Gertrud

Part 6

Chapter 63,901 wordsPublic domain

In dieser guten Zeit erschreckte mich ein kleines Erlebnis, das ich nimmer vergessen konnte. Bei Muoth, zu dem ich häufig kam, hatte ich die schöne Lotte seit einiger Zeit nicht mehr angetroffen, mir aber keine Gedanken darüber gemacht, denn in seine Liebesgeschichten mochte ich mich nicht mischen, sie am liebsten gar nicht kennen. Darum hatte ich nie nach ihr gefragt, und er sprach mit mir ohnehin nie von diesen Sachen.

Nun saß ich eines Nachmittags in meiner Stube und studierte eine Partitur. Am Fenster lag meine schwarze Katze im Sonnenschein und schlief, es war im ganzen Hause still. Da ging draußen die Türe, jemand kam herein, ward von der Wirtin begrüßt und aufgehalten, machte sich los und kam auf meine Türe zu, an der auch sofort gepocht wurde. Ich ging hin und machte auf, da kam eine große, elegante Frauensperson mit verschleiertem Gesicht herein und schloß die Türe hinter sich. Sie tat ein paar Schritte ins Zimmer, holte tief Atem und nahm endlich den Schleier ab. Ich erkannte Lotte. Sie sah erregt aus und ich ahnte gleich, warum sie gekommen sei. Auf meine Bitte setzte sie sich, sie hatte mir die Hand gegeben, aber noch kein Wort gesagt. Da sie meine Befangenheit merkte, schien sie erleichtert, als habe sie gefürchtet, ich möchte sie gleich wieder fortschicken.

»Ist es wegen Heinrich Muoth?« fragte ich endlich.

Sie nickte. »Haben Sie etwas gewußt?«

»Ich weiß nichts, ich dachte es mir nur.«

Sie sah mir ins Gesicht, wie ein Kranker dem Arzt, schwieg und zog langsam die Handschuhe aus. Plötzlich stand sie auf, legte mir beide Hände auf die Schultern und starrte mich aus großen Augen an.

»Was soll ich tun? Er ist nie zu Haus, er schreibt mir nimmer, er macht nicht einmal meine Briefe auf! Seit drei Wochen hab ich ihn nimmer sprechen können. Gestern war ich dort, ich weiß, daß er daheim war, aber er hat nicht aufgemacht. Nicht einmal dem Hund hat er gepfiffen, er hat mir das Kleid zerrissen, der will mich auch schon nimmer kennen.«

»Haben Sie denn Streit mit ihm gehabt?« fragte ich, um nicht gar so stumm dabei zu sitzen.

Sie lachte. »Streit? Ach, Streit haben wir genug gehabt, von Anfang an! An das war ich schon gewöhnt. Nein, in der letzten Zeit ist er sogar höflich gewesen, es wollte mir gleich nicht gefallen. Einmal war er nicht da, wenn er mich bestellt hatte; einmal meldete er sich an und kam nicht. Schließlich sagte er auf einmal Sie zu mir! Ach, wenn er mich lieber wieder geschlagen hätte!«

Ich erschrak heftig. »Geschlagen...?«

Wieder lachte sie. »Wissen Sie das nicht? O, er hat mich oft geschlagen, aber jetzt schon lang nicht mehr. Er ist höflich geworden, er hat Sie zu mir gesagt, und jetzt kennt er mich nimmer. Er hat eine andere, glaube ich. Darum bin ich gekommen. Sagen Sie mirs, ich bitte! Hat er eine andere? Sie wissen es! Sie müssen es wissen!«

Ehe ich abwehren konnte, hatte sie meine beiden Hände gefaßt. Ich war wie erstarrt, und so sehr ich abzulehnen und die ganze Szene zu kürzen wünschte, war ich doch fast froh, daß sie mich gar nicht zu Worte kommen ließ, denn ich hätte nicht gewußt, was sagen.

Sie, in Hoffnung und Jammer, war zufrieden, daß ich sie anhörte, und bat und erzählte und klagte mit ausbrechender Leidenschaft. Ich aber sah ihr immerzu in das tränenvolle, reife, schöne Gesicht und konnte nichts anderes denken als: »Er hat sie geschlagen!« Ich meinte seine Faust zu sehen, und mir graute vor ihm und vor ihr, die nach Schlägen und Verachtung und Abweisung keinen andern Gedanken und Wunsch zu haben schien als den Weg zu ihm und zu den alten Demütigungen zurückzufinden.

Endlich versiegte die Flut, Lotte redete langsamer, schien befangen und der Situation bewußt zu werden, und verstummte. Zugleich ließ sie meine Hände los.

»Er hat keine andere,« sagte ich leise, »wenigstens weiß ich nichts davon und glaube es nicht.«

Sie schaute mich dankbar an.

»Aber helfen kann ich Ihnen nicht,« fuhr ich fort. »Ich rede nie mit ihm über solche Sachen.«

Wir waren beide eine Weile still. Ich mußte an Marion denken, an die schöne Marion und an jenen Abend, da ich mit ihr durch die Föhnluft gegangen war, an ihrem Arm, und sie sich so tapfer zu ihrem Geliebten bekannt hatte. Hatte er die auch geschlagen? Und lief auch die ihm noch nach?

»Warum sind Sie denn zu mir gekommen?« fragte ich.

»Ich weiß nicht, ich mußte doch etwas tun. Glauben Sie nicht, daß er noch an mich denkt? Sie sind ein guter Mensch, Sie helfen mir! Sie könnten es doch versuchen, ihn einmal fragen, einmal von mir reden....«

»Nein, das kann ich nicht. Wenn er Sie noch liebt, wird er von selber wieder zu Ihnen kommen. Und wenn nicht, dann -- --.«

»Was dann?«

»Dann sollten Sie ihn eben laufen lassen, er verdient es nicht, daß Sie sich so weit demütigen.«

Da lächelte sie plötzlich.

»O, Sie! Was wissen Sie von der Liebe!«

Sie hat recht, dachte ich, aber es tat mir doch weh. Wenn schon die Liebe nicht zu mir kommen wollte, wenn ich schon nebendraußen stand, warum sollte ich den Vertrauten und Helfer machen bei anderen? Ich hatte Mitleid mit der Frau, aber ich verachtete sie noch mehr. Wenn das die Liebe war, Grausamkeit hier und Erniedrigung dort, dann ließ sich ohne Liebe besser leben.

»Ich will nicht streiten,« sagte ich kühl. »Ich verstehe diese Art von Liebe nicht.«

Lotte band ihren Schleier wieder um.

»Ja, ich gehe schon.«

Nun tat sie mir wieder leid, doch mochte ich die törichte Szene nicht von vorn anfangen lassen, darum schwieg ich und öffnete ihr die Tür, auf die sie zuschritt. Ich begleitete sie, an der neugierigen Wirtin vorbei, bis zur Treppe; da verbeugte ich mich, und sie ging, ohne mehr etwas zu sagen oder mich anzusehen.

Traurig sah ich ihr nach und ward den Anblick lange Zeit nicht los. War ich wirklich ein ganz anderer Mensch als diese alle, als Marion, als Lotte, als Muoth? War das wirklich die Liebe? Ich sah sie alle, diese Menschen der Leidenschaft, wie von Stürmen getrieben taumeln und ins Ungewisse wehen, den Mann von Verlangen heute, von Überdruß morgen gepeinigt, düster liebend und brutal abbrechend, keiner Neigung sicher und keiner Liebe froh, und die Frauen hingerissen, Beleidigung, Schläge tragend, endlich verstoßen und doch an ihm hängend, von Eifersucht und verschmähter Liebe entwürdigt, hundetreu. An jenem Tage geschah es seit sehr langer Zeit zum erstenmal, daß ich weinte. Ich weinte unwillige, zornige Tränen um diese Menschen, um meinen Freund Muoth, um das Leben und die Liebe, und stillere, heimliche Tränen um mich selber, der ich zwischen alle dem lebte, wie auf einem andern Sterne, der das Leben nicht begriff, der nach Liebe verschmachtete und sie doch fürchten mußte.

Zu Heinrich Muoth ging ich lange nicht mehr. Er feierte in jener Zeit Triumphe als Wagnersänger und begann für einen »Stern« zu gelten. Zugleich trat auch ich bescheidentlich an die Öffentlichkeit. Es erschienen meine Lieder im Druck und fanden freundliche Aufnahme, und zwei meiner Sachen für Kammermusik wurden in Konzerten aufgeführt. Es war noch eine stille, ermunternde Anerkennung unter Freunden, die Kritik hielt sich abwartend still oder ließ mich zunächst als einen Anfänger schonend gelten.

Ich war viel mit dem Geiger Teiser zusammen, er hatte mich gern und lobte meine Arbeiten in kameradschaftlicher Freude, prophezeite mir große Erfolge und war immer bereit, mit mir zu musizieren. Dennoch fehlte mir etwas. Es zog mich zu Muoth, doch mied ich ihn immer noch. Von Lotte hörte ich nichts mehr. Warum war ich nicht zufrieden? Ich schalt mich selber, daß ich bei dem treuen, prächtigen Teiser nicht mein Genügen fand. Aber auch bei ihm fehlte mir etwas. Er war mir zu heiter, zu sonnig, zu sehr zufrieden, er schien keine Abgründe zu kennen. Auf Muoth war er nicht gut zu sprechen. Manchmal im Theater, wenn Muoth sang, sah er mich an und flüsterte: »Da, wie der wieder pfuscht! Das ist schon ein ganz Verwöhnter! Mozart singt er keinen, er weiß warum.« Ich mußte ihm recht geben, und tat es doch nicht mit dem Herzen, ich hing an Muoth, und mochte ihn doch nicht verteidigen. Muoth hatte etwas, was Teiser nicht hatte und nicht kannte und was mich mit ihm verband. Das war das ewige Begehren, die Sehnsucht und Ungenüge. Die trieben mich zu Studium und Arbeit, die ließen mich nach Menschen greifen, die mir entglitten, gerade wie Muoth, den dieselbe Ungenüge auf andere Weise stachelte und peinigte. Musik würde ich immer machen, das wußte ich, aber mich verlangte danach, auch einmal aus Glück und Überfluß und ungebrochener Freude zu schaffen, statt immer aus Sehnsucht und Mangel des Herzens. Ach, warum wurde ich nicht durch das glücklich, was ich zu eigen hatte, durch meine Musik? Und warum wurde Muoth es nicht durch das, was er besaß, durch seine wilde Lebenskraft und seine Frauen?

Teiser war glücklich, ihn quälte kein Verlangen nach Unerreichbarem. Er hatte seine zarte, selbstlose Freude an der Kunst, von der er nicht mehr verlangte, als sie ihm gab, und außerhalb der Kunst war er noch genügsamer, da brauchte er nur ein paar freundliche Menschen, gelegentlich ein gutes Glas Wein und an freien Tagen einen Ausflug in die Landschaft, denn er war ein Wanderer und Luftfreund. Wenn an der Lehre der Theosophen etwas war, dann mußte dieser Mann schon nahezu ein Vollendeter sein, so gut war sein Wesen und so wenig ließ er Leidenschaft und Unzufriedenheit in sein Herz kommen. Dennoch wünschte ich, wenn ich es auch vielleicht mir vorsagte, nicht zu sein wie er. Ich wollte kein andrer sein, ich wollte in meiner Haut bleiben, die mir doch oft zu eng war. Ich begann Macht in mir zu spüren, seit meine Arbeiten leise zu wirken anfingen, und ich war schon im Begriff, stolz zu werden. Irgendeine Brücke zu den Menschen mußte ich finden, ich mußte auf irgendeine Weise mit ihnen leben können, ohne stets der Unterliegende zu sein. Gab es nun keinen andern Weg, so führte vielleicht doch meine Musik dahin. Wenn sie mich nicht lieben wollten, so würden sie mein Werk lieben müssen.

Solche törichte Gedanken ward ich nicht los. Und doch war ich bereit, mich hinzugeben und zum Opfer zu bringen, wenn nur jemand mich wollte, wenn nur jemand mich wirklich verstünde. War nicht Musik das geheime Gesetz der Welt, gingen nicht die Erden und Sterne harmonisch im Reigen? Und ich sollte allein bleiben und die Menschen nicht finden, deren Wesen mit meinem rein und schön zusammenklang?

Ein Jahr war mir in der fremden Stadt vergangen. Außer mit Muoth, Teiser und unserm Kapellmeister Rößler hatte ich zu Anfang sehr wenig Umgang gehabt, in letzter Zeit aber war ich in eine größere Geselligkeit hineingeraten, die mir nicht lieb und nicht leid war. Durch die Aufführung meiner Stücke für Kammermusik war ich mit den Musikern der Stadt auch außerhalb des Theaters bekanntgeworden, ich trug jetzt die leichte, angenehme Bürde eines sachte ansetzenden Ruhmes im kleinen Kreise, ich merkte, daß man mich kannte und beobachtete. Von allem Ruhm ist das der süßeste, der noch nicht auf große Erfolge blickt, noch keinen Neid erregen kann, noch nicht absondert. Man geht umher mit dem Gefühl, da und dort betrachtet, genannt, gelobt zu werden, man begegnet freundlichen Gesichtern, sieht Anerkannte wohlwollend nicken und Jüngere mit Achtung grüßen, und immer trägt man das heimliche Gefühl, daß das Beste noch komme, wie es ja aller Jugend geht, bis sie sieht, das Beste liegt schon dahinten. Beeinträchtigt wurde mein Wohlgefühl am meisten dadurch, daß ich immer etwas Mitleid in der Anerkennung fühlte. Oft kam es mir sogar vor, man schone mich und sei so freundlich, weil ich eben ein armer Kerl und Krüppel sei, dem man gern etwas Tröstliches gönne.

Nach einem Konzert, in dem ein Geigenduo von mir gespielt worden war, machte ich die Bekanntschaft des reichen Fabrikanten Imthor, der für einen eifrigen Musikfreund und Gönner junger Talente galt. Es war ein ziemlich kleiner, ruhiger Mann mit grau werdenden Haaren, dem man weder seinen Reichtum noch sein inniges Verhältnis zur Kunst ansah. Aus dem, was er mir sagte, konnte ich aber wohl merken, wie viel er von Musik verstand; er lobte nicht in den Tag hinein, sondern gab einen ruhigen, sachverständigen Beifall, der mehr wert war. Er erzählte mir, was ich von andrer Seite längst wußte, daß in seinem Hause manchen Abend Musik gemacht werde, alte und neue. Er lud mich ein, und sagte zum Schluß: »Ihre Lieder liegen auch bei uns, wir haben sie gern. Auch meine Tochter wird sich freuen.«

Noch ehe ich dazu kam, ihm einen Besuch zu machen, erhielt ich eine Einladung. Herr Imthor bat um die Erlaubnis, mein Trio in Es-Dur in seinem Hause aufführen zu lassen. Ein Geiger und Cellist, tüchtige Dilettanten, stünden zur Verfügung, und die erste Geige sei mir vorbehalten, falls ich Lust hätte, mitzuspielen. Ich wußte, daß Imthor die Berufsmusiker, die bei ihm spielten, stets sehr gut honoriere. Das hätte ich ungern angenommen, und doch wußte ich nicht, wie die Einladung gemeint sei. Schließlich nahm ich doch an, die beiden Mitspieler fanden sich bei mir ein und holten ihre Stimmen, wir hatten einige Proben. Inzwischen machte ich meinen Besuch bei Imthor, traf aber niemand an. So kam der bestimmte Abend.

Imthor war Witwer, er wohnte in einem der alten, einfach stattlichen Bürgerhäuser, einem der wenigen, die noch mitten in der großgewordenen Stadt ihre alten Gärten unverkürzt um sich hatten. Vom Garten sah ich wenig, als ich abends kam, nur eine kurze Allee von hohen Platanen, deren Stämme im Laternenlicht die hellen Flecken zeigten, und dazwischen ein paar alte, dunkelgewordene Steinbilder. Hinter den großen Bäumen lag bescheiden das alte, breit und nieder gebaute Haus, in dem von der Eingangstür weg durch die Korridore, Treppen und alle Räume hindurch die Wände dicht voll alter Bilder hingen, Mengen von Familienbildnissen und schwarzgewordenen Landschaften, altmodische Veduten und Tierstücke. Ich kam gleichzeitig mit andern Gästen an, wir wurden von einer Hausdame empfangen und eingeführt.

Die Gesellschaft war nicht gar groß, doch drängte sie sich in den mäßigen Räumen etwas eng, bis die Türen zum Musikraum geöffnet wurden. Hier war es weit und alles sah neu aus, der Flügel, die Notenschränke, die Lampen, die Stühle, nur die Bilder an den Wänden waren auch hier alle alt.

Meine Mitspieler waren schon da, wir stellten unsre Pulte auf, schauten nach den Lichtern und begannen zu stimmen. Da ging zuhinterst im Saal eine Türe und es kam durch den erst halb erleuchteten Raum eine hellgekleidete Dame geschritten. Die beiden Herren begrüßten sie mit Auszeichnung, ich sah, daß es die Tochter Imthors sei. Sie sah mich einen Augenblick fragend an, dann bot sie mir, ehe ich noch vorgestellt war, die Hand und sagte: »Ich kenne Sie schon, Sie sind Herr Kuhn? Willkommen!«

Das schöne Mädchen hatte mir gleich bei ihrem Eintritt Eindruck gemacht, nun klang ihre Stimme so hell und gut, daß ich die dargebotene Hand herzhaft drückte und dem Fräulein vergnügt in die Augen sah, die mich lieb und freundschaftlich begrüßten.

»Ich freu' mich auf das Trio,« sagte sie lächelnd, als habe sie mich so erwartet, wie ich nun war, und sei befriedigt.

»Ich auch,« sagte ich, ohne zu wissen, was ich sage, und sah sie wieder an, und sie nickte. Dann ging sie weiter und aus dem Saal, und ich sah ihr nach. Bald darauf kam sie wieder, an der Hand ihres Vaters, und hinter ihnen die Gesellschaft. Wir drei saßen schon an den Pulten und waren bereit. Die Leute nahmen Platz, einige Bekannte nickten mir zu, der Hausherr gab mir die Hand, und als alle saßen, erloschen die elektrischen Lichter und brannten nur die hohen Kerzen über unsern Noten weiter.

Ich hatte meine Musik beinahe vergessen. Ich suchte hinten im Saal das Fräulein Gertrud, das an ein Büchergestell gelehnt in der Dämmerung saß. Ihr dunkelblondes Haar sah beinahe schwarz aus, ihre Augen sah ich nicht. Nun zählte ich leise den Takt, und nickte, und wir stimmten mit breitem Strich das Andante an.

Jetzt während des Spielens ward mir wohl und innig, ich wiegte mich im Takte mit und schwebte frei im Zusammenklang der Tonströme, die mir alle völlig neu und wie in diesem Augenblick erfunden vorkamen. Meine Gedanken an die Musik und meine Gedanken an Gertrud Imthor flossen rein und ohne Störung zusammen, ich zog meinen Geigenbogen und gab mit den Augen meine Anweisungen, schön und stetig floß die Musik dahin und nahm mich mit, einen goldenen Weg zu Gertrud hin, die ich nicht mehr sehen konnte, und jetzt auch gar nicht mehr zu sehen begehrte. Ich gab ihr meine Musik und meinen Atem, meine Gedanken und meinen Herzschlag hin, wie sich ein Morgenwanderer dem lichten Blau und klaren Wiesenglanz der Frühe hingibt, ungefragt und ohne sich selbst zu verlieren. Zugleich mit dem Wohlgefühl und wachsenden Schwall der Töne trug und erhob mich ein verwundertes Glück darüber, daß ich nun so plötzlich wisse, was Liebe sei. Es war kein neues Gefühl, nur eine Klärung und Entschleierung uralter Ahnungen, Rückkehr in ein altes Vaterland.

Der erste Satz war zu Ende; ich gönnte nur eine Minute Pause. Leise klang das Stimmen der Saiten in mildem Durcheinander, über gespannte und zunickende Gesichter hinweg konnte ich einen Augenblick den dunkelblonden Kopf sehen, die zarte, helle Stirn und den hellroten strengen Mund, dann klopfte ich sacht auf mein Pult und wir strichen den zweiten Satz, der sich wohl hören lassen darf. Die Spieler wurden warm, die ansteigende Sehnsucht des Liedes hob unruhige Schwingen, kreiste in unbefriedigten Flügen empor, suchte und verlor sich in klagender Bangigkeit. Tief und warm übernahm das Cello die Melodie, hob sie stark und dringlich heraus, trug sie verklingend in die neue, dunklere Tonart hinüber und löste sie verzweifelnd im halb zornigen Basse auf.

Dieser zweite Satz war meine Beichte, ein Bekenntnis meiner Sehnsucht und meines Unbefriedigtseins. Der dritte sollte die Erlösung und Erfüllung sein. Ich wußte aber seit diesem Abend, daß er nichts war, und ich spielte ihn sorglos hin als eine Sache, die hinter mir lag. Denn ich meinte jetzt genau zu wissen, wie die Befreiung hätte klingen sollen, wie aus dem stürmenden Stimmenbrausen der Glanz und Friede brechen müsse, Licht aus schwerem Gewölk. Das alles war in meinem dritten Satze nicht, er war nur ein linderndes Auflösen der angewachsenen Dissonanzen und ein Versuch, die alte Grundmelodie ein wenig zu läutern und zu steigern. Von dem, was in mir selber jetzt glänzte und sang, war kein Ton und kein Strahl darin, und ich wunderte mich, daß niemand es merkte.

Mein Trio war aus. Ich nickte den Spielern zu und legte meine Violine weg. Die Lichter flammten wieder auf, die Gesellschaft kam in Bewegung, manche kamen mit den gewohnten Artigkeiten, Lobsprüchen und Kritiken zu mir, um sich als Kenner auszuweisen. Den Hauptmangel der Arbeit warf keiner mir vor.

Man verteilte sich in mehrere Zimmer, es gab Thee, Wein und Gebäck, im Herrenzimmer wurde geraucht. Eine Stunde verging und noch eine. Da geschah es endlich, von mir kaum mehr erwartet, daß Gertrud bei mir stand und mir die Hand gab.

»Hat es Ihnen gefallen?« fragte ich.

»Ja, es war schön,« sagte sie nickend. Ich sah aber, daß sie mehr wußte. Darum sagte ich: »Sie meinen den zweiten Satz. Das andere ist ja nichts.«

Da schaute sie mir wieder neugierig in die Augen, mit einer gütigen Klugheit wie eine reife Frau und sagte ganz fein: »Sie wissen es also selber. Der erste Satz, nicht wahr, ist gute Musik. Der zweite wird groß und weit und verlangt vom dritten zu viel. Man hat es Ihnen auch beim Spielen angesehen, wo Sie wirklich drin waren und wo nicht.«

Mir war es lieb, zu hören, daß ihre klaren guten Augen mich betrachtet hatten, ohne daß ich es wußte. Und ich dachte schon an diesem ersten Abend unserer Bekanntschaft, es müßte gut und selig sein, ein ganzes Leben unter dem Blick dieser schönen und aufrichtigen Augen hinzubringen, und es müßte dann unmöglich sein, jemals Schlechtes zu tun oder zu denken. Und von jenem Abend an wußte ich, daß irgendwo meinem Verlangen nach Einheit und zartester Harmonie Stillung zu finden wäre, und daß jemand auf der Erde lebe, auf dessen Blick und Stimme jeder Puls und jeder Atemzug in mir rein und innig Antwort gab.

Auch sie spürte unverweilt in mir den freundschaftlich reinen Widerklang ihres Wesens und hatte von der ersten Stunde an das ruhige Vertrauen, sich mir eröffnen und unverstellt zeigen zu können und weder Mißverständnis noch Vertrauensbruch fürchten zu müssen. Sie war mir sogleich nah befreundet, wie es in solcher Schnelle und Selbstverständlichkeit nur jungen und wenig verdorbenen Menschen möglich ist. Bis dahin war ich zwar schon je und je verliebt gewesen, doch stets -- und namentlich seit meiner Entstellung -- mit einem scheuen, begehrlichen und unsicheren Gefühl. Nun war statt der Verliebtheit die Liebe gekommen und mir schien, es sei ein feiner grauer Schleier von meinen Augen gefallen und die Welt liege für mich im ursprünglich göttlichen Lichte da, wie sie vor Kindern, und wie sie vor den Augen unsrer Paradiesträume liegt.

Gertrud war damals kaum über zwanzig Jahre alt, schlank und gesund wie ein junger feiner Baum, und war aus dem Kram und Schwindel des üblichen Jungmädchentums unberührt hervorgegangen, ihrem eigenen noblen Wesen folgend wie eine sicher schreitende Melodie. Mir war im Herzen wohl, daß ich ein solches Geschöpf in der unvollkommenen Welt lebendig wußte, und ich konnte nicht daran denken, sie etwa einzufangen und für mich allein wegzunehmen. Ich war froh, an ihrer schönen Jugend ein wenig teilhaben zu dürfen und mich von Anfang an unter ihren guten Freunden zu wissen.

In der Nacht nach diesem Abend schlief ich lange nicht ein. Es plagte mich aber kein Fieber und keine Unruhe, sondern ich wachte und suchte den Schlaf nicht, weil ich meinen Frühling gekommen und mein Herz nach langen, sehnlichen Irrfahrten und Winterzeiten auf dem rechten Wege wußte. In meine Stube floß blasser Nachtschimmer; alle Ziele des Lebens und der Kunst lagen klar und nahe, wie föhnhelle Höhen, ich spürte den oft so ganz verlorenen Klang und geheimen Takt meines Lebens lückenlos, bis in die sagenhaften Kinderjahre zurück. Und wenn ich diese traumhafte Klarheit und gedrängte Fülle des Gefühls halten und verdichten und mit Namen nennen wollte, so nannte ich den Namen Gertrud. Mit ihm schlief ich ein, schon gegen den Morgen, und stand beim Tagen frisch und erquickt wieder auf, wie nach einem langen, langen Schlaf.

Da fielen die mißmutigen Gedanken der letzten Zeit, und auch die hochmütigen, mir ein und ich sah, woran es mir gefehlt hatte. Heute quälte und verstimmte und ärgerte mich nichts mehr, ich hatte wieder die große Harmonie im Ohr und träumte wieder meinen Jugendtraum vom Zusammenklang der Sphären. Ich tat wieder meine Schritte und Gedanken und Atemzüge nach einer geheimen Melodie, das Leben hatte wieder einen Sinn und die Ferne war morgengolden. Niemand bemerkte die Veränderung, es stand mir keiner nah genug. Nur Teiser, das Kind, stieß mich bei der Probe im Theater lustig an und sagte: »Sie haben gut geschlafen heut nacht, gelt?« Ich besann mich, womit ich ihn erfreuen könnte, und fragte in der nächsten Pause: »Teiser, wo gehen Sie diesen Sommer hin?« Da lachte er verschämt und wurde rot wie eine Braut, die man nach dem Hochzeitstage fragt, und meinte: »Lieber Gott, bis dahin ist's noch lang! Aber schauen Sie, da drin hab ich schon die Karten.« Er schlug auf seine Brusttasche. »Diesmal gehts vom Bodensee aus: Rheintal, Fürstentum Liechtenstein, Chur, Albula, Oberengadin, Maloja, Bergell, Comersee. Den Rückweg weiß ich noch nicht.«