Gesammelte Schulhumoresken

Part 8

Chapter 83,405 wordsPublic domain

Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet, daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein »Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um so dem ~dulce~ doch wenigstens einen Gran von ~utile~ beizumischen. Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter meiner Adresse.

Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten. Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar namentlich aber für das Zuspätkommen:

»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«

»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«

»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«

»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«

~NB.~ Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:

»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt nicht gar zu kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«

Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen stets von augenblicklicher Wirkung.

»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er die überraschte Bemerkung:

»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«

Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als möglich:

»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«

Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz zu bringen.

Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors: »Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:

»Mein Waschwasser war gefroren.«

Oder:

»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«

Oder:

»Meine Uhr ging falsch.«

Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« -- ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.

In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich verspätet.

»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären lassen?«

»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag. Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.«

»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«

Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.

Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden an:

»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« -- »Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« -- »Ich bekam eine Ohnmacht.« -- »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und den Kommandantenplatz nehmen.« -- »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« -- »Ich habe mir den Fuß verstaucht.« -- »Es war Glatteis.«

Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe.

»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«

Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen.

»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem Waldtore.«

Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.

Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen; aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt, unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt, dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde.

Der entrüstete Oberlehrer.

Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse! Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch? Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier, Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität! Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »~etypson~«! Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht! Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas: Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch! Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren, Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt? Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »~etypson~« Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein. Wer da »~etypson~« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!« Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab. Wer da »~etypson~« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak; Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht. Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel? Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein: »Schmelzer, weil er »~etypson~« als Imperfektum gebildet Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut, Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden, Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus! So -- jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke! Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!

Der Bierparagraph.

Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen von den Schulgesetzen ~in abstracto~ und ihren einzelnen Lehrern ~in concreto~ behandelt werden, hat, streng genommen, etwas Naives, denn sie basiert auf Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der himmelschreiendste Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor. Die ernsten Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte die Zusammenstellung jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben, verstanden sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz verwechselt den Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur zu gewissen Stunden besucht wird, mit dem eines Pensionats, das die Schüler sozusagen mit Leib und Seele aufnimmt und nicht allein ihren Unterricht, sondern ihre moralische und gesellschaftliche Erziehung leitet. Es ist lächerlich, die Befugnisse des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung zu erweitern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel nicht zur Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich also damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden im Zaume zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden einzuprägen und die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie einen öffentlichen Skandal erregst, gleichviel durch welche Handlung, so wanderst du auf den Karzer, -- anstatt sich dieser klugen Reserve zu befleißigen, mischt sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur über seine vernunftgemäßen Befugnisse, sondern in der Regel sogar über die Möglichkeit einer Beaufsichtigung weit hinausgehen.

So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr oder minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem Verbot beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch an sich, sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man hintertreiben. Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte diesen Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber sie haben nur eins erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich harmlosen Instituts ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der unanständige Gebrauch, der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. In der Tat läßt sich nicht absehen, warum es für den achtzehnjährigen Primaner eine Sünde sein soll, gelegentlich ein Glas Bier zu trinken, während der Kommis schon in früheren Jahren das gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner Mitbürger einzubüßen. Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein, wenn das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt Euch anständig!« -- ohne weiter auf die Details einzugehen. In jedem einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers darüber entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des Gymnasiasten befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell an das Taktgefühl der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung ihrer unbedingten Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich günstigeren Erfolgen sein, als die alberne und demütigende Methode, die jetzt noch vielfach im Schwunge ist.

Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner Gymnasiastenschaft ein fortwährender Grund des Verdrusses und der Erbitterung. Wenn ich so an heißen Juliabenden bei den Hecken des Lohseschen Felsenkellers vorüber kam und den Direktor Samuel Heinzerling erblickte, wie er im Kreise seiner zahlreichen Familie ein Seidel nach dem andern hinter die schwarze Krawatte goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser Vorstadtbewohner, der im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne schlendert und die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain vorbeieilen sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen, während ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand und meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine Töchter Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der braun gestrichenen Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, so war mein Schicksal besiegelt. Am andern Morgen hätte der strenge Autokrat mich in folgender Weise apostrophiert:

»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! Sä haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit geträben, daß Sä sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, einen Schnätt bestellten. Sä gehen mer zwei Tage auf den Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns Tagebooch: Eckstein, weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen Schnätt bestellte, mit zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!«

Das sieht fast wie ein ~tableau chargé~ aus, aber es ist eine Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte nur selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen, denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren pflegte, und vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte der ~rector illustrissimus~ in der oben geschilderten Weise Justiz, und die Form seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur wenig. Niemals ist es erhört worden, daß er einem kneipenden Schüler die Strafe erlassen hätte; es war, als fürchte er, der Durst seiner Primaner könnte die Befriedigung seines eigenen Durstes in Frage stellen, wie er denn in der Tat stets in den Herbstmonaten, wenn das sogenannte Salvatorbier ausgetrunken und durch eine geringere, später gebraute Sorte ersetzt war, düsterer und grämlicher dreinschaute als in der eigentlichen Saison.

Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir schon in Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, deren Inhaber, von der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im tiefsten Innern durchdrungen, alles anstrebte, um uns das Joch unserer Schülerschaft nach Möglichkeit zu erleichtern. Leider bot sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da sich mitunter auch ein Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der alte Lorenz wußte uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden Gefahr zu verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten an den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und grinste. Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. War Lorenz nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen das Amt des Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten jenes orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als der Vater; daher es sich denn hin und wieder ereignete, daß wir unseren Peinigern ahnungslos in die offenen Arme liefen.

Eines Nachmittags -- es war im August des Jahres 18** -- hatte uns Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung über das Wesen des lateinischen Konjunktivs gemartert und am Schlusse seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen Aufsatz gegeben: »~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne.~« Am Schlusse der Lehrstunde verspürte ich einen unwiderstehlichen Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf teilte diese Empfindungen, so daß er meinen Vorschlag, in der Schenke des alten Lorenz ein Seidel zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. Arm in Arm schritten wir über den Ludwigsplatz. Vor der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns Wilhelm Rumpfs angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr, der gern seinen Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte, uns mit einer scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar die humoristischen Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber die selbstgefällige Freude, mit der er sie immer und immer wieder vortrug, verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm der anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema auf dieses Bonmot abzulenken. -- Als er uns nach längerer Kauserie wieder freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, und im Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft gegen die Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.

Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder »dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem Schenktische.

Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische, um uns niederzulassen.

Da -- wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben. Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen Brille.

Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang:

»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht getäuscht.«

Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs ihn versteinert.

»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«

»Rompf, was onterstehn Sä sich?«

»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln.

»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«

»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir nur die ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne~« auch in Dialogform behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, nein; ich aber bin in der Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders für ein derartiges Thema eignet, denn, sagen Sie selbst, Herr Direktor: wenn man so die Tugenden und die Laster Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so ergibt es sich ganz natürlich, daß man jede dieser verschiedenen Auffassungen eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in seinem Gespräche über Freimaurerei ...«

»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.

»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm Rumpf fort. »Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen Sie da eben hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute Abend an die Disposition zu gehen ...«

»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, Sä haben säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer höbsch draußen, bäs äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre Däsposätion wohl Zeit. Kennen Sä nächt dä Vorschräft des Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern onserer Anstalt verboten äst, öffentläche Lokale zo besochen?«

»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone eines Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein zu besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale einen Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint es mir den Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu laufen, wenn man in der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage ...«

»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er schon äst! Äch wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, ond non wäll äch Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber nor +ein+ Glas: von där däalogischen Form wollen wär än däsem Falle absehen.«

»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir dachten durchaus nicht ...«

»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal drei Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig Rompf, wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des börgerlichen Lebens so väl Geistesgegenwart an den Tag legen, wä jetzt bei Ähren leider nor zo oft wäderholten Lompenstreichen, so werden Sä ein beröhmter Mann werden.«

Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen Umständen erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von zehn Minuten erhob sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom Sitze, was für uns natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. Draußen vor dem Tore trennten wir uns. Nach zehn Schritten machte Heinzerling Kehrt.

»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der däalogischen Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch nächt so große Eile hat, wä Sä vorgeben?«

»~Qui tacet, consentire videtur~«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet gelassen, also schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. Die Grundzüge des Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier überlegt.«

»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er den breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch än acht! Äch för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer ab ond zo selbst eine kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie ond attischem Salz gewörzt ist. Äch känne jedoch Leute, dä för dä Reize der Komäk ongleich weniger empfänglich sänd! Da könnten Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr öbel anlaufen! Danken Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom Beispiel mein Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so hätten Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«

Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen Laren zu.

Vom Rauchen.

Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem neu aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor überreicht und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen Paragraphen über das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte bezeichneten dieses moderne Kulturlaster als »überaus schädlich für die Gesundheit und obendrein in hohem Grade kostspielig«, daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte« verpflichtet sei, ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.

Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die Gesetzessammlung mit aufzunehmen:

»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.«

»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn und wird daher dringlich verbeten.«

»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele, wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist: ›Wer niemals einen Rausch gehabt ...‹ Daher sich denn jeder Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen, augenrollenden Wahnsinns befinden muß.«

Und so weiter.

Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern erziehen.

Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich diesem Zwange in Demut gefügt hätte.