Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
Part 10
Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen. Und Jesus, Psyche überschattend, heftet den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm, auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder versagen ihm den Zorn. Die alten Augen erstarren vor der Nacht im Auge Jenes. Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater, was will der fremde Zaubrer hier? -- Zeus stirbt.
Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt Elemosyne, die mitleidige Verachtetste der Göttinnen, mühselig den kranken Mars her und will +auch+ zu Jesus, so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt. Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln: mein Herr und Heiland! und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint und aufstehn möchte; und es wundert mich, daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper, so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er, so abgehärmt die blassen jungen Brüste -- +sah+ das der tote Göttervater nicht?!
Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!
Ich horche auf: aus einer Rosenhecke antwortet mir Gelächter, übermütig tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos, Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen, hoch in der Hand den hellen Tafelkelch voll dunklen Weines, drin der Widerschein des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt, und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen: trink, Jesus, trink!
Und langsam streckt sich meine Linke vor und will ihm wehren. Aber Psyche küßt noch brennender die Narbe meiner Rechten. Und langsam muß sich meine Linke wenden, und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen, und ziehe meine Psyche an mir hoch, und setze nun den Kelch an +ihre+ Lippen: trinke, das ist mein Blut! -- Und Psyche trinkt.
O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet, sich ihre Brüste mir entgegenheben! doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch. Da pack ich ihre Hand und schüttle sie: hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank des toten Zeus.
Ich aber ziehe meine Psyche an mich und schlage meinen Königsmantel um sie und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm! So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus und lege meine Dornenkrone ab: heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!
Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos! Ihr Fraun, legt +hin+ das Kreuz! Olympierinnen, nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand: du, Juno, die im blau verblichnen Kleid, die mit dem Glaubensblick! Athene, du verbindest dich der Grünverschleierten, die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus, fasse den Purpur jener Blassesten, jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ -- dann jauchzt: der Bräutigam ist da!
Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen! Elemosyne soll mit Amor tanzen! seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft! Mars, stehe auf und wandle, +und sei mein+! -- Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen: geh, Ganymed! heißa! die Amoretten warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!
Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus und trag ihn sanft hinüber vor den Thron des neuen Zeus, der hier errichtet steht, und neige deinen weißen Stab vor Diesem und bitte ihn: Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied, das hohe Lied der Sünde und Erlösung, das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit, das hohe Lied der Neunten Symphonie!
Dann wird sein Adler rauschend sich erheben, still spannt er über uns die Fittiche und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern, Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich, in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht. Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt! singt mir das Lied vom Tode und vom Leben! morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch! komm, Psyche, komm! --
Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg und starrt mich an mit Augen, daß mich friert, so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht -- Psyche! Geliebte! Psyche! Du, wer +bist+ du?! -- „+Du+“ sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens, ein Echo huschte durch den großen Raum; so stand ich. Allein. Mit meiner Seele in dem Meister, der solches in mir schuf.
Endlich ermannt ich mich von seinem Werk und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick auf einen großen, graugetrockneten Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes, einst brennend rotes Seidenband herabschlang, das einzige Stück Erinnrung in dem Raum, wo alles Übrige von Zukunft zeugte. Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen, der einst die frischen Stacheln schmückte: fast als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube, als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung, als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still: die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner und Bildner Unsrer Psyche -- +Klinger+ -- und da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es +giebt+ Frauen, die solche Sträuße schenken ...
Bann
Wie aus dem Schilf die Wasserfee tauchtest du zaudernd aus der Schaar der Andern um uns zu mir her mit deinem langen schwarzen Haar und deinem grauen Augenpaar.
Und standest nun und sahst mich an mit deinem blassen Übermut; und deiner Fragen perlende Flut und deiner Lippen springjunges Blut lachte mich an, lachte mich an.
Nur in deinen Augen blieb so fern, so fern wie auf des Weihers Grund in schwimmender Nacht der schwanke Stern, ein Zittern und Leuchten stehen; und mir log dein Mund, dein kühler Mund.
Denn in unsern Träumen -- o, ich weiß: auch Du, auch Du -- dann tauchen wir Hand in Hand hinunter: stumm und heiß sucht Mund den Mund: holen wir leis, vom grauen Grund, den Stern vom Grund.
Unsre Stunde
Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus. Komm! das Kastanien-Blattgewühl streckt sich wie Krallen nach uns aus. Es ist zu einsam hier, zu schwül für uns.
Denn sieh: die Linien deiner Hand laufen den meinen viel zu gleich. Du schienst mir plötzlich so verwandt, so vorbekannt; vielleicht aus einem andern Reich.
Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot. Sei nicht so stumm, als wärst du taub! Die Abendwolke dampft so rot durchs junge Laub, als ob sie uns Blutschande droht.
Horch! Ja, so wild und unverwandt, wie jetzt die Nachtigall da schlug, zittert dein Herz in meiner Hand. Wir wissen es; das ist genug für uns.
Ohnmacht
Doch als du dann gegangen, da hat sich mein Verlangen ganz aufgetan nach dir. Als sollt ich dich verlieren, schüttelte ich mit irren Fingern deine verschlossene Tür.
Und durch die Nacht der Scheiben, ob du nicht würdest bleiben, bettelten meine Augen; und du gingst hinauf die Stufen und hast mich nicht gerufen, mich nicht zurück an deinen Mund.
Vernahm nur noch mit stieren Sinnen dein Schlüsselklirren im schwarzen Flur, und dann stürzten auf mich die Schatten, die mir im Park schon nahten, als wir den Mond versinken sahn.
Büßende Liebe
Aus deinen grauen Augen droht, mir so vertraut wie ein verhaltner Klagelaut, mit bleicher Flamme ein Verbot; ich weiß, ich fühls -- du warst einst Braut.
Das hat in deinen Blick gebracht dies fahle Licht, das durch die schwarzen Wimpern bricht; vor Zeiten, Seele, eh die Nacht dich neu gebar ans Tageslicht.
O komm und gieb mir deine Hand; in dein schwarz Haar nimm diese rote Lilie dar, und um dein dunkelblau Gewand dies goldne Gürtelschlangenpaar.
So führe mich, indeß du weinst, den langen Pfad. So kommen wir der Nacht genaht und beichten Beide: Mutter! einst, du weißt, wir übten einst Verrat.
Dann legt, indeß wir niederknien, dann legt die Nacht auf deines Haares schwere Pracht die Hand und flüstert: liebe ihn, der sich und Andre friedlos macht!
Dann hören deine Tränen auf, dann kommt ein Stern. Der tagt wie künftiger Frieden fern; dein graues Auge schaut hinauf, dein Auge, Seele -- hilf uns, Stern!
Stromüber
Der Abend war so dunkelschwer, und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn; die Andern lachten um uns her, als fühlten sie den Frühling nahn.
Der weite Strom lag stumm und fahl, am Ufer floß ein schwankend Licht, die Weiden standen starr und kahl. Ich aber sah dir ins Gesicht
und fühlte deinen Atem flehn und deine Augen nach mir schrein und -- eine Andre vor mir stehn und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!
Das Licht erglänzte nah und mild; im grauen Wasser, schwarz, verschwand der starren Weiden zitternd Bild. Und knirschend stieß der Kahn ans Land.
Bitte
Nur sage „Du“ ... ich will ja nie, nie wieder deine Lippen küssen, nun wirs gefühlt, so Knie an Knie gefühlt, daß wir uns lieben müssen.
Das Abendrot umarmte brennend der Eichen hohe Knospenkette; wir aber sahen nur, uns trennend, die schwarz aufragenden Skelette.
Und nickten doch von vielen Bäumen schon Blüten unsrer Liebe zu, im keusch verträumten Grün; so träumen, so nicken Kinder ... sage „Du“.
Gastgeschenk
Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut, knabenüppig, und dies zarte Schneeglöckchen, eben aufgeblüht, ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf:
die beiden Kinder wuchsen so allein und hatten niemals einen Kuß genossen, da pflanzt’ich sie zusammen und brachte sie zu Dir.
Gottes Wille
Du hungerst nach Glück, Eva, und fürchtest dich den Apfel zu pflücken, den dein Gott dir verboten hat vor dreitausend Jahren, du junges Geschöpf!
Jeden Abend ahn’ich dich, wie du die magern Händchen in deinem einsamen Bette emporringst zu dem Gott der alten Leute: Gieb ihn, gieb ihn mir!
Du arme Geduld! Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt, der alte Gott. Er gab dir deinen Hunger, deine Hände: greif zu und iß -- dann dulde!
Übermacht
Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch; bald ist es auch für dich zu spät. Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir mit einer Kraft, die mich schwach macht, ich +zittre+ nach dir. Wie du nach mir! ja, Du! o Du: du bist noch schwächer, wehre dich nicht! Über die grüne Wiese wolln wir rennen, in den Wald, Hand in Hand, nackt, unsre brennenden Stirnen bekränzt mit den flatternden Blüten des wilden Mohns, der glühenden Blume des Leichtsinns!
Bestürmung
Was will in deinen Augen mir dies dunkelvolle, fremde Weh, so tief und sehr? so still und schwer wie Stürme, die Ruhe suchten im Schooß der grauen See.
Versinken will, versinken mir in dieser Augen grauen Schooß mein Herz -- und will wie Du so still und schwer an Dein Herz schlagen, dann brechen die Stürme los!
Und will dich wiegen so mit mir in rasender lachender Seligkeit auf freiem Meer! bis tief und sehr die Herzen wieder ruhen, ruhen von Sturm und Leid.
Antwort
„Lieber kein Glück, nur lauter sein. Nur keinen Schritt abseits vom Recht. Nur keine Schuld, lieber kein Glück! O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“
+Hedwig Lachmann.+
Ich +will+ ein Glück! Kennst du den Funken, der seine hellsten Gluten wagt? Er glüht. Und ob er feuertrunken verglüht zu Asche über Nacht: er glüht! sein +Wesen+ ist sein Schein -- „Lieber kein Glück, nur lauter sein“ -- nur lauter!
Ich hab ein Recht! Kennst du die volle Woge, die zur Brandung schäumt? Kennst du den Sturmgeist, der die tolle springende Woge noch toller bäumt? Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht -- „Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ -- keinen Schritt!
In meine tiefste Seelenstille horcht mein erstauntes Ohr hinab; da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille, den eine heilige Macht mir gab! Ich bin kein Frevler am Geschick -- „Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ -- nein: keine Schuld.
Von Jugend auf droht uns im Rücken die flach erhobne Heuchlerhand; ich muß mich mit mir selbst beglücken, seit ich die Welt so feige fand! Du meine Inbrunst, du mein Recht -- „O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ -- +auch+ schlecht.
Und dennoch
Und du vom auserwählten Stamm, du liebst dein Volk und uralt Blut, und fast wie Haß ist deine Glut für deinen schwer gequälten Stamm;
und träumst von euerm Sinai und der nur Euren Himmelsnäh, und stehst wie Mose vor Jahwäh und stehst und schwörst: ich wanke nie.
Und dennoch kam in deinen Mund das Wort, das einst am Jordan klang; da rang ein Mensch mit sich -- und rang sich weinend los vom alten Bund
und sprach, indeß sein liebreich Herz von Pein gehetzt gen Himmel stieg: Nur Selbstbewältigung ist Sieg, Sieg über allen Erdenschmerz.
Wie kam es doch, dies Wort der Qual, erpreßt von heißer Opfernot, auf Deine Zunge als Gebot: „bezwinge deines Herzens Wahl!“
und liebst ein auserwähltes Volk und fast wie Haß ist deine Glut?! Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut: der Menschheit schwer gequältes Volk.
Nur
Und der Abschied war kein Ende, und mein Blick bewegte dich; und es war, als legte sich still dein Herz in meine Hände.
Aber wenn du wiederkehrst, will ich deine Hand nicht küssen; will es nur empfinden müssen, wie du deinem Herzen wehrst.
Nächtliche Scheu
Zaghaft vom Gewölk ins Land fließt des Lichtes Flut aus des Mondes bleicher Hand, dämpft mir alle Glut.
Ein verirrter Schimmer schwebt durch den Wald zum Fluß, und das dunkle Wasser bebt unter seinem Kuß.
Hörst du, Herz? die Welle lallt: küsse, küsse mich! Und mit zaghafter Gewalt, Mädchen, küss ich dich.
Menschliche Botschaft
Und doch, und doch, du stolzes Kind: viel stolzer fühlt mein kleines Lied, das kindlich vor dir niederkniet und fromm beginnt: Wärst du im Ehrenkleide der Hohen höchste Zier, ich fühlte doch trotz Seide und Hoheit und Geschmeide als deiner Ehren erste Zier die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch: noch stolzer schwebt, du stolzes Kind, mein kleines Lied, das nun auf dich herniedersieht und scheu erbebt: Wärst du in Schmach gefallen, du die Gemeinste hier, und Mein Herz rein vor Allen, ich dächte Dein vor Allen, weil meiner Reinheit reinste Zier die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch, du stolzes Kind: viel stolzer fühlte wohl mein Lied, das stolz vor Deinem Stolze flieht, wenn stumm und blind nun ein Erbangen käme, stumm zwischen dir und mir nun ein Verlangen käme, dich blind gefangen nähme, daß wir vergäßen -- fühlst du? +wir+ -- die Gleichheit zwischen dir und mir.
Entführung
Ach! aus Träumen fahr ich. In die graue Luft, in die kalte starr’ich. Ach, dein Samum war ich, du mein Ambraduft!
Durch die helle Wüste glühtest du dahin, und dein Atem küßte und dein Kuß versüßte Seele mir und Sinn.
Einsamkeiten hingen tief ins fliehende Land; sonnestill ein Ringen, und mit Allah-Schwingen hielt ich dich umspannt,
riß ich dich nach oben, du mein Ambraduft, Glut in Glut verwoben, bist du mir zerstoben in die graue Luft.
Der Brand
Nur Zufall? -- Bleiern lag Berlin im Abendzwielicht Dach an Dach; trüb sah sie in das Feuer, das drüben aus dem Giebel brach. Die Flammen zuckten.
Im Rahmen meines Fensters, so stand sie schwarz und stumm vor mir; und im Nebenzimmer spielte eine blasse Frau Klavier. Drüben wühlte die Glut.
Die blasse Frau war meine; und Jene stand so nah und hold. Flimmernd säumte der rote Schein die lieben Locken mit dunklem Gold und Funkengestiebe.
Es zog mich hoch: ich mußte, ich wollte sie an mich ziehn. Eine große trübe Wolke Rauch kroch über ganz Berlin; die Flammen erstickten.
Ich stand mit scheuen Händen, das Spiel dort klang so seelenklar; und oben über der Wolke glomm und zitterte wie in Gefahr ein blasser Stern.
Abschied ohn End
Und so muß ich dich nun doch beschwören: flieh, o flieh mich -- mich! Ich -- o sieh mich: ich weiß, ich will und würde dich betören, und du darfst, du darfst mir nicht gehören. Flieh auch Dich!
Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren, sehr lieb klingt es: „wir“ -- sehr trüb klingt es mir. Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren, aber Ich bin längst in mir erfahren und in dir.
Alles will sich dir zu mir empören, dir! Du freilich, sieh, du glaubst heilig: nie! Und ich weiß, es würde dich zerstören, wenn wir diese Sehnsucht dann verlören. Flieh mich! Flieh!
Dann
Wenn der Regen durch die Gosse tropft, bei Nacht, du liegst und horchst hinaus, kein Mensch kann ins Haus, du liegst allein, allein: o käm er doch! Da klopft es, klopft, laut -- hörst du? -- leise, schwach tönt’s im Uhrgehäuse nach; dann tritt Totenstille ein.
Bleiche Nacht
Der Nebel staut sich, Hütten dunkeln, Dorfgiebel huschen über Lichtern hin, noch bleicher scheint die Nacht; die jagende Wagenkette, schwenkend, strafft sich, die Maschine heult Warnung, und vorbei. Ein entlaubter Kirchhof, und wieder kreisen um mein klirrendes Fenster die öden Wiesen, huschen Büsche, eilt der fahle Streifen Horizont auf den kriechenden Wäldern hin; mich fröstelt.
Drei Monate: da war die Mondnacht anders hier. Wie auf Wolken trug der kleine Kahn des stummen Fischers uns den Fluß hinab; selbst die Schatten gaben Licht. An meiner Seite saß ein Freund, und ich sagte ihm all mein Herzensbangen für ihr Glück. Und über ihrem Giebel, unterm Baldachin der Königspappel, als wir durch die Brücke bogen, stand groß und strahlend wie in einem Tabernakel der goldne Mond und senkte flimmernd auf das Moos des Daches sein grünes Haar. Heute aber, als ich Abschied nahm, achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück --?? Und jener Freund dachte wohl schon damals: du Tropf und Schuft! --
Mein Fenster schwitzt; das kühlt die Stirne; gleich und gleich gesellt sich gern. Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul bleich ins bleiche Feld; ein Dornbusch zerreißt ihn. Jetzt: dort starrt, wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf, der grelle Vollmond durch die kahlen Birken. Er springt durchs Astwerk; mit seinen langen blassen Füßen läuft er auf den blanken Schienen meinen rasenden Gedanken nach.
Trübes Lied
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ Ich will einen schwarzen Schleier tragen. „Ach! du! wozu denn schwarz?“ Ich hab zu klagen. Hab zu klagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ Ich breche Blumen zu Trauerkränzen. „Ach! du! warum denn trauern?“ Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ Ich richte Kerzen zur Totenfeier. „Ach! du! wer ist denn tot?“ Wie kannst du fragen? Kannst du fragen?
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ Ja -- er ist ins Meer gefallen -- „Ach! du! ins Meer gefallen?“ Von seinen weißen Wolken oben! Von seinen weißen Wolken.
Dahin
Mit gesenkten Blicken durch die Menge hin, durch die fremde dunkle Menge, eine traumentstiegene Palme, kam die junge Priesterin.
Mit geschlossenen Wimpern an den Altar hin, ruhig an den flammenden Altar, eine nachtgewiegte Zypresse, trat die junge Priesterin.
Mit aufstrahlenden Augen in zwei andre Augen hin, Augen aus der Fremde, niegesehene Heimatsaugen, eine starre Mimose, stand die junge Priesterin.
Mit hochzuckenden Händen vor die Flamme hin, vor die heilige Opferflamme, eine blitzgetroffene Zeder, sank die junge Priesterin.
Mit weit offenen Armen in die Nacht dahin, wild hin in die fremde Nacht, eine sturmergriffne Liane, schwand die junge Priesterin.
Lebewohl
Eine dicke Tigerschlange liegt müde um mein Herz geringelt, ihre satten Augen tun sich zu. Einmal züngelt ihre dünne Zunge noch im Schlaf -- lebe wohl, mein blutend Täubchen du ...
Ein Stelldichein
So wars auch damals schon. So lautlos verhing die dumpfe Luft das Land, und unterm Dach der Trauerbuche verfingen sich am Gartenrand die Blütendünste des Hollunders; stumm nahm sie meine schwüle Hand, stumm vor Glück.
Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld! Du blasses Licht da drüben im Geschwele, was stehst du wie ein Geist im Leichentuch -- lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele! Was starrst du mich so gottesäugig an? Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle ich mich mit fremdem Unglück ab ...
Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken, die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch, der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken. Still hängt das Laub am feuchten Strauch, als hätten alle Blätter Gift getrunken; so still liegt sie nun auch. Ich wünsche mir den Tod.
Chinesisches Trinklied
Nach Li-Tai-Pe
Der Herr Wirt hier -- Kinder, der Wirt hat Wein! Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein: ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen! Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen, wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen, wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt, dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist, dann wolln wir die Kannen schwingen -- die Stunde der Verzweiflung naht.
Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein, meine lange Laute, die ist mein, ich weiß zwei lustige Dinge: zwei Dinge, die sich gut vertragen: Wein trinken und die Laute schlagen! Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit ist mehr wert als die Ewigkeit und tausend Silberlinge! -- Die Stunde der Verzweiflung naht.
Und wenn der Himmel auch ewig steht und die Erde noch lange nicht untergeht: wie lange, du, wirst Du’s machen? du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange? kaum hundert Jahre! das ist schon lange! Ja, leben und dann mal sterben, wißt, ist Alles, was uns sicher ist; Mensch, ist es nicht zum Lachen?! -- Die Stunde der Verzweiflung naht.
Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint! Seht ihr den Affen? da hockt er und greint im Tamarindenhain -- hört ihr ihn plärren? über den Gräbern, ganz alleine, den armen Affen im Mondenscheine? -- Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund! jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund auf Einen Zug zu leeren -- die Stunde der Verzweiflung naht.
Der Dritte im Bunde
Nach Li-Tai-Pe
In der Blütenlaube sitz ich beim Wein, säße gern in guter Gesellen Mitte. Kommt der Mond, lädt sich leise ein, nimmt mein Gläschen in Augenschein, und mein Schatten tut, als wär er der Dritte; ist eine herrliche Tafelrunde!
Bruder Mond kann nicht mit trinken; Schatten macht nur nach, was ich tu. Sei’s! Solange noch Tropfen blinken, will ich euch doch Willkommen winken, zechen, bis wir zu Boden sinken! Glas hoch, Freunde, auf Du und Du, noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde!