Part 2
Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der war schlank und gelenkig und von besonderem Verstande. Als er aufwuchs, zimmerte er kunstvoll verzierte Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde köstlicher Schmuck bereitet wurde und aus dem Eisen Schwerter und Pflugscharen, veredelte Rocken und Webstuhl und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte seine Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und dem Fleiß aller Welt. Sein Tagewerk ging grübelnd und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch Häuser und Hallen und Werkstätten schritt, und sein Auge Gewebe und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Hauptes und meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all meine Liebe schenkte.
So wurde der _Gewerbestand_, und er war göttlich durch Heimdall, den Wächter.
Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen der Menschen, und er erblickte ein Ehepaar, das war schlank und muskelhart zugleich, stark und furchtlos wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte, klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von der Jagd, warf das Untier des Waldes, den erlegten Bären, vor die Feuerstelle und spannte den Bogen neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich erfrischte. Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau den Wilden in die Arme. Und er saß bei ihr, den Arm um ihren Nacken geschlungen, und besprach mit ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der Tiere, der Menschen und der bösen Geister, und sie gab ihm Rat und rief das Gesinde der Mägde und lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und die Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall trat zu dem edlen Paar an den gastfreien Tisch, ließ sich den Bärenschinken munden und den schäumenden Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus ihrer Kraft und ihrem hochgemuten Sinn die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde über das Haus hinaus zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und er schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frührot.
Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der hatte die Kraft des Bären, die Schnelligkeit des Hirschen, das Auge des Falken. Stärker aber, rascher und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang, rannte er in den Wald, erkletterte er die Berge und ließ sein Jauchzen erschallen, daß die Menschen, die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das Echo jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und ritt mit den Winden um die Wette, ohne zu ermüden. Sein Pfeil holte den Vogel aus der Luft, sein Speer den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der See kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände er auf festem Land. Und wo es Hilfe galt, war er der erste. Als er heranwuchs, baute er eine feste Burg, und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz seiner Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem Feind war er allen voran und zeigte den Seinen den Sieg! Im Gericht kannte er nur die Gerechtigkeit, dann erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle Nachbarn ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als wären es die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg, für die andern mehr denn für sich, Tag und Nacht, ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des Bürgers, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die Schanzen seiner Burg, durch die Reihen seiner todesmutigen Mannen, durch die Gehöfte und Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Geistes, der mich und die Scharen lenkt, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all meine Liebe schenkte.
So wurde der Stand der _Krieger_ und _Heerkönige_, und er war göttlich durch Heimdall, den Wächter.
Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in seinem Kreis, und es herrschte in der Menschen Leben, ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung und Lohn. --
Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr. Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß er und ließ eine Esche wachsen, die ihre Wurzeln in alle Welten senkte und deren Krone bis nach Asgard ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der Menschenerde, an dem die _Schicksalsfrauen_ wohnen, die Nornen Urd, Skuld und Werdandi, die Künderinnen alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen im Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre Säfte aus einem Brunnen unter Niflheim, dem Geheimnis der Totenwelt, und der Drache _Nidhögg_ benagt sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel aber saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter Utgard, der Welt der Riesen und Trolle, und _Mimir_ birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der Wissen und Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter waren.
_Yggdrasil_, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die Allvater gepflanzt hatte, um alle Welten fest ineinander zu wurzeln unter der Herrschaft des Himmels. Einen Adler setzte er in die Krone mit einem Falken zwischen den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen hüpft den Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt dem Adler und dem Drachen alle Scheltworte, die der eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle zornig wach.
Und Allvater lachte zufrieden. -- -- --
Das goldene Zeitalter.
Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete über Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Die wilden Naturkräfte waren gebändigt, in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel der Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten Meergürtels, den die Asen um Midgard gelegt hatten, hausten die Riesen. Auf der Erde wuchs zahlreich und kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief im Erdinnern aber schafften die Zwerge, klopften die köstlichen Erze aus dem Gestein und schmiedeten wunderbares Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.
Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung der Welt, war geschehen. Es war die Zeit, in der die Götter an sich selber denken durften und an frohe Feiertage.
Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe zugetan, durchzogen sie die Blumenwiesen Asgards und bauten sich himmlische Burgen auf mit ragenden Hallen und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland und die Menschenerde. Viele Namen gaben die Menschen den Göttern je nach der Sprache, in der sie sie verehrten, und die Nordmänner riefen den allweisen Wodan _Odin_.
Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in Asgard, die »Welt der Wonnen«, und der mächtigste Saal darin war _Walhall_. Ebenbürtig war ihm in Gladsheim nur ein zweiter, _Wingolf_, die heitere Halle der Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin, zeugte Wotan herrliche Asensöhne. Der herrlichste und beste unter ihnen war _Baldur_, der Lichte, den alle Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das Vollkommenste war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht hatte und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung, die kraftvolle Schönheit seines Wuchses und die Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief, wo immer er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank wie die Sonne, und nichts Unreines durfte über die Schwelle. Vorbildlich in allen Tugenden des Himmels und der Erde, hell und klar wie der sonnige Tag stand Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn, _Forsetti_, den ihm sein glückliches Gemahl _Nanna_ geschenkt hatte, saß im Himmelssaale Glitnir als Gott der Gerechtigkeit und übte die richterliche Obergewalt. _Hermodur_ aber, der schnelle Götterbote, war Baldurs Bruder und hing ihm zärtlich an.
Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen _Donar_ hinaus, den die Nordmänner _Thor_ riefen. Nichts kam seiner Körperkraft und seinem heldischen Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen, die die Erde bedrohten, und brauste mit seinem Bockgespann durch die Wetterwolken, daß sie der dürstenden Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten und die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer, und Tanngrisnir, der Zahnknirscher, hießen die Böcke vor seinem Wetterwagen. Seine Halle aber hieß Bilskirnir, der Blitz. Selten war er daheim, der Vielbeschäftigte, und die Menschen, wo immer sie den nährenden Boden bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und Hirnen über alle die anderen Asen und hingen ihm an in Not und Gefahr, denn sie fühlten sich ihm nahe, weil _Jord_ seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin. Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin war _Sif_, die so schönhaarig war wie goldenwogendes Getreidefeld. Seine Tochter _Thrud_ wuchs auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne, _Modi_, der Zorn, und _Magni_, die Kraft, des Vaters Kämpferblut ererbt hatten. Bedurften die Götter des stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie nur seinen Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen. Das Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der Starken unter den ragendsten Eichen.
Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und Sorge um Menschenvolk und Menschenerde stand Tuisko, _Ziu_ genannt und von den Nordmännern _Tyr_. Als Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam, und steigerte ihre Fruchtbarkeit. Feind war er darum allen zerstörenden Kräften und hob das Schwert gegen die gierigen Kriegerscharen, die sengend und mordend ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb das Volk, ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte ihm in Schwertertänzen, wenn es galt, die Jünglinge mutig und mannhaft zu machen; in Menschenopfern, wenn es unter stürmischer Anrufung seines Namens die Schlachtreihen des Feindes durchbrochen und niedergestreckt hatte. In heiligen Hainen verehrte ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem strahlenden Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes, daß es seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten Fesseln und tief zur Erde gebeugt betrat. Weiße Rosse waren dem Schwertgott heilig, die mit den Hufen salzige Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als Weissagung.
Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages, so herrschte der blinde _Hödur_ als Gott der Nacht. Einsam war er und schweigsam. Nur wenn das Licht sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war, wußte er wenig von dem fröhlichen Tun der Götter, die ihn still seine Wege gehen ließen.
Auch _Hönir_ wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse Wodans, der dem ersten Menschenpaare in Midgard die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der Glieder. Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens und der Ruhe.
Königlich anzusehen war _Uller_, der über den Winter gesetzt war und auf gewaltigen Schneeschuhen über Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil und Bogen das Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.
Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien _Loki_, der Gott des Feuers und der Hitze. Von verführerischer Anmut und blendender Geistesschärfe, berufen, neben Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft und Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern seine hohen Gaben verwandte, um durch übermütiges Trugwerk und geistreiche Listen das Gelächter der Götter zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht gelungen war, der Erste der Götter zu werden, so wünschte er ihnen seine überlegene List und Klugheit ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig Spiel erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte leicht zu unheilvollem Ernst werden, wenn die Götter ihm nicht die Grenzen seines Tuns umschrieben. Als Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines Blutes vererbt: die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen aber fürchteten sich vor dem unbeständigen, bald schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und hielten sich in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.
Asgards Wächter, der treue _Heimdall_, saß als Markgraf in seiner Halle an der Brücke _Bilfrost_, die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur Erde spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste. Hunderte von Tagereisen weit sah sein Auge durch Tag und Dunkel, und sein Ohr hörte das Gras auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn er schlief nicht ein, weil er aus der Dämmerung des Abends schon die Dämmerung des Morgens ersah. Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige Brücke stellen, die gen Asgard führte. --
Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und duftete über Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Geschwisterlich vereint, einer dem andern in Liebe zugetan, durchzogen sie die Blumenwiesen, trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg, der erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen ihres Hofes, _Saga_, der weisen, mit der Allvater den Trunk des Wissens aus goldenen Schalen schöpfte, _Fulla_, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter, _Menglod_, der flammenden Morgenröte, _Idun_, der jugendschönen, der ewig jungen, die die Zauberäpfel bewahrt, von denen die Götter essen, um nimmer zu altern, _Gefjon_, der klugen, zu der die Mädchen beteten. Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte aus Friggs Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf blitzschnellen Rossen über die Wiesen jagten, den Speer schossen oder die heißen Schwerter über Schild und Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken der Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met sich zutranken, den die Holden ihnen in den kostbaren Trinkgefäßen reichten, gefertigt aus blinkendem Gold von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um Hals und Nacken, Edelgestein, das die Zwerge erschürft hatten, glitzernde Halsbänder und schimmernde Kronreifen, die Flut der Locken zu fassen, und schlangen die Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von Liebe und nichts von Leid, weil sie einig waren und einer des anderen sicher im selben Sippschaftsgefühl. Und weil sie schuldlos waren und gerecht.
So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der ewige Frühling blühte und duftete über Asgard und sandte seine Sonne in alle Welten. --
Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle seines Saales, die den Ausblick bot nach Midgard, dem Land der Menschen, und nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben flogen von seiner Schulter her und hin und kehrten geruhsamen Fluges zurück. Denn nichts Böses gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall Bauern, Bürger und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand, Glück und Ehre, und das Riesengeschlecht lag schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm gezogen waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft Meer und Erde erbebte, und schielte nur zuweilen wie in erwachender Erinnerung nach den Göttern in Asgard. Die _Thursen_, das ist die Starken, nannten sie sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit willen die _Joten_, das ist die Fresser, und ihr Reich _Jotunheim_, das Vielfraßland. Oft waren die Thursen von ebenso plumpem Wesen wie Gliedern, und es bedurfte nur eines neckenden Wortes, daß sie wie Schlagetote mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen Weisheit geschenkt war, traten sie auf als Beherrscher der Elemente und lenkten Meerflut, Sturm und Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen auf Felsen zu türmen und Burgen zu erbauen, die bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre Weiber scheußlich und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber auch über die Maßen schön wie lächelnd atmende Meeresstille.
Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare Sturmriesen, Berg- und Waldriesen von ungeheuerlicher Stärke und hitzige Feuerriesen. Ihre Jahreszeit hob an, wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die frühlingsfrohen Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.
Der gutmütigste unter ihnen war _Ägir_, der Herrscher der weiten, der offenen Meere. Wenn die Götter ausfuhren in die Welt, kehrten sie oft in seiner Meereshalle ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem fröhlichen Alten. Bösartiger Natur war _Ran_, sein Weib, die Räuberin. Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie und stellte grausam ihre Netze nach den Schiffern, die über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das Paar, die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die in Liebe entbrannten Söhne der Männererde in ihre Umarmung zogen und auf den Meeresgrund, in den Todessaal ihrer Mutter Ran.
Über das Eismeer herrschte _Hymir_, der Frostriese, vor dessen eisigem Blick Felsen zerbarsten wie Glas. Den größten Braukessel besaß er, tief wie das Meer, aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher Gesell.
Scheusälig aber war _Grendel_ anzuschauen, der Nebelriese der Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt und Krallen wie Stahl, gezeugt von einer wölfischen Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen Unholdfahrten gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten sie zu Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen Gewässern. Und Mensch und Tier erschauerte vor diesem fiebrigen Feueratem.
Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise Wodan hielt sie im Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen, die Weltesche, die ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn die Götter aus Asgard hinabstiegen, um über das Menschenvolk zu richten, so stiegen sie zu dem Brunnen der Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die die Geschicke jedes Menschen wußten von seiner Geburtsstunde an bis zur Todesstunde. Oft aber stieg Wodan ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah, bevor die Götter waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft, wenn er ihm alles sagte aus der tiefsten Tiefe.
»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach Mimir. »Du bist ein Ase und ich ein Thurse.«
»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.
»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.
»Meine allsehenden Augen.«
»So gib mir das eine zum Pfand.«
Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann Mimir zum Freunde. Und Mimir schöpfte mit Wodans Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und sie saßen beieinander und raunten miteinander manche Nacht.
Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus Liebe zu seiner Schöpfung, aus Liebe zu den Göttern und Menschen hatte er sein Auge dargebracht. Denn nun war der Allweise allwissend geworden.
Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga, der ernstgerichteten Göttin, und trank mit ihr aus einer Schale und besprach mit ihr feierliche Dinge, die wie Gesang waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga ritzte sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und Göttinnen draußen über die blumigen Wiesen jagten und sich in Liebe fanden, an festlichen Tafeln saßen und sich mit Kränzen schmückten und dem funkelnden Goldgeschmeide.
Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen, durch Asgards Hallen.
Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte sinnend.
Über Sagas Haar strich er und erhob sich.
»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange ... Denn so lange die Götter schuldlos sind, sind sie unsterblich.«
Der Wanenkrieg.
Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die Götter in Gerechtigkeit ihres Amtes walteten, erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie zur Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen ihnen nach und freuten sich ihres Lebens. Sie erfüllten ihr Tagewerk, und je reicher und lohnender es war, desto fröhlicher gedachten sie der himmlischen Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.
Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit. Übermütig macht das Glück, Götter wie Menschen, und treibt sie über die Grenzen ihres Wesens. Wenn er über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben aller Dinge, sandte er immer häufiger seine Raben aus, werdende Geheimnisse zu erforschen, und seine Jagdwölfe wedelten unruhig mit dem Schweif. Ihm war, als seien Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er erschaffen hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern wurde, die Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und Wodan deutete die Vorzeichen.
Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard, dem Asenhimmel. Wohl wirbelten die Opferwolken im Saxland, das steil unter seinem Sitze lag, mächtig wie immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort, wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und suchten einen anderen Himmel. Und Wodan erspähte, daß es der Himmel der Lichtgötter, der _Wanen_ war, die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen hatten, um ein Reich der Schönheit und des Glücksgenusses zu begründen.
Da sprach Wodan zu sich selber:
»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß ist irdisch. Glücksgenuß ist die Verschwendung. Da die Masse der Menschen irdischer ist als göttlich, wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem Glück. Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des Glückes wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«
Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von den Wanen zu wissen begehrte. Verschwenderisch streuten sie Fruchtbarkeit über Länder und Seen allen, die sie anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten sie, den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold in üppigen Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu arbeiten wünschten um des _Goldes_ willen und um durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und Dinge, Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf Erden zum mühelosen Genuß des Lebens verhelfen könne. Feiner und wählerischer wurden die Anhänger der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten sich bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben über die rohen Sachsen in Saxland und die anderen Völkerstämme, die auf Wodan schwuren, den Sturmgott, auf Donar, den Gewitterbringer, und auf Ziu, den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die rauhen und schlichten, denen die Arbeit Freude war, Kraftempfinden und Lebenszweck, und der Feierabend das Bewußtsein ihrer hart erworbenen und darum doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte die Gefahr.
Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den stumpfsinnig verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen hatte, hatte er die niedere Geisterwelt gejagt, die von den Göttern das Wissen geholt aus der gebärenden Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren erwürgt an seinem Gürtel geblieben, wenige nur entkommen. Aber einige waren zu den leichtherzigeren Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden Scharen vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen Menschen aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden Wanen opfernd verehrten. So kam mit der steigenden Genußsucht der _Aberglaube_ in die Welt, der Feind des Göttlichen. --
Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die Rute. Mit gesträubtem Haar standen sie und warteten des Befehls des Meisters.
Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.