Germaniens Götter

Part 3

Chapter 33,810 wordsPublic domain

In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut tief über die blutige Augenhöhle gedrückt, damit das andere, das Einauge, um so schärfer funkele, saß er horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten voran. Hinter ihnen drein mit heiserem Gebell jagten die Wölfe. Da gab Wodan seinem Sturmroß das Maul frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und Peitschengeknall in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen, hetzte er einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der Schwarzalben und Truden, der Maren und Schrate wie Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der Bäume und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte sie ein. Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft, und wen sie traf, den traf der Tod. »Hussa! Hussa! Horrido!« Die Wolken jagten über den Himmel, als wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden Mond verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht hetzte Wodan ohne Ermüden die unholden Geister, den Alb, der sich den Menschen auf die Brust setzte und sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog, den Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie alle, die seine Menschen quälten und sich zu willen machten, bis die Erdgeborenen glaubten, es seien die Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich den Gespenstern ergaben.

»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen, die im Geheul der Sturmnacht von den Lagern auffuhren und angstvoll gen Himmel starrten. »Der wilde Gespensterjäger fährt um.«

Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um den gejagten Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren, denn sie versprachen sich goldenen Dank von den Wichten und gierten nach irdischen Schätzen, statt nach der stolzen Höhe der Götter.

Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans Mantel durch die Lüfte, knallte seine Peitsche wie krachendes Holz, schrieen seine Raben, heulten seine Jagdwölfe. »Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!« lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem anderen Wild den kreischenden Frauen und Fräulein der albischen Wesen nach, packte sie am Gewand, griff sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!« schalten die verblendeten Menschen hinter ihm drein, »Weiberjäger!« Denn sie hielten für Liebesgier, was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen sich von den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.

Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück, Hausgeister und Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen, und Nächte und Monde jagte Wodan daher, den Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst zu stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte mit ihm am Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel der Alben nur für die Plänkler und Wegemacher eines gefährlicheren Feindes, der Macht der Wanen, und er wußte es in seiner Allwissenheit.

Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd, und fand die Götter beim lärmenden Gelage wie in einer großen Trunkenheit. So hatte er sie noch nie geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das weibische Getue.

Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen Lieblingssohn. Dann trat er zürnend in den Kreis. Doch keiner hatte Augen für ihn.

Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein nacktes Mädchen von niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde Geschmeide von auserlesenem Feuer schmiegten sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete als der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart wie Blattgold und von meisterlicher Arbeit umschlossen die Fesseln ihrer Füße, daß die Glieder aus den Goldblättern hervorwuchsen wie Lilienstengel, umschlossen die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie heimlich Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem Dufthaar wie schmeichelnde Mondlichter in kosender Nacht.

»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden Augen, »so wunderbar Schönes sahen wir nie, wie dich, du Mädchen!«

»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen Blicken, »so wunderbar Schönes sahen wir nie, wie dein Geschmeide!«

»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.

»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen. »So schön sind wir, wie die Fremde, aber der Schmuck, mit dem ihr uns beschenkt, ist plump wie Bauernschmuck und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt ihre Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das Mädchen ist vergessen! Schöner sind wir, schöner!«

»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie Rausch über ihren Augen. »Wer gab dir den Schmuck? Wo finden wir ihn?«

»_Gullweig_ heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom göttlichen Wanenstamm bin ich. Wir leben in Schönheit und Freude! In Arbeit und kindlichen Spielen ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und lachendes Leben! Seht her, so verschwende ich!«

Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.

»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen und waren erblaßt vor Erregung.

»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin. »Einen Wert hat das Gold, mehr als ihr wißt! Für rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe ich Länder und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es liegt bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt bei den Menschen. Hervorlocken muß man es durch Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt euch, genießt! Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«

Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter aus. Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte Hände. Da hob Wodan den Speer.

Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter, mit dem Speer. Dreimal schleuderte er ihren weißen, schimmernden Leib in den flammenden Holzstoß, der die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal verbrannte das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der Asche. Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der Wanen sei, und ließ die Mißhandelte entfliehen.

»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer wartet!«

Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der Glut des Feuers den seltenen Goldschmuck, Perlen und Geschmeide, und gab alles den Göttinnen und setzte sich in Gunst. Finster gingen die Asen umher und neideten dem Listigen den Vorzug.

Wodan berief sie alle zum Rat.

»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu Asgards Wiesen?«

Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der Götter, die sich berieten, als du fern warst. Sie war ein Mädchen und ohne Waffen.«

»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen kennengelernt. Schwer seid ihr von ihren Waffen verwundet. Schwerer als von Schwert und Ger. Denn die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern fort in der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es mit der heiteren Ruhe. Wir müssen uns regen.«

Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben ihm Vollmacht, für alle zu handeln. --

Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit sich, die Kluge, zu der die Mädchen beteten. Von Saxland fuhr er gen Norden, denn es war sein Plan, die Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch nichts wußten von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer zu bekehren. So fuhr er gen Dänemark, das den Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht ein reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen seßhaften Bauernstand, der mit der Scholle die Arbeit liebte und nicht die Leichtfertigkeit der Goldanbeter. Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.

Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon, die kluge, seine Pläne und verlieh ihr zur Ausführung seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als listige Gauklerin gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige Dinge, daß der König ihr einen Wunsch freigab. Und sie erbat sich so viel Land zur freien Verfügung, wie sie mit vier Ochsen während eines Tages und einer Nacht umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König lachend zu. Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde nach dem Riesenland Jotunheim, gebar in der nächsten Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft ihrer Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen Größe und Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch den Runenzauber in vier ungeheure Ochsen und kehrte in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi zurück. Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor den Pflug und packte die Pflugschar. Da schnitt das Pflugeisen gewaltig tief und breit in das Land und ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu überblicken war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen das herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen, stiegen ins Meer und zogen es bis in den dänischen Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen und nannte das neugewonnene Inselland der See _Seeland_. Das Loch aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte, füllte sich zu einem Binnensee, der der _Mälarsee_ hieß, und in seine Buchten paßten bis ins Kleinste die Landzungen und Vorgebirge Seelands.

Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die Insel und schuf ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten Dänen in Dankbarkeit opferten. Aber auch König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan an, den sie Odin nannten, und baten ihn in ihr Reich. --

Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die Asen sehnsüchtig erwarteten. Viel Streit gab es zu schlichten, den der listige Loki schadenfroh geschürt hatte, und die alte Einigkeit war gestört im Rat und auf der Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel, seitdem das lockende Weib in Asgard erschienen war. Zu Mimirs Brunnen stieg Wodan hinab und raunte lange mit dem Weisen.

Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten, den Schimpf an Gullweig zu rächen und die reichen Opfer der Menschen im Norden zurückzugewinnen. Und Wodan wußte vieles und mehr und saß, in die Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.

In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft wimmelte von ihnen, wohin das Auge sah. Lichtgötter waren sie. Darum ritten sie durch die Lüfte und brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die Heimdall hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber gebrach, ersetzten sie dreimal durch wunderbare Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch die Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege verholfen hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und zerbrachen in geeintem Angriff den Burgwall der Asen.

Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum Kampf. Ihnen allen voran stand er und schleuderte als Heervater den Speer über die anstürmenden Völker. Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen, wie der Schmuck ihrer Frauen und Jungfrauen ein plumper Bauernschmuck geschienen war zu den berauschenden Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig. Donars malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm. Zius blankes Breitschwert brach und sprang aus dem Griff, als er es gegen eine goldene Wanenbrünne stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein Kinderspiel vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn er einen gefällt hatte. Loki stand als Schutz und Schirm bei den Göttinnen und stachelte die kämpfenden Asen an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld zu gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere Macht zu erringen. Und die Asen wurden uneins im Kampf, trennten sich voneinander und suchten in heldischem Zweikampf mit den Wanenführern die Augen der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte Fluren und die Himmelsburgen in Schutt und Asche legten.

Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus dem Grund und zermalmte mit ihnen die Haufen. Und Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte mit ihr die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten, die Menschen lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen in Jotunheim erhoben drohend ihre Häupter, um über die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und Rache herzufallen.

Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.

Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der Kämpfenden:

»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter -- nun meßt euch im Rat!«

Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie nur einen Augenblickssieg erringen konnten und vor dem kraftvollen Asengeschlecht nicht bestehen würden, wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines schaffenden Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.

Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten lange um den Vergleich. Klug wie Kaufleute setzten die Wanen zuerst den Preis des Friedens hoch, um ablassen zu können und als die Gebenden zu erscheinen. Sie forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da lachten die Asen, daß sie sich krümmten, und wollten von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten nur scheinbar auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun. Sie boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn sie von Stund an als gleichberechtigte Götter gälten, den Asen gleich an Ehrung im Himmel und auf Erden, gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch auszutauschende Geiseln _eine_ große Götterfamilie.

Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute, schlug ein. Und die Asen bestimmten Hönir zur Geisel für die Wanen, den Fahrtgenossen Wodans bei der Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war, gab Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten am Brunnen, und die Wanen hielten ihn für einen der Asen. Sie selber ließen den reichen _Njord_ als Geisel, der seinen lichten Sohn _Freyer_ mit sich führte und seine liebliche Tochter _Freya_. Und alle die Götter, die Asen und Wanen, traten zur Bekräftigung ihres Vertrages an ein Gefäß und spien hinein und mischten den Speichel mit Honig und schufen daraus gemeinsam den weisesten Mann. Der hieß _Kwasir_.

So aber endete der erste Weltkrieg.

Die Götter auf schiefer Bahn.

In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen mit seinem Sohne Freyer und seiner Tochter Freya. Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach Asgard, aber auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die Schlichtheit der Lebensführung dahin. Die Gelage mehrten sich, die Abenteuerfahrten dehnten sich aus, Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel und auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und führte in ihrem Gefolge Gewalttat, List und Betrug.

Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den Asen gerechnet wurden, vornehme Wesen, doch ihre ganze Art und Daseinsauffassung war freier, üppiger und leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern auferlegte, brachte die Asen von ihrem einfachen Götterwandel ab und näherte sie den Begierden und Untugenden der Menschen.

_Njord_ liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel. Er machte das Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder mit Wild. Er beschenkte die Menschen mit Reichtum, gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See, den Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die Seefahrt und Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin Nertha von ihm, die in heiligem Hain am Meeresstrande wohnte und die Fluren segnete zu wogenden Saaten.

Schön war _Freyer_, sein Sohn. Schön fast wie Baldur. Licht und heiter übte er sein Amt als Himmelsgott, tat es seinem Vater gleich in der Spendung von Reichtum und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den Frieden, damit seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude brächten. Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht minder Herr, und er besaß ein Roß, das wabernde Lohe durchstürmte, und ein Schwert, das sich von selber schwang, galt es einen Feind.

Die schönste im Himmel und auf Erden war _Freya_, Freyers Schwester. So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz und Gebärde, daß sie Götter und Riesen, ja Menschen und Zwerge entzückte und berückte und keine Göttin begehrter und verehrter war als sie. Als Göttin der Liebe wurde sie angerufen, gefeiert und besungen; viele der Helden wünschten sich zu ihr und die Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod ihnen nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard, das ist »Sammelstätte des Volkes«, und Seßrymnir ihr Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die Zauberkunde der Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis auf Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor allem den Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr sie sichtbar hinaus, so fuhr sie auf einem schimmernden Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog. Fuhr sie heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd an, daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die Lüfte glitt. Sie war so heiter, daß sie ihre Sitten oft und gerne darüber vergaß, und wo sie erschien, herrschte Jubel und Seligsein.

Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben. Was sie dagegen erlangt hatten, war kein guter Tausch und ließ sie bald verkümmern. Wohl wußte Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war, immerdar klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand und ihm Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es aber, daß Mimir abwesend war und die Wanen guten Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum Häuptling erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte schwerfällige Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden, forschten die Wanen dem Rätsel nach. Und sie erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim Vergleich und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das Haupt abschlugen, das Haupt des Getöteten höhnisch heimsandten und den Asen vor die Füße werfen ließen.

Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen Freundes auf. Er salbte es ein und besprach es mit Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten und der Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil ging er in der Nacht und stieg durch die Welt hinab bis zu Mimirs Weisheitsbrunnen. In dem blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und oft stieg er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die Sonne hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft und Weisheit zu allen seinen schweren Werken.

Denn oft machten die Götter Allvater das Leben schwer durch wenig vorbildliches Wesen, und die Menschen eiferten ihnen lieber in den Untugenden als in den Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu verrichten und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren. Seit Freya durch den Himmel schritt, gab es unter den Göttern und Göttinnen viel Eifersucht, Neid und Streit. Die lose Liebesgöttin aber hatte ihre heimliche Freude daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu schmücken und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer Höhle vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes Halsband von blendender Schönheit und unermeßlichem Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie, es zu besitzen. Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und forderten endlich auf der Liebesgöttin Drängen für einen jeden von sich eine Liebesnacht mit der lachend gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das Wundergeschmeide Brisingamen, dessen Name soviel heißt wie Zusammenflechter, denn wenn sie erwachte und Brisingamen um Hals und Nacken legte, glitzerte es über Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das den jungen Tag mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.

Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so goldenstrahlend vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche, sann auf einen ebenbürtigen Schmuck, und er sah Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten, goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und schnitt es ihr ab. Tobend vor Grimm suchte Thor den Täter. Bald hatte er Loki erwischt, und seine mächtigen Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich Loki und schwur alle Eide, der weinenden Sif neues Haar zu schaffen aus echtestem Gold und so fein gesponnen wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm Zeit, denn ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes wiederhergestellt zu sehen und den Spott zum Verstummen zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr ab zu den Zwergen.

Zwei Zwergenbrüder waren _Brock_ und _Sindri_, die galten für die größten Meister aller Unterirdischen. Freundlich sagten sie dem geängstigten Gotte zu, sein Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten das Gold und zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die echte Kunst, so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften des natürlichen Haares und wuchs in goldenen Locken. Die freundlichen Zwerge aber wollten Loki nicht reisen lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den wunderbaren Speer Gungnir, dessen Wurf, ja dessen bloßer Schwung den Tod bringt, und für die anderen Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu fahren vermochte und durch den ärgsten Sturm, und das sich zusammenfalten und in die Tasche stecken ließ.

Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige Seele sann, wie er den Zwergen noch andere Meisterwerke entlocken könne. Da nun der Zwerg Brock den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen, und er wettete scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher Laune heraus, daß Brocks Bruder Sindri die drei Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten oder auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock, der seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei, und Loki reizte ihn in eine Wette hinein, in der der listige Gott sein Haupt verwettete gegen die drei Kleinodien, die nunmehr Sindri schaffen solle.

Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk. Und als es so weit war, daß es ins Schmiedefeuer mußte, um geglüht und gehärtet zu werden, zog Brock den Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.

»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki wie in harmloser Neugier.

»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte ich nur eine Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so würde das Werk einen Fehler erleiden.«

Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in eine Stechfliege, flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg zog, und stach ihn in den Finger. Aber Brock verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es ein Eber mit goldenen Borsten, der schneller als ein Himmelsroß durch die Lüfte rannte und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht durchleuchteten.

Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es im Schmiedefeuer lag und Brock den Blasebalg zog, flog ihm Loki als Stechfliege in den Nacken und stach erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper, so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es der Ring Draupnir, der Tröpfler, von dem in jeder neunten Nacht acht neue kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer immer der Reichste war.

Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk und schob es in das Schmiedefeuer, und Brock zog den Blasebalg in brüderlicher Treue. Da setzte sich ihm Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog und zog, bis er vor rinnendem Blut nicht Esse noch Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine Sekunde nur ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig das Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten bis gegen den Schluß, und als Sindri das Werk aus der Esse nahm, war es ein Hammer, _Mjolnir_, der Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl und nicht an Stein, und, wenn er geworfen wurde, immer in die Hand des Werfers zurückkehrte. Nur der Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das war geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.