Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 2
„Verdammt zum Höllenfeuer, zum Tod am Strick, sitz ich und lache euer! Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange, den häng ich auf an der Segelstange, vielleicht von seiner eignen Brigg! Und wenn ich falle: was ist das Leben! Hab es schon damals verloren gegeben, als ich die Kette brach, als ich, ein Held, mir schuf mein eigen Recht, mir meine Welt. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer.
„Melodieen wie brausend Orgelgewühl spielt mir im Nachtsturm, sausend, meiner geschüttelten Taue Gestöhne, meiner Kanonen Donnergedröhne und des schwarzen Meeres Gebrüll. Von ihren tobenden Liedern umschnoben, geh ich zur Ruhe, wogenumwoben, jubelnde Zungen rund um mich her, in Schlaf gesungen vom Meer, vom Meer. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Reich die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer!“
Im dunkeln Wasser hüpft der Mond, im Tauwerk rauft und pfeift der Wind; ein langer Silberstreifen rinnt breit durch die blaubewegte Flut. Und der Piratenkapitän lehnt schweigend hoch an Steuers Rand, links Asiens, rechts Europens Strand, tief in die Stirn gedrückt den Hut.
Mit zehn Kanonen, blank an Bord, mit vollen Segeln vor dem Wind, die flink wie Möwenflügel sind, streicht seine Barke durch die Flut: die Barke des Piratenherrn, auf allen Meeren ausgekannt von einem bis zum andern Strand, der „Hai“ getauft für seinen Mut.
An die Ersehnte
Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist und weil mich Gott mit dir züchtigen will, und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist wie in schmächtigen Pappeln im April.
Ich kenne dich nicht -- aber eines Tages wirst du im Sturm an meine Türe klopfen, und ich werde öffnen auf dies Klopfen, und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages an Deine zuchtlosen Brüste klopfen.
Denn ich kenne dich -- deine Augen glänzen wie Knospen, und du willst blühen, blühen, blühen! und deine jungen Gedanken sprühen wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen; und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen oder zerbrechen!
Im Fluge
Ganz in Eines flocht, o Gott, der Tanz unsre bang beseligten Gestalten; und ich sah, ihr schweres Haar war ganz von dem einen Silberpfeil gehalten.
Und da hob sich schon ihr Mund und bog sich mir dar mit bittendem Gefühle; willenlos ein Blick, und im Gewühle blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog.
Und sie senkte tief ihr heiß Genick, plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen; und ich habe diesen Augenblick, den mir Gott gegeben hat, genossen.
Entzückung
Hab ich schon mit dir gespielt, als wir Kinder waren, scheu um Nachbars Ecke geschielt nach deinen flirrenden Haaren?
Wenn mich nur dein Atem streift, fühl ich uns durchs Haidekraut springen; wenn mich deine Hand ergreift, möcht ich mit dir ringen.
Bist du doch so schlank und schmeid, daß ich Tag für Tag sinne: Spielst du mit mir Engelsmaid oder Frau Teufelinne?
Denn in Nächten, da schwing ich dich flügeltraumwild um hohe Feuer: O, umschling, umschlinge mich, glühendes Abenteuer!
Durch die Blume
Ich kann dir nicht die Blume nennen, der deine Seele gleicht. Sie müßte tief scharlachen brennen. Solche Blumen welken leicht.
Und wen ihr roter Liebreiz bannt, der möchte sie verjüngen und muß tief herum den Sand mit seinem Blute düngen.
Entbietung
Schmück dir das Haar mit wildem Mohn, die Nacht ist da, all ihre Sterne glühen schon. All ihre Sterne glühn heut Dir! du weißt es ja: all ihre Sterne glühn in mir!
Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild und knistert unter meiner Glut; und wenn die schwillt, jagt sie mit Macht die roten Blüten und dein Blut hoch in die höchste Mitternacht.
In deinen Augen glimmt ein Licht, so grau in grün, wie dort die Nacht den Stern umflicht. Wann kommst du?! -- Meine Fackeln lohn! laß glühn, laß glühn! schmück mir dein Haar mit wildem Mohn!
Ihr Wunsch
Nach Pierre Louys
Manche hüllt sich in weiße Wolle. Manche ziert sich mit Seide und Gold. Manche schmückt sich mit Blumen, mit grünen Blättern und Früchten.
Ich, ich möchte nur nackt leben. Nimm mich, Geliebter, wie ich bin: ohne Kleid, ohne Schmuck, ohne Schuhe: sieh, hier stehe ich, ganz nur ich!
Meine Haare sind schwarz von ihrem Schwarz. Meine Lippen sind rot von ihrem Rot. Meine Haut schimmert reizender als eine offne Muschel im Mondschein.
Nimm mich, wie meine Mutter mich machte in einer fernen Liebesnacht. Und wenn ich dir gefalle so, dann vergiß nicht, es mir zu sagen!
Die Umworbene
Nach Pierre Louys
Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt, einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist, samt den Denkmälern und der Kirche, dem Rathaus und der Steuerkasse.
Der Zweite hat mir Verse gemacht. Er hat gesagt, ich sei viel holder als eine Seerose im Morgenrot und scheuer als der Abendwind.
Der Dritte war so schön, daß seine Schwester sich umgebracht hat, weil er sie nicht mehr küssen wollte. Ich hätt ihm nur zu winken brauchen.
Du, du hast mir nichts gesagt. Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm. Und bist nicht schön. Aber dich liebe ich.
Der Rächer
Durch die schlafende Lagune zieht ein langer stiller Kahn seine Bahn; einsam zieht er durch das Dunkel, durch das sanfte Flutgefunkel, wie ein großer schwarzer Schwan.
Aber nun: im Zelt der Gondel fallen Worte schwer voll Glut. Und die Flut ebnet sich in weiten Kreisen; drohend wird der Ton der leisen Laute, und das Ruder ruht.
Donna Anna, deine Schwüre sind noch dunkler als die Nacht! Stolz verlacht hab ich Alle, die dich schalten, aber -- wenn sie Recht behalten: hüte dich! ein Rächer wacht!
„Liebster, willst du mich betrüben? Sieh doch: hab ich denn von Lust je gewußt, eh du diesen Leib berührtest, dies gescholtne Herz verführtest?“ sinkt sie ihm an Hals und Brust.
Sag mir -- will er herrisch wehren, aber an ihm liegt sie dicht: „Fühlst du’s nicht? Wie der Vogel in die Weiten, sehn ich mich nach Seligkeiten!“ hebt sie schmachtend ihr Gesicht.
Und er sieht und fühlt bezwungen ihrer Augen dunkle Macht; schwer und sacht rauscht ihr Kleid im Ampelschimmer, rötlich schwankt das Gondelzimmer, Küsse stöhnen durch die Nacht.
Und sie unterdrückt ein Lachen: wie er von ihr trunken ist, sich vergißt! Doch ihr Spott ist kaum verflogen: wütend über sie gebogen sieht er ihre Dirnenlist.
Und ein Ringen. Und ein Keuchen. „Gott, Erbarmen“ -- bricht ein Schrei dumpf entzwei. Hohl ein Brodeln im Kanale. Stille wirds mit einem Male. Furchtsam flüstert er: Vorbei.
Flüstert’s furchtsam wie im Traume, küßt im Traume ihren Mund weinend wund, hört sie um Erbarmen flehen, und als könnt er sie noch sehen, starrt er in den blauen Schlund.
In der dunklen Wasserschale sieht er ruhn den weißen Mond, ruhn den Mond, sieht er winken die versunknen weißen Arme und die trunknen Lippen, oh so lieb gewohnt.
Und nun öffnet sie die Augen, und von tiefer dunkler Macht schwer und sacht fühlt er sich hinabgezogen, sinkt er in die warmen Wogen, schließt sich über ihm die Nacht.
Durch die schlafende Lagune wie ein großer schwarzer Schwan irrt ein Kahn. Willst du auf den Leuchtturm klimmen, siehst du fern ein Ruder schwimmen auf der glatten Wasserbahn.
Die Tochter der Sonne
Noch war Polen nicht verloren, Warschau schwirrte von Maskenfesten. Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen um die Gunst der Damen in den Palästen. Oder sie tranken den edlen Wein gegen die edle Herzenspein unter den goldgestickten Westen. Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten sprachen von Wettern, die Polen umstarrten -- da erschien die Tochter der Sonne.
Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön, als Aurora frisiert mit Brillanten. Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön als Diana, in Brüsseler Kanten. Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett tanzte wieder wunderbar Menuett mit den andern Beautés und Charmanten. Aber Franziska Krasinska war schöner als sie; frei von Locken umströmt bis an die Knie kam die Tochter der Sonne.
Sie hatte geträumt von dem weißen Aar, der Polens Schild retten würde; und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar, und der Vogel trug leicht die Bürde. Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt, nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt und mit ihrer Jungfraunwürde. Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr, dem armen Fräulein von Sandomir -- O, du Tochter der Sonne!
Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur, deine keusche Stirne damit zu schmücken! Und sie hörte scheu den artigen Schwur und floh in den Park vor Entzücken. Sie hörte ihn ewige Treue lallen, nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen, und am Weiher tanzten die Mücken. Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach, bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach; o! wie strahlte die Tochter der Sonne.
Sie strahlte den ganzen Sommer lang, schon fegte den Park der Regen, da ward Seine Hoheit liebeskrank und bedräute sich selbst mit dem Degen. Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee, da raste ein nächtliches Mietcoupé dem Tempel Hymens entgegen. In geheimer Kapelle, so kalt sie war, kniete prinzliche Hoheit am Traualtar, kniete die Tochter der Sonne.
Wie glühte des Königssohnes Gesicht im fröstelnden Schein der Kerzen! wie glänzten in dem spärlichen Licht die geweihten wächsernen Herzen! Doch als er am dritten Morgen erwachte und als sie noch immer an Polen dachte, begann er gnädigst zu scherzen. Er steckte den Trauring ins Gilet und erhob sich gähnend vom Kanapee -- da erblich die Tochter der Sonne.
Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr, daß er Polens Schild retten würde. Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war, und trug wahrlich leicht seine Bürde. Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand, polnisch betteln gehn von Land zu Land um ihre Frauenwürde. Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe, wie eine entlohnte Kammerzofe, irrte die Tochter der Sonne.
Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz, Warschau klirrte von russischen Sporen, da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz: wohl war Polen, Polen verloren, doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf und schnitten die todkranke Brust ihr auf, und zwischen den Herrn Doktoren stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht: ~pauvre cœur, pauvre cœur~ -- sei die Erde dir leicht -- oh, du Tochter der Sonne.
Wollust
Nach Shakespear
In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt, roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last, meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut.
Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt; sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht, sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht, als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt.
Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl, maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst, erdürstet Überglück, genossen Dunst, verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual -- Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg: zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.
Ein Brandbrief
„Schöne und geliebte Dame“ -- wenn die Kühnheit uns erlaubt ist; oder, wenn sie nicht erlaubt ist, „Gnädiges, verehrtes Fräulein“ -- hehre Schwester in Apoll!
Höchst prosaisch, aber desto mehr gelesen ist das Prachtwerk, höchstens noch der Bildungs-Meyer ist in Deutschland mehrgelesner als dies Prachtwerk, drin wir eben mit dem großen Blick der Freude und mit kleinen Lettern Euer holdes Dichterheim entdeckten, nämlich im Adreßkalender: Numro dreizehn, Blühmkes Hof.
Ach, der Eine von den beiden höflichst Endesunterschriebnen kann den Sonntag nicht vergessen, jenen Sonntag, Donna Agnes, als wir unter den Akazien auf dem schmalen tiefen Sandweg, neben dem Kartoffelacker mit den vielen rosaroten abendlich beglänzten Blümlein, von den kleinen Kindern schwärmten, ganz besonders von den dicken, die Sie gern anbeißen möchten, ach, und dann auch von den großen, aber leider ziemlich magern Kindern, jenen unverblümten Liebesdichtern, die Sie, glaub’ich, auch am liebsten beißen möchten, ach, und von dem -- Herrn Major.
Nein, er wird es nie vergessen, nie und nimmer, dieser Eine. Und der Andre von den beiden höflichst Endesunterschriebnen hat vor Neid kaum essen können (achtzig Pfennig ~à la carte~) -- als ich einmal übers andre mein Erlebnis mit geschwenkter Gabel in die Lüfte malend „unvergeßlich, unvergeßlich“ schwurbereiten Mundes rief. Ach, der Ärmste, dieser Andre: melancholisch vor dem leeren Teller saß er, saß und knurrte durch den dicken, herbstlaubblonden, mittaglich bewegten Schnurrbart: „Teufel, war der Braten hart!“
Aber ich, ein Arzt für Seelen, die sich selbst nicht helfen können, winkte mit geschwungnem Messer einem schwarzgeschwänzten Bückling: „Kellner, bitte, das Rezeptbuch, nein, pardon, Adreßbuch mein’ich“ -- und so fand ich und verschrieb ich jenem Andern und mir selber: Numro dreizehn, Blühmkes Hof.
Donna Agnes, zwei Verlassne, die sich selbst nicht helfen können: denn des einen Liebesdichters Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich in ein Ostseebad verflüchtigt, und der andre mit dem dicken blonden Schnurrbart hat gar keine: zwei von Weib und Welt Verlassne flehen hier mit zwanzig Fingern um ein hilfbereites Herz.
Donna Agnes, Eures Namens keusche Schutzpatronin wird Euch mit viel tausend deutschen Lesern und noch deutschern Leserinnen einst zum Lohne benedeien: Donna Agnes, bitte, bitte, pumpen Sie uns hundert ℳ!
Wir verpflichten uns auch gerne, sie uns selber abzuholen, sie und Sie, und anstandshalber auch die Sonne mitzubringen, echte goldne Sonntagssonne, die auch Wochentags kann scheinen, einen ganzen halben Tag lang, in ein paradiesisches Gärtchen, wo es einen himmlischen Sekt gibt, wo wir Abends mit den Blättern um die Wette schwärmen können, mit den Blättern der Akazien oder auch der Roßkastanien oder des Kartoffelackers, von den kleinen dicken Kindern, +von+ den Kindern +wie+ die Kinder, nur nicht von dem -- Herrn Major.
Item: Eures Winks gewärtig, jedem Stephansboten fluchend, der nicht Botschaft von Agnesen, Botschaft und Entbietung bringt: liegen wir (Straubinger Straße, Numro fünfzehn, fünfte Treppe) Donna Agnes, hehre Schwester, ehrerbietigst hier auf unsern unverblümten Dichterknieen Dir zu Füßen: +Richard Dehmel+, +Detlev Freiherr Liliencron+.
Die zwölf sittsamen Gastwirte
Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron, den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron. Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute, war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“ in der windigsten Gegend der Nordsee.
Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession. Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten, mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten; weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird, wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt.
Da erhielt der Hardesvogt Liliencron eines Morgens eine Denunziazion: Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten, er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten. Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer, sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“.
Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron, kannte seine lieben guten Sittenwächter schon. Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ -- und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes: Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!
Alsdann ließ leutselig der Herr Baron den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person. Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen, er hörte wohl draußen die Möwen keifen, bis der nichts mehr wußte -- da sprach der Herr Hardesvogt: Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!
Und dann ließ der leutselige Herr Baron den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton. Er hörte wohl draußen über den Deichen die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen -- bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn, denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn!
Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron. Er hörte derweil wohl draußen im Grauen einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen -- bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte: Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien?
Und so hörte der Hardesvogt Liliencron alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person. Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen, da war die siebente Runde Grogk genossen, und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig.
Da erhob sich der deutsche Dichterbaron und sprach im königlich preußischen Regierungston: Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen, und somit tu ich hiermit demselben zu wissen: er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark -- Adjüs, miene Herrn! --
Da erhielt der Hardesvogt Liliencron nie wieder eine Denunziazion. Aber leider trat die hohe Regierung mit seinem Tanzbein in zarte Berührung; item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen, denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen. Alle! --
Eine gantz neu Schelmweys
Zu singen im Tone des weilandt Magistri Pfefferfraß
Wir Schelmbe sind ein feinen hauff, da kann kein HErrgott wider auf; die Welt ist voll von Unsern Preiß, seit Adam stahl im Paradeys. Hosianna!
Uns bleibt kein geldt in vnsern sack, Wir synd ein fürnemb Lumpenpack, Wir han das Allergrößt gefolg, kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch. Hurrra!
Zu nie keyn diensten taugen Wir als für dem Edlen Malwesier. Dem tun wir fröhnden, nimmer faul: ein jede Flaschen findt jr maul. Hoppla!
Wir han nit weib, wir han nit kindt, Wir sind die rechten Sausewind. Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein, die ander wird so süsser seyn! Eia!
Wir schieren umb kein pfaff uns nit, Wir han unß Eignen segen mit. Vnd pfeiffen wir am letzten loch: der TEuffel nimbt in Gnad vns doch! Sela!
Novemberfahrt
Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand ihr pelzvermummten Gaffer! Uns hat aus härterm Lehm gebrannt der Wein- und Weiber-Schaffer. Und wenn wir etwas zittrig sind und etwas rot die Nase, so meint nur nicht, das sei vom Wind: das Wetter steckt im Glase!
Wir fahren in die Welt hinein, wenns Uns gefällt und gut scheint; wir fahren in dem Sonnenschein, der unter unserm Hut scheint. Und wenn die olle Sonne sieht so junge Dreistewichte, dann wird sie gleich vor Angst verliebt und macht ihr schönst Gesichte.
Hurrah, Novembersonnentag, du Wunderwanderwetter, derweil am Herd das Zimperpack sich wärmt den Katterletter. Hurrah, so herb dein Reiz und Duft, so würzig und voll Schwere! Hurrah, ich schlürfe deine Luft, als ob es Rheinwein wäre!
Der brave Strubel
Unser Hofhund, Strubel heißt er, ist gar lobesam; nur die Ruhestörer beißt er, denen ist er gram.
Ach, er liefe gern den Katzen durch den Garten nach; bellt auch gerne nach den Spatzen auf dem Scheunendach.
Doch er muß darauf verzichten, folgsam seinem Herrn; denn er ist ein Hund mit Pflichten und gehorcht wohl gern.
Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt „hast es brav gemacht“ und das Kinn ihm gnädig streichelt, ists als ob er lacht.
Und wie schön kann Strubel springen und kann aufrecht gehn, kann Verlornes wiederbringen und kann Schildwach stehn!
Demut, Biedersinn und Treue sind in ihm vereint, und wir preisen stets aufs neue Strubel, unsern Freund.
Frecher Bengel
Ich bin ein kleiner Junge, ich bin ein großer Lump. Ich habe eine Zunge und keinen Strump.
Ihr braucht mir keinen schenken, dann reiß ich mir kein Loch. Ihr könnt euch ruhig denken: Jottedoch!
Ich denk von euch dasselbe. Ich kuck euch durch den Lack. Ich spuck euch aufs Gewölbe. Pack!
Fräulein Leichtfuß
Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn --
Nur zu! Laß nur die Leute stehn, die fremd und finster dich besehn, und lach sie aus, die Lastkameele!
Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst du fremd dich selbst an und erschrickst vor der Beladenheit der Menschenseele --
Magst du den Anblick leicht bestehn!
Zuspruch
Du rennst nach eignem Ziel und Sinn, da kommt das Leben angefahren und nimmt dich mit an Hirn und Haaren; o nimm es hin.
Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will! und wilder blutet deine Wunde. O laß. Vielleicht noch eine Stunde, dann steht es still.
Epitaph
Eignes Leid und fremde Klage, einst ist alles schöne Sage.
Ermutigung
Nimm dein Schicksal ganz als deines! Hinter Sorge, Gram und Grauen wirst du dann ein ungemeines Glück entdecken: Selbstvertrauen.
Nächtliche Frage
Was bebt und bangt so wehe mein Herz empor, wenn ich dort oben sehe der Sterne Chor?
Wie freie Seelen winken, so bannt den Blick ihr wandelbares Blinken: steig an zum Glück!
Wie reine Geister glänzen, so mahnt ihr Licht: steig auf aus deinen Grenzen, sie wehren’s nicht!
Und immer dann dies Beben, und immer mehr. O Stäubchen, Menschenleben, und doch zu schwer?
Vorgefühl
Es ist ein Schnee gefallen, hat alles Graue zugedeckt, die Bäume nur gen Himmel nicht; bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht, dann wird das alles blühen, was in der harten Krume jetzt kaum Wurzeln streckt.
Mädchenfrühling
Aprilwind. Alle Knospen sind schon aufgesprossen; rings sprießt der Grund. Und +sein+ Mund bleibt verschlossen? --
Maisonnenregen. Alle Blumen langen, heimlich aufgegangen, dem Licht entgegen, dem lieben Licht. +Fühlt+ ers nicht? --
Leises Lied
In einem stillen Garten, an eines Brunnens Schacht, wie wollt ich gerne warten die lange graue Nacht.
Viel helle Lilien blühen um des Brunnens Schlund; drin schwimmen golden die Sterne, drin badet sich der Mond.
Und wie in den Brunnen schimmern die lieben Sterne hinein, glänzt mir im Herzen immer deiner lieben Augen Schein.
Die Sterne doch am Himmel, die stehn uns all so fern; in deinem stillen Garten stünd ich jetzt so gern.
Ständchen