Part 10
Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch, Doch jede Störung ist ihm antipathisch. Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären, Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch. Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor: Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch. Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich, Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch. Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir, Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch. Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren? Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch! Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne, Sei unser Wappen bayrisch oder badisch: Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, -- Und Prima fühlt entschieden demokratisch!
Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine schnöde Entweihung gewesen ... Und dann entschloß man sich gleichwohl, wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte, lieblose Welt ...
Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in seiner »Lottka«.
Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte.
»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener Abendzeitung« unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender, die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos, betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen, die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis rief.«
Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet!
Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O. oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, -- wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig- und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig, und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik setzen!«
Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.
Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw.
Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene:
Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.
Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein schäumendes Glas.
Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr ... Unter dem Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht.
»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit wegwerfender Gebärde.
Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus vollem Halse belacht wird.
Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen Kraft, um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft er auf den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, einen unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten Herrn sind ein »trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige Böotier, der die Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil ihm der Aktenstaub die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die seinen abgeschmackten Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre Persönlichkeit prägt sich für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein ... Nach Jahren noch, wenn wir ihnen begegnen, denken wir in einer Anwandlung von Bitterkeit und Geringschätzung: »Aha, das ist ja auch einer von jenen Vandalen, die sich an meinem Kleinod vergingen!«
Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten und einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann erkennt man, daß jenes Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. Und wenn auch der Stadtrichter keine Ursache hatte, sich über diese Mangelhaftigkeit zu mokieren (er würde dasselbe Gedicht, wenn er es in den Werken eines Klassikers gefunden hätte, pflichtschuldigst bewundert haben), so dürfen wir ihm doch aus hundert Gründen seine Unart verzeihen ... Und in der Tat, wir verzeihen ihm, zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der Stadtrichter zu den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen gehört.
Die Primanerliebe.
Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz für die platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar sprichwörtlich geworden, und in akademisch gebildeten Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über dieses erste Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu lächeln. Man vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens, was man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt, so unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch wird nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille seiner philiströsen Alltagsstimmung.
Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche Dummheit, die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des Entzückens und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als schrecklichste Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag sich ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe in der Tat mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so folgt daraus lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt.
Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig? Nur die engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen Subjektivität anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos erscheint, ist einem anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind, dem seine Puppe ins Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern ernstlich und im tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der Knabe, der zu Anfang des neuen Semesters nicht versetzt wird, fühlt nicht etwa einen Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist unter Umständen so sehr von der Qual seines verletzten Ehrgefühls durchdrungen, daß ihm jede Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn keineswegs unerhört ist, daß Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen« Anlässen den Tod gegeben. Nirgends ist der Begriff der Größe und der Kleinheit so relativ als in dem, was unser Gemüt angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede Leidenschaft wird einen gesellschaftlich oder philosophisch höher Stehenden finden, der sie von seinem Standpunkt aus belächeln darf. Der Professor, der außer sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit so heißer Liebe gepflegten Schmetterlingssammlung ruiniert wurde, kommt dem ernsten Forscher in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy, den der plötzliche Verlust seines Handschuhknopfs in Erregung bringt, scheint dem Denker geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über einen häßlichen Fleck in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen ausbricht, erweckt vielleicht unseren Hohn: und doch liegt in allen diesen Fällen ein wirklicher Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros, ein Gott, der unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive betrachtete, selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens komisch finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem anspruchsvollen Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben der Milben, die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt, durch kein wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein mühsames Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt. Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit beilegen als dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig Menschen sind. Wären wir Milben, so schwärmten wir vielleicht für die großen Fragen des Milbentums.
Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen wollten, daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige wahre Liebe ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen bekommt. Alphonse Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die Mädchen wüßten, welch' einen Schatz von Liebe das Herz eines solchen jungen Menschen, der zum erstenmal liebt, in sich birgt! Wenn sie ein Verständnis hätten für diese Hingebung, diese Vergötterung! Wenn sie ahnten, daß sie für einen solchen Jüngling das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all seinem geheimnisvollen Zauber darstellen ...! Aber in ihrer törichten Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren Bevorzugung blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!«
Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat führt, so liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen Verhältnisse. Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse, die der Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers eine so überaus komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger Fischerbursche auf Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt und sie nach zwei Jahren eines mehr oder minder romantischen Brautstandes zum Altare führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger Primaner im gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung. Und doch waltet hier wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die Komik, die einem verliebten Primaner innewohnt, erwächst nur aus dem Umstand, daß der Weg von dem Abiturientenexamen bis zur Würde eines vom Staat besoldeten Kreisrichters ein sehr langer und unerquicklicher ist. Leider kümmert sich Eros um solche Äußerlichkeiten nicht; am wenigsten aber hat er Respekt vor den Gymnasialgesetzen. Es gibt Lehrer, die kindisch genug sind, jede Regung der Liebe, die vor Beendigung des Gymnasialkursus eintritt, als eine strafbare Neigung für Allotria zu betrachten; ja, ich erinnere mich, daß einer dieser kurzsichtigen Pedanten mit Karzerstrafen vorging, weil ein jugendlicher Leander keine nur irgend denkbare Gelegenheit versäumte, an gewissen Fenstern vorüber zu wandeln. Dieser Versuch, das Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen, berührte mich schon damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen Cato fast Mitleid empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen freundlichen Blick aus geliebten Augen?
Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im Traume fällt es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen Primaners für eine Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten; ich erhärte nur, daß solche ernstlichen und tiefen Empfindungen ungleich häufiger sind, als die Schulweisheit selbst der liberalsten Pädagogen sich träumen läßt. Man darf sich hier nicht durch die Außenseite beirren lassen. Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende Liebe tritt in diesem ersten Jugendalter oft ganz in derselben kindischen Gewandung auf, wie die müßige Tändelei. Die Fensterpromenade ist keineswegs nur der Zeitvertreib des koketten Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund der Seele entflammte Romeo wählt dieses Mittel, -- und nur die Musik oder die Dichtkunst vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die Mutter des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt (nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit) über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so ihre Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere und gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen, halb aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte Salonliebe, die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer Erklärung und schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese Verkennung ist um so weniger begreiflich, als die Menschen doch alle einmal jung und mehr oder minder in dem gleichen Falle gewesen sind.
Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die äußeren Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer naiven Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, -- alles natürlich vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, -- so dürfen wir auf der anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die herrschende Sitte mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner so lange in dem Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit erhält. In gewissem Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren das unglücklichste des ganzen Lebens.
»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen, »ein lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem verlegenen Alter, wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt und noch sehr unsicher in die Fußstapfen der Männer zu treten versucht. Mit einer tollkühnen Phantasie und einem blöden Herzen, zwischen trotzigem Selbstgefühl und mädchenhafter Empfindlichkeit hin und her geschaukelt, zupft man grübelnd an allen Schleiern, die die Geheimnisse des Menschenlebens sterblichen Augen verdecken, weiß heute das letzte Wort über die letzten Dinge, gesteht sich morgen, daß man noch im +ABC+ stecke, und gebärdet sich überhaupt so unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich selbst unerträglich werden würde, wenn man nicht von Leidens-, das heißt Altersgenossen umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch auch darum nicht aus der Haut fahren.«
Es ist vornehmlich der +deutsche+ Jüngling, der dies Mißbehagen auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist. Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm. Er mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen rechnen ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit. In Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu sein. In Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris hundertmal den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs allzu vertraulichen Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von vierzehn und fünfzehn Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da waltet nicht eine Spur von Befangenheit ob, da herrscht nicht jene blöde Verschämtheit, die nicht weiß, wo sie mit den langen Beinen und Armen hin soll. Wohl aber hat sich gerade infolge dieser Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene Reserve ausgebildet, die sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit kontrastiert, die als anderes und nur zu begreifliches Extrem den halbwüchsigen Deutschen charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling eigentlich seine gesellschaftliche Schule durchmachen? Bis zu einem gewissen Alter verbietet man ihm -- entweder direkt, oder indirekt durch die unfreundliche, verletzende Behandlung -- den Zutritt in die Gesellschaft. Dann mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und nun verlangt man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt sich nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit der die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast fertigen Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn später nur ein wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und den ungeleckten Bären hervorschimmern zu sehen.
Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die ungleich beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa Leipzig oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen und natürlichen Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen begegnet wäre. Schon als Quintaner spielten wir stets nur »unter uns«. Wenn sich ab und zu eine »Emanzipierte« in unsere Gesellschaft wagte, so wurde sie von ihren Freundinnen bedenklich schief angesehen, denn die Mütter behaupteten, so etwas schicke sich nicht. Später, als das Spielen aufhörte, erstarb auch dieser letzte Rest von Beziehung, und es war fast ein Zufall, wenn irgendwo einmal eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser eigentümlichen Klausur war natürlich ein vollendeter Mangel an ~savoir vivre~. Beide Teile kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht aus der Befangenheit heraus, und das Resultat war eine gründliche Verstimmung. Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der Haut, weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken blieben.
Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu Fensterpromenaden und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen und zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm -- der Himmel mag wissen aus welchem Grunde! -- für die Regel vorenthält.
Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen, wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter. Nur sind sich diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß hier Kombinationen möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten Liebe zu schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda liebte ich mit meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe Adorata. Arm in Arm zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne daß sich jemals ein Gefühl von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch raubte uns diese ätherische Huldigung weder den Appetit noch den Schlaf. Das Ganze war in der Tat eine Kinderei, ein erstes, harmloses Vibrieren der Seele, und als uns schließlich der Vater des gefeierten Mädchens ohne Verständnis für unsere Ritterlichkeit bei dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so überwog unsere Entrüstung, und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf, die Tochter eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen. Ganz derselbe Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn auf Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod herbeiführte.
Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend die ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande sind, mit dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. Das herrlichste Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.
Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.
Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler -- derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen hatte -- und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die Erlaubnis, »mal hinausgehen zu dürfen«.
Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt wurde, ganz gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; -- bald aber sollte ich den Grund dieser Maßregel erfahren ... Denn als Doktor Brömmel die lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte und sich verabschieden wollte, fand er die Tür des Schulzimmers von außen verschlossen. Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als Vorstudie für sein künftiges Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz sachte den Schlüssel herumgedreht und war dann, im Hochgefühl einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von dannen gewandelt.
In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge zu Boden geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe und Stöße aus, und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem brandenden Ozean der erregten Schuljugend mit fortgerissen zu werden. Nur mühsam und mit Aufbietung aller Körper- und Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung so weit wieder herzustellen, daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er war, hielt er uns folgende Ansprache: