Germaniens Götter

Part 11

Chapter 111,868 wordsPublic domain

Wer bringt das Opfer, das ein Leben verlangt?

Der Führer bringt es, wer sonst?

Dem rasenden Wolfe entgegen wirft sich Wodan, der Eine allein. Er schwingt sich vom Roß, und der wütende Wolf schlingt den ledigen Hengst. Wodan greift an. Er hemmt des Untieres Lauf und bringt es aus der Bahn. Asen und Einherier sammeln sich. Sie kommen zu sich und sehen: es gibt keine Gefahr, die ein Mutiger nicht angehen kann. Das aber hat Walvater gewollt. Dafür ist die Preisgabe des besten Lebens nicht zu groß. Im Kampf mit dem Fenriswolf endet das seine. Wodans Königsseele weicht ins All. --

Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der Wodanssohn. Nun kommt ihm der Schuh, der das Leder aller Länder als Opfergaben trägt, wohl zu statten. Er tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden Unterkiefer auf dem Erdboden fest. Mit der Linken packt er den Oberkiefer. Die Rechte, die Schwerthand, hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt Widar und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf durch den Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für Allvater Wodan.

Da ward das Werk vollendet. Da brachen die Asen und Einherier wie Wetter in den Feind, das Vorbild zu erreichen, im Sterben würdig zu sein ihres Lebens, das ist: würdig der Unsterblichkeit.

Giftschnaubend wälzte sich die _Midgardschlange_ heran. Ihr Pesthauch allein tötete. Aber schon stand der Donnerer vor ihr, der sie schon einmal an der Angel fing, als er Hymirs Kessel holte. Aufbäumte sich die Riesenschlange gegen den alten Todfeind. Diesmal entging sie ihrem Schicksal nicht. Der Hammer Mjolnir stand funkelnd über ihrem Haupt, und der Zermalmer durchschlug ihr den Schädel. In einer Wolke von giftigem Odem verging die Midgardschlange. Neun Schritte tat der Donnerer in der Giftwolke zurück. Dann verging ihm der Atem. Er, der den Menschen mit Blitz und Donner die Lüfte gereinigt hatte, konnte nicht leben im Dunst des Wurms. Die Freiheitsaugen brachen ihm. So folgte er Wodan. --

Und Freyer, der Sonnengott, folgte, vom Schwerte Surturs, des unheilig lodernden Feuers, getroffen. Und Ziu, der furchtlose Schwertgott, den die Nordmänner Tyr anriefen und dem die Jünglinge ihre Schwertertänze weihten, er, der dem Fenriswolf einstens die Rechte in den Rachen gelegt hatte, traf auf den leichenzerreißenden Hund der Hel, und während ihn der Hund zu Tode biß, erwürgte er ihn. Heimdall aber, der treue Wächter, stieß auf Loki, den Verräter, den er schon einmal im Kampf um Freyas Halsgeschmeide Brisingamen bestanden hatte, und so wild gingen sie aufeinander an und so wenig wollten sie voneinander lassen, daß sie beide von Wunden überdeckt zu Tode sanken. --

In dem Glutmeer, das Surtur entfachte, ist nicht mehr zu leben. Und dennoch geht das Würgen weiter, weiter bis auf den letzten Mann. Die Walküren sind gefallen, die gerbewaffneten Göttinnen mit ihnen. Die Einherier, die Germanenhelden, haben sich den Göttern gleich erwiesen und die Riesen und Unholde trotz ihrer Übermacht zu eklem Brei gestampft. Fast mit den letzten Feinden fallen ihre Letzten. Die riesischen Wölfe haben Sonne und Mond erreicht und sie verschlungen. Aber die Sonne gebar in ihrer Not ein Kind, und es spielt abseits auf einer Himmelswiese.

Durch die Welt lodert das Feuer, und das Eis der Gletscher schmilzt und wirft sich in Wasserströmen über glühende Erde, bis endlich, endlich die Glut erlischt.

Nacht bricht herein. In Nacht versinkt die sterbende Welt. --

* * * * *

Und ein Tag bricht an, ein neuer Tag.

Das spielende Sonnenkind hebt sich am Himmelsrand und lacht in Unschuld auf die Erde nieder. Es lockt und schmeichelt und tut schön mit seinen hellen Augen und seinen warmen Händen, bis es unter dem Schutt sich regt, den Feuer, Wasser und Erde hinterlassen haben, und ein paar schüchterne Gräser hervorkeimen. Ah, wie ist die Luft so klar und rein, das Leben so köstlich und lebenswert. Bald ist der Boden von Blumen übersäet, die Sträucher schlagen aus, die Bäume treiben Knospen. Und aus einem hohlen Baumstamm, der sich über und über mit Laub bedeckt, tritt ein Menschenpaar, das sich vor Feuersbrunst und Wasserflut in die rettende Höhlung geflüchtet, tastet sich furchtsam vor und steht überrascht in der neuen Sonne, dem neuen Lenz der Erde, dem neuen Menschenfrühling.

Und das überglückliche Menschenpaar hebt seine Augen und sucht seine Götter. --

Über Asgards verwüstete Fluren schreitet ein Wanderer. Schlank ist er und ewigjung, und goldrote Locken wehen ihm um die Schläfen. Er kommt aus der Hel gewandert, die verlassen liegt. Und wo er geht, ist Licht und Wärme, Werden und Schöpfermut.

_Baldur_ ist heimgekehrt. Nun muß alles Leben auferstehen.

An der Hand führt er Hödur, den blinden, der ihn einst mit der Mistel niederwarf. Wie Brüder wandern sie Hand in Hand, und wenn der eine im Schlaf neue Kräfte sammelt, wacht der andere. Bald Baldur, bald Hödur. Tag und Nacht haben sich gefunden und sich verbunden zum Wohle der Welt und ihrer Kräftigung. Tag und Nacht, Sommer und Winter.

Unter Baldurs Schritten wachen die Fluren Asgards auf. Es grünt und blüht auf allen Gefilden, und kein Platz ist mehr für üble Gelüste und unwürdig Tun. Die Luft ist geläutert. Frühling --!

Es ist das alte Asgard nicht mehr, ein neues blüht aus den Kampfestrümmern und will neues Glück. _Idafeld_ nennt Baldur das alte Asgardland, das »Feld der Auferstehung«.

Und wie er hinausblickt über alle Wege, sieht er zwei Wanderer schreiten von rechts und zwei Wanderer von links. Und die Wanderer von rechts erreichen ihn, und es sind die Wodanssöhne Widar und Wali. Widar, der den Vater rächte, und Wali, der Blutrache nahm für den Bruder Baldur. Darum gehen sie in den neuen Himmel der Germanen ein. Und die Wanderer von links treten hinzu, und es sind die Donarsöhne Modi und Magni, die den Hammer des Donnerers bringen, mit ihm des Vaters Kraft und den Zorn seiner Gerechtigkeit.

Nach links und nach rechts streckt Baldur seine Hände, Glückslachen auf den Lippen.

»Wodan und Donar, ihr konntet nicht sterben, ihr lebt fort im Germanenvolk in verjüngter Gestalt, ewig und ewig, solange der Donner kracht zur Sommerzeit, solange der Herbststurm braust und ein Menschenaug in Wolken die wilde Jagd erblickt. Willkommen ihr alle zu neuen Schöpfungswerken! Den Frieden wollen wir im Himmel und auf Erden. Den Frieden der Freien. Keinen anderen Frieden für und für. Deß sei uns des starken und gerechten Donars Hammer ein Zeichen.«

Sie legen die Hände ineinander zum Schwur und schaffen einen neuen Hochsitz.

»Für den großen Gott, der uns führen wird.«

Und sie sprechen Allvaters Worte nach:

»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht _un_sterblich.«

* * * * *

Zu allen Zeiten lebte das Germanenvolk wie seine Götter. Der Götter Tugenden waren die seinen und der Götter Fehler, der Götter Kraft und der Götter Kriege, der Götter Niedergang und der Götter Auferstehung. Du aber, mächtigster Germanenstamm, deutsches Volk, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, erkenn aus der Urväter Tagen, daß deine Götter und Helden niemals dem Schicksal schwächlich in die Augen sahen, daß sie es kühn erwarteten und sich bis aufs letzte Blut mit ihm schlugen, wie Männer tun im deutschen Zeichen des Hammers. Vom Blute Wodans lebt es in dir, vom Blute Donars, vom Blute Baldurs, und -- so der große Gott, »der uns führen wird«, uns liebt, weil wir Männer sind und keine Knechte -- immerdar vom Blute

_Hermanns, des Cheruskers_.

Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig

RUDOLF HERZOG

Preußens Geschichte

31. bis 40. Tausend / 390 Seiten mit zahlreichen schwarzen Bildern von Prof. A. Kampf / Buchschmuck von Prof. G. Belwe / Geb. M. 6.60.

»Alle wichtigen Epochen, alle hervorragenden Herrschergestalten sind hier in der _fesselnden Erzählungsweise_ Herzogs, in seinem feinen Stil geschildert. Man weiß nicht, ob man mehr die packenden, feingemeißelten Porträts der großen Preußenkönige oder die dramatisch bewegten Schilderungen der Schlachten von Fehrbellin, von Torgau, Leuthen, Leipzig, Königgrätz oder Sedan bewundern soll. Wie einen Roman, dessen Handlung wir mit Spannung folgen, lesen wir diese Schilderungen, die uns doch Altbekanntes in ganz neuem Lichte und Zusammenhang zeigen. _Herrliche Balladen_ unterbrechen zuweilen den Lauf der Darstellung. Gedichte wie ›Rheinsberger Tage‹, ›Bei Torgau‹, ›Blücher zieht über den Rhein‹, ›König Wilhelms Heldenschau‹ und andere mehr werden zu den _Perlen patriotischer Dichtungen_ zählen. Ein feiner Buchschmuck paßt sich der Stimmung des Ganzen trefflich an. Alles ist dazu angetan, diese Geschichte Preußens zu _einem Volksbuch_ werden zu lassen.«

Deutsche Revue.

Ritter, Tod und Teufel

Gedichte / 61. bis 70. Tausend / 156 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.

»Es gibt wohl kaum eine Stimmung in dem unheimlichen Wirbel der Kriegseindrücke, die den Dichter nicht zur Gestaltung gedrängt, deren Ausdruck ihm nicht gelungen wäre. Heldenmut und Treue, unerschütterliche, begeisterte, bis zur Selbstaufopferung hingebende Liebe zu Vaterland und Kaiser sind die Grundtöne, die die Sammlung durchklingen ... _Der Band ist eine köstliche Perle in dem reichen Schatze unserer Kriegslyrik._«

Literarisches Zentralblatt f. Deutschland.

Stürmen, Sterben, Auferstehn

Gedichte / 21. bis 30. Tausend / 127 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.

»Die zweite Gedichtsammlung zeigt die gleiche _glühende Vaterlandsliebe_ und die gleiche Kraft im Ausdruck und Kunst der Stimmungsmalerei, denselben _hohen Persönlichkeitswert_ wie der erste Band, und doch finden sich auch wieder neue Züge in Stoff und Form, ja man ist versucht, eine noch _größere Tiefe_ der Empfindung, noch schwereren Ernst in den Gedanken an Tod und Unsterblichkeit in ihr zu spüren.«

Literarisches Zentralblatt für Deutschland.

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Stuttgart und Berlin

RUDOLF HERZOG

Geb. =Das goldene Zeitalter= M. Roman. 13. u. 14. Aufl. 6.50

=Der Adjutant= Roman. 15.--17. Aufl. 6.50

=Der Graf von Gleichen= Ein Gegenwartsroman 39.--41. Aufl. 8.50

=Die vom Niederrhein= Roman. 86.--95. Aufl. 8.50

=Das Lebenslied= Roman. 101.--110. Aufl. 8.50

=Die Wiskottens= Roman. 141.--150. Aufl. 8.50

=Der alten Sehnsucht Lied= Erzählungen. 15. u. 16. Aufl. 6.50

=Der Abenteurer= Roman Mit Bildnis des Verfassers 46.--50. Aufl. 8.50

=Hanseaten= Roman. 101.--110. Aufl. 8.50

=Es gibt ein Glück ...= Novellen. 34.--36. Aufl. 7.--

=Die Burgkinder= Roman. 131.--140. Aufl. 8.50

=Ausgewählte Novellen= Mit einer biogr. Einleit. von _J. G. Sprengel_. 21.--25. Tausend 2.20

=Die Welt in Gold= Novelle. 16.--.20. Aufl. 2.50

=Das große Heimweh= Roman. 101.--105. Aufl. 9.50

=Die Stoltenkamps und ihre Frauen= Roman. 126.--135. Aufl. 9.50

=Jungbrunnen= Novellen. 51.--80. Aufl. 7.50

=Gedichte.= 5. Auflage 3.50

=Wir sterben nicht!= Lieder und Balladen 2.--5. Auflage 3.--

=Die Condottieri= Schauspiel in vier Akten 3. Auflage 4.--

=Auf Rissenskoog= Schauspiel in vier Akten 2. Auflage 4.--

=Herrgottsmusikanten= Lustspiel in vier Akten 2. u. 3. Auflage 4.50

=Stromübergang= Dramatisches Gedicht in einem Aufzug 1.--10. Tausend 1.--

=Die Nibelungen= Des Heldenliedes beide Teile, neu erzählt. Mit Bildern von Professor _Franz Stassen_. (Verlag von Ullstein & Co., Berlin) 6.--

Weitere Anmerkungen zur Transkription.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Antiqua-Auszeichnungen dienten nur der Dekoration und wurden entfernt.

Die Abbildung wurden an die zugehörige Textstelle verschoben, deren Seitenreferenz wurde entfernt.

Korrekturen:

S. 4: die ersten beiden Zeilen → Anfang von S. 3: griffen nach {dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle} Erde, die da wurde,

S. 6: Wil → Wili Wodan, der junge, sah es, und er rief {Wili} und We,

S. 120: Das → Da {Da} war der Donnerer wohl zufrieden.