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Chapter 25

Chapter 253,472 wordsPublic domain

Der eine Teil ist bestimmt lediglich durch die _Größe des täglichen Arbeitsproduktes_, und zwar unabhängig von der Zeit, in welcher es geleistet wird. Z. B. wenn ein Mann an einer Drehbank, und zwar ein Mann, der eine bestimmte Fertigkeit besitzt, etwa 50 gleiche Drehstücke herzustellen hat, so gehört für ihn dazu eine bestimmte Anzahl aufeinanderfolgender Handgriffe und eine bestimmte Zahl von Sinneswahrnehmungen für die Kontrolle seiner Arbeit, eine ganz bestimmte Anzahl von Willensimpulsen, die er braucht, um seine Arbeit zu leisten; und wenn er statt 50 100 Stück hergestellt hat, so hat er alle diese einzelnen Akte in doppelter Zahl nötig gehabt, ganz unabhängig davon, ob er 5, 6 oder 10 Stunden gebraucht hat.

Es ist in der Größe des Arbeitsproduktes ein Maßstab gegeben für die _Größe des Kräfteverbrauchs_. Für verschiedene Personen ist das verschieden. Wer größere Erfahrung, größere Fertigkeit hat, wer mit größerer Umsicht und Zweckmäßigkeit zu arbeiten gelernt hat, weiß es fertig zu bringen, daß er mit viel geringerem Kräfteverbrauch dasselbe macht wie ein anderer, mit _einem_ Blick das übersieht, wozu ein anderer _drei_ Blicke nötig hat; doch ist unter denen, die unter denselben Bedingungen arbeiten, jedenfalls ein Teil, dessen Kräfteverbrauch in der täglichen Arbeitszeit pure proportional ist der Größe seines Arbeitsproduktes.

Ein zweiter Teil ist abhängig von der _Geschwindigkeit_, mit der die Arbeit geleistet wird. Im allgemeinen wird anzunehmen sein, daß, wenn dieselbe Leistung in kürzerer Zeit erfolgen soll, das Tempo beschleunigt werden muß, das eine größere Anstrengung bedeuten wird. Es ist aber gleich in bezug hierauf zu sehen, nach Anleitung naheliegender Erfahrungen, die jeder an sich selbst machen kann, daß dieser Teil des Kräfteverbrauchs, der von der Geschwindigkeit der Arbeitsleistung abhängt, der also steigt, wenn man verlangt, daß schneller gearbeitet wird, daß dieser in weiten Grenzen konstant bleibt und erst beim Erreichen einer sehr _großen Geschwindigkeit_ merklich in Betracht kommt. Es braucht sich nur jemand zu überlegen, daß, wenn er etwa einen bestimmten Weg, sagen wir von 4 km, einmal langsamer und einmal schneller geht, die Verschiedenheit der Kraftanstrengung unmerklich, nämlich so lange dieselbe ist, als er nicht etwa zum Laufschritt überzugehen hat. Dasselbe, glaube ich sagen zu können, tritt auch für alle technischen Arbeiten ein, solange noch die Verschiedenheiten der Geschwindigkeit in den Grenzen liegen, in denen gewohnheitsmäßig gearbeitet werden kann -- _etwas_ rascher oder langsamer -- und es ist nicht anzunehmen, daß »etwas rascher« einen besonderen Kräfteverbrauch bedeutet. Etwas anderes ist es aber, wenn die Beschleunigung, die Forderung, in der kürzeren Zeit dasselbe zu leisten, nötigt, sich anzutreiben, etwa die Operationen unter fortwährenden Willensimpulsen aufeinanderfolgen zu lassen; dann ist allerdings anzunehmen, daß die Beschleunigung des Arbeitstempos eine _bedeutende_ Steigerung des Kräfteverbrauchs herbeiführen würde.

So haben wir zunächst in dem, was ich Kräfteverbrauch oder Ermüdung nenne, zwei deutlich verschiedene Teile, einen, der nur abhängig ist von der Größe des täglichen Arbeitsprodukts -- den andern, der daneben nun noch abhängig ist von der Geschwindigkeit, von dem Tempo, in welchem es zu leisten ist. Dieser zweite Teil ist im allgemeinen zweifellos wachsend, wenn verlangt wird, daß dasselbe Tagewerk in der kürzeren Zeit zu leisten ist.

Das wichtigste ist aber nach meiner Meinung der dritte Bestandteil, der sich in diesem Kräfteverbrauch des industriellen Arbeiters in seinem Tagewerk nachweisen läßt, der durchaus analog ist mit dem, was man bei den Maschinen »Kraftverbrauch für Leergang« nennt.

Die vorhin charakterisierte Konsequenz der Arbeitsteilung, die außerordentliche Gleichförmigkeit der Tätigkeit bringt es mit sich, daß mit wenigen Ausnahmen alle Arbeit der Industrie gemacht werden muß von Leuten, die den ganzen Tag entweder zu stehen oder zu sitzen haben; ganz wenige haben Gelegenheit, innerhalb der Tagesperiode eine nennenswerte Abwechslung zu haben. Wenn Sie sich vorstellen, was das heißen wollte, wenn ein Mann gar nicht zu arbeiten hätte, aber angehalten wäre, dieselbe Körperhaltung 8 oder 10 Stunden fortzusetzen, wie z. B. an der Drehbank 8 oder 10 Stunden täglich zu stehen, oder in einer gewissen Körperhaltung zu sitzen, wie man sie etwa bei Ausführung feiner Arbeiten nötig hat, so würde ein solcher am Ende der 8 oder 10 Stunden sehr ermüdet sein, obwohl er gar nichts getan hat.

Ich behaupte nun, daß, wenn diese Ermüdung einem Kräfteverbrauch entspricht, der lediglich bedingt ist durch das bloße _Verweilen_ an der Arbeitsstätte in derjenigen Körperhaltung, die seine Arbeit nötig macht, und in der Umgebung, in der er dabei ist, demselben Geräusch, demselben Lärm ausgesetzt, unter demselben Zwange der Aufmerksamkeit -- wenigstens da wo Maschinenbetrieb ist -- sich zu sichern, daß er kein Unheil anrichtet, oder daß ihm nicht Unheil angerichtet werde, -- ich sage; daß, wenn diese rein passive Ermüdung einen ganzen großen Teil des Tagewerks der Leute bedeutet, jede _Verkürzung der Arbeitszeit_, die also bewirkt, daß diese Leistung in der verkürzten Arbeitszeit sich zusammendrängt, ein _reiner Gewinn an Kraft für die beteiligten_ Personen sein muß.

Wenn ich mir nun denke, ein Mann könne ein bestimmtes Tagewerk in 8 Stunden leisten, und man nötigt ihn, 10 Stunden darauf zu verwenden, so ist das ganz genau dasselbe, wie wenn man ihm erlaubt, seine Arbeit in 8 Stunden fertig zu machen, ihm aber zumutet: du mußt nun noch 2 Stunden hier bleiben in derselben Körperhaltung, sitzend oder stehend, dasselbe Geräusch hören, dieselbe Aufmerksamkeit anwenden, um Gefahr abzuwenden, jedoch ohne etwas zu tun. Ich sage, genau in derselben Art, wie die Verkürzung der Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden uns eine bedeutende Ersparung gebracht hat für den _Leergang der Maschinen_, so bedeutet die Verkürzung der Arbeitszeit eine entsprechende Ersparung am Kraftverbrauch für den _Leergang der Menschen_. Dieser Nachweis des dritten Bestandteils für den gesamten Kräfteverbrauch weist hin auf den wichtigsten Teil unserer Betrachtung.

Ich habe ganz kurz nun noch auf der anderen Seite auf das von mir vorhin geforderte Gleichgewicht zwischen Kräfteverbrauch und Kräfteersatz hinzuweisen. Der Kräfteersatz durch Ernährung und Ruhe -- wovon hängt der ab? Da ist zuerst zu sagen, er muß bei einem Mann abhängen von der physischen Beschaffenheit der Person, von seiner Robustheit, von seiner Gesundheit, von seinem Ernährungszustande. Ein Mann von kräftiger Ernährung in jungen Jahren, von normaler Lebensweise, wird imstande sein, in einer gewissen Ruhezeit eine vorangehende Ermüdung sehr viel eher völlig auszugleichen, wie ein älterer Mann oder ein durch Krankheit geschwächter oder einer, der durch unsolides Leben die Bedingungen des Wiederersatzes seiner Kräfte verschlechtert hat. Aber für ein und denselben Mann wird zweifellos die Zeit entscheidend sein, die ihm für diesen Kräfteersatz gegeben ist. Es kann auch nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß jemand, der ein bestimmtes Tagewerk hinter sich hat und bis zum Wiederbeginn des folgenden gleichen Tagewerks 16 Stunden Zeit hat für relative Ruhe, die wenigstens die Organe ruhen läßt, die bei seiner normalen Arbeit die stärkst ermüdeten sind, ein größeres Maß vorangegangener Ermüdung wird ausgleichen können, wie jemand, der nur 10 Stunden unter ganz gleichen Umständen für Erholung zur Verfügung hat. Das kann jedermann an sich probieren.

Es muß also notwendig in bezug auf die Bedingungen dieses Kräfteersatzes außer dem jeder einzelnen Person eigentümlichen Faktor, den man nennen könnte die Intensität des Stoffwechsels oder die Intensität seiner Lebensfunktionen, nun noch maßgebend sein eine Zeitbestimmung, nämlich die _Dauer der ihm gelassenen Ruhezeit_. Nun hat aber der Tag nur 24 Stunden; infolgedessen muß die Zeit der Ruhe zwischen jeder Tagesarbeit einfach die Differenz zwischen 24 Stunden und der Arbeitszeit sein; bei 8 Stunden Arbeit 16 Stunden Ruhe, bei 10 Stunden Arbeit nur 14 Stunden Ruhe.

So sieht man am Leitfaden dieser ganz einfachen Betrachtung, daß in Hinsicht auf die Herstellung dieses Gleichgewichtes zwischen Kräfteverbrauch und Kräfteersatz, zwischen Ermüdung und Erholung, die Arbeitszeit dreimal zur Geltung kommt; zweimal auf der Seite der Bestimmung des Kräfteverbrauches -- das eine Mal im ungünstigen Sinne für die Verkürzung, insofern als die Verkürzung der Arbeitszeit intensivere Arbeit nötig macht, vorausgesetzt, daß ein gewisses Maß der Geschwindigkeit nicht überschritten wird, ein zweites Mal aber im ungünstigen Sinne, nämlich durch Verminderung, nach Analogie der Maschinen, der Leergangsarbeit des Menschen -- daß aber außerdem nun noch dieselbe Größe der täglichen Arbeitszeit eine Rolle spielt auf der anderen Seite der Gleichung, in bezug auf den Kräfteersatz und zwar in _günstigem_ Sinne, da die Verkürzung der Arbeitszeit und eine längere Ruhepause den Ersatz eines größeren Kräfteverbrauchs vermittelt.

Ohne daß man den mathematischen Zusammenhang nun weiter darzulegen braucht, wie ich es überflüssigerweise getan habe[41], ohne daß man auf diese näheren mathematischen Beziehungen einzugehen braucht, ist sofort zu sehen, daß, wenn diese Zusammenhänge richtig aufgefaßt sind, es verständlich ist, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht nur das Tagesprodukt ungeändert lassen, sondern unter Umständen die Tendenz haben kann, die Arbeitsleistung zu steigern, wie wir es in unseren Beobachtungen glauben konstatiert zu haben.

Es muß nämlich, wenn man den mathematischen Zusammenhang genau ansieht, für jede bestimmte Art von Verrichtungen und jede bestimmte Person ein Optimum existieren, nämlich eine kürzeste Arbeitszeit, bei der das größte Arbeitsprodukt herauskommt. Wo dieses liegt, wird wesentlich von der Art abhängen, wie sich die einzelnen Bestandteile des näheren bestimmen.

Wie groß dieser Kräfteverbrauch für Nichtarbeit, für Leergang, und für den Geschwindigkeitswiderstand, den bei intensiverem Tempo die Arbeit mit sich bringt, im einzelnen Falle ist, ist im wesentlichen Tatbestandsfrage. Es ist denkbar, daß es gewisse Verrichtungen gibt, welche ein Arbeiter 10 oder 9 Stunden lang macht, bei welchen aber eine weitere Beschleunigung des Tempos mit einer so großen Steigerung des Kräfteverbrauchs verbunden sein kann, daß er, wenn er auf 8 Stunden übergeht, weniger leistet.

Indem ich mich nun auf unsere Erfahrungen berufe und auf die Erfahrungen ähnlicher Art, die namentlich in England gemacht worden sind, kann ich nur sagen, diese Erfahrungen rechtfertigen die Annahme, daß für wenigstens drei Viertel aller industriellen Arbeiter -- das Wort in dem Sinne gebraucht, wie ich es vorhin gebraucht habe -- wahrscheinlich auch für einen größeren Bruchteil bei _9 Stunden das Optimum noch nicht erreicht und_ bei _8 Stunden noch nicht überschritten_ ist, und daß daher diese Beobachtungen, wie sie vorliegen, am Leitfaden dieser Erklärung die Meinung rechtfertigen, daß es möglich sein wird, auf fast allen Gebieten der industriellen Tätigkeit in Deutschland ohne jede Einbuße, ohne jede Herabsetzung des Tagewerks, in einem vernünftigen Tempo, nicht etwa nur zum Neunstundentag, sondern zum Achtstundentag überzugehen. Selbstverständlich meine ich nicht plötzlichen Übergang, sondern es kann sich nur darum handeln, allmählich die Menschen daran zu gewöhnen, die jetzt gewohnt sind, ihre Arbeitskraft zu vertrödeln, die gewissermaßen normale Ermüdung sich anzuschaffen, die sie gerade noch bis zum folgenden Tage durch Ruhe und Ernährung ersetzen können. Wie ich vorhin sagte, hat eine solche Erklärung zugleich die Bedeutung, daß sie nicht nur Aufschluß gibt über das, was wirklich beobachtet ist, sondern daß sie auch einen Leitfaden gibt, um über das Gebiet der unmittelbaren Beobachtungen hinaus Schlußfolgerungen zu ziehen.

Ich will, um nicht ins Weite zu gehen, nun nur noch ganz kurz erläutern, wie sich am Leitfaden dieser Erklärung ganz charakteristische Tatsachen, die auf den ersten Blick als außerordentliche erscheinen, als etwas ganz Selbstverständliches darstellen.

Ich habe damals erzählt, als ich in unserer Werkstätte mit einer Gruppe von Leuten den Versuch gemacht habe, sie zu veranlassen, sie möchten einmal mir zu Gefallen und wegen ihrer eigenen Interessen, als wir noch neunstündige Arbeitszeit hatten, 10 Stunden arbeiten, daß diese nach einer Woche zu mir kamen und meinten: die angehängte letzte Stunde drücke vom frühen Morgen ihre Arbeit herab, ich sollte ihnen ihr Versprechen zurückgeben. Und auf der anderen Seite ebenso die Tatsache, daß die Anhänger der Trade-Unions, wie im Woolwich-Arsenal, welche der Meinung waren, daß die Verkürzung der Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden Platz schaffen müsse für die Arbeitslosen, die Reserve-Armee vermindern müsse, die also gewiß der Ansicht waren, sie würden nicht in 8 Stunden dasselbe arbeiten wie vorher in 9 Stunden, dennoch dasselbe geleistet haben. Dies alles erklärt sich am Leitfaden einer solchen Betrachtung ganz einfach als etwas Selbstverständliches.

Unsere Leute, die damals den Anlauf nahmen, haben ganz gewiß in den ersten 9 Stunden des damals verlängerten Arbeitstages genau so gearbeitet, wie in der Woche vorher ihre 9 Stunden; da sie aber dann noch eine Stunde länger arbeiteten, haben sie sich in 10 Stunden mehr ermüdet und das vorher bestehende Gleichgewicht verschoben. Das haben sie am ersten Tag nicht bemerkt, auch am zweiten Tag nicht, aber allmählich ist das Defizit zum Vorschein gekommen, und da mußte einmal der Punkt kommen, wo die Bilanz stark gestört war; dann tritt das in die Erscheinung, was die Werkmeister Unmut und Verdrossenheit nennen; das sind die Waffen, mit denen der Körper sich wehrt. In dem Maße, als sich das Defizit anhäuft, drückt es auf ihre Arbeit vom frühen Morgen an; so verlangsamt sich das Tempo, bis es nach 14 Tagen so verlangsamt ist, daß die Tagesleistung trotz der Überstunde nur dieselbe ist, wie ohne Überstunde.

Und umgekehrt die englischen Arbeiter, die gar kein Interesse daran hatten, diesen Ausfall der geschenkten Stunde nachzuholen, weil sie in Zeitlohn arbeiteten, die im Gegenteil darauf rechneten, daß durch diese Stunde so viele von ihren arbeitslosen Kollegen im nächsten Jahr Arbeit haben würden, haben diese 8 Stunden genau so gearbeitet, wie die ersten 8 Stunden ihrer vorher neunstündigen Arbeitszeit, und sind dann eine Stunde früher vergnügt nach Hause gegangen, weniger ermüdet als früher, und so haben sie Tag für Tag einen kleinen Überschuß an Kraft behalten, der, nachdem er eine gewisse Größe erreicht hatte, bewirkte, daß sie vom frühen Morgen an ihre Arbeit mit größerer Frische begonnen haben, daß sie, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, dem englischen Staatsfiskus den Gefallen getan haben, in 8 Stunden dasselbe zu leisten wie vorher in 9 Stunden.

Diese Beispiele zeigen, wie diese automatische Anpassung des Tempos der Arbeit an die Dauer der täglichen Arbeitszeit bei den einzelnen sich vollzieht.

* * * * *

Ich habe mit dieser Betrachtung, die also, glaube ich, den Nachweis führt, daß das wesentlichste Moment unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten bei Verkürzung der Arbeitszeit besteht in der Ersparnis eines großen Kraftverbrauches für unnützen »Leergang« der Menschen -- den terminus technicus von Maschinen auf den Menschen übertragen -- die _eine_ volkswirtschaftliche Bedeutung der Verkürzung der Arbeitszeit festgestellt.

Ich knüpfe meine weiteren Ausführungen an die Frage, mit der ich vor 4 Wochen meinen ersten Vortrag einleitete, indem ich auf die Tatsache hinweise, daß in England jetzt schon die durchschnittliche Arbeitszeit der gesamten industriellen Arbeiterschaft auf weniger als 9 Stunden herabgesunken ist, weil es nur ganz wenige Industriezweige, abgesehen von der Textilindustrie, gibt, die länger als 9, aber schon sehr viele, die weniger als 9 Stunden arbeiten, und gegenwärtig nicht weniger als eine Million englischer Arbeiter in den etwas gehobenen Industrien beim Achtstundentag angekommen sind; und bei den rapiden Fortschritten, die die Bewegung auf Verkürzung der Arbeitszeit macht, ist anzunehmen, daß in ganz kurzem Zeitraum wohl der Achtstundentag in England die herrschende Arbeitszeit sein wird.

Demgegenüber ist in Deutschland die normale durchschnittliche Arbeitszeit derselben Gruppen von Industriearbeitern sicher über 10 Stunden, weil es noch eine große Anzahl von Arbeitsgebieten der verschiedensten Art gibt, in denen noch 11 Stunden gearbeitet wird, und nur relativ wenige, 6-8000, haben in Deutschland die achtstündige Arbeitszeit.

Angesichts dieses Unterschieds muß die Frage entstehen, welchem von beiden Ländern kommt dieser Unterschied in Hinsicht auf den Wettbewerb mit anderen Ländern zunutze? Wird England mit seiner kurzen oder Deutschland mit seiner langen Arbeitszeit einen Vorteil in Hinsicht auf den Wettbewerb mit anderen Nationen haben?

Ich will gleich das Resultat voraussagen, zu dem ich durch meine Betrachtungen geführt werde. Es besagt, daß es ganz zweifellos ein Vorsprung sein wird, den England hat, daß England kraft dieser Verkürzung der Arbeitszeit eine sehr erhöhte Leistungsfähigkeit im ganzen Wirtschaftsleben hat, und daß, wenn Deutschland darin zurückbleiben sollte, wenn England dauernd diesen Vorsprung behalten sollte, für Deutschland die direkte Gefahr einer großen schweren Schädigung seiner Volkswirtschaft im Wettbewerb mit anderen Völkern, insbesondere mit dem fortgeschrittenen England, besteht.

Es könnte auf den ersten Blick fraglich sein, ob sich aus meinen früheren Ausführungen ein derartiger Schluß begründen läßt, denn es wird durch Verkürzung der Arbeitszeit das Tagewerk nicht vermindert, vielleicht sogar etwas gesteigert. Aber diese Steigerung wird man keinesfalls hoch anschlagen können: wir selbst haben ja auch nur eine Steigerung von ein paar Proz., die können ja doch nichts Ausschlaggebendes sein. Ob ein paar Proz. im günstigsten Falle mehr oder weniger -- in der Hauptsache wird es dasselbe sein, ob die Leute 10 oder 8 Stunden arbeiten; es wird eben ungefähr dasselbe produziert.

Es sind damit zwar die Befürchtungen widerlegt, mit denen man früher den Bestrebungen auf Verkürzung der Arbeitszeit entgegentrat, daß die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit eines Landes gelähmt werden könnte, wie auch die Hoffnungen widerlegt sind, daß die Verkürzung Platz schaffen werde für die Arbeitslosen; aber im übrigen bleibt doch höchstens der kleine Vorteil übrig, welchen die kleine Ersparnis an Betriebsunkosten bedeutet.

Wir dürfen annehmen, daß in unserem Betriebe, der Optischen Werkstätte, die Ersparnis im Kohlenverbrauch, an Heizerlöhnen, für Beleuchtung und Beheizung auf den Kopf des Arbeiters 6-8 M. jährlich beträgt; zwischen 10 und 8 Stunden Arbeit könnte man diese Ersparnis somit doch höchstens auf 15-20 M. anschlagen. Wenn man annimmt, daß in Deutschland 3 Millionen Leute sind, die in 8 Stunden ebensoweit kämen in ihrer Arbeit wie in den jetzt durchschnittlich 10 Stunden, so würde dieser Vorteil immer nur mit 30-40 Millionen Mark anzuschlagen sein, was in der Bilanz eines großen Landes ja nur eine ganz geringe Bedeutung hat.

Man würde sagen können, diese Frage hat gar keine besondere wirtschaftliche Bedeutung, sie ist mehr Sache des subjektiven Ermessens, ob man für besser und angenehmer finden will, daß die Leute 8 Stunden arbeiten und 16 Stunden Ruhe haben, oder 10 und 11 Stunden arbeiten und nur 14 oder 13 Stunden Ruhe haben.

Aber mit nichten! Bei dieser Überlegung würde man vergessen, daß zwar der Kraftverbrauch für Leergang der Maschinen, der seinen Ausdruck findet in dem nutzlosen Verbrennen von 30-40 Millionen M. mehr Kohlen, in Deutschland verschwendet ist, daß die Hauptsache aber die Kraftverschwendung in dem nutzlosen Leergang von 3 oder 4 Millionen _Menschen_ in Deutschland ist. Und da ist die Frage: was bedeutet denn diese Kraftverschwendung, die zweifellos da ist, wenn es möglich ist, daß diese selben Menschen dasselbe in 8 Stunden leisten, was sie bisher in 10 Stunden gemacht haben? Auf wessen Kosten geht denn diese Kraftverschwendung? Geht dieselbe nur auf Kosten der Lebensannehmlichkeit der Leute, die es erfreulicher finden werden, wenn sie nur 8 Stunden in der Werkstätte zu stehen haben, oder geht sie auf Kosten eines Faktors, der eine bestimmte volkswirtschaftliche Bedeutung hat? Ich meine das letztere ist der Fall!

_Diese Kraftvergeudung durch nutzlosen Leergang des Menschen geht auf Kosten der Mitwirkung der Intelligenz und der geistigen Regsamkeit des Menschen, und bedeutet, daß ein wertvolles Kapital, welches Deutschland besitzt in der natürlichen Intelligenz seiner arbeitenden Schichten, zum großen Teil brach liegen bleibt, weil die Bedingungen abgeschnitten sind, unter denen diese Intelligenz voll zur Geltung kommen könnte._

Um das aber zu verstehen, diesem Leergang der Menschen eine so weittragende Bedeutung beizulegen, muß ich nochmals darlegen, und jetzt unter einem etwas anderen Gesichtspunkte, was ich als die Wirkungen der Arbeitsteilung besprochen habe. Diese Arbeitsteilung -- es wäre die reine Torheit, sie beklagen zu wollen, so bedauerlich ihre Wirkungen sind -- hat zur Folge die _geistige Verödung der Menschen_, weil sie intelligente Personen nötigt, ihr Tagewerk auf eine einförmige Art zu verrichten, weil die Arbeit, bis auf einen ganz kleinen Bruchteil bevorzugter Arbeiten, aus sich selbst heraus gar keinen Antrieb, keine Anregung enthält, weil die Arbeiter immer nur Teile unter ihren Händen haben -- und eine Arbeit, die andererseits, um vorteilhaft und zweckmäßig ausgeführt zu werden, hohe Anforderungen an die geistige Tätigkeit der Leute stellt, aber hohe Anforderungen nur in der Art, wie die Leute das zweckmäßige, geschickte Arbeiten zu erlernen haben. Die Ablieferung des täglichen Arbeitsproduktes ist unter dem Prinzip der Arbeitsteilung reine Routinesache, sie kommt zur Geltung nur in ausgetretenen Bahnen. Aber die Art, wie einer gelernt hat, die tägliche Arbeit abzuliefern, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger, mit größerer Kräfteersparnis oder größerem Kräfteverbrauch, das ist in ganz großem Maße Sache der Intelligenz, so daß kein Arbeiter ein geschickter Arbeiter wird, wenn es nicht ein intelligenter Mann ist, weil man ihn diese Zweckmäßigkeit nicht lehren kann: er muß sie selbst erlernen können.

Wenn man nun auf der einen Seite zugestehen muß, daß die täglich gleiche Arbeit direkt abstumpfend wirkt, auf der anderen Seite die technischen und wissenschaftlichen Anforderungen eine fortwährende Anspannung der Intelligenz nötig machen, so gibt es eben nur einen Weg, um das Gleichgewicht zu schaffen, das ist: die Bahn frei zu machen dafür, daß die natürliche Intelligenz dennoch sich betätigen kann, daß sie nicht abgestumpft wird, d. h. also, möglichstes Zusammendrängen der täglichen Arbeit auf einen kurzen Zeitraum und möglichstes Verlängern des Zeitraumes zwischen den täglichen Arbeitszeiten, das die Möglichkeit für geistige Anregung anderer Art gewährt, daß solche Leute nicht stupid werden, daß sie trotz der Einförmigkeit ihrer täglichen Arbeit noch die Fähigkeit behalten, mit dem Verstand mitzuwirken, mit Interesse Dinge zu betrachten, die nicht unmittelbar in der Arbeit vorkommen.

So sage ich: alles was darauf ausgeht, die Leistungsfähigkeit des Deutschen Volkes zu heben -- und Deutschland darf sich rühmen, daß es in Hinsicht auf die Intelligenz seiner arbeitenden Volksschichten keinem anderen Lande nachsteht, aber Intelligenz ohne Betätigung ist Gold im Schoß der Erde -- alles was darauf ausgeht, dieses große geistige Kapital wirtschaftlich in Betätigung zu stellen, das muß unter die Parole sich stellen; _möglichste Verkürzung der Arbeitszeit in der Industrie, möglichste Verminderung der Kraftvergeudung infolge Leergang durch Verlängerung der Ruhezeit_.