Gesammelte Schulhumoresken

Part 5

Chapter 53,444 wordsPublic domain

Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach hinten zu schieben.

»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.

»~Allez! vite! vite!~« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist Geld, sagt der Engländer!«

Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der Aufbau ins Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte nur scheinbar die Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles über den Haufen.

Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings ein violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel veranlaßt, rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.

»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den Schwamm zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en Hanswurscht vor Euch habt!«

»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.

»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit ihre Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! Und das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' ich Euch über die Köpp'!«

Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den hinteren Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.

Doktor Veit verließ den Katheder.

»Wer hat hier gebrummt? -- Was? Er will sich geheim halte? Ich kenn' mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder der miserable Kleemüller gewese!«

Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.

»Ich bin's nicht gewesen!«

»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«

»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.

»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«

»Weshalb?«

»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, steht die Tawel nun fest? ~Allez! vite! vite! vite!~«

Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.

»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich wesentlich abkürze. Wisse Sie davon nix?«

»Nein.«

»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst wüßte Se, was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell wie möglich auf Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«

Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine gewisse Stufe der Indignation überschritten hatte. Im normalen Zustande sprach er: Gewitter.

Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder den alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers Sündenschuld unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische Ruhe zurück. Er fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die Tafel und rief dann in freudigster Klangfarbe:

»Aufgepaßt!«

Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine wissenschaftliche Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen Ausrufen:

»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, dann fahr' ich hinein!«

Oder:

»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und schlafe mit offene Auge!«

Oder:

»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. Mer riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«

Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein wenig heiser. Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der Mandeln, war jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste Mensch unter der Sonne. Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, so holte er tief Atem, legte die Hand vor den Kehlkopf und schüttelte bedenklich das Haupt. Dann murmelte er halblaut:

»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«

Oder:

»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die Zeit sind die Quetsche gegesse.«

Endlich erscholl die Pedellglocke.

War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, mit der Klasse ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, den ausgesprochenen Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! Seufzend holte er das schwarze, unheilverkündende Buch hervor und suchte sich unter den zweihundertundfünfzig Gebeten das kürzeste aus.

»Da, Knebel, lese Sie's vor! ~Allez! vite! vite!~«

Und Knebel begann zu lesen:

»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es vollenden helfen! ...«

Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder stand und auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre mindestens achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, wie Knebel das Amen flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch dem Ausgange zu.

»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. »~Festina lente~, sagt der Lateiner!«

Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.

Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.

»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: Wenn Sie wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' zu. Es riecht hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«

»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, und der Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. Insofern es übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«

»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse nun, was ich gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich noch weiter bemerke wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell e paar Hake mache, daß die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«

»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn machen lassen?«

»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«

Er räusperte sich.

»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das nimmt kein gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine Knoche die Birn' ab.«

»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.«

Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins Gasthaus »Zur Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. Die Empfindlichkeit seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher zwischen den Lippen, wagte er die schöne Versicherung: »Es is immer noch kein schlecht Lebe auf der Welt. -- Schorsch, bringe Se mer noch e Flasch Niersteiner!«

Erinnerungsbilder.

Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern gießt, wird mir durch eine unauslöschliche Erinnerung zu einem wahren Rausch der Wonne gesteigert. Ich denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende Schauspiel durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen Schulfensters beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten Stunden des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger und höchst gelehrter Männer zu verbringen. Aus den benachbarten Gärten klang das Konzert der Vögel herüber in die dumpfigen Schulräume, aber die ernsten Männer mit den großen Rundbrillen hatten kein Ohr für diesen melodischen Zauber: sie redeten von Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen, Schreibfehlern und Anachronismen, -- ebenso wirr und zusammenhanglos, wie ich diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen Tätigkeit hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von den grünen Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem herumschlagen, was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein Chorgesang des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei es, daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß eine Frage aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte hinaus sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die so wonniglich im linden Westwinde rauschten.

Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe Stunde vom Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt nach dem großen Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein beredteres Denkmal ihrer Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie einen Bierkeller -- das Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft besitzt -- nach seinem Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen Primaner mehr als einmal »eine Orgie gefeiert«, -- wie der Direktor sich ausdrückte, wenn er unsere Zechgelage entdeckte und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe belegte. Auch war die Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche Insassen der Stadt, die sich einer zahlreichen Familie erfreuten; denn es war nirgends so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz abgesehen davon, daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht wurde. Zu den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde, schlanke, blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor ...

Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit dem braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen Ferne herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter, beglückender Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer lauter zu seufzen und immer schwerer den Zwang zu empfinden, der mich an diese harten Subsellien fesselte ...

Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des Direktors oder eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert, daß ich noch Sklave war und nicht das Recht hatte, meine Phantasien während der hochwichtigen Erklärung eines griechischen Tragikers über Berg und Tal wandern zu lassen.

»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von den Lippen des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben, der später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf das denkwürdige Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die Worte trafen mich stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich war in der Tat durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend über mich ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den Wink des Autokraten als »onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb.

Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die Hand genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch geführt über jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz glaubte durch diese Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu beflügeln; aber es war unglaublich, wie bleischwer trotz aller Machinationen die Augenblicke dahinzogen. Ein Triumphgeschrei klang durch die Seele, wenn man mit großen lateinischen Lettern »drei Viertel« notieren durfte. War man von dem Aufzeichnen dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging man sich wohl auch in Epigrammen, deren schweres, molossisches Versmaß die Stimmung des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der Kern ihrer Wehklagen ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's denn heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war das erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier Buchstaben, zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde, also auf vier Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar Quaddler, unser ehrlicher Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet hatte und zu früh klingelte, -- wie jauchzten wir da empor beim Gedröhne seines heiseren Metalls! War es doch das Signal der Freiheit, das er uns gab, und »die Freiheit schmeckt süß«, selbst in Prima.

Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem Gymnasium und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin unsittlicher Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn er sich selber des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde von dem Schluß der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte, so ist dies ein individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild jener Zeit mit unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich ein gewisses Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags um zwei meine Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke zu traben, die mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat.

Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten anders, als in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann des Gymnasiallebens anzugehören?

Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen Novellisten, eine sehr bezeichnende Stelle.

»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das ist ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage aus einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit Titel, Rang und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat Geld zu seiner Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will, und darf den Genuß des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die Früchte am lockendsten aus dem Laube leuchten. So griff ich das Leben an: ohne kopfhängerische, einsiedlerhafte Neigung war ich ein vergnügter Student und wußte nur vom Hörensagen, daß es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir ein unbekanntes Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals zurückkehrte. Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin zu studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten, die mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns voraussetzten, eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt lebte, freie Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater -- für einen Studenten gibt es keinen unerfüllten Wunsch.«

Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in den oben stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter läßt man sich die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert sich für Antigone, obgleich der Umstand, daß man die Tragödie des unsterblichen Meisters in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt, sehr geeignet ist, dieser Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt sich im lateinischen Stil, denn man kann einmal Reichstagsabgeordneter werden und in die Lage kommen, das »~timeo Danaos~« oder das »~nil humanibus arduum est~« zitieren zu wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern, denn eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es nun, daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den Gymnasiasten von heutzutage die Regel ist, oder daß man als Hotelbesitzer lange Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr einbringen als die Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht im Winter, denn Schnee und Regen sind keines Menschen Freund, und im Feld und auf der Heide ist wenig zu suchen, wenn der Nord durch die kahlen Zweige der Buchen fegt. Aber im Frühling, sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen, ändert sich diese Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines Doktor Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei, und die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden wissenschaftlichen Ernst zuschanden.

Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet habe und jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße Gefühl des Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten Würzen meines Frühlingsgenusses.

Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten +rächt+ sich die Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem ich ihrer gedenke, -- und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der Gegenwart. Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits vor acht Jahren lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein ~vir perdoctus~, und trotz des würdevollen Bartwuchses, den ich mir im Laufe der letzten zwei Lustra anzueignen wußte, von meinen ehemaligen Schulkameraden umringt in dem Saale der Prima, und vor mir steht die fragwürdige Gestalt des Doktor Samuel Heinzerling oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das Verhängnis drückt mir einen lateinischen Klassiker in die Hand und verlangt von mir, ich solle ~exempli gratia~ das erste Kapitel der Rede Ciceros ~pro Roscio Amerino~ ins Griechische übersetzen. Ich überfliege den lateinischen Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß mir für einige der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln fehlen. Mein Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der in den Tagen meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste präpariert war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie ich. Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des Todes, wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber er rührt sich nicht.

»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non bald anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg vorbereitet.«

Ich lege die Hand aufs Herz.

»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie aufs bestimmteste versichern ...«

Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen, aber Samuel Heinzerling unterbricht mich.

»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch weiß zor Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen zo halten habe. Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche, oder gäben Sä zo, daß Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!«

Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich:

»~Credo ego vos judices mirari~ ... Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες δικασταὶ, θαυμάζειν ἐγῷμαι ...«

»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!«

Da haben wir's! Das nächste Wort, ~summi~, ist zwar ein ganz gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor Samuel Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die fluchwürdigen paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören.

»~Summi~ ...,« sage ich, »ja, ~summi~, das heißt ... es kommt darauf an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern ... ~summus~ kann verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, ~summus mons~, so ist das etwas anderes, als wenn wir sagen, ~summa cum laude~ ...«

»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä ~sommä~ mit dem änzägen bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!«

»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf die Stirne tritt, »~summi~ ... ~Credo ego vos judices mirari, quid sit, quod cum tot summi~ ...«

»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen mer nächt recht zo wässen, was ~sommä~ auf Grächäsch heißt.«

»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort hier figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung ...« (mit gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, ~summi~, Himmelkreuzdonnerwetter, lege mir doch Dein Heft hin!«

Mein Nachbar rührt sich nicht.

»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's Ähnen wohl einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä ~sommä~ zu öbersätzen haben oder nächt?«

»~Summi~ ... natürlich ... ich nehme das hier bildlich von den geistigen Eigenschaften.«

Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit der rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir die Note »ongenögend« anzumalen.

Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der Stirn. Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich entsinne mich, daß griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche Eigenschaft bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses ~summi~ auf die angedeutete Weise zu übertragen.

»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling in schnarrendem Tone.

»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines Mundes, »κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene Bemerkung erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten Besuch, und mein Onkel war da, und dann hatte ich noch gestern die Korrektur meiner neuen Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, und die ich Ihnen nicht dringend genug empfehlen kann.«

»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt änmal, wie ~sommä~ auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä täten auch besser, Sä öbten säch ärst noch ein wenäg in den Elementen der Scholbäldong, ehe Sä säch daran machten, einem denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo wollen. Wenn mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das ein sehr schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got, Sä gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal ein, Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender Vorbereitong ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden Karzer bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«

Jetzt wird mir die Sache zu bunt.

»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir Verhaltungsmaßregeln erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht das geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir bis jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen Sie das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen mich von einer Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen wird.«

»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben Sä änmal ins Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens ...‹«

Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der Brust und schreite auf den Direktor los.

»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. Ich habe längst mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung bestanden, die mich zur Forderung einer anständigen Behandlung berechtigt. Lassen Sie sich Ihren Cicero ~pro Roscio Amerino~ einpökeln und das ~summi~ und alle übrigen lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust haben; ich danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau Gemahlin!«

Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen den Mützen meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, packe meine Bücher unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der Tür zu.

»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä schnell den Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! Augenbläckläch wärd er hänaufgeföhrt.«

Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den Pedell, der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei Minuten später im Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne bescheint, wache ich auf. Die Nachbarsleute versichern regelmäßig, ich hätte in den Nächten, die mir derartige Träume senden, furchtbar gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim, die ein sehr gutes Herz hat, rekommandiert mir jetzt bereits zum fünfundzwanzigsten Male ihr unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.

Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich immer noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine schwache Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda aufgefordert wurde, eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu liefern. Leider war mir der Gegenstand, über den meine oratorische Leistung sich erstrecken sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta die Geheimnisse der Strategie; aber in einer dunklen Vorahnung der Tatsache, daß der Diktator von Tours dereinst auch ohne diese Kenntnisse das militärische Szepter ergreifen würde, beschloß ich, kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay« zu liefern, das mich »herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich meine Hoffnung begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten Studentenliedes:

»Die Hussiten zogen vor Naumburg, Über Jena und Camburg ...«

Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur einer glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir gestellte Aufgabe zu lösen.

Ich begann.