Germaniens Götter

Part 8

Chapter 83,715 wordsPublic domain

_Kara_, die hellschimmernde Wunschmaid, führte die Schwestern. Aber als sie den Haddingenheld zum ersten Male fechten gesehen hatte in seiner Kühnheit und Wildheit, verlor sie ihr Herz an den stürmischen Mann und schenkte sich ihm als Geliebte.

Anderen Tages tobte die Entscheidungsschlacht.

Glückseligen Gesichtes schwang Helgi, der Haddingenheld, sein Schwert, und wo es in die Brünnen biß, da biß der Tod. Heißen Herzens schlug Helgi in den Feind, denn er dachte an Kara, die ihn umhalsen würde nach des Tages Blutarbeit. Wie sie ihn in der Nacht umhalst hatte.

Über seinem Haupte vernahm er ein Rauschen und ein wunderbares Singen und Klingen. Über seinem Haupte flog die Walküre Kara und hielt vor Helgi den Schild, daß kein Schwert ihn schneiden, kein Speer ihn ritzen, keine Axt ihn zerspalten konnte. Und aus Karas Munde drang ein Lied, ein wildes, seliges Zauberlied, daß den Feinden die Arme sanken, und sie wie in Fesseln lauschen mußten. Über das feindliche Heer hin brausten die Zauberweisen, und hinter ihnen drein stürmte Helgi, der glückselige Mann, und schwang das Schwert und mähte die Gebannten nieder.

Wodan saß auf seinem Hochsitz und lächelte. Jetzt streckte er die Hand. Da hob Helgi das Schwert, um einem riesenhaften Feind das Haupt vor die Füße zu werfen, und schwang das Schwert zu hoch. Ein Schwanenschrei gellte durch die Luft. Das Zauberlied war verstummt.

Vor Helgis Füße sank im zerfetzten Fluggewand die Walküre. Im Jauchzen des Kampfes hatte der Held der Schildmaid nicht acht gehabt und die Geliebte ins Herz getroffen.

Tot war sein Liebesglück, zu Ende sein Schlachtenglück.

Noch immer lächelte Wodan sein seltsames Lächeln. Dann erhob er sich, hieß den Helden nach Walhall entbieten und Kara seine Wegweiserin sein.

Im Goldhelm und blauen Königsmantel empfing er den gewaltigen Recken.

»Auf daß du auch in Walhall ein so fröhlicher Kämpe seist, wie auf der Walstatt auf Erden, geb ich dir die Hellschimmernde zur Schenkin,« sprach er und wies ihm seinen Platz unter den besten der Einherier.

Da lachte Helgi, der Haddingenheld, daß es durch alle Hausungen der Götter schallte, und führte sein Mädchen stolz an die Tafel der Zecher, die dem Paare donnernden Heilgruß entboten.

Wodan aber hatte eines Helden Seele an sich geschmiedet für alle Ewigkeit.

Unter den Einheriern.

Männer, Männer! war Wodans einziger Gedanke geworden. Männer im Himmel und auf Erden. Männer der Tat, die wiederum Heldengeschlechter zeugten, Helden, die durch Tat und Todesverachtung auf Erden schon heranrückten an die Götter und im Himmel Wodans Söhne wurden. Was sonst brauchte die Welt, als Männer, wenn die Schicksalsstunde nahte, Männer, die Mannesehre über alles stellten, bereit allzeit, ihr Leben in die Schanze zu schlagen, um noch sterbend den feindlichen Mächten Abbruch zu tun und den Ruhm zu retten.

Manche seiner Wunschmädchen gebaren den Irdischen Helden; er selber zeugte auf seinen Wanderungen manches Heldengeschlecht und war anderen ein väterlicher Freund. Ein Freund jedoch, der sich unerbittlich selbst bezahlt machte und seine Schützlinge zu der Stunde, die ihm die rechte schien, auf der Höhe ihrer Kraft oder nach einem schlachtenreichen Leben, das Tausende nach Walhall gesandt hatte, einholte zu den Einheriern. So unerbittlich wie das Schicksal, das die Götter bedrohte, so unerbittlich war Wodan in der Wahl der Mittel, dem unabwendbaren Schicksal den letzten Ruhm abzugewinnen und, wenn es ihn schon untergehen hieß, nur als Sieger über die Unheilsmächte unterzugehen. Im letzten großen Atemzuge noch Schöpfer einer neuen, kommenden Welt.

Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans Freund auf der Erde hieß. Aber auch vom Ruhme bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur Unsterblichkeit erhoben.

Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen Landen, der zögerte keinen Herzschlag lang und wählte Wodan für sich und seine Geschlechter. Lieber als ein königlich Volk mit seinen Göttern untergehen, denn als namenloser Sklave fronen. Und es waren die Besten Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf Wodans Bänken sammelten und nach ihrem irdischen Tode noch ihre Namen ehrfurchtgebietender und strahlender hielten, als alle die lebenden Weichlinge und Feiglinge zusammen.

* * * * *

Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige. Da saß _Sigmund_ unter ihnen, der Rheinfranken König, der ein Sohn Wolsungs war und von Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um den Tisch der Einherier zu schmücken durch die Erziehung von Helden, Geschlechterreihen hindurch.

Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung die Tochter _Signy_ dem ungeliebten König Siggeir von Gautland vermählte. In der Festhalle Wolsungs saßen die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich verstummte jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter, einäugig, in breitrandigem Hut und blauem Mantel, war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der Halle wuchs und seinen Wipfel über das Dach breitete. Ein Schwert trug er unterm Arm, und er nahm es und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten Stamm.

»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör es an! Wer es herauszuziehen vermag, der führe es!«

Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um und ging aus der Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.

»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,« raunten die Rheinfranken. Und es herrschte langes Schweigen und seltsames Grübeln im Saal. Dann aber traten die Männer an den Baum.

Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran. Umsonst. Seine stärksten Helden nach ihm. Vergeblich. Sein Schwiegersohn, der Gautenkönig Siggeir zog und riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich nicht. Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck riß er das Schwert aus dem Stamm und schwang das Aufblitzende durch die Halle.

Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres Heldenleben. Siggeir forderte den Stahl von dem jungen Schwager, der das Begehr lachend abwehrte. Da lud Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher Bitten der Wolsungentochter Signy, seines Gemahls, bis auf Sigmund, dem er das Schwert Gram -- das ist »Zorn« -- entwendet hatte. Ihn ließ er im finstern Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre schmählich verkommen sollte. Signy aber liebte den strahlenden Bruder Sigmund so heiß, daß sie sich nächtens heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte und pflegte und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß _Sinfiötli_, und Sigmund und Sinfiötli lebten im Walde wie die Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark, bis Sigmund die Stunde für gekommen erachtete, nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem Mörder seines Vaters Wolsung.

Der erste Anschlag mißglückte. Siggeirs spielender Knabe entdeckte die wilden Männer hinter einer Mettonne, und der König ließ die Beiden einmauern wie wilde Tiere, beider Gelaß durch einen Felsen voneinander getrennt. Noch einmal kam Signy, Sigmunds Schwester, bei der Nacht. Sie kam bis an die Grube ihres Sohnes Sinfiötli und ließ hastig einen Strohbund hinuntergleiten. Als der riesenstarke Knabe ihn öffnete, fand er darin Sigmunds Schwert Gram. Er packte es beim Knauf, setzte die Spitze gegen die trennende Felswand und drückte, daß ihm die Adern an den Schläfen zu platzen drohten. Da schnitt das Schwert durch den Felsen, und der Sohn drückte, bis der Vater es in seiner Grube an der Spitze zu fassen kriegte, und nun sägten Vater und Sohn mit des Schwertes Schärfe den Felsen durch, bis sie zueinander kriechen und Sigmund auf Sinfiötlis Schultern aus der Grube steigen konnte. Dann zog Sigmund den Sohn am Schwerte hinaus.

Durch die Nacht schritten sie zur Halle König Siggeirs und legten Feuer an. An der Tür des flammenumlohten Hauses hielten sie mit dem Schwerte Wacht, daß nichts Lebendiges heraus konnte. Nur Signy, die Königin, riefen sie. Aber die Königin wehrte der Rettung.

»Im Leben durfte ich Wolsungs Tochter sein und auf Blutrache für den Vater bedacht. Im Tode gehör ich an meines Mannes, des Königs, Seite, ob ich ihn liebe oder nicht.«

So entgegnete die königliche Frau und starb den Flammentod mit König Siggeir und seiner ganzen Sippe.

Heim segelte Sigmund an der Spitze eines Heeres und gewann mit Waffengewalt das Land der Wolsungen zurück. Mit der Königstochter _Borghild von Bralund_ vermählte sich König Sigmund, und sie gebar ihm einen Sohn, _Helgi_, als Sigmund, wie immer, auf Heldenfahrten war. Und Wodan sandte seine Raben, dem Knaben der Wolsungen Kriegsglück zu weissagen. Fünfzehn Lenze zählte Helgi, als er mit seinem Stiefbruder Sinfiötli auszog gegen König Hunding, der Wolsungen Erbfeind und Länderräuber, und ihn mit eigener Hand in der Schlacht erlegte. _Helgi Hundingstöter_ riefen ihn seitdem die Helden, und die Sänger sangen seinen Namen.

Die Hundingssöhne begehrten Buße von Helgi für den Vatermord. »Gewärtigt wilde Wetter, graue Gere und Wodans Gram!« ließ der junge Fürst ihnen vermelden und rückte mit einem Heere gegen die Stürmenden an. Unbekümmert um den Hagel der Gere und Pfeile rückte er vor. Über seinem Haupte war ein Rauschen wie von Schwanenflügeln. Neun Walküren schwebten schirmend über ihm, von der Schildmaid _Sigrun_ geführt. Da schüttelte Helgi seine Locken und jauchzte Sigrun zu und brach wie ein Wolf in die Feinde, erschlug ihren Bannerträger und die meisten der Hundingssöhne.

Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die Walstatt. Sein Arm lag um Sigrun, die Schildmaid.

»Ich liebe dich,« sagte er, und sie antwortete ihm: »Auch ich liebe nur dich. Doch bin ich dem König Hödbrod angelobt, der mich jenseit der See erwartet. Hilf mir von ihm.«

Da sammelte Helgi Hundingstöter sein Heer zum anderen Male und stieß die Drachenschiffe ins Meer und fuhr aus um sein Liebesglück. Das sah des Seebeherrschers Ägir wildes Weib Ran, und sie sandte ihre Wogentöchter aus, die die Schiffe auf den Rücken nahmen und das Fürstenschiff hoch zu den Wolken werfen sollten, um es als Wrack hinabzuziehen. Schon hatte die leichengierige Ran ihre Klauen in den Schiffsrand geschlagen, um die Helden zu schlingen, da war ein Rauschen über den Masten wie von Schwanenflügeln, und Helgi Hundingstöter blickte empor und gewahrte die neun Walküren, von Sigrun stürmisch geführt. Und die Schildmaid schlug der rasenden Ran das Schiff aus der Hand und brachte den Helden mit seinem ganzen Heere glücklich an Land. Eine furchtbare Schlacht entbrannte. Mit König Hödbrod und seinen Brüdern ritt und stritt auch König Högni, der Vater der Schildmaid. Aber Helgi Hundingstöter, von Sinfiötli geleitet, durchbrach den Keil des feindlichen Heeres, erschlug König Hödbrod und seine Brüder, erschlug auch König Högni und schonte nur Högnis Sohn Dag. Sinfiötli aber würgte die anderen Häuptlinge, daß sie nimmer die Sonne sahen.

Auf der blutigen Walstatt traf Helgi Hundingstöter Sigrun. Ob ihr auch über den Tod ihres Vaters die Tränen aus den Augen stürzten, sie kränzte den Sieger und gab sich ihm, auf ihr Walkürenkleid für immer verzichtend, als Weib. Nie war ein glücklicheres Paar in nordischen Landen.

Dag aber, Sigruns Bruder, flehte Wodan an um Vaterrache. Und Wodan gedachte der Wolsungen und gedachte seiner Einherier. Da lieh er Dag seinen Todesspeer Gungnir, und Dag lauerte Helgi im Walde auf und rannte ihm den Todesspeer durch den Rücken.

Unstillbar war Sigruns Schmerz um den Heißgeliebten. Sie richtete ein Lager in der Grabkammer, breit genug für sich und ihren abgeschiedenen Helden, und saß am Hügel und weinte blutige Tränen. Um Mitternacht klirrte es von Waffen in der Luft. Aufgeweckt, sah sie Helgi Hundingstöter mit großem Geleite durch die Lüfte niederreiten und sah den Geliebten die Grabkammer betreten. Da warf sich Wodans einstige Schildmaid dem Heimgekehrten ans Herz und küßte ihm Augen, Mund und Hände. Und Helgi sprach: »Deine Tränen haben mich aus Wodans seligem Saal zurückgerufen. Sie brennen mir wie Feuertropfen auf der Brust, daß ich mit den Helden Walhalls nicht fröhlich werden kann. Warum weinst du so sehr, da dein Geliebter der Ewigkeit Ruhm gewann?« Und Sigrun schmiegte sich an sein Herz und sprach: »Nun will ich nie mehr klagen und still bei dir liegen.«

Als fahl der erste Frühschein über den Himmel glitt, schied Helgi Hundingstöter für immer und jagte frohgemut mit seinen Begleitern gen Walhall zurück, von Wodan freudig empfangen. Sigrun aber legte sich zum Sterben und lag in der Kammer angeschmiegt an den irdischen Leib ihres toten Gemahls. --

Sinfiötli hatte inzwischen nicht gefeiert. Während Vater Sigmund zu Ehren Wodans auf Wikingsfahrten war, hatte auch er Kämpfe auf Kämpfe bestanden und, um Hand und Kronland einer Königin zu gewinnen, seiner Stiefmutter Borghild von Barlunds Bruder im Zweikampf erschlagen. Rache schwur ihm Sigmunds Weib, Buße an Leib und Leben. Doch Sigmund kehrte heim und wehrte ihr und erklärte sich bereit, selber Buße zu zahlen, auf daß Sinfiötli, den er brennend liebte, frei sei. Da mußte sich die Königin zufrieden geben, aber beim Leichenmahl für den erstochenen Bruder reichte sie Sinfiötli im Trinkhorn vergifteten Met. Dreimal weigerte sich Sinfiötli zu trinken, und Sigmund, dem keinerlei Gift Schaden tat, trank ihm zu. Da trank auch Sinfiötli und stürzte tot zu Boden.

Aufheulte Sigmund vor Weh. Sein Weib verstieß er, und den Sohn, den Gefährten aus wilden Wolfstagen, nahm er in die Arme und irrte durch das Land, bis er zur Nachtzeit an einen breiten Strom kam. Dort fand er einen Fergen warten, einen einäugigen Alten in blauem Mantel und breitrandigem Hut. Der nahm die Heldenleiche in sein Schiff, aber dem klagenden Vater wehrte er den Zutritt und führte das Schiff schnell über den dunklen Strom.

Lange starrte Sigmund in die Dunkelheit. Er wußte, daß es Wodan war, der Wolsungen Ahn, der den Helden Sinfiötli der grausamen Hel entführte und ihn nach Walhall an die Tafel der Einherier brachte. Da wurde sein Gemüt fröhlich. Und so alt er war, er ritt aufs neue und ritt in des Königs Eylimi Land, dessen Tochter _Hiördis_ die schönste aller Frauen war, und warb um ihre Hand. Mit ihm aber warb auch der König Lyngi, ein Hundingssohn. Die schöne Hiördis wählte nicht lange, sie wählte den Ruhmgekrönten trotz seines Alters und wurde König Sigmunds Eheweib.

Wutbebend sammelte Lyngi, der Hundingssohn, ein Heer und überfiel Sigmund in seinen Landen. Der ließ schleunigst Weib und kostbarste Habe in den Wald schaffen und drang an der Spitze seiner Mannen der Übermacht entgegen. Silberweiß flog ihm das Haar im Wind. Aber sein Arm schwang das Wodansschwert Gram, und wo der König Sigmund den Seinen voranschritt, da bahnte er eine blutige Gasse, und immer weiter watete der Wolsung, alles niederschmetternd, durch das Blut. Schon war der Sieg sein, da trat ihm ein alter Kämpe entgegen, einäugig, in breitrandigem Hut und blauem Mantel. Der fällte den Speer gegen ihn, und König Sigmunds Schwert zersprang an dem Speer in Stücke. Mit allen seinen Helden wurde Sigmund im Kampfe erschlagen. Wodan selbst hatte ihn nach Walhall entboten.

Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen. Als es zur Welt kam, war es ein goldblonder Knabe von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn _Sigurd_. Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte, das er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen durfte. Ein alter Mann kam über die Weide, einäugig, in blauem Mantel und breitrandigem Hut. Der trieb die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die anderen schwammen das Ufer entlang. »Den nimm,« riet der Einäugige. »Er stammt von Sleipnir, dem Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte ihn nach seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert forderte er, und als sein kräftiger Arm jede Klinge am Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die Stücke des Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund, und ein kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus aufs neue eine unbesiegbare Waffe. Dann rüstete Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar auserwählter Männer ins Reich der Hundingssöhne, als echter Wolsung zuerst Blutrache zu nehmen für den erschlagenen Vater Sigmund.

Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt. Aber da war der alte Einäugige wieder, der sprang in Sigurds Schiff und steuerte es sicher durch den Wogenbraus und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd erwarten konnte, an Land zu gelangen.

König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen. Eine mörderische Schlacht hob an, bis Sigurd, alles niedermähend, zum Banner König Lyngis drang und im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram den Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile spaltete.

Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf ragendem Rheinfelsen den Drachen Fafnir, den Hüter der Schätze, die einst die drei wandernden Götter Wodan, Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den irrig erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das Drachenherz und trank das Drachenblut und verstand mit einem Male die Stimme der Vögel, die von der allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds Jünglingsherz.

Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram an der Seite, ritt er durchs Land, bis er den Feuerschein gewahrte, und sprengte furchtlos durch die Flammen, die über seinem Haupte zusammenschlugen, und gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd auf den Mund küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung! Wach auf, Brynhild, und werde mein Weib!«

Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.

»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater sei Dank für meine Erlösung!«

Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide Arme um den Hals und erzählte ihm von ihrer Herkunft und ihrem langen Harren, und sie tauschten heiße Schwüre und verlobten sich einander.

Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt, Heldenruhm heimzubringen, und er kam auf seiner Fahrt zu König Gibich, der drei Söhne besaß und eine Tochter. Die Königin aber wünschte sich den herrlichen Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm für des Hauses Schatz. Einen Vergessenheitstrunk gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er Brynhild vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als dann der alte König Gibich gestorben war, wünschte der junge König die schöne und reiche Brynhild zu freien, und Sigurd, der nichts mehr wußte von seinem einst beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte mit dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild. Das tat er zu seinem Verderben.

Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des Gibichensohns, kam hinter den Betrug. Denn ihr Gatte war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande mit seinen Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen und Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß Sigurds Tod. Da ging sie hin und warb einen Getreuen. Und der Getreue fragte nicht viel und nahm einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen hatte, in den Rücken.

Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen. Als der Holzstoß lohte, der des Helden Leiche trug, warf sie sich zu Sigurd in die Flammen, barg sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren furchtlosen Erwecker in den Armen. --

Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom Rhein, saßen Wolsung und König Sigmund, saßen Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und Sigurd Drachentöter unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.

* * * * *

Da saß der Dänenkönig _Harald Hildetand_, das ist »Eberzahn«. Blutjung war er mit seinen Drachenschiffen ausgefahren, um sich in Dänemark, seines Vaters Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten. Harald Hildetand verlor den Mut nicht einen Pulsschlag lang. Laut rief er Wodan an und weihte sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst sein irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte -- siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut und Wettermantel am Steuer, und das Schiff flog wie ein Falke über das Meer und in den dänischen Hafen.

Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen Dänen. Hildetand, Eberzahn, nannten sie ihn, weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne wie Eberzähne wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht leichten Kaufes aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges Heer zusammen, daß der Dänenschar graute. Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger trat der Einäugige im blauen Mantel und trat heimlich belehrend zu Harald Hildetand und stellte das Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels. Den Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede Hand ein Schwert, sprang an die Spitze des Keiles und ließ die Hörner blasen. Und der Keil drang in das Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in Fetzen auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald Hildetand und schnitt mit seinen Schwertern wie mit Sensen nach links und rechts die Garben und weihte die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater willkommene Beute.

Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm Harald Hildetand Wodan zu Ehren, und fünfzig Jahre der Regierung schenkte ihm Allvater. Dann aber wünschte er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von Harald Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber Brugi, der mit einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen Sigurd Ring gefahren und auf der Reise ertrunken war. Harald Hildetand selbst hatte den tapferen Neffen zum König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan nach Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen Harald Hildetand und Sigurd Ring, die nur das Schwert lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten Schweden und Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß geworden und der glühende Wille, den anderen für immer zu vernichten. Und nach sieben Jahren trafen sich die Heere aus dem Brawallafeld in schwedischen Südlanden.

Blind war König Harald Hildetand geworden von der Zahl der Jahre und ein Greis. Kein Roß vermochte er mehr zu besteigen. Aber auf einen Schlachtwagen ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts, ihr Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine Dänen an.

»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der blinde Greis nach einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«

Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend: »Er kämpft in der Keilform des Eberrüssels!«

Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und Wodan war dies Geheimnis der Schlachtordnung bekannt. Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi, es war Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde Haupt und machte sich ruhig zum Sterben bereit.

Der Friese Ubbi jedoch, Harald Hildetands treuster und tapferster Held, wollte nichts vom geruhigen Sterben wissen. Wie ein Berserker warf er sich mit seiner mächtigen Streitaxt in den schwedischen Keil und zerspaltete die Schädel und Rückenwirbel, als spalte er Eichenklötze. Dreimal schlug er hin und zurück eine dampfende Bahn aus Blut, Gehirn und Knochen und jauchzte Harald Hildetand »Heil!«, wenn er zurückkam. Zu Dutzenden ließen die Schwedenhäuptlinge ihr Leben, schon wandten sich Heeresteile zur Flucht. Da befahl Sigurd Ring seinen sämtlichen Bogenschützen, nur auf den Friesen zu zielen, und von den Pfeilen gefiedert wie ein Aar stürzte Ubbi, der getreueste Mann, zusammen und hauchte seine Seele aus.