Part 4
Sie zeigte auf mich. »Da sitzt er.«
Er sah mich an und lachte. »Das hättet ihr mir auch vorher sagen können. Übrigens, die Musik war recht schön. Nur, wenn man Hunger hat --.«
Wir begannen zu essen, und kaum war die Suppe weg und der weiße Wein eingeschenkt, da tat Kranzl einen Trinkspruch auf den Hausherrn und dessen Geburtstag. Muoth erhob sich gleich nach dem Anstoßen: »Lieber Kranzl, wenn du gedacht hast, ich würde jetzt eine Rede auf dich halten, hast du dich getäuscht. Wir wollen überhaupt keine Reden mehr halten, ich bitte drum. Die einzige, die vielleicht nötig ist, nehme ich hiermit auf mich. Ich danke unserem jungen Freund für seine Sonate, die ich famos finde. Vielleicht wird unser Kranzl einmal froh sein, wenn er Sachen von ihm zu spielen kriegt, was er übrigens nur tun soll, denn er hat die Sonate wirklich kapiert. Ich trinke auf den Komponisten und auf gute Freundschaft mit ihm.«
Man stieß an, lachte, zog mich ein wenig auf, und bald kam eine von gutem Wein erhöhte Tafelfröhlichkeit zustande, der ich mich erlöst hingab. Ich war lange nimmer auf diese Weise vergnügt und entlastet gewesen, eigentlich seit einem Jahre nicht mehr. Jetzt tat mir Gelächter und Wein, Gläsergeläut, Stimmenwirrnis und der Anblick einer schönen fröhlichen Frau verschüttete Tore zur Freude auf und ich glitt weich hinüber in die losgebundene Heiterkeit leichter und lebhafter Gespräche und lachender Mienen.
Früh stand man von der Tafel auf und kehrte ins Musikzimmer zurück, wo sich das Gelage mit Wein und Zigarren in alle Ecken verteilte. Ein stiller Herr, der wenig geredet hatte und dessen Namen ich nicht wußte, kam zu mir und sagte mir freundliche Worte über die Sonate, die ich ganz vergessen hatte. Dann zog mich die Schauspielerin ins Gespräch, und zu uns setzte sich Muoth. Wir tranken abermals auf gute Freundschaft, und plötzlich sagte er, funkelnd mit seinen düster lachenden Augen: »Ich weiß jetzt Ihre Geschichte.« Und zu der Schönen: »Er hat sich beim Rodeln die Knochen gebrochen, einem hübschen Mädel zulieb.« Und wieder zu mir: »Das ist schön. Im Augenblick, wo die Liebe am schönsten ist und noch keinen Fleck hat, kopfüber den Berg hinunter. Das ist schon ein gesundes Bein wert.« Lachend leerte er sein Glas und sah alsofort wieder dunkel und grübelnd aus, als er sagte: »Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?«
Ich erzählte, von den Knabenzeiten her, wie es mir mit der Musik gegangen war, und erzählte vom vergangenen Sommer, von meiner Flucht in die Berge und von dem Lied und der Sonate.
»Ja,« sagte er langsam. »Aber warum macht Ihnen das nun Freude? Man kann einen Schmerz doch nicht aufs Papier schreiben und damit los sein.«
»Das will ich auch nicht,« meinte ich. »Ich möchte gar nichts hergeben und los sein als die Schwäche und Unfreiheit. Ich möchte empfinden, daß der Schmerz und die Freude aus der gleichen Quelle kommen und Bewegungen derselben Kraft und Takte derselben Musik sind, jedes schön und notwendig.«
»Mann,« rief er heftig, »Sie haben doch ein Bein verloren! Können Sie denn das über der Musik vergessen?«
»Nein, warum? Anders machen kann ich es doch nimmer.«
»Und macht Sie das nicht verzweifelt?«
»Es freut mich nicht, das können Sie glauben, aber ich hoffe, zum Verzweifeln bringt es mich nimmer.«
»Dann sind Sie glücklich. Ich gäbe zwar kein Bein her um so ein Glück. Also so ist das mit Ihrer Musik? Sieh, Marion, das ist der Zauber der Kunst, von dem so viel in Büchern steht.«
Zornig rief ich ihn an: »Reden Sie doch nicht so! Sie selber singen doch auch nicht bloß um Ihre Gage, sondern haben eine Freude und einen Trost daran! Warum verspotten Sie mich und sich selber? Ich finde das roh.«
»Still, still!« machte Marion, »sonst wird er bös.«
Muoth sah mich an. »Ich werde nicht böse. Er hat ja ganz recht. Aber das mit dem Bein kann nicht so schlimm sein, sonst würde Sie das Musikmachen nicht drüber trösten. Sie sind ein zufriedener Mensch, denen kann passieren was will und sie bleiben doch zufrieden. Aber ich habe nicht daran geglaubt.«
Und er sprang auf, ganz zornig. »Und es ist auch nicht wahr! Sie haben ja das Lawinenlied komponiert, das ist kein Trost und keine Zufriedenheit, sondern Verzweiflung. Hören Sie!«
Er war plötzlich am Flügel, es wurde stiller im Zimmer. Er fing zu spielen an, verwirrte sich, ließ dann die Einleitung weg und sang das Lied. Er sang es jetzt anders als damals bei mir und ich konnte sehen, daß er es seither manchmal vorgehabt habe. Auch sang er diesmal mit voller Stimme, mit seinem hohen Bariton, den ich von der Bühne kannte und dessen Kraft und strömende Leidenschaft die ungeklärte Härte seines Gesangs vergessen machte.
»Das hat dieser Mann, wie er sagt, rein zum Vergnügen geschrieben, er weiß nichts von Verzweiflung und ist mit seinem Los unendlich zufrieden!« rief er und zeigte auf mich, und ich hatte Tränen der Scham und des Zorns in den Augen, sah alles in Schleiern wanken und stand auf, um ein Ende zu machen und fortzugehen.
Da hielt mich eine feine, doch kräftige Hand, und drückte mich in den Sessel zurück, und strich mir leise und zärtlich über das Haar, daß mich feine heiße Wellen bespülten, daß ich die Augen schloß und die Tränen verbiß. Aufschauend sah ich alsdann Heinrich Muoth vor mir stehen, die andern schienen meine Bewegung und die ganze Szene nicht beachtet zu haben, sie tranken Wein und lachten durcheinander.
»Sie Kind!« sagte Muoth leise. »Wenn man solche Lieder geschrieben hat, ist man doch über so etwas hinaus. Aber es tut mir leid. Da hat man einen Menschen gern, und kaum ist man mit ihm zusammen, so fängt man Händel mit ihm an.«
»Es ist gut,« sagte ich befangen. »Aber ich möchte jetzt heimgehen, das Schönste von heute haben wir doch gehabt.«
»Gut, ich will Sie nicht nötigen. Wir andern betrinken uns jetzt noch, denke ich. Dann seien Sie so gut und nehmen Sie die Marion mit heim, gelt? Sie wohnt am innern Graben, das ist für Sie kein Umweg.«
Die schöne Frau sah ihn einen Augenblick prüfend an. »Ja, wollen Sie?« sagte sie dann zu mir, und ich stand auf. Wir nahmen nur von Muoth Abschied, im Vorzimmer half uns ein Lohndiener in die Mäntel, dann erschien verschlafen auch die kleine Alte und leuchtete mit einer großen Laterne durch den Garten zur Pforte. Der Wind ging immer noch weich und laulich, trieb lange schwarze Wolkenzüge dahin und wühlte in kahlen Baumkronen.
Ich wagte nicht, der Marion den Arm zu geben, sie aber hängte ungefragt bei mir ein, sog die Nachtluft mit zurückgeworfenem Kopfe ein und sah dann aus solcher Höhe fragend und vertraulich auf mich herab. Mir war, ich fühle immer noch ihre leichte Hand auf meinen Haaren, sie ging langsam und schien mich führen zu wollen.
»Dort stehen Droschken,« sagte ich, denn es war mir peinlich, daß sie sich meinem lahmen Schritt anbequemen sollte, und ich litt darunter, neben der warmen, kraftvoll schlanken Frau einher zu hinken.
»Nein,« meinte sie, »wir wollen noch eine Straße weit gehen.« Und sie gab sich Mühe, recht langsam zu gehen, und wenn es nur auf mein Verlangen angekommen wäre, ich hätte sie noch enger an mich gezogen. So aber zerriß mich Qual und Zorn, ich machte ihren Arm aus meinem los, und als sie mich erstaunt ansah, sagte ich: »Es geht nicht gut so, ich muß allein gehen, verzeihen Sie.« Und sie ging sorgsam und mitleidig neben mir, und mir fehlte nichts als ein aufrechter Gang und das Bewußtsein der körperlichen Sicherheit, so hätte ich von allem, was ich tat und sagte, das Gegenteil gesagt und getan. Ich wurde still und schroff, es war nicht anders zu machen, sonst hätte ich wieder Tränen in die Augen bekommen und mich danach gesehnt, ihre Hand auf meinem Kopf zu fühlen. Am liebsten wäre ich in die nächste Seitengasse entflohen. Ich wollte nicht, daß sie langsam ging, daß sie mich schonte, daß sie Mitleid mit mir hatte.
»Sind Sie ihm böse?« fing sie schließlich an.
»Nein. Es war dumm von mir. Ich kannte ihn ja noch kaum.«
»Er tut mir leid, wenn er so ist. Er hat Tage, wo man ihn fürchten muß.«
»Sie auch?«
»Ich am meisten. Dabei tut er niemand weher als sich selber. Er haßt sich manchmal.«
»Ach, er macht sich interessant!«
»Was sagen Sie?« rief sie erschrocken.
»Daß er ein Komödiant ist. Was braucht er sich und andere zu verhöhnen? Was braucht er die Erlebnisse und Geheimnisse eines Fremden hervorzuziehen und lächerlich zu machen, das Lästermaul!«
Mein Zorn von vorher kehrte mir im Reden wieder, ich war gewillt den Mann zu beschimpfen und herabzuziehen, der mir weh getan hatte und den ich leider beneidete. Auch war meine Achtung vor der Dame gesunken, da sie ihn in Schutz nahm und sich offen vor mir zu ihm bekannte. War es nicht schon schlimm, daß sie es auf sich genommen hatte, bei diesem weinfrohen Junggesellenabend die einzige Frau zu sein? In diesen Dingen war ich wenig Freiheit gewöhnt, und da ich mich schämte, nach dieser schönen Frau trotzdem Sehnsucht zu haben, fing ich in meiner Hitze lieber Streit an als daß ich länger ihr Mitleid spürte. Mochte sie mich roh finden und mir davonlaufen, es war mir besser als daß sie bei mir blieb und freundlich war.
Sie legte mir aber die Hand auf den Arm. »Halt,« rief sie warm, daß ihre Stimme mir trotz allem ins Herz ging, »reden Sie nicht weiter! Was tun Sie denn? Sie sind durch zwei Worte von Muoth verletzt, weil Sie nicht geschickt oder mutig genug waren sie zu parieren, und jetzt, wo Sie fort sind, fallen Sie vor mir mit häßlichen Worten über ihn her! Ich sollte gehen und Sie allein lassen.«
»Bitte. Ich habe nur gesagt, was ich meine.«
»Lügen Sie doch nicht! Sie sind seiner Einladung gefolgt, Sie haben bei ihm musiziert, Sie haben gesehen wie er Ihre Musik liebt, und haben sich darüber gefreut und daran aufgerichtet, und jetzt, wo Sie ärgerlich sind und ein Wort von ihm nicht ertragen können, fangen Sie zu schimpfen an. Das dürfen Sie nicht, und ich will es dem Wein zu gut halten.«
Mir schien, sie merkte plötzlich wie es mit mir stand und daß nicht der Wein mich plagte; sie änderte ihren Ton, ohne daß ich den mindesten Versuch einer Rechtfertigung gemacht hatte. Ich war wehrlos.
»Sie kennen Muoth noch nicht,« fuhr sie fort. »Haben Sie ihn denn nicht singen hören? So ist er, gewalttätig und grausam, aber am meisten gegen sich selber. Er ist ein armer, stürmender Mensch, der lauter Kräfte und keine Ziele hat. In jedem Augenblick möchte er die ganze Welt austrinken und was er hat und was er tut, ist immer nur ein Tropfen. Er trinkt und ist nie betrunken, er hat Frauen und ist nie glücklich, er singt so herrlich und will doch kein Künstler sein. Er hat jemand lieb und tut ihm weh, er stellt sich als verachte er alle Zufriedenen, aber es ist Haß gegen ihn selber, weil er nicht zufrieden sein kann. So ist er. Und Ihnen hat er Freundlichkeit gezeigt, so gut er es eben kann.«
Ich schwieg hartnäckig.
»Sie brauchen ihn vielleicht nicht,« fing sie nochmals an, »Sie haben andere Freunde. Aber wenn wir jemand sehen, der leidet und im Leiden ungebärdig ist, so sollen wir ihn schonen und ihm etwas zu gut halten.«
Ja, dachte ich, das sollte man, und allmählich, wie das Gehen in der Nacht mich kühlte, lag zwar die eigene Wunde noch offen und rief nach Hilfe, aber mehr und mehr mußte ich den Worten der Marion und meinen Dummheiten von heut abend nachdenken, mich als einen traurigen Hund erkennen und in der Stille Abbitte tun. Es ergriff mich, da der Weinmut verflogen war, eine unangenehme Rührung, mit der ich abwehrend kämpfte, ohne mehr viel zu der schönen Frau zu sagen, die nun selber erregt und ungewissen Herzens neben mir durch die halbdunkeln Straßen lief, wo da und dort in der toten, schwarzen Fläche plötzlich ein Laternenspiegel aus dem nassen Boden aufblickte. Ich dachte daran, daß ich meine Geige bei Muoth hatte liegen lassen; und zwischenein erwachte ich wieder zum Erstaunen und Schrecken über alles. Da war diesen Abend so vieles anders geworden. Dieser Heinrich Muoth, und der Violinist Kranzl, und wieder die herrliche Marion, die Königinnen spielte, die waren alle von ihren Sockeln herabgestiegen. An ihrem olympischen Tische saßen nicht Götter und Selige, sondern arme Menschen, der eine klein und komisch, der andere bedrückt und eitel, Muoth elend und fieberhaft in törichter Selbstquälerei, die hohe Frau klein und arm als Geliebte eines stürmenden Genießers ohne Heiterkeit, dabei still und gütig und des Leidens kundig. Ich selber schien mir verändert, war nicht mehr ein einfacher Mensch, sondern war allen verwandt, hatte an jedem brüderliche und an jedem feindliche Züge gesehen, konnte hier nicht lieben und dort nicht verabscheuen, sondern schämte mich meines wenigen Verstehens und spürte zum erstenmal in meiner leichten Jugend so deutlich, daß man durchs Leben und durch die Menschen nicht so einfach gehen könne, da mit Haß und da mit Liebe, da mit Verehrung und dort mit Verachtung, sondern daß alles durcheinander und beieinander wohne, kaum getrennt und in Augenblicken kaum unterscheidbar. Ich sah die Frau an, die an meiner Seite ging und nun auch ganz still geworden war, als fände sie im Herzen nun doch auch manches anders beschaffen, als sie es gemeint und gesagt hatte.
Am Ende kamen wir vor ihr Haus, sie streckte mir die Hand her, die ich leise nahm und küßte. »Schlafen Sie gut!« sagte sie freundlich, aber ohne Lächeln.
Das tat ich auch, ich kam nach Hause und ins Bett, ich weiß nicht wie, und schlief sofort und schlief noch ein ungewohntes Stück in den Morgen hinein. Dann stand ich auf wie das Männlein aus der Schachtel, machte meine Turnübung, wusch mich und griff nach den Kleidern; und erst wie ich am Stuhl den Gehrock hängen sah und meinen Geigenkasten vermißte, fiel mir gestern wieder ein. Ich war indes ausgeschlafen und anderen Sinnes als in der Nacht, und konnte an die Gedanken der Nacht nicht anknüpfen; es blieb mir nur die Erinnerung an sonderbar kleine, nur nach innen wirksame Erlebnisse, und ein Erstaunen darüber, daß ich nun doch unverwandelt und derselbe wie immer dastand.
Ich wollte arbeiten, aber meine Geige war nicht da. So ging ich aus, anfangs noch unentschlossen, dann entschieden in der gestrigen Richtung, und kam an Muoths Wohnung. Schon vom Gartentor aus hörte ich ihn singen, der Hund fiel mich an und ward von der alten Frau, die schnell herauskam, mit Mühe zurückgeführt. Mich ließ sie eintreten, ich sagte ihr, ich wolle nur meine Geige holen und den Herrn nicht stören. Im Vorzimmer stand mein Geigenkasten und die Geige lag darin, auch die Noten waren dazugelegt. Das mußte Muoth getan haben, er hatte an mich gedacht. Nebenan sang er laut, ich hörte ihn weich wie auf Filzsohlen hin und wieder gehen, zuweilen Töne am Flügel anschlagend. Seine Stimme klang frisch und hell, beherrschter als ich sie oft auf der Bühne gehört hatte, er sang eine mir unbekannte Rolle, wiederholte häufig und ging rasch im Zimmer auf und ab.
Ich hatte meine Sachen an mich genommen und wollte gehen. Ich war ruhig und fühlte mich von der Erinnerung an gestern kaum berührt. Doch war ich neugierig, ihn zu sehen, ob auch er sich verändert habe, und trat näher, und ohne es ganz zu wollen, hatte ich auf einmal den Türgriff in der Hand, und hatte darauf gedrückt, und stand in der offenen Türe.
Muoth drehte sich im Singen um. Er war im Hemde, in einem sehr langen weißen feinen Hemd, und sah frisch aus, als habe er eben gebadet. Ich erschrak nun, zu spät, daß ich ihn so überrascht habe. Er schien jedoch weder verwundert, daß ich ohne Klopfen eingetreten war, noch schien er zu wissen, daß er keine Kleider anhatte. Als wäre alles wie es sein müsse, bot er mir die Hand und fragte: »Haben Sie schon gefrühstückt?« Dann, da ich ja gesagt hatte, nahm er am Flügel Platz.
»Die Rolle soll ich singen! Da hören Sie die Arie! Das ist ein Gemüse! Wird in der königlichen Hofoper aufgeführt, mit Büttner und der Duelli! Aber das interessiert Sie nicht, und mich eigentlich auch nicht. Wie geht's denn? Haben Sie ausgeruht? Sie haben kaput ausgesehen, als Sie gestern gingen. Und bös waren Sie mir auch. Nun ja. Wir wollen die Dummheiten nicht gleich wieder anfangen.«
Und gleich darauf, ohne daß ich etwas dazwischen sagen konnte: »Wissen Sie, der Kranzl ist ein Langweiler. Er will Ihre Sonate nicht spielen.«
»Er hat sie doch gestern gespielt.«
»Im Konzert, meine ich. Ich wollte sie ihm aufhängen, aber er mag nicht. Es wäre gut gewesen, wenn sie nächsten Winter in so eine Matinee gekommen wäre. Der Kranzl ist nicht so dumm, wissen Sie, aber faul. Er spielt immerzu diese polakischen Musiken von insky und owsky, was Neues lernt er nicht gern.«
»Ich glaube nicht,« fing ich nun an, »daß die Sonate in ein Konzert paßt, das habe ich mir auch nie eingebildet. Sie ist technisch noch gar nicht sauber.«
»Das ist doch Wurst! Ihr mit Eurem Künstlergewissen! Wir sind doch keine Schulmeister, und es werden ohne Zweifel schlechtere Sachen gespielt, gerade von Kranzl. Aber ich weiß was anderes. Das Lied müssen Sie mir geben, und machen Sie doch bald noch mehr! Ich gehe im Frühjahr hier weg, ich habe gekündigt, und mache lange Ferien. In der Zeit möchte ich ein paar Konzerte geben, aber was Neues, nicht mit Schubert und Wolf und Löwe und dem, was man alle Abend hört, sondern neue und unbekannte Sachen, ein paar wenigstens, solche wie das Lawinenlied. Was meinen Sie?«
Für mich war die Aussicht, meine Lieder von Muoth öffentlich gesungen zu sehen, ein Tor in die Zukunft, durch dessen Spalt ich lauter Herrlichkeiten sah. Eben deswegen wollte ich vorsichtig sein und weder Muoths Freundlichkeit mißbrauchen noch mich ihm allzusehr verpflichten. Es schien mir, er wolle mich gar zu gewaltsam an sich ziehen, blenden und vielleicht irgendwie vergewaltigen. Darum ging ich kaum darauf ein.
»Ich will sehen,« sagte ich. »Sie sind sehr gütig mit mir, das sehe ich, aber ich kann nichts versprechen. Ich bin am Ende meiner Studien und muß jetzt an gute Zeugnisse denken. Ob ich einmal als Komponist auftreten kann, ist ungewiß, einstweilen bin ich Geiger und muß sehen, wie ich beizeiten zu einer Stellung komme.«
»Ach ja, das alles können Sie ja tun. Darum kann Ihnen doch einmal wieder ein solches Lied einfallen, das Sie mir dann geben, nicht?«
»Ja, das wohl. Ich weiß freilich nicht, warum Sie sich meiner so annehmen.«
»Haben Sie Angst vor mir? Mir gefällt einfach Ihre Musik, ich möchte Sachen von Ihnen singen und verspreche mir davon etwas, es ist reiner Eigennutz.«
»Wohl, aber warum reden Sie so mit mir, so wie gestern meine ich?«
»Ach, sind Sie noch beleidigt? Was habe ich denn eigentlich gesagt? Ich weiß es rein nimmer. Jedenfalls wollte ich Sie nicht schlecht behandeln, wie ich es scheints getan habe. Sie können sich ja wehren! Es redet und ist jeder, wie er ist und sein muß, und man muß einander gelten lassen.«
»Das meine ich auch, aber Sie tun das Gegenteil, Sie reizen mich und lassen nichts gelten, was ich sage. Sie ziehen das, woran ich selber ungern denke und was mein Geheimnis ist, hervor und werfen es mir hin, wie einen Vorwurf. Sie spotten sogar über mein steifes Bein!«
Heinrich Muoth sagte langsam: »Ja, ja, ja. Die Leute sind eben verschieden. Den einen macht es wild, wenn man Wahrheiten sagt, und der andere kann keine Phrasen vertragen. Sie hat es geärgert, daß ich Sie nicht wie einen Intendanten behandle, und mich hat es geärgert, daß Sie sich vor mir versteckten und mir die Sprüche über den Trost der Kunst anhängen wollten.«
»Das war gemeint wie ich es sagte; ich bin nur nicht gewohnt über diese Sachen zu reden. Und über das andere *will* ich eben nicht reden. Wie es in mir aussieht und ob ich traurig bin oder verzweifelt, und wie mein Bein mir vorkommt und meine Krüppelschaft, das will ich für mich behalten und mir von niemand herausdrohen und herausspotten lassen.«
Er stand auf.
»Ich habe ja noch gar nichts an, ich will das schnell besorgen. Sie sind ein anständiger Mensch, das bin ich leider nicht. Wir wollen darüber nimmer so viel reden. Haben Sie denn gar nichts davon gemerkt, daß ich Sie gern habe? Warten Sie ein wenig, setzen Sie sich ans Klavier, bis ich angezogen bin. Singen Sie nicht? -- Nicht? Nun, es dauert nur sechs Minuten.«
Wirklich kam er sehr bald angekleidet aus dem Nebenzimmer zurück.
»Jetzt gehen wir in die Stadt und essen miteinander,« sagte er behaglich. Er fragte nicht, ob es mir auch passe, er sagte: »Wir gehen,« und wir gingen. Denn so empfindlich seine Art mich ärgerte, sie imponierte mir doch, er war der Stärkere. Daneben zeigte er im Gespräch und Benehmen eine launenhafte Kindlichkeit, die oft entzückend war und ganz mit ihm versöhnte.
Von da an sah ich Muoth oft, er sandte mir häufig Billette für die Oper, bat mich manchmal bei ihm zu geigen, und wenn mir nicht alles an ihm gefiel, so ließ er sich doch auch von mir nicht wenig gefallen. Es entstand eine Freundschaft, damals meine einzige, und ich begann mich beinahe auf die Zeit zu fürchten, wo er nicht mehr da sein würde. Er hatte wirklich gekündigt und ließ sich, trotz einiger Bemühungen und Zugeständnisse, nicht halten. Zuweilen deutete er an, er werde im Herbst vielleicht einen Ruf an eine große Bühne haben, doch blieb das vorläufig unbesprochen. Inzwischen kam der Frühling heran.
Eines Tages fand ich mich zum letzten Herrenabend bei Muoth ein, wir stießen auf Wiedersehen und Zukunft an, es war diesmal keine Frau dabei. Muoth begleitete uns in der Morgenfrühe an die Gartenpforte, winkte uns nach und kehrte fröstelnd im Morgennebel in seine schon halb ausgeräumte Wohnung zurück, von dem springenden und bellenden Hunde begleitet. Mir aber schien ein Stück Leben und Erfahrung nun abgetan; ich glaubte Muoth genug zu kennen, um sicher zu sein, daß er uns alle bald vergessen werde, und erst jetzt fühlte ich ganz klar und unbeirrt, daß ich den dunklen, launischen, herrischen Mann doch richtig lieb hatte.
Indessen kam auch für mich der Abschied. Ich tat meine letzten Gänge nach Orten und Menschen, die ich in gutem Gedächtnis zu behalten gesonnen war, ich ging auch noch einmal auf den Höhenweg hinauf und schaute den Hang hinunter, den ich ohnehin nicht vergessen hätte.
Und ich reiste ab, nach Hause, einer unbekannten und wahrscheinlich langweiligen Zukunft entgegen. Eine Stellung hatte ich nicht, selbständig Konzerte geben konnte ich nicht, in der Heimat erwarteten mich nur, zu meinem Schrecken, einige Schüler, denen ich Violinstunden geben sollte. Wohl erwarteten mich auch die Eltern, und sie waren reich genug, daß ich ohne Sorgen sein konnte, auch fein und gütig genug, daß sie mich nicht drängten und fragten, was nun aus mir werden solle. Aber daß ich es hier nicht lange aushalten würde, wußte ich von Anfang an.
Von den zehn Monaten, in denen ich nun zu Hause saß, drei Schülern Stunden gab und trotz allem gar nicht unglücklich war, weiß ich nichts zu erzählen. Es lebten auch hier Menschen, es geschah auch hier täglich irgend etwas, aber mein Verhältnis zu alle dem bestand nur in einer freundlich höflichen Gleichgültigkeit. Nichts ging mir ans Herz, nichts nahm mich mit. Dagegen lebte ich in aller Stille, entrückte seltsame Stunden der Musik, wo mein ganzes Leben erstarrt und mir entfremdet schien und nur ein Hunger nach Musik übrig blieb, der mich während der Violinstunden oft unerträglich peinigte und gewiß zu einem bösen Lehrer machte. Nachher aber, wenn meine Pflicht getan war, oder ich mit List und Lüge mich um meine Stunden gedrückt hatte, sank ich tief in herrlich unwirkliche Träume, baute nachtwandlerisch an kühnen Tongebäuden, trieb freche Türme in die Lüfte, wölbte tiefschattende Kuppeln und ließ spielende Ornamente leicht und genußvoll wie Seifenblasen steigen.