Gertrud

Part 8

Chapter 83,857 wordsPublic domain

Der Garten stand in voller Frühsommerpracht, überall waren Blumen und sangen Vögel um das stille Haus, und wenn ich von der Straße in den Garten trat und an den dunklen, alten Steinbildern der Allee vorüber mich dem grünumwachsenen Hause näherte, war es mir jedesmal wie der Eintritt in ein Heiligtum, wohin Stimmen und Dinge der Welt nur leise und gemildert dringen konnten. Da sangen vor den Fenstern im blühenden Gebüsch die Bienen, Sonne und leichte Laubschatten fielen ins Zimmer, und ich saß am Flügel und hörte Gertrud singen, horchte ihrer Stimme nach, die sich leicht emporschwang und im mühelosen Schweben wiegte, und wenn wir nach einem Lied einander ansahen und lächelten, so war es einig und vertraulich, wie zwischen Geschwistern. Da meinte ich manches Mal, jetzt brauche ich nur die Hand auszustrecken und mein Glück leise zu fassen, um es für immer zu haben, und tat es doch nie, denn ich wollte warten, bis auch sie einmal Verlangen und Sehnsucht zeige. Gertrud aber schien in reiner Zufriedenheit zu atmen und nichts anders zu wünschen, ja mir kam es oft vor, als bäte sie mich, dieses stille Einvernehmen nicht zu erschüttern und unsern Frühling nicht zu stören.

War ich darüber enttäuscht, so tröstete es mich zu fühlen, wie innig sie in meiner Musik lebte, wie sie mich verstand und darüber stolz war.

Das dauerte bis zum Juni, dann reiste Gertrud mit ihrem Vater in die Berge, ich blieb zurück, und wenn ich an ihrem Hause vorüberging, lag es leer hinter seinen Platanen, und die Pforte war geschlossen. Da fing die Pein wieder an, wuchs und verfolgte mich tief in die Nächte hinein.

Da kam ich abends, fast immer mit Noten in der Tasche, zu den Teisers, nahm an ihrem heiter genügsamen Leben teil, trank von ihrem österreichischen Wein und spielte Mozart mit ihnen. Dann ging ich durch die milden Nächte heim, sah in den Anlagen die Liebespaare spazieren, legte mich zu Hause müd aufs Bett und fand doch keinen Schlaf. Es war mir jetzt unbegreiflich, wie ich so brüderlich mit Gertrud hatte umgehen können, daß ich nie den Bann gebrochen, sie an mich gezogen und bestürmt und erobert hatte. Ich sah sie, in ihrem hellblauen oder grauen Kleid, munter oder ernsthaft, ich hörte ihre Stimme und begriff nimmer, daß ich sie jemals hatte hören können, ohne in Glut und Werbung auszubrechen. Berauscht und fiebernd stand ich auf, machte Licht und warf mich auf die Arbeit, ließ Menschenstimmen und Instrumente werben und flehen und drohen, wiederholte das Lied der Sehnsucht in neuen, fiebernden Melodien. Oft aber blieb mir diese Tröstung aus, dann lag ich glühend und wild in grimmiger Schlaflosigkeit, sagte wirr und sinnlos ihren Namen Gertrud, Gertrud vor mich hin, warf Trost und Hoffnung weg und gab mich verzweifelnd der grauenhaften Ohnmacht des Begehrens hin. Ich rief Gott an und fragte ihn, warum er mich so geschaffen, warum er mich verstümmelt und mir statt des Glückes, das jeder Ärmste habe, nichts gegeben habe, als den grausamen Trost, in Tönen zu wühlen und das Unerreichbare in wesenlosen Tonphantasien immer wieder vor mein Begehren hinzumalen.

Bei Tage gelang es mir besser, meiner Leidenschaft Herr zu werden. Da biß ich auf die Zähne, saß vom frühesten Morgen an bei der Arbeit, erzwang Ruhe durch lange Gänge, und Ermunterung durch kalte Sturzbäder, und abends floh ich vor den Schatten der heraufdrohenden Nacht in die heitere Nähe der Geschwister Teiser, wo mir für Stunden Ruhe und manchmal beinahe Behagen kam. Teiser merkte wohl, daß ich litt und krank war, doch schrieb er es der Arbeit zu und riet mir Schonung, obwohl er selber flammend dabei war und im Grunde meine Oper ebenso erregt und ungeduldig wachsen sah, wie ich selbst. Manchmal holte ich ihn auch ab, um ihn allein zu haben, und brachte den Abend mit ihm in einem kühlen Wirtsgarten zu, wo jedoch die Liebespaare und das Nachtblau, die Lampions und Feuerwerke und der Duft von Begehrlichkeit, den die Sommerabende der Städter immer haben, mir nicht wohl tat.

Völlig schlimm wurde es, als auch Teiser abreiste, um mit Brigitte die Ferien im Gebirge zu verwandern. Er lud mich zum Mitkommen ein, und es war ihm Ernst, so sehr ich mit meiner Unbeweglichkeit ihm die Lust zerstört hätte; aber ich konnte nicht annehmen. Zwei Wochen blieb ich allein in der Stadt, schlaflos und aufgerieben, und die Arbeit gedieh nicht mehr.

Da schickte mir Gertrud eine kleine Schachtel voll Alpenrosen aus einem Dorf im Wallis, und als ich ihre Handschrift sah und die bräunlichen, welken Blumen auspackte, fiel es wie ein Blick aus ihren lieben Augen auf mich und ich schämte mich meiner Wildheit und meines Mißtrauens. Ich sah ein, daß es besser sei, sie wisse von meinem Zustand, und am nächsten Morgen schrieb ich ihr einen kurzen Brief. Da erzählte ich halb scherzhaft, daß ich nimmer schlafen könne, und daß es vor Sehnsucht nach ihr geschehe, und daß ich ihre Freundschaft nicht mehr annehmen könne, da es bei mir Liebe sei. Im Schreiben überfiel es mich wieder, und der Brief, der ruhig und fast scherzend begonnen hatte, ward zum Schlusse heftig und heiß.

Die Post brachte beinah jeden Tag Grüße und Ansichtskarten von den Geschwistern Teiser, die nicht ahnen konnten, daß ihre Karten und Brieflein mir jedesmal eine Enttäuschung brachten, da ich andere Post von anderer Hand erwartete.

Endlich kam sie doch, ein graues Kuvert mit Gertruds leichter, heiterer Schrift, und innen ein Brief.

Lieber Freund! Ihr Brief bringt mich in Verlegenheit. Ich sehe, daß Sie leiden und schwere Zeit haben, sonst müßte ich schelten, daß Sie mich so überfallen. Sie wissen, wie gern ich Sie habe; aber mir ist mein jetziger Zustand lieb, ich habe noch kein Verlangen ihn zu ändern. Wenn ich Gefahr sähe, Sie zu verlieren, würde ich alles tun, Sie mir zu halten. Aber auf ihren heißen Brief kann ich nicht antworten. Haben Sie Geduld, lassen Sie es zwischen uns, wie es war, bis wir uns wiedersehen und miteinander reden können. Dann wird alles leichter sein. In Freundschaft Ihre Gertrud.

Damit war wenig anders geworden, und doch tat der Brief mir wohl. Es war doch ein Gruß von ihr, sie duldete doch und ließ es geschehen, daß ich um sie warb, sie hatte mich nicht abgewiesen. Auch brachte ihr Brief mir etwas von ihrem Wesen mit, etwas von ihrer beinahe kühlen Klarheit, und statt des Bildes, das meine Sehnsucht von ihr geschaffen hatte, stand wieder sie selber vor meinen Gedanken. Ihr Blick forderte Vertrauen von mir, ich spürte ihre Nähe und sogleich erhob sich Scham und Stolz in mir, half mir das verzehrende Schmachten besiegen und die brennenden Wünsche niederhalten. Nicht getröstet, doch gestärkt und wehrhafter hielt ich mich aufrecht. Ich quartierte mich mit meiner Arbeit im Wirtshaus eines Dorfes ein, zwei Stunden von der Stadt. Da saß ich viel in einer schattigen, schon verblühten Fliederlaube und dachte nach, und wunderte mich über mein Leben. Wie ging ich einsam und fremd meinen Weg, ungewiß wohin! Und nirgends hatte ich Wurzeln geschlagen und Heimatrecht erworben. Mit den Eltern stand ich nur in äußerlichem Verkehr, mit höflichen Briefen; meinen Beruf hatte ich verlassen, um gefährlichen Schöpferphantasien nachzugehen, die mich doch nicht sättigten. Meine Freunde kannten mich nicht, Gertrud war der einzige Mensch, mit dem ich ein volles Verstehen und eine vollkommene Gemeinschaft hätte haben können. Und meine Arbeit, das, wofür ich doch lebte und was meinem Leben Sinn geben sollte, wie war das ein Jagen nach Schatten, ein Bauen von Lufthäusern! Konnte das wirklich einen Sinn haben und eines Menschen Leben rechtfertigen und ausfüllen, das Hintürmen von Tonreihen und erregte Spielen mit Gebilden, die im besten Fall einmal anderen Menschen eine Stunde angenehm zubringen halfen?

Dennoch arbeitete ich wieder leidlich fleißig und kam innerlich in diesem Sommer vollends mit der Oper zustande, wenn auch außen noch viel fehlte und erst das Wenigste aufgeschrieben war. Manchmal kam ich wieder in helle Freude und dachte mit Hochmut mir aus, wie mein Werk Macht über Menschen gewinnen würde, wie Sänger und Musikanten, Kapellmeister und Chöre Vollstrecker meines Willens sein müßten, und wie er auf Tausende wirken werde. Zu andern Zeiten kam es mir beinahe unheimlich und gespenstisch vor, daß alle diese Bewegungen und diese Macht ausgehen sollten von den ohnmächtigen Träumen und Phantasien eines armen, einsamen Menschen, den alle bemitleideten. Zuweilen verlor ich auch den Mut und wollte finden, meine Arbeit könne unmöglich je aufgeführt werden, es sei alles falsch und übertrieben. Doch war das selten, im Grunde war ich vom Leben und von der Kraft meiner Arbeit überzeugt. Sie war auch ehrlich und glühend, sie war erlebt und hatte Blut in den Adern, und wenn ich sie auch heute nicht mehr hören mag und ganz andere Noten schreibe, so ist doch in jener Oper meine ganze Jugend, und wenn manche Takte daraus mir wieder begegnen, so ist es mir nicht anders, als wehe ein lauer Frühlingssturm aus verlassenen Tälern der Jugend und der Leidenschaft herüber. Und wenn ich denke, daß ihre ganze Glut und Macht über die Herzen aus Schwäche und Entbehrung und Sehnsucht geboren ist, so weiß ich nicht mehr, ob mir mein ganzes Leben in jener Zeit, und auch noch das jetzige, lieb oder leid sein soll.

Der Sommer ging zur Neige, in einer finstern Nacht mit wilden, leidenschaftlich schluchzenden Regengüssen schrieb ich die Ouvertüre zu Ende, und am Morgen war der Regen kühl und mild, der Himmel glatt grau und der Garten herbstlich geworden. Ich packte meine Sachen zusammen und fuhr in die Stadt zurück.

Von allen meinen Bekannten war nur Teiser mit seiner Schwester schon zurückgekehrt. Sie sahen beide bergbraun und blühend aus, hatten auf ihren Touren erstaunlich viel erlebt und waren doch voll Teilnahme und Spannung, zu sehen, wie es mit der Oper stehe. Wir nahmen die Ouvertüre durch, und es war mir selber nahezu feierlich, als Teiser mir die Hand auf die Schulter legte und zu seiner Schwester sagte: »Brigitt', schau den an, das ist ein großer Musiker!«

Gertruds Ankunft erwartete ich trotz aller Sehnsucht und Erregung doch mit Vertrauen. Ich konnte ihr ein schönes Stück Arbeit zeigen und wußte, sie lebe mit und verstehe und genieße alles wie ihr Eigenes. Am meisten war ich auf Heinrich Muoth gespannt, dessen Hilfe mir unentbehrlich war und von dem ich seit Monaten kein Wort gehört hatte.

Endlich erschien er, noch vor Gertruds Rückkehr, und trat eines Morgens in mein Zimmer. Lange sah er mir ins Gesicht.

»Sie sehen scheußlich aus,« sagte er kopfschüttelnd. »Na, wenn man solche Sachen schreibt!«

»Haben Sie die Rolle angesehen?«

»Angesehen? Ich kann sie auswendig und werde sie singen, sobald Sie wollen. Das ist ja eine verfluchte Musik!«

»Meinen Sie?«

»Sie werden sehen. Jetzt haben Sie Ihre schönste Zeit gehabt, warten Sie nur! Mit der Dachkammerberühmtheit ist es vorbei, sobald die Oper gespielt wird. Nun, das ist Ihre Sache. Wann wollen wir singen? Ein paar Anmerkungen hätte ich immerhin zu machen. Wie weit sind Sie mit dem Ganzen?«

Ich zeigte ihm, was zu zeigen war, und er nahm mich gleich mit in seine Wohnung. Da hörte ich ihn zum erstenmal diese Rolle singen, bei der ich durch meine eigene Leidenschaft hindurch immer an ihn gedacht hatte, und fühlte die Macht meiner Musik und seiner Stimme. Erst jetzt konnte ich in Gedanken das Ganze auf der Bühne vor mir sehen, erst jetzt schlug meine eigene Flamme mir entgegen und ließ mich ihre Wärme fühlen, gehörte nimmer mir und war nimmer mein Werk, sondern hatte eignes Leben und wirkte als eine fremde Macht auf mich. Zum erstenmal fühlte ich diese Loslösung eines Werkes vom Schöpfer, an die ich bis dahin nicht recht geglaubt hatte. Mein Werk begann dazustehen und sich zu regen und Leben zu zeigen, eben noch hatte ich es in der Hand gehabt, und schon jetzt war es nimmer mein, war es wie ein Kind dem Vater entwachsen, lebte und übte Macht auf eigne Faust, sah mich aus fremden Augen selbständig an und trug doch meinen Namen und mein Zeichen an der Stirn geschrieben. Dieselbe zwiespältige, ja manchmal erschreckende Empfindung habe ich später bei den Aufführungen gehabt.

Muoth hatte die Rolle gut geübt, und was er geändert zu sehen begehrte, konnte ich ihm wohl zugestehen. Nun fragte er neugierig nach der Sopranrolle, die er nur halb kannte, und wollte wissen, ob sie mir schon von einer Sängerin durchgesungen worden sei. Ich mußte ihm nun, zum erstenmal, von Gertrud sprechen, und es gelang mir, es ruhig und unauffällig zu tun. Dem Namen nach kannte er sie wohl, hatte aber nie im Hause Imthor verkehrt und war erstaunt, zu hören, daß Gertrud die Rolle studiert habe und singen könne.

»Dann muß sie eine gute Stimme haben,« meinte er anerkennend, »sehr hoch und leicht. Wollen Sie mich dort einmal einführen?«

»Ich hätte ohnehin darum gebeten. Ich möchte Sie ein paarmal mit Fräulein Imthor singen hören, es werden Korrekturen nötig sein. Sobald die Herrschaften wieder in der Stadt sind, will ich sie darum bitten.«

»Eigentlich sind Sie doch ein Glückspilz, Kuhn. Und für die Orchestermusik haben Sie den Teiser als Helfer. Sie werden sehen, das Stück schlägt ein.«

Ich sagte nichts, ich hatte für später und für das Schicksal meiner Oper noch keine Gedanken frei, erst mußte sie fertig sein. Doch seit ich ihn hatte singen hören, glaubte auch ich an die Kraft meiner Arbeit.

Teiser, dem ich davon erzählte, sagte grimmig: »Ich glaub's schon. Der Muoth hat ja eine Heidenkraft. Wenn er nur nicht so ein Pfuscher wär'. Dem ist es nie um die Musik zu tun, immer nur um sich selber. Er ist ein Draufgänger, überall.«

An dem Tage, da ich durch den herbstlichen Garten beim schon sachte beginnenden Blätterfall das Imthorsche Haus aufsuchte, um die endlich zurückgekehrte Gertrud zu besuchen, schlug mir das Herz beklommen. Sie aber, schöner und aufrechter und ein wenig bräunlich geworden, kam mir lächelnd entgegen, gab mir die Hand und tat mit ihrer lieben Stimme und ihrem hellen Blick und ihrer ganzen noblen, freien Art mir sogleich wieder den alten Zauber an, daß ich beglückt meine Sorgen und Begierden beiseite tat und froh war, wieder in ihrer heilenden Nähe zu sein. Sie ließ mich gewähren, und da ich den Weg nicht fand, auf meinen Brief und mein Anliegen zu reden zu kommen, schwieg auch sie von alle dem und gab mit keiner Gebärde kund, daß unsere Kameradschaft getrübt oder gefährdet sei. Sie suchte nicht sich mir zu entziehen, sie war wieder häufig mit mir allein, indem sie darauf vertraute, ich werde ihren Willen achten und meine Werbung nicht wiederholen, ehe sie selbst mich dazu ermuntere. Wir nahmen unverweilt alles durch, was ich in diesen Monaten gearbeitet hatte, und ich erzählte ihr, daß Muoth seine Rolle habe und lobe. Ich bat um Erlaubnis, ihn mitzubringen, da es mir unentbehrlich war, beide Hauptrollen mit ihnen gemeinsam durchzunehmen, und sie gab ihre Einwilligung.

»Sehr gern tue ich's nicht,« sagte sie, »das wissen Sie ja. Ich singe sonst nie vor Fremden, und vor Herrn Muoth ist es mir doppelt peinlich. Nicht nur, weil er ein berühmter Sänger ist. Er hat etwas, was ich fürchte, wenigstens auf der Bühne. Nun, wir werden sehen, es wird doch gehen.«

Ich wagte nicht, meinen Freund in Schutz zu nehmen und zu rühmen, um sie nicht noch scheuer zu machen. Ich war überzeugt, sie würde nach dem ersten Versuch gern mit ihm weiter singen.

Einige Tage später kam ich mit Muoth in einem Wagen gefahren, wir wurden erwartet und vom Hausherrn empfangen, der von großer Höflichkeit und Kühle war. Gegen meine häufigen Besuche und meine Vertrautheit mit Gertrud hatte er nicht das mindeste, er würde gelacht haben, wenn jemand ihn darauf gewiesen hätte. Aber daß nun Muoth dazu kam, gefiel ihm wenig. Dieser war sehr elegant und korrekt, und die Imthors schienen beide angenehm von ihm enttäuscht zu sein. Der als gewalttätig und hochmütig verschrieene Sänger konnte vortreffliche Manieren zeigen, auch war er nicht eitel und im Gespräch bestimmt, doch bescheiden.

»Wollen wir singen?« fragte Gertrud nach einiger Weile, und wir standen auf, um ins Musikzimmer hinüber zu gehen. Ich setzte mich an den Flügel, skizzierte Vorspiel und Szene, gab Erklärungen und bat schließlich Gertrud zu beginnen. Sie tat es unfrei und vorsichtig, mit halber Stimme. Muoth dagegen, als an ihn die Reihe kam, sang ohne Zögern und Schonung mit voller Stimme, riß uns beide mit und brachte uns schnell mitten hinein, so daß auch Gertrud nun sich hergab. Muoth, der in guten Häusern die Damen sehr gemessen zu behandeln pflegte, ward erst jetzt auf sie aufmerksam, folgte ihrem Gesang mit Teilnahme und sprach ihr in herzlichen, nicht übertreibenden, kollegialen Worten seine Bewunderung aus.

Von da an war alle Befangenheit verschwunden, die Musik befreundete uns und machte uns einmütig. Und mein Werk, das immer noch in schlecht verbundenen Stücken halbtot dalag, wuchs mir immer mehr und inniger zusammen. Ich wußte jetzt, daß die Hauptsache daran getan und nichts wesentliches mehr daran zu verderben war, und es schien mir gut. Ich verbarg meine Freude nicht und dankte meinen beiden Freunden mit Bewegung. Festlich froh gingen wir aus dem Hause, und Heinrich Muoth führte mich zu einem improvisierten Festmahl in sein Gasthaus. Da tat er beim Champagner, was er nie hatte tun wollen, er nannte mich Du und blieb dabei, und ich freute mich und ließ es gelten.

»Da sind wir vergnügt und feiern«, lachte er, »und eigentlich haben wir recht, daß wir's im voraus tun, da ist es am schönsten. Nachher sieht es anders aus. Du läufst jetzt in den Theaterglanz hinein, Junge, und wir wollen darauf anstoßen, daß er dich nicht kaput macht wie die meisten.«

Noch eine Zeitlang behielt Gertrud ihre Scheu vor Muoth und ward ihm gegenüber nur beim Singen frei und harmlos. Er war sehr zurückhaltend und rücksichtsvoll, und allmählich sah ihn Gertrud gerne kommen und lud ihn, gerade wie mich, jedesmal mit unbefangener Freundlichkeit zum Wiederkommen ein. Die Stunden, in denen wir drei allein zusammen waren, wurden selten. Die Rollen waren durchgesungen und durchbesprochen, auch hatte bei Imthors die winterliche Geselligkeit mit den regelmäßigen Musikabenden wieder begonnen, an denen nun auch Muoth häufig erschien, doch ohne dabei mitzuwirken.

Manchmal meinte ich wahrzunehmen, daß Gertrud mir fremder zu werden anfange, daß sie sich etwas von mir zurückziehe; doch strafte ich mich für solche Gedanken stets und schämte mich meines Mißtrauens. Ich sah Gertrud als Dame eines geselligen Hauses sehr in Anspruch genommen und hatte oft meine Freude daran, sie inmitten der Gäste so schlank und fürstlich und doch anmutig gehen und walten zu sehen.

Für mich vergingen die Wochen schnell. Ich saß an der Arbeit, die ich während des Winters möglichst zu vollenden dachte, hatte Zusammenkünfte mit Teiser, Abende bei ihm und seiner Schwester, dazu allerlei Briefwechsel und Erlebnisse, denn es wurden da und dort meine Lieder gesungen und in Berlin alles, was ich für Streichmusik komponiert hatte, aufgeführt. Es kamen Anfragen und Zeitungskritiken, und plötzlich schien auch schon jedermann zu wissen, daß ich an einer Oper arbeite, obwohl ich selber außer Gertrud, den Teisers und Muoth niemand ein Wort davon gesagt hatte. Nun, jetzt war es einerlei, und im Grunde freuten mich diese Zeichen des Erfolges, es schien nun endlich und doch früh genug ein offener Weg vor mir zu liegen.

Zu Hause bei den Eltern war ich ein ganzes Jahr nimmer gewesen. Nun fuhr ich zu Weihnachten hin. Ich fand die Mutter liebevoll, doch in der alten Befangenheit, die zwischen uns bestand, und die bei mir eine Furcht vor Nichtverstandenwerden, bei ihr ein Unglaube an meinen Künstlerberuf und ein Mißtrauen gegen die Ernsthaftigkeit meiner Bestrebungen war. Nun sprach sie lebhaft von dem, was sie über mich gehört und gelesen hatte, doch mehr um mir damit eine Freude zu machen als aus Überzeugung, denn im Grunde mißtraute sie diesen scheinbaren Erfolgen ebenso wie meiner ganzen Kunst. Sie war nicht ohne Freude an Musik, hatte früher auch etwas gesungen, doch war immerhin ein Musikant in ihren Augen etwas Armseliges, auch konnte sie meine Musik, von der sie einiges gehört hatte, nicht verstehen oder billigen.

Der Vater hatte mehr Glauben. Als Kaufmann dachte er vor allem an mein äußeres Fortkommen, und obwohl er mich stets ohne Murren reichlich unterstützt und seit meinem Austritt aus dem Orchester sogar meinen ganzen Unterhalt wieder bestritten hatte, sah er es doch gerne, daß ich zu verdienen begann und Aussicht hatte, einmal vom eigenen Erwerb leben zu können, was er auch bei vorhandenem Reichtum für die notwendige Grundlage einer ehrenhaften Existenz ansah. Übrigens fand ich ihn im Bett liegend, er war gerade am Tage vor meiner Ankunft gefallen und hatte sich am Fuß verletzt.

Ich traf ihn geneigt zu leicht philosophierenden Gesprächen, kam ihm näher als je und hatte meine Freude an seiner bewährten praktischen Lebensweisheit. Ich konnte ihm manche meiner Leiden klagen, was ich früher aus Scham nie getan hatte. Dabei fiel ein Ausspruch Muoths mir ein, den ich meinem Vater wiederholte. Muoth hatte einmal gesagt, allerdings nicht im Ernste, er halte die Jugend für die schwerste Zeit im Leben und finde, alte Leute seien meistens viel heiterer und zufriedener als junge. Mein Vater lachte dazu und meinte dann nachdenklich: »Wir Alten sagen natürlich das Gegenteil. Aber dein Freund hat doch etwas von der Wahrheit gefühlt. Ich glaube, man kann im Leben eine ganz genaue Grenze ziehen zwischen Jugend und Alter. Die Jugend hört auf mit dem Egoismus, das Alter beginnt mit dem Leben für andere. Ich meine es so: junge Leute haben viel Genuß und viel Leiden von ihrem Leben, weil sie es nur für sich allein leben. Da ist jeder Wunsch und Einfall wichtig, da wird jede Freude ausgekostet, aber auch jedes Leid, und mancher, der seine Wünsche nicht erfüllbar sieht, wirft gleich das ganze Leben weg. Das ist jugendlich. Für die meisten Menschen aber kommt eine Zeit, wo das anders wird, wo sie mehr für andere leben, keineswegs aus Tugend, sondern ganz natürlich. Bei den meisten bringt es die Familie. Man denkt weniger an sich selber und seine Wünsche, wenn man Kinder hat. Andere verlieren den Egoismus an ein Amt, an die Politik, an die Kunst oder Wissenschaft. Die Jugend will spielen, das Alter arbeiten. Es heiratet keiner, damit er Kinder kriege, aber wenn er Kinder kriegt, so ändern sie ihn, und schließlich sieht er, daß alles doch nur für sie geschehen ist. Das hängt damit zusammen, daß die Jugend zwar gern vom Tode redet, aber doch nie an ihn denkt. Bei den Alten ist es umgekehrt. Die Jungen glauben ewig zu leben und können darum alle Wünsche und Gedanken auf sich selber stellen. Die Alten haben schon gemerkt, daß irgendwo ein Ende ist und daß alles, was einer für sich allein hat und tut, am Ende in ein Loch fällt und für nichts war. Darum braucht er eine andere Ewigkeit und den Glauben, er arbeite nicht blos für die Würmer. Dafür sind Frau und Kind, Geschäft und Amt und Vaterland, damit man wisse, für wen denn das tägliche Schinden und Plagen geschehe. Und darin hat dein Freund ganz recht: man ist zufriedener, wenn man für andere, als wenn man für sich allein lebt. Nur sollten die Alten nicht gar so sehr ein Heldentum draus machen, was es nicht ist. Auch werden aus den eifrigsten Jungen die besten Alten und nicht aus denen, die schon auf Schulen wie Großväter tun.«