seit wann du mein -- ich weiß es nicht; was weiß das Herz von Zeit und Raum! Mir ist, als wärs seit gestern erst, daß du erfülltest meinen Traum,

mir ist, als wärs seit immer schon, so eigen bist du mir vertraut: so ewig lange schon mein Weib, so immer wieder meine Braut.

Allgegenwart

Du gehst nie von mir, ich bleibe bei dir; denn du bist in mir fern wie nah.

In jedem Herzschlag, der mich belebt, bist du’s, die mit mir durchs Leben strebt.

Mit jedem Atemzug, der mir die Seele klärt, fühl ich, wie deine Seele mich nährt,

die mir allinnerlich Seele der Welt ist, in Allem such ich dich, du Welt mit mir!

In Allem find ich dich: dich in dem bangen Hinausverlangen des Winds im Wald,

dich in dem Widerstreit der Blätter über mir, dich in der Innigkeit der Gräser hier,

dich in der Wolke dort, aus der die Sonne quillt, wie du so lauter, so warm und mild,

dich in der Träne, die jetzt von Herzen still aus meinen Augen zu dir will.

Waldseligkeit

Der Wald beginnt zu rauschen, den Bäumen naht die Nacht; als ob sie selig lauschen, berühren sie sich sacht.

Und unter ihren Zweigen, da bin ich ganz allein, da bin ich ganz mein eigen, ganz nur dein.

Die Getrennten

Nie mehr bin ich allein, gleich bebt in mir deine Stimme: Du, wie ist dir ums Herz? Du, wie ist dir ums Herz?

Wie dem Schwanenpaar damals, das wir beim Nestbau belauschten, Beide wie Ein Herz bewegt, Beide wie Ein Herz bewegt.

Oh, jetzt bin ich allein, jetzt bebt in mir deine Stimme: Oh, wo bist du, mein Herz? Du, wo bist du, mein Herz!

In Sehnsucht

Jüngling:

Möcht es hassen, dies Sehnen ohne Maßen. Weiß nicht, was ich tun will; weiß nicht, ob ich ruhn will. Jetzt alles tragen und stolz verzagen, jetzt alles wagen und zu ihr jagen. Ein träges Hasten selbst mein Gang, ein blödes Tasten von Drang zu Drang, ein Sehnen ohne Maßen. Möcht es hassen; ach, aber bin so glücklich drin.

Mädchen:

Möcht ein Lied dem Liebsten singen, daß er tief ins Herz mir sieht. Doch es will mir nicht gelingen, alles in mir stockt und flieht.

Ob ich nur das Wort verfehle? ob zu Ihm gleich alles flieht? Aber meine ganze Seele ist ein einzig Sehnsuchtslied.

Deine Nähe

Zitternd bin ich aufgesprungen, glühend, mit dem Tageslichte, dir zu singen die Gedichte, die ich dir im Traum gesungen.

Nie ertönte Innenklänge, zauberzarte, weiche, milde; nie vernommne, heiße, wilde, heilig brausende Gesänge.

Und sie alle, alle rauschten Deinen, immer Deinen Namen, bis des Erdballs Völker kamen und auf deine Ankunft lauschten.

Kamen aus den fernsten Landen, sprachen wohl in allen Zungen; doch von Dir, von Dir bezwungen, haben alle mich verstanden.

Eines nur der tausend Lieder, eines nur noch einmal singen: ewig würd’es weiterklingen! Ach, ich finde keines wieder.

Stumm im Herzen nur ein Schauern, nur ein brennendes Verzagen, ein Verlangen und ein Fragen: Komm! was läßt du mich so trauern?!

Der Bräutigam

Mein tolles Herz, ich leg auf dich die Hände. Nun träum dich an ein sonnig fern Gelände, da deckt man dich mit stillen Blumen zu. Da lauscht eine Mutter dem Ruf der Morgenglocken und glättet einer Braut die wirren Locken und bittet dich: gib Ruh, gib Ruh.

Ansturm

O zürne nicht, wenn mein Begehren brausend aus seinem Dunkel bricht. Soll es mich selber nicht verzehren, muß ich’s aussprühn! ans Licht, ans Licht!

Fühlst ja, wie all mein Innres brandet. Und wenn herauf der Aufruhr bricht, jäh über deinen Frieden strandet, dann bebst du -- aber zürnst mir nicht.

Nachtgebet der Braut

O mein Geliebter -- in die Kissen bet ich nach dir, ins Firmament! O könnt ich sagen, dürft er wissen, wie meine Einsamkeit mich brennt!

O Welt, wann darf ich ihn umschlingen! O laß ihn mir im Traume nahn, mich wie die Erde um ihn schwingen und seinen Sonnenkuß empfahn

und seine Flammenkräfte trinken, ihm Flammen, Flammen wiedersprühn, oh Welt, bis wir zusammensinken in überirdischem Erglühn!

O Welt des Lichtes, Welt der Wonne! O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual! O Traum der Erde: Sonne, Sonne! O mein Geliebter -- mein Gemahl --

Ballnacht

Prunkende Klänge, Tanz und Geflirre; stumm im Gedränge steh ich und irre. Steh ich und starre, suche nach dir, und weiß und weiß doch, du bist nicht hier.

Alle die Blicke, was sie wohl plaudern, die Händedrücke, die Hast, das Zaudern. Immer verworrener, wie im Traum, fremder und fremder rauscht der Raum.

Köpfe wiegen sich, Füße schweben, Arme biegen sich; sinnlos Leben. Sterbende Blumen, weh tuendes Licht, seltne Juwelen, nur Seelen nicht.

Wie blaß die Sterne durchs Fenster blinken! O könnt ich ferne jetzt hinsinken mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir, die du im Traum noch fühlst mit mir!

Entweihung

Wage selber kaum verstohlen deinen Namen mir zu stammeln; ist mir immer doch, die Menschen müßten sich zur Andacht sammeln.

Und ich muß es höflich leiden, muß mich wie ein Fant betragen, wenn die fremdesten ihn nennen und mich schamlos nach dir fragen,

mit denselben Lippen fragen, die vor jedem Knecht sich blähen, die um jeden Wicht scharwenzen, die auf jeden Echten schmähen.

Fort! still fort -- ich will dein Dulden nicht mit meinem Ekel kränken; will zu meiner Mutter flüchten, ganz in Reinheit an dich denken.

Landung

Mein weißer Schwan vor mir, noch ziehn wir leise auf dunkler Flut durch unser Morgengrauen, zur blassen Ferne, wo die Wellenkreise dem jungen Tage hoch entgegenblauen.

So lassen wir uns tragen, weiter tragen, und golden wird der dunkle Wasserbogen, bis wir die seligen Inseln sehen ragen im Glanz der Frühe aus den stillen Wogen.

Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln, der Nachen säumt, wir sind am Heimatlande; da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln und steigst hinauf mit mir zum hellen Strande.

Und von den Höhen wird ein Singen wehen, die Bahn zum Licht zu weisen auch den Brüdern, und durch die Tiefen wird ein Klingen gehen von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern.

Die Illusion

Nach José Zorrilla

Was ist die Freude, das Glück, das Leben ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm! Eine Straße, endlos, öd, uneben: immer müder wird dein Pilgertum.

Gieb mir Melodieen -- oh, nur eine: wiege das Herz in Träume, wenn es schreit! und dir wachsen ewige Marmorsteine aus der Asche der Vergangenheit.

Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen; ein Diadem zieht strahlend vor mir her. Was tuts, ein Leben wie ein Bettler tragen, wenn man stirbt wie Pindar und Homer!

Gebet an die Geliebte

Meine Hoffnung du, nun hilf mir hoffen! Schleicht der Winter schon in unser Leben, das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen? Sahn wir darum einen Himmel offen, nur um Grabesziele anzustreben?

Hilf mir glauben! Nimm mir nicht den Segen, daß ich Ein Herz durch mich glücklich wisse! O, es geht sich schwer auf meinen Wegen: ewiges Eis starrt von den Höhn entgegen, und im Abgrund gähnen Finsternisse.

Drum von Liebe still! Wer kann sie sagen. Laß mich fühlen, fühlen, daß die Gluten auch in Dir empor zu Flammen schlagen, in der Lohe uns gen Himmel tragen, und das Eis zerschmilzt in Lavafluten!

Der Wunschgeist

Und wieder saß ich spät mit mir allein, im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend, und wußte nichts von mir; ein krasser Wust von Wünschen, schwirrt ich vor mir selbst im Kreis und sah die Wunschgespenster sich verknäueln, sich würgen und sich fressen und in Qual und zuckender Wollust mit einander paaren, um neue Ausgeburten zu gebären. Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger in meine heißen Augenhöhlen fuhren, daß ich aufwankte aus der Schwelgerei. Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin, und stand und atmete die sanfte Nacht.

Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her Berlin -- mit seinen Dächern, seinen Türmen, Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen heraufgebaut ins fahle Blau, als langte aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin und reckte alle Finger bettelnd hoch: nur leben will ich, leben, atmen, essen!

Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche, die ungestillten, unter allen Mauern, wie Würmer einer schattenvollen Gruft; hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln ins Grab sich trommelte auf nackter Diele, die Not, die schamlos durch die Straßen strich, das Elend, das im Flitterputz sich narrte. Und ich erschrak, wie winzig +meine+ Not; und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos, trieb mich zurück in meine Einsamkeit. Und trübe saß und starrt ich in die Lampe, und trüber noch auf meinen Schatten, der verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend, und starrte -- und entsetzte mich: der Schatten bewegte, drehte sich, und kam und schwebte, und neigte sich vor mir, und winkte mir, und eine Stimme tönte tief und hohl: „Komm. Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue.“

Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste. Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer, der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt; in seine Spuren trat ich wie gebannt, da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf. Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs, und aus der Maske scholl es schwer und dumpf: „der Tempel der Erfüllung“ -- daß ich bebte, von ungewissen Schauern angefaßt.

Da tönte wieder die vermummte Stimme: „drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!“ und rasselnd sprang die Pforte oben auf. Und grübelnd starrt’ich in die dunkle Öffnung; mir war, als wogten die Milliarden Wünsche des Erdballs drin, die ungestillten alle. Von Scham und Zorn erglüht ich, strafen wollt ich den höhnischen Versucher, selig rief ich: So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden erfüllt sein jedem Einzigen! -- „Jedem Einzigen“, gleichgiltig sprach es der im Mantel nach.

Und rückwärts deutete der Ungerührte dem Saum der Wüste zu; der regte sich, und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel, als schwärmten ferne Geier um ein Aas. Und fort vom Horizont her schob sichs schwärzlich wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll, schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte und wickelte sich tosend auseinander und auf uns zu, die Ebne überströmend wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher und immer näher schwolls und schüttete sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun. Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten und keuchend ritten; und da schossen schon die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend, hinauf den Abhang und hinauf die steilen Stufen der Tempeltreppe, ihnen nach der Unzählbaren brausendes Gewühl. Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier; doch unbewegt stand neben mir mein Führer.