Part 6
»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten sich damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und Herüberlegen und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden aufrecht zu erhalten, demungeachtet der Krieg losbrach. So geht es eben in der Geschichte der Völker! Ganz ähnlich lagen die Dinge beispielsweise vor Ausbruch des Ersten punischen Krieges. Überall walten hier die gleichen Prinzipien: und so gilt denn diese Wahrheit auch von dem bedeutsamen und hochwichtigen Krieg, den ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser Krieg oder diese Kriege von den Anhängern des Professors Huß geführt wurden, so nannte man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die Hussitenkriege. Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu dem entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen Städtchen Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die daselbst nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst häufig stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die Frage ist noch unentschieden, welche der beiden Versionen die richtigere sei. Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung eines großen Scharfsinnes für die erstere Auffassung entscheiden. Ebenso anerkannte Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten Ansicht zu, und so will ich denn, da mir die Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind, die Frage nicht weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man nichts als Schwerter und Lanzen.«
Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten hätte. Von innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, bemerkte ich nicht, daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, -- oder wenn ich sein Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen Ausdruck der Zufriedenheit, der mich ermutigen sollte, kühnlich fortzufahren.
Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; als ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das historische Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an sechszehn Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des Beifalls los, und mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß ich das Lächeln auf den wohlwollenden Zügen des Professors gänzlich mißdeutet hatte.
»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich will nicht so grausam sein, Dich zu massakrieren.«
Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders behaglich hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik doch nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu werden, als in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.
Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum oft in erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir das Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, wenn der Professor mich auffordert:
»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der Situation Europas nach Beendigung der Völkerwanderung.«
Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber die Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, daß es damals in Europa sehr wüst und unordentlich ausgesehen, tröstet mich über die wüste Unordnung in dem eigenen Schädel. Dann plötzlich suche ich mir dadurch zu helfen, daß ich Nasenbluten bekomme oder mich in der Wade vom Krampf ziehen lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen Primanern aufs wärmste empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht verfangen.
»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin auch einmal Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf gezogen. Erzählen Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich auf drei Tage Karzer gefaßt!«
Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe freilich auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem Dachfirst des Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum treibt es doch noch verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem sehe ich im Traum gar kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten Strafe zu hintertreiben, während ich tatsächlich dies mit einer Meisterschaft verstand, vor der ich noch jetzt eine gewisse Hochachtung empfinde. Es traf sich nicht selten, daß ich während einer einzigen Woche von drei Lehrern zugleich mit sechs Stunden Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann eines schönen Tages bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe auch noch die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir verordnet hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung »der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe hinan. Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und erkundigte sich, ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler bejahte. Dann erschien der zweite. Quaddler bejahte abermals. Und beim dritten bejahte Herr Quaddler zum drittenmal. Der Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer einzigen Woche von drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt werden könne, war ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht in Berechnung zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für Beweise eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit nahmen, und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen auf einmal, -- eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft bewährte Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit einer der gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, kontrolliert hier auf einmal mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, und selbst seine Tochter, die sanfte, rosige Anny, denunziert mich bei Samuel Heinzerling wegen unterschlagener Bußestunden.
So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine Befriedigung darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst befreit ist. Alles gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit dem Hut in der Hand an der Kirchentür sitzt und um Almosen fleht, der besteigt nachts im süßen Delirium der Träume vielleicht den Thron Frankreichs oder den Stuhl Petri, und wem das Schicksal die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der beschäftigt sich, wenn Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem Verkauf alter Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.
Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes den Druck der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die Wonne der Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, ich sehe schon wieder im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber ihr wißt nicht, daß die Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, ja, die einzige und echte Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. Nimm einer deutschen Nähterin ihren Sonntagnachmittag, und du knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm einem Gymnasiasten das Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst ihm den Dolch der Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu singen! Ein volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren Vorurteil irre geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums entkleidet -- und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem geneigten Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.
Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, war ich ein frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses dachte und sein Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, -- ohne Besorgnis vor dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht auf Lob und Strafe. Die Folge dieser kindlichen Unbefangenheit war, daß ich mir eine Reihe empfindlicher Mißtrauensvota zuzog und am Schluß des Jahres eine im Punkte des Betragens sehr bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause brachte, während drei oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und guten Betragens« ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern zugefallen und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so schmerzhaft empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im nächsten Jahre meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine solche amtliche Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« im Schweiße meines Angesichts zu verdienen.
Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.
Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie ein Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das Wort erstarb mir auf den Lippen.
Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge klebte mir am Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste Kneipe einzukehren und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein Glas Bier zu trinken. Sofort erinnerte ich mich des Paragraphen der Gymnasialstatuten, der besagt, daß den Schülern dieser Pflanzstätte des Wahren, Schönen und Guten der Genuß geistiger Getränke ein für allemal untersagt ist, -- und ich ließ den verlockenden Kelch seufzend vorübergehen.
Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; meine ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, daß es mit dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines einzigen Vergehens schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht und blieb, was zu sein ich mir vorgenommen: ein braver Schüler.
Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt mein Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in zierlich lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu lesen, daß ich ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner sämtlichen Lehrer erworben hatte.
Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon unterwegs legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter keiner Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem Kultus der beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich habe den Schwur redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich später mit dem Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. Sie mochten so etwas wie eine dämmernde Ahnung von dem haben, was in mir vorging, und da ich ja nun überhaupt einmal gezeigt hatte, daß es mir, wenn es absolut sein mußte, wohl möglich war, ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der Artigkeit zu ertragen, so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer fortgesetzten guten Aufführung zu verzichten.
Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen Fehler in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: ~annum perdidi~! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit ist das eigentliche Element des Gymnasialschülers, und so wenig der Fisch im ~Extrait double de violette~ existieren kann, so wenig ist es dem Alumnen einer modernen Bildungsanstalt möglich, die Luft eines Nonnenpensionats einzuatmen. Für die Töchter gebildeter Stände mag die »Gezogenheit« ihre Vorteile haben. Den jungen Leuten, die sich im Laufe der Dezennien zu Bürgern einer freien Nation entwickeln und das Material liefern sollen zu dem großen mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen Knaben und Jünglingen lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die süßen Träume der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.
Allerlei Unarten.
So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks.
Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen, so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, -- und daher in einem gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen, wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, -- zu einer Zeit also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger Zuverlässigkeit aufzuspeichern.
Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, -- daher ihr Zauber denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche, die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken, daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen, und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder. In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem »Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer. Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde. Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt, ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört, als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen: ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen Nicht-Gymnasiasten.
Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des Schulsaales durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler, die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem Nachbar Stipelius ~sotto voce~ anfragt, wieviel Uhr es sei. ~Proh pudor!~ Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest, und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht, ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die ~noms de guerre~, mit denen Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.
Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert, daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab, so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme, wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend, irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder »Ich glaube, es zieht da hinten«.
Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte, von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft seine Karten etwas tiefer zu halten.
Dieser erfahrene Stoiker -- ich meine den Professor -- war überhaupt in vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende Vorfall erscheint in diesem Sinne charakteristisch:
Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und lieferte eine höchst ungenügende Leistung.
»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über die Brille schielend.
»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner mit einer gewissen Frische.
»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«
Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten Freund Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.
»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«
»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm Rumpf, die Blicke zu Boden senkend.
»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats mit zwei Tagen Karzer bestraft.‹«
Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. Die Prima aber fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich und wohlbegründet, daß sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrach.
Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist. Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand; und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll, daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, -- mit derselben mathematischen Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt, da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden.
Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde.
Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht.