Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Part 12

Chapter 123,388 wordsPublic domain

Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du? Alles war gut. Nur Ich -- was ist mit mir? Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn -- da an der Wand -- Heerschaaren -- Kriegerschaaren -- von Land zu Land mit mir -- Erobrerschaaren -- von Stern zu Stern -- zur Schlacht -- Schlachtopferschaaren -- im Traum -- sie opfern sich für Gott hin -- hörst du? die ganze Welt hin -- sich hin -- mich hin -- Gott! -- Wenn ich nur endlich schlafen könnte -- schlafen -- --

Ruhe

Nach Verlaine

Auf die Nachricht vom Tode des Dichters

Ein großer schwarzer Traum legt sich auf mein Leben; Alles wird zu Raum, Alles will entschweben.

Ich kann nichts mehr sehn, all das Gute, Schlimme; kann dich nicht verstehn, o du trübe Stimme.

Eine dunkle Hand schaukelt meinen Willen, glättet mein Gewand, still im Stillen.

Ecce Poeta

Doch hör ich noch der Tausende Entzücken und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen, und sehe noch ihn seine Rosen brechen und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.

Sie lagen jubelnd an den Silberbächen und ließen sich mit seinen Blumen schmücken, und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.

Sie waren alle jammernd hergekrochen, und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl. Er hatte Allen alle weggesprochen; verschmachtet sank er hin am Bachesrande. Da starrten sie, da sahn sie seine Qual. So träumte mir in unserm Vaterlande.

Die ferne Laute

Eines Abends hört ich im dunkeln Wind eine ferne Laute ins Herz mir singen. Und ich nahm die meine im dunkeln Wind, die sollte der andern Antwort bringen. Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen. Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen, aber die Menschen verstanden mich nicht. Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen, und da saßen Nachts um mein Herzenslicht die Unsterblichen mit hellem Gesicht. Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen und schweigen, wenn meine Laute spricht.

Notturno

So müd hin schwand es in die Nacht, sein flehendes Lied, sein Bogenstrich, und seufzend bin ich aufgewacht. Wie hat er mich so klar gemacht, so sanft und klar, der Traum -- und war doch bis ins Trübste feierlich.

Hoch hing der Mond, das Schneegefild lag bleich und öde um uns her, wie meine Seele grauenschwer. Denn neben mir, so starr und wild, so starr und kalt wie meine Not, von mir gerufen voll Begehr, saß stumm und wartete der Tod.

Da kam es her: wie einst so mild, so müd und sacht, aus ferner Nacht, so kummerschwer kam einer Geige Hauch daher, kam dämmernd her des Freundes Bild.

Der mich umflochten wie ein Band, daß meine Jugend nicht zerfiel, und daß mein Herz die Sehnsucht fand, die große Sehnsucht ohne Ziel: da stand er nun im öden Land, ein Schatten trüb und feierlich, und sah nicht auf noch grüßte mich. Nur seine Töne ließ er irrn und weinen durch die kalte Flur; und mir entgegen starrte nur aus seiner Stirn, als wärs ein Auge hohl und fahl, der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und trüber quoll das trübe Lied, und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll, so heiß und voll wie Leben, das nach Liebe glüht, wie Liebe, die nach Leben schreit, nach ungenossener Seligkeit, so wehevoll, so wühlend quoll das strömende Lied und flutete; und leise, leise blutete und strömte mit ins öde Schneefeld, rot und fahl, der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und müder glitt die müde Hand, und vor mir stand ein bleicher Tag, ein ferner bleicher Jugendtag, da starr im Sand er selber ein Zerfallner lag, da seine Sehnsucht sich vergaß in ihrer Schwermut Übermaß und ihrer Traurigkeiten müd zum Ziele schritt; und laut auf schrie das weinende Lied, wie Todesschrei, und flutete, und seiner Saiten Klage schnitt und seine Stirne blutete und weinte mit in meine starre Seelennot, als sollt ich hören ein Gebot, als müßt ich jubeln, daß ich litt, als möcht er fühlen, was ich litt, mitfühlen alles Leidens Schuld und alles Lebens warme Huld -- und weinend, blutend wandt er sich ins bleiche Dunkel, und verblich.

Und bebend hört ich mir entgehn, entfliehn sein Lied. Und wie es zart und zarter ward, der langen Töne fernes Flehn, da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn und grauenschwer die Luft sich rühren um mich her, und wollte bebend nun ihn sehn, ihn lauschen sehn, der wartend saß bei meiner Not, und wandte mich --: da lag es kahl, das bleiche Feld, und fern und fahl entwich ins Dunkel auch der Tod. Hoch hing der Mond, und mild und müd hin schwand es in die leere Nacht, das flehende Lied, und schwand und schied, des toten Freundes flehendes Lied; und dankbar bin ich aufgewacht.

Ein Ewiger

Ich lag in einem dunkeln Taxushain und hatte Furcht. Im Schatten vor mir saß ein Mann, der war wie eine große nebelvolle Höhle, in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit neue Welten träumte. Nur ab und zu schob er seine schweren Wühlerhände durch das Gitter, und mit grauen, grausam traurigen Augen griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß. Und über ihn, im Hintergrund der Höhle, mit unendlich weichem, kleinem, stolzem Munde, lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt, die weinte über den traurigen Dachs.

Da hob der Mann die starre Gottesstirne zu mir her, darüber ihm die Haare seidenfein und blond in langen wirren Wellen lagen, als ob er eben aufgehört zu fliegen; und seine scheuen Frauenlippen zuckten. Ich aber sah hinauf, wo durch den dunklen Taxuswald der kalte blaue Himmel strahlte, klar, weit, hoch, und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen, und eine Freude wie im Winter zerbrannte meine Furcht zu Funken, die sprühten einen Namen in das Dunkel, sternhell: +Strindberg+.

Loke der Lästerer

Nach Strindberg

Götter der Zeit, ich schmähte gestern, und schmähen will ich euch auch heut, Götter der Zeit, euch ewig lästern; hört mein lachendes Lästergeläut!

Ihr führt die Macht, ich führe Klage, ich führe das Wort in meiner Macht. Dreizehn liegt ihr beim Gelage; das bedeutet Totenwacht, Unfall, Hinfall -- singt die Sage. Götter, nehmt euch gut in Acht: sehr schnell eilen die lustigen Tage, Götter, Götter, und Loke lacht!

Ja, ich saß in jüngeren Stunden zu Gast in eurem Freudensaal: an dem Strick, den ihr gebunden, hingeschleift zu euerm Mahl. Darum: eure eiternden Wunden, Loke kennt, kennt ihre Zahl!

Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen, und euer Wein war ekler noch; euer Singsang verdarb mir das Essen, der fad wie dünne Brühe roch. Und das könnt ihr Loke nicht vergessen, daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.

Nein, ich will kein Loblied krähen, will nicht singen für euern Fraß; nein, ich will euch lieber schmähen mit meinem großen, schönen Haß!

Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen, mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch, mir die Zähne ausgebrochen, aber meine Zunge lästert doch!

Ja, ich habe eure Schmach verraten, Götter -- das war all mein Fehl; eure heiligen Greueltaten, eurer festen Schlösser Sündenhehl.

Drum heißt Loke der Erste der Hasser, der Lästerer Erster in euerm Lied; ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er Verräter verriet!

Wenn den Gewaltigen straft der Schwache, dann heißt die Strafe Rachewut. Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache, hört es, Rache -- und rächte gut!

Habe erbrochen die Bundeslade, habe den Moder ans Licht gescharrt, euch abgerissen die Maskerade und eure Nacktheit offenbart.

Habe euern Götzendienst verachtet, von euern Bildern den Flitter geklopft; habe das goldne Kalb geschlachtet, +sah+ das Stroh, womit es ausgestopft.

Habe gerächt, du alte Götterhure, gerächt all meiner Jugend Weh, als ich knien gemußt zum eklen Schwure und dir Weihrauch streun, du Lügenfee!

Ja: mein Wahrheitswort, das lachte ins Gesicht dem Götterpack, daß ihr Schloß und Tempel krachte -- hah, wie rannte das Köterpack:

die Göttervetteln, die Götterpinsel: Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm die Unterröcke mit Gewinsel vor die kranke verschrumpfte Scham.

Aber die Lüge ging zum Pfuhle und fischte Nattern im dumpfen Hain; die ließ die tückische Götterbuhle Gifte in Lokes Antlitz spein.

Und dann schlugen sie Loke in Ketten, Hundert gegen Einen war die Tat; doch -- in ihren Götterlotterbetten schrein sie doch von Hochverrat.

Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe, aber seine Zunge ist noch frei, und die alten Göttergerippe zittern +noch+ von seinem Geschrei.

In den langen Nächten seiner Qualen sitzt an seinem harten Bett sein Weib, schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen vor dem Nattern-Eiter seinen Leib.

Wenn dann die tückischen Vipernrotten beißen wollen die treue Hand, dann hört Loke auf zu spotten: wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.

Wenn er seine Ketten schüttelt, dröhnen die Berge und das Feld; in Hütten und Burgen, wachgerüttelt, ahnt man bebend das Ende der Welt.

Da hört Loke auf zu lästern, sondern aus den düstern Augen drohn sengende Blitze den Götternestern, und er ruft nach seinem Sohn.

Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer, dann läßt er rasseln sein Schuppenfell und reckt den Schwanz, der Weltempörer, hinten am wilden Wolgaquell.

Und es prasseln und knacken und splittern die Forsten im Wolkonskywald; und die Pyrenäen zittern, wo sein Bauch zuckend sich ballt.

Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen des Seine-Stromes heilige Flut, dessen Ufer noch glühn und träumen von Erlösung und von Blut.

Aber: wo der Drache das Haupt geborgen, fragen die feigen Götter und schrein. Ewig folgt auf heute morgen; mein Bescheid wird euer Gestern sein!

Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache, Götter, +aus+ ist dann die Zeit! Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache, wird euch +nie+ mehr Unheil prophezeit!

Dann erliegt die Welt dem Brande, der verbrennt, was brennen soll, der das Gold befreit vom Schlackensande, der verschont, was lebensvoll.

Und der alte dürre Norden, dann vom Feuer reingeglüht, fruchtbar Ascheland geworden, saamt sich neu, gebärt und blüht.

Dann, in ewig grünen Hainen, neu geboren, lebt ein frei Geschlecht, nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen, Keiner mehr ein Götterknecht.

Götter, wenn sich dann die Raben um eure Gräber tummeln auf der Flur, keine Träne wird dann Loke haben, seine ewig junge Hoffnung nur!

Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen schwer in eure Götterruh, denn er glaubt an jenen seinen Einen, nicht an euer Blindekuh.

Doch euren Gräbern lacht sein Geläute wie Freundesnachruf: Götter der Zeit, ruht in Frieden, Götter! Heute lebt die Gottheit der Ewigkeit.

Um Ibsens Schatten

Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest, der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat, warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand den trunknen Spruch: Skaal, Ibsen, Skaal, du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns! ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet: Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! --

Nun sitzen wir beim Todesfestbankett, trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit, Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend, ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger, der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft, noch unerschütterlicher als dein Körper einst, lastest.

Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen? O! mit noch höher geschwungenem Becherrand will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast. Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums, durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach, empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht, bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht -- nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.

Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn: tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen, schwebst, lebst, und waltest.

Und so -- mit unsern begeisterten Augen -- siehst du, wie Männer kommen: einsam, einzelne nur, doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere, wortkarg wie Du, sinnstark wie Du: die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus. Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr, und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere, wortscheu wie Du, werktreu wie Du: die richten ihren Glauben an dir auf.

Dann wird wohl Eine -- o! ich seh ihr Gesicht, braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen und kann wie Honigwabenhaut so zart sein -- wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut einst zulächeln: Dank, Ibsen, Dank, du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns! ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt: Dank, du vom ewigen Licht bestärkter, gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! --

Götterhochzeit

Ein Zwiegesang

O ewig Gesuchte! „O endlich Gefundener!“ Im Umsturz der Welten! „Am Quell der Gestirne!“ Überm donnernden Absturz meiner verschütteten Geister. „Unterm sanften Aushauch unsrer verströmten Seelen.“ Die Sphären weinen. „Der Äther lächelt.“ Äonen waren. „Äonen werden sein“ -- werden -- „sein! -- laß uns lachen, Geliebter!“ Lachen? „Jubeln!“ Geliebte, wem? „Äon dem Ungeborenen!“ Äon dem Wiedergeborenen ...

Schöpfungsfeier

~Oratorium natale~

Chor der Ahnen:

Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen, wieder neigen Blumen sich zusammen, Kind, weil Du am Leben bist. Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren, horch, ein Vatergeist will heut erfahren, ob dein Herz dem Leben dankbar ist.

Der Vatergeist:

Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken, den die Schatten seiner Taten drücken, doch mit ungebeugtem Sinn: Denkst du noch an meine Züchtigungen, harten Worte, strengen Forderungen? wozu nahmst du soviel Trübes hin?

Und ich seh, du blickst auf deine Hände, auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände, und du lächelst stolz und mild. Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen, all das Wohlgefügte dir erringen, das dich heut entzückt als helles Bild.

Aber dazu Jahre voller Plagen, um ein Augenblickchen zu erjagen, wo das Leben Glanz gewinnt? Aber schon ergreift mich dein Entzücken, dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken: dieser Augenblick ist göttlich, Kind!

Chor:

Dieser Augenblick ist selbst dem Bangen einer Mutterseele Dank genug. Heut erscheint sie dir von Glanz umfangen, die dich einst mit dunklem Lichtverlangen unter ihrem Herzen trug.

Die Mutterseele:

Voll Entsetzen hörte sie dich wimmern, als man dir vom Körper wusch ihr Blut. Zaghaft sah sie in verhängten Zimmern dein klein Seelchen wie ein Flämmchen flimmern; heut ist’s eine große Glut.

Saaten Lichtes treiben in dir Sprossen, überschwänglich flammt die Himmelsflur; Welten hält dein freier Blick umschlossen, strahlend zeigt er Freunden und Genossen unsers Daseins ewige Spur.

Zwar im Nebel auf den irdischen Auen tönt bald fern bald nah des Todes Ruf. Doch Verklärung quillt aus seinem Grauen: unsern Kindern bleibt der Himmel blauen, den die Mutterseele schuf.

Ein paar Kinderstimmen:

Deine Kinder sehn den Himmel gerne, auch bei Nacht sein hohes helles Sieb; aber mehr als Sonne, Mond und Sterne sind uns deine Augen lieb.

Und so lieb und solche hellen Wunder sind auch unsre Augen dir; Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder zwischen dir und uns, das fühlen wir.

Die Mutterseele:

Immer heller wird uns angezündet rings vom Vater Geist dies Flammenspiel. Jede Kerze flimmert ihm verbündet, jede Blume schimmert einbegründet in sein glanzverhülltes Ziel --

Chor:

in sein glanzverhülltes Ziel.

Der Vatergeist:

Immer wieder lockt es die Entzückten, bis die Mutter Seele den beglückten Schöpfungsaugenblick genießt. Weil wir’s nie und immerfort erreichen, tragen wir des Ringes heiliges Zeichen, das von Hand zu Hand die Welt umschließt --

Chor:

das die weltenvolle Welt umschließt.

Die Verwandlungen der Venus

Erotische Rhapsodie mit einer moralischen Ouvertüre

Zweite Ausgabe

Das entschleierte Schwesternpaar

Moralische Burleske

Sie war geflochten aus besten Stricken, aus bleiverknoteten, festen, dicken, meine Geißel nämlich -- und der Stil so grad recht handlich zum Prügelspiel. Doch nein: es sollte ja ernst zugehn: ich wollte das Schandweib blutig karbatschen, diese alte Prüde mal zappeln sehn. Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen, die Lackschuh an, Glacés, Chapeau, damit nicht etwa, käm ich so als Mensch blos, ohne den Affenschniepel, Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel! Ich las noch einmal die Adresse: Frau Geheime Komm.-Rat J. von Kohn etcetera -- die „Kommission“ verschwieg man, schien’s, aus Delikatesse. Eine Krone drüber, riesengroß, ersetzte das „geborne“ Schwänzchen. Da war ich geladen zum Lesekränzchen. Denn, verehrter Leser, ich träumte blos.

Hm! dacht ich: wie wird sie mich begrüßen? Wahrhaftig, sie hatte Karriere gemacht, hatte mich immer schon ausgelacht -- na warte, Kröte, heut sollst du’s büßen! Ich übte Probe; verdammt, das zog, wie die Knute um Wade und Schienbein flog! Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste, ich übte den Handgriff, es ging aufs beste. Noch ein Blick in den Spiegel! famos, famos, das wird ein lustiges Lesekränzchen: erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen! Faust?? -- Wie gesagt, ich träumte blos.

Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt?

Seltsam! ich sann und sann und sinnte, meine Gedanken waren wie Stinte: kaum da, schon wieder weit entfernt. Ich lief und lief, durch Zeit und Raum, von Straße zu Straße, in meinem Traum: ich wußte genau, ich kannte sie seit je, die Dame +Prüderie+ -- und doch: wer war sie? -- Das war ja rein zum rasendwerden mit dieser Fratze: Doch immer die selbe! dies Blinzeln! Nein, doch nicht! bald lüstern, fast wie’n Schwein, bald wie’ne Schlange, nein wie’ne Katze. Und dennoch -- Teufel, ich irr mich nicht: um diese vielfältigen Blicke immer das selbe zahme Kaninchengesicht, nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht, das selbe süßlederne Frauenzimmer.

Ah -- ja natürlich! klar wie Butter: erst war sie die Tochter von unserm Paster. Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster; dann wurde sie heimlich Fräulein Mutter. Das heißt, nicht etwa von meiner Seite, ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen, ich nahm die Worte noch für die Leute; ein Andrer, der hatte sie -- besser begriffen.

Und dann: weiß Gott, das war sie ja +auch+: die Frau Patin mit dem verschämten Bauch. Ihr seliger Gatte war sehr verderbt, er hatte ihr einen Apoll vererbt mit nichts als einem Blatt zum Kleide; drum band sie ihm, so geht die Fabel, aus himmelblauer chinesischer Seide ein christliches Mäntelchen vor den Nabel.

Nein! Himmel! es war ja ihr Fräulein Base: das ethisch-ästhetische Fräulein Lucinde, die mit der Entenschnabelnase und dem Traktätchen „Die Kunst der Sünde“. Sie hatte sich züchtig nach einem Mann in den vornehmsten Zeitungen umgetan, doch wollte keiner die Tugend belohnen; nun schrieb sie poetische Rezensionen. Ganz Deutschland pries ihren edlen Stil ob seiner fließenden Reinlichkeit; besonders Dehmeln besprach sie viel und beklagte seine Peinlichkeit. In Höherem Auftrag ließ sie auch, der Staat bewilligte die Mittel, ein Werk erscheinen mit dem Titel: „Das verbesserte Volkslied zum Schulgebrauch“. An den Anfang war als Motto gestellt: „Hähnchen von Tharau ists, das mir gefällt“.

Und immer neue! Verdammte Hexe, kaum bist du Eine, so sind es sechse -- Herrgott, nun ist sie gar ein Mann: der Herr Seelenforscher von nebenan, Privatdozent und Licentiat, der den wunderschönen Vollbart hat, er schwingt fürs Frauenwohl die Feder. In Schriften spricht er und vom Katheder über die höhere Sinnlichkeit aller wahrhaft sittlich Emanzipierten und die sexuelle Verworfenheit und perversen Affekte der Prostituierten; er will ein kirchliches Zuchthaus gründen zur Korrektur der natürlichen Sünden. Die Termini technici liebt er nämlich, so ein Fremdwort finden die Damen charmant; deutsch klingt gleich alles so beschämlich und zehnmal weniger intressant. Drum ist er, nur aus besagtem Grunde, bei einem Spezialarzt ständiger Kunde.

Ah, da geht er ja wieder; Herr, warten Sie doch! was machen Sie denn so breite Beine?! Nein, er ists ja garnicht -- ah: Frau von Knoch mit ihrem Möpschen an der Leine, seine verehrte Gönnerin. Ach nein: Frau Konsistorialrat Klooß, mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn, die „Witwen- und Waisen-Beschützerin“ und Fünfmillionenbesitzerin, geborene Freiin von -- Kronensproß. Ihr Neffe, der war ein deutscher Dichter, so einer von dem verruchten Gelichter, die alles beim rechten Namen nennen und gar keine moralischen Rücksichten kennen; dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen. Und da hat der Mensch die Frechheit besessen, angeblich aus Mangel an Kleidung und Essen, und hat sich ’ne Kugel durchs Hirn geschossen.

Und immer neue! Mein Schädel brannte, während ich so durch die Straßen rannte; ich lief und lief wie spukgeschreckt. Aus allen Mienen, aus allen Blicken, als hätte ein Teufel die Welt beleckt, schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken. Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt, war sie mir über den Weg gekrochen mit ihrem frommen Kaninchengesicht, nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht, mit ihren schlangengeschmeidigen Knochen.

Sie hatte so’was in den Augen, das schien sich einem ums Herz zu stricken, alle Liebe drin zu ersticken und jede Männlichkeit auszusaugen. Und wo man hinkam, war sie zu treffen, sie schien die reine Gesellschaftsklette; sie ließen sich alle geduldig äffen von dieser verzuckerten glatten Kokette mit ihren ahnungslosen Mienen, die -- seltsam -- nimmer zu altern schienen und die ich auch niemals jung gesehn; ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn. Zwar: sie auch ihr! denn sonderbar: kein Haus, in dem dies Rackervieh nicht irgendmal zu finden war, blos in den Hütten des Volkes nie.