Part 15
Es war noch nicht spät, als wir ein Ende machten. Als wir durch das Nebenzimmer gingen, wo nur eine einsame elektrische Lampe glühte, hielt Muoth mich am Arm zurück, entzündete alle Lichter und nahm den Vorhang von Gertruds Bild, das da lehnte. Wir blickten noch einmal in das liebe, klare Gesicht, dann deckte er das Tuch darüber und löschte. Er begleitete mich in mein Zimmer und legte mir noch ein paar Zeitschriften auf den Tisch, falls ich lesen wolle. Dann gab er mir die Hand und sagte leise: »Gute Nacht, Lieber!«
Ich ging zu Bett und lag noch eine halbe Stunde wach, in Gedanken an ihn. Es hatte mich gerührt und beschämt zu hören, wie treulich er sich aller kleinen Erlebnisse unserer Freundschaft erinnerte. Er, dem es schwer fiel Freundschaft zu zeigen, hing an denen, die er liebte, inniger als ich gedacht hatte.
Danach schlief ich ein und träumte durcheinander von Muoth, von meiner Oper und vom Herrn Lohe. Als ich erwachte, war es noch Nacht. Ich war an einem Schrecken erwacht, der nichts mit meinen Träumen zu tun hatte, sah mattgrau das bleiche Viereck des Fensters dämmern und fühlte eine quälende Beklemmung, richtete mich im Bette auf und versuchte vollends wach und klar zu werden.
Da geschahen rasche, kräftige Schläge an meine Tür, ich sprang auf und öffnete, es war kalt und ich hatte noch kein Licht gemacht. Draußen stand der Diener, nur notdürftig angekleidet, und starrte mich aus erschreckten, dummen Augen ängstlich an.
»Kommen Sie!« flüsterte er keuchend. »Kommen Sie! Es ist ein Unglück geschehen.«
Ich zog nur einen Schlafrock an, der eben da hing, und folgte dem jungen Manne die Treppe hinab. Er öffnete eine Türe, trat zurück und ließ mich eintreten. Da stand auf einem kleinen Rohrtische ein Leuchter, in dem drei dicke Kerzen brannten, und daneben ein zerwühltes Bett, und darin sah ich, auf dem Gesichte liegend, meinen Freund Muoth.
»Wir müssen ihn umdrehen,« sagte ich leise.
Der Diener traute sich nicht recht heran.
»Der Arzt muß gleich kommen,« sagte er stotternd.
Aber ich zwang ihn anzufassen und wir wendeten den Liegenden um, und ich sah meinem Freunde in das Gesicht, das war weiß und verzogen, und sein Hemd war voll Blut, und als wir ihn legten und wieder zudeckten, zuckte sein Mund ganz leicht, und die Augen hatten keinen Blick mehr.
Der Diener fing jetzt eifrig an zu erzählen, aber ich wollte nichts wissen. Als der Arzt kam, war Muoth schon tot. In der Frühe telegraphierte ich an Imthor, dann kehrte ich in das stille Haus zurück, saß am Bett des Toten, hörte den Wind draußen in den Bäumen gehen und wußte erst jetzt genau, wie lieb ich diesen armen Menschen gehabt hatte. Bedauern konnte ich ihn nicht, sein Sterben war leichter gewesen als sein Leben.
Am Abend stand ich am Bahnhof und sah den alten Imthor aus dem Zuge steigen, und hinter ihm eine hohe, schwarz gekleidete Frau, und führte sie hinaus zu dem Toten, der nun angekleidet und aufgebahrt lag, zwischen den Blumen von gestern. Da bückte sich Gertrud und küßte ihn auf den blassen Mund.
Als wir an seinem Grabe standen, sah ich eine hübsche, große Frau mit verweintem Gesicht, die Rosen in den Händen hatte und allein stand, und als ich neugierig hinschaute, war es Lotte. Sie nickte mir zu, und ich lächelte. Gertrud aber hatte nicht geweint, sie schaute aus einem bleichen schmalen Gesicht überwach und streng vor sich in den leisen Regen, der im Wind versprühte, und hielt sich gerade wie ein junger Baum, als stünde sie auf unerschütterten Wurzeln. Es war aber nur Notwehr, und zwei Tage später, als sie zu Hause Muoths Blumen auspackte, die unterdessen angekommen waren, brach sie zusammen und blieb eine lange Zeit für uns alle unsichtbar.
Auch in mir kam die Betrübnis erst spät zu ihrem Recht. Und wie es immer geht, es fielen mir unzählige Gelegenheiten ein, bei denen ich meinem toten Freunde Unrecht getan hatte. Nun, das Schlimmste hatte er sich selber angetan, und nicht erst mit seinem Tode. Ich dachte viel über diese Dinge nach und konnte nicht finden, daß in diesem Schicksal etwas unklar und unbegreiflich wäre, doch war alles darin grausam und höhnisch. Es war mit meinem eigenen Leben nicht anders, und mit dem Leben Gertruds und Vieler. Das Schicksal war nicht gut, das Leben war launisch und grausam, es gab in der Natur keine Güte und Vernunft. Aber es gibt Güte und Vernunft in uns, in uns Menschen, mit denen der Zufall spielt, und wir können stärker sein als die Natur und als das Schicksal, sei es auch nur für Stunden. Und wir können einander nahe sein, wenn es not tut, und einander in verstehende Augen sehen, und können einander lieben und einander zum Trost leben.
Und manchmal, wenn die finstere Tiefe schweigt, können wir noch mehr. Da können wir für Augenblicke Götter sein, befehlende Hände ausstrecken und Dinge schaffen, die vordem nicht waren und die, wenn sie geschaffen sind, ohne uns weiter leben. Wir können aus Tönen und aus Worten und aus andern gebrechlichen wertlosen Dingen Spielwerke erbauen, Weisen und Lieder voll Sinn und Trost und Güte, schöner und unvergänglicher als die grellen Spiele des Zufalls und Schicksals. Wir können Gott im Herzen tragen, und zu Zeiten, wenn wir seiner innig voll sind, kann er aus unsern Augen und aus unsern Worten schauen und auch zu andern reden, die ihn nicht kennen oder kennen wollen. Wir können unser Herz dem Leben nicht entziehen, aber wir können es so bilden und lehren, daß es dem Zufall überlegen ist und auch dem Schmerzlichen ungebrochen zuschauen kann.
So habe ich in den Jahren, seit Heinrich Muoth begraben ist, ihn mir tausendmal wieder lebendig gemacht und klüger und liebreicher mit ihm reden können als je im Leben. Und ich sah, als die Zeit da war, meine alte Mutter sich legen und sterben, und sah auch die schöne, lustige Brigitte Teiser sterben, die nach Jahren des Wartens und Verheilens einen Musiker geheiratet und das erste Kindbett nicht überlebt hat.
Gertrud hat ihren Schmerz überwunden, der sie damals überfiel, da unsre Blumen als Gruß und Werbung eines Toten zu ihr kamen. Ich rede nicht oft mit ihr darüber, obwohl ich sie jeden Tag sehe. Aber ich glaube, sie blickt in ihren Frühling wie in ein fernes, in ehemaligen Reisetagen gesehenes Tal zurück und nicht wie in einen verlorenen Garten Eden. Sie hat ihre Kraft und Heiterkeit wiedergefunden, sie singt auch wieder. Doch hat sie seit dem kalten Kuß auf des Toten Lippen keinen Mann wieder geküßt. Einmal, zweimal im Gang der Jahre, da ihr Wesen gesundet war und in der alten herben Blüte duftete, gingen meine Gedanken den alten verbotenen Weg ihr nach und dachten: warum nicht? Heimlich wußte ich aber die Antwort schon, und daß an meinem und ihrem Leben nichts mehr zu korrigieren war. Sie ist mein Freund, und wenn ich nach unruhig einsamen Zeiten aus meiner Stille hervortrete und ein Lied oder eine Sonate habe, gehört es zuerst uns beiden. Muoth hat recht gehabt, man ist beim Altwerden zufriedener als in der Jugendzeit, die ich darum nicht schmähen will, denn sie klingt mir dennoch in allen Träumen wie ein herrliches Lied herüber, und klingt heute reiner und lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.
Ende.
Druck von Hesse & Becker in Leipzig Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik Niefern bei Pforzheim Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig