Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 17
Auf einmal fing die Säule an zu leben, und eine Frau erhob sich aus dem Glanz; die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz von hellen Rosen zwischen grünen Reben. Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte so sanft wie meine Heimatflur im Schnee, die Rüsche aber, die den Hals begrenzte, so blutrot wie die Blüte Aloe; und ihre Augen träumten braun ins Tiefe, als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe. Sie breitete mir beide Arme zu, ich sah erstaunt an ihren Handgelenken die starken Pulse springen und sich senken, da nickte sie und sagte zu mir: Du -- du bist mühselig und beladen, komm: wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen. Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen, durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!
Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche und nestelte an ihren seidnen Litzen und öffnete das Kleid von weißem Plüsche und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen, die zart das blanke Licht des Sternes küßte, die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste, dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut, das einst den kleinen Heiland selig machte, bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte, Maria ich, die Nazarenerin -- o sieh, es ist des selben Fleisches Blut, für das der große Heiland sich erregte, bevor ich in sein kleines Grab ihn legte, Maria ich, die Magdalenerin -- komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden, und lerne dich erlösen und gesunden!
Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen und dehnte sich in ihrer nackten Kraft; wie heilige Runen standen auf der prallen Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft, in Linien, die verliefen wundersam bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham. Da sprach sie wieder und trat her zu mir: Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?! Und meine Blicke badeten in ihr.
Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn, ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben, mich selig tiefer, immer tiefer streben, ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn -- weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben, und ihren Kranz von Rosen und von Reben umklammernd, während wir verbeben, stamml’ich: o auf -- auf -- auferstehn! --
*
Auf! In solcher Tiefe kann ruhig nur die Urkraft strudeln. Furchtsam fühl ich reifer Mann wieder Kindheit in mir sprudeln.
Aber diese Furcht ist herrlich kühn, ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen. Mit Entzücken seh ich euch verblühn, bleiche Sterne! Sanft verdrängt die nächtlichen
Einzellichter ein noch kaum Geleuchte, aber leuchtend wird es kühner: Wo mir nichts als Grauen deuchte, fängt ein Häuflein silbergrüner
Morgenwölkchen an zu gaukeln, Hoffnungsinseln, goldgeränderte; an den weißen Ufern schaukeln Freiheitsgondeln, buntbebänderte.
Wohl, sie werden bald zerfließen, aber ihre Farbenwellen wirbeln weiter und ergießen Trost in tausend Kerkerzellen.
Dankbar staun ich in das Lichtgetriebe: all der Glanz ist mir durch Dich entglommen, Dich, du eine, einende Liebe, der die Lüste alle frommen,
Venus Universa.
Du sahst durch meine Seele in die Welt, es war auch Deine Seele: still versanken im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken, es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.
Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt: Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken zusammenströmend unsre Zwiegedanken, in Deiner Seele ruhte Meine Welt.
Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt entzweite Lüste hausen voller Fehle, enthüllten sich auf einmal unsre Hehle vereint als lauter Liebeslustgewalt.
Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele.
*
Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn gäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen spielbereit für Dein Empfinden hin, du liebseligste der Frauen!
Ja, solch Spiel das ganze Leben, Lieberes könnt ich nicht erwerben; Frohsinn hast du mir gegeben! Doch -- auch Du, auch Du wirst sterben.
Wild und wehe und zum letzten Mal wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen; still in unserm Freudensaal wird dein steinern Bildnis ragen.
Einsam werd ich wieder dann erschauern vor den wirren Weltgewalten; oh Vernunft, sie überdauern unser menschliches Gestalten.
Blaß im Leeren steht der Morgenstern, nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen; und doch hängt sich immer wieder gern jede Seele an dies Fünkchen.
Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn über tausend angstbefahrenen Gleisen, sieht’s in teilnahmloser Bahn sich drehn bis ans Ende aller Erdenreisen --
sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten, die Myriaden der nach Rettung Winkenden, der Gescheiterten, Gestrandeten, der Verschmachtenden, Ertrinkenden --
sieht sich mitgequält von all der Qual: Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?! Aber da vertreibt den trüben Schwall eine Stimme, sternhin ein Erbrausen:
Venus Heroica:
Psalm an den Geist
Bleibe dir heilig, Geist, Herr deiner Seele! Ein fremder Schein beirrt dich noch: was spähst du nach Schiffen im Nebel, von Andern gelenkt?! Aus deinem Leuchtturm blickst du hinab, und Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast, reißen an dir und reizen zum Sturz hinunter ans lauernde Ufer.
Dort standest du schon als Jüngling; und während Woge auf Woge kam, schriebst du, den Krückstock tief einbohrend, Namen auf Namen in den feuchten Triebsand, geliebte Namen -- und keiner blieb.
Manche taten schon so und wurden stolze Verzweifler. Aber mächtig macht nur der Glaube; und Niemand lebt, den sein Tiefstes nicht noch über die Sonne hinaufweist, über die Sterne, und weiter.
Sahst du nicht gestern die Zimmerleute, wie sie die Leiche auf der Leiter trugen, vom Neubau weg: machte nicht jeden ihrer schweren Schritte die Kraft des Abgestürzten sichrer als je ihn selber?!
Wahrlich, Keiner von Diesen wird sich zu Tode stürzen; und wenn sie einst den Geist aufgeben, wird jede dieser sechs Handwerkerseelen -- wir Alle sind Erben -- hell triumphierend an den Schauder denken, als sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen. Bleibe dir heilig, Geist: +Herr+ deiner Seele!
*
Auf denn, Seele! reck die Glieder! fast beschämt mich mein Geträume; draußen hör ich meinen biedern Schuster schon am Werktisch räumen.
Und sein närrischer Altgeselle wird nun gleich nach Frühstück brüllen und mich dann mit Bibelstellen ganz wie Tolstoi mürbe knüllen.
Warte nur, verehrter Schutzpatron: heut kommts anderst! Mit den Mucken deiner christlichen Passion kannst du dann den Pechdraht jucken.
Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen, faltet nur entsetzt die Hände! Ehre genug für eure jüdischen Phrasen, daß ich meinen Groll euch spende.
Lachen sollt ich, daß der Himmel kracht, über euer Menetekel; wie mein gallischer Freund Charles Simon lacht, wenn ich fluche „fin de siècle!“
Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen meiner düstern Selbstbetrachtung; fröstelnd wie der junge Morgen reiß ich mich aus der Umnachtung.
Nur noch Einmal will ich rückwärts schaun auf die grimmigen Wochen meiner Haft; nein -- sie wehrt es mir mit letztem Grauen, sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft,
Venus Mea.
Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden, ich habe nun genug geschaut nach Osten; die Seele will in ihren Abendlanden Vollendung kosten. An dem Tor des neuen Evagartens steht ein knöchernes Gerippe, mit dem Ausdruck des Erwartens, aber nicht mehr in der Faust die Hippe.
Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand, die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder sann und empfand. In der Stunde einer Liebesfrucht sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel; dann erlischt die Wonnesucht, keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel.
Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen klar her zu dir aus väterlichen Sphären. So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen und dich verklären, Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet, wie die Sonne scheint durch Eis, und dir deine Brunst beschwichtet und im Traum selbst deinen Willen weiß.
Noch flimmerts erst; tief lockt die alte Nacht mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten. Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht! sieh, rings sind Fluten: wenn zwei Liebende zusammensinken, durch dein Glanzbild einst begeistert, und im Rausch dann blind ertrinken, wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.
So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters sollst du dem alten Garten kalt entschreiten; dir weist die Phönixfeder unsres Wächters Unsterblichkeiten ...
*
Nun verblich der Stern der Frühe; meine Augenlider brennen. Und die Sonne kann mit Mühe die gefrornen Nebel trennen.
Mich verdrießt mein nächtlich Brüten. Drüben an den Häuserwänden sprießen diamantne Blüten. Meine Prüfung kann nun enden.
Dieser Keller: dumpfer Zwinger! Auf die dunstbelaufnen Scheiben will ich breit mit steifem Finger +Venus Rediviva+ schreiben!
Denn ich weiß, du bist Astarte, deren wir in Ketten spotten, Du von Anbeginn, du harte Göttin, die nicht auszurotten.
Ich jedoch war weich wie glühend Eisen; darum sollst du mich in Wasser tauchen, bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen und der Stahl wird, den wir brauchen.
+Nicht+ mehr will ich meine Brunst kasteien, bis sie mit berauschter Durstgeberde wünscht, daß unsre +Lüste+ fruchtbar seien und ein Wurm zur Göttin werde.
Nach der Nacht der blinden Süchte seh ich nun mit klaren bloßen Augen meine Willensfrüchte; denn ich bin wie jene großen
Tagraubvögel, die zum Fliegen sich nur schwer vom Boden heben, aber, wenn sie aufgestiegen, frei und leicht und sicher schweben.
Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine, die ich liebe: Ja und Amen: heute komm ich! heut soll meine +Klarheit+ deinen Schooß besamen!
Schon errötet dort ein Giebel; Sonne, mach ein bißchen schneller! -- Tolstoi, bring mir meine Stiebel, heut verlass ich deinen Keller! --
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig