Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 13
Und immer, waren wir mal zu Zwein und ich wollte der Hexe die Wahrheit geigen, so ein Lächeln und Lispeln: „lassen Sie sein, geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!“ und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen: „ich weiß ja, alles ist natürlich!“ und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen: „im Wort nur ist es ungebührlich!“ Dann aber, wie bei Leckerein die Eßbegierden rasch verfliegen, fing plötzlich so ein glasiger Schein ihre schwülen Blicke an zu lähmen; ich konnte den Ekel kaum bezähmen, ich fluchte, um nicht auszuspein. Das brachte sie jedesmal zum Lachen: „Sie wollen die Welt wohl besser machen?“
Nur manchmal, wenn sie wie in Schauern, als ob sich ihr Gefühl ertappte, die Lider über die Augen klappte, empfand ich was wie ein Bedauern: vielleicht steckt doch in all dem Schleim ein kleiner verschimmelter Edelkeim. Ich spürte dann immer so ein Jucken in allen fünf Fingern, ihr die Mucken mal mit der Karbatsche auszuplätten; man weiß ja, Prügel und dann ein Kuß ist verrückten Weibern ein Hochgenuß -- Das war das Letzte, das konnte sie retten.
Herrjee, das wars ja, das wollt ich ja eben! und siehe da: schon bin ich zur Stelle. Sie thronte, von ihrem Stab umgeben, der kleine Herr Gatte stand dick daneben, grad gegenüber der Zimmerschwelle. Die persischen Polster und Teppiche strahlten im weißen Schimmer der Glühlichtblüten, die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten, die Seidenroben rauschten und prahlten; auch sprach man schon. Ich legte die Rechte verbindlich an mein Westenlätzchen und -- fühlte nach meiner Knutenflechte; sie steckte sicher; na warte, Schätzchen!
Laut: Gnä’je Frau, ich habe das Glück. Sie schien mich garnicht wiederzukennen. Ich nahm die Ehre, mich zu nennen. „Ah, der neue Herr Lektor. Ein’n Augenblick.“
Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele, die Geheime Komm.-Rat J. von Kohn, als ihre plebejischen Kinderspiele; sie war ja bei Hofe Vertrauensperson. Sonst schien sie aber nicht verändert, nur sozusagen zart konserviert, die verschleierten Augen pikant umrändert, und das Haar im „Jugendstil“ frisiert. Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen, seine Geheime sehr zu gefallen.
Nun fing man an von Kunst zu sprechen. Der Herr Geheime sprach: Verzeihn Se, wenn ich so frei bin aufzubrechen; ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse. „Oh“ -- „leider“ -- „bitte“ -- bedauerndes Lächeln, Verbeugen und Neigen und Wangenfächeln. „Ja, leider dringende Kommission,“ verschwand mit Würde Herr J. von Kohn; nun ging es hoffentlich bald los.
Ich sah mich um -- i, Gott soll schützen, da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen! Da rechts: Frau Konsistorialrat Klooß, geborene Freiin von Kronensproß. Da: Fräulein Lucinde von Entenschnabel. Da die Patin mit dem verbundenen Nabel, und Frau von Knoch mit ihrem Begleiter, und die Pastertochter -- na, und so weiter: das ganze verehrliche Lesekränzchen, wie sie da saßen und standen, die Biedern, auf ihren unaussprechlichen Gliedern, germanische wie semitische Pflänzchen: o Boccaccio, göttlicher Schmetterling, dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel, das wär was gewesen für Deinen Rüssel, wenn nicht auch Dir der Spaß verging! Ja, die Frau Geheime war unbestritten in den weitesten Kreisen wohlgelitten.
Gott sei getrommelt und gepfiffen: jetzt winkte sie. Die ganze Herde schien plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen, und mit entsprechender Geberde sprach die Geheime: „Lieben Freunde, ich bin entzückt und hingerissen, daß meine treue Kunstgemeinde so fest zusammenhält. Sie wissen, daß wir uns heute dem unendlich von uns verehrten wundervollen Genie von Weimar widmen wollen; das heißt, mit Auswahl selbstverständlich. Ich darf wohl bitten -- hier, mein Lieber,“ das ging an meine Wenigkeit, sie reichte mir den Faust herüber -- „die gestrichenen Stellen abzuachten; wenns dann gefällig, wir sind bereit.“
Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten mir Lesepult und Wasserglas; ich sah in das Buch. Ei Teufel -- Das, das ging wahrhaftig über den Spaß: da war ja +Alles+, schien’s, gestrichen. Na, ich nahm Platz, die Diener schlichen lautlos hinaus, ich machte tief mein Kompliment, mein Auge lief die Blätter durch -- aha! hier oben ein ganz besonders fetter Strich -- Und salbungsvoll das Kinn gehoben, begann ich ernst und feierlich:
„Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann, „Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift; „Doch wer den Augenblick ergreift“ -- man horchte auf -- „das ist der rechte Mann. „Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut“, Fräulein Lucinde nickte zart; „An Kühnheit wirds euch auch nicht fehlen. „Und wenn ihr euch nur selbst vertraut“, ich griff mir schmachtend in den Bart, Fräulein Lucinde saß erstarrt, „Vertraun euch auch die andern Seelen. „Besonders lernt die Weiber führen“, der Pastertochter wurde schwach. „Es ist ihr ewig Weh und Ach“ -- die Patin schien der Schlag zu rühren, „So tausendfach“ -- Frau Klooß erkannte mit Gewimmer: Herr Gott, das wird ja immer schlimmer -- „aus Einem Punkte zu kurieren. „Und wenn ihr halbweg ehrbar tut“, jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer, „Versteht das Pülslein wohl zu drücken“, die Frau Geheime schien zu sticken, „Habt ihr sie alle unterm Hut. „Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken“, schrie ich -- „verdammte Heuchlerbrut, „Wohl um die schlanke Hüfte frei, „Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei“ -- da platzte die Bombe: ein Jammergeschrei: die Frau Geheime lag auf dem Rücken.
Und krach! auf die Diele das Wasserglas und den Lesetisch, und heraus die Knute: „Hoppla! Achtung, Frau Zimperschnute! Karline, jetzt kommt der Kontrabaß! jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!“ und knautsch, da hatt ich sie beim Wickel. Ei, alle Wetter: dies dicke Karnickel, das war ja wie’ne Puppe leicht! Und plötzlich: Himmel, was war denn +Das+: Fräulein Lucinde sank fassungslos dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß, die Patin schnappte leichenblaß nach Luft: in meinen Fingern saß -- die Frau Geheime bibberte nur -- ihre ganze Jugendstilfrisur. Und auf der grau strupphaarigen Platte -- mir schauderte -- ein Schurf und Schinn, ein Schund und Schmiericht, als klebte drin die ganze abgekratzte Pomade von zehn Jahrhunderten festgefilzt, so eingeschimmelt und verpilzt.
Die ganze Bande lag in Krämpfen; na wart’t, Kanaljen, es kommt noch besser, ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen! Und schnipp schnapp flitz: mein Taschenmesser: herrjee, wie wurden sie plötzlich munter! Frau Klooß, geborene Freiin, schrie: „Allmächtiger Vater, er mordet sie“ -- und holterdipolter, stuhlüber stuhlunter, als ob ein Satan zwischen sie führe, das ganze verehrliche Lesekränzchen, germanische wie semitische Pflänzchen, klabotter klabatter hinaus zur Türe.
„So, Schatz!“ ich nahm sie sacht beim Ränzchen, zum Glück hatt ich noch Handschuh an -- „jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann und Weib das manchmal soll passieren, uns etwas näher inspizieren!“ Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen und Seidenfranjen und Sammetlitzen, und schlitz -- an knöpfen war nicht zu denken, so war die Kracke verschnürt und verschnallt --: das Taschenmesser! und --: brrr, schnitts kalt und heiß mir selber in allen Gelenken, wie da aus Flunker und Flitter und Flatter, aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter, aus Watte und Wolle und Fischbeinzacken und Gummi-Busen und -Hinterbacken mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten sich diese vermickerten Knickknochen pellten.
Ich stand -- na, wie klein Hans beim Drecke. Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe, dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke, dies dürre, lahme Altjungferngerippe, da hatte ich Narr mich so geplagt? Zwar: Jungfer -- Das zu untersuchen bei diesem verbrutzelten Hutzelkuchen, das hätte wohl kaum ein Arzt gewagt. Ich konnte mich immer noch nicht fassen; blos heimlich wünscht ich, hätt ich ihr doch das Hemde wenigstens angelassen! Pfui Teufel, wie sie da vor mir kroch mit ihren Faltenschlitzen und Runzeln, mit ihren Zottelzitzen und Zunzeln, mit ihren ausgetrockneten Waden und eingetrockneten Hinterfladen -- fast entsank die Geißel meinen Armen, mein Ekel stieg bis zum Erbarmen.
Lern aber einer die Weiber kennen! Noch eben mitten in Zappeln und Flennen: kaum merkte sie meine Männerschwäche, ich merkt’es selber erst durch sie, es war die reine Telepathie: da grinst und äugelt mich die freche Vettel mit ihrer geschminkten Fratze so von unten über die Achsel an, daß mirs durch beide Nieren rann. Ich weiß nicht, ob die alte Katze mich etwa zu -- beglücken dachte, ob sie sich über mich lustig machte, ob diese abgetakelte Ratze in ihrer kahlen Scheußlichkeit meinte, sie sei dadurch gefeit: ich fühlte nur plötzlich eine Wut, mir schien das ganze erbärmliche Blut unsrer verjammerlappten Zeit in dieser Hexe zusammengebreit, und -- „So! nu zappel, verwünschte Pute, jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand“, hol ich zum Hieb aus mit der Knute, da -- -- legt sich sanft um meine Hand und rührt mich bis ins weheste Mark wie junge Liebe so still und stark und warm, um meinen Hals gebogen, ein Arm. Und mild, voll Stolz und Huld, tönt eines Atems leises Wogen: „Laß ab! sie büßt an ihrer Schuld.“
Und wie sich nun mein Nacken wendet, von Schauern mächtig überwallt, da steh ich scheu und fast geblendet vor einer schimmernden Gestalt. Im bleichen Kreis der Glühlichtglocken ist ihre Nacktheit heller Tag, es spielt ein Schein um Stirn und Locken wie Blütenschmelz im Frühlingshag. Zur Hüfte nieder um die Brüste fließt mantelschwer ihr offnes Haar und wogt und flimmert dämmerklar, als ob ein Morgenwind es küßte. Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten, zum Gruß geneigt und zum Gebot, ein Lilienstab, den dunkelrot zwei volle Rosen hoch umflechten; so steht sie wehrend, wundersam beglänzt. Und ich -- mich überkam ein Ahnen wie Erinnerung, ein Sehnen, neu und kinderjung: ich hatte sie nie noch nirgendwo gesehn, und wie mir dennoch so ihr freudig Auge, seelenweit, und ihres Mundes Zärtlichkeit jedwedes Faserchen tief innen zu lauter Andacht ließ gerinnen: ach, wars denn nicht, als sähe wieder meine liebe Mutter zu mir nieder?
Und wie nun fromm und ganz befangen mein Blick an ihr zu Boden wollte und doch in bangem Hinverlangen, da doch ihr Haar an Ohr und Wangen und Brüsten schmeichelnd sie umrollte, mein Herz nach ihrer Schönheit schrie, als müßtest Du mir, Du, mit weiten Armen aus ihr entgegenschreiten, du Eine, Einzige, die mir nie ein Wort noch Winkchen vorenthalten, nicht Seel noch Leibs geheimste Falten, seit endlich dein an mein Herz schlug -- Und wie’s so immer inniger drängte und wie mich süß und süßer tränkte der dunklen Rosen Wohlgeruch: es riß mich nieder ihr zu Füßen und machte meine Arme breit: „wer bist du, Weib, mit deiner süßen, mit deiner milden, herben, süßen, unsagbar süßen Herrlichkeit?“
Und aus der Rechten sacht zur Linken läßt sie das Blumenszepter sinken, dann spricht sie, über mich geneigt, nimmt mir die Geißel aus der Hand nun, nimmt eines Teppichs bunten Rand nun, indem sie ihn der Andern reicht, und winkt ihr mit der Lilie: „Geh! bedecke dich! es tut mir weh, in deiner Blöße dich zu sehn.“ Und wieder über mich geneigt nun, indeß die Andre scheu entweicht nun, tönt ihres Atems leises Wehn: „Was wars doch, was in liebsten Lüsten, wenn Lippen sich und Seelen küßten, den trunknen Blick dir ganz benahm, was dich im reinsten Rausch der Wonnen, tief in ein Andres einversponnen, wie willige Blindheit überkam? Dann warst du Mein! ich bin die +Scham+.
„Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,“ senkte sie lächelnd die Lilienblüten, „so um alles in Eifer wüten. Die da, meine mißratene Schwester,“ nickte sie neckisch nach der Tür hin, während sie mir den Scheitel zauste und ihre zierlichen Nüstern krauste, „Die da ist schon über Gebühr hin durch die eigene Ohnmacht gestraft: fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft. Hat ja viele Seelen zu Sklaven, alle die Biedern, alle die Braven vom werten Orden der Gleißnerschaft, alle die zahmen, ewig alten, sinnelahmen Halben und Kalten, scheint ein gar gewaltiger Bund, ist aber doch nur -- nun eben Schund. Haben die Welt nie aufgehalten; und alles, was sie zu Stande brachten, und ihrer Weisheit letzter Grund ist -- ihr gegenseitig Verachten. Können sich nicht gesund betrachten, weil ihrem armen dünnen Blut jedes freie Lüftchen wehe tut, und machen drum aus ihrer Not ein Gebot.
„Und, Lieber,“ streicht sie zart mein Haar, „der Heuchler meint die Lüge wahr, der Wahre muß ihn nur verstehn! Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn, man würde sich nicht sehr beklagen; doch etwas schwerer zu vertragen ist Häßliches, bei Licht besehn.“
Und während silbern noch im Ohr mir ihr fröhlich stolz Gelächter klingt, winkt mit den Rosen sie empor mir und spricht: „Ein schlechter Boden bringt aus echter Wurzel schlechte Blüte. Und wer mit schwächlichem Gemüte sich schämt, der ist zur Scham verdorben; doch ist sie drum nit ausgestorben. Wer Löwe ist, der gönnt der Katze den Mäusefang in seiner Welt; sie will +auch+ leben. +Jede Fratze zeugt für den Gott, den sie entstellt.+“
So beugt sie sich mit gnädigem Kusse in heller Anmut zu mir hin, und ich, ich fühle ihrem Gruße mein ganz Gefühl entgegenglühn -- glühn, bis mich’s schauernd übermannte, ich wieder an ihr niedersank, mein Mund auf ihren Brüsten brannte, ich ihre Lenden schon umspannte, ihr Haar mir um die Finger schlang, die Stirn geschmiegt in ihren Schooß -- Sie aber, hold und mütterlich, zupft mich am Ohr: „Ich bitte dich, mein lieber Mensch! was willst? laß los! ermuntre dich! du -- träumst ja blos.“
Die Verwandlungen der Venus
Nachtwache eines Sehers der Liebe
Niemals sah ich die Nacht beglänzter! Diamantisch reizen die Fernen. Durch mein staubiges Kellerfenster schielt der Schein der Gaslaternen,
schielt auf meine frierenden Hände, und mich quälen Wollustbilder. Grau sind diese nackten Wände; doch sie flimmern. Und mein wilder
irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen: unsre Lüste wollen fruchtbar sein. Mit den Schatten meiner keuschen Kammer spielt ein schwüler Schein:
an den hohen Häusern drüben glühen aus der Finsternis die Fenster, wo die Freudenmädchen blühen -- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Und die Sterne sind wie brennende Blicke; Welten sehnen sich nach mir! Ich verschmachte. Ich ersticke. Ja: ich frevelte an ihr --
ihr, der ich entrinnen wollte und mich wie ein Mönch verkroch, der dem Licht der Sinne grollte, aber es entzückt ihn doch!
Selbst in meiner kalten Zelle fühle ich das Leben toben, der ich wagte, dieses schnelle Herz zu dämpfen. Aber oben
über meinem dunklen Tale, +Venus+, seh ich angebrannt Deine flammenden Fanale. Und den Blick hinaufgewandt,
ruf ich aus dem tiefen Turme meiner Ängste zu dir hoch: Göttin, wandle dich zum Wurme, sei im Wurme Göttin noch!
Sausend schaukelt eine Not mein Herz wie in erster süßer Knabenfrühe; ich verschmachte! ich verglühe! jeder Stern ist mir ein Schmerz!
Ihre Strahlen sind wie stechende Ruten marternd, wenn du mich nicht kühlst, wenn nicht Du mit deinem gnädigen Blute meine dürstende Inbrunst stillst!
Sieh, da lichtet sich ein neues Fenster, zuckt ein steiler Kerzenstreifen -- niemals sah ich die Nacht beglänzter! Ja, entzünde dich dem Reifen,
+Ewige, lächle! Deine Kerzen bleiben+; alle andern sind verblichen. Hinter jenen schwarzen Scheiben schlafen alle Ordentlichen --
schlafen, wie sie immer schliefen, wenn die Gottheit Ordnung +schuf+, während mir aus magischen Tiefen auftaucht mit melodischem Ruf
Venus Anadyomene.
Das ist die alte Stimme wieder, aus langen Träumen jung erwacht. Sie sang die allerersten Lieder, trunken und schüchtern. Sie singt und lacht:
Über dem grünen Roggenmeere wiegte die Glut zwei Pfauenaugen. Blühend roch die brütende Leere. Tief im grünen Roggenmeere lag ein Knabe mit blauen Augen.
Das war, als du noch Fehle hattest, noch alte Furcht und fremde Scham, als du noch keine Seele hattest, die nur aus +Deinem+ Blut dir kam.
Aber du sahst die Falter leuchten, mit flackernden Flügeln bunt sich greifen; träumte dir von zwei dunkelfeuchten Augen, und die sahst du leuchten unter bunten flatternden Schleifen.
Das war die Zeit des Schaums der Säfte, die Ähren stäubten gelben Seim; vieltausendjährige Sehnsuchtskräfte erregten schwellend einen Keim.
Ahntest unterm andern Kleide andre nackte Glieder klopfen. Deine Hände flackerten beide. In die einsam heiße Haide quoll ein erster Samentropfen.
Das tat die Sehnsucht dieser Erde, die opfernd um die Sonne schweift. Sie sprach das allererste Werde. Auf! Die Sprache der Mannheit reift.
*
Habe Dank, du dunkle Geisterstimme! Ja, du hilfst mir meine Not begreifen. Auf! ich fühls, wie trüb ich glimme; laß uns nach Erleuchtung schweifen!
Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung hab ich mich hierher gewunden, um in eisiger Verkeuschung starr zum Gleichmut zu gesunden.
O! noch Einmal war mir aufgegangen zweier Augen lockende Hoffnungsmacht: eines Sommerglückes Prangen mitten in der Winternacht.
Als mein Herz am allerinnigsten bebte -- Wundertäterin, hoffst du +noch+? -- schloß ich’s ein in dies verspinnewebte kahle Vorstadtkellerloch.
Wie’s mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister, schnarcht die Mitwelt meiner Zelle: mein schwerhöriger Schustermeister, und sein närrischer Altgeselle.
Wochendurch hat dieser ledige Fleischfeind christlich mich zerrauft, Schmachtriemsweisheit mir gepredigt; +Tolstoi+ hab ich ihn getauft.
Nacht für Nacht versucht von Träumen dehn ich mich auf meinem harten Lager, immer zuchtloser mich bäumend, immer gieriger, immer magrer.
Wie mich hungert! Wie die roten Freudenfenster drüben blinken: Blut, von dem die scheinbar toten Geister meines Innern trinken.
Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade, die wir trunken einst geirrt, daß mir endlich, endlich doch die Gnade glutgeläuterter Erkenntnis wird!
Steig empor, du übersehr verschönte Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde! Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte, ferne Göttin meiner ersten Begierde,
Venus Primitiva!
O daß der Kuß doch ewig dauern möchte -- starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste -- der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte, tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!
Nein, länger duld’ich nicht dies blöde Sehnen, ich +will+ nicht länger in verzücktem Harme die liebekranken Glieder Nächtens dehnen; o komm, du Weib! -- +Weib!+ betteln meine Arme.
O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn, vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide; noch wogt um mich, du Flammenkönigin, und glüht im Aschenflor die Kupferseide.
Gieß aus in mich die Schale deiner Glut! Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen vor dieses Feuerregens wilder Brut, von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen!
Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß, die lange schmachtend lag in spröder Hülle; ich will mich lauter blühn, lauter und los aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle!
Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust. Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust! Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale.
Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen; o kämst auch Du so süß und so verstohlen, so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen, auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen
will ich dich betten -- oh -- dich an mich betten, daß alle meine Mächte an des Weibes blendenden Göttlichkeiten sich entketten, hinschwellend in den Teppich deines Leibes.
Wunderlich, wie dies Erinnern plötzlich mein Erschauern kühlt. Ach! der Glutpokal war zinnern und zerschmolz mir, kaum gefüllt.
Dämpfe, die den Himmel schänden, seh ich aus den Schlacken kriechen, widerlich wie diese Wände, die nach Pech und Moder riechen.
Aus den hohen Häusern drüben dringen durch die Schattenmassen Gespenster, die den Glanz der Nacht verschlingen; schon verdunkelt sich ein Fenster.
Kommt! ich will die Stirn euch bieten, Schatten meiner verpraßten Stunden, der ich Tausenden gleich an dir gelitten, Weib mit deinen Lasterwunden,
bis ich auffuhr voll Entsetzen vor dem Gift, das ich genossen, aus dem Duftbann deiner seidnen Fetzen, Weib der Gassen und der Gossen,
Venus Pandemos.
Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch der schwülen Sofapolster und des Punsches, der vor mir glühte, und vom Frauendunst der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.
Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen und derer, die drum warben. Das Gerassel der Alfenide-Löffel am Büffet ermunterte den Lärm des Liebesmarktes, ununterbrochen, wie ein Tamburin. Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend, und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters, der drüber hing, sich mühsam mit den Farben auf den Gesichtern um die Marmortische in seiner gelben Sprache unterhielt; wozu der schwarze Marmor blank auflachte.
Ich war schon bei der Wahl -- da teilte sich die rote Türgardine neben mir: ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte; die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm. Mir grade gegenüber, quer am Ende des Ganges, als beherrschten sie den Saal, nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter hing über ihnen wie ein schwerer alter Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen. Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen: „Bejejent muß ik die woll schon wo sein.“
Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne, die wachsbleich an die schwachen Haare stieß. Die großen blassen Augenlider waren tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag ihr Schatten um die eingeknickte Nase; der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen. Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin ihm kichernd einen Satz zuzischelte, sah man sein eines schwarzes Auge halb und drehte sich sein langer dünner Hals, langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch, wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.