Gertrud

Part 11

Chapter 113,796 wordsPublic domain

Am Tage, an dem ich das neue Lied aufgeschrieben und Teiser gezeigt hatte, ging ich abends durch eine Kastanienallee heimwärts, ganz von heraufschwellender Kraft zu neuer Arbeit erfüllt. Noch sahen mich die vergangenen Monate wie aus Maskenaugen in ihrer trostlosen Leere an. Nun schlug mein Herz begehrlich rasch und wollte nicht mehr begreifen, warum es seinem Leide habe entrinnen wollen. Gertruds Bild erhob sich klar und herrlich aus dem Staube und ich sah ihm wieder unerschrocken in die hellen Augen und öffnete mein Herz allen Schmerzen weit. Ach, es war besser um sie zu leiden und den Stachel tiefer in die Wunde zu drücken, als fern von ihr und fern von meinem wahren Leben gespensterhafte Zeiten hinzudämmern! Zwischen den dunklen vollen Wipfeln der breiten Kastanien hing schwarzblau der Himmel und war voll von Sternen, die schwebten alle ernst und golden und strahlten unbekümmert in die Weiten. So taten die Sterne, und die Bäume trugen ihre Knospen und Blüten und Narben frei zur Schau, und mochte es ihnen Lust oder Weh bedeuten, sie gaben sich dem großen Lebenswillen hin. Die Eintagsfliegen schwärmten taumelnd dem Tod entgegen, jedes Leben hatte seinen Glanz und seine Schönheit und ich schaute einen Augenblick hinein und verstand es und hieß es gut, und hieß auch mein Leben und meine Leiden gut.

Im Laufe des Herbstes wurde meine Oper fertig. In dieser Zeit begegnete mir in einem Konzert Herr Imthor. Er begrüßte mich herzlich und etwas verwundert, da er nichts von meinem Aufenthalt in der Stadt wußte. Er hatte nur gehört, mein Vater sei gestorben und ich lebe seither in meiner Heimat.

»Und wie geht es Fräulein Gertrud?« fragte ich möglichst ruhig.

»O, Sie sollten selber kommen und danach sehen. Anfang November soll ihre Hochzeit sein, da rechnen wir ohnehin bestimmt auf Sie.«

»Danke, Herr Imthor. Und was hören Sie von Muoth?«

»Er ist wohl. Sie wissen, ich bin mit der Heirat nicht recht einverstanden. Ich hätte Sie schon lang gerne einmal über Herrn Muoth befragt. Soweit ich ihn kenne, darf ich nicht über ihn klagen. Aber ich hörte so mancherlei über ihn: er soll ja viel mit Frauen zu tun gehabt haben. Können Sie mir darüber etwas sagen?«

»Nein, Herr Imthor. Es hätte ja auch keinen Zweck. Ihre Tochter wird auf Gerüchte hin sich schwerlich anders entschließen. Herr Muoth ist mein Freund und ich gönne es ihm, wenn er sein Glück findet.«

»Ja, ja. Sieht man Sie bald wieder einmal bei uns?«

»Ich denke wohl. Auf Wiedersehen, Herr Imthor.«

Es war noch nicht lange her, da hätte ich alles getan, um die Verbindung der beiden zu hindern, nicht aus Neid oder Hoffnung, Gertrud könnte sich doch noch mir selber zuneigen, sondern weil ich überzeugt war und vorauszufühlen meinte, daß es den beiden nicht gut gehen werde, weil ich an Muoths selbstquälerische Art von Melancholie, an seine Reizbarkeit und Gertruds Zartheit dachte und weil mir Marion und Lotte noch so wohl im Gedächtnis waren.

Jetzt dachte ich anders. Eine Erschütterung meines ganzen Lebens, ein halbes Jahr innerer Einsamkeit und das bewußte Abschiednehmen von der Jugend hatten mich verändert. Ich war jetzt der Meinung, es sei töricht und gefährlich, seine Hand nach anderer Menschen Schicksal auszustrecken, auch hatte ich keine Ursache meine Hand für geschickt und mich für einen Helfer und Menschenkenner zu halten, nachdem meine Versuche in dieser Richtung alle mißglückt waren und mich bitter beschämt hatten. Auch jetzt noch zweifle ich stark an der Fähigkeit des Menschen, sein Leben und das von anderen irgend bewußt zu bilden und zu formen. Man kann Geld erwerben, auch Ehren und Orden, aber Glück oder Unglück erwirbt man nicht, nicht für sich und nicht für andere. Man kann nur hinnehmen, was kommt, und man kann es freilich auf gar verschiedene Weisen hinnehmen. Was mich anging, so wollte ich keine gewaltsamen Versuche mehr machen, mein Leben auf die Sonnenseite hinüber zu spielen, sondern das mir Bestimmte annehmen und nach Vermögen tragen und zum Guten wenden.

Ist nun auch das Leben von solchen Meditationen unabhängig und geht über sie hinweg, so hinterlassen ehrlich gemeinte Entschlüsse und Gedanken doch einen Frieden in der Seele, und helfen das Unabänderliche tragen. Wenigstens nahm mich, wie es mir nachträglich scheinen will, seit meiner Ergebung und seit meiner Erkenntnis von der Gleichgültigkeit meines persönlichen Ergehens das Leben in sanftere Hände.

Daß das, was man mit allem Wollen und Mühen nicht erreichen kann, manchmal unerwartet von selber kommt, erfuhr ich bald darauf an meiner Mutter. Ich schrieb ihr jeden Monat und war seit einiger Zeit ohne Antwort von ihr geblieben. Wäre es ihr schlecht gegangen, so hätte ich es erfahren, darum dachte ich wenig an sie und schrieb meine Briefe weiter, kurze Berichte über mein Ergehen, denen ich jedesmal auch freundliche Grüße an Fräulein Schniebel beifügte.

Diese Grüße nun wurden neuerdings nicht mehr ausgerichtet. Den beiden Frauen war es allzuwohl ergangen und sie hatten die Erfüllung ihrer Wünsche nicht ertragen. Namentlich war dem Fräulein die gute Zeit in die Krone gestiegen. Sie war sofort nach meinem Abgang mit Triumph an der Stätte ihres Sieges eingezogen und hatte ihre Wohnung in unserem Hause aufgeschlagen. Da hauste sie nun bei ihrer alten Freundin und Cousine und empfand es als ein durch lange dürftige Jahre wohlverdientes Glück, als Mitherrin in einem stattlichen Hauswesen sich wärmen und brüsten zu dürfen. Nicht daß sie kostbare Gewohnheiten angenommen und sich auf das Geuden gelegt hätte -- dazu war sie allzulange in gedrückten Verhältnissen und halber Armut gewesen. Sie trug weder feinere Kleider, noch schlief sie auf anderem Linnen; vielmehr begann sie das Hausen und Sparen nun erst recht, da es sich lohnte und etwas zum Sparen da war. Aber worauf sie nicht verzichten wollte, das war Macht und Einfluß. Die beiden Mägde mußten ihr nicht minder gehorchen als meiner Mutter, auch gegen Dienstleute, Handwerker, Briefträger wußte sie herrschaftlich aufzutreten. Und allmählich, da ja Leidenschaften nicht durch Erfüllungen zu löschen sind, dehnte sie ihre Herrschlust auch auf Dinge aus, in denen meine Mutter weniger bereitwillig nachgeben konnte. Sie wollte die Besuche, die meine Mutter bekam, ebenso auf sich selbst bezogen wissen und nicht leiden, daß jene einen empfing, ohne sie dabei zu haben. Sie wollte die Briefe, namentlich die von mir, nicht auszugsweise mitgeteilt erhalten, sondern selber lesen. Und schließlich entdeckte sie, daß im Hause meiner Mutter manches gar nicht so gehalten und besorgt und regiert wurde, wie sie es richtig fand. Vor allem schien ihr die Bewachung der Dienstboten nicht streng genug. War eine Magd des Abends außer Hause, unterhielt sich eine andere zu lange mit dem Briefträger, bat die Köchin um einen freien Sonntag, so rügte sie die Nachgiebigkeit meiner Mutter aufs Strengste und hielt ihr lange Reden über die richtige Führung eines Hauswesens. Ferner tat es ihr bitter weh, zu sehen, wie oft und gröblich die Regeln der Sparsamkeit verletzt wurden. Da wurden schon wieder Kohlen ins Haus geführt, da standen zu viele Eier auf der Abrechnung der Köchin! Sie trat mit Ernst und Eifer dagegen auf, und hier nahm die Veruneinigung der Freundinnen ihren Anfang.

Nämlich das Bisherige hatte meine Mutter sich gerne gefallen lassen, wenn sie auch nicht mit allem einverstanden und in manchen Dingen von der Freundin, deren Verhältnis zu ihr sie sich anders mochte gedacht haben, enttäuscht war. Jetzt dagegen, wo alte und ehrwürdig gewordene Gewohnheiten des Hauses in Gefahr kamen, wo ihre tägliche Bequemlichkeit und der Hausfriede zu leiden begann, konnte sie ihre Einwendungen nicht zurückhalten und machte sich wehrhaft, worin sie freilich der Freundin es nicht gleichtun konnte. Es gab Auseinandersetzungen und kleine freundschaftliche Zankereien, und als die Köchin den Dienst aufsagte und von meiner Mutter nur mit Mühe und vielen Versprechungen, ja fast Abbitten gehalten werden konnte, begann die Machtfrage im Hause zu einem wirklichen Kriege zu führen.

Das Fräulein Schniebel, stolz auf ihre Kenntnisse, ihre Erfahrungen, ihre Sparsamkeit und wirtschaftlichen Tugenden, konnte nicht einsehen, daß man ihr für alle diese Qualitäten keinen Dank wisse und fühlte sich so sehr im guten Recht, daß sie mit einer Kritik der bisherigen Wirtschaftsführung, einem Tadel für die Hausfrauenkunst meiner Mutter und einer mitleidigen Verachtung für die Gebräuche und Eigenheiten des ganzen Hauses nicht mehr hinterm Berge hielt. Nun berief sich die Hausfrau auf meinen Vater, unter dessen Leitung und nach dessen Art es so viele Jahre lang im Hause gut gegangen war. Er hatte Kleinlichkeit und ängstliche Sparsamkeit nicht geduldet, er hatte den Dienstboten Freiheit und Rechte gegönnt, er hatte Mägdegezänk und Verdrossenheit gehaßt. Als aber meine Mutter sich auf ihn berief, an dem sie früher wohl auch gelegentlich zu kritisieren gehabt hatte, der aber seit seinem Tode ihr zum Heiligen geworden war, da konnte Fräulein Schniebel nicht schweigen und erinnerte spitzig daran, wie sie schon längst ihre Meinung über den Seligen gehabt und geäußert habe, und meinte, es sei jetzt wohl an der Zeit, in dem Schlendrian einzuhalten und Vernunft walten zu lassen. Sie habe ja aus Schonung für ihre Freundin nicht an das Andenken des Verewigten rühren wollen; da diese aber selber sich auf ihn beziehe, müsse sie gestehen, daß allerdings der alte Herr an manchen Übelständen im Hause schuld sei, daß sie aber nicht einsehe, warum das nun, da sie freie Hand hätten, weiter so bleiben solle.

Das war für meine Mutter ein Schlag ins Gesicht, den sie der Kusine nicht vergaß. Früher war es ihr ein Bedürfnis und ein Genuß gewesen, hie und da im Gespräch mit dieser Vertrauten etwa zu klagen und ihrem Hausherrn einiges am Zeug zu flicken; jetzt aber ertrug sie nicht den mindesten Schatten auf seinem verklärten Bilde und begann die beginnende Revolution im Hause nicht nur als störend, sondern vor allem als eine Versündigung an dem Seligen zu empfinden.

So war es gegangen, ohne daß ich davon erfuhr. Als jetzt zum erstenmal ein Brief meiner Mutter diesen Unfrieden im Vogelkäfig andeutete, wenn auch noch schonend und vorsichtig, machte die Sache mich lachen. Ich ließ in meinem nächsten Schreiben die Grüße an die Jungfer weg, ging aber nicht auf die Andeutungen ein und dachte, die Frauen möchten besser ohne mich fertig werden. Auch kam anderes dazwischen, das mich weit mehr beschäftigte.

Es war Oktober geworden und der Gedanke an Gertruds bevorstehende Hochzeit ließ mich nicht mehr los. Ich hatte ihr Haus nicht wieder besucht und sie selber nicht wieder gesehen. Nach der Hochzeit, wenn sie fort wäre, dachte ich den Verkehr mit ihrem Vater wieder aufzunehmen. Auch hoffte ich, es werde sich zwischen ihr und mir mit der Zeit wieder ein gutes, vertrauliches Verhältnis herstellen, wir waren einander schon zu nahe gewesen, um einfach das Gewesene ausstreichen zu können. Nur jetzt hatte ich noch nicht den Mut zu einer Begegnung, welcher sie, wie ich sie kannte, nicht ausgewichen wäre.

Da pochte es eines Tages auf eine wohlbekannte Art an meiner Türe. Ahnungsvoll und verwirrt sprang ich auf und öffnete, und da stand Heinrich Muoth und streckte mir die Hand entgegen.

»Muoth!« rief ich und hielt die Hand fest, und ich konnte nicht in seine Augen sehen, ohne daß alles in mir aufwachte und wehe tat. Ich sah wieder den Brief auf seinem Tische liegen, den Brief mit Gertruds Handschrift, und sah mich wieder von ihr Abschied nehmen und den Tod wählen. Da stand er nun und blickte mich forschend an. Er sah etwas gemagert aus, doch schön und stolz wie je.

»Ich hatte dich nicht erwartet,« sagte ich leise.

»So? Daß du zu Gertrud nicht mehr gekommen bist, weiß ich schon. Meinetwegen -- lassen wir das alles unbesprochen! Ich bin da um zu sehen, wie du lebst und was deine Arbeit macht. Was ist denn mit der Oper!«

»Die ist fertig. Aber zuerst: Wie geht es Gertrud?«

»Gut. Wir haben ja bald Hochzeit.«

»Ich weiß.«

»Ja. Besuchst du sie nicht bald einmal?«

»Später, doch. Ich will sehen, ob sie es auch gut bei dir hat.«

»Hm...«

»Heinrich, verzeih, aber ich muß manchmal an die Lotte denken, die du schlecht gehalten und geschlagen hast.«

»Laß die Lotte! Es geschah ihr recht. Es bekommt kein Weib Schläge, das keine haben will.«

»Nun ja. Also die Oper. Ich weiß noch gar nicht, wo ich sie zuerst einreichen soll. Es müßte eine gute Bühne sein, aber ob die das Ding nehmen wird?«

»Sie wird schon. Ich wollte darüber mit dir sprechen. Bring sie nach München! Angenommen wird sie wahrscheinlich, man interessiert sich für dich, und im Notfall stehe ich dafür ein. Ich möchte sehr gern, daß kein anderer meine Rolle vor mir singt.«

Damit war mir gedient. Ich sagte gern zu und versprach, bald für Abschriften zu sorgen. Wir besprachen Einzelheiten und sprachen verlegen weiter, als sei es uns todeswichtig, und doch wollten wir nichts als die Zeit hinbringen und vor der Kluft, die sich zwischen uns aufgetan hatte, die Augen schließen.

Muoth brach den Bann zuerst.

»Du,« sagte er, »weißt du noch, wie du mich damals zu den Imthors mitgenommen hast? Es ist ein Jahr her.«

»Ich weiß noch,« sagte ich, »und du brauchst mich nicht zu erinnern, du. Geh lieber!«

»Nein, Freund. Also du erinnerst dich noch. Nun, wenn du damals schon das Mädchen lieb gehabt hast, warum hast du nicht ein Wort zu mir gesagt? Warum hast du nicht gesagt: Laß sie in Ruh, laß sie mir! Es wäre genug gewesen, ich hätte auch eine Andeutung verstanden.«

»Das durfte ich nicht.«

»Durftest du nicht? Warum nicht? Wer hieß dich zusehen und den Mund halten, bis es zu spät war?«

»Ich konnte ja nicht wissen, ob sie mich lieb habe. Und auch dann -- wenn du ihr lieber bist, kann ich doch nichts machen.«

»Du bist ein Kind! Sie wäre mit dir vielleicht glücklicher geworden! Es hat doch jeder das Recht, sich eine Frau zu erobern. Und wenn du mir gleich anfangs ein Wort gesagt hättest, einen kleinen Wink gegeben hättest, ich wäre weggeblieben. Nachher war's natürlich zu spät.«

Mir war diese Unterredung peinlich.

»Ich denke anders darüber,« sagte ich, »und du kannst ja zufrieden sein, nicht? Also laß mich in Ruhe! Sag ihr einen Gruß und ich würde Euch dann in München besuchen.«

»Zur Hochzeit magst du nicht kommen?«

»Nein, Muoth, das wäre geschmacklos. Aber -- laßt Ihr Euch kirchlich trauen?«

»Natürlich, im Münster.«

»Das ist mir lieb. Ich habe etwas für die Gelegenheit zurecht gelegt, ein Orgelvorspiel. Keine Sorge, es ist ganz kurz.«

»Du bist ein lieber Kerl! Hol's der Teufel, daß ich mit dir so Pech habe!«

»Ich denke, du solltest Glück sagen, Muoth.«

»Na, wir wollen nicht streiten. Ich muß jetzt gehen, es werden noch Sachen gekauft und weiß Gott was. Die Oper schickst du bald, nicht wahr? Schick sie an mich, dann bring ich sie unserem Alten selber. Ja, und eh' ich Hochzeit mache, sollten wir zwei doch noch einmal einen Abend für uns haben. Vielleicht morgen? -- Gut, auf Wiedersehen!«

Da war ich wieder im alten Kreise und brachte die Nacht in hundertmal gedachten Gedanken und hundertmal gekosteten Leiden hin. Am nächsten Tage ging ich zu einem mir bekannten Organisten und bat ihn, für die Muothsche Hochzeit mein Vorspiel zu übernehmen. Nachmittags ging ich mit Teiser zum letztenmal meine Ouvertüre durch. Und am Abend fand ich mich in Heinrichs Gasthof ein.

Da fand ich ein Zimmer mit einem Kaminfeuer und Kerzenlicht für uns bereitet, einen weißgedeckten Tisch mit Blumen und Silbergeschirr, und Muoth wartete schon auf mich.

»So, Junge,« rief er, »nun wollen wir Abschied feiern, mehr für mich als für dich. Gertrud läßt dich grüßen, wir wollen heut ihre Gesundheit trinken.«

Wir schenkten unsere Gläser voll und tranken schweigend aus.

»So, und jetzt wollen wir nur noch an uns selber denken. Die Jugend will zur Neige gehen, Lieber, spürst du's nicht auch? Sie soll ja das schönste am Leben sein. Ich hoffe, es sei ein Schwindel wie alle diese beliebten Sprüche. Das Beste muß doch erst kommen, sonst war das Ganze nicht recht der Mühe wert. Wenn deine Oper gespielt wird, reden wir weiter darüber.«

Wir aßen behaglich und tranken einen schweren Rheinwein dazu, nachher legten wir uns mit Zigarren und Champagner in den tiefen Ecksesseln zurück und es kam mir und ihm für eine Stunde die alte Zeit herauf, die redselige Lust am Plänebauen und Plaudern, wir blickten einander sorglos nachdenklich in aufrichtige Augen und waren miteinander zufrieden. Heinrich war in solchen Stunden gütiger und zarter als sonst, er kannte die Flüchtigkeit solcher Lust genau und hielt sie, so lange die Stimmung lebendig bleiben wollte, behutsam in schonenden Händen fest. Leise und lächelnd sprach er von München, erzählte kleine Bühnengeschichten und übte seine alte feine Kunst, Menschen und Verhältnisse in kurzen klaren Worten zu zeichnen.

Als er so seinen Dirigenten, seinen Schwiegervater und andere spielend und scharf, doch ohne Bosheit charakterisiert hatte, trank ich ihm zu und fragte: »Nun, und was sagst du zu mir? Hast du für Leute meiner Art auch so eine Formel?«

»O ja,« nickte er gelassen und richtete die dunklen Augen auf mich. »Du bist in allem der Typus des Künstlers. Ein Künstler ist ja nicht, wie die Philister meinen, ein fideler Herr, der aus lauter Übermut hie und da Kunstwerke hinschmeißt, sondern leider meistens ein armer Tropf, der an einem unnützen Reichtum erstickt und darum was von sich geben muß. Es ist nichts mit der Sage vom glücklichen Künstler, das ist lauter Philistergeschwätz. Der fidele Mozart hat sich mit Champagner aufrecht gehalten und dafür Mangel an Brot gelitten, und warum Beethoven sich nicht in jungen Jahren schon das Leben genommen, sondern statt dessen diese herrlichen Sachen geschrieben hat, das weiß kein Mensch. Ein anständiger Künstler hat im Leben unglücklich zu sein. Wenn er Hunger hat und seinen Sack aufmacht, so sind immer bloß Perlen drin!«

»Ja, wenn man ein bißchen Freude und Wärme und Anteil am Leben begehrt, da helfen einem ein Dutzend Opern und Trios und solche Sachen freilich nicht viel.«

»Ich glaub's. So eine Stunde beim Wein mit einem Freund, wenn man einen hat, und ein gutmütiges Plaudern über dies merkwürdige Leben, das ist eigentlich das Beste, was man haben kann. Es muß schon so sein und wir müssen froh sein, daß wir das doch haben. Wie lange schafft ein armer Teufel an einer schönen Rakete, und die Freude dran dauert dann keine Minute! So muß man auch Freude und Seelenruhe und gutes Gewissen sparen, damit es hie und da zu einer hübschen Stunde reicht. Prosit, Freund!«

Ich war mit seiner Philosophie im Grunde gar nicht einverstanden, doch was lag daran? Mir war wohl, einen solchen Abend mit dem Freunde zu erleben, den ich verlieren zu müssen gefürchtet hatte und der auch so mir nicht mehr sicher war, und ich grüßte nachdenklich in die vergangene Zeit hinüber, die noch so nahe lag und doch schon meine Jugend umschloß, deren Leichtsinn und Harmlosigkeit mir nicht wiederkommen konnte.

Beizeiten machten wir ein Ende und Muoth erbot sich, noch mit mir bis zu meinem Hause zu gehen. Doch hieß ich ihn bleiben. Ich wußte, daß er nicht gern mit mir auf der Straße ging, mein langsames Hinken störte ihn und machte ihn verdrießlich. Er konnte keine Opfer bringen, und solche kleine sind ja oft die schwersten.

Mein kleines Orgelstück freute mich. Es war eine Art von Präludium und für mich eine Loslösung vom Alten, ein Dank und Glückwunsch an die Brautleute und ein Nachhall der guten Freundschaftszeiten mit ihr und mit ihm.

Am Tage der Hochzeit fand ich mich zeitig in der Kirche ein und sah der Feier versteckt von der Orgel herab zu. Als der Organist mein Stücklein spielte, sah Gertrud herauf und nickte ihrem Bräutigam zu. Ich hatte sie diese ganze Zeit nicht mehr gesehen, sie sah im weißen Kleide noch größer und schlanker aus und ging anmutig ernst den geschmückten schmalen Pfad zum Altar, an der Seite des stolzen, ungebeugt schreitenden Mannes. Es hätte weniger gut und prächtig ausgesehen, wenn an seiner Stelle ich schiefer Krüppel diesen feierlichen Weg gegangen wäre.

Es war schon dafür gesorgt, daß ich an die Hochzeit meiner Freunde nicht lange denken und meine Betrachtungen und Wünsche und Selbstquälereien nicht diesen Weg nehmen lassen konnte.

An meine Mutter hatte ich in diesen Tagen wenig gedacht. Ich wußte zwar aus ihrem letzten Briefe, daß es um Behaglichkeit und Frieden in ihrem Hause nicht glänzend bestellt sei, doch hatte ich weder Grund noch Lust, mich in den Streit der beiden Damen zu mischen, sondern ließ ihn mit einiger Schadenfreude als eine Tatsache bestehen, zu welcher mein Urteil entbehrlich war. Seither hatte ich geschrieben, ohne Antwort bekommen zu haben, und hatte mit dem Besorgen und Durchsehen der Abschriften für meine Oper genug zu tun, als daß ich mir über das Fräulein Schniebel Gedanken hätte machen können.

Da kam ein Brief von meiner Mama, der mich schon durch seinen ganz ungewohnt großen Umfang in Erstaunen setzte. Er war eine peinliche Anklageschrift gegen ihre Hausgenossin, aus der ich alle ihre Vergehungen wider den Haus- und Seelenfrieden meiner guten Mutter genau erfuhr. Es fiel ihr schwer, mir das zu schreiben, und sie tat es mit Würde und Vorsicht, allein es war ein klares Geständnis der Täuschung, in der sie betreffs ihrer alten Freundin und Base gelebt hatte. Meine Mutter gab nicht nur meiner und meines seligen Vaters Abneigung gegen Demoiselle Schniebel durchaus recht, sie war sogar jetzt bereit, das Haus zu verkaufen, falls ich das noch wünsche, und ihren Wohnort zu wechseln, und alles nur, um der Schniebel zu entrinnen.

»Es wäre vielleicht gut, wenn Du selber herkämest. Nämlich Lucie weiß schon, wie ich denke und was ich plane, sie ist darin sehr spürig; aber wir stehen zu gespannt miteinander, als daß ich ihr in der rechten Form das Nötige sagen könnte. Meine Andeutungen, daß ich lieber wieder allein im Hause wäre und daß sie entbehrlich sei, will sie nicht verstehen, und offenen Streit will ich nicht haben. Ich weiß, sie würde keifen und sich auf die Hinterbeine stellen, wenn ich sie direkt zum Gehen auffordern wollte. Da ist es besser, Du kommst und bringst das in Ordnung. Ich will keinen Skandal haben, und sie soll nicht zu kurz kommen, aber es muß ihr deutlich und bestimmt gesagt werden.«

Ich wäre auch bereit gewesen, den Drachen zu erschlagen, wenn Mama es verlangt hätte. Mit großem Vergnügen machte ich mich reisefertig und fuhr nach Hause. Dort merkte ich freilich gleich beim Eintritt in unser altes Haus, daß ein neuer Geist darin herrsche. Namentlich die große behagliche Wohnstube hatte ein grämliches, unfreudiges, gedrücktes und ärmliches Aussehen bekommen, alles sah mühsam bewacht und geschont aus, und auf dem alten soliden Fußboden lagen sogenannte »Läufer«, lange Trauerstreifen aus billigem und häßlichem Stoff, um die Diele zu schonen und am Aufwaschen zu sparen. Das alte Tafelklavier, das seit Jahren unbenutzt im Salon stand, war gleichfalls mit einer solchen Schonhülle bekleidet, und obwohl die Mutter zu meiner Ankunft Tee und Gebäck bereit und alles ein wenig nett gemacht hatte, roch es doch nach altjüngferlicher Kümmerlichkeit und Naphtalin so unverwischbar, daß ich gleich beim Empfang die Mutter anlächelte und die Nase rümpfte, was sie sofort verstand.