Part 16
Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen Onterrächt än den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, ähre Känder vor den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet haben, vorsächtäg zo bewahren.
Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte Kännlade verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än meinem Hotel. Mein Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. Da äch also heute nächt zum Diner komme, wärd Doktor Mouchard mäch ohne Zweifel morgen zor Rede stellen, ob äch välleicht beim badäschen Gesandten diniert habe. Äch wörde unbedängt Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer zoverlässägen Personalbeschreibong wäre! Das sänd wäder dä Folgen der Zentraläsation! Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern säch Zeit nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute zoverlässig meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!
Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch wäder auf eine ~Impériale~. --
Es klopft, -- sollte es Mouchard sein?‹«
Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach der Tür gestürzt.
»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone des höchstens Erstaunens.
»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch eben: ›es klopft.‹«
»Onsänn! Äch habe vorgelesen -- ganz deutlich ond onverkennbar: ›Es klopft -- sollte es Mouchard sein?‹«
»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«
»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.
»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«
Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen Schulmannes zu lesen an:
»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern der Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten Kleider zo holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges Tränkgeld geben mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät meinem schwarzen Kostöm.
Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand darän, das nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo nehmen ond dä Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den Kondokteur anhalten heißt. Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong mer als ein Träomph menschlächer Berechnong erschien. Meine Befrädägong erreichte den Höhegrad, als auch dä Schmerzen än meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen ond eine Kreuzbandsendong aus Grönängen eintraf, eine Beilage des Grönänger Wochenboten, woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft angesträchen hatte.
Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer Vaterstadt, der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet säch seit einigen Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine Ontersochongen öber dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen Fortgang nehmen. Aus sächerer Quelle können wär hänzofögen, daß Herr Baron von Prättwätz, der Großherzogläch badäsche Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem ganzen Einflosse onterstötzt ond ähm sogar seine reichhaltäge Prävatbäbläothek zor Verfögong gestellt hat.
Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte Anerkennong meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten gelesen hatte. Wer sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor Luitgarden geschräben hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt er, der langjähräge Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von dem götägen Entgegenkommen des Großherzogläch badäschen Gesandten war freiläch ein wenig verfröht, ändes: Rom äst nächt an einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot, dä Notäz des Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste Stämmong ...
Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male än Gala, om endläch meinem prädestänärten Gönner den längst zogedachten Besoch abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk wä der Wänd, hänein ond Platz genommen.
Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße der behaglächen Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe der ~Impériale~. Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten än hohe Törme ond öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, bescheidene Kraut am Boden verschone ...
Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches Wesen zor Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen schwarzen Schleier, der etwa bäs än dä Gegend des Mundes reichte. Vermotläch äst dä Sätte däser halben Maskärong dorch dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia, dem heutägen Marseille, gebracht ond von da aus nach dem Norden verpflanzt worden.
Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen Kenntnässe zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine andere Roote einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens vollständäg neu.
Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so nor meine Anschauongen.
Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde von Minote zo Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, zom Teil mät Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken tönte mer verworrenes Geschrei entgegen. Deutläch glaubte äch dä Klänge der Marseillaise zo hören. Äch gestehe, daß äch däse Symptome höchst bedenkläch fand. Onrohig rotschte äch auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam der verdächtäge Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward. Rätselhafte Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät dem Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von jeher än öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om Mätternacht getrost vor das Tor wagen, -- aber Paräs äst nächt Grönängen. Mein Herz begann lebhafter zo schlagen; -- ond als jetzt auch der letzte Passagär ausstäg, da rächtete äch än der Tat ein ställes Stoßgebet zom Hämmel ond befahl Luitgarden, Alexander, Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria der Försorge des Allmächtägen. Was konnte dä nächste Mänote brängen? Womät hatte äch das verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen Bläck mein vergangenes Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt hatte. Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch mer Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates errettet wörde ... Da hält der Omnäbos an ... Fänster bläckend trat der Kondokteur auf mäch zo ond räf: »~Descendez s'il vous plaît!~«
Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge Sekonden später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä ganze Lösong der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, daß äch än den Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, ond mäch non an der Endstation einer Vorstadt befand, dä von der Wohnong des badäschen Gesandten reichläch anderthalb Stonden entfernt lag. Was bläb mer öbrig, als mät demselben Wagen wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo danken, daß mer wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen werde äch besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser Routäne erlangen.
Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf Ohr an der Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, mormelte äch vor mäch hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor mäch hänzomormeln, ein Gebrauch des Monologs, den äch mer aus den Komödien des Plautus angeeignet habe. Äch halte ähn för ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen Äch gehöräg äns Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber; sä waren sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer plötzläch der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach zo Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, wenn äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen Onbälden ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse Wahrheit nächt fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, wäväl goote Laune hätte äch sparen können!
Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das rächtäge Auskonftsmättel gefonden hatte.
Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine Omnäbosfahrt zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger doch etwas zo knapp gegräffen war. Als äch än dä ~rue de Berlin~ einbog, schlog es halb eins, ond da äch woßte, daß der Baron om zwölf Ohr dejenärt, so besah äch mer das Haus einstweilen von außen.
Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch den Röckweg antrat.
Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten lateinäschen Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen hatte. Äch habe ähn schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong zweier Dankeszeilen än grächäscher Sprache, zoröckgesandt.
Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä der hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des Kotes erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe äch eine Elegä än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch här beiföge ...‹«
Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.
»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, als der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch Miene machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen Sie uns doch vor! Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! Gerade die Verse interessieren uns! Bitte, die Elegie!«
»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ ...
›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon, Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs. Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam, Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt. Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß, Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz, Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«
»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling geendet hatte.
»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein wenig ungnädig.
»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen noch Ausdruck verleihen dürfen ...«
»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom Schlosse der Lehrstonde!«
»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu seinem Nachbar.
»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten möde. Wä können Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt einmal ämstande sänd, einen Daktylos von einem Trochäos zo onterscheiden.«
»O, Herr Direktor ...«
»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom zweiten Male wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch wäderhole Ähnen, Sä gehn mer hänaus!«
Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:
»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor archäologäsche Jamben zo Papär brängen möchte! ~Däffäcele äst satäram non scräbere!~
Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen neun Ohr auf ... Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch dä Straße: ein fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser Vertrauen zo stärken.
Äch schrätt dorch dä Straße ~Vivienne~ nach dem Börsenplatze ond bog dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg weiter bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße zoröckgelegt, als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät einer langen, speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond dabei so onzweideutäg seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein Ödäpos zo sein brauchte, om zo erraten, wem däse Feindselägkeit gelten sollte.
Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond mein Leben? Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, -- ond was man von den Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß heutzotage ein jeder. Das Schäcksal der onglöcklächen Könägin Maräe Antoinette stand mät einem Male än forchtbarer Klarheit vor meiner Sääle ...
Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen Tage auf dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte es nächt rängs von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann dem Borschen mit der speerartägen Stange ängstläch auswäch. Er moßte also gefährläch sein ... Ändessen, was konnte er mer anhaben? Auf offener Straße, fast onter den Augen zweier Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än dä Mätte der Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen Fohrwerke halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer zo. Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt mannhaft vorwärts. Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond gestäkolärte ämmer verdächtäger. Dabei stäß er seltsame Töne aus, dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll klangen. Sollte äch omkehren?
Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch von oben eine Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack alsbald mät einer weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch gäng mär ein Lächt auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer nachträgläch bestätägt. Das Haus, vor dem der Mann mät der Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch getöncht. Äch hatte den ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!
George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der Reinägong meines Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde nor onbefrädägende Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor wenäg gelätten, was leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle Goß von oben auf mäch hereinbrauste.
Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse Weise eine lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was es bedeutet, än Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non anstatt däser flössägen Masse ein Balken, ein Stein oder sonst etwas Wochtäges herabgestörzt wäre, wä däs bei dem fortwährenden Ausbessern ond Ombauen, das här zo herrschen scheint, dorchaus äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond Luitgarde, Alexander, Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch! Nein, es war nor ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch, wenn äch öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht, äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.
Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch nonmehr auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. Äch freue mäch onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der mer Mouchard so väl Gootes geweissagt hat.
Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte Mal. Äch schätze än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft ond einen läbreichen Freund ...
Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch äwäg mät däsen Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas passären moßte! Es äst wahr, mein schwarzer Frack säht nächt mehr zom elegantesten aus, ond mein Zäländer äst seit lange des ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch war, mäch ongeachtet däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för den belgäschen Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener Betrögereien steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein Rätsel! Non, äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen mössen. Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch ämstande war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat mär än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. Onerhört! sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem belgäschen Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem Betröger! Äch rofe dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem Eigentom meiner Mätmenschen auch nor än Gedanken zo nahe getreten bän! Man sollte denken, däse ~honestas~ mößte säch auch än meinen Gesächtszögen hänlängläch ausprägen. Onerhört! sage äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der sogenannten Violine verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern, äch, Samoel Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo Grönängen. Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde Genogtoong fordern, -- koste es, was es wolle! Das sänd dä Fröchte jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än Grönängen wäre dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän werde äch stets meinen Paß bei mer tragen.
Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch natörläch auf öbermorgen vertagt ...
Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel gelangt, wenägstens topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten das Hotel än der ~rue de Berlin~ ond zog, äm Geföhl eines onendlächen Wohlbehagens, dä gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von dem Däner dä Meldong entgegennehmen, der Baron von Prättwätz sei am Tage zovor auf sechs Wochen nach Baden-Baden verreist.
Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so väle Verloste an Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, -- ond non alles omsonst! Äch legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än einer fremden Großstadt Besoche zo machen. Dergleichen föhrt zo nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer der Zentraläsation geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge Rolle weiter zo spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen Gelehrten äst onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben solcher modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt, ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, so gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«
Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.
»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche schob, »Sä werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben, was äch beweisen wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte Staaten ein Segen för dä deutsche Nation äst. Äch wönsche non, daß Sä mer för das nächste Mal däse Frage än einem korzen Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern. -- Der Hotzler kann jetzt wäder hereinkommen.«
In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen Schrittes und im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung gelegt zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung der oberen Klassen, das Lehrzimmer.
»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die Mappe schwenkend.
»~Et ego~«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns der Rumpf die Geschichte vorlesen.«
Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst Gabelsbergers wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart worden, den ~infandus dolor~ seiner Pariser Leiden in diesen Blättern so buchstäblich renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen Besuchen, der treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, noch mit dem Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in der ~rue de Berlin~.
Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
Der schnöde Primaner-Triumph.
Aech werd' ähn Där nämmer vergessen, Den schnöden Prämaner-Träomph, Daß äch auf dem Karzer gesessen, Do extravagärender Rompf!
Äch bätt' euch, bei allen Prophäten, Wer nähme dä Sache nächt kromm? Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, -- Da dräht er den Schlössel mer om!
Äch schälle ... Was notzt mär das Schällen? Bornärt äst der Quaddler ond stompf. Der dömmste von allen Pedellen Meint faktäsch, äch wäre der Rompf!
Doch bläb äch gelassen ond monter, Bäs Rompf als Befreier erschän: So kam äch denn wäder heronter Und habe dem Schlängel verzähn!
Ond mag es ons Lehrer betröben, Äch wag' das geflögelte Wort: Als Schöler säch mimisch zo öben, Äst doch nächt so völläg absord!
Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
In der Bierstube.
Beim Bär -- beim Bär, War nä mein Bosen schwär! Vergässen äst des Dolders Not, Der schnöden Präma Öbermot ... Der Gäldemeister stärt mäch nächt, Der Hotzler schäkanärt mäch nächt: Manch Seidel schlörf' äch leer. Beim Bär -- beim Bär War nä mein Bosen schwär!
Äm Grond -- äm Grond Äst's Bär mer nächt gesond! Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt, Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht. Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, -- Der väle Ärger kömmt dazo, Dä Präma treibt's zo bont! Äm Grond -- äm Grond Äst's Bär mer nächt gesond!
Was toot's? Was toot's? Das Bär äst doch was Goot's! Ond ob's das Läben mer verkörzt, -- Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt! Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck: Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck, Än Deinen Händen roht's! Was toot's? Was toot's? Das Bär äst doch was Goot's!
Das Bär -- das Bär, Das bleibt non mein Pläsär! Der Zechtäsch äst mein Heilägtom, Dä Kneipe Mekka mer ond Rom; Ond wenn dä Hand das Glas omspannt, Föhlt säch dä Sääle gottverwandt: Fromm wärd sä mehr ond mehr ... Das Bär -- das Bär, Das äst non mein Pläsär!
Wä domm -- wä domm, Das Zämmer fällt ja om! Dä Wände taumeln kromm ond schäf, Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf ... Ond jetzt ... aha, äch märk' es wohl, Jetzt röcken Geister mer am Stohl ... Herr Wärt, äch dolde stomm! Wä domm -- wä domm, Das Zämmer fällt ja om!
Das Bär -- das Bär War ongewöhnläch schwär! ~Sont certi~ ... nein ... Wä sagt Horaz? Wä? Was? Der Gäldemeister tat's? Ja, Luitgard! ... ja, äch hab' genog ... Der Knebel ... schreibt's äns Tagebooch ... Ja, ja ... schon beim Homär ... Das Bär -- das Bär War ongewöhnläch schwär!
(Ab unter den Tisch.)
Die Klassenprüfung.
Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und bedeutsam erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung den Gleichmut nur in Ausnahmefällen. Es gibt allerdings eine Sorte von ganz besonders ehrgeizigen oder ganz besonders unwissenden Schülern, die auch der Klassenprüfung mit einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber sie bilden die Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war dieses ein- oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein Gaudium, und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so vergnüglicher pflegten wir dreinzuschauen.
Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. ~In corona civium~ liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend bloßzustellen. Denn der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster Linie ihn selbst. Daher wir denn regelmäßig über solche Materien examiniert wurden, die während der letzten Wochen bis zum Überdruß zerkaut und verdaut waren.
Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, -- in unsern besten Kleidern, -- und getragen von jener Feiertagsstimmung, die aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. So nahmen wir auf den Subsellien im großen Saale Platz, an dessen Eingang der Pedell Quaddler in schwarzem Frack und weißer Halsbinde Posto gefaßt hatte. Nach und nach erschienen die Lehrer, stets in schmunzelndem Zwiegespräch, sich wiederholt Herr Kollege nennend und eine ähnliche Befriedigung zur Schau tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte würdevollen Schrittes der Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen, ganz Frühling und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen Pädagogen nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.
Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und sprach:
»Lasset uns beten!«
Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten.
Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen.