Part 9
Ich blieb eine Woche zu Hause und saß viel am Bett meines Vaters, der kein geduldiger Kranker und freilich außer der kleinen Verletzung am Fuß bei bester Kraft und Gesundheit war. Ich gestand ihm mein Bedauern darüber, daß ich ihm nicht schon früher gerecht geworden und nahegekommen sei, doch meinte er, das sei gegenseitig, und es werde unsrer künftigen Freundschaft besser bekommen, als wenn wir vorzeitige Versuche des Verstehens aneinander gemacht hätten, welche selten gelängen. Vorsichtig und freundlich erkundigte er sich danach, wie es mir mit den Frauen gegangen sei. Von Gertrud mochte ich nichts sagen, meine übrige Beichte war sehr einfach.
»Tröste dich!« sagte mein Vater lächelnd. »Du hast das Zeug zu einem recht guten Ehemann, das merken gescheite Frauen bald. Nur einer ganz armen darfst du nicht glauben, die könnte dein Geld meinen. Und wenn du die nicht findest, die du dir denkst und gern hättest, so ist auch noch nicht alles verloren. Die Liebe zwischen jungen Leuten und die in einer langen Ehe ist nicht dieselbe. In der Jugend denkt jedes an sich und sorgt für sich. Aber wenn einmal ein Hausstand da ist, gibt es anderes zu sorgen. Mir ist es auch so gegangen, du darfst es wohl wissen. Ich war in deine Mama sehr verliebt, und es war eine rechte Liebesheirat. Das dauerte aber nur ein Jahr oder zwei, dann hörte die Verliebtheit auf und war bald bis auf den letzten Rest verbraucht, und wir standen da und wußten nicht recht, was miteinander anfangen. Da kamen gerade die Kinder, deine beiden älteren Geschwister, die ja früh gestorben sind, und wir hatten für die zu sorgen. Darüber wurden unsere Ansprüche aneinander kleiner, die Fremdheit hörte wieder auf, und auf einmal war die Liebe wieder da, freilich nicht die alte, sondern eine ganz andere. Und die hat seither gehalten, ohne viel Flicken zu brauchen, mehr als dreißig Jahre. Es geht nicht allen Liebesheiraten so gut, sogar sehr wenigen.«
Mir war nun allerdings mit diesen Anschauungen nicht gedient, doch tat das neue, freundschaftliche Verhältnis zu meinem Vater mir wohl und machte mir die Heimat wieder lieb, die mir in den letzten Jahren beinahe gleichgültig geworden war. Als ich wieder abreiste, bereute ich den Besuch nicht und beschloß, künftig in besserer Verbindung mit den Alten zu bleiben.
Arbeit und Reisen zur Aufführung meiner Streichmusik hielten mich eine Weile vom Besuch des Imthorschen Hauses ab. Als ich wiederkam, fand ich Muoth, der früher nur in meiner Begleitung hingegangen war, dort unter den meistgeladenen Gästen. Der alte Imthor trat ihm noch immer kühl und leicht ablehnend gegenüber, Gertrud aber schien gut Freund mit ihm geworden zu sein. Mir war das lieb, ich wußte keinen Grund zur Eifersucht und war überzeugt, daß zwei so ungleiche Menschen wie Muoth und Gertrud wohl einander interessieren und anziehen, nicht aber befriedigen und lieben könnten. So sah ich es ohne Mißtrauen, wenn er mit ihr sang und sie beide ihre schönen Stimmen vermischten. Sie sahen gut aus, beide große, hohe, aufrechte Menschen, er dunkel und ernst, sie hell und heiter. Neuerdings kam es mir allerdings zuweilen vor, als habe ihre alte angeborene Heiterkeit einige Mühe, sich zu behaupten, und sei manchmal müde und verschattet. Sie sah mich nicht selten ernsthaft und prüfend an, mit einer Neugierde und einem Interesse, wie bedrückte und geängstigte Menschen einander ansehen; und wenn ich ihr dann zunickte und mit einem fröhlichen Blick antwortete, spannte sie die Züge so langsam und angestrengt zum Lächeln, daß es mir weh tat.
Doch machte ich solche Beobachtungen nur ganz selten, zu anderen Zeiten sah Gertrud so heiter und strahlend aus wie je, so daß ich jene Beobachtungen für Einbildungen hielt oder einem vorübergehenden Unwohlsein zuschrieb. Nur einmal war ich ernstlich erschrocken. Sie saß, während einer der Hausfreunde Beethoven spielte, im Halbdunkel zurückgelehnt und mußte glauben, ganz unbeobachtet zu sein. Vorher, beim hellen Licht zwischen den Gästen beim Empfang, war sie immer klar und heiter anzusehen gewesen. Nun aber, in sich zurückgezogen und offenbar von der Musik unberührt, ließ sie ihr Gesicht gehen und bekam einen Ausdruck von Müdigkeit, Angst und Scheu wie ein verhetztes, ratlos gewordenes Kind. Es dauerte mehrere Minuten, und als ich das sah, wollte mir das Herz stillstehen. Sie litt und hatte Kummer, schon das war schlimm, und daß sie auch vor mir die Fröhliche spielte und auch mir alles verbarg, machte mich ängstlich. Sobald das Spiel zu Ende war, suchte ich ihre Nähe, setzte mich zu ihr und fing ein harmloses Gespräch an. Ich sprach davon, daß es für sie ein unruhiger Winter sei, und daß auch ich dabei entbehre, doch sagte ich alles leichthin in scherzendem Tone. Schließlich erinnerte ich an die Zeit im Frühjahr, da wir die Anfänge meiner Oper miteinander gespielt und gesungen und besprochen hatten.
Da sagte sie: »Ja, das ist eine schöne Zeit gewesen.« Mehr nicht, aber es war doch ein Geständnis, denn sie sagte es mit ungewollter Ernsthaftigkeit. Ich aber las daraus Hoffnung für mich und war ihr im Herzen dankbar.
Gar gerne hätte ich ihr meine Frage vom Sommer wiederholt. Die Veränderung in ihrem Wesen, die Befangenheit und unsichere Scheu, die sie gerade vor mir zuweilen zeigte, glaubte ich doch bei aller Bescheidenheit als günstige Anzeichen für mich hinnehmen zu dürfen. Es war mir rührend zu sehen, wie ihr Mädchenstolz krank zu liegen und sich hart zu wehren schien. Doch wagte ich nichts zu sagen, sie tat mir leid in ihrer Unsicherheit, und mein stilles Versprechen glaubte ich auch halten zu müssen. Ich habe nie gewußt mit Frauen umzugehen; ich machte den umgekehrten Fehler wie Heinrich Muoth: ich ging mit Frauen um wie mit Freunden.
Da ich auf die Dauer meine Wahrnehmungen nicht für Täuschungen halten konnte und Gertruds veränderte Art doch nur halb verstand, hielt ich mich zurück, ließ meine Besuche etwas seltener werden und vermied intime Gespräche mit ihr. Ich wollte sie schonen und nicht noch scheuer machen und ängstigen, da sie doch zu leiden und in sich uneins zu sein schien. Sie merkte es, wie ich glaube, und sah meine Zurückhaltung nicht ungern. Ich hoffte, es werde mit dem Ende des Winters und der lebhaften Geselligkeit wieder eine stille, schöne Zeit für uns beide kommen, bis dahin wollte ich warten. Oft aber tat mir das schöne Mädchen bitter leid, und wider meinen Willen ward ich selber allmählich unruhig und fühlte etwas Schlimmes in der Luft.
Der Februar kam, ich wünschte sehnlich das Frühjahr her und litt unklar unter der Spannung dieses Zustandes. Auch Muoth ließ sich wenig bei mir sehen, allerdings hatte er einen angestrengten Winter an der Oper und war in der Wahl zwischen zwei ehrenvollen Berufungen an große Theater, die ihm neuestens zugekommen waren. Eine Geliebte schien er nicht mehr zu haben, wenigstens hatte ich seit seinem Bruch mit Lotte keine Frau mehr bei ihm gesehen. Kürzlich hatten wir seinen Geburtstag gefeiert, seither hatte ich ihn nicht gesehen.
Nun trieb mich ein Bedürfnis zu ihm, ich begann unter der Veränderung meiner Beziehungen zu Gertrud, unter Überarbeitung und Wintermüdigkeit zu leiden und suchte ihn auf, um wieder einmal zu plaudern. Er setzte mir einen Sherry vor und erzählte von der Bühne, war übrigens müde und zerstreut und merkwürdig milde. Ich hörte zu, schaute im Zimmer umher und wollte eben fragen, ob er wieder bei Imthors gewesen sei. Da sah ich, bei einem gleichgültigen Blick über den Tisch, ein Kuvert mit Gertruds Handschrift liegen. Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, stieg schon Schrecken und Bitterkeit in mir auf. Es konnte ja eine Einladung, eine einfache Höflichkeit sein, doch glaubte ich daran nicht, so gern ich es getan hätte.
Es gelang mir, ruhig zu bleiben, und bald ging ich fort. Und wider meinen Willen wußte ich schon alles. Es konnte eine Einladung, eine Kleinigkeit, ein Zufall sein -- ich wußte aber, daß es das nicht war. Ich sah auf einmal alles und begriff alles, was in der letzten Zeit gewesen und geschehen war. Wohl nahm ich mir vor, zu prüfen und zu warten, doch waren alle diese Gedanken nur Vorwände und Ausflüchte, im Grunde saß der Pfeil und schwärte im Blut, und als ich nach Hause kam und in meiner Stube saß, wich langsam die Betäubung einer furchtbaren Klarheit, die mich eisig durchfloß und mir zu fühlen gab, daß nun mein Leben zerstört und mein Glauben und Hoffen vernichtet war.
Mehrere Tage kam ich weder zu Tränen noch zu Schmerzen. Ohne zu denken, hatte ich beschlossen, nicht weiter zu leben. Vielmehr hatte der Lebenswille in mir sich niedergelegt und schien verschwunden. Ich bedachte das Sterben wie ein Geschäft, das unweigerlich getan werden muß und bei dem man sich nicht besinnt, ob es angenehm ist oder nicht.
Zu den Dingen, die ich zuvor besorgen mußte und besorgte, gehörte vor allem ein Besuch bei Gertrud, um -- gewissermaßen der Ordnung wegen -- die für mein Gefühl entbehrliche Bestätigung zu holen. Ich hätte sie von Muoth haben können; aber obwohl er weniger schuldig schien als Gertrud, brachte ich es nicht über mich zu ihm zu gehen. Ich ging zu Gertrud, traf sie nicht, kam anderen Tages wieder und unterhielt mich ein paar Minuten mit ihr und ihrem Vater, bis dieser uns allein ließ, da er glaubte, wir wollten musizieren.
Nun stand sie mir allein gegenüber und ich sah sie neugierig noch einmal an, die leicht verwandelt, doch nicht minder schön als jemals war.
»Verzeihen Sie mir, Gertrud,« sagte ich fest, »daß ich Sie noch einmal quälen muß. Ich habe Ihnen im Sommer einen Brief geschrieben -- kann ich auf den jetzt Antwort haben? Ich muß verreisen, vielleicht für lange, sonst hätte ich gewartet, bis Sie selber...«
Da sie bleich wurde und mich verwundet ansah, half ich ihr und sprach weiter: »Nicht wahr, Sie müssen nein sagen? Ich habe es mir gedacht. Ich möchte nur Gewißheit haben.«
Sie nickte traurig.
»Ist es Heinrich?« fragte ich.
Und sie nickte wieder, und plötzlich erschrak sie und faßte meine Hand.
»Verzeihen Sie mir! Und tun Sie ihm nichts!«
»Das habe ich nicht im Sinn, seien Sie ruhig,« sagte ich und mußte lächeln, denn mir fiel die Marion ein und die Lotte, die auch so ängstlich an ihm hingen, und die er geschlagen hatte. Vielleicht würde er auch Gertrud schlagen, und ihre ganze herrliche Hoheit und ihr ganzes vertrauensvolles Wesen zerstören.
»Gertrud,« fing ich noch einmal an, »besinnen Sie sich noch! Nicht meinetwegen, ich weiß schon, wie es steht! Aber Muoth wird Sie nicht glücklich machen. Adieu, Gertrud.«
Meine Kälte und Klarheit war unerschüttert geblieben. Erst jetzt, als Gertrud mich so anredete und jenen Ton hatte, den ich von Lotte her kannte, und als sie mich nun ganz krank ansah und sagte: »Gehen Sie nicht so, das verdiene ich nicht von Ihnen!«, da brach mir das Herz und ich hatte Mühe, mich zu halten.
Ich gab ihr die Hand und sagte: »Ich will Ihnen nicht wehtun. Ich will auch Heinrich nicht schaden. Aber warten Sie noch, lassen Sie ihm noch nicht Gewalt über sich! Er zerstört alle, die er lieb hat.«
Sie schüttelte den Kopf und ließ meine Hand los.
»Adieu!« sagte sie leise. »Ich bin ja nicht schuld. Denken Sie gut an mich, und auch an Heinrich!«
Es war fertig. Ich ging nach Hause zurück und fuhr fort, meine Angelegenheit wie ein Geschäft zu besorgen. Wohl würgte mich dazwischen das Weh und blutete mir das Herz, doch sah ich wie von ferne zu und hatte keine Gedanken dafür frei. Es war einerlei, ob es mir in den Tagen oder Stunden, die ich übrig hatte, wohl oder übel ging. Ich ordnete die Mengen von Notenblättern, auf denen meine halbfertige Oper stand, und schrieb einen Brief an Teiser dazu, damit das Werk womöglich erhalten werde. Daneben besann ich mich angestrengt darüber, wie ich sterben sollte. Ich hätte gern meine Eltern geschont, doch fand ich keine Todesart aus, die das ermöglicht hätte. Schließlich lag daran auch nicht so viel; ich beschloß es mit dem Revolver zu tun. Alle diese Fragen tauchten nur schattenhaft und unwirklich vor mir auf. Fest stand nur die Erkenntnis, daß ich nicht mehr leben dürfe; denn schon empfand ich ahnend hinter der eisigen Hülle meines Entschlusses die Schrecklichkeit des Lebens, das mir geblieben wäre. Es schaute mich aus leeren Augen scheußlich an, und war unendlich viel häßlicher und furchtbarer als die dunkle, ziemlich gleichgültige Vorstellung des Sterbens.
Am zweiten Tage nach Mittag war ich mit meinen Besorgungen fertig. Ich wollte noch einen Gang durch die Stadt machen, ich mußte der Bibliothek noch ein paar Bücher zurückbringen. Es war mir beruhigend zu wissen, daß ich am Abend nimmer leben werde. Ich hatte die Empfindung eines Verunglückten, der in halber Narkose liegt und der nicht den Schmerz selbst, wohl aber eine Vorahnung grauenhafter Qualen fühlt. Nun hofft er nur, er möge vollends in Bewußtlosigkeit versinken, ehe der geahnte Schmerz wirklich ausbräche. So war mir zu Mute. Ich litt weniger unter einem wirklichen Schmerz als unter der peinigenden Furcht, ich möchte nochmals zum Bewußtsein kommen und dann den ganzen Becher ausleeren müssen, den der gerufene Tod mir abnehmen sollte. Darum tat ich meinen Gang in Eile, besorgte mein Geschäft und lief stracks zurück. Einen kleinen Umweg machte ich nur, um nicht an Gertruds Hause vorübergehen zu müssen. Denn ich ahnte, ohne es ausdenken zu können, daß vielleicht beim Anblick des Hauses mich die unerträgliche Qual, vor der ich auf der Flucht war, überfallen und niederwerfen möchte.
So kam ich zum Haus, in dem ich wohnte, aufatmend zurück, öffnete das Tor und stieg unverweilt die Treppe hinan, in der Seele erleichtert. Wenn jetzt noch das Weh hinter mir war und die Krallen nach mir ausstreckte, wenn jetzt irgendwo in mir der entsetzliche Schmerz zu wühlen begänne, ich hatte nur noch Schritte und Sekunden zwischen mir und der Befreiung.
Ein Mann in Uniform kam die Treppe herab mir entgegen. Ich wich aus und eilte, mich an ihm vorbeizudrängen, voller Furcht, ich möchte aufgehalten werden. Da griff er an die Mütze und nannte meinen Namen. Taumelnd sah ich ihn an. Die Anrede, der Aufenthalt, die Erfüllung meiner Befürchtung fuhr mir durch die Glieder und es überkam mich plötzlich eine Todesmüdigkeit, als müsse ich niedersinken und habe keine Hoffnung, die paar Schritte noch zu tun und mein Zimmer zu erreichen.
Indessen starrte ich den fremden Mann gepeinigt an, und da die Erschlaffung mich übernahm, setzte ich mich auf eine Treppenstufe nieder. Er fragte, ob ich krank sei, ich schüttelte den Kopf. Dabei hielt er immer etwas in der Hand, was er mir anbot und was ich nicht nehmen wollte, bis er es mir fast mit Gewalt in die Hand drückte. Ich winkte ab und sagte: »Ich will nicht.«
Er rief nach der Wirtin, die war nicht da. Da faßte er mich unter den Armen, um mich hinaufzubringen, und sobald ich sah, daß kein Entrinnen war und er mich nicht allein lassen würde, fühlte ich wieder Macht über mich, stand auf und ging voran in mein Zimmer, wohin er mir folgte. Da er mich, wie mir schien, mit Mißtrauen betrachtete, deutete ich auf mein lahmes Bein und tat, als schmerze es mich, und er glaubte es. Ich suchte meinen Geldbeutel und gab ihm eine Mark, er dankte und drückte mir endgültig das Ding in die Hand, das ich nicht hatte annehmen wollen und das ein Telegramm war.
Erschöpft stand ich am Tische und besann mich. Nun hatte man mich doch aufgehalten, hatte meinen Bann durchbrochen. Was lag da? Ein Telegramm. Von wem? Einerlei, es ging mich nichts an. Es war eine Rohheit, mir jetzt Telegramme zu bringen. Nun hatte ich alles besorgt, und im letzten Augenblicke schickt mir noch jemand ein Telegramm. Ich sah mich um, ein Brief lag auch auf dem Tisch.
Den Brief steckte ich in die Tasche, er focht mich nicht an. Aber das Telegramm quälte mich, es hatte sich in meine Gedanken eingehängt und meine Kreise gestört. Ich saß ihm gegenüber und sah es liegen, und ich besann mich, ob ich es lesen sollte oder nicht. Natürlich war es ein Angriff auf meine Freiheit, daran zweifelte ich nicht. Irgend jemand wollte versuchen, mich zu stören. Man mißgönnte mir die Flucht, man wollte, daß ich mein Leid ausfresse und durchkoste, daß kein Biß und kein Stich und kein Krampf mir erspart werde.
Warum mir das Telegramm so zu schaffen machte, weiß ich nicht. Lange saß ich am Tische und wagte es nicht zu öffnen, im Gefühl, es berge eine Macht, mich wieder zurückzuziehen und mich zum Ertragen des Unerträglichen zu zwingen, dem ich entrinnen wollte. Als ich es endlich doch öffnete, zitterte es mir in der Hand und ich entzifferte nur langsam, als müsse ich aus einer ungewohnten fremden Sprache übersetzen, den Inhalt. Der hieß: »Vater sterbend. Bitte sofort kommen. Mama.«
Allmählich begriff ich, was es bedeute. Gestern noch hatte ich an meine Eltern gedacht und bedauert, ihnen weh tun zu müssen, doch war es nur eine oberflächliche Erwägung gewesen. Nun erhoben sie Widerspruch, rissen mich zurück, machten ihr Recht geltend. Sogleich fielen mir die Gespräche ein, die ich an Weihnachten mit meinem Vater geführt hatte. Junge Leute, hatte er gesagt, können in ihrem Egoismus und Unabhängigkeitsgefühl dazu kommen, eines ungestillten Wunsches wegen das Leben wegzuwerfen; wer aber sein Leben mit anderen Leben verbunden wisse, den könnten die eigenen Begierden nicht mehr soweit führen. Und da hing auch ich an einem solchen Bande! Mein Vater lag sterbend, die Mutter war allein bei ihm, sie rief mich. Sein Sterben und ihre Not griff mir im Augenblick noch nicht ans Herz, ich glaubte schlimmere Leiden zu kennen; aber daß es nicht angehe, ihnen jetzt noch mein eigenes Bündel hinzuwerfen, ihre Bitte nicht zu hören, ihnen davonzulaufen, das sah ich wohl ein.
Am Abend stand ich reisefertig auf dem Bahnhof, tat willenlos und doch gewissenhaft das Notwendige, nahm die Karte, strich Geld ein, das mir zurückgegeben wurde, stellte mich am Perron auf und stieg in einen Wagen. Da setzte ich mich in die Ecke, einer langen Nachtreise gewärtig. Ein junger Mensch stieg ein, sah sich um, grüßte und setzte sich mir gegenüber. Er fragte etwas, ich sah ihn nur an, nichts denkend und wünschend als daß er mich allein lassen möge. Er hustete und stand auf, nahm seine Tasche aus gelbem Leder und suchte einen anderen Platz.
Der Zug fuhr durch die Nacht, blind in blödsinnigem Eifer, genau so dumpf und gewissenhaft wie ich, als ob etwas zu versäumen oder etwas zu retten wäre. Nach Stunden, als ich in die Tasche griff, fiel mir der Brief in die Hand. Auch der ist noch da, dachte ich, und machte ihn auf.
Da schrieb mein Verleger über Konzerte und Honorare, und teilte mir mit, es stehe gut und gehe vorwärts, ein großer Kritiker in München habe über mich geschrieben, er gratuliere dazu. Dabei lag der Ausschnitt aus einer Zeitschrift, ein Artikel mit meinem Namen als Titel, und ein langes Getöne vom Stand der heutigen Musik und von Wagner und von Brahms, und dann eine Kritik meiner Streichmusik, und meiner Lieder, und ein reichliches Lob und Glückauf; und während ich die kleinen schwarzen Buchstaben las, ward mir allmählich klar, daß das mir gelte, daß da die Welt und der Ruhm mir die Hand herüberstrecke. Da mußte ich einen Augenblick lachen.
Aber der Brief und der Artikel hatte mir die Binde vor den Augen gelockert, und unvermutet sah ich in die Welt zurück und sah mich nicht ausgelöscht und zurückgesunken, sondern mitten darin und dazugehörend. Ich mußte leben, ich mußte es mir gefallen lassen. Wie war das möglich? Ach, nun stieg alles herauf, was seit fünf Tagen war und was ich nur dumpf gefühlt, und dem ich zu entgehen gedacht hatte, und es war alles ekelhaft, bitter und schmählich. Es war alles ein Todesurteil, und ich hatte es nicht vollzogen, ich mußte es unvollzogen lassen.
Ich hörte den Zug knattern, ich öffnete das Fenster und sah dunkle Gegenden geduckt dahinstreichen, traurige kahle Bäume mit schwarzem Geäst, und Höfe unter großen Dächern, und ferne Hügel. Das alles schien ungern zu existieren, schien Leid und Widerwillen zu atmen. Man konnte es schön finden, mir aber kam es nur traurig vor. Das Lied fiel mir ein: »Hat das Gott gewollt?«
So sehr ich versuchte, die Bäume und Felder und Dächer draußen zu betrachten, so eifrig ich auf den Takt der Räder horchte, so heftig ich mich in Gedanken an alles klammerte, was irgend fern war und woran sich ohne Verzweiflung denken ließ, es war nicht lange möglich. Auch an den Vater konnte ich kaum denken, er sank hinab und mit Bäumen und Nachtgelände zusammen in Vergessenheit, und wider meinen Willen und mein Bemühen kehrten meine Gedanken dahin zurück, wo sie nicht sein durften. Da lag ein Garten mit alten Bäumen, und darin ein Haus, am Eingang Palmen und an allen Wänden alte, dunkle Gemälde, und ich trat ein und stieg die Treppe hinan, an allen alten Bildern vorüber, und niemand sah mich, ich ging als ein Schatten hindurch. Da war eine schlanke Dame, die wandte mir den Rücken zu, ein Haupt mit dunkelblondem Haar. Ich sah sie beide, sie und ihn, die sich umschlungen hielten, und ich sah meinen Freund Heinrich Muoth lächeln, so schwermütig und grausam, wie er es manchmal tat, als wisse er schon, daß er auch diese Blonde mißbrauchen und mißhandeln werde, und als sei dagegen nichts zu machen. Es war töricht und hatte keinen Sinn, daß diesem Armen und Verderber die schönsten Frauen zufielen, und daß bei mir alle Liebe und alles Wohlmeinen vergeblich blieb. Es war töricht und hatte keinen Sinn, aber es war so.
Aus einer Art von Schlaf oder Bewußtlosigkeit erwachend, sah ich vor dem Fenster Morgengrau und fahle Himmelshelle. Ich streckte erstarrte Glieder, fühlte Nüchternheit und Bangen und sah nun die Dinge trüb und verdrossen vor mir liegen. Zunächst war jetzt an den Vater und an die Mutter zu denken.
Es war noch grau und morgenfrüh, da sah ich die Brücken und Häuser der Heimatstadt sich nähern. Im Gestank und Geschrei des Bahnhofs befiel mich Müdigkeit und Widerwillen so stark, daß ich kaum aussteigen mochte; dann nahm ich mein leichtes Gepäck und stieg in den nächsten Wagen, der fuhr über glatten Asphalt, und hernach über leichtgefrorene Erde und über dröhnendes Pflaster und hielt vor dem breiten Tor unsres Hauses, das ich nie geschlossen gesehen hatte.
Jetzt aber war es geschlossen, und als ich, verwirrt und erschrocken, die Glocke zog, kam niemand und keine Antwort. Ich blickte am Hause hinauf und war wie in einem unangenehmen, närrischen Traum, wo alles verschlossen ist und man über Dächer steigen muß. Der Kutscher schaute verwundert zu und wartete. Ich ging beklommen zu der andern Türe, die ich nur selten und seit Jahren nie mehr durchschritten hatte. Die war offen, und dahinter war meines Vaters Kontor, und als ich eintrat, saßen da in grauen Röcken wie immer, still und staubig, die Bureauherren, die standen bei meinem Eintritt auf und grüßten, denn ich war der Erbe. Der Buchhalter Klemm, der nicht anders aussah als vor zwanzig Jahren, machte seinen Bückling und sah mich traurig fragend an.
»Warum ist vorn geschlossen?« fragte ich.
»Es ist niemand da.«
»Wo ist denn mein Vater?«
»Im Spital, und die Gnädige auch.«
»Lebt er noch?«
»Er hat heut' morgen noch gelebt, man wartet aber -- --«
»Ja. Was ist es denn?«
»Wie? Ach so, es ist immer noch der Fuß. Er war falsch behandelt, sagen wir alle. Auf einmal kamen Schmerzen, der Herr hat schrecklich geschrieen. Da wurde er ins Spital gebracht. Jetzt ist es Blutvergiftung. Um zwei Uhr dreißig haben wir Ihnen gestern depeschiert.«
»Ja, danke. Nun lassen Sie mir schnell ein Butterbrot und ein Glas Wein bringen, und einen Wagen, bitte.«