Gertrud

Part 14

Chapter 144,019 wordsPublic domain

Es war mir merkwürdig und unheimlich, die schöne stolze Frau, die ich immer voll Kraft und Heiterkeit und innerer Ruhe gesehen hatte, nun scheu und im Kern ihres Empfindens erschüttert zu finden. Manchmal kam sie zu meiner Mutter, fragte freundlich nach unsrem Ergehen, saß neben der alten Frau eine kleine Weile auf dem grauen Divan und versuchte zu plaudern, und ich hörte mit brechendem Herzen zu und sah, wie sie Mühe hatte, ein Lächeln aufzubringen. Der Schein wurde aufrecht erhalten, als wisse weder ich noch irgend jemand von ihrem Leid oder als hielten wir es nur für Nervosität und äußere Schwäche. So vermochte ich kaum ihr in die Augen zu blicken, in denen der uneingestandene Jammer, von dem ich nichts wissen sollte, so deutlich geschrieben stand. Und wir sprachen und lebten und gingen aneinander vorbei, als wäre alles wie immer, und schämten uns doch vor einander und wichen einander aus! und mitten in dieser traurigen Wirrnis des Fühlens packte mich hie und da mit plötzlicher Fieberglut die Vorstellung, daß ihr Herz ihrem Manne nicht mehr gehöre und frei sei, und daß es nun an mir sei, sie nicht abermals verloren gehen zu lassen, sondern sie für mich zu gewinnen und vor allem Sturm und Leide an meinem Herzen zu bergen. Dann schloß ich mich ein, spielte die heiße werbende Musik meiner Oper, die ich plötzlich wieder liebte und verstand, lag glühende Nächte verlangend und dürstend und litt alle lächelnd überwundene Qual der Jugend und unerfüllbaren Begehrens noch einmal und nicht minder schwer als damals, da ich zuerst für sie gebrannt und ihr jenen einzigen, unvergessenen Kuß gegeben hatte. Der loderte mir wieder auf den Lippen und sengte die Ruhe und Entsagung von Jahren in Stunden zu Asche.

Nur in Gertruds Gegenwart sank die Flamme in sich zusammen. Selbst wenn ich töricht und unedel genug gewesen wäre, meinem Verlangen zu folgen und ohne Rücksicht auf ihren Mann, der mein Freund war, um ihr Herz zu werben, ich hätte unter den Blicken dieser leidenden, zarten, eigensinnig in ihren Schmerz verbissenen Frau mich schämen müssen, ihr anders als mit Mitleid und vorsichtiger Schonung entgegen zu kommen. Auch wurde sie, je mehr sie litt und vielleicht an Hoffnung verlor, desto stolzer und unnahbarer. Sie trug ihre hohe Gestalt und den feinen, dunkelblonden Kopf so steil und nobel wie nie und erlaubte keinem von uns durch die leiseste Geberde ihr nahe zu treten und tragen zu helfen.

Diese langen schweigsamen Wochen sind vielleicht die schwersten in meinem Leben gewesen. Hier Gertrud, mir nahe und doch unerreichbar, und kein Weg zu ihr, die allein bleiben wollte; dort Brigitte, von deren Liebe zu mir ich wußte und mit der nach längerem Vermeiden langsam wieder ein erträglicher Umgang sich anspann; und zwischen uns allen meine alte Mutter, die uns leiden sah und alles ahnte und sich nichts zu sagen getraute, da ich selber hartnäckig schwieg und es nicht über mich vermochte, ein Wort von meinem Zustande zu sagen. Das schlimmste war aber dieses tödliche Zusehenmüssen, die hilflose Überzeugung, daß meine nächsten Freunde sich zugrunde richteten, ohne daß ich nur merken lassen durfte, ich wisse darum.

Am schwersten schien Gertruds Vater zu leiden. Seit ich ihn vor Jahren als einen klugen, strammen, stillheiteren alten Herrn hatte kennen lernen, war er älter geworden, anders geworden, sprach leiser und unruhiger, machte keine Scherze mehr und sah sorgenvoll und elend aus. Ich ging eines Tages im November zu ihm, mehr um Neues zu hören und selber Hoffnung zu schöpfen, als ihm tröstliche Gesellschaft zu leisten.

Er empfing mich in seiner Schreibstube, gab mir eine von seinen kostbaren Zigarren und begann die Unterhaltung in einem höflich leichten Ton, der ihm Mühe machte und den er bald fallen ließ. Mit betrübtem Lächeln sah er mich an und sagte: »Sie wollen fragen, wie es geht? Schlecht, lieber Herr, schlecht. Das Kind hat wohl mehr getragen als wir wissen, sonst fände sie sich besser zurecht. Ich bin entschieden für eine Scheidung, aber sie will nichts davon hören. Sie liebt ihn, wenigstens sagt sie es, und hat doch Furcht vor ihm! Das ist nicht gut. Sie ist krank, das Kind, sie macht die Augen zu, will nichts mehr sehen und meint, es müsse schon besser werden, wenn man nur warte und sie in Ruhe lasse. Das ist ja nervös, natürlich, aber sie scheint doch tiefer krank zu sein. Denken Sie, sie fürchtet manchmal sogar, ihr Mann möchte sie mißhandeln, wenn sie wieder zu ihm ginge! Und doch meint sie ihn zu lieben.«

Er schien sie nicht zu verstehen und sah den Dingen hilflos zu. Mir war ihr Leiden wohl begreiflich, als ein Kampf zwischen Liebe und Stolz. Sie fürchtete nicht, von ihm geschlagen zu werden; sie fürchtete, ihn nicht mehr achten zu können, und in ihrem ängstlichen Warten hoffte sie wieder Kraft zu finden. Sie hatte ihn beherrscht und im Bann gehalten, sich dabei aber so erschöpft, daß sie ihrer Kraft dazu nicht mehr traute; das war ihre Krankheit. Nun sehnte sie sich nach ihm und fürchtete doch ihn ganz zu verlieren, wenn ein neuer Versuch des Zusammenlebens nicht gelänge. Ich sah nun deutlich, wie unnütz und verblendet meine frechen Liebesphantasien gewesen waren; Gertrud liebte ihren Mann und würde nie mit einem andern gehen.

Der alte Imthor vermied es, über Muoth zu sprechen, da er mich ihm befreundet wußte. Aber er haßte ihn und konnte nicht begreifen, wie er Gertrud habe betören können, er dachte an ihn wie an einen bösen Zauberer, der Unschuldige einfängt und nimmer hergibt. Nun, die Leidenschaft ist immer ein Rätsel und unerklärbar, und leider ist es gewiß, daß das Leben seine schönsten Kinder nicht schont und daß häufig die herrlichsten Menschen gerade das lieben müssen, was sie zugrunde richtet.

In dieser Trübe traf mich ein kurzer Brief von Muoth wie eine Erlösung. Er schrieb: »Lieber Kuhn! Deine Oper wird ja jetzt überall gespielt, vielleicht besser als hier. Es wäre trotzdem hübsch, wenn Du wieder einmal kämest, zum Beispiel nächste Woche, wo ich Deine Rolle zweimal singe. Du weißt, meine Frau ist krank und ich bin allein hier. Du würdest also ungeniert bei mir wohnen. Bring aber niemand mit! Herzlich Dein Muoth.«

Er schrieb so selten Briefe und so gar nie unnötige, daß ich sofort entschlossen war zu reisen. Er mußte mich nötig haben. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, es Gertrud mitzuteilen. Vielleicht war das die rechte Gelegenheit den Bann zu brechen, vielleicht würde sie mir einen Brief oder ein gutes Wort für ihn mitgeben, vielleicht ihn herbitten, vielleicht sogar selber mitkommen. Es war nur ein Einfall, und ich führte ihn nicht aus. Ich besuchte nur ihren Vater vor der Abreise.

Es war ein schlechter, nasser und stürmischer Spätherbst, von München aus sah man zuweilen für eine Stunde die nahen Berge im jungen Schnee liegen, die Stadt war trüb und verregnet. Ich fuhr sogleich nach Muoths Hause. Da war alles wie vor einem Jahre, derselbe Diener, dieselben Räume, dieselbe Stellung der Möbel, nur sah alles unbewohnt und leer aus, auch fehlten die Blumen, für welche Gertrud sonst gesorgt hatte. Muoth war nicht da, der Diener führte mich in mein Zimmer und half mir auspacken; ich kleidete mich um und ging, da der Hausherr noch ausblieb, in das Musikzimmer hinab, wo ich hinter den Doppelfenstern die Bäume brausen hörte und Zeit hatte, an Vergangenes zu denken. Je länger ich saß und die Bilder anschaute und in Büchern herumblätterte, desto trauriger ward mir ums Herz, als sei diesem Hause nicht mehr zu helfen. Unwillig setzte ich mich an den Flügel, um die nutzlosen Gedanken los zu werden, und ich spielte mein Hochzeitspräludium, als könne ich damit das gewesene Gute zurückrufen.

Endlich hörte ich rasche, schwere Tritte nebenan und Heinrich Muoth kam herein. Er bot mir die Hand und sah mich ermüdet an.

»Verzeih,« sagte er, »ich hatte im Theater zu tun. Du weißt ja, ich singe heut abend. Wir wollen jetzt essen, nicht?«

Er ging voran und ich fand ihn verändert, er war zerstreut und gleichgültig, sprach nur vom Theater und schien kein andres Gespräch zu wünschen. Erst nach Tische, als wir schweigsam und beinahe verlegen in den gelben Rohrsesseln einander gegenüber saßen, fing er unerwartet an: »Das ist schön von dir, daß du gekommen bist! Ich will mich auch heut abend extra anstrengen.«

»Danke,« sagte ich. »Du siehst nicht gut aus.«

»Meinst du? Nun, wir wollen schon vergnügt sein. Ich bin ja Strohwitwer, weißt du.«

»Ja.«

Er blickte zur Seite.

»Du weißt nichts von Gertrud?«

»Nichts besonderes. Sie ist eben immer noch nervös und schläft nicht gut --«

»Ja, lassen wir's! Sie ist ja bei euch in guten Händen.«

Er stand auf und ging durchs Zimmer. Es schien, als ob er noch etwas sagen wolle, er sah mich prüfend und, wie es mir vorkam, mißtrauisch an.

Dann lachte er und ließ es ungesagt.

»Die Lotte ist auch wieder aufgetaucht,« begann er von neuem.

»Die Lotte?«

»Ja, die damals bei dir war und mich verklagt hat. Sie ist hier und verheiratet, und es scheint, sie interessiert sich noch für mich. Sie war da und hat einen richtigen Besuch gemacht.«

Er sah mich wieder listig an und lachte, als er mich erschrecken sah.

»Hast du sie empfangen?« fragte ich zögernd.

»Ah, du traust es mir zu! Nein, Werter, ich habe sie fortschicken lassen. Aber verzeih, ich rede dummes Zeug. Ich bin so verdammt müde, und abends muß ich singen. Wenn du erlaubst, lege ich mich drüben für eine Stunde hin und schlafe.«

»Gut, Heinrich, ruh dich aus, ich fahre ein wenig in die Stadt. Willst du mir einen Wagen kommen lassen?«

Ich mochte nicht wieder stumm in diesem Hause sitzen und dem Wind in den Bäumen zuhören. Ich fuhr in die Stadt, ohne Ziel, und geriet in die alte Pinakothek. Dort schaute ich eine halbe Stunde lang bei dem trüben grauen Licht die alten Bilder an, dann wurde geschlossen und ich wußte nichts Besseres, als in einem Café die Zeitungen zu lesen und durch die hohen Scheiben auf die verregnete Straße zu schauen. Ich nahm mir vor, um jeden Preis diese Kühle zu durchbrechen und aufrichtig mit Heinrich zu reden.

Aber als ich zurückkehrte, fand ich ihn lächelnd und wohlgelaunt.

»Es hat nur am Schlaf gefehlt,« sagte er munter. »Jetzt bin ich wieder ganz frisch. Du mußt mir etwas spielen, gelt? Das Präludium, wenn du so gut sein willst.«

Erfreut und erstaunt, ihn so rasch verändert zu sehen, tat ich ihm den Willen, und nach dem Spielen plauderte er wie früher, mit Ironie und leiser Skepsis, ließ seine Laune farbig spielen und gewann mein Herz wieder ganz. Die erste Zeit unserer Freundschaft fiel mir ein, und als wir abends das Haus verließen, schaute ich mich unwillkürlich um und fragte: »Du hast keine Hunde mehr?«

»Nein. -- Gertrud mochte sie nicht.«

Wir fuhren nun schweigend ins Theater. Ich begrüßte den Kapellmeister und ließ mir einen Platz anweisen. Wieder hörte ich die wohlbekannte Musik, doch war alles anders als das letztemal. Ich saß allein in meiner Loge, Gertrud war fort, und der da unten spielte und sang, war auch ein anderer. Er sang mit Leidenschaft und Gewalt, das Publikum schien ihn in dieser Rolle zu lieben und ging von Anfang an lebhaft mit. Mir aber schien sein Feuer übertrieben und seine Stimme gesteigert, beinahe roh. In der ersten Pause ging ich hinab und suchte ihn auf. Da saß er wieder in seiner Kammer und trank Champagner, und bei den paar Worten, die wir wechselten, waren seine Augen unstet, wie die eines Angetrunkenen. Ich suchte nachher, während Muoth sich umkleidete, den Kapellmeister auf.

»Sagen Sie,« bat ich ihn, »ist Muoth krank? Mir scheint, er hat sich mit Champagner aufrecht gehalten. Sie wissen, er ist mein Freund.«

Der Mann sah mich zweifelnd an.

»Ob er krank ist, weiß ich nicht. Aber daß er sich kaput macht, ist ja klar. Er ist manchmal fast betrunken auf die Bühne gekommen, und wenn er einmal nicht trinkt, spielt er schlecht und singt miserabel. Er hat schon früher immer vor dem Auftreten ein Glas Sekt genommen, aber jetzt tut er's nicht unter einer ganzen Flasche. Wenn Sie ihm raten wollen -- -- es wird aber wenig zu machen sein. Der Muoth macht sich mit Gewalt kaput.«

Muoth holte mich ab und wir nahmen im nächsten Wirtshaus ein Abendessen. Er war wieder, wie am Mittag, abgespannt und unzugänglich, trank ohne Maß von dem dunklen Rotwein, da er sonst nicht schlafen könne, und sah aus, als wolle er um jeden Preis vergessen, daß es auf der Welt noch andere Dinge als seine Müdigkeit und sein Schlafbedürfnis gäbe.

Unterwegs im Wagen erwachte er für einen Augenblick, lachte mich an und rief: »Junge, wenn ich nimmer da bin, kannst du deine Oper einsalzen, die Rolle kann außer mir niemand singen.«

Andern Tages stand er spät auf und war dann müde und erschlafft, mit unsicheren Augen und grauem Gesicht. Nach seinem Frühstück nahm ich ihn vor und redete in ihn ein.

»Du bringst dich um,« sagte ich betrübt und unmutig. »Du machst dich mit Champagner frisch und mußt es nachher natürlich büßen. Ich kann mir denken, warum du es tust, und ich würde nichts dagegen sagen, wenn du nicht eine Frau hättest. Der bist du schuldig, daß du dich außen und innen sauber und tapfer hältst.«

»So?« lächelte er schwach und scheinbar durch meinen Eifer belustigt. »Und was ist denn sie mir schuldig? Hält sie sich denn tapfer? Sie sitzt beim Papa und läßt mich allein. Warum soll ich mich zusammennehmen, wenn sie es nicht tut? Die Leute wissen ja schon, daß es nichts mehr zwischen uns ist, und du weißt es auch. Nebenher soll ich auch noch singen und den Leuten den Hanswurst machen, das geht nicht aus dem Leeren und aus dem Ekel heraus, den ich an allem habe, an der Kunst am meisten.«

»Du mußt trotzdem anders anfangen, Muoth! Wenn du noch glücklich dabei wärst! Aber es geht dir ja miserabel. Wenn dir das Singen zu viel wird, so nimm Urlaub, den kriegst du sofort; du hast ja auch das Geld, um das du singst, gar nicht nötig. Geh in die Berge, oder ans Meer, oder irgendwohin, und werde wieder gesund! Und laß doch das dumme Trinken! Es ist nicht bloß dumm, es ist feig, das weißt du wohl.«

Er lächelte nur. »Gut,« sagte er kühl. »So geh doch du einmal und tanz einen Walzer! Es würde dir gut tun, glaub mir! Denk doch nicht immer an dein dummes Bein, das ist nur Einbildung!«

»Laß doch,« rief ich ungehalten. »Du weißt genau, daß das etwas anderes ist. Ich würde sehr gern tanzen, wenn ich könnte, aber ich kann nicht. Du aber könntest recht gut dich zusammennehmen und gescheiter sein. Das Trinken mußt Du unbedingt lassen!«

»Unbedingt! Lieber Kuhn, ich möchte fast lachen. Ich kann so wenig anders werden und das Trinken lassen als du tanzen kannst. Ich muß bei dem bleiben, was mich noch notdürftig bei Leben und Laune erhält, verstehst du? Trinker pflegen bekehrt zu werden, wenn sie bei der Heilsarmee oder irgendwo etwas finden, was sie noch besser und dauernder befriedigt. Es hat für mich so etwas gegeben, das sind die Frauen gewesen. Mit andern Frauen kann ich mich nimmer einlassen, seit die meine mein war und mich verlassen hat, also -- --«

»Sie hat dich nicht verlassen! Sie kommt wieder. Sie ist nur krank.«

»Das meinst du, und das meint sie selber, ich weiß. Aber sie kommt nicht zurück. Wenn ein Schiff versinken soll, pflegen vorher die Ratten es zu verlassen. Sie wissen wahrscheinlich auch nicht, daß das Schiff kaput geht. Sie fühlen sich nur von einem unangenehmen Schauder berührt und laufen fort, gewiß mit der guten Absicht, bald wiederzukommen.«

»Ach rede nicht so! Du bist schon oft am Leben verzweifelt und es ist doch wieder gegangen.«

»Richtig. Es ist gegangen, weil ich einen Trost oder eine Betäubung fand. Einmal war es eine Frau, einmal ein lieber Freund -- ja, du hast mir den Dienst auch schon getan! -- ein andermal die Musik oder das Klatschen im Theater. Nun, und jetzt freuen eben diese Sachen mich nimmer, und darum trinke ich. Ich könnte nicht singen ohne ein paar Gläser vorher, aber ich kann auch nicht denken und reden und leben und mich erträglich fühlen -- ohne ein paar Gläser vorher. Und jetzt kurz -- das Predigen mußt du lassen, so gut es dir steht. Es war schon einmal so, vor zwölf Jahren ungefähr. Da hat mir auch einer gepredigt und nicht nachgelassen, es war wegen eines Mädels, und zufällig war's mein bester Freund -- --«

»Und dann?«

»Dann hat er mich genötigt, ihn hinauszuwerfen, und dann hatte ich lange keinen Freund mehr, eigentlich bis du dann kamst.«

»Das ist deutlich.«

»Gelt?« sagte er milde. »Du hast nun die Wahl. Aber ich will dir sagen, es wäre nicht schön, wenn du mir jetzt auch drausliefest. Ich habe dich gern, du, und ich habe mir ausgedacht, daß du auch eine Freude haben sollst.«

»So. Was denn?«

»Sieh, du hast ja meine Frau gern -- oder wenigstens gern gehabt, und ich hab sie auch gern, sogar sehr. Nun wollen wir heut abend ein Fest geben, nur für dich und mich, zu ihren Ehren. Nämlich, es ist ein Grund dazu vorhanden. Ich habe sie malen lassen, sie mußte im Frühjahr immer zu dem Maler hingehen, ich war oft dabei. Dann reiste sie fort, das Bild war fast fertig. Der Maler wollte sie noch einmal sitzen haben, aber jetzt habe ich das Warten satt bekommen und das Bild bestellt, wie es halt ist. Das ist vor einer Woche gewesen, und jetzt ist ein Rahmen drum und das Bild ist gestern ins Haus gekommen. Ich hätte dir's gleich gezeigt, aber es ist besser, daß das festlich geschieht. Freilich, ohne einigen Champagner wird es nicht gut gehen, wie soll ich sonst vergnügt werden! Ist dir's recht?«

Ich fühlte hinter seinem Scherzen Rührung, ja Tränen verborgen und stimmte munter ein, obwohl mir nicht so zumute war. Unser Fest zu Ehren der Frau, die ihm so ganz verloren schien, wie sie es mir wirklich war, wurde vorbereitet.

»Kannst du dich noch an ihre Blumen erinnern?« fragte er mich. »Ich verstehe von Blumen nichts und weiß nicht, wie sie heißen. Sie hatte immer solche weiß und gelbe, und auch rote. Weißt du nimmer?«

»Ja, einige weiß ich noch. Warum?«

»Du mußt sie kaufen. Laß einen Wagen kommen, ich muß ohnehin auch in die Stadt. Wir wollen es so machen, wie wenn sie da wäre.«

So fiel ihm noch manches ein, woran ich sah, wie tief und unablässig er an Gertrud gedacht hatte. Es tat mir wohl und weh, es zu merken. Ihretwegen hielt er keine Hunde mehr und lebte einsam, der sonst nie lang ohne Frauen hatte sein können. Er hatte ihr Bild bestellt, er hieß mich ihre Blumen kaufen! Das war als nehme er eine Maske ab und ich sähe hinter den harten selbstsüchtigen Zügen ein Kindergesicht versteckt.

»Aber,« wandte ich noch ein, »wir sollten das Bild doch lieber jetzt ansehen oder am Nachmittag. Bilder muß man doch bei Tageslicht sehen.«

»Ach was, du kannst es ja morgen noch lang genug anschauen. Es ist ja hoffentlich eine gute Malerei, aber im Grund ist uns das doch ganz einerlei, wir wollen doch bloß sie sehen.«

Nach Tische fuhren wir in die Stadt und kauften ein, vor allem die Blumen, einen großen Strauß Chrysanthemen, einen Korb Rosen und ein paar Büsche weißen Flieder. Dabei fiel es ihm ein, auch eine große Sendung Blumen an Gertrud nach R. schicken zu lassen.

»Es ist doch etwas Schönes um Blumen,« sagte er nachdenklich. »Ich begreife, daß Gertrud sie gern hat. Sie gefallen mir auch, nur kann ich keine Sorgfalt für so etwas aufbringen. Wenn keine Frau danach sah, war es bei mir immer unordentlich und nicht recht behaglich.«

Am Abend fand ich im Musikzimmer das neue Bild aufgestellt und mit einem Seidentuche verhängt. Wir hatten festlich getafelt und Muoth begehrte nun zuerst das Hochzeitspräludium zu hören. Nachdem ich es gespielt hatte, enthüllte er das Bild, und wir standen eine Weile schweigend davor. Gertrud war in einem hellen sommerlichen Kleide gemalt, in ganzer Figur, und blickte uns aus den klaren Augen vertraulich an, und es dauerte eine Zeit, ehe wir einander ansehen und die Hände geben konnten. Muoth schenkte zwei Gläser voll Rheinwein, nickte dem Bilde zu, und wir tranken auf sie, an die wir beide dachten. Dann nahm er das Bild sorglich in die Arme und trug es hinaus.

Ich bat ihn, etwas zu singen, doch wollte er nicht.

»Weißt du noch,« sagte er lächelnd, »wie wir damals vor meiner Hochzeit einen Abend beieinander saßen? Jetzt bin ich ja wieder Junggesell und wir wollen noch einmal versuchen, mit den Gläsern zu läuten und ein bißchen vergnügt zu sein. Dein Teiser sollte dabei sein, der versteht sich auf die Fröhlichkeit besser als ich und du. Du mußt ihn schön grüßen, wenn du wieder heimkommst. Er kann mich ja nicht leiden, aber trotzdem -- --.«

Mit der vorsichtigen, gehaltenen Heiterkeit, mit der er immer seine guten Stunden gekostet hatte, begann er zu plaudern und mich an Vergangenes zu erinnern, und ich war erstaunt, wie alles, auch Kleines und Zufälliges, was ich bei ihm längst vergessen glaubte, unverloren in seiner Erinnerung lebte. Auch den allerersten Abend, den ich bei ihm und Marion mit Kranzl und den andern zugebracht hatte, und unsern damaligen Streit hatte er nicht vergessen. Nur von Gertrud sprach er nicht; die Zeit, seit der sie zwischen uns getreten war, ließ er unberührt, und mir war es lieb.

Ich freute mich über diese unerwartet schönen Stunden, ließ ihn auch dem guten Wein reichlich zusprechen, ohne ihn zu mahnen. Ich wußte, wie selten solche Stimmungen bei ihm waren, wie er sie selber hütete und hegte, wenn sie einmal kamen, und sie kamen freilich nie ohne Wein. Ich wußte auch, daß das nicht lange dauern konnte, daß er morgen wieder verdrossen und unzugänglich sein werde; dennoch kam auch in mir eine herzliche Wärme und beinahe fröhliche Stimmung auf, indessen ich seinen gescheiten, nachdenklichen, wenn auch widerspruchsvollen Betrachtungen zuhörte. Dabei warf er mir zuweilen einen seiner schönen Blicke zu, die er nur in solchen Stunden hatte und die wie die Blicke eines eben Erwachenden mitten aus einem Traum zu kommen schienen.

Einmal, als er schwieg und sann, begann ich ihm zu erzählen, was mein Theosoph mir über die Krankheit des Einsamseins gesagt hatte.

»So?« sagte er gutmütig. »Und du hast es natürlich geglaubt? Du hättest überhaupt Theolog werden sollen.«

»Warum? Es kann doch was daran sein.«

»Natürlich. Die gescheiten Herren weisen immer von Zeit zu Zeit nach, daß alles nur Einbildung sei. Weißt du, ich habe früher oft solche Bücher gelesen, und ich kann dir sagen, es ist nichts damit, absolut nichts. Alles, was diese Philosophen schreiben, ist nur eine Spielerei, vielleicht trösten sie sich selber damit. Der eine erfindet den Individualismus, weil er seine Zeitgenossen nicht leiden mag, und der andere den Sozialismus, weil er es allein nicht aushält. Es kann ja sein, daß unser Einsamkeitsgefühl eine Krankheit ist. Nur wird damit nichts anders. Das Nachtwandeln ist auch eine Krankheit, deswegen steht so ein Kerl doch tatsächlich in der Dachrinne, und wenn man ihn anschreit, bricht er das Genick.«

»Nun, das ist doch etwas anderes.«

»Meinetwegen, ich will nicht recht haben. Ich meine nur, mit der Weisheit kommt man zu nichts. Es gibt nur zwei Weisheiten, alles zwischen drin ist Geschwätz.«

»Was für zwei Weisheiten meinst du?«

»Nun, entweder ist die Welt schlecht und lumpig, wie es die Buddhisten und Christen sagen. Dann muß man sich kasteien, auf alles verzichten, und ich glaube, man kann dabei ganz zufrieden werden. Asketen haben kein so schweres Leben, wie man meint. Oder aber ist die Welt und das Leben gut und recht, dann kann man nur eben mitmachen und nachher ruhig sterben, weil es dann fertig ist..«

»Und an was glaubst du selber?«

»Das muß man niemand fragen. Die meisten Leute glauben beides, je nachdem das Wetter ist und sie gesund sind und Geld im Sack haben oder nicht. Und die, die wirklich glauben, leben nicht danach. So ist es bei mir auch. Ich glaube nämlich wie Buddha, daß das Leben nichts wert ist. Aber ich lebe doch, wie es meinen Sinnen wohl tut und wie wenn die die Hauptsache wären. Wenn es nur vergnüglicher wäre!«