Part 13
»Da fehlt ja eine Flöte!« rief er gleich bei der ersten Orchesterprobe so laut, daß der Dirigent unwillig herüberschaute.
»Die haben wir streichen müssen,« sagte ich lächelnd.
»Die Flöte? Gestrichen? Ja warum denn? So eine Viecherei! Paß auf, die verdudeln dir deine ganze Ouvertüre.«
Ich mußte lachen und ihn mit Gewalt zurückhalten, so wild ging er ins Zeug. Aber bei seiner Lieblingsstelle in der Ouvertüre, wo Bratschen und Celli einsetzten, lehnte er mit geschlossenen Augen zurück, drückte meine Hand krampfhaft und flüsterte nachher beschämt: »Ja, das hat mir fast nasse Augen gemacht. Sakrisch fein ist's.«
Die Sopranrolle hatte ich noch nicht singen hören. Nun war es mir merkwürdig und wehmütig, sie zum erstenmal von einer fremden Stimme zu vernehmen. Die Sängerin machte es gut und ich sagte ihr sogleich meinen Dank, aber im Herzen dachte ich an die Nachmittage, da Gertrud diese Worte gesungen hatte, und hatte ein Gefühl uneingestandenen traurigen Mißbehagens, wie wenn man ein liebes Besitztum weggegeben hat und nun zum erstenmal in fremden Händen sieht.
Gertrud sah ich in diesen Tagen wenig, sie beobachtete mein Fieber lächelnd und ließ mich in Ruhe. Ich hatte mit den Teisers einen Besuch bei ihr gemacht, da hatte sie Brigitte, die zu der schönen, vornehmen Frau bewundernd aufsah, mit heiterer Zärtlichkeit aufgenommen. Seither schwärmte das Mädchen für die schöne Frau und sang ihr Lob, in das auch der Bruder einstimmte.
An die beiden Tage vor der Aufführung kann ich mich nicht mehr genau erinnern, es war alles in mir durcheinander geraten. Dazu kamen andere Aufregungen, ein Sänger wurde heiser, ein anderer war beleidigt, keine größere Rolle zu haben, und benahm sich bei den letzten Proben sehr übel, der Dirigent wurde immer gemessener und kälter, je mehr ich noch zu sagen hatte. Muoth stand mir gelegentlich bei, lächelte seelenruhig zu dem Tumult und war mir in dieser Lage mehr wert als der gute Teiser, der wie ein Feuerteufel hin und wider fuhr und überall zu mäkeln hatte. Brigitte sah mich ehrfurchtsvoll, doch auch mit einigem Bedauern an, wenn wir in ruhigen Stunden gedrückt und ziemlich schweigsam im Hotel beisammen saßen.
Nun, die Tage vergingen und es kam der Abend der Aufführung. Während sich das Haus füllte, stand ich hinter der Bühne, ohne doch mehr das Geringste tun oder raten zu können. Schließlich hielt ich mich zu Muoth, der schon im Kostüm war und in einem Stübchen oder Winkel abseits des Lärmens langsam eine halbe Flasche Champagner leerte.
»Willst du ein Glas?« fragte er teilnehmend.
»Nein,« sagte ich. »Regt dich denn das nicht auf?«
»Was? Der Spektakel draußen? Das ist immer so.«
»Ich meine den Sekt.«
»O nein, der macht mich ruhig. Ein Glas oder zwei nehme ich immer, wenn ich etwas leisten will. Aber jetzt geh, es wird Zeit.«
Ich wurde von einem Diener in eine Loge gebracht, wo ich schon Gertrud und beide Teisers sowie einen hohen Herrn von der Theaterleitung antraf, der lächelnd grüßte.
Gleich darauf hörten wir das zweite Glockenzeichen. Gertrud schaute mich freundlich an und nickte mir zu. Teiser, der hinter mir saß, ergriff meinen Arm und kniff mich verzweifelt. Das Haus wurde dunkel und aus der Tiefe stieg feierlich meine Ouvertüre zu mir herauf. Jetzt wurde ich ruhiger.
Und jetzt erhob sich und erklang vor mir wohlbekannt und doch fremd mein Werk, das meiner nimmer bedurfte und sein eigenes Leben hatte. Lust und Mühe der vergangenen Tage, Hoffnungen und schlaflose Nächte, Leidenschaft und Sehnsucht jener Zeit standen losgelöst und verkleidet mir gegenüber, die Erregungen heimlicher Stunden klangen frei und werbend in das Haus an tausend fremde Herzen. Muoth kam und hob mit geschonter Kraft an, wuchs und gab sich her und sang mit seiner dunklen, unwilligen Glut, und die Sängerin gab Antwort in hohen, schwebenden, lichten Tönen. Da kam eine Stelle, die hatte ich noch genau so im Ohr, wie ich sie von Gertrud einmal gehört hatte, und sie war eine Huldigung für sie und ein leises Bekenntnis meiner Liebe gewesen. Ich wandte den Blick und sah ihr in die stillen, reinen Augen, die mich verstanden und freundlich grüßten, und in einem Augenblick fühlte ich den ganzen Sinn meiner Jugend wie den feinen Duft einer reifen Frucht mich berühren.
Von da an war ich ruhig und sah und hörte zu wie ein Gast. Beifall klang herauf, die Sänger und Sängerinnen erschienen am Vorhang und verneigten sich, Muoth wurde häufig gerufen und lächelte kühl ins erleuchtete Haus hinab. Man drang auch in mich, daß ich mich zeigen solle; doch war ich allzu benommen und hatte auch keine Lust, aus meiner angenehmen Verborgenheit hervorzuhinken.
Teiser hingegen lachte wie eine Morgensonne, umarmte mich und schüttelte auch dem hohen Herrn von der Theaterleitung unverlangt beide Hände.
Das Bankett war bereit und hätte uns auch nach einem Mißerfolg erwartet. Wir fuhren in Wagen hin, Gertrud mit ihrem Mann, ich mit den Teisers. Auf der kurzen Fahrt begann Brigitte, die noch kein Wort gesagt hatte, plötzlich zu weinen. Sie wehrte sich anfangs und wollte widerstehen, hielt aber dann die Hände vors Gesicht und ließ die Tränen laufen. Ich mochte nichts sagen und war verwundert, daß Teiser gleichfalls schwieg und keine Frage an sie tat. Er legte nur den Arm um sie und brummte wohlwollend und tröstend, wie man ein Kind beruhigt.
Als nachher das Händeschütteln und die Glückwünsche und Trinksprüche kamen, blinzte Muoth mich sarkastisch an. Man fragte angelegentlich nach meiner nächsten Arbeit und war enttäuscht als ich sagte, es sei ein Oratorium. Dann stieß man auf meine nächste Oper an, die aber bis heute nicht geschrieben ist.
Erst sehr spät in der Nacht, als wir uns losgemacht hatten und schlafen gingen, konnte ich Teiser fragen, was seiner Schwester fehle und warum sie geweint habe. Sie selber war längst zu Bett gegangen. Mein Freund sah mich prüfend und etwas verwundert an, schüttelte den Kopf und pfiff, bis ich meine Frage wiederholte.
»Du bist doch ein Huhn, ein blindes,« sagte er dann vorwurfsvoll. »Hast du denn nie was gemerkt?«
»Nein,« sagte ich mit aufsteigender Ahnung der Wahrheit.
»Nun, ich darf es schon sagen. Das Mädel hat dich gern gehabt, schon lang. Natürlich, sie hat mirs nie gesagt, so wenig wie dir, aber gemerkt hab ich's und, offen gestanden, gefreut hätte mich's, wenn's was geworden wär.«
»O weh!« sagte ich, aufrichtig traurig. »Aber was war nun das heut abend?«
»Daß sie geheult hat? Du bist doch ein Kind! Ja meinst, wir hätten nichts gesehen?«
»Was denn?«
»Lieber Gott! Du brauchst mir ja nichts davon zu sagen und es ist recht, daß du's nie getan hast; aber dann hättest du auch die Frau Muoth nicht so anschauen sollen. Jetzt wissen wir's eben.«
Ich bat ihn nicht, mein Geheimnis zu schonen, ich war seiner sicher. Leise legte er mir seine Hand auf die Schulter.
»Ich kann mir jetzt auch allerlei denken, Freundl, was du in diesen Jahren geschluckt und uns verschwiegen hast. Es ist mir früher auch einmal ähnlich gegangen. Wir wollen jetzt brav zusammenhalten und schöne Musik machen, gelt? Und schauen, daß das Mädel sich tröstet. Da, gib mir die Hand, schön ist's gewesen! Und auf Wiedersehen daheim! Ich fahr' mit dem Mädel morgen in der Frühe.«
Damit trennten wir uns, doch kam er nach wenigen Augenblicken noch einmal zurückgelaufen und sagte eindringlich: »Du, bei der nächsten Aufführung muß aber die Flöte wieder rein, gelt?«
So endete der Freudentag, und jeder von uns lag noch lange erregt in Gedanken wach. Ich dachte an Brigitte. Die war nun alle diese Zeit in meiner Nähe gewesen und ich hatte nichts als gute Kameradschaft mit ihr gehabt und haben wollen, gerade wie Gertrud mit mir, und als sie meine Liebe zu der andern erraten hatte, war es für sie dasselbe wie es damals für mich gewesen war, als ich den Brief bei Muoth entdeckte und den Revolver lud. Und so traurig es mich machte, mußte ich doch darüber lächeln.
Die Tage, die ich noch in München blieb, brachte ich zumeist bei Muoths hin. Es war kein Zusammensein mehr wie jene ersten Nachmittage, da wir drei zuerst miteinander gespielt und gesungen hatten; aber es gab doch im Nachglanz der Aufführung ein wortloses, gemeinsames Denken an jene Zeit und ein gelegentliches Aufleuchten auch zwischen ihm und Gertrud. Als ich Abschied genommen hatte, sah ich von draußen noch eine Weile auf das stille Haus in den winterlichen Bäumen, hoffte dort noch manchmal einzukehren und hätte gern mein bißchen Zufriedenheit und Glück hingegeben, um den beiden drinnen von neuem und für immer zueinander zu helfen.
Nach der Heimkehr empfing mich, wie Heinrich mir vorausgesagt hatte, der Ruf des Erfolges mit vielen unangenehmen und zum Teil lächerlichen Folgen. Die Geschäfte waren leicht abzuwälzen, indem ich die Oper einem Agenten überließ. Aber es kamen auch Besuche, Zeitungsleute, Verleger, törichte Briefe, und es dauerte einige Zeit, bis ich mich an die kleinen Lasten eines rasch bekannt gewordenen Namens gewöhnte und mich von der ersten Enttäuschung erholte. Die Menschen machen ihre Rechte an einen bekannt gewordenen Namen auf merkwürdige Art geltend, da ist kein Unterschied zwischen Wunderkind, Komponist, Dichter, Raubmörder. Der eine will sein Bild haben, der andere seine Handschrift, der dritte bettelt um Geld, jeder junge Kollege schickt seine Arbeiten ein, schmeichelt gewaltig und bittet um ein Urteil, und antwortet man nicht oder sagt man seine Meinung, so wird derselbe Verehrer plötzlich bitter, grob und rachsüchtig. Die Zeitschriften wollen das Bild des Mannes abdrucken, die Zeitungen erzählen von seinem Leben, seiner Herkunft, seinem Aussehen. Schulkameraden bringen sich in Erinnerung und entfernte Verwandte wollen schon vor Jahren gesagt haben, daß ihr Vetter noch einmal berühmt werde.
Unter den Briefen dieser Art, die mich in Verlegenheit und Bedrängnis brachten, war auch einer von Fräulein Schniebel, der uns belustigte, und einer von jemand, an den ich lange nimmer gedacht hatte. Es war die hübsche Liddy, die mir schrieb, jedoch ohne unserer Schlittenfahrt zu erwähnen, sondern ganz im Tone einer alten treuen Freundin. Sie hatte einen Musiklehrer in ihrer Heimat geheiratet und gab mir ihre Adresse, damit ich recht bald alle meine Kompositionen mit einer hübschen Widmung an sie schicken könne. Sie legte ihr Bildnis bei, das jedoch die wohlbekannten Züge gealtert und vergröbert zeigte, und ich gab ihr möglichst freundlich Antwort.
Doch gehören diese kleinen Dinge zum Untergesunkenen, das keine Spuren läßt. Auch die guten und herrlichen Früchte meines Erfolges, die Bekanntschaft mit edlen und feinen Menschen, die die Musik im Herzen und nicht nur im Munde haben, gehören nicht zu meinem eigentlichen Leben, das nach wie vor in der Stille blieb und sich seither wenig mehr verändert hat. Es bleibt mir nur übrig zu erzählen, welche Wendung das Schicksal meiner nächsten Freunde genommen hat.
Der alte Herr Imthor sah nicht mehr so viel Gesellschaft wie früher, als Gertrud dagewesen war. Aber es gab in seinem Hause zwischen den vielen Bildern alle drei Wochen einen Abend mit auserwählter Kammermusik, den ich regelmäßig besuchte. Ich brachte zuweilen auch Teiser dahin mit. Doch hielt Imthor darauf, daß ich ihn auch sonst besuche. So kam ich manchmal früh am Abend, das war seine Lieblingsstunde, zu ihm in sein einfaches Schreibzimmer, wo ein Bild von Gertrud hing, und da es allmählich zwischen dem alten Herrn und mir zu einem äußerlich kühlen, doch haltbaren Verständnis und Redebedürfnis gekommen war, kam unser Gespräch nicht selten auf das, was uns beide im Herzen am meisten beschäftigte. Ich mußte von München erzählen und verschwieg nicht, welchen Eindruck ich vom Verhältnis der Gatten bekommen hatte. Er nickte dazu.
»Es kann wohl noch alles gut werden«, sagte er seufzend, »aber wir können nichts dazu tun. Ich freue mich auf den Sommer, da habe ich das Kind zwei Monate für mich. In München besuche ich sie selten und nicht gerne, sie hält sich auch so tapfer, daß ich sie nicht stören und weich machen darf.«
Gertruds Briefe brachten nichts Neues. Als sie aber in der Zeit um Ostern zu Besuch beim Alten war und auch uns in unserem Häuschen besuchte, sah sie mager und gespannt aus, und so sehr sie mit uns freundlich war und sich zu verstecken suchte, sahen wir doch oft in ihren ernst gewordenen Augen eine ungewohnte Hoffnungslosigkeit stehen. Ich mußte ihr meine neue Musik spielen, aber als ich sie bat uns etwas zu singen, schüttelte sie den Kopf und sah mich abwehrend an.
»Ein andermal wieder«, sagte sie unsicher.
Wir sahen alle, daß es ihr nicht gut ging, und ihr Vater gestand mir nachher, er habe ihr vorgeschlagen, ganz bei ihm zu bleiben, doch habe sie es nicht angenommen.
»Sie liebt ihn«, sagte ich.
Er zuckte die Achseln und sah mich bekümmert an. »Ach, ich weiß nicht. Wer will sich in dem Elend noch auskennen! Aber sie hat gesagt, es sei seinetwegen, daß sie bei ihm bleibe, er sei so zerstört und unglücklich und brauche sie mehr als er selber wisse. Ihr sage er nichts, aber es stehe ihm im Gesicht geschrieben.«
Dann senkte der Alte die Stimme und sagte ganz leise und beschämt: »Sie meint, er trinke.«
»Ein wenig hat er das immer getan«, sagte ich tröstend, »aber ich habe ihn nie betrunken gesehen. Er hält auf sich. Er ist ein nervöser Mensch, der sich nicht in der Zucht hat, aber an seinem Wesen selber vielleicht mehr leidet als er andre leiden macht.«
Wie furchtbar die beiden schönen, herrlichen Menschen in der Stille litten, wußten wir alle nicht. Ich glaube nicht, daß sie jemals aufgehört haben einander zu lieben. Aber im Grunde ihres Wesens gehörten sie nicht zusammen, sie fanden sich nur in Erregung und im Glanz gesteigerter Stunden. Das heiter ernste Hinnehmen des Lebens, das beruhigte Atmen in der Klarheit des eigenen Wesens hatte Muoth nie gekannt, und Gertrud konnte sein Stürmen und Brüten, sein Fallen und Wiederaufstehen, seinen ewigen Durst nach Selbstvergessen und Rausch nur dulden und bemitleiden, nicht ändern und nicht mitleben. So liebten sie einander und kamen doch nie ganz zusammen, und während er seine stille Hoffnung betrogen sah, durch Gertrud zu Frieden und Genügen zu kommen, mußte sie sehen und leiden, daß ihr Wille und ihr Opfer vergebens war, und daß auch sie ihn nicht trösten und vor sich selbst retten konnte. So war ihnen beiden der geheime Traum und sehnlichste Wunsch zerstört, sie konnten nur mit Opfern und Schonung beisammen bleiben, und es war tapfer, daß sie es taten.
Ich sah Heinrich erst im Sommer wieder, als er Gertrud zu ihrem Vater brachte. Da war er mit ihr und mit mir zart und behutsam, wie ich ihn nie gesehen hatte, und ich merkte wohl, wie er sie zu verlieren fürchtete, und ich fühlte auch, daß er den Verlust nicht ertragen würde. Sie aber war müde und verlangte nichts als Ruhe und stille Tage, um sich wiederzufinden und wieder Kraft und Gleichmut zu gewinnen. Wir brachten einen lauen Abend bei uns im Garten zu. Da saß Gertrud zwischen meiner Mutter und Brigitte, deren Hand sie hielt, Heinrich ging leise zwischen den Rosen hin und wider und ich spielte mit Teiser auf der Terrasse eine Geigensonate. Wie da Gertrud stille ruhte und den Frieden der Stunde atmete, und wie Brigitte verehrend sich an die schöne leidende Frau schmiegte, und wie Muoth geneigt mit leisen Schritten draußen im Schatten ging und horchte, das ist mir als ein unverlierbares Bild in der Seele geblieben. Nachher sagte Heinrich leise scherzend, aber mit traurigen Augen zu mir: »Wie da die drei Frauen beieinander sitzen! Und glücklich sieht von allen dreien nur deine Mutter aus. Wir wollen sehen, daß wir auch so alt werden.«
Dann reisten wir auseinander, Muoth allein nach Bayreuth, Gertrud mit ihrem Vater in die Berge, die Teisers nach Steiermark und ich mit meiner Mutter wieder an die Nordsee. Da ging ich oft am Strande und hörte dem Meere zu und dachte nicht anders als ich es vor Jahren in der ersten Jugend getan hatte, mit Verwunderung und Grauen an die traurig närrischen Wirrnisse des Lebens, daß Liebe vergebens sein kann, und daß Menschen, die es gut miteinander meinen, doch einer am andern vorbei ihr Schicksal leben, jeder sein eigenes, unbegreifliches, und wie jeder den andern helfen und nahe sein möchte und nicht kann, wie in sinnlosen trüben Angstträumen. Und ich dachte oft auch wieder an Muoths Worte über Jugend und Alter und war neugierig, ob auch mir einmal das Leben einfach und klar werden würde. Meine Mutter lächelte dazu, wenn ich im Gespräch daran rührte, und sah wirklich zufrieden aus. Und sie erinnerte mich zu meiner Beschämung an meinen Freund Teiser, der noch nicht alt war und doch alt genug, um seinen Teil erfahren zu haben, und der als ein Kind mit einer Mozartmelodie auf den Lippen unbeschwert dahin lebte. Es lag nicht am Alter, das sah ich wohl, und vielleicht war unser Leid und Nichtwissen doch nur jene Krankheit, von der mir einst Herr Lohe gesprochen hatte. Oder war auch dieser Weise eben ein Kind wie Teiser?
Allein so oder so, mein Denken und Brüten änderte nichts. Wenn mir Musik die Seele bewegte, dann verstand ich ohne Worte doch alles, fühlte in der Tiefe alles Lebens reine Harmonien und glaubte zu wissen, daß ein Sinn und schönes Gesetz in allem Geschehen verborgen sei. Wenn es auch eine Täuschung war, ich lebte doch darin und war darin beglückt.
Vielleicht wäre es besser gewesen, Gertrud hätte sich für den Sommer nicht von ihrem Mann getrennt. Sie begann zwar sich zu erholen und sah wirklich im Herbst, als ich sie nach der Reise wiedersah, gesünder und widerstandsfähiger aus. Aber die Hoffnungen, die wir auf diese Kräftigung bauten, waren Täuschungen.
Gertrud hatte es nun einige Monate bei ihrem Vater gut gehabt, sie hatte ihrem Bedürfnis nach Ruhe nachgeben können und sich diesem stillen Zustand ohne tägliche Kämpfe aufatmend überlassen, wie sich ein Ermüdeter dem Schlaf überläßt, sobald man ihn liegen läßt. Es zeigte sich aber jetzt, daß sie tiefer erschöpft war als wir geglaubt und als sie selber gewußt hatte. Denn jetzt, wo Muoth sie bald wieder abholen sollte, verfiel sie in mutlose Angst, verlor den Schlaf und bat ihren Vater flehentlich, sie noch einige Zeit bei sich zu behalten.
Natürlich war Imthor zwar etwas erschreckt, da er hatte glauben müssen, sie freue sich darauf mit neuer Kraft und neuem Willen zu Muoth zurückzukehren; doch widersprach er nicht und legte ihr sogar vorsichtig den Gedanken an eine vorläufige längere Trennung als Einleitung zu einer späteren Scheidung nahe. Allein dagegen wehrte sie sich mit großer Erregung.
»Ich liebe ihn doch!« rief sie heftig, »und will ihm niemals untreu werden. Es ist nur so schwer, mit ihm zu leben! Ich will nur noch ein wenig Ruhe haben, ein paar Monate vielleicht, bis ich wieder besseren Mut habe.«
Der alte Imthor suchte sie zu beruhigen und hatte selber gar nichts dagegen, sein Kind noch eine Weile behalten zu dürfen. Er schrieb an Muoth, Gertrud sei noch leidend und wünsche noch einige Zeit zu Hause zu bleiben. Leider nahm dieser die Nachricht nicht leicht. In ihm war während der Trennungszeit die Sehnsucht nach seiner Frau überstark geworden, er hatte sich auf sie gefreut und war voll guter Vorsätze, sie wieder ganz zu gewinnen und zu eigen zu bekommen.
Nun traf ihn Imthors Brief als eine schwere Enttäuschung. Er schrieb sogleich leidenschaftlich zurück, voll Argwohn gegen den Schwiegervater. Er glaubte, dieser habe gegen ihn gearbeitet, da er die Trennung der Ehe wünsche, und verlangte eine sofortige Zusammenkunft mit Gertrud, auf deren Wiedergewinnung er sicher hoffte. Der Alte kam mit dem Briefe zu mir und wir überlegten lange, was zu tun sei. Es schien uns beiden richtig, daß eine Zusammenkunft der Gatten im Augenblick vermieden werde, da Gertrud offenbar jetzt keine Stürme ertragen konnte. Imthor war voll Besorgnis und bat mich, selber zu Muoth zu reisen und ihm zuzureden, er möge Gertrud für eine Weile in Ruhe lassen. Ich weiß jetzt, daß ich das hätte tun sollen. Damals hatte ich Bedenken und hielt es für gefährlich, meinen Freund wissen zu lassen, daß ich der Vertraute seines Schwiegervaters und mit Dingen seines Lebens bekannt sei, in die er mich nicht selber hatte einweihen wollen. Ich weigerte mich denn und es blieb bei einem Brief des Alten, der natürlich nichts besserte.
Vielmehr kam Muoth, ohne sich anzumelden, selber hergereist und erschreckte uns alle durch die kaum gezügelte Leidenschaft seiner Liebe und seines Argwohns. Gertrud, die von dem kurzen Briefwechsel nichts wußte, war von dem Besuch des noch nicht Erwarteten und von seiner fast zornigen Erregung völlig überrascht und benommen. Es gab einen peinlichen Auftritt, von dem ich wenig erfahren konnte. Ich weiß nur: Muoth drang in Gertrud, sie möge mit ihm nach München zurückkehren. Sie erklärte sich bereit zu folgen, wenn es nicht anders sein könne, bat aber, sie noch länger bei ihrem Vater zu lassen, sie sei müde und brauche noch Ruhe. Nun warf er ihr vor, sie wolle sich ihm entziehen und sei vom Vater aufgestiftet, wurde bei ihren sanften Erklärungen noch mißtrauischer und war in seinem Anfall von Zorn und Bitterkeit so töricht, ihr kurzerhand die Rückkehr zu ihm zu befehlen. Darauf empörte sich ihr Stolz, sie blieb ruhig, weigerte sich aber, ihn weiter anzuhören und erklärte nun auf alle Fälle hier zu bleiben. Auf diese Szene war am nächsten Morgen eine Art von Versöhnung gefolgt und Muoth hatte, beschämt und reuig, nun alle ihre Wünsche gebilligt. Dann war er wieder abgereist, ohne bei mir vorgesprochen zu haben.
Als ich das hörte, erschrak ich und sah das Übel kommen, das ich von Anfang an gefürchtet hatte. Auf den häßlichen und törichten Auftritt hin, dachte ich mir, mochte es nun lange dauern, bis sie die Heiterkeit und den Mut zur Rückkehr wiederfinden würde. Und er war inzwischen in Gefahr, zu verwildern und ihr trotz aller Sehnsucht noch fremder zu werden. Er würde, allein in dem Hause, in dem er eine Weile glücklich gewesen war, es nicht lange aushalten, er würde verzweifeln, trinken, vielleicht wieder andere Frauen nehmen, die ihm ohnehin nachliefen.
Indessen blieb es still, er schrieb an Gertrud und bat nochmals um Verzeihung, sie gab ihm Antwort und mahnte voll Mitleid und Freundlichkeit zur Geduld. Ich sah sie um diese Zeit wenig. Zuweilen machte ich den Versuch, sie zum Singen zu bewegen, sie schüttelte aber stets den Kopf. Doch traf ich sie mehrmals am Flügel.