Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 15
Und während ich noch stand und schauderte, durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens, sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb: „Der arme Bursche! wie er sich verstellt!“ Der schöne Krüppel aber lächelte und sprach: „So wenig wie mein Eselchen! nur meine beiden Ziegen tun mir leid.“ Sie fragte: „Warum dann bemalst du sie? das muß dir doch sehr große Mühe machen; durch welch ein Unheil bist du so entstellt?“ Da wurden seine roten Lippen traurig, er blickte scheu auf seine Heiligenbilder und sagte leise vor sich hin: „+Geschäftspflicht+“ -- die blauen Augen winkten uns Lebwohl.
Noch lange sahn wir in der langen Straße zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben, und sahn sein dunkelgraues Eselchen und ab und zu sein buntes Ziegenpaar; der Himmel schien auf abgemähte Wiesen.
*
„Pflicht“ -- o Schreckwort jeden Übermuts -- spukhaft fuhr mir’s durch die Knochen. Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut? Sollt ich selbst mich unterjochen?
Treue -- ah! du Deckwort jeder Knechtschaft -- wütend schlug ich’s in den Wind. Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft, was für Übel alle Tugenden sind?!
Noch auf meinem stillen Lager heute mahnt mich all mein reuiges Ringen an die Wüstheit jener Rittersleute, die vor Gottgier meist zum Teufel gingen.
Wie entraff ich mich dem heiligen Greuel? Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel -- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Gleißner ich! mit was für Reizen hab ich stets mein Bestienpack bedacht, vor mir selber mich als Priester spreizend, der gewaltige Sündenböcke schlachtet!
Wie empfand ich mich als Sittenrächer, der den Dämon seines Bluts befriedigte, während ich, ein simpler Ehebrecher, mich zu dir erniedrigte,
Venus Adultera.
Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern! Nein, das darf dich nicht bekümmern, daß ich nicht „treu“ bin; rück nur her! Komm, ich hab ein Dutzend Seelen; wer kann all die Kammern zählen, sechse stehn mir grade leer.
Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger! Hoh, mein Kind, ich bin viel jünger als mein narbigtes Gesicht. Weißt du, die Runzeln und die Hiebe tun erst die Würze zu Ehre und Liebe! Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht:
Viel geliebt! noch mehr getrunken! kuscht euch, Unken und Hallunken! heida, wie der Schläger pfiff! Soll das Leben dir was nützen, lerne brav dein Blut versprützen: nicht gezuckt! los! blick und triff! --
Hast doch auch schon „Blut“ verspritzt, oft -- -- hui, wie dein Auge blitzt: zürnst wohl gar dem frechen Buben? Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh! Herzchen, so’was lernt man so in der Luft der Ehestuben!
Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand! Hast ja Mut, Kind -- und hast Verstand: nein, ich will dich nicht verführen. Aber gelt, du wärst gern Braut? Hier das Venushalsband deiner Haut läßt verhaltene Wünsche spüren.
Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb! habe das Halsband nur so lieb und deine dunkeln Augenringe. Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil, sprühenden Fluges ein sausendes Seil: komm, durch Höllen und Himmel soll’s uns schwingen!
*
Ja -- so wird aus Sehnsucht Sünde; Hölle, die den Himmel stürmt. Seele öffnet alle Schlünde, die der Geist rings mühsam übertürmte.
Und Natur schürt wieder alle Gluten, die der Mensch beherrschte in Gedanken; lüstern lecken ihre Lavafluten an dem Erzgerüst der heiligen Schranken.
Wie es hinschmilzt! Wer kanns kalt beschauen? Nur der Mond in seiner Leichenpracht. Und die Seele badet sich im Grauen, und der Geist buhlt mit der Nacht.
Bis er Frevel heckt wie Don Juan, der nur lüstern war aus Qualengier, ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann, freudeloser als ein Tier.
Nein, nicht Lust wars, du Jungfräuliche, als ich deine Opferfreude schmeckte; ich genoß nur das Abscheuliche, zu entweihn dich Unbefleckte,
Venus Maculata.
Drum komm, o komm, noch einmal schweigt so voll ins Feld, so glanzbereit der Mond ins Feld; noch einmal zeigt die weite Nacht, die zweite Nacht, mir deine nackte Seligkeit.
O komm, o komm, ich will dich sehn! rings rauscht der alte Eichenhain; die langen Wiesenhalme stehn so still, so weich am kleinen Teich, und schimmernd tauchen wir hinein.
Und schimmernd, schimmernd heb’ich dich heraus ins dunkelgrüne Kraut; dein schwarzes Haar umrieselt mich, der Tau wird warm, und Arm um Arm erkennt den Bräutigam die Braut.
Und dann -- o dann -- o flieh! -- denn dann: wir hatten Schooß in Schooß geruht: von einer weißen Blüte rann, du sahst es nicht, im bleichen Licht ein Tropfen Blut -- Dein Tropfen Blut ...
*
Eitle Rührung, frech Bedauern, Räubermitleid nach dem Raube. Oder wars ein echt Erschauern? Narr, was fragst du -- glaube! glaube!
Selbst der Reinste muß erleben, von Verführungen umtobt, daß der Geist sein wahres Streben an Verirrungen erprobt.
Und da lass ich mich von schalen Skrupeln bis aufs Blut zerquälen? hier, wo hochher Sterne strahlen, die zu frischem Mut mich stählen!
Nein, ich will mirs kühn bekennen: auch die Lüste, die wir schuldbewußt Unnatur und Unzucht nennen, sind Natur und neue Züchtungslust --
ich, der selber einst tiefinnen nur empor nach freierer Menschheit ächzte, während meine tierischen Sinne doch nach Dir tyrannisch lechzten,
Venus Perversa.
Dort sitz nieder! sieben Kreuze zwischen uns! und gönn mirs: sei nicht Tier! Sondern ich suche andere Reize: Dich: komm, liebe dich vor mir!
Dich nur, Dich! nur deine verschmachtenden Blicke und deine zuckende Scham und deine scheuen Seufzer gönn mir -- ja, entzücke mich mit Deinen Rasereien!
Oh du, wenn die Knospen deiner welken Brüste unter deinen tastenden Fingern wieder schwellen wie in jüngern Nächten -- oh, dies Schwelgen --
gönn mir’s, gönn mir’s! Meine eigenen Freuden sind mir Schaum, der bitter ist -- aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst, will ich mich an Deiner Wildheit weiden:
wie du gleich enttäuschten Bräuten deine einsame Sehnsucht stilltest, deine heimlichen Seligkeiten mit berauschten Händen fühltest --
fühlst -- stillst -- -- Seele, bricht dein Blick? Oh du, laß mich diesen Blick genießen! dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen! recke dich nicht so starr zurück --
Ekelt dich? -- Ah --: witterst du nun den reifen +Menschen+? bist du satt der Kuhnatur?! -- Und wir schaudern: wir begreifen den Triumph der Unnatur.
*
Wohin fliehn nach solchen Wonnen? Damals lernt ich die Ekstasen der entbehrungssüchtigen Nonnen würdigen, und das geistige Rasen
derer, die vor lauter Brünsten nach der reinen Inbrunst schreien, während sie mit Marterkünsten bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien.
Wahrlich, wenn der Heiligen einer jetzt vor meinem Bett erschiene, brünstiger als ich rang keiner! Und mit eingeweihter Miene
dürft ich ihm die Hände reichen: Komm, hier kannst du ruhig beten. Mußte doch selbst sie mir weichen, die Versucherin der Asketen,
Venus Mystica.
„Ich möchte die Flamme umarmen!“ Aus schwerem Schlaf in stiller Nacht weckte mich dies Wort; ich weiß nicht, wer es sprach; Stimme, wer bist du?
Nackt, mit bettelnden Fingern, weiten Armen, mit Weibesbrüsten, ein irrer Mund, flehst du aus der Nacht die große strahlende Flamme an? Weg! sie brennt!
Trunken naht ein grauer Blick, schwelt: um die klare Glut mit beiden Knieen schlingt sich heiß ein hitziger Schooß. Weib: so nicht!
Kalt, aufrecht seh ich in dein rauchschwarz flackerndes Haar die lichte Lohe fassen, dich verzehrend. Rein und ruhig steigt die feurige Säule aus der kurzen Beschattung mit dir auf. Stimme, so, nun darfst du -- jauchze! -- die Flamme umarmen.
*
Wohl, so hat mein Herz in Züchten mein unzüchtig Blut bekämpft, hat in Angst vor seinen Süchten seine Sehnsuchtsglut gedämpft,
hat mir Sieg auf Sieg errungen, aber Frieden, Frieden -- nein! In gespenstischen Peinigungen lebt ich schreckhaft, bis selbst Dein
reines Lichtgelüst mich reute, tief in einer trüben Nacht, die ich schlaflos so wie heute unter Geistern zugebracht,
Venus Idealis.
Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht: Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm, doch +darf+ ich folgen? ists ein Geist der Wahrheit? ists Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht. Und furchtsam dacht ich an das unverstandne Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater, in Deine Hand befehl ich meinen Geist! Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.
Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche. Sehr finster war’s. Doch finstrer ragte noch, zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt, ein starr Gebilde wie ein Felseneiland. Dumpf um es schnob und brodelte die Flut; und ich erkannte, eine Sintflut wars, die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.
Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte, und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib. Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchte das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf: der nackte Körper bäumte sich im Schaum, und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang, entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.
Da wars, als käm ein Staunen in den Aufruhr; der Mond besänftigte die wüste Flut, die Wellen hüpften um das kleine Leben und wuschen es und wiegten es und trugen es langsam durch die Klippen an das Eiland. Und nun gewahrt ich auf dem schroffen Gipfel ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt, in riesenhafter Starrheit saß sie da; es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte, +ein+äugig starrte sie aufs Meer hinab, und bis ins Mark verwirrte mich der Blick. Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.
Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe, und nahm es mit gelassner Hand ans Herz, und öffnete die Tücher ihrer Brust, und tränkte es, und küßte es, und schaute ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm ihr Blick hinüber in des Kindes Blick, als zündete sie drin das Seelchen an.
Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind, und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs. Da nahm es von der Brust die Rätselhafte und setzte mit gelassner Hand es wieder hinab ans Ufer, wo ein neues Land sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen; ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne, dann saß sie starr und dunkel wieder da. Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn, der erste Schmerz verstörte seine Stirne; und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs, und immer wachsend ging er immer weiter, bis ich im Morgendunst des Horizonts ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.
Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr; weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser, als müßten immer neue Menschlein kommen, sich Leben holen hoch an ihrer Brust. Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden: nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn, dies Geisterauge, das dort oben über der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe so groß und bleich im Mondlicht flimmerte. Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände: O komm! komm her zu mir und sieh mich an, wie du den Säugling ansahst! Einmal nur tu mir das Wunder deines Wesens auf! Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe! --
Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder. Vor ihren Schritten teilte sich die See. Und näher, immer näher kam sie dröhnend. Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee. Selige Tränen übermannten mich. In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich. Da stand sie vor mir, beugte sich herab. Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich sie ansehn: Aug in Auge -- oh Erkenntnis: Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! -- Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf; da sah ich weinend in den grellen Mond.
*
Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz! Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl, Gottnatur ist Menschenwahnwitz!
Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht, überspannt von einem Regenbogen. Darauf steht die schillernde Inschrift: hier wird grenzenlos gelogen!
Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar Noah nach der Sündflut schon erschlossen! Und ich brauchte ihn fürwahr. Wißt ihrs noch, ihr alten Zechgenossen?
Strindberg, herrlichster der Hasser, Scheerbart, heiliges Riesenkänguru, und vor Allen Du, mein blasser, vampyrblasser Stachu du,
der mit mir durch manche Hölle bis vor manchen Himmel kroch, Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle -- Przybyszewski, weißt du noch:
wie wir, spielend mit der blöden Sucht nach unserm Seelenheile, aufgestachelt von der öden Wüstenluft der Langenweile
und der Glut der Toddydünste, unser Meisterstück begingen in der schwierigsten der Künste: über unsern Schatten zu springen?!
Wie wir jedes Weib verpönten, das nicht männlich mit uns tollte; wie wir selbst auf Nietzsche höhnten, der noch „Werte“ predigen wollte!
Denn auch wir, wir waren jeder mehr als weiland Faust verschrien. Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder: Doctor sämtlicher Philosophieen!
Und da sah ich endlich sie erscheinen, die noch niemals jemand sah, sie, die Schöpferin des All-Einen, sie, des Satans Großmama:
Venus Metaphysica.
Plötzlich sah ich draußen das Feld ganz von magischem Licht erhellt. Durch die äußersten Straßen von Berlin schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn, ich mußte nur immer gehn und gehn, schließlich blieb ich im Sande stehn; halbhoch in der Unendlichkeit stand der Vollmond, meilenweit. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne, mir war so anders im Gehirne; ich fühlte, mir wollte was passieren, mir war so weltweit. Die Gaslaternen schienen sich förmlich zu entfernen. Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren drüben am dunkleren Himmelsrand wurde ein Feuerwerk abgebrannt; der letzte Böller war kaum verkracht, da schlugs vom Rathaus Mitternacht.
Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute, der Juli lag mir wohl im Blute; ich sah mich um. Kein Laut von Leben; bis hoch ins höchste Äthermeer kein Bein! Die Landschaft dito leer, ganz leer -- Berliner Landschaft eben, wo nur symbolisch hin und wieder ein borstiger Büschel Gras aufsprießt, als hätte der Sand ihn ausgeniest.
Seltsam: was hat der Mensch für Glieder! Mich zwang ein geisterhaftes Regen, in diesen Sand mich hinzulegen, platt auf den Rücken. Der Mond stand grade senkrecht über dem Schornsteinschlund einer düstergrauen Fabrikfassade; da stand er blank und kugelrund wie aus der Kanone hochgeschossen. Ich wünschte, er möchte runterfallen und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen, und machte noch sonstige mystische Glossen, zum Beispiel über die Jakobsleiter, mir wurde immer weltenweiter.
Auf einmal -- ich rieb mir die Augenlider, aber wahrhaftig: jetzt schon wieder: der Mond, kein Zweifel, er rührte sich. Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten, sie schien mir beinah zwiegespalten; und was ich bisher für den Mond gehalten, die Geister überführten mich, das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke. Denn frei der blöden Sinnenschranke erkannt ich: es war die hintre blanke Lendenpartie und noch was Schlimmers eines überirdischen Frauenzimmers. Ihr Kopf war völlig unsichtbar, auch Arme und Beine und Zehenspitzen; sie mußte stark in Kniebeuge sitzen. Doch aus allem Übrigen sah ich klar: so’was, das gibts blos in höheren Zonen, sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.
So lag ich und entzückte mich an ihrer wunderbar schwierigen Stellung, mein Blut kam immer mehr in Schwellung, und nur das Eine bedrückte mich: ob die Geister wohl Unheil sinnten mit dieser Offenbarung von hinten. Und kaum geahnt, da seh ich schon, daß diese maßlose Weibsperson nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust, unaufhaltsam auf mich losgesaust, kommt immer näher, wird immer blanker, hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker, mir schwindelt, mir vergeht das Licht, mir will das Herz durch Haut und Hemd, zitternd erwart ich das Donnergewicht, und die Hände unter den Kopf geklemmt -- jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß, bumms! Schon will ich mich tot erklären aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß, wupp: wie etwa die Hemisphären eines Tragischen Heroinen-Popos.
Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form seh ich ihn mir nun näher an: hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm -- wie einen das Jenseits doch täuschen kann! Sonst sah ich nichts als um den Kopf einen dicken, grauen, gepuderten Zopf, und da sie keine Anstalt machte sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte: sie wird als Dame wohl Gründe haben, dich nicht mit ihrem Anblick zu laben. Die Beine hielt sie steif in der Mitte zwischen den meinen in den Sand; sie war wohl von dem luftigen Ritte noch echauffiert. So lag ich galant stille und fühlte durch die Hosen ihre unsterblichen Pulse tosen.
Wupp! machte sie plötzlich wieder -- und ich muß gestehn, mir tat das wohl, ich schloß die Augen -- und wuppwup, hohl erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund: „Mein Name ist Meta“, wupp -- „genauer Frau +Meta Physika+“ wupp. „Ich bin Astralweib“ wupp -- „und von ewiger Dauer.“ Mir wurde immer wohler zu Sinn, wie sie so jedes Komma und Zeichen nachdrücklich angab in meinen Weichen. Wupp: „Wem nämlich die krause Welt nicht mehr genug von Vorne gefällt, dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten, in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten. Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden auch bei Dir zu Gaste geladen, wupp!“ Das war mir nun sehr erbaulich, aber sie wuppte mir fast zu gut; mir wurde immer dunkler zu Mut, immer beklommner, mir wurde graulig. Ich wollte die Augen öffnen -- vergebens: ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.
Wupp, gings unten in meinem Schooß mit Himmelskräften von frischem los, während sie oben grollte: „Du kleines Menschlein willst dich gegen mich steifen? Was, ich bin dir zu dunkel gewesen? Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines der allgemeinsten weiblichen Wesen, wupp, die nächtlich im Freien schweifen: warte, du sollst es schon begreifen, wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar es ist haarsträubend, aber wahr!“ Und wupp -- ich hörte noch was wie „schleifen“, mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille, alle Gefühle standen mir stille; denn immer eifriger wurde, oh, dieser fürchterliche Astralpopo.
Endlich konnt ich mich wieder ermannen und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen ihre unbewußten Körperstellen mir entgegen wie zwei Riesenpfannen. Der Rücken ist -- in beiden Axen -- um mindestens drei Systeme gewachsen, ich kann ihn garnicht zu Ende sehn; von Kopf nicht mehr die geringste Spur, ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur, und nicht ein Wort mehr zu verstehn. Doch gottseidank pausierte sie leise mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.
Ich überlege schon, ob ich sie bitte sich zu entfernen; da -- wupp, wup wupp -- stampft’s wieder los in meiner Mitte, jetzt fast schon wie’ne Kanone von Krupp. Von oben hör ich wie Unkenstimmen dunkle Offenbarungen stöhnen, die immer übersinnlicher tönen und schon ins Transscendentale verschwimmen. Ich stöhne selber: wie komm ich los! Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß wächst ihre physische Proportion zurück in die vierte Dimension, und immer fetter schwoll und fetter ihr unermüdlicher Katterletter.[*]
Zwar ihr Vergnügen, das gönnt ich ihr herzlich; aber mir wurde die Sitzung schmerzlich. Mein spiritistisches Fluidum spritzte schon literweise herum; ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel, ich armes menschliches Medibumsel. Sie wuppte, wupp, immer wuppiger, mir wurde immer matter und matter, sozusagen immer schaluppiger. Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter und platter wurde, und mit den letzten Kräften schrie ich ins Äthermeer: „Madam! Sie werden mir zu schwer!“ Aber ihre Bewegungen setzten sich mit unveränderter Miene nur noch kategorischer fort. Sie trieb mirs gradezu wie zum Tort, diese grenzenlose Buttermaschine; sie wollte mich vollends, schien’s, vergeistigen. Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: „Madam! Heda! Wie können Sie sich erdreistigen, mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm! So hören Sie doch! Sie altes Kalb, Sie Mondkalb Sie!“ Da: hui, ein Kneifen, ich höre die Engel im Himmel pfeifen --
„Herr, mit Verlaub, ich bin ein +Alb+“, brüllt sie, daß mir der Schädel gellt, „und bleibe auf eurer unglaublichen Welt gefälligst so lange, wie +Mir’s+ gefällt, verstanden?!“ Und +hui+, wupp, seh ich -- o Grausen, Erbarmen, Rettung -- ihren Zopf sich blähen und auf mich niedersausen: der ganze Himmel erscheint Ein Schopf, eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren, die immer spiraliger niederfahren: sie wickeln sich mir um alle Gelenke, um Hals und Arme und Brust und Weichen -- Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren, vor meinen Augen tanzen verrenke riesige Paragraphenzeichen, die mir alle Sinne zuschnüren -- Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens: sie umwickelt mich immer wilder, vor meinem Geiste erscheinen die Bilder meines aprioristischen Lebens, während sie meinen sterblichen Rest immer platter a posteriori preßt -- und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben: ich fühle, wie sich die Seelenspitzen ihrer Behaarung in alle Ritzen und Poren meines Leibes schieben -- ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach, es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund, in Gaumen, Kehle, Nase, und
hapschih, pschih! nies’ich -- und bin wach. Und liege im Sande mit der Nase, dicht bei einem borstigen Büschel Grase. Halbhoch in der Unendlichkeit stand der Vollmond, meilenweit.
[*] +Anm. d. Setzers+:
~Quatre lettres~ = Vier Buchstaben scheint der Herr Doktor gemeint zu haben.
*
Und so hab ich mit Gelächter manchen Geisterrausch bestanden, trank als Raum- und Zeit-Verächter meinen Gottgeist fast zuschanden,
trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib, aber +war+ das, +war+ das Freiheit? Nein! Mitten in den knechtischen Zeitvertreib herzerkältender Spöttereien
tratest Du, Du, die gleich mir gelitten unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid und sich dennoch Lebenslust erstritten, herrlich in Liebseligkeit --
Und ich sah die Wärme deiner Wangen, deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht: eines Sommerglückes Prangen mitten in der Winternacht!
Und ich zeigte dir mein scheues Wehe; und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß. Aber wild erschrak’s vor neuer Ehe. Und ich rang mit dir -- und rang mich los --