Germaniens Götter

Part 9

Chapter 93,813 wordsPublic domain

Harald Hildetand vernahm die Botschaft. Hochaufgerichtet gab er seinen Wagenrossen die Zügel frei, daß sie ihn mitten in die Feinde führten. Blinden Auges mähte er, wie als Jüngling in jeder Hand ein Schwert, nach links und nach rechts in die Feindeshaufen. Da sprang Wodan in Brugis Gestalt auf den Wagen und zerschmetterte mit einem Streitkolben Harald Hildetands Haupt. Keine fremde Hand sollte die Silberlocken seines Schützlings berühren. »Dank dir, Wodan,« lächelte sterbend der König.

Hochgefeiert saß König Harald Hildetand, der Däne, unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.

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Da saß auch ein anderer Dänenkönig, _Hrolf Kraki_. Der hatte, als er erst zwölf Jahre zählte, die Größe und Kraft eines erwachsenen Mannes und wurde darum Kraki, die »Stange«, zubenannt. In heißer Jugendlust schwur er mit zwölf seiner tapfersten Recken zu Wodan, daß sie jeden Kampf gemeinsam bestehen und nur zusammen sterben wollten. Das hörte Walvater gern, denn er gedachte seiner Einherier.

Da wurde Hrolf Krakis Name berühmt in allen Meeren, die er auf Wikingsfahrten durchzog, und in allen Landen, die er eroberte und sich zinspflichtig machte. Er war ein Held nach Wodans Sinn.

Einmal aber war's, daß er nach Upsala in Schweden zog, eine alte Buße einzufordern für den Vater, den die Schweden dort einst erschlagen hatten. Sein Heer litt Hunger und Durst, und nirgend war Herberge. Plötzlich stand ein Gehöft vor ihnen, und ein Bauer, Hrani geheißen, lud sie zu sich ein. Aber als die Hungernden und Durstenden sich gelagert hatten, entzog ihnen der Bauer Speise, Trank und Herdfeuer und beriet den König, nur die mit sich zu führen, die diese Probe ohne Murren bestanden hätten. Da waren es nur die zwölf Eidgesellen, und Hrolf Kraki ritt mit seinen Zwölfen weiter an des Schwedenkönigs Hof, der sie in ihrer Herberge ohne Brot und Wasser einmauern ließ und nach qualvollen Tagen Feuer an das Gebäude legen ließ. Hrolf Kraki und seine zwölf Gesellen besannen sich nicht lang. Sie warfen sich mit der Wucht ihrer Körper, als wäre es nur ein einziger Körper, gegen die Wand, daß die Mauer zusammenbrach und sie ins Feuer, aber auch ins Freie stürzten. Ein furchtbares Blutbad richteten die Wilden unter den Schweden an und kehrten, mit Schätzen beladen, zum Gehöft des Bauern Hrani zurück.

Hrani blickte sie strahlend an. Und er holte ein altes Gewaffe hervor, ein Schwert, einen Schild und eine Brünne, und bot alles dem König Hrolf Kraki als Gastgeschenk. Aber der Übermütige wies das uralte Gewaffe lachend zurück.

»Unweise bist du,« zürnte der Bauer, »du wirst es zu spät erkennen,« und er kündigte ihnen die Herberge auf.

Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch die dunkle Nacht ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer Hrani Wodan selbst gewesen war, der ihm mit geweihten Waffen ein langes Leben verleihen wollte, und er wandte sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte, Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte Wodan sein Leben früher als bisher.

In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne Krieg. Da gedachte seiner Schwester Mann, es sei an der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam mit einem unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich zu Gast. In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in der Burg niedermetzeln, und nur den zwölf Eidgesellen gelang es, sich zur Schlafkammer ihres Königs durchzuschlagen. Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen aus demselben Horn sich zu und erneuerten den alten Schwur. Dann warfen sie sich singend auf den Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu Tode, als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.

Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis Thron. »Ist noch ein Mann übrig von meines Schwähers Gesindel?« Und die Tür öffnete sich, und ein alter einäugiger Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals. --

Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --

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Da saß auch ein Schwedenheld, König _Beowulf_. Abenteuerlustig und furchtlos war er gewesen, wie kaum ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde gehörte er an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten. Und eine Tat, der Götter würdig, hatte er getan.

Von dem scheußlichen Meerriesen _Grendel_ ging zu jener Zeit erneut Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig Hrodgar hatte nahe dem Meere eine herrliche Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser. Da tappte bei Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern der Meerriese Grendel hervor, und das Ungeheuer würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht schlich er auf Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl ritzte seine Haut, kein Männerherz konnte ihm widerstehen. Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer sie betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen. Laut jammerte das dänische Volk und rief nach dem Retter.

Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts von Gruseln kannte und nur das Zupacken, wie es der Donnerer liebte. Als halber Knabe noch hatte er fünf Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend im Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem Meeresgrunde Wasserungetüme erlegt und von den nadelspitzen Klippen neun Wassermänner heruntergestochen, bis ihn eine Woge glücklich wieder ans Land geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten Manneskraft aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu bekämpfen, und er nahm vierzehn unerschrockene Männer mit sich.

Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so beschloß der kühne Schwede, ihm waffenlos und nur mit den bloßen Fäusten zu begegnen. Seine Gefährten schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen hatte. Beowulf lag zwischen den Seinen mit wachen Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor und Sumpf und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war Grendels Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach den Türriegel, schlürfte in den Saal, ergriff den ersten der Schlafenden, riß ihn in Stücke und sog das Blut aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte Beowulf zu und packte so furchtbar stark, daß er dem Ungetüm alle Finger der Hand zerbrach. Brüllend wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt fest. Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte den Fuß gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk in seinen Fäusten wie in einem Schraubstock. Da rissen des Riesen Achselsehnen von der übergewaltigen Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus und blieb mit der Riesenfaust in Beowulfs Händen. Der nagelte die Faust unter dem Jubel der erwachten Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte und schwand.

Ein großes Gelage gaben die fröhlichen Dänen dem siegreichen Kämpen und füllten ihm und seinen Gefährten die Schilde mit Gold. Die Nacht über blieben alle und dachten nicht mehr an die Furcht, als sie sich auf die Polster streckten. Aber da tappte im Nebel Grendels Mutter einher, ein wölfisches Ungeheuer. Mit stickigem Atem kam sie, den Tod des Sohnes zu rächen, und ergriff und zermalmte einen der dänischen Edelinge. Vom wilden Waffenlärm erschreckt, entfloh die Mörderin in ihren Unterschlupf.

Beowulf verfolgte ihre Spur. Immer unheimlicher wurde der Weg, immer schauriger der Wald, immer sumpfiger der schwankende Boden, den das Meer unterhöhlte. Feuerflammen tanzten auf den Fluten, ekelhaft Gewürm spreizte sich auf den Klippen, Riesenkrebse und boshafte Nixe. Hier war der Eingang zu Grendels Behausung, und Beowulf tauchte ohne Zögern in die Schrecken der See. Sofort fiel ihn mit Scheeren und Zangen das Wassergetier an, aber seine gute Brünne widerstand, und er tauchte tiefer zu Grund. Jetzt packte ihn die Wölfin, Grendels Mutter, bei den Beinen und schleifte ihn in eine wasserleere Grotte. Aufsprang der Held und warf sich mit Macht auf das geifernde Wolfsweib. Aber seine Kräfte ließen nach, und schon schien es, als müsse er der rasenden Unholdin erliegen. Ein Riesenschwert erblickte er an der Wand. Er riß es herunter und stach nach der Wölfin. Die scharfe Spitze ritzte nicht ihre Haut. Da überkam ihn der Berserkerzorn, und er packte das Schwert bei der Klinge und holte aus und zerschmetterte mit dem Knauf der wölfischen Riesin das Rückgrat, daß sie winselnd verendete. Und nun gewahrte er auch den Körper des toten Grendel und schnitt ihm den Kopf ab und stieg nach mühseligem Suchen und Wandern vom Meeresgrund auf zu den stürmisch jubelnden Gefährten.

Heimgekehrt nach Schweden, verübte er als hochsinniger König viele Heldentaten bis in sein Alter, und die letzte war, daß er, der Greis, einen menschenmordenden Drachen erlegte, den die Jünglinge und Männer flohen. Den überreichen Hort schenkte er den Schweden als letzte Königsgabe. Er selbst aber verschied an den Wunden des Kampfes und wurde zu Hronesnäß auf dem Holzstoß verbrannt, während aller Augen weinten. Über seiner Asche ward ein gewaltiger Hügel getürmt, und als Beowulfs Burg blickte das Heldenmal über die See, allen Wikingen ein ehrfürchtig Zeichen. --

Hochgefeiert saß der Schwedenkönig Beowulf unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --

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Da saßen auch die Norwegerkönige _Harald Harfagar_, das ist Harald Schönhaar, und _Erik Blutaxt_ und _Hakon der Gute_, die Haraldssöhne. In einem Meer von Blut hatte Harald Harfagar den Übermut der norwegischen Großen erstickt und mit fester Faust ein norwegisches Reich unter seinem Zepter errichtet. In einem Meer von Blut hatte des Schönhaars Sohn, Erik Blutaxt, gewatet, bis er aus dem Lande weichen mußte und auf wilder Wikingsfahrt in England ein neues Reich gewann. In neuem Kampf gegen Englands König fiel er und nahm fünf Könige mit in den Tod und tausende von Mannen. Wodan selbst befahl, ihn festlich zu empfangen, Bragi, der Dichtergott, griff begeistert in die Saiten, und König Sigmund vom Rhein erhob sich mit Sinfiötli, seinem Sohn, Erik Blutaxt entgegenzugehen.

»Nur eins sage mir, Wodan,« bat König Sigmund, »weshalb nahmst du dem blutigen Erik den Sieg, da er dich doch der kühnste der Könige dünkt?«

Da sprach Wodan und sah ihm fest in die Augen: »Weil es ungewiß ist, wann der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt.«

Und Sigmund wußte, daß Allvater vom heulenden Fenriswolf und vom letzten Kampfe gesprochen hatte und schritt mit Sinfiötli zum Tor und bewillkommnete jubelnd Erik Blutaxt und die fünf Könige, die ihm folgen mußten, und den Heerbann der Helden.

Und wieder stand Wodan aufhorchend in Walhall und wies Bragi an, den Dichtergott, und Hermod, den Götterboten, vors Tor zu schreiten und den Haraldssohn Hakon festlich zu empfangen. Abgeirrt von den alten Göttern war Hakon, als er an seines Bruders Erik Statt das Zepter von Norwegen ergriff, aber heimgefunden hatte er vor der letzten Schlacht zu dem Glauben an Wodan. Darum wollte ihn Allvater besonders ehren. Seine Walküren sandte er auf die rauchende Walstatt, auf der König Hakon mit den Erikssöhnen rang, die aus England heimgekehrt waren, und alles Volk kämpfte für seinen König, den es um seiner Guttaten willen liebte.

König Hakon rief zu Wodan und hörte die Walküren rauschen. Und er hörte ihr Jauchzen: »Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon mit einem großen Heere zu sich heim entboten.«

Siegreich blieb König Hakon in der Schlacht, aber von Wunden bedeckt, lag er auf dem Schilde. Freunde und Feinde umdrängten den Sterbenden, um noch einen Blick aus seinen Augen zu erhaschen, der der beste König war in Norwegen, und kein besserer war nach ihm.

Blutbespritzt stand der König mit seinen Mannen an der Pforte Walhalls, von Hermod geleitet, von Bragi mit Heldenliedern begrüßt.

»Helme und Brünnen wollen wir anbehalten und das Schwert nicht von uns tun,« sprach der König zu Wodan. »Es ist gut, bereit zu sein.« Und Wodan nickte, denn er kannte die Nähe der Stunde.

Hochgefeiert saßen Norwegens Könige, Harald Harfagar, Erik Blutaxt und Hakon der Gute, unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --

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Noch einer aber saß unter dem Hunderttausend. Der war aus Westfalenland und hieß _Hermann, der Cherusker_. In Germanien war er aufgestanden, als es keinen Mann gab, die deutschen Gaue von der alles erdrosselnden Römerherrschaft zu befreien. Er, der Einzige, rief die hadernden Stämme zusammen und rief den Mannesmut und den Heldenzorn an in den erloschenen Gemütern. Er, der Einzige, zeigte den verzagten Deutschen, was Schwerter wert sind in der Hand von Männern, denen die Ehre lieber ist als das Leben. Und sie ballten sich zusammen und erschlugen im Teutoburger Wald das römische Heer, mehr denn zwanzigtausend Mann. Der Befreier des Vaterlandes wurde der Cheruskerfürst und ward zum Dank von Neidlingen erdolcht. --

Auf dem Ehrenplatz an der Einheriertafel in Walhall saß Hermann, der Cherusker, und keinen liebte Wodan wie ihn. -- --

Um Baldur.

»Gut ist's, bereit zu sein.«

Am Tische der Einherier war das Wort gefallen. Wodan wußte es lange. Und er wußte die Vorzeichen, die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn der sonnenlose Winter die Lichtzeiten Frühling und Sommer vernichtet haben wird.

Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und der Sommerhöhe, noch lebte Baldur, der fleckenlose. Auf seiner himmlischen Burg Breidablick, dem Breitglanz des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe Nanna, die da war wie eine Blume zwischen Blüte und Frucht, und das Glück der Wärme ging von ihm aus. Alle liebten sie ihn, die Götter wie die Menschen, und selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften. Lebensfröhlichkeit war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung, Liebe zur Arbeit, Glaube an eine höhere Welt. Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu höheren Dingen. Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag und aus dem Feiertag wuchsen die Künste, die wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es, der allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur höheren Weihe verhalf.

Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der Welt die Gesittung.

Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage schwermütig dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden Träumen zerquält wurde. Schnell merkten es die Götter, denn das glückliche Lachen tönte nicht mehr von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten es auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und der Sommer ohne Freude, und selbst die Riesen spähten unruhig nach dem bißchen Licht und Wärme ihres Himmels aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle seine Träume und Gedanken offenbarte.

Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter Baldurs, faßte sich zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr. Also galt es, nicht zu beratschlagen, wie die Männer taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf und ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte, zu Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer und Wasser und Erde, zu Erzen und Steinen, Pflanzen und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles nahm sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs nimmermehr zu schaden. Da war große Freude, als die stillsorgende Himmelsmutter wiederkehrte und in Asgard Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte. Wie die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit, und sie trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um den Zauber zu erproben. Nur Loki stand mißgünstig zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen auf Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm zielten, ohne dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid antun zu können. Denn Loki empfand, daß seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.

Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise der Fröhlichen und sattelte seinen Hengst Sleipnir. Denn er vermochte nicht freier zu atmen trotz der Eide, die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil er die Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht betrügen ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen Wissen wollte er machen und in die finstere Hel, das Reich der Todesgöttin, reiten.

»Wir reiten zur _Wolwa_, der Weissagerin, die jenseit der Hel im Grabe ruht,« sprach er zu seinem Rosse, und Sleipnir schoß wie ein Vogel hinab gen Niflheim. Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch Wodan achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse, bis er am Rande des Totenreichs das Grab der Wolwa fand. Hier saß er ab und sang der Hexe den Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.

»Tot war ich lange. Was willst du von mir?«

»Antwort will ich, für wen im Hause der Hel die Bänke mit glitzernden Brünnen, und mit Gold die Dielen belegt sind!«

»Für Baldur geschah's. Auf ihn wartet das Methorn der Hel. Laß mich schweigen.«

»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer es ist, der Baldurs Blut vergießen wird.«

»Hödur heißt er. Nun begehr ich zu schweigen.«

»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer die Blutrache nimmt für die ruchlose Tat.«

»Ried wird Wodan den Wali gebären. Eine Nacht nur alt, zieht er aus in den Kampf. Das Haupt nicht kämmt er, die Hände nicht wäscht er, bis Baldurs Mörder im Blute liegt. Nicht gerne sprach ich, begehr nun zu schweigen.«

Erschauernd hatte die Wolwa Wodan erkannt, den alten Schöpfer der Welt.

»Kein anderer Mann soll wieder mich wecken, bis von den Fesseln Loki sich löst und die Feinde kommen zum Sturze der Götter!« rief sie mit letzter Kraft und sank in das Grab zurück. --

Wodan ritt heim. Er hatte die Probe auf sein Wissen gemacht, und sein Wissen war Wahrheit.

Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen mit Baldur die fröhlichen Kampfspiele. Immer noch ging Loki neidverzehrt umher. Eine neue Arglist sann er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten Dienerin zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte mit ihr.

»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling. Nichts und nichts auf der Welt vermag ihm zu schaden.«

»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte freundlich Frigg und zählte sie alle her, bei denen sie gewesen war.

»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«

»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus, die in den Bäumen wuchert. Kaum hat sie das eigene Leben.«

Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand die unscheinbare Mistel, die nur im Winter blüht, und schnitt sie ab und fertigte aus der Ranke einen dünnen, scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis der Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des Frühlings und der Sommerhöhe, ihre Speere schossen, und traf auf den blinden Hödur, den Gott der Nächte und des sonnenlosen Winters.

»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der Arglistige. »Auf, versuch deine Kunst.«

»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht und führe keine Waffe.«

Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die Hand und lenkte seinen Arm. Mächtig warf der blinde Hödur, pfeifend durchschnitt der dünne scharfe Ger die Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.

Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut entrang sich ihrem Munde. Tot war Baldur, und ein Mord war geschehen im Himmel. Und plötzlich war ein wildes Weinen in ganz Asgard.

An der heiligen Freistätte durften die Götter die Übeltäter nicht greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur stand wie versteinert. Frigg aber, die Schmerzensmutter, wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.

»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster Sohn. Wer reitet den Weg und bittet ihn los von der Hel gegen alles Lösegeld, das sie verlangt? Wer fürchtet sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«

Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und das schnellste Roß wurde gebracht, Sleipnir, Wodans achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich in den Sattel und trat den Helritt an.

Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit, der auch die Götter unterworfen waren, daß die Seele dessen, der in Asgard verschied, zur Hel mußte. Wie wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner gewesen, wenn sie in derselben Stunde des Todes in Walhall auferstanden wären und wiederum unter Göttern und Helden gesessen hätten! Wer von den Göttern fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es die ausgleichende Gerechtigkeit.

»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie zur Besinnung kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit es Männer waren, gab es kein heiliger Wort. Und sie blickten einander in die Augen, wer sie üben solle.

»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem Blute wird Baldur gerächt werden. Euch aber brauch ich zu anderen Taten.« Und er ging hin und fand die riesische Jungfrau _Ried_, die sich zu den Asen hielt, und sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den Wodanssohn _Wali_. In selbiger Nacht wuchs Wali zu seiner ganzen Manneskraft auf, und er kämmte nicht sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder ziemte. Hödur, Baldurs Mörder, suchte er auf und traf den Unglücklichen am Rande der Morgendämmerung und erwürgte ihn. --

Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres Wetterleuchten.

Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und betteten sie hoch oben auf dem Holzstoß, den sie auf des toten Gottes Luftschiff Hringhorn geschichtet hatten. Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem Bockgespann brauste der Donnerer herbei, Freyer fuhr mit seinem goldborstigen Eber, dem Geschenk der Zwerge, Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr Katzengespann. Zu Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen die Götter und Göttinnen alle, und viel trauerndes Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im ständigen Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur ausnahm aus aller Feindschaft. Die Himmel weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und ein wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.

Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des Gottes leuchtender und wärmender Liebe wie eine Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht, vermochte ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie sie auf, daß der Schrei des Namens wie aller Klagen Klage durch die Welten lief, und in diesem einen Schrei brach ihr das Herz.

Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den Holzstoß, und sie lag zur Seite des Geliebten, dem Frühling und Sommer das Leben waren.

Auf runden Hölzern ruhte das Schiff, um schnell in das Meer gerollt zu werden. Aber von allen Opfergaben war es so schwer, daß es sich nicht von der Stelle bewegte, denn auch Baldurs Sonnenroß, aufgezäumt in seinem blitzenden Geschirr, war auf den Scheiterhaufen geführt worden und Schätze über Schätze aus allen Landen. So sehr ward Baldur geliebt.

Die Riesen rieten in der Not der Götter, die Stärkste der Starken, das Riesenweib Hyrockin, holen zu lassen. Das Weib kam angesprengt auf einem gewaltigen Wolf, dem sie statt eines Zaumes eine Natter durch das Maul gezogen hatte, um den Göttern furchtbarer zu erscheinen. Und um die Götter mit ihrer Kraft zu schrecken, stieß sie, während vier Berserker ihren Wolf kaum auf dem Boden halten konnten, das Schiff mit einem so unbändigen Ruck ins Wasser, daß die Holzrollen Feuer spien und fast das ganze Schiff mit seiner heiligen Ladung vom unheiligen Feuer verzehrt worden wäre.