Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 16
los -- und ließ mich vollends von der Schwere meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen; über Länder, über Meere trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.
Auf den blumigsten Inseln Griechenlands, an Italiens blauesten Uferborden saß ich echter deutscher Duselhans voller Heimweh nach dem Norden.
Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten Pfühl in dieser fremden kalten Kammer und verwühl mich mit erstarrten Gliedern wieder in den alten Jammer.
Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen und dein ruhlos Herz beschwören, prüfend, mit gedämpfter Stimme,
Venus Occulta.
Ist das noch die große Stadt, dies Geraune rings im Grauen? diese Männer, diese Frauen, kaum erschienen, schon verschwunden; und die Sonne steht so matt wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.
Drück dich dichter an mich an, wie der Nebel an die Mauern! Keiner stört den stillen Bann, wenn wir Blick in Blick erschauern. Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch; jeder wilde Laut wird stumm.
Hebe deinen dunkeln Schleier, daß dein Atem mich erquickt! Keiner stört die stille Feier, wenn sich uns in diesem Dunste fester Hand in Hand verstrickt. Diese Straße mündet in den Himmel.
Oder weißt du, wo wir sind? Küsse mir die Augenbrauen! küsse mir die Seele blind! Diese tote Stadt ist Babel, und ihr blasser Dampf umspinnt eine tausendjährig trübe Fabel.
Alle Farben sind ertrunken. Nur auf deinem schwarzen Haare flimmern noch die Purpurfunken deines Hutes aus Paris, rot wie unsre Lippenpaare; und mein blauer Wettermantel raschelt.
Du, was träumst du? Deine Augen waren eben wie zwei Kohlen, die sich von der Glut erholen; ja, du bist Semiramis! Und in seinem dunkelblauen Mantel führt dein Odhin dich ins Paradies.
Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen, bis der Gott zu seiner Göttin kam; und du hast manch braven Mann, ich manch gutes Weib verlassen. Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt; drück dich dichter an mich an!
Sag mir -- Nein: horch! was für Töne? warum stehn wir so erschrocken? Dies verhaltene Gestöhne aus den Wolken, dies Gedröhne, kannst du diesen Lärm begreifen? -- Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.
Vor verschiednen hundert Jahren herrschte hier ein Gott der Leiden über traurige Barbaren. Komm, wir wolln die Götter trösten, daß sie sich in Dunst auflösten, wir zwei seligen verirrten Heiden.
*
Aber +sind+ wir denn noch Heiden heut? +will+ ich denn ins alte Paradies? Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut, der die Kindlein zu sich kommen ließ?
Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein, hoch ob jener Häuser finsterm Graus, wie auf Bethlehem so mild und rein strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus.
Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum, den mein Wille gestern Nacht durchschritt? Lautlos hing der dunkle Weltenraum; und im stillen schrittest du wohl mit,
Venus Vita.
Ein Feldweg, Herbstnacht, und um Morgengrauen; die kahlen Bäume stehen da wie tot, ich aber wandre, ohne aufzuschauen.
Ich fühle eine Furcht; und Regen droht. Ich höre den gedüngten Acker schweigen; und heute wird kein Morgenrot.
Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen sagt keine Tafel mir die rechte Spur: soll ich hinunter, soll ich steigen?
Da deucht mir, in der tiefen Flur rief mich mein Name, aus ersticktem Munde. Ich horche; Nichts. Im Osten nur
enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde. Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut, mir dämmert eine längst vergangne Stunde,
und wieder hör ich fern und laut die bange Stimme meinen Namen rufen; und mir graut.
Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen bekannt; ich bin so wandermatt. Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?
Hinab! -- Schon wird der Abhang glatt; auf einmal, wie von einem Kinderwagen, springt mir ein Rad
unter den Füßen auf. Ich seh es jagen, es springt und rollt den Kiesweg vor mir her, seh’s Funken schlagen;
mein Schreck, mein Zittern wird Begehr, ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,
und immer ruft mich klagend jene Seele und winkt das Licht, das Rad -- halt! -- Jetzt --: ich greife -- fehle --:
es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht! Ich fass es, stürze -- wach’ ich? -- meine matten Finger umklammern es -- -- Nein -- nicht:
in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.
*
Werd ich also stets ins Leere fassen? lebt nichts ewig vor mir her? Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr meinen Blick verblenden lassen.
Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne, wozu schürt ihr meine Seelennot? Eisig haucht die gleißnerische Ferne: ewig lebt allein der Tod.
Sei’s denn! Umso unfaßbarer, freier, umso weiter, unbegrenzter strahlt des Daseins Auferstehungsfeier -- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte: eine reifere Inbrunst lebt mir nun: Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn, aber ihm entsteigt in höhere Prächte
Venus Mors.
Eine rote Feuerlilie schreitet riesig durch die Weltennacht. Von der Sonne bis zum Sirius breitet sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht des gezähnten Schlundes kocht von Gluten, düster flammt des Randes Zackenfirne; um die wirbelnden Gestirne schlingt sie hungrig ihre Samenruten.
Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten Welten gierig in den brünstigen Schooß; aus den schwarzen Firmamenten ringen Sonne, Sirius sich los. Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten ihrer alten Sehnsucht überbrückt; aus den Angeln wanken sie verzückt, zu einander stürzen die befreiten.
Taumelnd folgen, brodeln, glühen ringsum die Trabantenlüfte; aus der brennenden Lilie sprühen Lavastürme durch die Himmelsgrüfte. Auf der Erde rast ihr Licht als Mord; sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen, Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen, alle Kreatur verdorrt.
Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden, keuchend, schon erblindet beide; mit den heißen Liebeshänden tastet er an ihrem Kleide. Aber in der Nacht der Seele wird der wilde Durst zur Wut: tastend wittert er ihr Blut, beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.
Alles saugt der große Flammenschlund. Kreisend will er überschäumen. Rissig klafft der zuckende Muttermund, Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen den zerfetzten Riesenblütenrand: eine neue Welt entrollt der toten -- Strahlend quillt sie aus dem morgenroten furchtbarn Siriusliebestodesbrand.
*
Dahin also sehnt sich alles fort, was auf Erden glimmt und flammt und loht; selbst die flackernden Straßenlichter dort. Und ich denk zurück an Dein Gebot, als ich heut aus erstem Schlummer fuhr, aufgescheucht von deinem Traumgesicht, daß der Menschenwille von Natur Bastard bleibt aus Finsternis und Licht,
Venus Homo.
Nun weißt du, Herz, was immer so in deinen Wünschen bangt und glüht, wie nach dem ersten Sonnenschimmer die graue Nacht verlangt und glüht; und was in deinen Lüsten nach Seele dürstet wie nach Blut, und was dich jagt von Herz zu Herz aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.
In früher Morgenstunde hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt: Aus meinem Herzen wuchs ein Baum, o wie er drückt! und schwankt! und nickt! Sein seltsam Laubwerk tut sich auf, und aus den düstern Zweigen rauscht mit großen heißen Augen ein junges Vampyrweib -- und lauscht.
Da kam genaht und ist schon da Apoll im Sonnenwagen. Es flammt sein Blick den Baum hinan; die Vampyrbraut genießt den Bann mit dürstendem Behagen. Es sehnt sein Arm sich wild empor, vier Augen leuchten trunken; das Nachtweib und der Sonnenfürst, sie liegen hingesunken.
Es preßt mein Herz die schwere Last der üppigen Sekunden. Es stampft auf mir der Rosse Hast; er hat sich ihr entwunden. Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht, hohl fleht ihr Auge: bleibe! Er stößt sie sich vom Leibe, von Ekel zuckt des Fußes Wucht, hin rast des Wagens goldne Flucht.
Es windet sich im Krampfe und stöhnt das graue Mutterweib. Mit ihren Vampyrfingern gräbt sie sich den Lichtsohn aus dem Leib. Er ächzt -- ein Schrei -- Erbarmen --: Ich, +mich+ hält der dunkle Arm umkrallt! Da bin ich wach -- -- doch hör ich, wie noch ihr Fluch und Segen hallt:
Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz, das so von Wünschen bangt und glüht, wie nach dem ersten Sonnenschimmer die graue Nacht verlangt und glüht; und sollst in deinen Lüsten nach Seele dürsten wie nach Blut, und sollst dich mühn von Herz zu Herz aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!
*
Seltsam: plötzlich ist mein Keller, ist mein ganzes Bett verdunkelt, während jeder Stern noch heller über jenen Häusern funkelt.
An der Straße stehn wie Schemen, stehn erloschen die Laternen. Soll ichs mir als Zeichen nehmen? Ja! als Zeichen von den Sternen!
Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier, wie einst David Nachts vor Saul verborgen, so voll Himmelshoffnung wart ich hier, so voll Bangen auf den Morgen.
Denn ich fühls, ich muß sie wiedersehn -- doch ein Zaudern, das ich kaum begreife, raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn als die Wissende, die reife
Venus Sapiens.
Nun, du Eine, tritt heran, höre meine wahrsten Laute; höre zu wie Jonathan, als sich David ihm vertraute. Schwer vom Hohn und Übermute Goliaths herabgemächtigt, hat bis heut in meinem Blute noch der greise Saul genächtigt.
Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe Zunge aus dem Lästermaul. Sieh, nun weint dein König Saul, denn dein David singt zur Harfe. Alle Kleider sind zerrissen, die den alten König schmückten; brütend hört er den Entzückten nahen aus den Finsternissen.
Goliath tot! den König schauert; seine Schwermut ahnt das Ende. Und dein Sänger steht und trauert: blutbefleckt sind seine Hände. Aber weiter muß er schreiten, seine Töne sind ein Bann, selig greift er in die Saiten: Komm, o komm, mein Jonathan!
Traure nicht um den gebeugten Vater, dem vor morgen graut; denn die Trübsal ist die Braut aller nicht vom Geist Gezeugten. Jonathan, du sahst ihn sitzen, den Berater deiner Reife, nackt und schamlos, und das steife Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.
Und du sahst vor seinem Zelt sterben den Philisterfürsten; aber Leben braucht die Welt, laß uns nach dem Geiste dürsten! Denn es weht von allen Hügeln immer neu sein ewiger Segen; lerne nur dein Herz beflügeln, und er wird auch dich bewegen!
Jonathan, zu jeder Frist sei nun meiner Liebe sicher; und sie ist viel sonderlicher, als mir Frauenliebe ist. Glutwind droht den jungen Saaten; nimm den Bogen in die Hände, daß dein Pfeil mir Warnung sende, sinnt der Vater Wahnsinnstaten.
Jonathan, hier steh ich nackt; du mein Bruder, Freund, Berater, hilf mir, wenn die Glut mich packt! Jona! Weib! noch giert der Vater! Jona, Schwester! unsre Kinder -- Gattin! weinen meine Saiten -- -- „David, komm! du Überwinder unsrer Unwillkürlichkeiten!“ ...
*
Wird sie so mir Antwort blicken? -- Ja! kein Argwohn soll mir mehr meine Glaubenslust ersticken -- +ihre Seele atmet zu mir her+.
Und in alle meine Finsternisse dringt auf einmal lichter Sinn: schimmernd wie durch Wolkenrisse schwebt ein Wesen ob mir hin:
das beginnt mich anzulachen, jungvertraulich, altvertraut -- O, komm her aus deinem Himmelsnachen, ja, seit ewig warst du meine Braut,
Venus Fantasia!
Leih mir noch Einmal die leichte Sandale; sage, wer bist du, holde Gestalt? Reich mir die volle, die funkelnde Schale, die du mir fülltest so viele Male! Bist du die Jugend? Werde ich alt?
O! dann fülle die funkelnde Schale; warum entweichst du mit aller Gewalt? Leihe, o leih mir deine Sandale! Willst du enteilen mit einem Male, weil ich Tor dich einst Törin schalt?
Jetzt, jetzt preis’ich die leichte Sandale; horch, o horch, wie mein Loblied schallt! Reich mir noch Einmal die volle Schale! Laß sie mich schlürfen zum letzten Male, eh du enteilt bist -- o halt!! halt! halt --
*
Ach -- muß jeder Traum so enden? Nüchtern lichtet bald der Tag meine dämmergrauen Wände. Und von Stern zu Stern hin sinn ich nach,
wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich freute, hoch in einer hellen Nacht, die ich ruhelos wie heute unter Geistern zugebracht,
Venus Regina.
Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume; ich träumte, eine Fürstin sei gestorben. Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge von Trauernden, so stehn wir auserwählt in einem grauen Raume, dumpf beengt vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen, vom Balsamdufte, den die Tote atmet. Am Sarkophage, der von Eisen ist, steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt ein fahles Licht in die Rotunde, streift sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert zu seinen Füßen in der offnen Gruft. Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam, zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe; der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein. Und auf der Truhe les’ich wie im Traum, nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich in großen, grauen, eisernen Buchstaben: ~REGINA SEMPITERNA MORTUA~ -- seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt, die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl: der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt! Ich höre staunend, wie wir alle singen, ich selbst mitsingend:
Selig trauern Edle um ein edles Leben. Nie verliert sich, was gewesen; wenn du deines Grams genesen, wird in Sehnsucht, wird in Schauern dir dein Wesen das Verlorne wiedergeben.
Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet; er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja: ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser, im Krönungskleide steht er. Nein: es ist: ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund, mein einst in Lumpen umgekommener Freund, in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser -- nein: ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst. Ich winke. Meine Edeln nahn und heben und senken mir mein Liebstes in die Gruft. Ich höre die gestrafften Seile gleiten, ich stehe abgewandt, ich weine nicht; nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht, nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft nicht riechen mehr -- o singt! singt mir das Lied, ich mag dies marternde Geräusch nicht hören, ich +will+ nicht schluchzen! Und im Chore schluchz’ich, schluchzt das Gewölbe:
Selig preisen Freie ein befreites Wesen. Was lebendig ist, will leben; lerne mit den Geistern schweben! Wenn sie dich aus deinen Kreisen mit sich heben, bist du deines Grams genesen.
Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt nach Licht. Und während hinter mir gedämpft die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie -- taumle --: der blaue Mittagshimmel drückt mir blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr, der Atem stockt mir, ich erinnre mich, ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk, ich habe gestern ein Edikt erlassen „Mein Volk soll +fröhlich+ seine Toten ehren“, so wollte sie’s -- und wieder stürmt der Jubel. Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet, vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt, ein weiter Park von Linden unter mir. Ich steige nieder. Durch das schwärzliche Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl, flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch bewegt die warme Luft und macht sie köstlich. Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig -- nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders, ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne: sie fassen, sie verlassen sich im Reigen, im Reigen reichen sie die Blütenzweige sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich: sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken zartzarte Flügel wie von märchengroßen Tagschmetterlingen oder Blumenblättern; und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz, wer braun ist, feuerroten -- nirgends Schwarz. So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich, und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen singend umwandelt:
Tröstliche Lüste halten im Tode Leben verborgen. Wissen macht Sorgen. Wenn er sich drückte an meine Brüste, wenn er mich küßte, wußten wir nichts von gestern und morgen.
Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam: von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk: es sind nur jugendliche Menschen da. Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz: auch für die Alten ist doch Frühling! Aber die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben; sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben, sie kennen nicht mein kaiserliches Herz. O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr, ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau -- o lauter! Und das Laub der Linden bebt vom Chor der Männer:
Lust ist Verschwenden, leben heißt lachen mit blutenden Wunden, Jahre sind Stunden! Wenn sie an deinen beseligten Lenden schien zu verenden, hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!
Und immer wärmender wird ihr Geleucht, und immer drückender mein Krönungskleid, es brennt mich schon, ich werde rasten müssen; ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen; die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos. Die Bäume werden dichter, werden Wald; ich komme in ein Tal voll alter Birken, ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her, kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal und biegt um einen Vorsprung, und der Quell zerrieselt im Geröll zu Silberfäden, die wie ein Lied -- nein: eine Stimme klingt -- das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten, die Birken streun bewegte Schatten drauf, ein Brückensteg -- und am Geländer lehnen von Sonnenlichtern überdämmert zwei der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche, ich bebe -- träum ich denn? -- sie sieht mich, Beide sehn mich und singen:
Warum beben? Nur im Herzen ist es dunkel. Was die Tiefen uns gegeben, auszuleben, mahnt des Baches Quellgefunkel.
Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben! und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr! Du aber, Du da mit den Himmelsfarben, du hast die Stimme Meiner Lieben Frau, du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! -- Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt. Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer. Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm, ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern. Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht der Flügel Himmelsblau und Höllenrot. Schon kann ich ihre Augenlichter sehn; und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen, denn Du da, Du da mit den +braunen+ Augen, du hast die Augen Unsrer Lieben Frau, du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! -- Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt; sie bleiben stehn, sie winken mich heran; hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon. Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer. In meinem Krönungskleide breit’ich ihnen die Arme nach; ihr helles Lachen klingt. Sie stehn und singen:
Kannst du schweben? Aus dem Tal der Einsamkeiten, wo die Kräfte sich erheben, lockt das Leben heim zum Wettspiel die befreiten.
Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen, wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest. Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen im Gehn ihr Haar damit -- o bleibt doch! wartet! ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz! die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid, mein schweres Krönungskleid, o wartet doch, ich werf es ab! da liegt es! +O wie leicht atmet der nackte Mensch!+ -- Das Wasser schäumt mir um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.
Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich bin +auch+ beflügelt. Sausend, doppelfarbig, aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt, treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu: ich halte sie. Ich -- Beide muß ich haben: dich mit den braunen Augen will ich noch! Jetzt! -- Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen. Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen. Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen -- ja: hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar -- und jetzt: ich halte +Beide+ ... ach ... ich bin erwacht.
*
Wie verschüchtert stehn die Sterne; manche sind schon fast verschwunden. In der zwielichtfahlen Ferne mahnen sie an schwache Stunden.
Aus den hohen Häusern drüben gähnen alle Fenster dicht verhangen. Wieviel Lust mag da sich schämen unter den geschminkten Wangen.
Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt. Freude, Freude, laß mich nicht verzagen! Über jenes Dach wird bald, bald der Morgenstern sich wagen.
Dunkle Allmacht, die ihn sendet, hilf mein suchendes Herz behüten, daß nicht neuer Trug es blendet! Nein, hilf +nicht+! ich will’s nicht hüten!
Trotz dem Notschrei des Propheten, trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung, will ich wieder und wieder beten: führe, führe uns in Versuchung!
Sei gepriesen, ewige Leidenschaft! Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen. Laß uns mit geprüfter Kraft aufstehn, wenn wir unterliegen!
Herz, vertraue deinem Triebe! Seele, deine Weltbetrachtung wird nur durch den Mut der Liebe frei von Ekel, Reue und Verachtung.
O, schon spürst du’s! Sieh, da steht sie wieder trostreich vor dir, wie sie damals stand, als sie innerst aus dem Äther nieder ihren Pfad in deine Kammer fand:
Venus Consolatrix.
Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht erblaßte scheu vor seiner milden Pracht. Er schien auf meine dunkle Zimmerwand, und wie aus unerschöpflicher Phiole durchflossen Silberadern die Console, die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.