Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 11
Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas, wie tut mein Schatten tanzen und springen! Solang ich noch stehn kann, Freunde, was? so lange dauert der Freundschaftsspaß, Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras! Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen, nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde: wann feiern wir Wiedersehensrunde?!
Frühlingsrausch
Nach Li-Tai-Pe
Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen, wozu dann ihre nüchterne Plage! Ich, ich berausche mich alle Tage; und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage, leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen.
Morgens erwach ich sehr bewußt; ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben. Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben. Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben! das ist die Zeit, in der die Frühlingslust die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben!
Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll; wütende Seufzer pressen mir die Kehle. Und wieder gieß ich mir den Becher voll, bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle. Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll, ruht Alles, was ich will und kann und soll, ruht rings die Welt -- o ruhte auch die Seele!
Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen? wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen? Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen, in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen, kann nichts tun als in einen Nachen springen, mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen und, während ihn die Elemente tragen, sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen!
Mein Trinklied
Noch eine Stunde, dann ist Nacht; trinkt, bis die Seele überläuft, Wein her, trinkt! Seht doch, wie rot die Sonne lacht, die dort in ihrem Blut ersäuft; Glas hoch, singt! Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben, djagloni gleia glühlala! Klingklang, seht: schon welken die Reben. Aber sie haben uns Trauben gegeben! Hei! --
Noch eine Stunde, dann ist Nacht. Im blassen Stromfall ruckt und blinzt ein Geglüh: der rote Mond ist aufgewacht, da kuckt er übern Berg und grinst: Sonne, hüh! Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben: Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich, klingklang, sündlich! Aber eben: trinken und lachen +kann+ man blos mündlich! Hüh! --
Noch eine Stunde, dann ist Nacht; wächst übern Strom ein Brückenjoch, hoch, o hoch. Ein Reiter kommt, die Brücke kracht; +saht+ ihr den schwarzen Reiter noch? Dreimal hoch!!! Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben, djagloni, Scherben, klirrlala! Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben +über+ dem Leben, an dem wir kleben! +Hoch!+ --
Erklärung
Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter, keiner von dem schön lügenden Gelichter, bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern -- der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser: „vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser -- drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln, ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln -- mir deucht, er meinte: über Tod und Leben bleibt alles Reden ein Gestammel eben.
Äonische Stunde
Alfred Mombert zu Ehren
Du himmlischer Zecher! Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase, noch eine Träne wild in meinem Herzen, glühte, glänzte, doch du sangst, du sangest -- es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten, in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne, Geister tanzten über dem Erdball, hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase, eine Lichtflut -- und hell in deine fiel die Träne aus meinem Herzen.
Zechers Nachtfeier
Auch das Weinblumenlied genannt
Freunde, mein Glas ist leer. Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde spiegelt schwank eure Tafelrunde, blank vom Glanz unsrer Feierstunde und vom Duft der Jahrhunderte schwer.
Freunde, trinkt alle aus! Durch die Blume, o Wundernamen, schlagen die weißen Geisterflammen der edlen Züchter in uns zusammen; trinkt! ich habe noch rote im Haus!
Freunde, schenkt ein, schenkt ein! Seelen von Huldinnen schlummern versunken in diesem Pfühl von rubinigen Funken; weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken! trunken sein heißt seelenvoll sein!
Freunde, stoßt mit mir an! Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen, aber auch ihn soll ein Geist uns bringen: Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen und aus Eis Feuer speien kann!
Ah, wie sein Hals sich bäumt! Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden! Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden! Seht, wie er steigt und von Luftgebilden +überschäumt+! --
Fromme Wünsche
Nach Cecco Angiolieri
Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen. Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken. Wär ich das Meer, sie läge längst versunken. Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen!
Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen, zu ärgern meine Christen, die Halunken! Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!
Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle die lieben Eltern wieder mal; im Leben betret ich nun und nimmer ihre Schwelle!
Wär ich der Cecco -- hm, der bin ich eben; drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle und will die häßlichen gern Andern geben!
Lied des vogelfreien Dichters
Nach François Villon
Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle; ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn. Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle, in meinem Vaterland ein fremder Mann. Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan, lach ich in Tränen, hoffe voller Leid und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit, ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann, und meine Not ist meine Seligkeit -- ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse, und dunkel nur, was allen Andern klar; und fraglich nichts als das für sie Gewisse, denn nur der Zufall meint es mit mir wahr. Gewinner stets, verspiel ich immerdar. Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut! Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut, bin reich ich, der ich nichts verlieren kann, und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut -- ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist. Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren; der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist. Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist: ein grauer Kater ist ein bunter Pfau. Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau! Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan; begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau -- ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Lied der Gehenkten
Villons Epitaph
als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war
O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast, verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein; denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast, wird Gott der Herr dir einst gewogen sein. Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun; ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen, jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen, samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen. Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen -- nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn; du weißt ja, der +du+ unser Bruder bist, obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn, daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist. Verwende dich von Herzen als ein Christ beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade, da wir nun tot sind, auch auf uns entlade und uns behüte vor des Satans Krallen. Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade -- ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Sturzregen haben unsern Leib zerspült, die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt, Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt, uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt. Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd; nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder, umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder, zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen! Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder -- doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Rettung zu Gott
Nach Verlaine
I
Mein Gott hat mir gesagt: „Sohn, man muß Mein sein! Mein! Sieh meine durchbohrte Brust, mein strahlend, blutend Herz, und meine wunden Füße, die Magdalenens Schmerz mit Tränen wusch; und siehst, siehst die große Pein meiner Arm-und-Hände durch deine Sündenschuld, siehst das Kreuz, die Nägel, und spürst und fühlst und glühst, daß diese bittre Welt des Fleisches nichts versüßt als Mein Fleisch und mein Blut, mein Wort und meine Huld.
War ich nicht Dein, mein Sohn, dein bis in den Tod? mein Bruder du im Vater, mein Kind, mein Sohn im Geist! Und hab ich nicht geduldet, wie die Schrift verheißt? Hab ich nicht geschluchzt für deine Angst und Not? Und war mein blutiger Schweiß nicht der Schweiß deiner Nächte, mein Freund, mein armer Freund du, der gern zu mir möchte!“
II
Und ich --: Herr! du sagtest meine ganze Seele. Ja, ich will zu dir, Herr, suche und finde nicht. Du, dessen Liebe lodert wie aller Sonnen Licht: ich Dein sein, Dein? ich Wurm im Staub und voller Fehle! Du Friedensborn, den alle Kreatur erlechzet, ach, Einen Blick nur träufle in meinen Gram und Wahn! Darf ich denn wagen, Herr, nur deinem Hauch zu nahn, ich, der auf eklen Knieen hier vor dir kriecht und ächzet!
Und dennoch such ich dich, taste, tappe nach dir, daß auf mein Elend falle nur deines Schattens Zier. Doch +Du+ bist +ohne+ Schatten, Du, dessen Liebe +lodert+, du süßer Springquell, bitter nur dem, deß Herz noch modert im Rausch der Sündenlust; du Licht, ganz Licht, deß Glut und jäher Kuß den blöden Menschenaugen wehe tut!
III
„Man muß, muß Mein sein! Ja: ich bin, bin der Kuß der Allbrunst, bin der Odem, bin dieser Mund, du lieber Kranker, von dem du stammelst, der glühende; und dies Fieber, das deine Nächte schüttelt, bin Alles Ich! man muß nur +wagen+, mein zu sein! Ja: meine Liebe, die zu Höhen lodert, wo dein armes Ziegenseelchen nicht hinklimmt, wird dich, wie der Adler ein Rotkehlchen, empor zu Himmeln tragen, o Himmeln, die -- o sieh:
sieh meine helle Nacht, du weinend Auge du im Schimmer Meines Mondes! sieh dieses Bett von Reinheit, all diese Unschuld sieh, all diese Ruh! -- Sei Mein! +die+ zwei Worte sind meine höchste Einheit, denn dein allmächtiger Gott vermag zu wollen -- nein: nur erst vermögen will ich dich: sei, sei mein!“
IV
-- Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht. Ich Dein? Wer? ich, und Dein? Nein, nein, nur zagen darf ich; doch wagen -- nein! ich bebe! ich will nicht, ich bin unwert! Ich Dein? Du Kelch und Rebe, du aller Heiligen Herz, du liebreich Brot und Wein, du aller Gnadenwinde ungeheure Rose, du Eifrer Israels, du lichter Falter, dem nur die junge Blume der Unschuld angenehm: und ich soll Dein zu sein vermögen? ich lichtlose
Schlacke, ich Frevler, Dein? Herr, bist du rasend?! Ich Befleckter, dem die Sünde Beruf ist, der -- o Fluch -- in allen seinen Sinnen, Gefühl, Geschmack, Geruch, Gehör, Gesicht, ja im Gewissen selbst nicht Dich, in seiner Buße selbst nur, ach, die Wollust fühlt, womit der alte Adam nach neuen Lüsten in ihm wühlt!
V
„Drum muß man Mein sein! Ich bins, der in dir rast, bin der neue Adam, der den alten frißt, dein Hunger und dein Mannah; und meine Liebe ist so strömender, je näher du der Quelle nahst. Ein strömend Feuer ist sie, drin all dein lüstern Blut auf immer sich verzehrt und wie ein Duft verdampft; und ist die Sintflut, deren schwangere Wut zerstampft jedweden schlimmen Keim und all die trübe Brut,
die Ich gesät, daß einst mein Kreuz so reiner strahle, und daß auch Du dereinst durch ein furchtbar Mirakel der Gnade Mein sein müßtest, entsühnt all deiner Makel. +Sei+ mein! empor! sei Mein! Empor mit Einem Male aus deiner Nacht zu Mir, Mir, du verlassner armer Schelm, dem nichts blieb als Ich, dein ewiger Erbarmer!“
VI
-- Herr! Herr! ich fürchte mich. Mein Herz zittert und zagt. Ich seh, ich fühls: man muß, +muß+ Dein sein. Aber wie, wie, Gott mein Gott, dein +werden+? du Richter, dessen Knie selbst der Gerechte kaum anzurühren wagt. Ja, wie? Denn sieh, es wankt der Grund, darinnen hier mein Herz sein Grab sich grub, und rings auf meiner Flucht fühl ich herniederstürzen des Firmamentes Wucht und rufe: Herr, wo führt ein Weg von Dir zu mir?! Reich mir die Hand, mein Leben, daß dieses Fleisches Weh und dieser kranke Geist nur fühle deine Spur! Denn jemals zu empfangen und zu genießen je die himmlische Umarmung: Herr, ist das möglich nur? dein zu sein dereinst? selig in deinem Schooß wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn? selig, sündelos?!
VII
„So möglich wie gewiß. O komm, o siehe, welch Entzücken deiner harrt! Laß ab von deinem Harme und deinem Trotz! komm, sinke in meine offnen Arme, gleichwie der Glühwurm in den erblühten Lilienkelch. Komm und verdien es dir! Komm an mein Ohr, schütt aus all deine Niedrigkeit mit deinem höchsten Mute! sag Alles, Sohn: frei, schlicht und ohne Stolz im Blute! reich mir der Reue blassen, schmachtenden Blumenstrauß!
Dann tritt an meinen Tisch, einfältiglich! da soll ein köstlich Mahl, dem selbst die Engel andachtvoll nur zusehn dürfen, dich erquicken und entsühnen; da sollst den Wein du trinken, den Wein des immergrünen Weinstocks, dessen Güte und Kraft und Süßigkeit dein Blut befeuern werden für die Unsterblichkeit.
*
„Dann geh und glaube fein demütig an das Urwort der Liebe, allwodurch ich dein Leib-und-Seel ich bin! Und kehre ja, mein Sohn, sehr oft von neuem in mein Haus ein, meinen Wein dort zu kosten und den Schwur dort zu leisten auf mein Brot, ohn welches all dein Streben nur ein Verrat vor mir! Und bitte mich, wie Brauch, mich, Vater, Sohn und Geist, und meine Mutter auch, daß du das Lämmlein werdest, das stumm versprützt sein Leben,
daß du das Kindlein werdest, bekleidet mit dem Linnen der Unschuld, und dein eigen armselig Sein und Sinnen vergessest, um einst Mir ein wenig gleich zu werden, Mir, der zu Zeiten des Pilatus und Herodes, des Petrus und des Judas auch dir gleich ward auf Erden, für dich am Kreuz zu sterben eines verruchten Todes.
*
„Und um zu lohnen deinen Eifer in diesen Pflichten, die also süß, daß ihre Wonnen unsäglich sind, will ich dich schmecken lassen schon auf Erden, Kind, den Vorschmack Meines Friedens: meine dunkellichten geheimen Nächte, wo der Geist sich meinen Söhnen auftut und vom vollen Kelch der Verklärung trinkt, wo hoch am heiligen Himmel der Mond verheißend blinkt und aus der rosigen Finsternis die Engelchöre tönen,
verkündend die Entrückung empor zu Meinem Lichte, die ewigen Küsse meiner Langmut und Erbarmung, die Psalmen meines Ruhms und ewigen Traumgesichte, die ewige Weisheit und die ewige Umarmung im Schauder deiner seligen Schmerzen, die auch mein: den Aufrausch der Verzückung, Mein zu sein!“
VIII
-- Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich: weinend vor Deine Füße stürz ich, schluchzend und jauchzend! deine Stimme macht mir wohl und weh! mein Auge weint, meine Seele lacht! und all das Weh, das Wohl hat all die selbe Süße. Aus Tränen jubl’ich, Herr! Aus meiner Inbrunst wecken mich Hörnerrufe; Waffen winken auf klirrender Au, funkelnde Schilde, und drüber Engel in Weiß und Blau, und dieser Hörnerruf füllt mich mit Wut und Schrecken.
Den Taumel fühl ich, fühle das Graun der Auserwählten. Ja, ich bin unwert, aber: Herr, Deine Gnad ist groß. Sieh: voller Dank, voll Demut: hier, sieh mich Schweißgequälten, o sieh mich Glutbeglückten -- obgleich ein namenlos Erschauern, Herr, den Trost mir deines Mundes schwächt, und zitternd geht mein Atem -- --
IX
„So, altes Herz, so recht!“
Mirakel
Nach Verlaine
Da kam ein stiller Reiter mit Namen Unglück her; der stieß in mein alt Herz mir seinen dunkeln Speer.
Mein alt Herz gab gar einen trüben Auswurf Blut; der ist auf der Haide vertrocknet in der Sonnenglut.
Mein Auge losch in Schatten, ein Schrei ging aus mir aus, und mein alt Herz erstarb mir in einem wilden Graus.
Drauf hat der Reiter Unglück seltsamlich gerastet, stieg vom Pferd hernieder sacht und hat mich angetastet.
Seine Handschuhhand von Eisen fuhr in meine Wunde, indeß er einen Bannspruch sprach mit seinem harten Munde.
Und als mich also eisig durchfuhr die Hand von Eisen, ward mir ein neues Herz geboren, da will ich Gott für preisen.
Ein Herz, gar jung, gar rein und gut, das schlug wohl sonder Fehle, denn heller Gluten trunken genas mein Blut und Seele.
Aber schier geblendet lag ich und glaubt es kaum; wie Einer, dem die Herrlichkeit des Herrn erscheint im Traum
Da stieg der stille Reiter wieder auf sein Tier, und gab den Sporn, und jählings hob er sein schwarz Visier
und schrie, und jetzt noch fährt mirs durch mein Ohr wie Stahl: Hüt dich! so gnädig komm ich +nur Ein Mal+! --
Stimme von oben
Willst du von Gott neue Wunderzeichen, arbeite! Willst du alten Göttern wunderlos gleichen, genieße! Willst du nichts Göttliches erreichen, verzweifle!
Bach’sche Fuge
Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl, tief unten raucht der Sündenpfuhl, und brodelts noch so lavaheiß, von oben nahts wie klares Eis, taucht strahlend in den Höllenschlund, bis der erstarrt zum Himmelsgrund, nun steigt auf Stufen von Kristall der Geist zurück ins blaue All, nun spiegelt sich im Sündenpfuhl wie lauter Licht sein Gnadenstuhl.
Rembrandts Gebet
Seele des Lebens, Licht hüllt dich ein. Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein! reißt mir aus Schein und Widerschein das Geheimnis!
Was starrst du stahlblank, männlicher Panzerhut, Augäpfel an voll weiblicher Dämmerglut? Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand über dem Volksaufstand jenes Geisterantlitz?
Schrei nicht nach Klarheit, Mensch: Verklärung soll sein! Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein! Geheimnis, pack ich dich?
O heiliger Mummenschanz: nicht hell, nicht dunkel: ganz in Offenbarungsglanz hüllst du auch mich, Seele des Lebens.
Die Schöpferhand
August Rodin zu Ehren
Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt: roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand: empörte dich in alle Fibern zum Widerstand, und durch die störrische Masse ordnungsbrünstig drang deine Schöpferhand. Da ward der Denker, der mit brütender Wut das Kinn auf die geballte Rechte preßt, da ward die Schöne, deren nackte Glut sich von der stürmischen Woge tragen läßt, da ward der Dichter, dem die Weltschrecken das Haupt recken, und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet, welch Himmelreich der Erdgeist gründet.
Der letzte Traum
Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron
Es war am sechsten Abend, und Gott sprach: Alles ist gut geworden. Alles. Nur der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich. Er möchte ewig leben, ewig träumen. Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! --
Es war am sechsten Abend, und ein Dichter sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch? Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert, er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen, sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen durch eine fremde, unerschöpflich fremde, traumvolle Welt -- er stammelte: