Part 7
Er hob die Geige wieder und blitzte mich noch schnell mit List und Wonne aus seinen graublauen Kinderaugen an, die nie etwas vom Schmutz und vom Leid der Welt gesehen zu haben schienen. Und ich fühlte mich ihm verbrüdert, und wie er sich auf seine große, wochenlange Fußwanderung freute, auf die Freiheit und den sorglosen Umgang mit Sonne, Luft und Erde, so freute ich mich von neuem auf alle Wege meines Lebens, die wie in einer jungen nagelneuen Sonne vor mir lagen und die ich aufrecht mit hellen Augen und reinem Herzen zu gehen gesonnen war.
Heute, wenn ich dahin zurückdenke, liegt es alles schon ferngeworden und weit auf der Morgenseite, aber etwas vom damaligen Licht ist noch jetzt auf meinen Wegen, wennschon es nimmer so jung und lachend glänzt, und heut wie damals ist es mein Trost und tut es mir in bedrückten Stunden wohl und nimmt den Staub von meiner Seele, wenn ich mir den Namen Gertrud vorsage und an sie denke, wie sie damals mir im Musiksaal ihres Alten entgegenkam, leicht wie ein Vogel und zutraulich wie ein Freund.
Nun ging ich auch wieder zu Muoth, den ich seit jener peinlichen Beichte der schönen Lotte möglichst vermieden hatte. Er hatte es bemerkt und war, wie ich wußte, zu stolz und auch zu gleichgültig, sich um mich zu bemühen. So waren wir seit Monaten nicht mehr allein beisammen gewesen. Jetzt, da ich voll neuen Vertrauens zum Leben und voll guter Absichten war, schien es mir vor allem notwendig, mich dem vernachlässigten Freund wieder zu nähern. Den Anlaß dazu gab mir ein neues Lied, das ich gesetzt hatte; ich beschloß, es ihm zu widmen. Es war dem Lawinenlied ähnlich, das er gern hatte, und der Text hieß:
Ich habe meine Kerzen ausgelöscht; Zum offenen Fenster strömt die Nacht herein, Umarmt mich sanft und läßt mich ihren Freund Und ihren Bruder sein.
Wir beide sind am selben Heimweh krank; Wir senden ahnungsvolle Träume aus Und reden flüsternd von der alten Zeit In unsres Vaters Haus.
Ich machte eine saubere Abschrift und schrieb darüber: »Meinem Freunde Heinrich Muoth gewidmet.«
Damit ging ich zu ihm, zu einer Zeit, wo ich ihn sicher zu Hause wußte. Richtig klang mir sein Singen entgegen, er schritt in den stattlichen Zimmern seiner Wohnung auf und ab und übte. Er empfing mich gelassen.
»Schau, der Herr Kuhn! Ich dachte schon, Sie kämen gar nimmer.«
»Doch,« sagte ich, »da bin ich. Wie gehts?«
»Immer gleich. Nett, daß Sie sich wieder einmal zu mir wagen.«
»Ja, ich war in der letzten Zeit untreu....«
»Sogar sehr deutlich. Ich weiß auch warum.«
»Das glaube ich kaum.«
»Ich weiß es. Die Lotte ist einmal bei Ihnen gewesen, nicht?«
»Ja, ich wollte nicht davon reden.«
»Ist auch nicht nötig. Also da sind Sie wieder.«
»Und habe etwas mitgebracht.«
Ich gab ihm die Noten.
»O, ein neues Lied! Das ist recht, ich hatte schon Angst für Sie, Sie möchten in der langweiligen Streichmusik stecken bleiben. Und da steht ja eine Widmung! Für mich? Ist es Ihr Ernst?«
Ich wunderte mich, daß es ihn so zu freuen schien, ich hatte eher einen Scherz über die Dedikation erwartet.
»Gewiß freut mich das,« sagte er aufrichtig. »Es freut mich immer, wenn anständige Menschen mich gelten lassen, und bei Ihnen besonders. Ich hatte Sie im Stillen schon auf die Totenliste gesetzt.«
»Führen Sie solche Listen?«
»O ja, wenn man so viele Freunde hat, oder gehabt hat, wie ich... Es gäbe einen schönen Katalog. Die moralischen habe ich immer am höchsten geschätzt, und g'rade die kneifen mir alle aus. Unter Lumpen findet man jeden Tag Freunde, aber unter Idealisten und Normalbürgern hält es schwer, wenn man anrüchig ist. Sie sind zurzeit beinah der einzige. Und wie es geht -- was man am schwersten haben kann, hat man am liebsten. Geht es Ihnen nicht auch so? Mir ist immer nur an Freunden gelegen, statt dessen laufen mir bloß Weiber zu.«
»Daran sind Sie zum Teil selber schuld, Herr Muoth.«
»Warum denn?«
»Sie behandeln alle Leute gern so wie Sie die Weiber behandeln. Bei Freunden geht das nicht, darum laufen sie Ihnen draus. Sie sind ein Egoist.«
»Gott sei Dank, bin ich das. Übrigens Sie nicht minder. Als die furchtbare Lotte Ihnen ihr Leid klagte, da haben Sie ihr keineswegs geholfen. Sie haben auch nicht den Anlaß benützt, mich zu bekehren, wofür ich dankbar bin. Sie haben vor der Affäre ein Grausen gespürt und sind weggeblieben.«
»Nun, da bin ich wieder. Sie haben recht, ich hätte mich der Lotte annehmen sollen. Aber ich verstehe mich auf diese Sachen nicht. Sie hat mich selber ausgelacht und mir gesagt, von der Liebe verstünde ich gar nichts.«
»Nun, dann halten Sie sich brav an die Freundschaft! Es ist auch ein schönes Feld. Und jetzt sitzen Sie her und spielen Sie die Begleitung, wir wollen das Lied einmal studieren. Ach, wissen Sie noch, Ihr erstes damals? Sie sind ja allmählich ein berühmter Herr, scheint mir.«
»Es geht an, neben Ihnen jedenfalls komme ich nie auf.«
»Dummes Zeug. Sie sind ein Komponist, ein Schöpfer, ein kleiner Herrgott. Was geht Sie der Ruhm an? Unsereiner muß pressieren, wenn er zu etwas kommen will. Wir Sänger und Seiltänzer haben es wie die Weiber, wir müssen das Fell zu Markt bringen solang es schön glatt ist. Ruhm, soviel es geben will, und Geld und Weiber und Champagner! Photographien in den Zeitschriften, Lorbeerkränze! Denn siehe, wenn ich heute den Ekel kriege, oder es braucht bloß eine kleine Lungenentzündung zu sein, so bin ich morgen erledigt, und mit dem Ruhm und Lorbeer und dem ganzen Betrieb hat es gepfiffen.«
»Nun, Sie können es abwarten.«
»Ach, wissen Sie, im Grund bin ich verdammt neugierig auf das Altwerden. Es ist ein Schwindel mit der Jugend, ein richtiger Zeitungs- und Lesebuchschwindel! Die schönste Zeit des Lebens! Hat sich was, alte Leute machen mir immer einen viel zufriedenern Eindruck. Die Jugend ist die schwerste Zeit im Leben. Zum Beispiel Selbstmorde kommen in höheren Jahren fast gar nie vor.«
Ich begann zu spielen und er wandte sich zu dem Lied, faßte rasch die Melodie und gab mir an einer Stelle, wo sie bedeutungsvoll von Moll in Dur zurücklenkte, einen anerkennenden Stoß mit dem Ellbogen.
Abends fand ich zu Hause, wie ich gefürchtet hatte, ein Kuvert von Herrn Imthor, das ein paar freundliche Worte und ein mehr als anständiges Honorar enthielt. Ich sandte das Geld zurück und schrieb dazu, ich sei wohlhabend genug, auch zöge ich es vor, in seinem Hause als Freund verkehren zu dürfen. Als ich ihn wieder sah, lud er mich ein, bald wieder zu kommen und sagte: »Ich dachte mir schon, daß es so gehen werde. Gertrud meinte, ich dürfe Ihnen nichts schicken, aber versuchen wollte ich's doch.«
Von da an war ich im Hause Imthor ein sehr häufiger Gast. Ich übernahm bei vielen Hauskonzerten die erste Geige, ich brachte alle neue Musik, eigene und fremde, dorthin, und die meisten meiner kleineren Arbeiten wurden nun zuerst dort aufgeführt.
An einem Nachmittag im Frühling fand ich Gertrud allein mit einer Freundin zu Hause. Es regnete und ich war auf der Vortreppe ausgeglitten, nun wollte sie mich nicht wieder fortlassen. Wir sprachen von Musik und es geschah fast ungewollt, daß ich zu erzählen anfing und namentlich von der Graubündener Zeit sprach, in der ich meine ersten Lieder komponiert hatte. Dann ward ich verlegen und wußte nicht, ob es richtig gewesen sei, vor diesem Mädchen zu beichten. Da sagte Gertrud beinah zaghaft: »Ich muß Ihnen etwas bekennen, was Sie mir nicht übel nehmen dürfen. Ich habe zwei von Ihren Liedern für mich umgeschrieben und gelernt.«
»Ja, singen Sie denn?« rief ich überrascht. Zugleich fiel mir komischerweise das Erlebnis mit meiner allerersten Jugendliebe ein, wie ich sie so schlecht hatte singen hören.
Gertrud lächelte vergnügt und nickte: »O ja, ich singe, wenn auch nur für mich und ein paar Freunde. Ich will Ihnen die Lieder singen, wenn Sie begleiten wollen.«
Wir gingen zum Flügel und sie gab mir die Noten, zierlich von ihrer feinen Frauenhand umgeschrieben. Leise begann ich mit der Begleitung, um sie recht gut zu hören. Und sie sang das Lied, und dann das zweite, und ich saß und horchte und hörte meine Musik verwandelt und verzaubert. Sie sang mit einer hohen, vogelleichten, köstlich schwebenden Stimme, und es war das Schönste, was ich in meinem Leben gehört habe. In mich aber drang die Stimme, wie der Südsturm in ein beschneites Tal, und jeder Ton zog eine Hülle von meinem Herzen, und während ich selig war und zu schweben meinte, mußte ich kämpfen und mich hart machen, denn die Tränen standen mir in den Augen und wollten mir die Noten verlöschen.
Wohl hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei, und war mir damit weise vorgekommen, hatte getröstet aus neuen Augen in die Welt geschaut und einen näheren und tieferen Anteil an allem Leben gefühlt. Nun war es anders, nun war es nicht mehr Klarheit, Trost und Heiterkeit, sondern Sturm und Flamme, nun warf mein Herz sich jauchzend und zitternd weg, wollte nichts mehr vom Leben wissen und nur in seiner Flamme verbrennen. Wenn jetzt mich einer gefragt hätte, was denn die Liebe sei, da hätte ich es wohl zu wissen geglaubt und hätte es sagen können, und es hätte dunkel und lodernd geklungen.
Indessen schwang sich hoch darüber Gertruds leichte, selige Stimme, schien mir heiter zuzurufen und nur meine Freude zu wollen, und flog doch in fernen Höhen mir davon, unerreichbar und fast fremd. Ach, ich wußte nun, wie es stand. Sie mochte singen, sie mochte freundlich sein, sie mochte es gut mit mir meinen, das alles war nicht, was ich begehrte. Wenn sie nicht ganz und für immer mir zu eigen wurde, mir allein, dann war mein Leben vergebens und alles Gute und Zarte und Eigenste in mir hatte keinen Sinn.
Nun fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, erschrak und wandte mich um, und sah in ihr Gesicht. Die hellen Augen waren ernst und nur langsam, da ich sie anstarrte, fing sie an zart zu lächeln und zu erröten.
Ich konnte nur Danke sagen. Sie wußte nicht, was mit mir war, sie fühlte nur und verstand, daß ich ergriffen war, und fand schonend einen Weg zur vorigen Heiterkeit und Freiheit des Plauderns zurück. Dann ging ich bald.
Ich ging nicht nach Hause, und ich wußte nicht, ob es noch regnete. Ich ging an meinem Stock durch die Straßen, doch war es kein Gehen und die Straßen waren keine Straßen, ich fuhr auf Sturmwolken durch flatternde, brausende Himmel, ich redete mit dem Sturm und war selbst der Sturm, und ich hörte aus unendlicher Ferne herüber etwas Betörendes klingen, das war eine helle, hohe, vogelleicht schwebende Frauenstimme, und sie schien ganz rein von menschlichen Gedanken und Stürmen, und schien doch im Kern alle wilde Süßigkeit der Leidenschaft zu haben.
Den Abend saß ich ohne Licht in meinem Zimmer. Als ich es nicht mehr aushielt, es war schon spät, ging ich zu Muoth hinaus, fand aber seine Fenster dunkel und kehrte wieder um. Lange lief ich in der Nacht umher und fand mich endlich müde, aus Träumen erwachend, vor dem Imthor'schen Garten. Da rauschten die alten Bäume feierlich um das verborgene Haus, von dem kein Ton und Strahl herüber drang, und zwischen den Wolken kamen und verschwanden hier und dort schwachglänzende Sterne.
Ich wartete einige Tage, ehe ich wieder zu Gertrud zu gehen wagte. In dieser Zeit kam ein Schreiben von jenem Dichter, dessen Lieder ich komponiert hatte. Seit zwei Jahren waren wir in einer losen Verbindung, es kamen je und je merkwürdige Briefe von ihm, ich schickte ihm meine Arbeiten und er mir seine Gedichte. Nun schrieb er:
»Werter Herr! Sie haben länger nichts von mir gehört. Ich war fleißig. Seit ich Ihre Musik habe und verstehe, hat mir immer ein Text für Sie vorgeschwebt, wollte aber nicht heraus. Jetzt ist er da, so gut wie fertig, und es ist ein Operntext, und Sie müssen ihn komponieren. -- Sie können kein sehr glücklicher Mensch sein, das steht in Ihrer Musik. Von mir will ich nicht reden; aber da ist ein Text für Sie. Da uns doch sonst nichts Erfreuliches blüht, wollen wir den Leuten ein paar hübsche Sachen vorspielen, bei denen den Dickhäutern für Augenblicke klar wird, daß das Leben nicht bloß eine Oberfläche hat. Denn da wir doch mit uns selber nichts Rechtes anzufangen wissen, plagt es uns, die unnütze Kraft andere spüren zu lassen.
Ihr Hans H.«
Das fiel wie ein Funke in mein Pulver. Ich schrieb um den Text und war so ungeduldig, daß ich den Brief wieder zerriß und telegraphierte. Nach einer Woche kam das Manuskript, ein kleines glühendes Liebesspiel in Versen, noch mit Lücken, aber für mich einstweilen genug. Ich las und ging mit den Versen im Kopf umher, und sang sie und geigte sie bei Tag und Nacht, und bald lief ich zu Gertrud.
»Sie müssen mir helfen,« rief ich. »Ich mache eine Oper. Da sind drei Stücke, für Ihre Stimme gesetzt. Wollen Sie sie ansehen? Und mir dann einmal singen?«
Sie freute sich, ließ sich erzählen, blätterte in den Noten und versprach, sie bald zu lernen. Es kam eine glühende, übervolle Zeit; trunken von Liebe und Musik ging ich einher, zu nichts andrem tauglich, und Gertrud war die einzige, die mein Geheimnis wußte. Ich brachte ihr Noten, die sie lernte und mir sang, ich fragte sie, spielte ihr alles vor, und sie glühte mit mir, studierte und sang, riet und half, und hatte an dem Geheimnis und an dem entstehenden Werk, das uns beiden gehörte, ihre blühende Lust. Keine Andeutung, kein Vorschlag, den sie nicht sofort verstand und aufnahm, schließlich begann sie selber, mit ihrer feinen Schrift, mir beim Abschreiben und Umschreiben zu helfen. Im Theater hatte ich Krankenurlaub genommen.
Es kam zwischen Gertrud und mir keine Verlegenheit auf, wir trieben im selben Strom, arbeiteten am selben Werk, es war für sie wie für mich ein Aufblühen reifgewordener Jugendkräfte, ein Glück und Zauber, in dem meine Leidenschaft ungesehen mitbrannte. Sie unterschied nicht zwischen meinem Werk und mir, sie liebte uns und war unser, und auch für mich war Liebe und Arbeit, Musik und Leben nicht mehr zu trennen. Manchmal sah ich das schöne Mädchen erstaunt und bewundernd an, und sie erwiderte meinen Blick, und wenn ich kam oder ging, drückte sie mir die Hand wärmer und stärker als ich ihre zu drücken wagte. Und wenn ich in diesen lauen Frühlingstagen durch den Garten her kam und das alte Haus betrat, wußte ich nicht, war es mein Werk oder meine Liebe, was mich trieb und erhob.
Solche Zeiten dauern nicht lange. Es ging schon gegen das Ende und meine Flamme flackerte wieder ungeteilt in blinden Liebeswünschen, da saß ich an ihrem Flügel und sie sang den letzten Akt meiner Oper, deren Sopranrolle fertig war. Sie sang so wunderbar, und ich dachte dieser glühenden Tage, deren Glanz ich schon erblassen fühlte, während Gertrud noch auf ihrer Höhe schwebte, und ich fühlte unabwendbar andere und kühlere Tage kommen. Da lächelte sie mir zu und neigte sich zu mir herab, der Noten wegen, und bemerkte die Trauer in meinem Blick, und sah mich fragend an. Ich schwieg und stand auf und nahm ihr Gesicht vorsichtig in beide Hände, küßte ihre Stirn und ihren Mund und setzte mich wieder. Sie ließ alles still und fast feierlich geschehen, ohne Befremdung und Unwillen, und da sie Tränen in meinen Augen sah, strich sie mir mit ihrer leichten, lichten Hand beruhigend über Haar und Stirn und Schulter.
Dann spielte ich weiter, und sie sang, und der Kuß und diese merkwürdige Stunde blieb unbesprochen, doch unvergessen zwischen uns, als unser letztes Geheimnis.
Denn das andre konnte nicht lange mehr zwischen uns bleiben; die Oper brauchte nun andre Mitwisser und Helfer. Der erste mußte Muoth sein, denn an ihn hatte ich bei der Hauptrolle gedacht, deren Ungestüm und bittere Leidenschaft ganz seinem Gesang und ganz seinem Wesen verwandt waren. Nur zögerte ich noch eine kleine Zeit. Noch war mein Werk ein Bündnis zwischen mir und Gertrud, gehörte ihr und mir, schuf uns Sorge und Lust, war ein Garten, von dem niemand wußte, oder ein Schiff, auf dem wir beide allein das große Meer befuhren.
Sie fragte selbst danach, als sie fühlte und merkte, daß sie mir nimmer weiter helfen konnte.
»Wer singt die große Rolle?« fragte sie.
»Heinrich Muoth.«
Sie schien erstaunt. »O,« sagte sie, »ist das Ernst? Ich hab ihn nicht gern.«
»Er ist mein Freund, Fräulein Gertrud. Und die Rolle paßt für ihn.«
»Ja.«
Nun war schon ein Fremder dazwischen.
Indessen hatte ich nicht an Muoths Ferien und Reiselust gedacht. Er freute sich über meinen Opernplan und versprach alle Hilfe, war aber schon in Reiseplänen und konnte mir nur versprechen, bis zum Herbst seine Rolle durchzunehmen. Ich schrieb sie ihm ab, soweit sie schon fertig war. Er nahm sie mit und ließ nach seiner Gewohnheit in all den Monaten nichts von sich hören.
So war eine Frist für uns gewonnen. Zwischen Gertrud und mir bestand nun eine gute Kameradschaft. Ich glaube, sie wußte seit jener Stunde am Klavier genau, was in mir vorging, doch sagte sie nie ein Wort und war um nichts anders gegen mich. Sie liebte nicht nur meine Musik, sie hatte mich selber gern und fühlte wie ich, daß zwischen uns beiden ein natürlicher Einklang war, daß jeder von uns des andern Wesen gefühlsmäßig verstand und billigte. So ging sie neben mir in Eintracht und Freundschaft, doch ohne Leidenschaft. Zuzeiten genügte mir das und ich lebte stille, dankbare Tage in ihrer Nähe. Doch immer kam bald die Leidenschaft dazwischen, dann war mir jede ihrer Freundlichkeiten nur ein Almosen und ich empfand mit Qualen, daß die Stürme des Liebhabens und Begehrens, die mich erschütterten, ihr fremd und unlieb waren. Oft täuschte ich mich gewaltsam und suchte mir vorzureden, sie sei eben eine gleichmäßige und heiter stille Natur. Doch wußte mein Gefühl, daß das falsch sei, und kannte Gertrud genug, um zu wissen, daß auch ihr die Liebe Sturm und Gefahren bringen müsse. Oft habe ich darüber nachgedacht, und ich glaube, wenn ich sie damals bestürmt und bekriegt und mit allen Kräften an mich gezogen hätte, sie wäre mir gefolgt und für immer mit mir gegangen. So aber mißtraute ich ihrer Heiterkeit, und was sie mir von Zärtlichkeit und feiner Zuneigung zeigte, schob ich auf das fatale Mitleid. Ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß sie mit einem andern, gesunden und äußerlich schönen Manne, wenn sie ihn so gern hatte wie mich, nicht so lange in dieser ruhigen Freundschaftlichkeit hätte verharren können. Da waren wieder die Stunden nicht selten, in denen ich meine Musik und alles, was in mir lebte, für ein gerades Bein und ein flottes Wesen hingegeben hätte.
Um jene Zeit kam Teiser mir wieder näher. Er war mir unentbehrlich für die Arbeit, und so war er der nächste, der mein Geheimnis erfuhr und Text und Plan meiner Oper kennen lernte. Bedächtig nahm er alles an sich, um es zu Hause zu studieren. Dann aber kam er, und sein blondbärtiges Kindergesicht war rot vor Vergnügen und Musikleidenschaft.
»Das wird was, Ihre Oper!« rief er erregt. »Die Ouvertüre dazu spür ich schon in den Fingern! Jetzt gehn wir und trinken einen guten Schoppen, Sie Manderl, und wenns nicht unbescheiden wär', würd' ich sagen, wir trinken Brüderschaft. Aber es soll nicht aufgenötigt sein.«
Das nahm ich gerne an und es wurde ein froher Abend daraus. Teiser nahm mich zum erstenmal in seine Wohnung mit. Er hatte vor kurzem eine Schwester zu sich genommen, die nach dem Tod der Mutter alleingeblieben war, und wußte nicht genug zu rühmen, wie wohlig ihm nach langen Junggesellenjahren im neuen Haushalt sei. Die Schwester war ein schlichtes, vergnügtes, harmloses Mädchen mit denselben hellen, kindlichen, freudig guten Augen, wie ihr Bruder sie hatte, und hieß Brigitte. Sie brachte uns Kuchen und hellgrünen Österreicher Wein, dazu das Kästlein mit den langen Virginiazigarren. Da tranken wir das erste Glas auf ihr Wohl und das zweite auf gute Brüderschaft, und während wir Kuchen aßen, Wein tranken und rauchten, fuhr der gute Teiser in seiner Herzensfreude hin und wieder durchs Zimmerlein, saß bald am Klavier, bald mit der Guitarre im Arm auf dem Kanapee, bald mit der Geige auf der Tischecke, spielte was ihm Schönes durch den Kopf ging, sang und ließ seine frohen Augen glänzen, und alles mir und meiner Oper zu Ehren. Es zeigte sich, daß die Schwester dasselbe Blut habe und nicht minder auf Mozart schwöre; Arien aus der Zauberflöte und Stücke aus dem Don Giovanni funkelten durch die kleine Wohnung, von Gespräch und Gläserklirren unterbrochen, von der Geige, dem Klavier, der Guitarre oder auch nur vom Pfeifen des Bruders tadellos rein und richtig begleitet.
Für die kurze Sommerspielzeit war ich noch als Orchestergeiger verpflichtet, hatte aber auf den Herbst um meine Entlassung gebeten, da ich alsdann alle Zeit und Lust für meine Arbeit zu brauchen dachte. Der Kapellmeister, den mein Gehen ärgerte, behandelte mich zu guter Letzt mit ausgesuchter Grobheit, die mir aber Teiser brav parieren und belachen half.
Mit diesem Treuen arbeitete ich die Instrumentierung meiner Opernmusik aus, und so andächtig er meine Gedanken gelten ließ, so unerbittlich legte er den Finger auf alle Verstöße in der Orchesterbehandlung. Oft geriet er in hellen Zorn und kanzelte mich ab, wie ein derber Dirigent, bis ich eine zweifelhafte Stelle, in die ich verliebt und verbissen war, ausstrich und änderte. Und immer war er mit Beispielen zur Hand, wenn ich zweifelte und ungewiß war. Wo ich etwas Mißlungenes durchsetzen oder eine Kühnheit nicht wagen wollte, kam er mit Partituren angelaufen und wies mir nach, wie das der Mozart oder der Lortzing gemacht habe, und daß mein Zögern eine Feigheit oder mein Beharren eine »Kuhdummheit« sei. Wir brüllten einander an, kriegten und tobten, und wenn es in Teisers Wohnung geschah, so hörte die Brigitte andächtig zu, kam und ging mit Wein und Zigarren und strich manches zerknüllte Notenblatt mitleidig und sorgfältig wieder glatt. Der Liebe zu ihrem Bruder kam ihre Bewunderung für mich gleich, ich war für sie ein Maestro. An jedem Sonntag mußte ich zum Essen zu Teisers kommen, und nach Tische ging es, wenn nur ein blauer Fleck am Himmel war, mit der Straßenbahn hinaus. Da spazierten wir über die Hügel und durch Wälder, plauderten und sangen, und die Geschwister ließen ungebeten immer wieder ihre heimischen Jodler steigen.
Dabei kamen wir einmal zum Imbiß in ein Dorfwirtshaus, wo uns aus weit offenen Fenstern eine ländliche Tanzmusik entgegenjubelte, und als wir gegessen hatten und beim Apfelmost ausruhend im Garten saßen, schlich die Brigitte bald zum Hause hinüber und hinein, und als wir es merkten und nach ihr ausschauten, sahen wir sie am Fenster vorbei tanzen, frisch und sprühend wie ein Sommermorgen. Als sie wiederkam, drohte ihr Teiser mit dem Finger und meinte, sie hätte ihn wohl auch auffordern dürfen. Da wurde sie rot und verlegen, winkte ihm abwehrend zu und sah mich an.
»Was ist denn?« fragte ihr Bruder.
»Laß doch,« meinte sie nur, aber zufällig sah ich, wie sie ihn mit dem Blick auf mich aufmerksam machte, und Teiser sagte, »Ach so«.
Ich sagte nichts, doch war es mir wunderlich, sie darüber verlegen zu sehen, daß sie in meiner Gegenwart getanzt hatte. Es fiel mir erst jetzt ein, daß wohl auch ihre Spaziergänge rascher und weiter und anders gegangen wären ohne meine hemmende Gesellschaft, und ich schloß mich von da an ihren Sonntagsausflügen nur selten mehr an.
Gertrud hatte, als wir mit dem Durchsingen der Sopranrolle soweit fertig waren, wohl bemerkt, daß es mir schwer fiel, auf die häufigen Besuche bei ihr und das vertrauliche Beisammensein am Klavier zu verzichten, und daß ich mich doch scheute, Vorwände für dessen Fortsetzung zu erfinden. Da überraschte sie mich mit dem Vorschlag, sie regelmäßig beim Singen zu begleiten, und ich kam nun zwei-, dreimal in der Woche am Nachmittag in ihr Haus. Der Alte sah ihre Freundschaft mit mir gerne; ohnehin ließ er sie, die schon früh die Mutter verloren hatte und dem Haus als Dame vorstand, in allem gewähren.